ZUR KRITIK DER ZEIT
VON
WA LT HER RATHENAU
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S. FISCHER / VERLAG / BERLIN
ZUR KRITIK DER ZEIT
VON
WALTHER RATHENAU
484133
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19 2 2 S. FI SC HER. VERLAG -BERLIN
Achtzehnte bis zwanzigste Auflage
Alle ]<.echte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten Copyright hy S. Fischer, Verlag, Berlin
AN GERHART HAUPTMANN
Deinen Namen schreibe ich auf die erste Seite dieses Buches. Du weißt, ich habe gezögert, es zu veröffenthchen, weil zweierlei mir fehlt: die Ausführlichkeit, die der Leser von Betrachtungen verlangt, und die Überredungskunst des dialek- tischen Beweises, die ich nicht respektiere. Ich glaube, daß jeder klare Gedanke den Stempel der Wahrheit oder des Irrtums auf der Stirn trägt. Dir, Gerhart, habe ich stets geglaubt, ohne Be- weis und ohne Umschweif. Nimm dies Buch als Zeichen der Dankbarkeit, die ich als Deutscher dem Dichter unseres Zeitalters schulde, und als Gabe herzlicher Freundschaft.
INHALT
ZUR KRITIK DER ZEIT
Das Problem 13
Versuchte Lösungen 21
Geschichtete Völker 25
Die Aufzehrung der Oberschicht .... 32
Die Mechanisierung der Welt. I
Aufgabe, Begriff und Mittel 45
Die Mechanisierung der Welt. II
Mechanisierung der Produktion 57
Die Mechanisierung der Welt. III
Mechanisierung und Organisation . . ^ Ö5
Die Mechanisierung der Welt. IV
Mechanisierung und Gesellschaft .... 75
Die Mechanisierung der Welt. V
Mechanisierung und Leben , 86
Der Mensch im Zeitalter der Mechanisie- rung und Entgermanisierung .... 95
ANHANG. Zeitfragen und Antworten
Massengüterbahnen 161
Bemerkungen über Englands gegenwärtige
Situation 177
Politik, Humor und Abrüstung .... 195
Geschäftlicher Nachwuchs 206
Staat und Judentum 219
Promemoria betreffend die Begründung
einer Königlich Preußischen Gesellschaft 244
Physiologisches Theorem 256
ZUR KRITIK DER ZEIT
DAS PROBLEM
Durch die Mitte des vergangenen Jahrhunderts geht ein Schnitt. Jenseits liegt alte Zeit, alt- modische Kultur, geschichtliche Vergangen- heit, diesseits sind unsere Väter und wir, Neuzeit, Gegenwart. Das ist nicht etwa eine optische Täuschung des rückwärts gewandten Blickes, nicht eine Erscheinung, die jeder sich besinnenden Ge- neration begegnet : denn wir können die Zeit- punkte bestimmen, wo das neue Wesen sich vom alten sondert. Freilich nicht auf ein Jahr oder ein Jahrzehnt genau; denn wie sollte eine Kul- turgrenze sich als scharfkantige Bruchfläche dar- stellen ? Vielmehr weist sie, aus geringer Entfer- nung betrachtet, ein System von Sphtterungen auf, die jede einzelne Faser des Gesamtlebens je an anderer Stelle treffen. So können wir sagen, wann man begonnen hat, ein neues Deutsch, Zeitungsdeutsch, Abhandlungsdeutsch, Geschäfts- deutsch zu reden und zu schreiben, wann die humanistische Bildung von der historisch-prag- matischen abgelöst wurde, wann die geschäftliche Staatenpolitik begann, wann die Weltstadtphäno- mene sich erhoben, wann die konkreten Ideale dem Sehnen unserer Zeit gewichen sind.
Vollends erkennen wir diesseits der Epochen- grenze, etwa seit Beginn der fünfziger Jahre, die nicht mehr unterbrochene Gleichförmigkeit eines Zeitalters, das bis zu diesem Augenblick nur quan- titative Steigerungen und technische Verschie- bungen erlebt hat. Vor allem aber sind alle dies- seitigen Menschen uns als Zeitgenossen ohne Er-
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läuterung verständlich, indem wir ihre Sprache, Lebensauffassung, Wünsche und Denkweise bis in die jüngste Generation unserer Stadtbürger hinein erhalten und wiederholt finden. Unstet und gesellig, sprunghaft, gedankenbegierig und sehnsüchtig, interessiert, kritisch, strebend und hastend ist die Stimmung nun schon des dritten Geschlechtes westlicher Menschen.
Jenseits des Zeitalters jedoch, bis in die An- fänge des abgelaufenen Jahrhunderts, erblicken wir die Ausläufer des älteren Geschlechtes: seß- hafte Menschen, die auf Ererbtem beruhen, von handgefertigten Werken umgeben, im Wechsel- kreis der Tradition ihr Leben erfüllend. Wollte man meinen, der Gegensatz sei durch den Ab- stand vergrößert, so genügt es, das flache Land oder die Städte an der nördlichen und südlichen Grenze unseres Sprachgebiets aufzusuchen um wahrzunehmen, daß trotz Zeitung, Eisenbahn, Industrie und Politik ein altes, dem Großstädter unendlich fernes Deutschland dort sich erhält und verteidigt. So wird man in den alten Ort- schaften Holsteins oder der Nordschweiz den Unterschied der Stände, die Gegensätze der Be- rufe, in Sprache, Gebaren und Gesichtszügen aus- geprägt finden; Beschaulichkeit der Denkweise, Handlichkeit des Ausdruckes, Festigkeit der Über- lieferung nicht vermissen. Wie denn überhaupt in wundervollem Erhaltungstriebe die Erde abseitig und oft in Schlupfwinkeln alles scheinbar Ver- gangene, selbst das Entfernteste, uns aufbewahrt hat, so daß alle zentrische Bildung von heute zur peripherischen von morgen wiid, und jeder
Schritt abseits vom Wege auch einen Schritt ab- seits von der Zeit bedeutet.
Betrachtet man aber die zentrischen Gebilde unserer Zeit, so ist es zum zweiten Male merk- würdig und fast erschreckend zu bemerken, wie sehr diese Wesen trotz aller Verschiedenheit des Himmelsstrichs, der Herkunft und Vergangenheit, einander gleichen.
In ihrer Struktur und Mechanik sind alle größe- ren Städte der weißen Welt identisch. Im Mittel- punkt eines Spinnwebes von Schienen gelagert, schießen sie ihre versteinernden Straßenfäden über das Land. Sichtbare und unsichtbare Netze rollenden Verkehres durchziehen und unterwühlen die Schluchten und pumpen zweimal täglich Menschenkörper von den Gliedern zum Herzen. Ein zweites, drittes, viertes Netz verteilt Feuchtig- keit, Wärme und Kraft, ein elektrisches Nerven- system trägt die Schwingungen des Geistes. Nah- rungs- und Reizstoffe gleiten auf Schienen und Wasserflächen herbei, verbrauchte Materie ent- strömt durch Kanäle. So ist denn das steinerne Bild, auch im Schnitt betrachtet, allenthalben das gleiche: Wabenzellen, mit subtilen Substanzen, Papier, Holz, Leder, Geweben, staffiert, ordnen sich reihenweise; nach außen gestützt durch Eisen, Stein, Glas und Zement. Ein wenig höher oder ein wenig flacher getürmt, die Öffnungen etwas dichter oder etwas weiter gestellt, durch senk- rechte oder wagerechte Ritzungen und Schnörkel geghedert, zeigen die Straßenwände in allen Län- dern den gleichen Ausdruck. Nur im alten Inneren der Städte, wo in Kirchen und Staatshäusern jahr-
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hundertelang Seele und Geist der Gemeinschaft wohnten, erhalten sich noch Reste physiogno- mischer Sonderheiten als fast erstorbene Kurio- sitäten, während im Umkreis, gleichviel ob in der Richtung der Werkstätten, der Wohnstätten oder der Ruhestätten das internationale Weltlager sich ausdehnt.
Nicht mindere Einförmigkeit begegnet im Gei- stigen. Im täglichen und nächtlichen Spiel wer- fen die Städte der Welt einander ihre Bälle zu : ihre Launen, Moden, Leidenschaften, Lieblinge, ihre Vergnügungen, Freuden und Künste, ihre Wissenschaften und Werke tauschen sie aus und finden am Wechsel Gefallen. Das gleiche The- aterstück wird in Berlin und Paris gespielt, die gleiche Ladenauslage prangt in London und New York, das gleiche wissenschaftliche Problem hält sie in Atem, der gleiche Skandal macht sie lachen, die gleiche Küche ernährt sie, der gleiche Kom- fort umgibt sie. Nie waren im Mittelalter zwei benachbarte Städte eines Landes : Nürnberg und Köln, Genua und Venedig, einander im wesent- lichen so ähnlich, wie heute London und Paris, New York und Berlin.
So kommt es, daß die städtischen Zeitgenossen dieses Kulturkreises in unerhörter Weise sich ver- stehen, ja zuletzt gar einander gleichen; so daß mancher Reisende, der in einem Nachtschlaf Berlin mit Paris vertauscht, sich eigentlich nur darüber wundert, daß er beim Aussteigen andere Sprach- laute vernimmt als beim Abschied.
Wer dürfte aber leugnen, daß die Städte sich des wirkenden Geistes unserer Zeit bemächtigt
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haben ? Wenn auch nicht das Treiben der Straße und des Marktes das Wesen der Länder verkörpert, so ist doch das wirkende und das sichtbare Leben zuletzt eines; was in der Seele keimt, das spiegelt sich im Auge, und was im Auge leuchtet, das zuckt in den Händen.
Die Betrachtung aber bestätigt: in verschiede- nen Zungen sprechen die Gedanken aller Länder die gleiche Sprache. Hier gibt es kein Land mehr des vorwiegend imperialen Denkens, keines mehr des künstlerischen oder religiösen oder merkan- tilen Geistes. Rom, Athen, Jerusalem und Kar- thago sind verschmolzen, alle denken und trachten Alles, und alle das Gleiche in gleicher Weise.
So haben wir zeitlichen Stillstand und örtliche Einform als Wesen dieser bewegtesten und mannig- faltigsten aller Zeiten, die sich stündlich mit Neuigkeiten sättigt und keinen Gedanken so feier- lich betont wie den der lokalen, nationalen und persönlichen Individualität.
Und nun den Blick in die früheren Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurückgewendet! Lassen wir die Wandlungen des technischen Habitus un- beachtet; halten wir uns an menschliche, phy- sische,- ethische, transzendente Qualitäten: und wir müssen eingestehen, daß eine ähnliche Wand- lung des Leibes und der Seele bei konstantem Volkskörper in aller bekannten Geschichtsentwick- lung uns nicht begegnet. Wir kennen Völker mit tausendjähriger Geschichte; wir ahnen, daß Ägyp- ten, Persien, Rom und China gewaltige Wandlungen der Menschen und ihrer Sitten zwischen Anfang und Ende ihres Völkerlaufes erblickt haben. Aber Wand-
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lungen germanischer Krieger in deutsche Gelehrte, preußische Beamte, berliner Hausbesitzer, sächsi- sche Industriearbeiter, Wandlungen franko-galli- scher Abenteurer in französische Bourgeois, pariser Journalisten und Coulissiers — Wandlungen des Blu- tes und Geistes von solch erstaunlicher Verwegen- heit kennen die uns erschlossenen Historien nicht.
Immer wieder fühlt man sich versucht, die taziteischen Schilderungen als Fabeleien eines nordlandsüchtigen Italieners zu verwerfen; allein die Geschichte des Mittelalters und die Werke dieser großen Zeit lassen uns Menschen empfin- den, die der römischen Zeichnung gleichen. Vor den deutschen Domen und ihren Steinbildern, aus den Gesängen Walters, Gottfrieds und Wolframs blickt uns die Gewißheit entgegen, daß Völker dieses Schlages gelebt haben: Menschen von demutsvollem Stolz, von kluger Treue, von furchtlosem Glauben, von kraftvoller Zartheit.
Suchen wir nach den Gestalten dieser Menschen, so brauchen wir nur unsere Museen zu betreten: das ganze Mittelalter hindurch, teilweise bis in die ersten Jahrhunderte der neueren Zeit, zeigen die Bilder von Menschen und Gottheiten das deutsche Antlitz. Bis tief nach Italien und Spa- nien hinein, wo heute kein Tropfen dieses Blutes mehr sichtbar ist, tragen die Idealgestalten die gleichen Züge. Wo dunklere Gestalten erschei- nen, dienen sie zur Kennzeichnung der Niedrig- geborenen, der Fremden und Bösen. Selbst die Bildnisdarstellungen der beginnenden Neuzeit zeigen in Deutschland, den Niederlanden, Frank- reich überwiegend, in Italien häufig, die Gestalten,
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die bei uns so selten geworden sind. Man möchte sagen, daß das moderne Porträt vom alten mehr durch den Unterschied der Dargestellten als durch Verschiedenheit der Gewandung und der Mal- weise sich unterscheidet.
In den Straßen der Großstädte treffen wir die Menschen dieser Bildnisse sehr selten. Es könnte jemand tagelang Unter den Linden auf und ab spazieren, ohne auch nur einen einzigen Menschen vom alten Schlage zu erblicken: und träfe er ihn, so würde in den meisten Fällen eine kurze Unter- haltung offenbaren, daß die Seele eines Hohen- staufen in diesem bevorzugten Körper nicht wohnt. Entfernt man sich jedoch von den städ- tischen Zentren nach jenen abgelegenen Gauen hin, etwa nach Friesland, Jütland und dem süd- lichen Schweden zu, so finden sich heute noch Menschen, ja Stämme, welche die antiken Schilde- rungen rechtfertigen und retten. Freilich tragen auch sie nicht Schild und Brünne; auch sie sind Kaufleute, Rechtsanwälte, Techniker, Ärzte; aber seltsam ist zunächst das eine, wie starr sie an alten Berufen, des Ackerbauers, Züchters, Fischers, Jägers, Schiffers festhalten. Und da, wo sie in neuzeitlichen Berufen stehen, bemerkt man bald eine seltsame, losgelöste, dingliche und kühne Auffassung, die auf den Kern der Sache geht, nicht auf die Zwecke, und die daher, wie Glück und Umstände es wollen, das einemal zu unge- wöhnlichen Erfolgen, das anderemal zum gänz- lichen Mißlingen führt.
Das seltsamste aber ist dies: wo wir Menschen des früheren Schlages treffen, da erkennen und
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vei stehen wir auch den Geist alter Zeiten. Die ruhige, treu zuversichtliche und vornehm freie Art des Betragens, die karge, zur Untertreibung nei- gende Sprache, die des Rühmens bare Freude an Kraft und Mut, die leise Verspottung allzu klugen Wesens, die Heimatliebe, Geistigkeit und immate- rielle Frömmigkeit, diese Wesenszüge erinnern zu- gleich an die höchsten Erscheinungen unserer eige- nen Zeit und führen wiederum hinauf zu den Liedern des Vogelweiders, zu Fischarts Schwänken und zu Eckards Mystik.
Was ist nun im Laufe dieser Jahrhunderte ge- schehen ? Was hat die Menschen, ihre Leiber, ihre Seelen so gewandelt ? Was hat ihren Geist ergriffen, um durch ihn die Welt so gänzlich umzugestalten und diese umgestaltete Welt rück- gewandt auf Geister und Seelen wirken zu lassen ? Gibt es ein Zentralphänomen als Ursprung und Achse dieser neuen Zeit und Welt, die, was man auch von Wiederkehr der Dinge sagen mag, schlechthin ohne Vorbild und Gleichung uns um- gibt und beherrscht ? Die Erkenntnis dieser Ur- kraft und ihres Wirkens würde uns Wesen und Zusammenhang der Moderne, von scheinbarer Selbstverständlichkeit losgelöst, objektiv fühlbar machen, aus dem Übermaß der Erscheinungen das Notwendige vom Zufälligen sondern und am Ende gar eine Vorstellung von der Richtung der Entwicklung gewähren. Und selbst ein Irrtum im Zielen auf die Grunderscheinungen wird nicht un- ter allen Umständen wertlos sein, wie denn ein erster Schuß, auch wenn er fehlt, dem Geschütz- führer Anhalt für Richtung und Distanz vermittelt.
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VERSUCHTE LÖSUNGEN
Wer sich in eine kontinuierliche Erscheinung vertieft in dem Bestreben, ihre Variationen auf irgendeine Gesetzmäßigkeit aufzureihen, das heißt, sie als Funktion einer einfacheren oder be- kannteren zeitlichen Erscheinung festzulegen, der kommt leicht in Gefahr, Kontinuität und Kausa- lität zu verwechseln, indem die einzelnen Phasen teils ihrer mählichen Übergänge wegen, teils in- folge eines Kontrastes sich wechselseitig zu er- zeugen scheinen, während sie in Wahrheit der Zentralbewegung einer unbekannten dritten Kraft folgen. Ein banales Beispiel mag diese Erwägung bis zu einem gewissen Punkt erläutern. Hat der Wind eine Zeitlang von Süden her geblasen, dann von Südwesten und jetzt von Westen, so werden manche sagen: Dies war vorauszusehen; es liegt eben eine nach Westen drehende Tendenz des Windes vor. Ist er statt dessen von Süden nach Nordosten gegangen, so wird man hören, dies sei die Folge eines notwendigen und üblichen Kon- trastbestrebens. In beiden Fällen bleibt unbeach- tet: warum hat die westdrehende Tendenz nicht schließlich nach Nordwesten, Norden oder weiter geführt ?, warum hat die Kontrasttendenz nicht statt nach Nordosten nach Nordwesten gezeigt ?, schließlich : warum ist überhaupt, und gerade jetzt, eine Änderung vorgegangen ? Die Wahrheit ist, daß nicht in irgendeiner Tendenz der Windrichtung, sondern in dem Spiel der meteorischen Kräfte der Urgrund dieser wechselnden Erscheinung, dem registrierenden Gefühl unerkennbar, ruht.
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Mit einer Verwechslung von Kontinuität mit Kausalität wird häufig die Frage nach der Her- kunft der Neuen Zeit beantwortet. Ihre Ur- sache, so heißt es meistens, liegt im Verkehr. Und woher kommt der Verkehr ? Von der Ma- schine. Und die Maschine ? Von der Entwicke- lung der Technik. Woher stammt die Technik? Sie ist angewandte Wissenschaft. Wieso kam die okzidentale Wissenschaft empor ? Sie war das revolutionierende Produkt der Scholastik. Und so fort bis zu Adam und Eva.
Gewiß ist es verlockend, die tausendjährige Entwickelung an die Kette der Geistesevolution zu reihen, deren Glieder uns als lückenlose, un- zerreißbare kausale Folge erscheinen. Aber wie bedenklich wäre es, auch nur die Geschichte eines menschlichen Lebenstages oder eines ganzen Le- benslaufes an die Kette einer Gedankenfolge reihen zu wollen! Noch schwerer wäre die innere Kausalität dieser Gedankenfolge selbst glaubhaft zu machen, und es würde für die Haltbarkeit der Reihe wenig gewonnen, wenn man sich auf den allgemeinen Ursprung als Emanation einer Per- sönlichkeit beschränkte.
Gewiß ist es eine schöne Aufgabe, darzustellen, wie ein jugendliches Heidentum in gläubige My- stik, in dürre Scholastik sich verwandelt; wie aus dem sterbenden Reis die Forschung, das freie Denken und die Wissenschaft hervorsprießt; wie diese in zweckhafter Verzweigung die Teciiiilk abspaltet — ; gewiß mußte es so sein, denn es ist; aber warum mußte es gerade so sein und nicht anders ? Die Griechen hatten Mystik, aber keine
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Scholastik; sie hatten Wissenschaft, aber keine Technik; die Juden hatten Scholastik, aber keine Forschung; die Römer hatten freies Denken, Technik, aber keine Wissenschaft; die Ägypter und Chinesen hatten Technik, aber weder freies Denken noch Forschung noch innerliche Mystik. Somit sind Geistesevolutionen denkbar, die von verschiedenartigen Ausgängen zu gleichen Ergeb- nissen, und wiederum solche, die zu verschieden- artigen Ergebnissen bei gleichem Ausgang ge- langen, und deshalb bietet die scheinbar so feste Kette keinen genügenden Halt, um den eisernen Weg der Völkerentwickelung zu tragen.
Glücklicher scheint der Versuch, den Neuere gemacht haben: die Wandlung Germaniens in ein prussianisiertes Weltreich — und gleich- zeitig die Parallelgestaltungen aller westlichen Länder — als Funktion wirtschaftlicher Vorgänge aufzufassen, und zwar sie an den Übergang von der Individualwirtschaft zur Universalwirtschaft die man Kapitalismus nennt, zu ketten. Nur selt- sam, daß sie es sich nicht angelegen sein ließen, das letzte Agens, das die Wirtschaftsverschiebung verschuldet, ans Licht zu ziehen, obwohl es mit Händen zu greifen war: , die Volksvermehrung; die ungeheuerste, proportional und absolut ge- waltigste Volksvermehrung seit Anbeginn men- schenkundiger Zeiten. Man zog es vor, zu eigen- artigen Hypothesen Zuflucht zu nehmen; so schuf man ein besonderes Naturgesetz, wonach die Menschheit das Bestreben habe, zwischen Be- gierde und Genuß möglichst viele Stadien zu schalten: nicht sehr überzeugend zwar, doch gut
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zu paß; wie es denn von alters her stets ein Vor- recht der Erklärer war, ein factum durch eine facultas zu erleuchten.
Wie eng die wirtschaftliche Evolution mit der Volksvermehrung sich verknüpft, ist evident. Ein- zelwirtschaft bedeutet Abgeschlossenheit, Nach- barlosigkeit. Gesamtwirtschaft bedeutet enge Berührung, Zusammenschluß. Einzelwirtschaft kann nur aus dem vollen schöpfen, ohne Rück- sicht, wie viel, wie wenig übrig bleibt. Gesamt- wirtschaft lebt von Ersparnis; Ersparnis an Zeit, Kraft, Material, Lagerverlust, Reibungsverlust. Gesamtwirtschaft ist noch heute ebenso undenk- bar bei spärlicher Bevölkerung, wie Einzelwirt- schaft bei großer Dichte. Gesamtwirtschaft muß daher mit Naturnotwendigkeit eintreten, sobald eine gewisse Verdichtung stattgefunden hat.
Wenn trotz dieses offensichtlichen Zusammen- hangs die Vertreter der wirtschaftlichen Auffassung | nicht gewagt haben, die Volkszunahme schlecht- hin als Evolvente zu wählen, so läßt sich eine Er- wägung anführen, die dies Zögern zu rechtfer- tigen scheint.
Denn immer wieder tritt bei Aufgaben, die sich auf Massenphänomene beziehen — mögen nun Flüssigkeitsbewegungen, oder thermische Er- scheinungen oder lebendige Komplexe der Be- trachtung dienen — die Erfahrung hervor, daß jede kleinste Verschiebung durch die benachbarte bedingt und modifiziert ist; keine Kraft wirkt losgelöst und ungehindert; daher denn auch im vorliegenden Fall nicht bestritten werden kann, daß rückwirkend bis zu einem gewissen Grade die
wirtschaftliche Entwicklung und der ihr folgende Wohlstand auf die Volksvermehrung habe ein- wirken können. Es konnte am Ende gar der Zwei- fel entstehen: ob nicht überhaupt das Phänomen- umgekehrt aufgebaut sei: zuerst Wirtschaftsum- schwung, dann Volksverdichtung. Dies wäre frei- lich nicht viel anders, als wenn jemand den Satz „Volksansammlungen veranlassen Verkehrsstö- rungen" grundsätzlich umkehren wollte, weil un- bestreitbar Verkehrsstörungen auch schon manch- mal Aufläufe hervorgerufen haben.
Mit besserem Recht könnte man geltend machen, hier werde nur ein Rätsel durch ein anderes ver- drängt: denn wie in aller Welt sei eine Volks- verdichtung erklärlich, die allen Seuchen und Kriegen des Mittelalters und der neueren Zeit standgehalten, und von der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts an die gewaltigsten Menschenkon- zentrationen erzeugt habe, die je von europäischem Boden ertragen wurden ?
Um dieser seltsamen Frage zu begegnen, wird es nötig sein, nochmals einige Schritte zurück- zutreten und von neuem auszuholen.
GESCHICHTETE VÖLKER
In seltsamem Doppelsinn deutet das Wort, , Ge- schichte" — das von geschehen kommt — auf das Geheimnis, daß nur geschichtete Völker Historie machen und erleben. Einschichtige Völ- ker, das heißt solche, die aus einheitlich ent- stammten oder gut zusammengekochten Rasse-
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elementen bestehen, zeigen, von den Ägyptern bis zu den Chinesen, im Stande der Zivilisation das gleiche Bild: Abgeschlossenheit und Konser- vatismus, lange Dynastienreihen von wesentlich identischer Physiognomie, langsam-stetige tech- nische Entwickelung, die aber keinen Aufstieg zu einer idealen Kultur bedeutet, vielmehr in Geist und Kunst eine allmähliche Verflachung und Ver- nüchterung erlebt, indem die lebendige Kraft des einstmaligen, vorzeitlichen Impulses sich nach und nach aufbraucht.
Eine Geschichte hingegen, das Werden und Ver- gehen politischer Formen, geistiger Ziele, Erleb- nisse und Träume, Wechsel von leidenschaft- lichen, friedlichen und tätigen Epochen, Aufstieg, Expansion und Niedergang, kurz Das, was im Le- ben des Einzelnen dem freien, heroischen und tra- gischen Schicksal entspricht: eine Geschichte ist nur denjenigen Gemeinwesen beschieden worden, die von einer Oberschicht beherrscht, von einer stammverschiedenen, Unterschicht getragen wa- ren. Solche Zweischichtigkeit prägt sich mit Ent- schiedenheit aus im Bestehen von Aristokratien; daß alle Kultur dieser Erde von aristokratischen Organisationen ausgegangen ist, bezeugen Indien, Griechenland und Rom, Florenz und Venedig. England und die Niederlande, Frankreich und Deutschland. Selbst im fernen Osten muß den Japanern die Führung und Verantwortung zu- fallen, weil ihr Feudalsystem die Reste alter Zweischichtigkeit am Leben erhält.
Diese Schöpferkraft des Zwiespalts entspricht einem einfachen Gesetze. Wir können uns keiner
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Vorstellung bewußt werden, als durch den Gegen- satz, die Polarität. Wer die See kennt, begreift das Binnenland, wer die Fremde kennt, begreift die Heimat, wer seinen Nächsten kennt, begreift sich selbst, soweit denn ein Begreifen uns beschie- den ist. Ein rechtes Volk aber erblickt in seinen Nachbarn den Spiegel nicht; sie sind ihm zu fern, zu fremd und zu verhaßt. Den Spiegel er- blickt es im fremden Landesgenossen, und bei diesem Anblick wird es sich seiner selbst bewußt. Es beginnt die feinere Scheidung und Erkenntnis der physischen, sittlichen und geistigen Gegen- sätze, eine Selbsterkenntnis, Kritik und Wertung tritt ein, und mit diesen ersteht ein Ideal. Zu- gleich brechen die schönsten Kräfte menschlicher Gegensätze und Pflichten hervor: der Obere herrscht, leitet, verantwortet und schützt, der Untere gehorcht, leistet, dient und strebt. Der Obere erzieht sich zur Gesinnung und Freiheit, der Untere zur Ausdauer und Fertigkeit. Daß solche Arbeitsteilung Großes hervorzubringen be- stimmt ist, zeigt jede bewußte Organisation bis in die jüngste Zeit.
Nun ereignet sich aber in diesen zweischich- tigen Volkswesen jeweils etwas Wunderbares, in einem jeden zu seiner Zeit und ein einziges Mal: die beiden Schichten, einst wie öl und Wasser ge- trennt, beginnen sich zu lösen, die Kontraste ver- fließen (die Unteren sagen: die Vorurteile), ein näheres Erkennen, ein engeres Zusammenwirken tritt ein. Noch hat die Oberschicht soviel Recht und Geltung, daß ihre reineren und freieren Ide- ale den Geist der Gesamtheit beherrschen, noch
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hat die Unterschicht soviel Glauben und Respekt, daß sie ihr Können, ihr traditionelles Handwerk, ihre Kunstfertigkeit in den Dienst dieser Ideale stellt. Die Kunstwerke solcher Epochen sind die edelsten Zeugnisse des irdischen Geistes; vor Zei- ten nannte man sie hohen Stils, heute werden sie als archaisch oder primitiv verehrt.
Sodann beschleunigt sich der Vorgang, dem Phänomen vergleichbar, wenn zwei Flüssigkeiten hoher chemischer Affinität durch Mischung in Reaktion treten. Es lösen sich die lang verhaltenen Energien in einer Epoche heißen Aufschäumens und leidenschaftlicher Lebenssteigerung. Jetzt steigen die Befähigten der Oberschicht aus der Herrschersphäre hinab in die Schar der Ausüben- den; jetzt steigen die Bedeutenden der Unter- schicht auf in die Zahl der Bestimmenden; ihre innersten Geheimnisse rufen die beiden Stämme freudig und rückhaltlos einander zu; jede Wahr- heit hat Geltung, jeder Gedanke findet Hörer, man erlebt das Ungeheure und erwartet das Un- mögliche. In solchen Zeiten ersteht der Kunst aus der Mischung der Freiheit und des Ausdrucks die Blüte, die wir aus der Zeit des Phidias und des Lionardo kennen.
Noch lange bleiben die Elemente in Bewegung, aber das Phänomen ist vollbracht, die Mischung ist geschehen. Die Unteren waren die Zahlreiche- ren, und so trägt das Magma ihre Färbung. Meist haben sie der Staatsform ihren Stempel aufge- drückt, zum mindesten herrschen sie faktisch. Die transzendenten Ideale der alten Führer sind gefallen, an ihre Stelle tritt die freie Konkurrenz
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um den Geschmack der Menge. Dieser Geschmack aber ist geistig Skeptizismus, Negation, Aberglaube und RationaHsmus, künstlerisch Materialismus, Deklamation und Ekstase. Einer Epoche dieser Art hat man die Bezeichnung des „Barock" ge- geben, ein Name, den man füglich auf die Parallel- epochen anwenden könnte, so daß bei allen Kul- turzeitaltern von einer archaischen, einer kul- minierenden und einer Barockperiode kurz und verständlich gesprochen werden könnte.
Mit dem Abschluß dieser dritten Etappe tritt die Beruhigung ein, und zwar für immer, sofern nicht neue Eroberer neue Oberschichten schaffen und den Kreisprozeß von neuem vorbereiten. Ge- schieht dies nicht, so bleiben die Affinitäten ge- sättigt, die freien Energien sind verpufft, und die ausgebrannten Völker bleiben wie tote Schlacken am Wege liegen. So sind aus Dorern und Attikern innerhalb weniger Generationen die Graeculi der Römer geworden, so aus den Römern selbst römische Italiener.
Im Gegensatz zu diesen Erscheinungen der Ver- mischung bleiben einschichtige Völker sich selbst ihr Leben lang gleich, wie die Nationen Asiens beweisen. Technische Erfindungen mögen ihr äußeres Dasein bewegen; ihr Geist, ihr Wille und ihre Seele bleiben, wie sie waren, und kaum merklich ändern sich die Exponenten des inneren Lebens : ReHgion und Kunst, Schrift und Sprache.
Hier sei eine Anmerkung gestattet:
Bei der großen Aufmerksamkeit, die unsere Zeit dem Wesen, der Geschichte und dem Austausch der Sprachen zuwendet, scheint es seltsam,
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daß man sich um das eigentlich Physiologische ihrer Entwicklung wenig kümmert. Daß und wie die Sprachen sich umgestalten, wissen wir; aber wie kommt es, daß die eine sich jahrhun- dertelanger Ruhe erfreut, die andere in stetem Wechsel sich bewegt, die dritte im Laufe knapper Jahrhunderte von Grund auf sich erneut ? Be- trachtet man die Sprache als einen Teil der gei- stigen und körperlichen Physiognomie, so liegt die Erklärung nahe. Nur gleichbleibende Individuen können gleichbleibend sprechen. Veränderte Denk- weise und veränderte Muskulatur muß veränderten Sprachausdruck schaffen; wie denn ein Jeder beim Erlernen bemerkt, daß es einer zwangsweisen körper- lichen und geistigen Nachahmung bedarf, um neuer Rede sich anzupassen. Starke Persönlichkeiten sind nur in früher Jugend biegsam genug, dieser doppelten Schauspielerei sich zu bequemen; über- triebene polyglotte Befähigung hat bei Älteren etwas Prostitutionsmäßiges. Sollen ganze Völker ihre Sprache ändern, so muß in ihrer physischen Beschaffenheit eine Änderung vorgegangen sein; und es wird vielleicht einstmals in der beschleu- nigten Variation der Sprache das feinste und zu- verlässigste Reagens auf den Zutritt neuen Blutes gefunden werden.
Damit die Doppelschichtung eines Volkes ihre natürliche Wirkung ausübe, ist keineswegs er- forderlich, daß eine äußerlich erkennbare Tren- nungsfläche die entgegengesetzten Massen schei- det, noch gar, daß jeder Volksgenosse sich seiner Rolle als oberes oder unteres Glied klar be- wußt sei. Voraussetzung ist lediglich, daß die
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Oberen den Geist und Willen der Gesamtheit be- stimmen und leiten; so wie etwa zur republika- nischen Zeit die Römer echten Blutes das intellek- tuelle Leben der anonymen Italiker und Einge- wanderten derart beherrschten, daß die winzige Zahl der Herren einem Weltreich und einer Welt- epoche Stimmung und Namen aufzwingen konnte. Ebensowenig darf man verlangen, daß der attische Plebeier, der das Handwerk des Steinmetzen übte, bei jedem Meißelschlag zu jenem blonden Patri- ziersohn aufblickte, der ihm sein Götterbild be- stellte. Es genügte, daß Geist und Geschmack des Adels das Zeitalter erfüllte und den Bildner zwang, die menschUche Gestalt unter der Form des gött- lichen Ideals zu erblicken; denselben Bildner, dessen Vorfahren und Nachkommen, von der Kon- trolle befreit, weit lieber Monstren, Süßlichkeiten und Karikaturen schufen.
Umgekehrt wird man sich hüten müssen, in unklarer Verallgemeinerung eine historisch wirk- same Schichtung überall da zu erblicken, wo eine Abstufung auftritt. Dann freilich gibt es in jeder Volksgemeinschaft Starke und Schwache, Reiche und Arme, Geschützte und Hilflose. Aber diese Gruppen stehen einander nicht als Rassen und Völker gegenüber; indem sie auf- und nieder- tauchen wie die Flüssigkeitsteile eines Wellen- zuges, können sie wohl im Zustande der Erhebung eine etwas veränderte geistige Temperatur oder Färbung gewinnen und den Tiefen mitteilen; Wechselwirkung und Austausch spezifischer Eigen- schaften und Kräfte zu vermitteln, vermögen sie nicht.
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DIE AUFZEHRUNG DER OBERSCHICHT
Noch heute sind die Länder des mittleren Europa nicht von durchweg einschichtigen Völkern bewohnt. Die Herrscherhäuser deutscher Zunge und ihre Gefolgschaften entstammen einer Oberschicht, die sich bei Strafe des Verlustes edels- ter Rechte mit fremdem Blute niemals mischen darf. Die Heere als Träger und Garanten der Nati- onalmacht nach außen, der Herrschermacht nach innen, gehorchen adligen Führern. Die Geschäfts- führung deutscher Staaten und ihre Repräsentanz geschieht durch Zugehörige der oberen Schicht, nicht minder die höchste Leitung der Regierung und der größere Teil ihrer Exekutive. Ja selbst die Gesetzgebung kann der Sanktion und des Vetos einer Herrenkurie nicht entbehren. Der Geschichtschreiber später Zeiten wird vor einem Rätsel stehen, wenn er sich zu vergegenwär- tigen sucht, wie unsere Zeit mit den äußeren Organen ihres Geistes demokratisch zu fühlen glaubte, während das Wollen ihrer inneren Seele den Aristokratismus noch immer duldete und zu erhalten strebte.
Freilich ist seit den letzten Jahrhunderten Adel nicht mehr reines Abzeichen edleren Blutes; den- noch zieht er seine stärksten Kräfte aus dem Stamm- haften: Gesinnung und Physis. Wer ein preußi- sches Regiment defilieren sah, und die Gestalten der Truppe mit denen der Führer verglich, der hat, wenn anders sein Auge für Betrachtung or- ganischer Wesen geschärft ist, den Gegensatz zweier Rassen erkannt: gleichzeitig aber hat er
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ein sichtbares Symbol und Abbild der Gliederung unseres Volkes erblickt.
Weist somit unsere Zeit, bei allem offenkundigen Hang zum Demokratischen, noch immer sicht- bare Spuren der Doppelschichtung auf, so können wir uns den Beginn unserer Geschichte nicht anders als im Charakter ausgesprochener Zweiheit der Bevölkerung denken.
Vom ganzen ostelbischen Deutschland wissen wir, daß es zu geschichtlich bekannten Zeiten durch Eroberung und Kolonisation als doppel- schichtiges Volksgebilde entstand. Die Sieger waren Germanen, die Besiegten Slawen, das Er- eignis geschah vom zwölften bis ins vierzehnte Jahrhundert. Auf welchen Unterschichten be- siegter Urbevölkerungen das übrige Deutschland ruhte, als es mit seiner aristokratischen Gliede- rung von Freien, Halbfreien und Hörigen in die Geschichte eintrat, ist unbekannt; doch ahnen wir aus frühen Sagen und späteren Dar- stellungen manches vom Wesen der Unterwor- fenen. Dunkelhaarig war der Knechtsbruder des freigeborenen Knaben. Handfertigkeit, schlaue Künste und feiger Sinn ist das Erbteil der Dunkel- wesen. Sie sind klein von Gestalt; ihr Haar ist kurz und kraus; deshalb muß der Freie in al- len Ländern das blonde Haupthaar lang und schlicht um den Scheitel wallen lassen. Bis in die neuere Zeit hinein zeigen die älteren bildlichen Darstellungen von Bauern, Hörigen und Verbre- chern die gleichen Züge: runde Schädel, breite Gesichter, kurzaufgestülpte Nasen, kurze, ge- drungene Glieder. Daß hier nicht Merkmale des
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Berufes, sondern des Stammes dargestellt werden sollten, beweisen die germanischen Gebiete des Nordens, wo Jahrhunderte bäuerlicher Arbeit den feingegliederten, schlanken und edlen Schlag nicht verwandeln konnten.
Indem nun jeder der südwestlich gerichteten Germanenströme die dunkleren Urvölker über- deckte, und zwar mit einer Schicht, die um so schwächer, je weiter sie von der Einbruchs- region entfernt war, so mußte denn auch die Auf- zehrung in verschiedener Geschwindigkeit und verschiedener Vollkommenheit erfolgen: die süd- westlichen Halbinseln Europas, verglichen mit der nordöstlichen, zeigen heute die entschiedenen Kontraste dunkler und heller Bevölkerung.
Versucht man, sich die Bilanz der Kräfte zu vergegenwärtigen, denen im Laufe der euro- päischen Geschichte die beiden Elemente des Volkes, vornehmlich in Deutschland, ausgesetzt waren, so treten folgende Tendenzen hervor:
I. Bezüglich der Herrschaft. Sie war von den Eroberern mit Gewalt gewonnen und wurde zu- nächst mit Gewalt behauptet; solange, bis sie ver- fassungsmäßige, soziale oder plutokratische Gel- tung erlangt hatte. Dann aber mußte die Erhal- tung der Herrschaft den Mächten der Ordnung anheimgegeben werden; Gewaltakte waren nur noch statthaft bei der Bekämpfung Aufständischer und Ungläubiger, denn die beiden großen Erb- teile des Ostens, Kaisertum und Kirche, wirkten im Sinne der Zivilisation. So blieb das Herr- schaftsverhältnis im Innersten ungefestigt und unverteidigt, mußte zerbröckeln wie jeder Bau,
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den man nicht pflegt und erneuert, sondern seiner eigenen Festigkeit überlassen zu können glaubt,
2. Bezüglich der Herrschenden. Aus Waldland waren sie hervorgetreten, jagd- und waffengeübt, unbekannt mit verfeinerten Bedürfnissen, unge- wohnt der Arbeit und des Zusammenlebens. In nicht unähnlicher Lage, wenn auch um vieles tiefer stehend, erblickte man vor einem Menschen- alter die edleren Stämme des mittleren Afrika, die seither ihrer Natur entrissen, zum Teil vernichtet sind.
In wenigen Jahrhunderten lichtet sich das Land. Die Jagdgründe wichen zurück, der Zwang des Glaubens, des Lernens, des Erwerbes, des häus- lichen und gedrängten Lebens trat heran. Die Frage war: wie wird dies Waldvolk bestehen und gedeihen in steinernen Häusern, bei fremdartiger Nahrung, tagsüber dicht bekleidet, des Nachts in heißen Betten, im Leben von neuen Bildern, Ge- danken und Pflichten umgeben und beherrscht ? Die Sehnsucht des Mittelalters blieb der schwin- dende Wald. Und wenn die heitere Schwermut dieser Zeit zu maniakalischen Ausbrüchen der Schwärmerei, zu Vorstellungen des Verfolgungs- wahns sich verdüsterte, so wurden die Wirr- nisse einer Volksseele offenbar, die ihre Heimat verloren hatte. Kriegszüge und Fehden hielten ununterbrochen ihre Auslese der Vernichtung unter den Besten, indes der Leib des Volkes von periodischen Seuchen erschüttert wurde, deren Verheerungen nicht ihresgleichen gefunden haben. So wirkten veränderte Bedingungen des Bodens und Klimas, neubegründete Lebens-
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weise, Krieg und Pestilenz auf das doppel- schichtige Volksgebilde ein; symmetrisch, Gleich- gewicht erhaltend zwischen beiden so verschieden gearteten Organismen, konnten diese Kräfte sich nicht erzeigen: und wenn die eine Schale sinken, die andere steigen mußte, so war der herrschende Stamm, der reicher, feiner organisierte, kriege- rische und abenteuerliche, bestimmt, schwerer unter den neuen Lebensformen zu leiden, die seiner Natur feindseliger waren, als der Natur seiner Knechte. Auch darf hier nicht unter- schätzt werden, daß eine Religion des Friedens, der Feindesliebe, der Demut, mit instinktiver Abneigung begrüßt, mit Gewalt aufgezwungen, zwar zur Milderung der Sitten führen, gleich- zeitig aber die Niederen erhöhen, die Hohen erniedern mußte.
3. Bezüglich der Beherrschten. Ihr sklavisches Schicksal konnte sich nur mildern; die Stärken der Knechtschaft blieben ihnen erhalten. Zähig- keit und Anpassung, Schlauheit und Voraus- sicht sind die Eigenschaften aller Schwachen, Unterdrückbaren und Unterdrückten; tritt Be- sitz hinzu oder ein anderer Hebel der Macht, so materialisieren sich diese Eigenschaften zu ge- waltigen Kräften. Fruchtbarkeit und Vermeh- rung, bei hochstehenden Stämmen sich selbst das Maß setzend, finden hier Beschränkung nur durch Not und Sterblichkeit, so daß sie, wie gespannter Kesseldampf sich schrankenlos ergießen, sobald das hemmende Gewicht beseitigt ist. So sehen wir heute im preußischen Osten das Bild einer Unterschicht, die ihr Gegengewicht überwunden
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hat und nun in rastloser Ausdehnung den Raum des Landes zu erfüllen trachtet.
Dem Wachstum kommt die Bildsamkeit und Ak- kommodation zustatten, die abhängigen Menschen- schlägen eigen ist. Denn da sie ihre Lebens- bedingungen nicht selbst schaffen, vielmehr von Anderen empfangen, so ist ihre Natur, einmal elastisch gemacht, allen späteren Änderungen der leiblichen und geistigen Umwelt widerstehend. Das Beispiel der Juden bestätigt dies, und noch ein weiteres: daß die Gewohnheit rastloser und zwangläufiger Arbeit allmählich den Arbeitsdrang als neue Notwendigkeit schafft, und um ihn zu rechtfertigen, Zwecke hinzuerfindet; ähnlich wie der Traum des Erwachenden nachträglich ein Erlebnis erdichtet, um das erweckende Geräusch sinnmäßig zu assimilieren. Arbeitstrieb, Fertig- keit und die ängstliche Vorsicht bedrückter Men- schen gehen aber eine Verbindung ein, die als Vorläufer des Erwerbs- und Geschäftssinns auf eine der stärksten Waffen im Rassenkampf hinaus- läuft.
Auch die gewaltigen Landerschließungen des Mittelalters durch Roden und Urbarmachen konn- ten, so seltsam es scheint, nur die Unterschicht der Bevölkerung stärken und erweitern. Denn die Territorialbesitzer, die von jeher in ihrer Sub- sistenz gesichert und daher in ihrer Expansion ungehindert sich fühlten, konnten durch die Er- schließung ihrer Besitztümer höchstens bereichert werden ; für die Unterworfenen aber wurde Raum, Nahrung, Tätigkeit und damit die Möglichkeit der Ausbreitung gewonnen. Begann erst einmal
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die Unterschicht, von ihrem gesindeartigen Zu- stand befreit, sich Raum und Lebensmöglichkeiten selbst zu schaffen, so mußte durch immer inten- sivere Bearbeitung der Erdgüter die arme Natur zu einer reichen, die dürftige Bevölkerung zu einer behäbigen, die spärliche zu einer dichteren sich entwickeln. Die Herren aber konnten die gleiten- den Zügel nicht länger halten; zu Fürsten des Landes konnten sie aufsteigen, Besitzer des Landes und seiner Menschen höchstens dem Namen nach bleiben. Die Bewohner des Landes indessen waren ein neues Volk, das sich allmählich mit den Söhnen und Töchtern seiner Herren vermischte.
So neigt sich die Kräftebilanz nach der Seite der Unterdrückten, bei einer Betrachtungsweise, die keinerlei Entwicklungsphasen und akziden- telle Ereignisse vorausnimmt, die sich hütet, geistige und technische Errungenschaften als Ursachen anzusprechen, da sie ja ebensogut Wirkungen und Mittel eines unbewußt wollen- den Massengeistes sein könnten, die vielmehr lediglich von eingeborenen und uranfänglichen Prämissen auszugehen sich bestrebt.
Entschheßt man sich nach diesen Erwägungen zu der Annahme: in einem zweischichtigen Volke, das durch fremde Kolonisation und Erschließung des Landes in veränderte Lebensweise geraten war, habe die Unterschicht von den Umwälzungen den größeren Nutzen gezogen, sich rascher vermehrt und allmählich einen großen Teil der Oberschicht absorbiert, so verschmilzt diese Hypothese mit der vorhin berührten Frage nach den Ursachen der nachmittelalterlichen Volkszunahmc zu einem
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einheitlichen Theorem; und es wird evident, daß das Gesamtphänomen nicht als eine sekundäre Erscheinung, sondern als die dem ganzen neuzeit- lichen Erscheinungskomplex zugrunde liegende Ursache betrachtet werden muß. Tiefere Ur- sachen können alsdann nur noch in den physisch- psychischen Elementen gesucht werden, die als ein Gegebenes gelten müssen. Dagegen werden alle äußeren, also zeitgeschichtlichen Einwir- kungen nur als beschleunigende oder verzögernde Momente, alle inneren Einzelevolutionen — und unter ihnen die Reihenfolge der Geistesrichtungen, der wissenschaftlichen und technischen Errungen- schaften — nur als Willensakte und Hilfsoperatio- nen eines in bestimmter Richtung strebenden Ge- samtorganismus zu betrachten sein. Und da in letzter Linie Wille, Geist und Seele des Gesamt- organismus erkennbar den Weg entscheiden, unerkennbar zum Ziele treiben, so darf diese Betrachtungsweise, obschon sie auf zählbar-sicht- bare Elemente sich stützt, den Vorwurf materieller Einseitigkeit ablehnen.
Aufgabe weiterer Erwägungen wird es sein, nach Erledigung einiger Nebenfragen zu prüfen, wieweit die neuzeitliche Weltgestaltung aus dem geschilderten Phänomen: Verdichtung und Um- lagerung, sich ableiten läßt.
Es soll jedoch schon jetzt ausgesprochen werden, daß nach der hier vertretenen Auffassung die Doppelerscheinung der Ursachen durch eine Dop- pelerscheinung der Wirkung unserer Zeit den Stempel aufprägt: die Verdichtung schafft sich in der sichtbaren Welt ihre Kompensation, die
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ich Mechanisierung nennen will, und die darauf hinzielt, einem übervölkerten Planeten die Mög- lichkeit der Subsistenz und Existenz ungeahnter Menschenschwärme abzuzwingen; die Umlage- rung spricht sich in der geistigen Verfassung un- serer Völker als Entgermanisierung aus, die ein neues, für die Aufgaben der Mechanisierung selt- sam geeignetes Menschenmaterial erschaffen hat. Indem nun der veränderte Volkskörper dem Mechanisierungsdrang sein Bestes hefert: neu- gierig forschende Geschlechter mit leidenschaft- lichem Interesse für Tatsachen, Zusammenhänge und Anwendungen; indem wiederum die Me- chanisierung diesen Menschenschlag fördert durch Assoziation, Organisation und Werkzeug, ver- zweigen und verweben dieWirkungskomplexe sich so mannigfach, daß man einer einheitlichen Erschei- nung gegenüberzustehen glaubt, die gerade des- wegen einzigartig und unerklärlich wirkt. Immer- hin lassen sich die Geäste sondern, wenn man den Zivilisationsstand der Mechanisierung und die Geistesverfassung der Entgermanisierung losgelöst voneinander betrachtet.
I. Anmerkung. Naturvorgang und Geschichte
Die geschichtlichen Evolutionen und Einzel- leistungen verlieren nichts von ihrer Größe und Schönheit, wenn sie im Rahmen dieser an- scheinend physikalisch-geometrischen Entwicklung betrachtet werden. Denn die Einreihung in ein größeres und einfacheres Gesetz streift zwar von heroischen Ereignissen einen Teil des Zufälligen und Willkürlich- Freien ab, sie läßt es aber um
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so mehr als ein Notwendiges und Zuverlässig- Sicheres erkennen und stärkt unsere Zuversicht, daß die Kraft der göttlich-menschlichen Natur noch jederzeit ausreicht, um veränderten Bedin- gungen zu entsprechen, notwendige Heilkräfte zu produzieren und aus Bedrängnissen Mög- lichkeiten höherer Entwicklung zu gewinnen. Tatsächlich beherrscht den ganzen Kreis des uns bekannten Lebens ein Gesetz, das sich in gleicher Umfassung im Vegetabilischen wie im Anima- lischen offenbart: das Gesetz der Ausnutzung jeder gegebenen Lebensbedingung und der Er- füllung jedes gegebenen Lebensraumes. So wie em Wasserstrom zerklüftetes Gestein durchdringt, derart, daß jede Spalte und Ader sich mit Flüssig- keit erfüllt, gleichviel, welchen verworrenen, kaum auffindbaren Weg ein jeder Teil des Elements zu nehmen hatte, so ergießt sich das Leben, immer- fort verwandelt und umgestaltet, unerschöpflich an Erfindungskraft, in jede Existenzmöglichkeit, in jeden durch noch so komplexe Bedingungen beschränkten Hohlraum. Dies schöpferische Ge- setz wirkt früher als das der Selektion: denn um unter geschaffenen Lebensorganisationen auszu- wählen, müssen Lebensorganisationen geschaffen sein; und die stündlich erneute Anpassungsarbeit jedes fertigen Organismus zeigt, daß nicht Zufall, noch das Gesetz großer Zahlen die Entwicklungs- arbeit der Kreatur bestimmt, sondern ein erfinde- rischer Lebenswille. Was nun, uns unbekannt, etwa in den Geweben eines Pflanzenkörpers, sich voll- zieht, der sich veränderter Bestrahlung, Tempe- ratur, Nahrung oder Lebensgemeinschaft anzu-
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passen gezwungen ist, das erblicken wir sinnlichen und geistigen Auges, bis in die feinsten Einzel- regungen zergliedert, in einer Volksgemeinschaft, deren Anfangszustand gegeben, deren Endzustand bestimmt ist. Sollte dieser Endzustand bezeichnet sein durch den komplexen Begriff, den wir Me- chanisierung genannt haben, so wird der Weg des Geistes von der Naturbetrachtung zur Naturbe- rechnung führen, der Weg der Wirtschaft vom Ein- zelbetrieb zur Organisation, der Weg der Arbeit vom Handwerk zur Technik, der Weg der PoUtik vom Territorialbesitz zum Nationalstaat; und die geschichtliche Betrachtung wird staunend ver- zeichnen, wie an jeder Wegkreuzung, von den tiefsten Mächten emporgesandt, ein genialer Geist ersteht, um der Menge die Richtung ihres un- bewußten Willens zu weisen, der sie zürnend fol- gen muß.
Wird dies anerkannt, so bedarf es nicht mehr der Frage, ob und wieweit die Forschung in den letz- ten Jahrhunderten den Geist der Neuzeit be- stimmt habe : wenn Kepler und Newton Himmels- gesetze niederschrieben, so waren sie in sich nicht minder frei und vom Genius getragen, indem sie doch dem Willen zu neuen Produktions- und Lebensgesetzen gehorchen mußten, der, um Tat- sächlichstes zu erzeugen, der Tatsache und ihrem Gesetz neuartigen Wert verlieh.
2. Anmerkung. Der Anbruch der neuen Zeit
Versucht man, den Vorgang der Umlagerung sich zu vergegenwärtigen, an den unsere Ge- schichte sich aufreiht, so muß man auf die Vor-
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Stellung verzichten, es könne der Rassenkampf im wesentlichen unter dem sinnfälligen Bilde von Aufständen, Revolutionen oder Verschwörungen erblickt werden. Denn nicht einmal die Kämpfen- den selbst waren sich des Kampfes bewußt. Die einen verteidigten als Erben Rechte, Vorteile, Ehren und Besitztümer, nach denen die anderen als Erblose die Hände ausstreckten; und da weder Kämpfer noch Bekämpfte ihre, unseren Augen doch so sichtbaren Rassenmerkmale deuteten, vielmehr beide eines Landes, einer Sprache und eines Glaubens waren, so erblickten sie ihre bald ruhende, bald erwachende Feindschaft unter dem Licht gegnerischer Interessen, ständischer Gegen- sätze und erblicher Mißbräuche. Überdies sind innere Rassenkämpfe reich an friedlichen Erobe- rungen; denn das Ziel ist nicht Vernichtung, sondern Assimilation und Vermischung. Jede Mißehe, jede Deklassierung, jede Rangeserhöhung ist ein Sieg und eine Niederlage.
Dennoch sind große Episoden des Gesamt- kampfes auch der chronistischen Geschichtsbe- trachtung erkennbar : das Ringen um freien Grund- besitz, Vormacht der Kirche, Feudalrechte des Adels, Herrschaft der Zünfte, evangelische Frei- heit, Leibeigenschaft, Ablösung der Lasten, Ge- werbefreiheit, Freizügigkeit; ja selbst die ersten Kämpfe um die erbliche Macht des Kapitals sind sichtbare Einzelkampagnen, zum Teil Nachge- fechte des großen Rassenkrieges, dessen letzte Entscheidung erst um die Wende des XVHL Jahr- hunderts fiel.
In dem Zeitalter, das etwa mit dem Leben
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Goethes zusammenfällt, liegt die Schilderhebung der Unterschicht des deutschen Volkes beschlossen. Man vergleiche, was der Frankfurter Bürgersohn im Werther und im ersten Teil des Meister über die Beschränkung des Bürgerstandes schrieb, mit dem, was sechzehn Jahre nach seinem Tode in der Paulskirche seiner Vaterstadt gesprochen wurde: zwischen diesen Zeitgrenzen Hegt Deutschlands Umschwung.
So konnte denn auch nach dem Gesetz der Energiebefreiung, das zu Eingang beschrieben [ wurde, dieser Zeitlauf eine Kulturepoche empor- tragen, wie sie nie zuvor der Erde beschieden war, und deren Glanz erst späte Geschlechter voll erfassen werden. Sie offenbart, wie wenig die Naturvorgänge des Völkerlebens von Konstella- tionen der Zeitgeschichte sich meistern oder unterdrücken lassen. Denn aus einer Periode tiefsten politischen Niederganges bricht sie her- vor — für rein historische Betrachtung ein un- lösbares Rätsel — und schwindet mit dem Er- starken des Wohlstandes, der Freiheit und der Macht. Mit ihrem Höhepunkte können nur zwei frühere Kulturepochen sich messen, die im Auf- stieg der bildenden Künste sie übertreffen, in der Vertiefung der Dichtkunst, der Musik, der wissen- schaftlichen und philosophischen Forschung und der politischen Einsicht sie nicht von fern er- reichen: das Perikleische und das Leoninische Zeitalter.
Sicher aber ist zu keiner früheren Zeit eine so gewaltige Zahl ungewöhnlicher Menschen auf engem Bezirk hervorgetreten , wie damals in
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Deutschland und — auf anderen Gebieten, ent- sprechend dem politisch gefärbten Umschwung — in Frankreich. Die übrigen großen Kulturländer hatten die Vollendung ihrer Umschichtungen weit früher erlebt: ItaHen im XV. und XVI., Eng- land und die Niederlande im XVI. und XVII. Jahrhundert.
Seit jener großen Epoche aber, die als eine gewaltige Morgendämmerung die Neue Zeit emporführte, sind, wie das Gesetz es will, neue geistige Faktoren in das Leben der Nation nicht mehr eingetreten. Sprache, Gedanken, Politik und Kunst haben nur noch im internationalen Austausch wirkliche Bereicherung erfahren; im übrigen sind sie trotz mancher Exzentrizitäten einheitlicher, ja einförmiger in Rhythmus und Kinetik geworden und haben sich damit den Anforderungen der Neuen Zeit, ihren unauf- hörlich wechselnden und dennoch innerlich gleichbleibenden Aufgaben und Gegenständen vollkommen angepaßt.
DIE MECHANISIERUNG DER WELT. I
Aufgabe, Begriff und Mittel
Gegeben ist die Quantität der menschlichen Einzelleistung, gegeben die bewohnbare Erd- oberfläche, gegeben, aber praktisch fast unerschöpf- lich und nur an den menschlichen Arbeitseffekt gebunden, ist die Menge der greifbaren Roh- produkte, praktisch unermeßlich sind die ver-
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wertbaren Naturkräfte. Aufgabe ist es nun, für die zehnfach, hundertfach sich vermehrende weiße Bevölkerung Nahrung und Gebrauchsgüter zu schaffen.
Die Alten, in engerer Begrenzung und weiterer Welt lebend, wußten sich leichten Rat : sie sandten Kolonen in ein Nachbarland und schufen sich Duplikate ihrer Vaterländlein. Auch in un- serer Zeit sind Auswanderer zu Millionen aus ihrer Heimat gedrängt worden; sie haben die Bevölkerungsdichte fast aller für Weiße bewohn- baren Länder auf ein nahezu europäisches Maß gebracht, ohne daß die Volksvermehrung der alten Welt um ein merkliches gehemmt worden wäre.
Anderen Rat, vielleicht den verruchtesten, der je der Menschheit zugerufen wurde, gab Malthus: die natürlichen Quellen des Lebens zu hemmen und die Nachkommenschaft widernatürlich zu be- schränken. Das einzige Land, das diesen Weg be- schritten hat, Frankreich, ist im Begriffe, daran zugrunde zu gehen.
So blieb den alten Völkern nur eines übrig: zu gänzlich neuen Gewohnheiten und Gesetzen des Lebens und Schaffens überzugehen, zu dem Zweck, die irdische Produktion auf das gewaltigste zu vermehren und sie der Milliardenzahl der Menschheit anzupassen.
Dies war nur auf einem Wege möglich: wenn der Effekt der menschlichen Arbeit um ein viel- faches gesteigert und gleichzeitig ihr Emanat, das produzierte Gut, auf das vollkommenste aus- genutzt werden konnte. Erhöhung der Produk- tion unter Ersparnis an Arbeit und Material ist
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die Formel, die der Mechanisierung der Welt zugrunde liegt.
Um die Steigerung des Arbeitseffektes zu wür- digen, wolle man erwägen, daß alles zweck- bestimmte Handeln und Geschehen nur zu einem Teil dem Zwecke dient. Ein anderer Teil — in der Regel weitaus der größere — , sei er vorberei- tender, begleitender, schützender oder unge- wollter Art, dient dem Zweck nur mittelbar oder überhaupt nicht, und schädigt so den Effekt. Ein Analoges gilt von den Beimengungen, Spal- tungsprodukten, Abgängen der Materie. Nun ist es einleuchtend, daß viele dieser Effektverluste nur von der Handlung selbst, nicht von ihrem Umfange abhängen, daher mit wachsender Lei- stung an Bedeutung verlieren. Wenn ich einen Brief zur Post trage, kostet dieser Brief mich fünf Arbeitsminuten; trage ich sechzig Briefe auf ein- mal zur Post, so kostet mich jeder fünf Arbeits- sekunden. Ja, ich kann es ermöglichen, den ge- samten Briefverkehr einer Kleinstadt zu bewäl- tigen, wenn ich mich als Briefträger den ganzen Tag über ausschließlich dieser Aufgabe widme. Verbrauche ich einen Zentner Kohlen, um einen Dampfkessel anzuheizen, so bleibt der Verlust der gleiche, ob ich nun den Kessel fünf oder zehn Stunden im Betrieb halte; bei ununterbrochenem Betriebe aber würde der Anheizverlust jede Be- deutung verlieren.
Es besteht also die Möglichkeit, den Effekt von Vorgängen und die Ausnutzung von Materialien erheblich zu verbessern, indem man Gelegenheit für möglichst große Mengen gleichartiger und ein-
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facher Nutzhandlungen sammelt, um dieselben kon- tinuierlich auszuüben — dies ist die Arbeitsteilung, auf der die alte Methode der Manufaktur beruht — , oder indem man den Einzelvorgang in seinem Kraf t- und Massenumfang steigert, ein Verfahren, das man Arbeitshäufung nennen und als die Grundlage der modernen Fabrikation ansprechen könnte.
Die Hilfsmittel dieser doppelten Praxis der Effektsteigerung sind Organisation und Technik. Organisation, indem sie Produktion und Ver- brauch durch Unterteilung, Vereinigung und Ver- zweigung in die gewollten mechanischen Bahnen lenkt, Technik, indem sie die Naturkräfte bän- digt und sie bald in gewaltigen Massenbewegungen, bald in chemischen Attacken, bald in elektrischen Vibrationen, bald in mechanisch kunstfertigen Handgriffen den neuen Produktions- und Ver- kehrsorganisationen ausliefert.
Daß somit nicht die Technik oder der Verkehr Ursache der Mechanisierung und somit der neu- zeitlichen Lebensverfassung sein konnte, viel- mehr die Volksverdichtung zur Mechanisierung drängte, die ihrerseits neue Hilfsmittel verlangte und schuf, darf in Parenthese nochmals ausge- sprochen werden. Diesen Zusammenhang ver- kennen hieße nichts anderes, als etwa behaupten: die Eisenbahn habe den Großverkehr oder das Zündnadelgewehr habe den Massenkrieg geschaf- fen. In Wirklichkeit schafft der Wille zum Ver- kehr sich seinen Weg, der Wille zum Massenkrieg sich sein Geschütz; das Werkzeug ermöglicht das Werk, doch bleibt es selbst ein Geschöpf des auf das Werk gerichteten Willens.
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Den Ursprung der Mechanisierung aus der Verdichtung, ihre Anfänge, ihren Verlauf und ihre Welteroberung historisch zu schildern, ist Aufgabe späterer Geschichtschreibung. Hier seien in kürzesten Zügen nur einige Etappen verzeich- net; denn die Absicht dieser Darstellung richtet sich dahin, nicht sowohl den Vorgang als die Wir- kungen der Verdichtung und Umschichtung, der Mechanisierung und Entgermanisierung auf die Welt, die Menschen und das Leben unserer Zeit zu erörtern.
Mit dem ersten Tausch, der auf Erden statt- fand, war die Einzelwirtschaft durchbrochen und zwei neue Begriffe geschaffen: des Tauschvor- rates und der Spezialisierung. Je dichter nun die angehenden Spezialisten aneinander heran- rückten, je häufiger sie sich begegneten, desto mehr konnten sie sich auf die wechselseitigen Vor- räte verlassen. Zuletzt konnte der eine die Er- zeugung dessen einstellen, was der andere be- saß: er konnte Korn gegen Vieh, Vieh gegen Erz tauschen. Verdichtete sich die Bevölkerung aber- mals, so lernte man neue Gegenstände kennen; es lohnte sich, reich zu sein : aus dem Vorrat wurde Kapital. Der Spezialist wurde gesucht, er fand Aufträge; aus Anlage und Kenntnis entstand der Beruf.
Nun war man aufeinander angewiesen; die Begehrlichkeit der Weiber, die Freigebigkeit der Männer mag das ihre beigetragen haben: man tauschte und handelte, betrieb Wirtschaft und Handwerk; die Anfänge der reziproken Güter- erzeugung waren gegeben. Aber noch konnte ein
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Mürrischer oder Selbstzufriedener, ein Gegner des Neuen, sich abseits halten. Verzichtete er aui kunstvolle Güter, auf mannigfaches Werkzeug, sc mochte er mit Pfeil und Speer, mit Pflug unc Hacke ins Weite ziehen und sich von der Gesamt- wirtschaft befreien. Mit zunehmender Dichte wird auch diese Freiheit benommen. Jetzt be- darf ein jeder des Schutzes; er muß Mitglied einer Gemeinschaft sein. Der Sitte kann er sich nicht entziehen, sie verlangt Kleidung und Be hausung und manches andere. Land zu erschließen ist ihm versagt; er muß Eigentum respektieren, auf dem Seinen haushalten, somit intensiver wirt- schaften, mit Geräten und Werkzeugen, die be- schafft sein wollen. Doch schon ist die Ver- dichtung vorgeschritten, die Scholle beschränkter, die Wirtschaft schwieriger und einseitiger. Um den ganzen Bedarf an Lebensgütern zu erlan- gen, muß verkauft, muß Absatz gesucht werden. Die Wirtschaft wird zum Unternehmen, zum GebJir ft. Der Absatz stellt sich ein, und mit ihm die A.uilü.-Lrj:enz. Eine Zeitlang können Zunftbestimmungen uir«. mangelhafte Verkehrs- wege den Handwerker unu Landwirt vor der Geißel des Wettbewerbs schjtzen. Unter der ständigen Verdichtung der Itoduktion macht sie sich denn doch fühlbar. Lnd trotz der gleich- zeitigen Konzentration des Konsums kann keiner froh werden : denn dj^ Krzeugungsmethoden sind noch immer primity, sie nötigen der Erde nicht genügend Stof|f ab, um die Gesamtheit zu be- friedigen, die Arbeit wird hart, man leidet Not. Doch eben ,^at ein erfinderischer Kopf ein Werk-
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zeug erfunden, ein Produkt verbessert, ein Ver- fahren vereinfacht. Der Teufelskerl wird reich, die andern sehens und empfinden ihre Not ver- doppelt. Nun sind sie alle dem Wettlauf der Kon- kurrenz verfallen, der technischen, der kommer- ziellen, der kapitalistischen Konkurrenz. Nun werden alle Künste und Wissenschaften herbei- gerufen; die Erfindungsreichen, Kühnen, Vor- urteilsfreien, die Habsüchtigen, die Ehrgeizigen, die Handfesten eilen voran; die Schwachen blei- ben am Wege liegen, sie werden eingefangen und als Troß mitgezogen. Und unter den Tritten dieses Reigens schwitzt die Erde aus allen Poren und läßt an Gütern den zehnfach vermehrten Enkeln das Hundertfache dessen emporströmen, was sie den Ahnen kärglich gewährte, sich zu nähren, zu wärmen, zu schmücken und zu be- rauschen.
Wenn somit die Mechanisierung ursprünghch in der Gütererzeugung wurzelt, so blieb sie nicht lange auf dies Gebiet beschränkt. Freilich be- deutet dieses noch heute den Stammbezirk ihrer Verzweigung und Überschattung; denn die Gütererzeugung bleibt das zentrische Gebiet des materiellen Lebens, dasjenige, mit dem sich alle übrigen in mindestens einem Punkt berühren.
Mechanisierung aber erbHcken wir, wohin wir auch über die Provinzen menschhchen Han- delns das Auge schweifen lassen; allerdings treten ihre Formen derartig komplex und vielgestaltig auf, daß es vermessen dünkt, den ganzen Um- riß des ruhelos bewegten Bildes zu umfassen. Dem wirtschaftlich Betrachtenden erscheint sie
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als Massenerzeugung und Güterausgleich; dem gewerblich Betrachtenden als Arbeitsteilung, Arbeitshäufung und Fabrikation ; dem geo- graphisch Betrachtenden als Transport- und Verkehrsentwicklung und Kolonisation; dem technisch Betrachtenden als Bewältigung der Naturkräfte; dem wissenschaftHch Betrachtenden als Anwendung der Forschungsergebnisse; dem sozial Betrachtenden als Organisation der Ar- beitskräfte; dem geschäftlich Betrachtenden als Unternehmertum und Kapitalismus; dem poli- tisch Betrachtenden als real- und wirtschafts- politische Staatspraxis.
Gemeinsam ist aber allen diesen Erscheinungs- formen ein Geist, der sie seltsam und entschieden von den Lebensformen früherer Jahrhunderte unterscheidet: ein Zug von Spezialisierung und Abstraktion, von gewollter Zwangsläufigkeit, von zweckhaftem, rezeptmäßigem Denken, ohne Über- raschung und ohne Humor, von kompUzierter Gleichförmigkeit : ein Geist, der die Wahl des Namens Mechanisierung auch im Sinne des Ge- fühlsmäßigen zu rechtfertigen scheint.
3. Anmerkung. Scheinbares Paradoxon
Warum haben ältere Verdichtungsprozesse, deren die Geschichte eine Anzahl kennt, niemals zu einer ausgesprochenen, der unseren vergleichbaren Mechanisierung geführt ? Sagt man doch, daß die Menschheit jeden uns denkbaren Gedanken schon einmal gedacht habe: warum hat sie dies Gedan- kenphänomen unserer, im übrigen keineswegs so bevorzugten Epoche aufgespart?
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Hier ist zunächst zu erinnern, daß keine der alten Volksverdichtungen, relativ und absolut ge- messen, sich mit neuzeitlich okzidentalen Verhält- nissen vergleichen läßt. Ägypten und Mesopo- tamien waren nicht übervölkert, Griechenland und Italien nach unseren Begriffen arm an Ein- wohnerzahl.
Vor allem aber wirkt das Mittelmeerklima in einem Sinne retardierend auf die Zivilisation, indem es die menschlichen Bedürfnisse an Nah- rung, Obdach und Kleidung gleichzeitig mäßigt und leicht befriedigt. Selbst in den heutigen trocken und unfruchtbar gewordenen Ländern dieser Zone bleibt der Lebenskampf vergleichs- weise harmlos und spielend, weil Ertrag und Bedarf noch immer in glücklicherem Verhält- nis sich die Wage halten. So stehen selbst in unseren Tagen die Mittelmeervölker mit einer mehr kindlichen als nothaften Begehrlichkeit dem Ansturm unserer Warenmassen gegenüber; ihre Produktionsmethoden sind, wenn man vom nördlichen und mittleren Italien absieht, nur in bescheidenem Umfang mechanisiert, und den übrigen Mechanisierungsformen haben sie halb widerwillig nachahmend Aufnahme gewährt. Süditalien und Griechenland stehen noch heute trotz Eisenbahnen und Telegraphen dem antiken Leben näher als dem modernen.
Dennoch zeigte das Rom der späten Republik und der Kaiserzeit deutliche Anfänge der Mechanisie- rung, und es ist lehrreich, zu prüfen, weshalb diese Lebensform in ihrem Vordringen gehemmt wurde.
Großbetriebe waren vorhanden, ja ein Welt-
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Handel und eine kapitalistische Ordnung des Be- sitzes aufgekommen. Zur Fortentwicklung des mechanistischen Prinzips hätte es nun vornehm- lich dreier Dinge bedurft: einer Vervollkomm- nung der metallurgischen Technik, insbesondere der Eisen- und Stahlerzeugung, einer Weiterbil- dung der Präzisionsmechanik, und der Konstruk- tion einer Kraftmaschine. Diese Aufgaben waren nur zu lösen auf Grundlage messender Natur- erforschung. Der Römergeist, der mit empi- rischer Technik ungeheure architektonische Auf- gaben zu lösen gewohnt war, hätte den subtilen Anforderungen dieser Disziplinen genügt, ob- wohl ihm pragmatisches Denken vertrauter war als stilLis Beobachten. Schwieriger wäre es in jener Epoche gewesen, die Hunderte von for- schenden und entdeckenden Geistern, deren die Ausbildung dieses Wissenszweiges bedurfte, unter der kleinen Zahl von bildungsliebenden Italikern aufzutreiben. Sollte diese Abkehr des Römertums vom Markt, Tribunal und Heerlager zur Gelehrten- stube und zum Laboratorium erzwungen werden, so bedurfte es einer Not. Diese Not aber war nicht vorhanden. Denn Rom war gewohnt, die Völker des Erdkreises für seine Erhaltung sorgen zu lassen ; wo ein Prokonsul genügte, um Attalidenschätze nach der Hauptstadt zu leiten, bedurfte es keiner Exportfabrikationen. Die an sich nicht beträcht- liche Nahrungsbeschränkung durch Bevölkerungs- verdichtung war mehr als ausgeglichen durch eine Suprematie, welche die Gesamtheit des herrschen- den Volkes zum Souverän erhob und mit aus- kömmlichen Zivillisten dotierte.
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Wenden wir den Blick außereuropäischen Ver- dichtungszentren zu, so scheinen in China die gün- stigsten Voraussetzungen für mechanisierte Wirt- schaft gegeben zu sein : große Masse und Dichte einer Bevölkerung, die ausreichende bürgerliche Freiheiten genießt und von der Natur des Lan- des nicht allzuleichtfertig über den Lebenskampf hinweggehoben wird. Und wirklich geben die Tatsachen den Voraussetzungen recht : außerhalb der kaukasischen Rassenzone umschließt China mit seinem kulturellen Tochterlande Japan das einzige Gebiet der Erde, auf dem eine eigene großan- gelegte Technik erwuchs, ja eine Technik, die ganz besonders die uns vertrauten verkehrhaften Züge aufweist. Als ein Geschenk Chinas ist vor wenig mehr als hundert Jahren die vergessene Kunst des Heerstraßenbaus uns neu beschieden worden.
Bis in die Mitte des XVIIL Jahrhunderts war China an technischen und organisatorischen Er- fahrungen dem Durchschnitt Europas ebenbürtig; aber die Keime überflügelnder Entwicklung lagen im westlichen Boden. Daß den klügsten und tä- tigsten Orientalen so wenig wie den Römern das Geheimnis der messenden und rechnenden Wissen- schaft sich erschloß, befremdet nicht, wenn man erwägt, welche seltenen, ja widersprechenden Geistesstimmungen zusammentreffen müssen, da- mit systematische und exakte Forschung möglich sei. Ein ideal gerichteter, dem Gesetzmäßigen offener Sinn muß transzendenter Betrachtung ent- sagen, sich mit Liebe dem Tatsächlichen, ja dem scheinbar Nebensächlichen zuwenden, um in lebenslanger Arbeit, Korn für Korn, das Bleibende
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vom Zufälligen zu sondern, ohne Hoffnung, selbst jemals des Weltsymbols teilhaftig zu werden, das aus der reinen Saat erblühen soll. Umgekehrt bedarf es, damit die Forschung sich in Technik verkörpere, praktischster Geister, die dennoch zu den abstraktesten Gebieten der Wissenschaft sich erheben, um mit prometheischem Griff das dem irdischen Bedarf Bestimmte herabzuholen. Dem Verlauf der Darstellung vorgreifend sei hier be- merkt, daß in einer Zivilisation, die der Mischung aus germanischer Idealität mit vorgermanischer Zähigkeit und Handfertigkeit entsprang, diese seltenen, vielleicht nicht wiederkehrenden Vor- aussetzungen einer Wissenschaft und wissenschaft- lichen Technik gegeben waren. Daß die man- dschurisch-mongolische Zivilisation die gleichen Vorbedingungen nicht erfüllte, entschied die Frage der technischen Welthegemonie zugunsten des westlichen Dichtigkeitszentrums. In gleichem Sinne wird sich dereinst die Frage der politischen Hegemonie entscheiden, der man die kindlich ge- hässige Bezeichnung einer gelben Gefahr gegeben hat. Erweist sich der Westen auch in Zukunft stärker ideenbildend als der ferne Osten, der in geschichtlichen Zeiten diese höchste Kraft nicht mehr besessen hat, so wird er auch weiterhin die Verantwortung der Weltentwicklung tragen.
Zusammenfassend dürfen wir die Zwischen- frage: warum Mechanisierung bisher auf Erden nirgend anders als im germanischen Zentrum aufgetreten sei, folgendermaßen beantworten. Er- forderlich war das Zusammentreffen stärkster Volksverdichtung mit zwei auslösenden Faktoren :
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gemäßigten physikalischen Bedingungen, welche bei zunehmender Dichte die Sorge um den Unter- halt empfindlich machten, sodann spezifischen sittlich-geistigen Werten, welche imstande waren, technisch -methodische Hilfsmittel zu schaffen. Die alten Mittelmeerkulturen scheiden aus, denn es fehlte ihnen fast durchweg an der Hauptbe- dingung, ausnahmslos am ersten der beiden aus- lösenden Faktoren. China konnte eine gewisse Mechanisierungsarbeit leisten, bis im entscheiden- den Moment der intellektuale Faktor versagte. Der zentraleuropäischen Kultur war es vorbe- halten, alle Bedingungen zu erfüllen und die Mechanisierung bis in die letzten uns bekannten Konsequenzen durchzuführen.
DIE MECHANISIERUNG DER WELT. II
Mechanisierung der Produktion
Von allen Teilen der Erdoberfläche strömen die Urprodukte mineralischer und organischer Ab- kunft auf eisernen oder wässernen Wegen in die Sammelbecken der Städte und Häfen. Von dort verzweigen sie sich nach den Verarbeitungs- stätten, wo sie in vorbestimmter Mischung ein- treffen, um chemisch oder mechanisch umgestaltet als Halbprodukte einen zweiten Kreislauf zu be- ginnen. Von neuem getrennt und abermals ver- mischt und bearbeitet erscheinen sie als Ver- brauchsgüter, die zum drittenmal geordnet in den Lagern der Großhändler sich vereinigen, bevor sie
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die fein verzweigten Wege zum Detaillisten und endlich zum Verbraucher finden, der sie in Ab- fallstoffe verwandelt und in den Gestaltungsprozeß zurücksendet. Dem Blutumlauf vergleichbar er- gießt sich der Güterstrom durch das Netz seiner Arterien und Adern. In jedem Augenblick des Tages und der Nacht donnern die Schienen, rauschen die Schiffsschrauben, sausen die Schwung- räder und dampfen die Retorten, um die Last dieses Umlaufs zu erneuern und zu bewegen.
Und was ist das Geschick der Materien in den Magen der Verarbeitung ? Sie werden von Me- chanismen ergriffen, gelöst, erhitzt, zerstampft oder gepreßt, zerschnitten, gehämmert, gezogen oder gewalzt, gesponnen, gezwirnt, verwoben oder getränkt; ein zweiter, ein dritter Maschinen- prozeß schheßt sich an, und der Mensch überbHckt ordnend, beschleunigend, messend sein Werk, das Werk nicht mehr seiner Hände, sondern seiner Mechanismen. Ist eine Formung durch Handfer- tigkeit noch vonnöten, so ist das Gesetz der Pro- duktion unvollkommen erfüllt. Dies Gesetz lautet : Beschleunigung, Exaktheit, Verminderung der Rei- bung, Einheitlichkeit und Einfachheit der Typen, Ersparnis an Arbeit, Verminderung und Rück- gewinnung des Abfalls. Da, wo ein Teil der Pro- zesse den Schöpfungsakten der Natur überlassen werden muß, fühlt man sich berechtigt, von ihr die gleiche Beschleunigung und Akkuratesse, die gleiche Reaktionsfähigkeit auf Reize und Diszi- plin zu verlangen, wie von leblosen Mechanismen und Prozessen.
Und die Natur gehorcht. Sie, die Erzeugerin
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der Urmaterien, ist sich des Ernstes und Umfanges ihrer Aufgaben bewußt geworden. Nicht mehr lächelnd und spielend wie ehedem, sondern ernst und geschäftig läßt sie ihre Felder das zehn- fache Maß tragen, läßt sie ihren Flanken das Tausendfache an mineralischen Werten entströ- men. Ja, sie gibt zu erkennen, daß sie es nur der menschhchen Arbeit und BegehrHchkeit anheim- stellt, die lebenden und toten Ernten nochmals zu vervielfachen. Keines der heute geschätzten Güter scheint vorerst auf die Neige zu gehen; allent- halben winkt und blinkt es noch von ungeho- benen Schätzen an Materie und Kraft.
Die Menschheit hat es begriffen und eilt ihrem Produktionsideal entgegen. Dies Ideal ist er- reicht, wenn von den jeweils günstigsten Ge- winnungsstätten die Produkte auf kürzestem Wege und mit größter Eile zu der bestgelegenen Ver- arbeitungsstätte gelangen, um in einem einzigen Prozeß umgestaltet sofort einem Vertriebssystem übergeben zu werden, das sie in die Vorratsräume, Küchen und Werkstätten der Verbraucher leitet.
Zuweilen scheint es, als beginne die Güterpro- duktion, über ihr Ziel hinausschießend, über- flüssige, nicht mehr konsumierbare Mengen zu fördern. Ständig wachsende Masse an Rohstoffen und Fabrikaten schleudern die Länder im Wech- selspiel einander zu. Hier Erze gegen Kohlen, Baumwolle gegen Getreide, Vieh gegen Eisen, Holz gegen Zucker; und dennoch wird dies ge- waltige Werben und Spenden nicht nachlassen, denn immer noch wächst die Zahl der Erdenbe- wohner, und immer noch sind Millionen von
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Händen nicht nachhaltig genug in den Schaffens- prozeß verstrickt, um ihr Teil am Begehrten zu erraffen.
Wohin ergießt sich nun diese Güterflut ? Wir finden sie in den Docks der Häfen, in den Vorrats- räumen der Fabriken und Handlungen, wir fin- den sie in Läden und Kaufhäusern. Das Berlin von 1811 besaß im Umkreise seiner Mauern nicht so viel an Ladengütern, wie ein einziges Häuser- viereck des Berlins von 191 1. Aus den Magazinen fließt der Strom in die Behausungen der Men- schen. Ungezählte Substanzen, die man ehedem nicht kannte, Metalle, Gläser, Hölzer, Tonwaren, Papiere, Leder, Bein, Gewebe, alles bedeckt mit farbigen Schichten, Polituren und Ornamenten, füllen die Gemächer; Seifen, Essenzen, Chemika- lien sind vorrätig, Nahrungs- und Genußmittel aus allen Erdteilen werden gespeichert; selbst in den Wohnungen der Schwachbemittelten, ja der Armen finden sich Menge und Mannigfaltigkeit der Gerätschaften und Verbrauchsgüter seit den letzten drei Generationen um ein Vielfaches er- weitert. Fast möchte man meinen, die Mensch- heit sei von einer Manie des Warenbesitzes, von einer Gerätetollheit befallen, die man in früheren Zeiten vielleicht gewissenlosen Spekulanten oder auf Ablenkung bedachten Regierungen zur Last gelegt hätte. Und noch immer ist Begehr und Lust nach käuflichen Dingen im Steigen, zumal bei Frauen.
Ihr passiver Anteil am Produktionswachstum ist nicht unbeträchtlich. Denn ihre naivere Freude am feilen Besitz und am Vergleich des Besitzes
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setzt zahllose Gewerbe in Bewegung, und ihr ge- ringeres Interesse für Struktur und Konstruktion kommt der eigenartigen Qualitätsverschiebung des modernen Produkts in erstaunlicher Weise entgegen. Mit dieser Verschiebung aber hat es folgende Bewandtnis.
Jeder, der ein Erzeugnis des alten Handwerks in Händen hält, etwa ein Buch, eine Kassette, einen Schlüssel, empfindet an diesen Gegenständen etwas Organisches, wie es den Schöpfungen der Natur eignet. Das Werk ist genau gearbeitet, aber nicht mathematisch. Der Naturstoff, dem es ent- stammt, ist geformt, aber nicht verwandelt. Es be- sitzt eine innere Festigkeit, die den Einwirkungen des Gebrauchs und der Zeit widersteht, und ihnen doch einen seltsam verschönernden Einfluß ge- stattet. Es ist selbst im größten Reichtum spar- sam, denn es ist ein durchdachtes, für sich allein stehendes Werk, ein Stück Menschennatur.
Die Maschine kann dergleichen nicht schaffen. Sie erzeugt mathematische, schnurgerade, kreis- runde, spitze, scharfe, polierte Dinge, die sich nicht abschleifen, sondern schartig werden. Sie spart am Material, aber sie knausert nicht mit Ornament, denn dies macht ihr keine Arbeit. Auch überträgt sie gern praktisch erwiesene Kunst- griffe von einer Materie, von einer Form auf die andere. Sie formt mit gleicher Neutralität ein Gebetbuch und eine physikalische Wage. Vor allem aber setzt sie an die Stelle der Dauerhaftig- keit die bequeme Erneuerung. Hausgesponnenes Linnen und Papierservietten sind Sinnbilder dieser Polarität.
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An die Stelle des Anschaffungswertes setzt die Mechanisierung den Verbrauchswert, an Stelle des Zinsverlustes die Neubeschaffung. Der Luxus unserer Zeit ist nicht Kapitalsaufwand, sondern Rentenaufwand.
Durchaus verständlich! Denn die Mechani- sierung will produzieren. Reparaturwerkstätten sind ihr kostspieliger als Fabriken, anstatt zu flicken schmilzt sie um. Hier kommt ihr ein psy- chologischer Kreislauf zunutze; die Möglichkeit des Wechsels erzeugt den Wunsch nach Wechsel, dieser Wunsch wiederum unterstützt das Erneue- rungsprinzip.
Ein Weiteres tritt hinzu. Die alten Stoffe waren nicht abstrakt rein. Die Erze, die Gewürze, die Farben, die Keramiken enthielten Beimen- gungen, deren Störendes kunstreich überwun- den war, und die nun dem Gefühl, dem Blick, dem Geruch und Geschmack etwas Getöntes, Nuanciertes, Anheimelndes gaben. Die mechani- sierte Produktion nennt diese Zutaten Verun- reinigung und hat nicht viel Mühe, sie auszu- scheiden. Sie hält uns das duftende Prinzip des Veilchens kristallisiert unter die Nase und läßt keine Einwendung zu. Sie schafft Extrakte, Rein- kulturen, Normative. Aber solche Produkte ohne eigenes Leben, ohne Milderung überreizen und ermüden. So führen sie abermals zum Wechsel, und nebenher, da sie nun einmal ihre Seele ver- loren haben, zum Surrogat.
Zeigen nun diese KünstHchkeiten, teils überrein, teils flüchtig naturalisiert, teils nachgeahmt, teiV« appretiert, eine Beaute du diable, im Schimmer
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der Neuheit, in dem, was ein Geschäftswort die Aufmachung nennt, und in einer gewissen Keck- heit der rasch erdachten Form, so blüht diese Frische schnell dahin; und alsbald klopft das mechanisierte Schicksal, die Mode, an die Tür und weist das früh gealterte Geschöpf in den Vor- stadtwinkel, in die Provinz, nach Chile und zu- letzt nach Afrika, um der Produktion neue Arbeit zuzuweisen.
So schafft die Mechanisierung sich selbst un- geheuerste Hilfskräfte in dem Warenhunger der Menschen, in der IrreaUtät, Leblosigkeit und Schattenhaftigkeit ihrer Produkte, und in der Mode.
Doch was ist dieser ephemere Umlauf der Gebrauchsgüter im Vergleich zu jenem zweiten, akkumuHerenden, den die Mechanisierung zeitigt! Denn die Menschheit verbraucht nicht alles, was sie schafft; einen großen Teil ihrer Güter speichert sie auf. In welcher Form? Sie baut.
Sie baut Häuser, Paläste und Städte; sie baut Fabriken und Magazine. Sie baut Landstraßen, Brücken, Eisenbahnen, Trambahnen, Schiffe und Kanäle; Wasser-, Gas- und Elektrizitäts- werke , Telegraphenlinien , Starkstromleitungen und Kabel; Maschinen und Feuerungsanlagen. Sie melioriert Ländereien, entwässert, reguliert und deicht.
Es ist schwerer, eine sinnliche als eine zahlen- mäßige Vorstellung vom Umfange dieser Bauten sich zu machen, die sich für Deutschland jährlich auf mehrere Milliarden belaufen. Schätzungs- weise könnte man annehmen, daß die alljährlichen
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Erweiterungen Berlins etwa der Wertbewegung gleichkommen, die zum Bau des Perikleischen Athen erforderlich waren. Die Investitionen der deutschen Städte dürften etwa alle fünf Jahre einen Wert erreichen, der an mechanischem Aufwand dem Bauwert des Kaiserlichen Rom gleichkäme.
Wozu dienen nun diese unerhörten Bauten ?
Zum großen Teile dienen sie direkt der Produk- tion. Zum Teil dienen sie dem Verkehr und Han- del, somit indirekt der Produktion. Zum Teil dienen sie der Verwaltung, der Wohnung, der Hy- giene, somit vorwiegend der Produktion. Zum Teil dienen sie der Wissenschaft, der Kunst, der Technik, dem Unterricht, der Erholung, somit indirekt, und mit einiger Einschränkung, noch immer der Produktion.
Das ist das Saatgut, das die Mechanisierung all- jährlich dem Boden anvertraut, und das auf lange Zeiten ihr vielfache Ernte tragen wird. Es ist gleichzeitig der materielle Lohn der Welt für die unsägliche Anstrengune im Joche der Mechani- sierung: denn diese Schätze aus Erde, Stein und Metall bedeuten die Zunahme der National- vermögen, deren unvorstellbare Zahlen hier auszusprechen nicht verlohnt.
Fassen wir die Reihe dieser Vorstellungen zu- sammen, so muß uns die Erde als eine einzige, un- trennbare Wirtschaftsgemeinschaft erscheinen. Das Anwachsen der Bevölkerung hat dies ungeheure Rad in Schwingung versetzt; nun kreist es, in- dem es selbsttätig und ununterbrochen seine Masse und Geschwindigkeit vermehrt. Über das Ziel des Schutzes und der Nahrung hinausstrebend
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schafft die mechanisierte Produktion dauernd neue Begierden. Schon hat sie die materiellen Lebens- bedingungen bedeutend gehoben; sie wird und muß dazu führen, jedes absolute Elend des Besitzes aus der Welt zu schaffen; gleichzeitig saugt ein immer wachsender Warenhunger die gewaltiger sich ergießenden Ströme auf.
Auch in früheren Jahrhunderten war Produk- tion eine Hauptaufgabe menschlicher Tätigkeit, doch ihre Mittel waren beschränkt und gaben kei- ner weiteren Hoffnung Raum als der, das Nötigste zu erschwingen und für himmlische und irdische Herren etwas zu erübrigen. Die Entfesselung der Mechanik hat jede Schranke niedergeworfen. Der Teil der menschlichen Tätigkeit in zivilisier- ten Ländern, der weder direkt noch indirekt der Produktion und ihrem Schutze dient, ist klein ge- worden. Die mechanisierte Produktion hat sich zum Selbstzweck erhoben.
DIE MECHANISIERUNG DER WELT. III
Mechanisierung und Organisation
Wir haben die Mechanisierung der Güterpro- duktion betrachtet und uns vergegenwärtigt, wie dieser vielfältige, alles materielle Handeln um- schließende Aufbau mit Notwendigkeit aus dem Fundament derVolksverdichtung erwachsen mußte. Damit nun der zum sichtbaren Gesamtgeschöpf erhobene wirtschaftliche Bienenstaat Existenz und Leben gewinnen konnte, mußte ein System un-
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sichtbarer Verständigungen, Bindungen und Be- ziehungen gegeben sein, das die menschlichen Ele- mente des Organismus zusammenhielt, Beruf und Arbeit verteilte, und gleichzeitig die zu bear- beitende tote Substanz an diese lebenden Ele- mente kettete. Es mußte für das notwendige Drama der mechanisierten Produktion Textbuch, Inszenierung und Rollenverteilung geschaffen wer- den.
Den Kern dieser unsichtbaren Ordnung der wirtschaftHchen Welt bildet die Institution des Besitzes, und zwar in der auf das strengste an die Person gebundenen Form des erblichen Be- sitzes.
Damit nun diese höchst persönliche Institution den mannigfachen Bildungen und Bewegungen der mechanisierten Produktionsform sich anschmie- gen konnte, mußte sie in analoger Weise wandel- bar und unpersönlich werden. Der Besitz mußte bis ins Kleinste teilbar, bis zum Größten anhäuf- bar, er mußte beweglich, austauschbar, fungibel, seine Erträge mußten vom Stamme trennbar und für sich verwertbar sein. Kurz, der Besitz mußte im Abbilde den Aufgaben der mechanisierten Wirklichkeit, der Arbeitsteilung, Arbeitshäufung, Organisation und Massenwirkung entsprechen ler- nen, er mußte mechanisiert werden.
Den mechanisierten Besitz nennen wir Kapital. Der Vorgang, der von außen und physikalisch be- trachtet als mechanisierte Gütererzeugung er- scheint, dieser Vorgang stellt sich von innen, menschlich und organisatorisch betrachtet, ah Kapitalismus dar.
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Daher wird der Kapitalismus andauern, solange das mechanisierte Produktionssystem Bestand hat; er wird andauern, gleichviel ob alles Kapital der Welt in den Händen einer Person oder eines Ge- meinschaftskörpers vereinigt wird, und somit das, was man heute Transaktion nennt, zur bloßen Buchung herabsinkt. Man kann daher von dem Aufhören der privatkapitalistischen Gesellschaft reden, vorläufig aber nicht von dem Aufhören der kapitalistischen Produktionsweise.
Schon jetzt ist die Mechanisierung des Besitzes so weit vorgeschritten, daß das Kapital in seiner atomistischen Teilbarkeit, Beweglichkeit und Ko- häsion auffallende Analogien mit dem Aggregat- zustand der Flüssigkeiten aufweist und daher innerhalb gewisser Grenzen den Gesetzen dei Hydrostatik und Hydrodynamik folgt. Diese Verflüssigung ist geschaffen worden durch eigen- artige Zirkulationsformen, die, von verschie- denster Herkunft und Geschichte, sich allmählich sozusagen zu Münzsorten des Kapitalverkehrs aus- gebildet haben. Als Zirkulationsform des Grund- besitzes kann man die Hypothek, den Pfandbrief und die Obligation bezeichnen, als Zirkulations- form der Waren den Wechsel, als Zirkulationsform des Arbeitswertes die Aktie, als Zirkulations- form der Gesamtwirtschaft die öffentliche An- leihe, als Zirkulationsform des unspeziaUsierten Vermögensanspruchs das Bankguthaben und die Banknote. Im Maße wie die Weltwirtschaft sich ausdehnt, erhöhen sich die Beträge dieser fünf Kategorien, im Maße wie die Wirtschaft dem einen oder anderen Schaffensgebiet sich
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zuwendet, variiert die Relation ihrer Wertbe- messungen.
In Gestalt der Zirkulationsformen häufen sich die Vermögensbestände in zentralen Behältern, aus denen sie gesammelt oder verteilt den Be- stimmungen zugeführt werden. In Argentinien ist der Bau einer Hafenanlage erforderlich. Ein Ventil wird geöffnet: deutsche, französische und enghsche Bankguthaben und Wechsel werden gegen argentinische Anleihe eingetauscht. Ein zweites Ventil: der argentinische Staat verfügt über sein Guthaben. Und gleichzeitig wird der lebende Vor- gang sichtbar, dessen finanzielles Abbild soeben gebucht wurde: aus allen Häfen setzen sich Dam- pfer nach der Baustelle hin in Bewegung; sie tra- gen Säcke Zement, eiserne Schienen, Maschinen- teile, Kessel, Kleider, Lebensmittel und Menschen. Werkstätten werden errichtet, Erdmengen be- wegt, Krane montiert, Löhne ausbezahlt. Mini- sterreden gehalten, und die vereinigte Weltwirt- schaft hat sich längst wieder anderen Aufgaben zugewendet.
In gewissem Sinne läßt sich behaupten, die Me- chanisierung des Besitzes sei der Mechanisierung der Produktion bereits vorausgeeilt. Denn indem das Kapital in seinem hydraulischen Zustande jeden Hohlraum des ökonomischen Bedürfnisses auszugleichen, von jeder Anhäufung überflüssiger Produktionseinrichtung abzuströmen strebt, treibt es einerseites zu Neugründungen, andererseits aber auch zu Verschmelzungen und Aufsaugungen. So kann es kommen, daß ein Industrieller in sich selbst die Doppelnatur der Produktionsseite und
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der Kapitalsseite seines Unternehmens erlebt: als selbständiger, auf Tradition und patriarchalische Unabhängigkeit gestützter Fabrikant wünscht er die Isolation, als Verwalter eines Kapitals sieht er sich zur Vereinigung mit anderen gedrängt. Der anonymen, selbsttätig wirkenden und ra- tionalen Organisation des Besitzes steht, nicht min- der mächtig, wechselseitig sie stützend und von ihr gestützt, eine zweite Organisation gegenüber, die auf Tradition, Anerkennung, Gewalt und Sank- tion sich aufbaut, die Organisation des Staates. In ihr kämpft seit unvordenklichen Zeiten das mystische mit dem mechanischen Prinzip, das erste berufen, Herkommen und Ziele zu festigen, das zweite von den wachsenden Aufgaben und Sorgen des Augenblicks emporgetragen. Die my- stische Stärke des Staates lag in seiner uralten Ver- bindung mit Religion und Kult. Von dem Zeit- punkt an, wo eine veränderte Wirtschaft, eine steigende Bedeutung der Bevölkerungsmenge, ein verstärkter Reibungskoeffizient in der Außenbe- wegung den Staat veranlaßte, Toleranz zu üben, das Verbrechen der Nebenreligion zu ignorieren, fremdrehgiöse Nachbargebiete anzuerkennen, war der Stützpunkt vom Unbedingten, Überirdischen ins Bedingte, Utilitarische verlegt; der religiöse Staat war ein Sakrament, der Verwaltungsstaat ist eine Institution. Das römische Imperium suchte vergeblich nach einem Ankergrund im Absoluten, Unantastbaren; es mußte sich schließHch mit orientalischem Leibgardendespotismus abfinden und ging zugrunde. Der mittelalterliche Staat trug zwar nicht mehr in sich das Licht der Re-
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ligion, doch reflektierte er die Strahlen der Kirche; und als die Gewalten sich entzweit hatten, er- wies sich die germanische Gefolgeschaftstreue von ausreichender Idealität, um den Monarchen sakrosankt und den mit ihm verketteten Staat intangibel zu machen.
Das erschütterndste Umsturzwort, das je aus könighchem Munde kam, sprach Friedrich der Große, indem er den Herrscher als Staatsdiener definierte. Nicht in der Offenbarung preußi- scher Sachlichkeit und Pflichtbewußtheit lag das Entscheidende dieses Wortes, sondern vielmehr darin, daß das Königtum vom Mysterium, der Staat vom mystischen Königtum losgebunden wurde, und daß nunmehr der Staat nach Auffas- sung des königlichen Freigeistes zwar als höchste Einrichtung, immerhin aber nur als Einrichtung der Nützlichkeit und Wohlfahrt und als Menschen- werk dastand.
Dies hindert nicht, daß gerade unsere Zeit, und zwar nicht bloß im feierhchen und festlichen Verkehr, die mystische Seite des Staates und der Staatsautorität zu betrachten liebt. Auch wäre es durchaus verkehrt, den Staat als eine Über- gangsform anzusprechen, die geradeswegs zur Ak- tiengesellschaft höherer Ordnung führt. Noch immer schöpft er seine stärkste Lebenskraft aus absoluten Werten und Notwendigkeiten. Er bleibt der Garant der Nationahtät, des Rechtes und der Ordnung; das Jahrhundert der Ratio- nalisierung hat ihm überdies als Ersatz der schwin- denden Mystik den Schutz der Religionen, der Erziehung, der Wissenschaft und Kunst übertragen.
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Sucht man nun bilanzmäßig zu ermitteln, wie weit der heutige Staat dem Prinzip der Mechani- sierung unterhegt und dient, so handelt es sich darum, festzustellen, welche Funktionen ihm ak- zidentell, welche Funktionen ihm notwendig zu- fallen; sodann abzuschätzen, wie weit diese not- wendigen Funktionen mechanistischer Richtung folgen. Unberücksichtigt, doch nicht unbeachtet mag bleiben, daß der Staat in seinem Aufbau das Vorbild aller mechanistischen Organisationen ge- worden ist, und daß er an keinem Tage seines auf- wandreichen Lebens die gemünzten Hilfsmittel mechanisierter Wirtschaft entbehren kann.
Von der Kirche sind die westlicheren Staats- gebilde in ihrer überwiegenden Mehrzahl los- gelöst, ohne daß man sagen könnte, sie hätten hierdurch ihren Staatscharakter eingebüßt.
Das eigenthche Regierungswesen, die Aufsicht über örth'che und departementale Verwaltungen, ist in den angelsächsischen Ländern bis auf eine leichte finanzielle Kontrolle unbekannt, und es denkt niemand daran, im Interesse der Staats- vervollständigung diese Institution einzuführen, ebensowenig, wie man etwa in Frankreich oder in Preußen daran denkt, sie abzuschaffen. Auch sie darf daher nicht als ein notwendiges Organ des Staatskörpers gelten.
Die Aufsicht über das Erziehungswesen ist den Obliegenheiten des Staates erst in jüngster Zeit hinzugefügt worden. Sie zu beseitigen wäre viel- leicht kein Fortschritt, doch eine Maßnahme, die dem Staatsleben nichts von seinem inneren Wesen rauben könnte; um so weniger als ein anerkanntes
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Erziehungsideal in Ländern starker Interessen- gegensätze nicht existiert.
Staatliche Unternehmungen des Verkehrs, der Industrie und des Handels, mögen sie als notwen- dige Funktionen angesehen werden oder nicht, entspringen und dienen der Mechanisierung.
Der Wissenschaftsbetrieb auf Grundlage pri- vater Universitäten und Forschungsinstitute hat in den Vereinigten Staaten sich durchaus eben- bürtig den Staatsbetrieben anderer Länder er- wiesen und somit den Begriff der immanenten Notwendigkeit dieser Ressorts erschüttert. Auf dem Gebiet der Kunst ist die Betätigung des lehrenden, bestellenden und bestimmenden Staates in den meisten Kulturländern unbedeutend, wo nicht schädlich.
Die staatliche Finanzwirtschaft beruht, soweit sie Einnahmen schafft, auf mechanisierter Wirt- schaft und schließt sich ihr aufs engste an. So- weit sie Ausgaben begleicht, trägt sie die Fär- bung des Gesamtkörpers, dem sie dienstbar ist, und verhält sich somit im Sinne der gestellten Frage neutral.
Es bleiben, wenn man von allgemeiner Reprä- sentanz absieht, die integrierenden Funktionen des Staates: äußere Politik und Landesverteidi- gung, Gesetzgebung und Rechtsschutz.
Entschieden ist die Verteidigung der Natio- nalität beim heutigen Stande der Zivilisation eine notwendige, ja eine absolute Aufgabe, Indessen wird erhaltende und werbende Politik, verteidi- gende und angreifende Kriegführung weitaus überwiegend, vielleicht dauernd in den Dienst
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sogenannter Lebensfragen gestellt bleiben, die, solange nicht abenteuernde Menschen oder Nationen die Stetigkeit des Geschichtsganges unterbrechen, sich in Fragen der wirtschaft- lichen Existenz auflösen lassen. Tatsächlich und normalerweise gelten neun Zehntel der poli- tischen Tätigkeit den wirtschaftlichen Aufgaben des Augenblicks, der Rest den wirtschafthchen Aufgaben der Zukunft.
Mit Ausnahme gewisser seelenpathologisch, re- ligiös, historisch oder philosophisch gestimmter Gebiete der Kriminalistik, die außerhalb dieser Betrachtung stehen, dient die Justiz der Sicher- heit und dem Schutz der wirtschaftenden Person und Gesellschaft auf der Grundlage der bestehen- den Besitz- und Mechanisierungsordnung.
Die Gesetzgebung wiederum, die alle Gebiete des öffentlichen und privaten Lebens auf Grund der herrschenden Zeitanschauung regelt und aus- gleicht, fügt ebensowenig wie die Säckelmeisterei dem Gesamtbilde eine neue Farbe zu.
So darf man zusammenfassend sagen, daß der heutige Staat trotz der Zuflüsse an absoluten Auf- gaben, die ihm im Laufe der letzten beiden Jahr- hunderte beschieden waren, in seinem innersten Wesen den Gesetzen und Evolutionen der Me- chanisierung gefolgt ist.
Ihn als eine bewaffnete Produktionsvereinigung auf nationaler Grundlage hinzustellen, wäre viel- leicht verfrüht; ihn als eine mystische Institution oberhalb der mechanisierten Wirtschaft und Ge- sellschaft zu betrachten, sicherHch verspätet.
Selbst solche Lebensgebiete, die von materiellen
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Zielen und Einwirkungen losgelöst erscheinen, wie Religion und Wissenschaft, haben sich me- chanistische Umformungen gefallen lassen müssen. Es ist hier nicht der Ort, zu entwickeln, wie die in Kirchen verkörperten Religionen mit wachsen- der Gebietsausdehnung und Bekennerzahl sich zu Betrieben ausgestalteten, wie sie lernten, durch stillschweigende wechselseitige Duldung ihrem innersten Wesen das schwere Opfer der Arbeitstei- lung zuzumuten, wie sie hierarchisch, finanziell, bureaukratisch und geschäftlich ihre Verwaltungs- körper auszubauen gezwungen waren, wie sie propagandistisch konkurrieren, ja selbst mit Geg- nern über Teilung der Gebiete, man möchte sa- gen: des Absatzes, sich verständigen mußten, wie sie unter Ausnutzung jeder aktuellen Verschie- bung der Lage politische, wirtschaftliche und so- ziale Mächte in den Dienst ihrer Interessen zu ziehen hatten.
Der Weltbetrieb der Wissenschaften, neben dem Kapitalismus die großartigste der anonymen und internationalen Organisationen, mit seinen pein- lich respektierten Gebietsabgrenzungen, seinem hochentwickelten Informationswesen, seinem groß- industriell angelegten Laboratoriumsbetrieb, seiner Wechselbeziehung zur Technik, seinen Verbänden und Kongressen ist genügend gekannt und ge- rühmt, um eine Vertiefung in seine Mechanisie- rungsform entbehrlich zu machen.
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DIE MECHANISIERUNG DER WELT. IV
Mechanisierung und Gesellschaft
So spannen mechanisierte Organisationen ihre vielfachen unsichtbaren Netze über jeden Fuß- breit Erde. Hier und da wird eine Masche sicht- bar: Absperrungen, Verbote, Aufforderungen, Warnungen, Drohungen säumen unsere Wege.
Aber diese armseligen Verkehrsmaschen be- deuten wenig, verglichen mit jenen zahllosen Bin- dungen, die mit Ausnahme der Gestirne fast jeden sichtbaren Gegenstand an Personen knüpfen, die jede Tätigkeit an Rechte und Pflichten ketten, die alle Einzelmenschen zu den seltsamsten und man- nigfachsten Gemeinschaften vereinigen. Ein er- wachsener Deutscher, der vermögenslos aus Ame- rika heimkehrt, hat, sofern er sich nicht um Wohl- tätigkeit bewirbt, nur das Recht, sich mit normaler Geschwindigkeit auf öffentlichen Straßen zu be- wegen und seine Stimme für die Reichstagswahl abzugeben. Kein komplizierterer und schwieri- gerer Beruf läßt sich in zivilisierten Ländern erdenken als der des Einsiedlers.
Konnte vorzeiten ein Deutscher sich rühmen, Christ, Untertan, Bürger, Familienvater und Zunftgenosse zu sein, so ist er heute Subjekt und Objekt zahlloser Gemeinschaften. Er ist Bürger des Reichs, des Staates und der Stadt, Eingesessener des Kreises und der Provinz und Mitglied der Kirchengemeinde; er ist Soldat, Wähler, Steuer- zahler, Inhaber von Ehrenämtern; er ist Berufs- genosse, Arbeitgeber oder -nehmer, Mieter oder
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Grundbesitzer, Kunde oder Lieferant; er ist Ver- sicherungsnehmer, MitgHed gewerblicher, wissen- schaftlicher, unterhaltender Vereinigungen; er ist Kunde einer Bank, Aktionär, Staatsgläubiger, Sparkontenbesitzer, Hypothekengläubiger oder Schuldner; er ist Mitglied einer politischen Partei; er ist Abonnent einer Zeitung, des Telephons, des Postscheckkontos, der Trambahn, der Aus- kunftei ; er ist Kontrahent von Verträgen, münd- lichen und schriftlichen Verpflichtungen; er ist Sportsmann, Sammler, Kunsthebhaber, Dilettant, Reisender, Bücherleser, Schüler, Akademiker, In- haber von Zeugnissen, Legitimationen, Diplomen und Titeln; er ist Korrespondent, Firma, Referenz, Adresse, Konkurrent, er ist Sachverständiger, Vertrauensmann, Schiedsrichter, Zeuge, Schöffe, Geschworener; er ist Erbe, Erblasser, Gatte, Verwandter, Freund.
Diese Bindungen bedeuten die Verzweigungen der Nervenfasern im bloßgelegten Inneren der mechanistischen Wirtschaft. Um aber das Gewebe der Gesellschaft, der belebten Trägerin der Me- chanisierung, vollkommener zu überblicken, muß das Auge auch auf den Einschlag dieser lebendigen Kette gerichtet werden: den Beruf.
Aus diesen beiden Elementen: Bindung und Beruf, entwickelt sich die entscheidende Eigen- schaft der mechanisierten Gesellschaft, ihre Homogenität.
Schon apriorisch leuchtet es ein, daß eine le- bende Maschinerie, um den Produktionsprozeß der Erde zu tragen, aus gleichmäßigem, normalem und festen Material bestehen muß, daß ihre Teile
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massenhaft produzierbar und auswechselbar, fest ineinandergefügt und reibungslos, geschwindester und gleichförmigster Bewegung fähig sein müssen.
Die Bindungen tragen zur Homogenisierung bei, indem sie bewirken, daß Jeder mit Jedem sich berührt, reibt und schleift, daß eine große Zahl gemeinsamer Kenntnisse, Verwaltungs- und Ver- kehrsmethoden zum Gemeingut wird, daß der Einzelne lernt, sich zurechtzufinden, anzupassen, umzugehen, und sich von der Abgrenzung der Interessengebiete, der Beschränkung der Willkür und der Zusammenwirkung des Ganzen eine Vor- stellung zu bilden. Jedes der mechanisierten Gesell- schaftselemente ist ein wenig alles in allem: Po- litiker, Geschäftsmann, Unterhändler, Redner, Disponent und Organisator; ein jeder ist Träger von Verantwortung, welche füglich als Mechani- sierungsform der Pflicht und, bei ihrem merklich materiell und militärisch gefärbten Charakter, schlechtweg als die ethische Kategorie der Me- chanisierung angesehen werden kann. Erfreulich tritt der Ausgleich der QuaUtäten zutage in der schnell erworbenen und bewährten Fähigkeit unserer Arbeiter, zu urteilen, zu handeln und zu disponieren.
Selbst die scheinbar trennende Spezialisierung des Berufes muß zur Homogenität führen. Denn eine reichHche Ansammlung in letzter Linie ähn- licher Vorkommnisse erzeugt analoge Geistesdis- positionen; die Anwendung gleichartiger Denk- und Arbeitsformen wirkt entscheidender als die Ungleichartigkeit der Anwendungs- und Arbeits- gebiete; die Gleichförmigkeit der Arbeitszeit und
Erholungsdauer entscheidender als die Verschieden- heit der Arbeitsstelle; die Gleichwertigkeit der Einkommen entscheidender als die Ungleichheit der Quellen, aus denen sie fließen.
Ein Rechtsanwalt von heute ähnelt seinem me- dizinischen Stammtischgenossen weit mehr, als ein Leinenweber einem Tuchmacher von ehedem. Und mehr noch ähneln sich ihre Häuslichkeiten, ihre Lebensgewohnheiten, ihre Kleidungen, ihre Denk- weisen und ihre Wünsche.
Vor allem aber trägt die zunehmende Intellek- tualisierung der Berufe dazu bei, gleichartige Men- schen zu schaffen. Die alte Güterproduktion ver- langte vom Einzelnen einen periodischen Kreislauf bereitender,schaffender,fertigender und verwerten- der Tätigkeit, denn das Werk eines jeden Menschen war ein Ganzes. Deshalb mußte viel Manuelles und viel Ungeistiges, viel Abwarten und viel Umstand in Kauf genommen werden. Heute ist alle Arbeit unterteilt und daher konzentriert; die Phasen sind beseitigt, und der arbeitende Mechanismus erfordert mehr denkende Überwachung als hand- festes Zugreifen. Im Gegensatz zu den alten Auf- gaben, die sich periodisch wiederholten und daher denWert der Erfahrung aufs höchste schätzen ließen, die aber in ihrer Wiederholung der Phantasie und der Erkenntnis unmerklich wachsenden Spielraum gestatteten, steht der Schaffende und Überwachende unserer Zeit beständig vor scheinbar neuen Pro- blemen, die sich aber alle mit gleichen Denk- formen bewältigen lassen und daher die Gleich- förmigkeit des Handelns vermehren : so etwa, wie in einem Buch mit Regeldetrieaufgaben das
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hochgemute Auftreten von Wasserstrahlen, Schnell- läufern und Handelsleuten nur eine wechselnde Umschreibung der nämlichen einfachen Glei- chungsformel bedeutet.
Fügt man dem physischen und intellektuellen Ausgleich der Lebensbedingungen die Wirkungen eines beständig wachsenden Volkswohlstandes hinzu, so erhält man die Grundbedingungen der Mittel- standstendenz, die für die mechanisierte Gesell- schaft bezeichnend ist.
Die bürgerliche Gesellschaft Deutschlands ist weit jünger als die engHsche und französische. Von ihrer Entstehung an, die in die Mitte des XVIII. Jahrhunderts fällt, war sie hundert Jahre lang arm, und diese Armut, verbunden mit einer edlen Stärke der Entsagung, trug reiche geistige Frucht, die zur Ernte der romantischen Periode und des Konstitutionskampfes reifte. Der Mer- kantihsmus der Mechanisierungszeit brachte ihr unerhörten Zuwachs an Wohlstand und raubte ihr dafür einen Teil ihrer geistigen Werte. Im letzten Menschenalter allein hat sich die Zahl der Ein- kommen, die selbständigen kommerziellen Ver- antwortungen entsprechen, zum mindesten ver- hundertfacht und Raum geschaffen für eine Breite des bürgerlichen Behagens und Luxus, wie sie nur in England bekannt war. Behausung, Klei- dung, Bedienung und Unterhaltung zeigen die Merkmale dieser Steigerung, die vielleicht von allen Entwickelungsformen der neuen Zeit die beispielloseste ist. Denn die Geschichte bietet uns zwar Vorgänge von maßlosem Reichtum und Prunk einzelner Personen und KHquen : die Exi-
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stenz von Hunderttausenden begüterter, ja nach früheren Begriffen reicher Menschen in einem Lande ist aber gänzlich ohne Präzedenz und führt zu unabsehbaren Folgen, die man als Grund- erscheinung der neuzeitHchen Umgestaltungen anzusehen sich versucht fühlen könnte, wenn es nicht klar zutage läge, daß sie als Sekundärerschei- nungen von der Verdichtung und Mechanisierung abhängen.
Zunächst aber hat dieser Reichtum eine Ver- armung herbeigeführt; nicht an Vorstellungen und Kenntnissen, sondern an Wertungen, nicht an Wünschen und Zwecken, sondern an Idealen. Dieser homogenisierten Gemeinschaft sind ge- meinschaftliche Urteile und Ziele noch nicht er- wachsen, es sei denn solche von handgreiflicher Utilität; es ist, als sei dem Gesamtkörper ein Innenleben noch nicht erwacht, oder als seien seine ersten Regungen vom Lärm der Interessen übertäubt. Noch mehr: eine unbewußte Reak- tionsbewegung der Elemente gegen ihre Homoge- nisierung zwingt sie, noch einmal jedes erschwing- liche Quantum von IndividuaHtät nach außen zu kehren und zur Wahrung vermeintlicher Originali- tät sich jeder offenkundigen Gemeinschaftstendenz zu entziehen. So wurde in Deutschland nicht ein- mal für die Freude am Vaterland ein kulturell gültiger Ausdruck gefunden: der unterwürfigen Devotion und dem aggressiven Gebaren des Vereins- und Geschäftspatriotismus wurde eine selbstvertrauende Heldenverehrung, ein sicheres Nationalbewußtsein, wie es die Kraft der Eng- länder ausmacht, nicht entgegengesetzt.
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Von der ideenbildenden Fähigkeit des deut- schen bürgerUchen Intellektualismus aber hängt es ab, ob und wann er berufen ist, die Verantwor- tung für das kulturelle und politische Leben zu übernehmen, die ihm nach dem Lauf der mecha- nischen Entwicklung beschieden ist. Heute trägt er in Deutschland von dieser Verantwortung nur einen kleinen Teil, obwohl die bedeutendsten ma- teriellen Aufgaben: die Versorgung des Volks- zuwachses und die Bewältigung der Staatslasten, auf seinen Schultern ruhen.
Denn nach zwei Seiten hin findet in Deutsch- land die Homogenisierung wo nicht Grenzen, so doch Hemmungen, die zwar in manchem Sinne überschreitbar und überschritten, für die heutige Kräfteverteilung jedoch von entscheidender Be- deutung sind. Es wird späteren deutschen Ge- schichtschreibern schwer verständlich sein, wie in unserer Zeit zwei Schichtungssysteme sich wechselseitig durchdringen konnten: das erste ein Überrest der alten Feudalordnung, das zweite, das Kapitalistische, eine Nebenerscheinung der Mechanisierung selbst. Noch seltsamer aber muß es berühren, daß die neuentstandene kapitalistische Ordnung zunächst dazu beitragen mußte, den Bestand der Feudalordnung zu stützen.
Tatsächlich herrscht heute in den entscheidenden deutschen Staaten politisch und militärisch der- jenige Rest der früheren Oberschicht, der sich in der Form eingesessenen Adels erhalten hat. Aus zwei Gründen konnte er seine Macht bewahren : ein- mal, weil sein gesunder Instinkt ihn an die Land- wirtschaft fesselte, die unter der Betriebsform des
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Großgrundbesitzes im verflossenen Jahrhundert einen bedeutenden mechanistischen Aufschwung erlebte, und die noch heute eine starke Kontrolle der Landbevölkerung ermöglicht ; sodann, weil eine Anzahl europäischer Dynastien, durch die kapitali- stische Ordnung bedenklich gemacht, um so enger mit denjenigen Mächten verbündet zu bleiben wünschten, die durch Tradition ihren Häusern nahestanden, und die bei einem Umsturz am mei- sten zu verlieren hatten. FreiHch wurden diese Erwägungen zumeist verlassen, sobald die Ver- hältnisse zu einer gewissen Reife gediehen waren : wie ein Kapitän beim Sturm sein Schiff lieber auf hoher See als verankert sieht, so wurde in solchen Fällen die Monarchie der Tragkraft der gesamten Nation anvertraut. So bestehen denn feudal ver- ankerte Dynastien nur noch in Mitteleuropa.
Daß die zweite der bestehenden Schichtungen, die kapitalistische, und mit ihr die gewaltigste der einheitlichen Bewegungen unserer Zeit, der sozialistischen, nicht in den Mittelpunkt dieser Gesellschaftsbetrachtung gerückt ist, mag be- fremden und bedarf der Rechtfertigung.
Zweifellos ist es der schwerste Vorwurf, wel- cher der Zivilisation unserer Zeit gemacht wer- den kann, daß sie die Beschränkung eines Proletariats zuläßt, wenn unter einem solchen eine Bevölkerungsklasse verstanden wird, deren Angehörige unter normalen Verhältnissen zu selbständiger Verantwortung und unabhängiger Lebensführung nicht vordringen können. Die schärfste Zuspitzung dieses Vorwurfs : daß nämlich innerhalb dieser Klasse zeit- und stellenweise Not
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und Elend haust, wird als berechtigte Klage durch- weg anerkannt und Abstellung der Übel mit Ernst und nicht ohne Erfolg angestrebt; so daß die Frage des Notstandes hier ausgeschieden werden darf.
Erstrebt nun der Sozialismus die Beseitigung wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, die Hebung oder Umschmelzung des Proletariats, so muß diese Weltaufgabe mit hohem Respekt betrachtet und jeder Schritt zu ihrer Förderung als Zivilisations- etappe begrüßt werden. Doch darf man vom Standpunkt einer über den AugenbHck hinaus- gehenden Betrachtung nicht übersehen, daß es sich hier um Remeduren, und zwar materielle Remeduren, nicht um absolute Schöpfung und Ideen handelt. Deshalb ist es dem Sozialismus nicht gelungen, eine Weltanschauung zu schaffen; was er über das materiell praktische Erstreben hinausgreifend zustande gebracht hat, ist stark an- fechtbares popularphilosophisches Erzeugnis. So- zialismus bleibt Zeitaufgabe, solange er sich nicht zur Transzendenz zu erheben und neue Ideale für die gesamte Menschheit und ihren geistigen Be- sitz aufzustellen vermag. Dann aber würde sein innerstes Wesen sich wandeln und ein großer Teil des materiellen Rüstzeugs abgestreift werden müssen.
Aber auch innerhalb der Grenzen der Zeitauf- gabe besitzt der Sozialismus nicht die Stärke der Konsequenz und Unausweichlichkeit, die ihn zum Pol der gesellschaftlichen Entwicklung machen könnte, denn er verkennt den Dualismus der Ar- beit. Erfindung und Ausführung, Anordnung und
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Leistung werden sich niemals dauernd und grund- sätzlich vereinigen lassen, am wenigsten in einer mechanistischen und arbeitsteilenden Gemein- schaft. Immer werden die intuitiv, phantastisch, künstlerisch und organisatorisch Veranlagten den handgreiflich, praktisch, suggestiv Veranlagten gegenüberstehen. Eine Arbeitsverschmelzung der beiden Kategorien ist innerhalb der uns bekannten menschlichen Eigenschaftszonen nicht denkbar, vielleicht nicht einmal wünschbar.
Befreit man somit das Problem von der nüch- ternen Phantastik mechanisch konstruierter Para- diese, so bleibt als Kern die große und ernste Auf- gabe einer Reform des Proletariats. Ihre Lösung muß einsetzen an dem Punkte der höchsten Un- gerechtigkeit: bei der lebenslänglichen, ja erb- lichen Unentrinnbarkeit des Proletarierschicksals. Die Lösung ist möglich, wenn sie darauf abzielt, die Einsperrung der Vermögen, ihre allzustarre Kettung an Personen, Familien, Genossenschaften zu sprengen, eine gerechtere Bindung des Wohl- standes an wirtschaftliches und geistiges Verdienst zu sichern und jedem die geistigen Werkzeuge erschwingUch zu machen, die zum Wettkampf befähigen. Diese Gesamttendenz habe ich vor Jahren mit dem Namen Euplutismus bezeichnet; ihre Mittel bestehen vornehmlich in der Beseiti- gung aller Rechte, die den Charakter von Privat- monopolen tragen, in der Beschränkung des Erb- rechts, in einer gegen mühelos und ungerechte Bereicherung gerichteten Gesetzgebung, in der Ausgestaltung der Volkserziehung.
Sicherlich wird die Durchführung dieser Grund-
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Sätze Menschenalter erfordern, aber ebenso sicher- lich wird sie erfolgen, und ihre Ergebnisse werden den Beweis erbringen, daß es zur Abstellung einer wirtschaftlichen Ungerechtigkeit keines Welt- brandes bedarf. Noch vor dieser Erfüllung aber wird das soziale Problem eine Umgestaltung erfahren, und zwar in dem Sinne, daß die Homogenisierung, weit über die Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft hinausgreifend, einen bedeutenden und zwar den wertvollsten Teil des Proletariats assimiliert haben wird.
Denn schon heute erreichen, dem ehernen Lohn- gesetz zum Trotz, das seinen Trugschluß an die stillschweigende Voraussetzung unbeschränkten Ar- beitsangebotes knüpft, die Einkünfte geschulter Qualitätsarbeiter ein höheres Niveau als das des bürgerlichen Durchschnitts, und gleichzeitig hier- mit werden bürgerliche besitzschützende Inter- essen rege. Die mechanistische Produktion aber muß die ihr vorgeschriebene Richtung verfolgen und beständig darnach trachten, mechanische Ar- beit durch Überwachungsarbeit, ungeschulte durch Qualitätsarbeit zu ersetzen, die sie nicht nur höher bezahlen kann, sondern vielmehr so reichlich be- zahlen muß, daß Aufmerksamkeit und Stimmung des Arbeiters ihren Zwecken erhalten bleiben. Wollte man dieser Bewegung vorwerfen, daß sie nach Auswahl der QuaHfizierten ersten, zweiten und dritten Grades schließlich ein doppelt ver- elendetes Proletariat Unqualifizierter, Arbeits- unwilliger und Arbeitsunfähiger zurückläßt, so wäre zu erwidern, daß ein Idealzustand auf Erden freilich die Abschaffung aller wirtschaftHchen Be-
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schränkung erfordern, daß dieser Idealzustand aber gleichzeitig die ausschheßHche Existenz brauch- barer Menschen beanspruchen würde. Solange dies Ideal nicht erfüllt ist, wird es des Kontrastes zwischen beschränkter und reichhcher Lebens- führung bedürfen, um Regungen der Indolenz zu überwinden, die der Gemeinschaft schaden. Freilich wird es um so dringender die Aufgabe der Gesellschaft sein, dafür zu sorgen, daß jeder WiUige durch eigene Kraft dem Zustande der Beschränkung sich entwinden kann.
DIE MECHANISIERUNG DER WELT. V
Mechanisierung und Leben
Die umgestaltete Produktionsform, die um- gestaltete Gesellschaft und Welt wirken auf das Einzelleben zurück; sie schaffen ihm neue Vor- stellungen, Aufgaben, Sorgen und Freuden und formen die PersönHchkeit derart, wie die Maschine beim Einlaufen ihren Teilen die rechte Gefügig- keit gibt, daß die Elemente mit geringster Reibung, mit Ausnutzung aller vorhandenen Kräfte, unter Ersparnis an Zeit und Material willig, nachhaltig und rückhaltlos in den Massenprozeß sich ein- fügen und seinem rastlosen Anwachsen dienstbar werden.
Der Mensch früherer Zeiten kannte den Kreis- lauf der Natur, die ihn umgab; er kannte die Wiesen, Felder, Wälder und Hügel seiner Gegend; die Straßen und Gebäude seines Ortes, die nicht
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gerade zahlreichen Waren und Gerätschaften, die man dort feilhielt und die Heihgenbilder der Kirchen; er hatte etwas Lesen, vielleicht auch Schreiben und Rechnen gelernt, wußte manches aus den Heiligen Schriften und verstand sein Hand- werk. Vielleicht war er als Geselle gewandert, vielleicht hatte er große Herren vorüberziehen, Kirchenfeste sich entfalten sehen; dann und wann vernahm er von fernen Erdbeben, Kriegen und Seuchen, erblickte eine Feuersbrunst, ein Meer- wunder, ein afrikanisches Tier ; im übrigen waren die Ereignisse seines Lebens die natürlichen, von Geburt und Tod umschlossenen. Das Alltägliche war wunderbar, das Wunderbare alltäglich, alles stimmte zum Betrachten und zum Vertiefen, nichts zum Urteilen. Die seltenen Ereignisse er- schüttern; sie hinterließen lange Erinnerungen, die sich mit langen, zuversichtlichen Hoffnungen zu einem ruhigen Fluß des Erlebens vereinigten.
Vor wenigen Jahrzehnten waren Lebenskreise ähnlicher Geschlossenheit und Rundung etwa noch in den Alpentälern von Tirol oder auf friesischen Inseln zu finden; heute würde es nicht genügen, bis in die Kleinstädte von Mittelrußland vorzu- dringen, um ihre Spuren aufzusuchen. Welche Änderung des Horizontes hat unterdessen etwa der mittlere Bürger des neuen Deutschen Reiches erfahren !
Er verläßt die Schule mit einer Übersicht der vergangenen und der gegenwärtigen Welt, mit einer skizzierten Kenntnis mehrerer Sprachen, verschiedener Rechnungsmethoden; er hat einen Begriff von der Mannigfaltigkeit der Lebensein-
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richtungen, von der Schematisierung der Natur- erscheinungen. In millionenfachen Reproduk- tionen sind Kunstwerke aller Zeiten, Baustile, Landschaften, Völkerschaften an ihm vorüber- gezogen. Der Weg durch eine städtische Straße hat ihm mehr Gattungen von Waren, Gerätschaf- ten, Apparaten und Mechanismen vor Augen ge- führt, als Babylon, Bagdad, Rom und Konstan- tinopel kannten. Das Arbeiten der Maschinen, der Verkehrsmittel, der Fabrikationen ist ihm all- täghch, der AnbHck von Menschen aller Profes- sionen und Länder, von Tieren und Pflanzen aller Zonen nicht überraschend. Er kennt Ausflüge, ja Reisen über meilenweite Gebiete; Feste, Aufzüge, Vorführungen, Unglücksfälle, Kriegsübungen sind ihm geläufig. Er ist gewohnt, Bücher zu lesen, hunderte von Gegenständen zu benutzen, teil- weise zu besitzen; er ist gewohnt, Speisen und Vergnügungen aus aller Herren Länder zu ge- nießen, sich zu unterhalten und unterhalten zu lassen. Die Erlernung des Berufes bringt weitere Kenntnis von Methoden und Hilfsmitteln, seine Ausübungen an wechselnden Stellen und Orten neue Erfahrung von Lebensverhältnissen, Umgang und Organisation.
Aber mit der Lehrzeit und Berufseinrichtung läßt der Strom der zudringenden Notionen nicht nach. Täglich mindestens einmal öffnet das Welt- theater seinen Vorhang, und der Abonnent des Zeitungsblatts erbHckt Mord und Gewalttat, Krieg und Diplomatenränke, Fürstenreisen, Pferde- rennen, Entdeckungen und Erfindungen, Expedi- tionen, Liebesverhältnisse, Bauten, Unfälle, Büh-
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nenaufführungen, Spekulationsgeschäfte und Na- turerscheinungen; an einem Morgen während des Frühkaffees mehr Seltsamkeiten, als seinem Ahn- herrn während eines Menschenlebens beschieden waren. Und zu dieser freiwilligen Aufnahme an Information gesellt sich die berufliche : die Korre- spondenz des Kaufmanns, das Kundengeschäft, der Verkehr mit Angestellten und Vorgesetzten, mit Behörden und Geschäftsleuten bringt vom Morgen bis zum Abend soviel an Tatsachen- material, das gemerkt und verarbeitet werden muß, daß hunderte von Papierfabriken ganze Waldungen in weiße Bänder verwandeln müssen, um die Erinnerungszeichen an einen kleinen Teil dieser Neuigkeiten aufzunehmen.
Das Beängstigende der Bilderflucht ist ihre Ge- schwindigkeit und Zusammenhanglosigkeit. Berg- leute sind verschüttet: flüchtige Rührung. Ein Kind mißhandelt: kurze Entrüstung. Das Luft- schiff kommt: ein Moment der Aufmerksamkeit. Am Nachmittag ist alles vergessen, damit Raum im Gehirn geschaffen werde für Bestellungen, An- fragen, Übersichten. Für die Erwägung, das Er- innern, das Nachklingen bleibt keine Zeit.
Wie entledigt sich nun der Geist überflüssiger Notionen ? Durch Urteil. Die Erscheinung wird besiegelt, etikettiert und eingereiht; so ist sie er- ledigt, indem sie sich scheinbar in einen Zuwachs an Erfahrung, vielfach nur in einen Zuwachs an Vorurteil verwandelt hat. Aber selbst das Vor- urteil scheint erträglicher als die Urteillosigkeit, eben deshalb, weil es Vorstellungen verdauen hilft und in Zweckdienlichkeiten verwandelt. So wird
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geurteilt von früh bis spät : dies ist gut, dies ist nützlich, dies ist ungerecht, dies ist töricht. Selbst die Unterhaltung wird zu einem Dialog von Ur- teilen, die leicht, verantwortungslos, unsachlich und schematisch vorgebracht werden. Im Hagel der Tatsachen erstirbt die Verwunderung, der Respekt vor dem Ereignis, die Empfänghchkeit, und gleichzeitig erhöht sich die Begierde nach neuen Tatsachen, nach Steigerungen. Wird die Begierde nicht gesättigt, so tritt eine verzweifelte Erschöpfung ein, die dem Menschen seine eigene Lebenszeit hassenswert erscheinen läßt und daher Langeweile genannt wird.
Mechanistisch betrachtet ist die Langeweile das Warnungssignal, das dem Menschen in die Ohren bläst: er sei zeitweilig ausgeschaltet aus dem all- gemeinen Werben und Walten, und ihn zum Zwang der Arbeit oder des Genusses antreibt.
Die Arbeit selbst aber ist nicht mehr eine Funk- tion des Lebens, nicht mehr eine Anpassung des Leibes und der Seele an die Naturkräfte, sondern weitaus eine fremde Funktion zum Zweck des Lebens, eine Anpassung des Leibes und der Seele an den Mechanismus. Denn mit Aus- nahme der wenigen freien Berufe, deren Wesen ungeteilt und Selbstzweck ist, der künstle- rischen, wissenschaftlichen und sonsthin schöpfe- risch gestaltenden Arbeit, ist der mechanisierte Beruf Teilwerk. Er sieht keinen Anfang und kein Ende, er steht keiner vollendeten Schöpfung gegen- über ; denn er schafft Zwischenprodukte und durch- läuft Zwischenstadien. Auch er kann angepaßten Naturen eine absolut erscheinende Befriedigung
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gewähren, insbesondere da, wo er mit Privilegien und Befugnissen operiert; im allgemeinen aber trägt er seine Belohnung nicht in sich, sondern hinter sich, er verlangt nicht sowohl Liebe als Interesse.
Mit der Abkehr des Berufes von der Natur zur Mechanisierung haben sich weitere Änderungen seines Wesens vollzogen.
Zum ersten: der alte Beruf war gegründet auf Erfahrung und Erlernung. Der Sohn vollbrachte im Kreislauf des Jahres, was der Vater im Kreis- lauf des Jahres vollbracht hatte. Der Alte hatte die längere Übung, er hatte mehr Zwischenfälle erlebt; so war er geschulter und weiser. Zu ihm blickte man auf, er war Autorität. Was das junge Geschlecht zum Ererbten hinzufügte, war frei- wilHger Tribut an die langsam sich ändernde Meinung der Zeit, nicht Not und Zwang.
Wollte heute einer sein Land bestellen, seine Schuhe fertigen, seine Schnittware verkaufen, wie es ihn seine Vorfahren gelehrt, er wäre bald mit seiner Weisheit am Ende; könnte er sie bei sei- nen wechselnden Zwischenfällen um Rat fragen, er erhielte falsche Auskunft. Er muß wie ein Fechter der launischen Mechanisierung ins Auge schauen, ihre Finten parieren, ihren Stößen zu- vorkommen. Er muß planen, erfinden, nachah- men, ausprobieren, um sich zu erhalten. Den Begriff der Autorität versteht er nicht mehr, und Respekt hat er nur da, wo er Erfolg sieht.
Zum Zweiten. Der Nachbar von ehedem ist der Konkurrent von heute. Selbst die Landwirt- schaft unterliegt der Konkurrenz, obwohl der
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Feind jenseits der Grenzen, ja des Meeres wohnt. Die Arbeit ist nicht mehr allein ein Ringen mit der Natur, sie ist ein Kampf mit Menschen. Der Kampf aber ist ein Kampf privater PoUtik; das intrikateste Geschäft, das vor weniger als zwei Jahrhunderten von einer Handvoll Staatsmännern geübt und gehütet wurde, die Kunst, fremde Inter- essen zu erraten und den eigenen dienstbar zu machen. Gesamtlagen zu überschauen, den Willen der Zeit zu deuten, zu verhandeln, zu verbünden, zu isolieren und zu schlagen: diese Kunst ist heute nicht dem Finanzmann allein, sondern in gewahrtem Verhältnis dem Krämer unentbehr- lich. Der mechanisierte Beruf erzieht zum PoU- tiker.
Deshalb hält der Berufsmensch sich für befähigt, nicht nur die eigenen, sondern auch die Ange- legenheiten der Gemeinschaft zu beurteilen, zu beraten und notfalls zu verwalten. Er findet sich nicht mehr in den Gedanken einer über ihm schwebenden, von der Gottheit inspirierten und ihr allein verantwortHchen Erbweisheit; patriar- chalische Fürsorge empfindet er nicht wohltuend, sondern kränkend.
Zum Dritten. Der Beruf ist ernst und lehrt Sorgen. Niemand nimmt sich des Irrenden, des Fallenden an; der Mann trägt in seiner Hand sein bürgerliches Schicksal und das der Seinen. Eine Verkennung der Zeit, ein Nachlassen der Kräfte, ein unheilbarer Mangel der Ausbildung, eine Handlung der Leidenschaft: und das Gebäude langer Arbeitsjahre stürzt ins Nichts. Deshalb empfindet der Mensch seine eigene Verantwor-
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tung, aber auch die seines Nächsten. Er steht dei Allgemeinheit mit einem starken Anspruch an Recht gegenüber und mit einer entschiedenen Meinung des für ihn Wünschenswerten. Er ist schwer zu behandeln, schwer zu überzeugen, denn er fühlt sich in allen Dingen, die ihn von fern oder nah angehen, als neue Kategorie: als Interessent.
So wird in der Schule des Berufes der Mensch seltsam gemodelt. Mag ihm die Arbeit eine Freude sein, so ist sie nicht mehr die Freude des Schaffens, sondern des Erledigens. Eine Aufgabe ist gelöst, eine Gefahr ist beseitigt, eine Etappe gewonnen: nun zur nächsten und zur folgenden. Die Zeit eilt, die Konkurrenz treibt, die Ansprüche wachsen, da bleibt nicht viel zu sinnen, sich des Erschaffe- nen zu freuen, es mit Liebe zu betrachten und zu verschönern; genug, wenn es strengen, allgemein formulierten Ansprüchen genügt. Der Erfolg hegt nicht in der Vollendung, sondern in der Er- weiterung; zehnmal, hundertmal das gleiche Pro- dukt wiederholen, in kürzester Zeit, mit möglich- ster Ersparnis, das bringt Nutzen. Die Arbeit wird extensiv, wie die Produktion es geworden ist; die glückbringende Arbeit ist die, welche sich verviel- fältigt.
Die Arbeit aber wird mehr und mehr vergei- stigt. Kaum daß sich die Hand bewegt, eine Zahlenreihe zu schreiben, eine Schraube zu ver- stellen; je apathischer die Gliedmaßen ruhen, desto erregter arbeitet das Gehirn. Und doch ist es mit ruhigem Nachdenken nicht getan; Angst, Begierde, Leidenschaft müssen wirken, damit nichts vergessen, nichts versäumt, nichts verloren werde.
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Diese Spannung erträgt der Mensch, dessen Großvater Hans Sachs oder der Müller von Sans- souci oder der Pastor Schmidt von Werneuchen gewesen ist. Von der Flut zusammenhangloser Eindrücke bestürmt, zwischen Langeweile und Interesse eingespannt, eilig, rastlos, sorgenvoll und überbürdet, leidenschaftUch aber lieblos wir- kend, zehrt er von Geist und Seele, um einen Tag zu leben; und ist der Tag verlebt und verbracht, so verfällt er der Erschöpfung, die nicht Ruhe, sondern Genüsse verlangt.
Die Genüsse des Berufsmenschen sind ebenso extensiv wie seine Arbeit. Der Geist, nachzitternd von den Erregungen des Tages, verlangt in Be- wegung zu verharren und einen neuen Wettlauf der Eindrücke zu erleben, nur daß diese Eindrücke brennender und ätzender sein sollen als die über- standenen. In Worte und Töne sich zu versenken, ist ihm unmöglich, weil die Gedankenflucht des Schlaflosen ihn durchfiebert. Gleichzeitig pochen die gequälten, unterdrückten Sinne an ihre Tore und verlangen Berauschung. So werden die Freuden der Natur und Kunst mit Hohn ausge- schlagen, und es entstehen Vergnügungen sen- sationeller Art, hastig, banal, prunkhaft, unwahr und vergiftet. Diese Freuden grenzen an Ver- zweiflung, sie erinnern an die Freier Homers, die beim Herannahen des Schicksals blutiges Fleisch lachend verzehren, während die Tränen ihnen über die Wangen laufen. Ein Sinnbild entarteter Natur- betrachtung ist die Kilometerjagd des Automobils, em Sinnbild der insGegenteil verkehrten Kunstemp- findung das Verbrecherstück des Kinematographen.
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Aber selbst in diesen TolUieiten und Über- reizungen liegt etwas Maschinelles. Der Mensch, im Gesamtmechanismus Maschinenführer und Maschine zugleich, hat unter wachsender Span- nung und Erhitzung sein Energiequantum an das Schwungrad des Weltbetriebes abgegeben. Ein rauchender Motor ist kein beschauliches Arbeits- tier, das sich unter freiem Himmel weiden läßt, man schmirgelt ihn ab, schmiert ihn, feuert den Kessel, und schon stampft der eiserne Fuß mit neuen Kräften seinen Zyklopentakt.
DER MENSCH IM ZEITALTER DER MECHANI- SIERUNG UND ENTGERMANISIERUNG
Das Blut
Wollen wir uns die Wandlungen vergegenwär- tigen, die dem Naturell des westlichen Menschen in den letzten Jahrhunderten beschie- den waren, und die noch erstaunlicher sind als die Veränderungen seiner Umwelt und seines Lebens, so müssen wir uns daran erinnern, daß ein Rassenwechsel, die Aufzehrung einer Ober- schicht mit dem Verdichtungs- und Mechanisie- rungsprozeß Hand in Hand ging. Ja, es bestand zwischen diesen Erscheinungen eine doppelte, zum Kreislauf geschlossene Kausalverbindung: die Verdichtung brachte den Rassenwechsel hervor, und der Rassenwechsel allein konnte die Voraussetzungen der entfesselt fortschrei- tenden Verdichtung schaffen, die Mechanisie-
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rung der Produktion, der Gesellschaft und des Lebens.
Denn die germanischen Herren des Abendlandes waren unfähig; diesen Prozeß heraufzuführen, un- fähig selbst, ihn zu erleiden. Der Strenge und Schönheit nördlichen Waldlandes wo nicht ent- stammend, so doch durch Jahrtausende verbunden, von der Seligkeit des Kampfes mit Natur und Ge- schöpfen erfüllt, froh in der Kraft und Freiheit des Leibes, nichts verehrend als das Mutvolle, das Unberührte und Überirdische, ein Volk von heiterem Ernst, von kindhcher Männlichkeit, unschlauer Klugheit, träumender Wahrheitshebe, der Tat geneigt, dem Tun abhold, so traten sie auf die Bühne der Welt, als Schicksal der Antike und als Herren einer neuen Zeit.
Als Herren und Freie blieben sie Krieger und Landleute, und wo wir heute noch ihre Über- lebenden erblicken, da sind sie ihrem alten Wesen treu geblieben, der Mechanisierung nicht oder widerstrebend gefolgt, nirgends ihre Förderer ge- wesen. Selbst da, wo sie unentrinnbar in neu- zeitliches Getriebe verstrickt wurden, haben sie den Mechanismus in eine stillere Sphäre einge- schlossen; ein holsteinischer Kramladen wird sachhcher, zweckfreier und ungeschäftlicher ge- leitet als eine amerikanische Kirche.
Denn einer reinen furchtlosen Natur ist das Zweckhafte fremd. Die Furcht erspäht hinter den Dingen Gefahren und Hoffnungen, sie flüchtet in die Zukunft, indem sie die Gegenwart vernich- tet. Der Muthafte läßt sich die sinnhche und über- sinnliche Gegenwart genügen, er respektiert die
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Dinge, liebt sie um ihrer selbst willen und benutzt keine Kreatur als Mittel. Die Mechanisierung aber ist auf Zweckhaftigkeit aufgebaut. Ihr ist keine Handlung und kein Gegenstand Selbstzweck; jedes Organ dient dem Gesamtprozeß, und der Gesamtprozeß dient dazu, neue Organe zu schaffen. Jeder Moment ist, für sich genommen, wertlos, aber von der heißen Arbeit erfüllt, die Reihe der wertlosen Momente zur Ewigkeit auszudehnen.
Das mechanistische System konnte nicht von diesen Menschen aufgebracht werden, die in ihrer Unmittelbarkeit es kaum erfaßten, die es ungern erlitten und in ihm die höchste Gefährdung ihrer Herrschaft, ja ihrer Existenz gar bald erblickten. So haben sie dieses System bis auf den heutigen Tag bekämpft; gegen Städte, Stände, Konsti- tutionen, Demokratien, Verkehr, Handel und In- dustrie haben sie sich mannhaft gewehrt, und noch jetzt bedeuten alle konservativen Programme nichts weiter als Umschreibungsformeln des un- bewußten Willens gegen die Mechanisierung.
Um diese emporzutreiben bedurfte es Menschen geringeren Schlages, Unterdrückte und Emanzi- pierte. Sie mußten aus der Knechtschaft die Ge- wohnheit der Arbeit mitbringen und das Stigma der Geduld, das unentbehrlich ist für jeden, der durch Lernen intellektuelle Schätze sammeln soll. Handfertigkeiten besaßen sie von Ursprung an, denn die Schwächeren waren von je auf Werk- künste angewiesen; grüblerisch und erfindungs- reich wurden sie, weil Furcht ihre Stärke aus der Überlegung sammelt. Auch hatten sie gelernt, seßhaft und in umfriedeten Räumen ihr Wesen zu
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treiben, das späterhin zur Stubenarbeit wurde, Arbeitsteilung kannten sie. Reden, Verständigen, Überzeugen waren ihre Gegenmittel gegen Ge- walt gewesen. Neugierde, Wissensdurst, geistige Beweglichkeit hatte ihnen beständig genützt, Wahrheitsliebe nicht immer; die Zähigkeit des Willens und die Lust am Besitz war gestählt durch die Unablässigkeit der Gegenkräfte, die harte Gleichförmigkeit des Druckes. In Lebensan- sprüchen gemäßigt, in Genüssen nicht wählerisch, ohne Transzendenz, in Leidenschaften heiß, nicht tief, ohne Bösartigkeit, aber rachsüchtig und des Hasses kundig: so trugen sie den Marschallstab des mechanistischen Menschen im Tornister.
Daß ungermanischer Geist für die Gestaltung der Moderne verantwortlich ist, hat mancher un- willige Denker dem Volksgewissen ins Ohr ge- raunt, doch stets in der Meinung, zu entarteten Germanen zu sprechen. So suchte man nach einem Ferment und entdeckte es im Judentum. Der Antisemitismus ist die falsche Schlußfolgerung aus einer höchst wahrhaften Prämisse: der europä- ischen Entgermanisierung; und somit kann der- jenige Teil der Bewegung, der Rückkehr zum Germanentum wünscht, sehr wohl respektiert und verstanden werden, wenn er auch die prak- tische UnmögHchkeit einer Volksentmischung postuliert.
Die Lehre von der semitischen Gärung hat jüngst ein geistvoller Nationalökonom in anzie- hender Weise mit einer Art verdrießhcher Be- wunderung des schuldigen Teils entwickelt, indem er das Neuzeitwesen auf den KapitaHsmus, den
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Kapitalismus auf das Judentum zurückführt. Er denkt also im Ernst daran, dem kleinen Volks- stamm, dem die Welt die Hälfte ihres Gesamtbe- sitzes an religiöser Transzendenz schuldet, nun auch die Summe der materiellen Lebensordnung gutzuschreiben. Der Irrtum liegt in der Ver- kennung der Tatsache, daß Kapitalismus, so gut wie Technik, Wissenschaft, Verkehr, Kolonisation, Städteentwicklung oder Weltpolitik, nur Einzel- erscheinungen der Grundfunktion bedeuten, die in der Verdichtung und ihrer Selbstbehauptung, der Mechanisierung, Hegt. Die Betrachtung der Einzelfunktionen mag entwickelungsgeschichthch Bedeutendes zutage fördern; den inneren Zu- sammenhang enthüllt sie nicht. Wählt man ein- seitig eine der Einzelerscheinungen als Grund- variable, so laufen die übrigen als glückliche Zu- fallsergänzungen nebenher, und man muß es als eine Art prästabilierter Harmonie betrachten, daß die Geschichte der Erkenntnis, der Wissenschaft, der Entdeckungen jedesmal rechtzeitig die Er- rungenschaften lieferte, deren der Kapitalismus bedurfte. Am schwersten aber wird der Gärungs- theorie der Nachweis fallen, daß durch bloße Ein- wirkung eines Fermentes aus taciteischen und karoHngischen Germanen preußische Kaufleute, Fabrikarbeiter, Gelehrte und Beamte werden konnten. Die Gesamtheit der neuzeitlichen Um- wälzung fordert zu ihrer Erklärung neben der Verdichtungswirkung den Rassenwechsel.
Wäre der Wechsel jedoch unvermittelt und von Grund auf erfolgt, so hätte er die mechanistische Zivilisation nicht gezeitigt. Das Volk bedurfte
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noch lange germanischer Geistesleitung und be- darf noch heute germanischen Einschlages. Dieser Beschränkung verdankt das geistige Leben West- europas, insbesondere Deutschlands, die Erhaltung seines transzendenten Inhalts, verdankt Kunst und Geisteswissenschaft ihre Freiheit und ihre Inner- lichkeit, verdankt die Forschung ihre Aufopferung und Wahrheitsliebe, verdankt das Erwerbsleben seine Weitherzigkeit, das öffentliche Leben In- tegrität, Hingebung, Mut und Treue. Genau in der Abstufung, in der vom Norden nach dem Sü- den, Südwesten und Südosten hin der germanische Einschlag sich abschwächt, verdunkeln sich die Eigenschaften, die er den Völkern einprägte. Skan- dinavien, England, Deutschland, Holland, das zisleithanische Österreich und die Schweiz bilden noch heute das Weltzentrum und die Schule der Kulturquahtäten, welche die gräkoromanischen Länder großenteils verloren, die übrigen niemals besessen haben. Den Vereinigten Staaten, die hinsichtlich ihrer Einschlagsverhältnisse dem euro- päischen Durchschnitt entsprechen, fehlt die Vor- schule germanischer Oberherrschaft und Leitung; sie konnten daher zwar die mechanistische Zivi- lisation auf den höchsten Gipfel treiben, kultur- bildende Kräfte sind ihnen nicht entstanden, wenn man auch in einer Nation von achtzig Millionen eine leidliche Anzahl kultivierter Menschen auf- treiben mag. Die übrigen europäischen und euro- päisierten Länder haben sich den Mechanisie- rungsformen passiv, zumteil verständnislos ange- paßt, ohne Neues hinzuzufügen. Die Kultur Japans ist eine orientalische; was an ihr europäisch
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erscheint, ihr Idealismus des Dienstes, ihre Natur- Hebe und Muthaftigkeit, entstammt der Herr- schaft einer kriegerischen Oberschicht unbekannter Herkunft.
Die treibenden Kräfte
Unter dem Bilde des Interesses haben wir die Willensform erblickt, die den mechanistischen Menschen durch das Gewirr der Bindungen hin- durch von Mittel zu Mittel zu den Zielen leitet, die zu erstreben er sich berechtigt und befähigt glaubt. Freilich weicht die Fata Morgana vor seinem Nahen unablässig zurück, denn sein inneres Leben ist von Strebungen so durchsetzt, daß der Wille unbewußt zum Selbstzweck geworden ist. Dies drückt sich von innen, aus der Seele des Menschen betrachtet, so aus, daß das jeweils Er- reichte nach dem Bismarckischen Worte „auch nichts ist". Denn in der mechanistischen Welt darf kein Ziel erreichbar sein; sie bedarf aller Kräfte bis zum letzten Atemzuge, um ihren Wirbel zu beschleunigen, und straft den ent- sprungenen Sklaven mit Not, Vergessenheit, Langeweile oder vorschnellem Altern.
Damit nun die Besessenheit des Strebens im Menschen nicht erlahme, bedarf es unerschöpf- licher Triebkräfte. Die materiellen Appetite, Hunger und Liebe, reichen nicht aus, denn auch die weitesten Ansprüche ihrer Üppigkeiten sind zu sättigen. Die ideellen Motoren, Pflicht, Schaf- fensfreude, Wissensdrang, Vervollkommnung, Aus- flüsse der transzendenten Liebe, lassen sich nicht
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wissentlich in den Dienst einer materiellen Welt- ordnung stellen. So mußte die banalste und rät- selhafteste aller Leidenschaften, der Ehrgeiz, zur Verstärkung der bewegenden Mechanisierungs- kräfte ins Ungemessene gesteigert werden.
Banal ist diese Leidenschaft, wenn man in ihr nur den Inbegriff der am Durchschnitt sich mes- senden und darüber hinausstrebenden Appetite erblickt; rätselhaft wird sie, wenn man alle ma- teriellen Begierden abspaltet und erkennt, daß dennoch etwas übrig bleibt, das sie alle an Heiß- hunger und Nachhaltigkeit übertrifft. Dies Etwas ist das Streben nach Geltung, und zwar ohne Hin- blick auf die indirekten Vorteile, die aus ihr er- wachsen können, sondern lediglich nach Geltung selbst, nach Anerkennung, Bewunderung, Benei- dung. Dies Streben darf nicht verwechselt werden mit dem wesentlich seltneren, dem Schaffensdrang verwandten Willen zur Verantwortung und somit zur Herrschaft. So war Napoleon in diesem eitlen Sinne nicht ehrgeizig, wenn auch höchst herrsch- süchtig; am Urteil der Menschen lag ihm nur da, wo er ihrer bedurfte; Gesetze und Organisationen ihnen vorzuschreiben war ihm wichtig. Die Krö- nung in Notre Dame, der erhabenste Traum des Histrionen, war ihm ein lästiges Theaterspiel, die Ausarbeitung des Code Civil ein hohes Glück.
Rätselhaft ist der abstrakte Ehrgeiz deshalb, weil alle Bewunderung der Maske gilt, und von der Maske zum Träger kein inneres Band der Iden- tität führt. Die Huldigung bleibt die gleiche, auch wenn sie den Wagenlenker für den Triumphator hält, denn sie gilt einem beliebigen Leichnam.
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Rätselhaft ist ferner der wahnsinnige Wille zur Abhängigkeit, der Sturz in die Knechtschaft der fremden Meinung. Diese Leidenschaft läßt sich nur erklären aus atavistischen Gefühlsreihen von Zurücksetzung, die ihre Umkehrung auszulösen streben, und aus der ererbten Furcht vor Menschen, die sich ihres Gegenstandes zu entledigen, wo- möglich zu bemächtigen sucht, nun aber, da sie sich ihrer selbst nicht entledigen kann, als Furcht vor Meinungen endet, da sie zuvor Furcht vor Handlungen gewesen war.
Diese krankhafte Psychologie unterdrückter Ge- nerationen, die den Schwerpunkt außerhalb der Persönhchkeit legt und das innere Gleichgewicht des Menschen aufhebt, war dem germanisch freien Stammeswesen unbekannt. Germanisches Selbst- bewußtsein, Unabhängigkeitsgefühl und Herren- tum ist uns überliefert, germanischer Ehrgeiz und Eitelkeitshang ist undenkbar ; wie denn eine Reihe von Merkmalen schlechthin als Indikatoreigen- schaften der Urrassen angesehen werden können: vor allem Unwahrhaftigkeit, Eitelkeit, Neugier und Verkleinerungslust.
Im absoluten Ehrgeiz hat die auftauchende Unterschicht sich ihre leitende Begierde ge- schaffen. Daneben aber hat sie einem der ur- sprünglichen Appetite eine veränderte, die mechanistische Bewegung gewaltsam fördernde Form gegeben.
Die Freude am überflüssigen Besitz ist alt und allgemein menschHch, wenn sie gleich bei edleren Rassen gemindert, bei edleren Individuen fast verflüchtigt erscheint. In ihrer primitiven Form
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verlangt sie nach Handgreiflichem, Glänzendem; Dingen die zieren, schmücken, die anziehen oder Neid erregen. In entwickelter Form nähert sie sich der fanatischen Freude am Ordnen, Ver- walten und Schaffen.
Die Mechanisierung mußte von der niederen Form der Besitzesfreude ausgehen, die zum gei- stigen Inventar der Unterschicht gehörte; sie trieb diese Leidenschaft empor, indem sie eine nie geahnte Fülle von Produkten ihrer Begierde entgegenhielt, und erzeugte so den beispiellosen Warenhunger, der direkt oder indirekt mehr als die Hälfte der Weltarbeit verbraucht. Das Kaufen und Kaufenkönnen ist zumal das Glück der Frauen. Und da Maschine und Manufaktur unabsehbare Mengen von Surrogaten des Naturgenusses und von Surrogaten dieser Surrogate liefern, nach Herzenslust geschmückt und staffiert — denn den Mechanismus kostet es nichts, mit einem Handgriff alle Formen der belebten Welt auf das nüchterne Material zu prägen — so ergänzt und erneuert sich alljährUch das ungeheure Warenlager des menschlichen Besitzes. Wie die Eroberer des Pekinger Kaiserpalastes bis an die Knie in seide- nen Stoffen wateten, so stampft der erwerbende Mensch durch Ströme von Waren, mit denen ihn keine eingewohnte Liebe zum Gerät verbindet, und läßt Ströme von Abfällen hinter sich zurück. Wir lesen vom Reichtum einer griechischen Stadt und bedenken nicht, daß im Hause des Bürgers nichts anderes zu finden war, als ein paar Tische und Betten, ein Dutzend Tongefäße, Decken und vielleicht ein kupferner Kessel. Die jährlichen
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Abgänge einer unserer bürgerlichen Wohnungen sind umfangreicher als dieser ganze klassische Besitz.
Ehrgeiz und Warenhunger arbeiten sich in die Hände. Der eine zwingt den Menschen, sich im- mer fester in das Joch der Mechanisierung ein- zupressen; er steigert seine Erfindungskraft, sei- nen produktiven Willen. Der andere erhöht sein Konsumbedürfnis und läßt ihn doch gleichzeitig empfinden, daß nur ein emsig schaffendes Organ die Lust des Kaufens dauernd genießen darf.
Die Summe der beiden Haupttriebkräfte aber steigert sich zu einem Gesamtvvillen, der ent- schiedener als irgend eine andere Erscheinung die Seele unserer Epoche kennzeichnet, indem er ihr den Stempel des nach außen gerichteten Strebens aufprägt. Diese Suprematie des substantiellen Willens über die Seelenkräfte, dieses Zweck- menschentum, das dem Wesen furchthafter Stämme entspringt, setzt die okzidentale Rassenverschie- bung in das hellste Licht psychologischer Betrachtung.
Die Ideale
Einem Menschen kann man nicht tiefer ins Herz blicken, als wenn man seine Träume und Wünsche erforscht und deutet. Wollen wir unser Bild vom Wesen dieser Epoche ver- tiefen, so können wir nichts besseres tun, als den Spuren ihrer Ideale nachzugehen; denn sie sind nicht nur die bewußten und unbewußten Träume, Ahnungen und Sehnsuchten einer Gemeinschaft,
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sondern zugleich verklärte Spiegelungen ihres eige- nen Wesens. Ein Mensch kann vom andern träu- men, sich mit ihm vergleichen, ihn bewundern, sich nach ihm formen: die Gemeinschaft träumt nur sich selbst; denn fremdes Wesen ist Kenntnis des Einzelnen, der Gesamtheit ist es unwichtig und unbekannt.
Nun folgt sofort ein Widerspruch: Damit das Spiegelbild klar und rein erscheine, muß die pro- jizierende Flamme gleichmäßig leuchten : nur ho- mogene Gemeinschaften haben Ideale. Ein Eng- länder, ein Franzose, ein Neger und ein Mongole, die sich im Eisenbahnwagen unterhalten, können sich vielleicht über letzte nebelhafte Ziele der Menschlichkeit verständigen; ihre Begriffe von dem, was schön, gut und wahr ist, werden weit auseinandergehen. Nun ist aber die europäische Gemeinschaft ein Verschmelzungsprodukt zweier Schichten, die nicht durchweg und gleichmäßig sich durchdrungen haben: von der Legierung bis zur Mengung findet von Süd nach Nord ein mäh- Hcher Übergang statt, überdies mit wechselnden Massenverhältnissen der Komponenten. Ist dieses Konglomerat genügend homogen, um Ideale zu erzeugen ?
Sodann: die mechanistische Lebensform ist ein Kreislauf ohne Ziel, eine sich selbst verstärkende Maschinerie ohne Tendenz nach außen, in sich ge- schlossen und ausschließUch : kann sie absolute Ziele und Werte schaffen oder auch nur aner- kennen oder selbst erhalten ? Wird sie nicht am Ende dahin neigen müssen, alles im Menschen zu beschwichtigen, was an Fragen, Hoffnungen und
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Träumen in ihm auftaucht, weil diese immateri- ellen Regungen ihn dem Arbeitsprozeß entziehen r Wird sie nicht immer wieder ihre handgreiflichen Werte, ihre rechnerischen Denkformen, ihre tat- sächlichen Forschungen emporheben, um ihre Gefolgschaft zu blenden oder zum mindesten durch Zwiespalt zu beherrschen ?
Ein annähernd lückenloses Bild der zeitgenössi- schen Ideale wird sich uns nicht entrollen. Wir werden uns begnügen müssen, aus Fragmenten halbzerstörter Untermalung und aus neu hervor- tretenden Umrißlinien den Sinn der Zeichnung zu erraten: Hier und da werden alte und neue Formen sich durchkreuzen, hier und da werden wir Gebilde unter dem Hauch der Mechanisierung erloschen finden ; doch wird der Eindruck des Er- kennbaren die Vermutung rechtfertigen, daß über- all da, wo die fortschreitende Homogenisierung bereits Grundzüge neuer Ideale festgelegt hat, die alten merklich dem Verlöschen sich nähern. Wie bisher wird die Darstellung die den west- europäischen Ländern gemeinsamen Züge her- vorzuheben suchen, und dort, wo Spezialisierung erforderlich scheint, den deutschen Verhältnissen sich zuwenden.
Das leibliche Ideal. Trotz der unendlichen Mannigfaltigkeit des Materials können ihm einige kennzeichnende Züge abgewonnen werden. Es ist dem griechischen ähnHch, aber erheblich schlan- ker, weniger gerundet, straffer gemuskelt. Der Kopf größer, aber immer noch klein im Ver- hältnis zum Körper, der Hals dünner und länger. Die Nase stärker gebogen als die griechische und
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bedeutend schmaler, aber gleichfalls lang. Die Lippen weniger voll, die Wangen weniger tief, die Stirn flacher. Vor allem das Weib weniger breitbrüstig und heroinenhaft, zarter und jung- fräulicher. Alles in allem der Leib feiner und rassiger, mehr den equestrischen als den gymnasti- schen Übungen angepaßt. Zweifellos ist dieser blonde und blauäugige Idealtypus den überleben- den germanischen Naturen entlehnt: er tritt überall da hervor, wo die Absorption noch nicht vollendet ist, selbst in Frankreich. Spanien, das Land der frühesten Vermischung, kennt ihn in seiner neuzeitlichen Kunst nicht mehr; in Ita- lien herrschte er bis zum Ende der Frührenaissance; mit dem beginnenden Barock war er, wie zu er- warten, verschwunden. Heute steht der spanische Idealtypus dem arabischen, der italienische dem gräkoromanischen näher , und südfranzösische Künstler beginnen, die volleren Formen der Frauen ihres Landesstriches zur Norm zu er- heben.
Die Beibehaltung des germanischen Körper- ideals zeigt, was auch ein Blick in neupreußische Verwaltungs- und Militärverhältnisse bestätigt, daß das Volk unbewußt das reinere Germanentum, so- weit es ihm noch sichtbar vor Augen steht, als das edlere Blut, sich selbst als Abkömmling unter- drückter und unedler Geschlechter betrachtet. Zu dieser Selbstlosigkeit stimmt die humorvolle Bescheidenheit, in der ein Teil des deutschen Bür- gertums sich mit Familiennamen abfindet, die bloße Gattungs- und Berufsbezeichnungen be- deuten, und die zuweilen verderbt slavisch, un-
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verständlich, absurd oder vulgär klingen, während der weniger entgermanisierte Nordseestrich, vor allem aber Skandinavien, die Benennung nach dem Vorfahren sich erhalten hat.
Das menschliche und das ethische Ideal sind vereint zu betrachten, denn sie hängen durch die Grundanschauungen des Zielbewußtseins zusammen.
Im Menschlichen herrschen die alten germani- schen Idealbegriffe des Mutes und der Großmut. Der mutig Kraftvolle wird bewundert und ge- liebt; ihm ist alles erlaubt, was er durch souveräne Gewalt durchsetzt, sofern er sich als ein großmüti- ger, gerechter und milder Herr erweist, jedoch mit der neuzeitlichen Einschränkung, daß nicht etwa geschädigte oder erschreckte Individuen und Gesellschaften sich entrüsten. Der Aufrührer, der Revolutionär, der kirchliche Empörer, der Konquis- tador werden gepriesen, verehrt und zuweilen staat- lich anerkannt, wenn sie Erfolg haben. Verachtung trifft, abgesehen vom vertierten Menschen, eigent- lich nur den Feigling und seine heimlichen Taten. Hinterlist, Betrug, Diebstahl, ja selbst Lüge, die im außergermanischen Kreise als zulässige Di- plomatie gilt, werden verabscheut und in neuzeit- licher Abstufung nach Maßgabe der Vermögens- gefährlichkeit bestraft. Den Taten der Leiden- schaft und des Übermuts steht das Volksbewußt- sein indifferent, ja mit einer Art von Wohlwollen gegenüber, sie sind Gegenstand der Dichtung, und der Kontrast zwischen menschlichem Verstehen und sozialer Sühneforderung bildet tragische Kon- flikte. Handlungen der Großmut und mutiger
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Aufopferung begeistern, Ausflüsse der Güte, der Friedfertigkeit, des Erbarmens lassen kalt. Ein feiger Mensch könnte, abgesehen von slavischer Literatur, heute noch nicht Held europäischer Gedichte sein, auch wenn er mit allen Tugenden der Evangelien ausgestattet wäre.
Dagegen läßt sich eine gewisse Verschiebung des Idealtypus in der Richtung der Energie und des Intellekts feststellen. Amerikanische Menschen des Erfolges beginnen den Massen zu imponieren; mutige Erfinder und Entdecker werden höher ge- feiert als vordem Kriegshelden; zum Lesebuch des Volkes ist nach Ritter- und Indianergeschichten der Detektivroman geworden. Ja es beginnt hier bereits eine gewisse Verwirrung des bürgerlichen Empfindens: in einer Zeit, die den Erfolg an die Stelle des Sieges gesetzt hat, kann man nicht um- hin sich einzugestehen, daß den Helden von ehe- dem die Eigenschaften fehlen, welche die Mechani- sierung verlangt. Man strebt, den Erfolgreichen nachzuahmen, und kann somit nicht unterlassen, sie zu bewundern, wo nicht gar zu heben. Roose- velt kämpft mit Blücher und gedenkt zu siegen. Das germanische Ideal, das dem Ansturm des Christentums durch ein Jahrtausend standhielt, ist durch die Mechanisierung erschüttert.
Sichtbarer noch sind die Einwirkungen der neu- gestalteten Zivilisation auf die Ethik der Gemein- schaft, zumal auf die Schärfung des öffentlichen Gewissens. Die christHche Kirche durfte alles menschhche Elend als Prüfung bezeichnen und auf das Jenseits verweisen; die Reformation konnte in großartiger Abnegation auf jegliches fromme
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Verdienst verzichten. So begnügte sich die ältere Zeit hinsichtlich aller Wohlfahrtsbestrebungen damit, Siechenhäuser, Irrenkerker und Kloster- suppen zu stiften, und alles übrige der privaten Barmherzigkeit anheimzustellen. Die mechani- stische Epoche dagegen übernahm von ihren Schöpfern, unterdrückten und furchthaften Stäm- men das Mitleid, das nichts anderes als eine alt- ruistische Furchtempfindung ist. In der Verherr- lichung dieses Pathemas zum ethischen Ideal lag zweifellos eine gewisse Diesseitigkeit der Anschau- ung, ja ein ethischer Materialismus; doch ist durch die gesetzgeberische und organisatorische Ausgestaltung des Wohlfahrtswesens, vor allem aber durch die Überzeugung des öffentlichen Ge- wissens, daß alles menschliche Elend als Blut- schuld der Gesellschaft zu erachten sei, ein Wert von so gewaltiger Positivität entstanden, daß jede künftige Einschätzung der Mechanisierung ihn in Rechnung zu stellen haben wird.
Das religiöse Ideal. So mächtig die Kirche das Leben der früheren Jahrhunderte durchdrang, so gering war die Wirkung der in ihr verkörperten reinen christlichen Ideen auf das Germanentum. Widerwillig aufgenommen, durch Höllenzwang gefestigt, konnte die Kirche den Abgrund, der zwischen dem Worte Christi und ihren hier- archisch-politischen Aufgaben lag, nicht über- brücken. Mit dem Mutideal des Germanen, das ihren Lehren der Demut widersprach, mußte sie sich abfinden; die wenig evangelischen Sitten abendländischer Lebensweise, Politik, Kriegsfüh- rung mußte sie dulden, ja ihren irdischen Zielen
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dienstbar machen. Den letzten transzendenten Inhalt ihrer Verkündigung durfte sie den Massen nicht übermitteln, um nicht die weltliche Ord- nung zu stören oder aufzuheben. Die Lehre von der Liebe, der Weltflucht, der Demut, der Kind- lichkeit, der Zweckfreiheit, dem Gottesreich blieb esoterisch, ein Besitz der Heihgen. Ins Volk drang der Mariendienst, die Geschichte der Geburt und der Leiden Jesu, der Olymp der Heiligen, der Begriff der Sünde und der Gnade, Himmel und Hölle. Diese Inhalte haben die Kunst aufs glück- lichste befruchtet, sie haben manches fromme Ge- müt mit götthcher Ahnung erfüllt und starke Gewissenspressionen auf die jungen Völker aus- geübt; die Ideen Christi haben sie dem Abend- lande nicht mitgeteilt. Man kann deshalb fast durchweg in der vorreformatorischen Geschichts- schreibung Europas den Begriff des Christentums durch den der Kirche ersetzen. Die Reformation hat neben ihren großen dogmatischen und rituellen Umgestaltungen die Evangelien literarisch er- weckt und aus ihrem Inhalt soviel überströmen lassen, daß den Schwachen Tröstung, den Mächti- gen Erbauung gespendet wurde. Ein evange- lisches Leben in Wahrheit zu verwirklichen, hat auch sie nicht versucht, und ist somit Kirche ge- blieben. Ja mehr noch: sie war Macht und diente der Macht, so daß gelegentlich der naiv-verruchte Gedanke aufkommen konnte: da nun einmal Christus die Notleidenden tröstet, so möge ihnen damit genug sein; man gebe ihnen statt Brot stei- nerne Kirchen, um sie desto besser in götthcher Furcht und menschhcher Abhängigkeit zu erhalten .
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Die beginnende Mechanisierung fand sich so- mit der Macht zweier Kirchen gegenüber und wandte gegen sie das ganze Arsenal ihrer For- schungsergebnisse und Verstandesmethoden; zum Christentum selbst drang sie nicht vor. Selbst der späte und reiche Geist Ni'^tzsches wütete gegen die Kirche, indem er glaubte, mit Christus zu kämpfen.
Noch heute ist die mechanistische Epoche in christlichem Sinne nicht weiter gekommen. Sie hat den kirchlichen LiberaHsmus emporgebracht, und ringt in materieller Auffassung um dogma- tische Konzessionen. Populär-historische Fragen werden mit Leidenschaft diskutiert, und als Ziel erscheint eine dritte Kirche mit unpersönlichem Dogma.
Auch da, wo die Zeitanschauung sich vom Christentum löste, konnte sie ihr religiöses Emp- finden vom terrestrischen Bande der Vernunft nicht befreien, gleich als ob eine vielbeschäftigte Zeit es für angemessen hielt, die göttlichen Dinge mit der Geistesmechanik des Alltages zu erledigen, um nicht allzuweit von ihren vermeintlich pro- duktiveren Aufgaben hinweggerissen zu werden. So griff sie denn immer wieder zu den plumpen He- beln des MateriaHsmus, ließ sie unüberzeugt fahren, wenn angesehene Leute ihr ins Gesicht lachten, und spähte beständig nach heimlicher Gelegenheit, um zu ihrem Lieblingsspielzeug zurückzukehren.
Denn bei den edleren ungermanischen Rassen mischt sich — wie bei den Juden ersichthch — in seltsamer Weise Aberglauben mit hoher Trans- zendenz. Der abergläubische Teil sieht in der
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Religion die Mirakelseite des Naturgeschehens. Glaubt er sich von Mirakeln und Gebetwundern unterstützt, so behält er eine gewisse dumpfe Dämonologie bei, nicht ohne sich seiner Unauf- geklärtheit ein wenig zu schämen. Hat er ent- täuscht oder kämpfend dem Wunderwesen ein Ende gemacht, so läßt er sich im Gefühl erledig- ten Vorurteils mit einer entgötterten Welt oder einem deistisch-pantheistisch verwalteten Natur- theater genügen. Der Anspannung der Seelen- kräfte, des religiösen Erlebens, der transzendenten Intuition ist ein anderer Teil dieser Menschen von jeher in hohem Maße fähig gewesen ; doch haben ihre Stimmen in der mechanistischen Welt bisher wenig Nachhall gefunden. Die Anschauung dieser Welt geht eben dahin, alles Geschehene sei unerstaun- lich, von ausschließlicher Realität, nicht ethischen, sondern mechanischen Gesetzen unterworfen, ohne absolute Werte, durch Vernunft erschöpfbar. Diese Anschauung ist aber nichts anderes als die Gefühlslokalisierung der Tatsache, daß der noch junge mechanistische Prozeß die Seelenkräfte zu- gunsten der Geisteskräfte unterdrückt. Sollte dieser Zwangszustand nachlassen, so würde die entgermanisierte Bevölkerung an transzendenten Kräften sich reich genug erweisen, um ein von Erdenfesseln freies religiöses Ideal emporzutragen : Beweis ist die echte und große Sehnsucht edlerer Naturen, die mit nicht geringerer Inbrunst als vor zweitausend Jahren auf Erlösung wartet.
Das Ideal der Kunst. Die Kunst entstand aus Schmuck und Spiel primitiver Völker. Die erste Segnung wurde ihr zuteil, als sie im Stande
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beginnender Zivilisation als Handwerk gebunden wurde. Hieraus erwuchsen ihr die Vorteile der technischen Bindungen an Materialien und Kräfte, der traditionellen Summierung der Erfahrungen durch Generationsreihen, der Breviloquenz und Symbolik des Ornaments, der Vorräte an land- läufigen Inhalten und Gegenständen, der Ge- folgschaft einer im Mitempfinden und Verstehen fortschreitenden Bevölkerung.
Eine zweite Steigerung geschah, als Könige, Priester und Herren die Kunst ihren Hofhaltungen dienstbar machten, denn es wuchs die Größe der Aufgaben, es entstand, von reicheren Mitteln gefördert und dem Alltäglichen überhoben, ein Zusammenwirken der Kräfte zu vorbildlichem, monumentalem Schaffen.
Die dritte und höchste Weihe wurde der Kunst durch Eroberung aufgezwungen. Kunstfremde, aber hochgeartete, dem Wesentlichen zugewandte Kriegsstämme unterwarfen die kunstfertige Zivi- lisationsmasse, die an die Grenze ihrer eigenen Entwicklungsmöglichkeit gelangt war, und insti- tuierten ein Adelsregiment, das wohlwollend und aufs Große gerichtet die Kunst zu sich emporzog, indem es ihr den Inhalt des individuellen, des seelen- haften, des gefühlstiefen Lebens verlieh. Bis in die historische Zeit hinein können wir derartige Vorgänge gewaltsamer Befruchtung verfolgen; OberitaHen, Nordfrankreich, Sizilien, Spanien be- zeugen sie. Daß Hochkultur niemals anderen als zweischichtigen, von kriegerischen Aristokraten be- herrschten Nationen beschieden war, haben wir uns vergegenwärtigt, wie auch ferner, daß erst
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der Vermischungsprozeß die letzten und tiefsten Kräfte entbinden konnte.
War die Mischung geschehen, die Masse ge- flossen und beruhigt, so geschah in allen Jahrhun- derten und in allen Nationen das Gleiche, in Griechenland wie im Italien der Renaissance, in Hol- land wie in Frankreich, in ItaUen wie in Deutsch- land: die Kunst hatte ihren transzendenten, ihren religiösen, ihren seelenhaften Inhalt verloren, sie war wiederum zur rein sinnlichen Kunst ge- worden.
Das Wort fordert eine Erläuterung. Freilich muß alle Kunst vor allem anderen sinnlich sein, denn durch die Sinne wird sie uns zuteil und wirkt auf unser inneres Leben. Unter rein sinnlicher Kunst aber soll diejenige verstanden sein, die auf dem Wege der Sinne nur das sensitive, nervöse, der Erde zugewandte und von ihr abhängige Leben ergreift, während transzendente Kunst bis in das Urgebiet der Seele, bis in die undifferenzierten Regionen vorzudringen vermag, in denen jenseits aller Wünsche und Begierden die ewige Einheit und Harmonie ahnbar wird. Den Kontrast des Sinnlichen und Transzendenten kann man nicht deutlicher als in Beethovens Kunst erfassen, etwa im Vergleiche des Septetts oder der Fidelioouver- ture mit der Missa Solemnis. Im Sinne dieser Unterscheidung beschränkt sich der Begriff der sinnlichen Kunst durchaus nicht auf das Gebiet niedriger Reizungen; auch Gebilde unvergäng- licher Schönheit sind in diese Definition einge- schlossen, wie die vom Pathos der Angst und der Beschwörung durchtobten Psalmen der Hebräer.
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Dies aber kennzeichnet die Künste der Ver- schmelzungsepochen, daß sie immer wieder den Weg eingeschlagen haben vom Religiösen zum Ekstatischen und Deklamatorischen, vom orga- nisch Struktiven zum stimmungsmäßig Kolo- ristischen, vom Architektonischen zum Dekora- tiven, vom Gemütvollen zum Sentimentalen, vom Ergreifenden zum Sensationellen; symbolisch gesprochen: von der Linie zur Farbe und vom Organismus zum Eindruck.
Während der früheren Perioden der Abstiege wurde die Kunst aus ihren beiden ältesten Bin- dungen, der handwerklichen und der höfischen, nicht entlassen ; im Gegenteil, ihre äußeren Fesseln verengerten sich. Der souveräne Auftraggeber war anspruchsvoller, verwöhnter, eigensinniger geworden und zwang das Metier zur äußersten Anspannung seiner technischen Fertigkeiten, und an die Stelle kontrollierenden aristokratischen Gei- stes trat die geschulte Zunft der Kenner, die nicht aus Reinheit des Empfindens, sondern nach be- quem erlernbaren Regeln urteilte und Tradition in Konvention verwandelte. Unter solchem Zwang kamen seelenlose, aber meisterlich vollendete Werke zustande, die durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder das Gefallen der Mächtigen erreg- ten, und die von Einzelnen für unsere Zeit ersehnt werden.
Freilich vergebens. Denn die mechanistische Epoche hat längst diese beiden Bindungen der Kunst gelöst. Die eine mußte fallen, weil bei erhöhtem Volkswohlstand und doppelt erhöhter Kunstpro- duktion nur noch die bürgerliche Gesellschaft als
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Bestellerin auftreten konnte; die andere, weil alles Handwerk erstarb und mit ihm der Stolz der Geschicklichkeit, der Übung und der Über- lieferung. So war die Kunst befreit durch den Bruch der Kontrolle und den Bruch der Tradi- tion; aus Hofkunst wurde Bürgerkunst, aus Hand- werkskunst Talentkunst. Gleichzeitig aber war eine dritte Dimension der Freiheit eröffnet; denn durch Forschung, Verkehr und technische Mittel erschlossen lag plötzlich alles vergangene, alles fremdländische Kunstwesen handgreiflich vor aller Augen. Man erkannte, daß, von wechselnden Verhältnissen bedingt, jede Form, jede Rich- tung, jeder Inhalt möglich, keine Bedingung absolut, keine Lösung ewig war. Nun begann ein Wühlen und Wählen, das nun schon drei Generationen lang andauert, und dahin zu führen scheint, daß man künstliche Bedingtheiten mög- lichst nationaler Art erfindet, um nicht aus Reich- tum zu verarmen und den beschämenden Weg der karnevalistisch travestierenden Mode zu wandeln. Muß man also von Schranken befreite Sinnes- kunst als das Kunstideal der Mechanisierung be- zeichnen, so darf daran erinnert werden, daß eine Länder und Generationen überblickende Be- trachtung ebensowenig zu Wertbemessungen wie zu ausschließlichen Urteilen gelangen darf. Das vorahnende Fühlen der Kunst, vielfach zusammen- wirkend mit der Kontraimitation, die den rasch abstumpfenden Geschmack dieser Zeit dem Kon- trast entgegentreibt, hat zeitiger als auf anderen Lebensgebieten Gegenströmungen in der Kunst erweckt, die auf Beschränkung und Verinner-
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lichung hinstreben. Freilich haben solche Re- gungen, die uns vornehmlich in der deutschen Dichtung entgegentreten, einen doppelten Kampf zu bestehen: mit den Schreibern, die Rückfällig- keiten ahnden — denn im Kunstbetriebe verlangt man nach mechanistischem Gesetz stets das äußerlich Neue — und mit dem Publikum, das seine sauer erworbene Revolutionsgesinnung noch lange nach Friedensschluß zäh verteidigt.
Inzwischen spielen die Wirkungen der mecha- nisierten Produktionsform unmittelbar in die Werkstätten der Künste hinein. Die Erschwerung des Existenzkampfs, die Konkurrenz, der massen- hafte Bedarf und seine massenhafte Deckung, die Publizistik, das Ausstellungswesen, die Aushilfs- beschäftigungen treiben zu hastiger, skizzen- hafter, äußerlich aufgereihter Produktion; die Grenzgebiete zwischen Kunst und Geschäft ver- zehren einen starken Teil der Arbeitskraft. Das Spiel der Mode tritt hinzu, der Drang zum Neuen, die Präponderanz des weiblichen und des gewerbs- ästhetischen Urteils, zuletzt die geschäftliche oder tendenziöse Begründung der Aufträge; so darf es nicht wundernehmen, daß die bedächtigste der Künste, die Architektur, unter der Mechani- sierung ihrer vielgeschäftigen Betriebe zum kunst- historischen Dekorationsgeschäft herabsank, und daß die jüngste französische Malerei in Technik und Inhalt ihrer Werke sich indianischen Darbie- tungen nähert.
Das Ideal der Wissenschaft. Welch wun- derbare Prädestination für Wissenschaftsbetrieb den germanisch durchsetzten Völkermischungen
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innewohnt, haben wir gesehen. Die Liebe zum TatsächHchen der Urvölker als Grundlage der Forschung, die Idealität der Germanen als un- beirrbare Instanz der Betrachtung mußten sich verbinden, um das mechanistische Wunder der Zeiten, die moderne Gesamtwissenschaft, möglich zu machen. Die eigentümliche Richtung jedoch, die den Wissenschaftsgeist zum mächtigsten Fak- tor der Mechanisierung erhob, verdankt sie der Zweckhaftigkeit der einstig Unterdrückten. Wenn der phantastische Mensch sich mit der verein- fachenden Erklärung begnügt und den Donner als Gottesstimme, den Himmel als eherne Sphäre hin- nimmt, so verlangt der Zweckhafte, die Erschei- nung sich dienstbar zu machen, sie ganz zu be- sitzen, wie er sagt : dahinter zu kommen. Er stellt die sieben Fragen, wittert Widersprüche, verlangt Beweise. Diese Beweise aber kann nur die Rech- nung liefern, weil sie als unumstößlich gilt, und so beginnt er zu zählen, zu messen, zu wägen, zu rechnen. Es hat etwas Einleuchtendes, daß No- maden, die ersten Besitzer zahlenmäßiger Güter, Erfinder des rechnerischen Denkens auf Erden gewesen sind; und somit wären die Patriarchen der Hirtenvölker nicht nur die Väter des Kapi- tals, sondern auch der exakten Wissenschaft. Indem nun die Wissenschaft die rechnerische und experimentelle Ermittelung des Gesetzmäßigen zum höchsten Prinzip erhob, entäußerte sie sich in einem Akt großartiger Selbstverleugnung für immer der Spekulation und der Hoffnung auf absolute Erkenntnis. Sie widmete ungezählte Ge- schlechter der Lösung Spezialisiertester Aufgaben,
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indem sie es sich genügen ließ, das ungemessen zu- strömende Material des Tatsächlichen in das Netz- werkder Gesetzmäßigkeiten zu verflechten und hier- durch für die Menschheit erträglich zu machen. Der Mechanisierung zugeführt, hat die Summe der entdeckten und errechneten Tatsachen und Zusammenhänge erstaunliche technische Ergeb- nisse gezeitigt; im Sinne der Erkenntnis ge- messen, hat sie das Gebiet des Unbegreiflichen zwar mit neuen Fragestellungen bestürmt, jedoch nicht verkleinert sondern vergrößert. Das Prin- zip der mechanischen Gesetzmäßigkeit aber hat sich derart als wissenschaftliche Denkform un- serer Zeit festgesetzt, daß die erzählenden, schil- dernden und urteilenden Wissenschaften nur so- weit als reine Wissenschaften erscheinen, als sie sich dieser Form bedienen können, im übrigen als Verwandte der Technik und der kritischen Kunst sich anlassen.
Der zweckhafte Einschlag, der die Wissenschaft zur Exaktheit zwang und ihr Ideal zu einem im höchsten Sinne geometrischen machte, durch- dringt, wie den Betrieb, so die Menschen, die ihm angehören, und unterscheidet sie auf das ent- schiedenste von künstlerisch schaffenden.
In einer Zeit, die den gewaltigsten Besitz der Urvölker, die ethische Produktivität, noch nicht zutage gefördert hat, sind sie die höchsten Ver- treter des Zweckmenschentums, und ihr geistiger Schatz kann als der Idealismus der Materiellen gelten.
Daß das politische Ideal unserer Zeit, so- weit es auf die Verhältnisse der Völker zuein-
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ander sich bezieht, im Nationahsmus zu suchen ist, mag auf den ersten Blick befremden. Denn das Netz der Mechanisierung ist international: niemals waren die Völker einander so nahe, nie- mals haben sie der Wechselwirkung so sehr be- durft, einander so viel besucht und so gut gekannt. Da aber der Nationalismus als Zentralgedanke sehr jung, kaum mehr als hundertjährig die Politik beherrscht, da er, aus bewußtem Gegensatz zum Kosmopolitismus des Aufklärungsalters entstanden, gemeinschaftlich mit der Mechanisierung auf- gewachsen ist, so muß sein Ursprung wo nicht im Wesen, so doch in den Modalitäten der Mechanisierung begriffen werden.
Indem wir nun das Paradox zu erklären suchen, wie die fortschreitende Homogenisierung und An- gleichung der Völker ihren Willensausdruck in die Betonung der relativen Kontraste setzen konnte, müssen wir uns erinnern, daß die Hochperiode der Mechanisierung die europäische Welt in einem Augenblick tiefster poHtischer Zerklüftung über- rascht hat. Vereinigt standen zu Anfang des letzten Jahrhunderts die leitenden Mächte Frank- reich gegenüber, so wie sie in etwas veränderter Kon- stellation seit Ende des Jahrhunderts Deutschland gegenüberstehen. Das, was sich in der Zwischen- zeit ereignet hat, ist seit Philipps und Alexanders Tagen in der Weltgeschichte nicht erhört worden : ein armes, mäßig bevölkertes, politisch verwahr- lostes Land erhebt sich innerhalb dreier Gene- rationen zum begütertsten, volksreichsten, kriege- risch gefürchtetsten im Kreise der europäischen Völker. Die Geschichte betrachtet noch immer,
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obwohl sie es leugnet, die politischen Ereignisse als die primären und erblickt in den drei preußi- schen Kriegen das Moment der Erhebung. Es tut der Größe der Menschen und ihrer Taten keinen Abbruch, wenn erklärt wird, daß ohne die Mechanisierung Deutschlands der Zuwachs an Volk und Reichtum, ohne ihn die Erhebung nicht möghch war, die ihrerseits dann abermals auf die Mechanisierung mächtig rückgewirkt hat. Das XIX. Jahrhundert gehört, trotz des Ausbaus der englischen Kolonialmacht, den Deutschen und Amerikanern, und beiden aus wirtschaftlichen Ur- sachen: den Amerikanern, weil sie das reichste Land der Erde erschlossen, den Deutschen, weil sie der bürgerlichen Intelligenz ein adäquates Arbeitsfeld gewannen.
Moderne Kriege sind im Völkerleben das gleiche, was Examina im zivilen Leben sind, Befähigungs- nachweise. Den Befähigungsnachweis als Groß- macht hat Preußen mit deutscher Hilfe erbracht; der Befähigungsnachweis als führende Wirtschafts- macht Europas wird Deutschland über lang oder kurz von den konkurrierenden Nationen aufge- zwungen werden. Im Vorgefühl dieser Abrech- nung ist nicht nur alles Kriegsspiel unserer Zeit, sondern auch alles Wirtschaftsspiel Rüstung. Jede neue Industrie und jede neue Handelsverbin- dung ist ein Äquivalent von Bataillonen. Alle Politik ist Wirtschaftspolitik, Kriegsbereitschaft.
Dies bedeutet der Nationalismus unserer Zeit, der somit eine Reaktion auf die ungleichmäßige Verteilung der mechanistischen Vorteile dar- stellt.
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Rekapitulieren wir kurz den Kreisprozeß: Im Augenblick heftiger Disharmonie wird den Völ- kern eine Wirtschaftsform aufgezwungen, die eigentlich für geeinigte Völker bestimmt ist. Ge- trennt bildet man sie aus; es zeigt sich, daß eine be- vorzugte Nation die unvergleichlich größten Vor- teile zieht, weil sie die besten Voraussetzungen be- saß. Diese Nation erhebt sich aus politischer und wirtschaftlicher Nullität zum bestimmenden Faktor und besiegelt diese Stellung mit dem Schwertknauf. Der Moment zur wirtschaftlichen Einigung ist ver- paßt ; die friedhche Konkurrenz wird zur wirtschaft- lichen Rüstung, und die Nationen stehen feind- Hcher als zu Beginn der Episode einander gegenüber.
Der letzte Schritt, die Überleitung des natio- nalistischen Empfindens aus dem politischen Be- wußtsein in das bürgerliche, ging bewußt von Deutschland aus, und zwar von der politisch herrschenden Klasse, die ihre Interessen von der Mechanisierung nicht genügend gefördert sah und daher kein Bedenken trug, ihr den internationalen Boden zu entziehen. Durch den deutschen Schutz- zoll wurde der private ausländische Konkurrent getroffen, und indem er sein eigenes Land zu Re- pressalien drängte, nährte er bei sich selbst und seinen Landsleuten gleichzeitig das nationale Be- wußtsein und die Abneigung gegen den Rivalen; beides zuerst im wirtschaftlichen, dann überwie- gend im poHtischen Sinne.
So will es scheinen, als sei der Nationalismus, in seiner Eigenschaft als Brotfrage, für alle Zeiten verankert. Er ist es nicht, denn das Widersinnige ist nicht von Dauer.
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Es braucht wohl nicht ausgesprochen zu werden, daß der Name des Nationalismus hier nicht als Synonym des Wortes Patriotismus genannt wird, daß vielmehr unter jenem Begriff die Tendenz verstanden ist, die Nationen in ihren Lebens- funktionen abzusondern, ihre Vergesellschaftung zu hindern. Auch in dieser Bedeutung bleibt der Nationalismus in seiner Urform berechtigt: es darf einer Nation nicht zugemutet werden, frem- der Sprache, fremdem Glauben, fremder Kultur und fremder Obrigkeit sich zu fügen; das Welt- cäsarentum hat seine Berechtigung verloren, und ein absoluter Kosmopolitismus wird als poli- tisches Ideal schwerlich wiederkehren. Indessen ist es durchaus denkbar, daß die staatlichen Or- ganisationen über den Rahmen des Staates hinaus einen unvergleichUch weiteren Ausbau erfahren, als bisher durch völkerrechtUche, schiedsrichter- liche und postaUsche Vereinbarungen geschehen. Denn dies ist der Mechanisierung und der Natur gemeinsam, daß ihre Organisationen nach dem Großen wie nach dem Kleinen hin, nach innen wie nach außen unendlich sind. So wie Zellen zum Leibe, Individuen zu Landesverbänden, Landes- verbände zu Reichen sich zusammenschließen, so wird eine engere Vergesellschaftung der Reiche unausbleibHch sein; und in dem Maße, wie sie fortschreiten, wird es fraglich werden, was das wünschenswertere ist: wenige große Komplexe locker gefügt, oder viele kleine Komplexe fest gefügt und eng vereinigt. In diesem Sinne ist das Deutsche Reich ein glücklich gestalteter Organismus, der um so dauerhafter sein wird,
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Je mehr er seinen Teilen größtmögliche Freiheit individuellen Lebens erhält.
Die Entfesselung aus den Banden des Natio- nalismus aber wird nicht sowohl durch Kongresse und Schiedsverträge geschehen, als durch wirt- schaftliche Verständigungen. Vielleicht werden die ersten Schritte zu Zollvereinigungen führen, und es wäre mehr gewonnen, als durch Bündnisse sich erreichen läßt, wenn nach mehreren Seiten hin die deutschen Zollgrenzen verschwänden.
Das Ideal des staatlichen Aufbaus im Sinne der Mechanisierung ist der Verwaltungs- staat. So sehr die Bezeichnungen des Regierens und der Regierung uns vertraut sind, so kann doch nicht geleugnet werden, daß die Zahl und Mannig- faltigkeit der Interessen und Bedürfnisse innerhalb | einer mechanisierten Gemeinschaft den wahren Begriff des Regierens, die Leitung einer Menge durch überlegenen Willen und überlegene Ein- sicht zu vorbestimmten Zielen, nahezu aufge- hoben hat. Der Begriff der Verwaltung hingegen kennzeichnet sich als Ausgleich berechtigter In- teressen durch bestimmte Instanzen, wobei aller- dings gewisse praktische und ideelle Endziele vor- schweben können ; jedoch dürfen diese auf die Dauer nichtaußerhalb derLinie liegen, die derSchwerpunkt der anerkannten Interessen ohnehin beschreibt. Dem Einzelnen steht die Verwaltung tatsächlich, der Gemeinschaft nur scheinbar als regierende Ob- rigkeit gegenüber, und geographische Verschieden- heiten finden nur insofern statt, als die Gesamt- heit in einem Falle vorwiegend initiativ, im anderen Falle vorwiegend prohibitiv ihren Willen zur Gel-
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tung bringt. Freilich sind die sozialen Gruppen mit verschiedener Stärke an der Instrumentation des Gesamtwillens beteiligt, und man kann sagen, daß in fast allen älteren Kulturstaaten die früheren absoluten Gewalten, Adel und Klerus, eine ge- wisse Präponderanz sich erhalten haben; so ist Osterreich ein ausgesprochen kirchlich, Preußen ein ausgesprochen aristokratisch verwaltetes Land.
Auch die monarchischen Gewalten haben im Verwaltungsstaat ihre Bedeutung behalten, zum Teil erhöht. Der weitaus größte Teil der euro- päischen Staaten besteht aus Monarchien, und es darf behauptet werden, daß das republikanische Ideal des XVIII. Jahrhunderts dahinschwindet. Dies ist im Sinne der Mechanisierung durchaus folgerichtig; denn es besteht ein berechenbarer Vorteil darin, an der höchsten Spitze der Ver- waltung, dort, wo die leiseste Willensregung im Abstieg zur Peripherie die heftigsten Bewegungen auslösen kann, Angehörige eines Hauses zu wissen, das, allen bürgerlichen Interessen seit Menschen- altern und für alle Zukunft enthoben, seine Exi- stenz mit der des Staates zu identifizieren gelernt hat. Aufgabe der Verfassung ist es dann, die noch verbleibenden menschlichen Schwächen — von denen eigenthch nur Eitelkeit zu fürchten ist — soweit zu neutralisieren, daß eine Einseitigkeit der Entscheidungsfunktionen vermieden wird. Vorzüglich haben Greise und Frauen sich als verwaltungsstaatliche Souveräne bewährt.
Falsch wäre es, zu folgern, daß im mechani- sierten Staatswesen die persönliche Willenswirkung des Monarchen sich verflüchtigt. Sie wird aber
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um so machtvoller sein, je mehr er sich entschließt, allen äußeren Interessen und Einflüssen fernzu- stehen. Der Parteimonarch ist im modernen Staate unmöglich; der Klassenmonarch setzt sich Rück- schlägen aus und schädigt seine Autorität; der gänzlich uninteressierte Monarch, der seine Existenz auf die Gesamtheit der Nation stützt, wird dasjenige Organ des Staatsgehirnes bedeuten, das in Analogie der transzendenten Willensfreiheit des Individuums den Zweifel beseitigt und den Charakter bestimmt. Als Ausdruck dieser irdischen Uninteressiertheit ist denn auch die Idee einer Gottesverantwortung wohl verständlich, wobei freilich leicht eine Ver- wechslung von persönlichen Wünschen mit gött- lichen Inspirationen sich ereignen kann. So wäre angesichts dieses mystisch klingenden Wortes die Erinnerung an ein friederizianisches mit einer klei- nen Variante statthaft : daß Gott im Kriege hinter den stärkeren Bataillonen und im Frieden hinter den wichtigeren Interessen steht.
Im Gegensatz zur monarchischen Autorität ist die politische Vormacht des Adels im Absteigen, denn sie findet in der mechanistischen Gesellschaft keine reale Stütze, vielmehr konkurrierende Mächte. Der preußisch-deutsche Aristokratismus, der un- gebrochenste in Europa, ist aus Gründen, die wir gestreift haben, durch preußische Verfassung und Verwaltungstradition gewährleistet und somit auch für die nähere Zukunft ausreichend verankert. Preußen verdankt ihm viel, denn er hat einen Be- amten- und Offizierskörper herangebildet, der an praktischem Idealismus, Mut und Pflichttreue alle Hierarchien des XTX. Jahrhunderts überstrahlt,
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und von dem sinnlich schwer faßbaren Vorgang, daß eine höher organisierte Oberschicht ein ganzes Volksleben zu kontrollieren vermag, uns ein voll- kommenes Bild gibt.
Obwohl der preußische Adel die Kraft besitzt, aus kleiner Menschenzahl viele und bedeutende Talente zu prägen, ist seine Veranlagung nicht eigentlich intellektuell. Seine großen Vorzüge be- ruhen auf einem unbeirrbaren Sinn für das Ehren- hafte, einem scharfen BHck für das Praktisch-nütz- liche, auf Mut, Ausdauer und Genügsamkeit. Ehr- geiz, Streben nach Verantwortung, Freiheit des Gedankens, Erfindungskraft, Anpassungsfähigkeit sind nur seinen größten Talenten eigen, dem Durchschnitt fremd.
Solange daher unter einfacheren und langsamer wechselnden Verhältnissen die Verwaltungstätig- keit etwa nach Art der Gutswirtschaft erlernt und auf traditioneller Grundlage patriarchalisch aus- geübt werden konnte, blieb der preußische Regie- rungsadel unübertroffen. Daß er neuen Gedanken- formen und Arbeitsmethoden gegenüber teilnahm- los auf der Tradition beharrte, war 1806 sein Schaden, 1849 sein Vorteil. In dem Maße nun, wie die mechanistische Weltwirtschaft ganze Ge- biete der Staatsverwaltung in reine Geschäfts- betriebe verwandelte, der Wechsel der Anschau- ungen und Aufgaben ein tägliches Umlernen, ein beständiges Erfinden forderte, zeigte es sich, daß zwar die alten Eigenschaften noch immer höchst schätzbar und unverkürzt vorhanden waren, daß aber der vorzüglichste Menschendurchschnitt nicht immer ausreichen konnte zur Lösung präzedenz-
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loser Aufgaben und zur Konkurrenz gegen die stärksten Talente des Auslandes.
Denn inzwischen war im Auslande, insbeson- dere in England und Frankreich, einigermaßen auch in Österreich, Rußland und ItaHen, bewußt oder unbewußt die Erkenntnis durchgedrungen, daß oberste Verantwortlichkeiten nur von entschie- denen Talenten getragen werden dürfen, und daß es für Millionenstaaten keine Entschuldigung gibt, wenn diese Talente nicht aufgefunden werden. So haben sich ohne Zutun der Gesetzgebung als Kon- sequenz einer freieren Praxis in jenen Staaten au- tomatisch wirkende Selektionsmethoden von größ- ter Verschiedenheit herausgebildet, die aber alle darin übereinstimmen, daß sie die Talente des Landes aus den Millionen der Mindergeeigneten aussieben, an die Oberfläche tragen und den Ver- antwortungen zuführen, für die sie von Natur bestimmt sind. Solche selbsttätige Selektions- methoden zu erläutern ist hier nicht der Platz; es genügt zu bemerken, daß Preußen sie nicht kennt, und somit darauf angewiesen ist, aus hundertfach kleinerem Material nach antiquierter Praxis die Rekrutierung seiner ersten Geschäftsführer vor- zunehmen. So fällt denn die doppelt erschwerte Aufgabe der Entdeckung höchster Begabungen drei Königlichen Kabinetten zu, und es kann kom- men, daß bei gesteigerten Ansprüchen an Ver- mögen, Herkunft, Repräsentation und Glanz der Persönlichkeit die schwersten Verantwortungen in Krieg und Frieden nicht immer auf den stärksten Schultern ruhen. Es ist ein schönes Zeichen der Festigkeit des preußischen Gefüges und der
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Brauchbarkeit des aristokratischen Durchschnitts, daß bisher erst auf zwei Gebieten vorwiegend ge- schäftlicher Art, freilich auch bedeutender Wich- tigkeit, die Mängel des Systems offenkundig ge- worden sind: im Kolonialwesen und in der aus- wärtigen Politik. Grundsätzliche Mängel eines Aufbaues können auf die Dauer nicht ohne Ge- fahren bleiben; es ist zu hoffen, daß es nicht allzuschwerer Erschütterungen bedarf, um sie zu beseitigen, und daß nicht eine allzuheftige Reak- tion das Gute mit dem Fehlerhaften vernichtet und uns in die Arme des Amerikanismus treibt. Ein weiterer Mangel in der Anpassung des preu- ßischen Verwaltungsstaates an die herrschende Mechanisierung ist zu erwähnen. Mechanistische Geschäfte erfordern zwar einen gewissen Oppor- tunismus im Anschluß an den Wechsel der Erforder- nisse und die Ansprüche des Tages, der Sieg aber steht dem zu, der durch die Klippen des Augen- blicks steuernd den Fernpunkt eines weit erspäh- ten Zieles nicht aus dem Auge verliert. In par- lamentarischen Staaten ist das Fernziel Erbteil einer führenden Partei, somit eines Volksteiles. Ministerien wechseln und sterben aus; das Partei- ziel bleibt erhalten, und der scheidende Politiker ist zufrieden, wenn er auch nur einen Fuß breit sich ihm nähern konnte, in dem Bewußtsein, daß sein Genosse oder er selbst dereinst berufen sein wird, die Arbeit fortzusetzen. In der Ruhezeit verfolgt das Staatsschiff den Kurs der Gegenpartei berührt andere Inseln, und bleibt doch bereit, die unterbrochene Fahrt von neuem aufzunehmen. So entsteht eine politische Tradition, eine PoHtik
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der Diagonale, und die Möglichkeit Aufgaben zu stellen und zu lösen, die Jahrzehnte erfordern.
In Preußen beschränkt sich die ministerielle Lebensdauer auf wenige Jahre. Der Minister kann keiner Partei angehören, denn er muß die Fiktion vertreten, daß die vom Parlament unabhängige Regierung sozusagen im Absoluten wurzelt; so- mit kann er sich auf eine Parteitradition nicht stützen. Hegt er dennoch weitausschauende Pläne, so wird er doppelt Bedenken tragen, sich und sei- nen Stab ihnen zu widmen : denn er selbst wird die Verwirklichung nicht erleben, und sein Nach- folger wird vielleicht damit beginnen, das müh- sam gelegte Fundament so gründlich zu zerstören, daß kein Späterer Lust findet, es zu erneuern.
Deshalb fehlt es im preußischen Deutschland, trotz aller Tradition der Verwaltung, seit Bis- marcks Abgang an politischer Tradition, an poli- tischen Ideen und an politischer Langatmigkeit. Da auch dieser Fehler in der Konkurrenz der Staa- ten sich geltend zu machen beginnt, zumal in dem Sinne, daß unsere außenpolitischen Ziele stark zusammengeschmolzen sind, so wird die Ab- hilfe nicht mehr lange auf sich warten lassen.
So müssen wir am Schluß dieser Zwischenbe- trachtung fast mit Erstaunen die paradoxe Tat- sache feststellen, daß Preußen-Deutschland, das_ führende Land der europäischen Mechanisierung, das viel gefürchtete und viel bewunderte Land der Technik, das stärkste Industrieland der alten Welt, das Land der erfolgreichsten Geschäftsleute, sich in seiner politischen Ordnung den einmal gegebe- nen Verhältnissen der Mechanisierung so wenie
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angepaßt hat, — und zwar ohne Überlegenes an ihre Stelle zu setzen, — daß es weder seine öffentlichen Geschäfte selbst verwaltet, noch eine ausreichende Zahl von Talenten für entscheidende Verantwor- tungen aufbringt, noch klare und bedeutende poli- tische Ziele besitzt, noch auch — wie wir leider hinzusetzen müssen — dem Auslande gegenüber jederzeit das Arbitrium ausüben kann, das einem Verteidigungsbudget von zwei Milliarden und der stärksten Territorialarmee aller Länder und Zeiten entspricht.
Dies Bild eines Staatswesens, das sich gegen das mechanisierende Ideal zu wehren sucht, ist für unsere Betrachtung doppelt lehrreich. Einmal, weil es zeigt, welche gewaltigen Kräfte die Me- chanisierung aufzubringen vermag, um Wider- spenstige zu bändigen. Schon heute befindet sich das altpreußische Herrschaftswesen in einem la- bilen Gleichgewichtszustand ähnHch dem zu Be- ginn des XIX. Jahrhunderts, und es ist nur eines zu hoffen : daß der zögernde Abbau, der sich in diesen Jahrzehnten vollzieht, nicht durch Kata- strophen überstürzt wird.
Sodann ist es wichtig festzuhalten, daß der gegenwärtige antimechanistische Verwaltungszu- stand Preußens in letzter Linie einen Rest von Abhängigkeitsbedürfnis der ehemals unterdrückten Volksschicht seine Erhaltung verdankt. Dieses Ab- hängigkeitsbedürfnis äußert sich in absolutem Sinne in der Lust, durch Befehle, Verbote, An- weisungen, Ermahnungen, Ausschließungen, Privi- legien dauernd geleitet und beschränkt zu werden; es äußert sich in relativem Sinne in der Verehrung
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und Bewunderung, die ohne bewußte Kenntnis der Ursache dem anerkannt edleren Blute, dem ausgesprochenen Herrentume gezollt wird.
Das Rudiment vormechanistischer Empfindungs- weise, das hier zutage tritt, führt uns zurück zu der Übersicht der zeitgenössischen Ideale, die wir soeben beendet haben.
Die Alehrzahl dieser Bilder trägt noch die Züge, die der älteren Empfindungswelt angehören; um so ausgeprägter, je weiter wir uns aus dem Mittel- gebiet des Mechanisierungskampfes nach un- interessierten Regionen hin entfernen. Ausge- sprochen altertümlich erscheint das körperliche und das menschliche Ideal, ausgesprochen neu- zeithch das wissenschaftliche, politische und staat- liche. Es gleicht auch hierin das Gesamtbewußt- sein dem Bewußtsein des Einzelnen, daß abseits der interessierten Geistessphären sich vorzeit- liche Reste gemüthcher, harmloser, kindlicher und abergläubischer Empfindungen erhalten, die auf- gesogen werden, in dem Maße, wie das Interessen- bewußtsein sich verdeutlicht und ausdehnt. Denn ein der Menschheit nicht gerade schmeichelhaftes Gesetz scheint zu bestimmen, daß die uninteres- sierte Überzeugung sich allmählich der interes- sierten Überzeugung anpaßt; mit anderen Wor- ten, daß die Überzeugung nicht dauernd den In- teressen widersprechen kann. Weshalb es denn auch von jeher verdienstvoller und erfolgreicher war, die Menschen von falschen Interessen zu befreien, als von falschen Meinungen.
So kann es nicht befremden, in den Träumen der Mechanisierung eine gemeinsame Tendenz zu
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erblicken, die der philosophische Geist überwunden wähnt : das Streben nach dem ausschließhch Ver- nünftigen. Noch immer gehört unser waches Le- ben der Aufklärung, dem Rationalismus: wie könnte es anders sein in einer Zeit, die uns be- weist, daß Furcht stärker ist als Mut, Fleiß stärker als Kraft, Klugheit stärker als Träume ? Einer Zeit, die beständig das Wort im Munde führt: daß sie weiß, was sie will, und den Erfolg als Gesetz betrachtet ?
Wir müssen anerkennen, daß niemals, so lange die irdische Menschheit besteht, eine Weltstim- mung so einheithch einen so ungeheuren Kreis von Wesen beherrscht hat, wie die mechanistische. Ihre Macht scheint unentrinnbar, denn sie be- herrscht die Produktionsquellen, die Produktions- methoden, die Lebensmächte und die Lebens- ziele: und diese Macht beruht auf Vernunft.
Von der Sehnsucht der Zeit
Trotzdem aber die Mechanisierung noch lange nicht ihren Zenith erreicht hat, trotzdem sie ihre Aufgabe, den Weltkreis zu europäisieren, erst nach Generationen erfüllen und vielleicht auch dann noch nicht kulminieren wird, trägt sie schon heute den Tod im Herzen. Denn im Urgrund ihres Bewußtseins graut dieser Welt vor ihr selbst; ihre innersten Regungen klagen sie an und ringen nach Befreiung aus den Ketten unablässiger Zweck- gedanken.
Die Welt sagt, sie weiß was sie will. Sie weiß es nicht, denn sie will Glück und sorgt um Materie.
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Sic fühlt, daß die Materie sie nicht beglückt, und ist verurteilt, sie immer von neuem zu begehren. Sie gleicht Midas, der im Goldstrom verschmachtet.
Die Hoffnungen, die aus der Tiefe aufsteigen und im Geiste Einzelner Bewußtsein erlangen, sind widerspruchsvoll und daher dem Gemein- geist unklar. Denn einem Geiste wird nur das vernehmbar, was von gleichklingenden Elementen harmonisch zum Akkorde verstärkt wird, das Wider- strebende bleibt dumpfes Geräusch. Aus aller Verworrenheit aber klingt die Stimme der Sehn- sucht doppelt ergreifend, weil sie, das selbstsichere Wort der Bewußtseinswelt verleugnend, sich an- klagt, was sie ersehne, das wisse sie nicht.
Wer lehrt den zweifelnden Menschen dieser Zeit, was er schätzen, lieben, begehren, erstreben darf ?
Er wendet sich zur Philosophie; sie antwortet ihm: so mußte dieser, so mußte jener denken. Umstände und Anlage führen zur einen oder zur anderen Weltanschauung. Jede ist wahr, jede ist falsch, je nach der Eröffnung steht das Spiel so oder so. Das Ergebnis ist Kritik.
Er wendet sich zur Religion; sie zeigt ihm die Entstehung und Entwicklung des religiösen Ge- dankens, sie entwirft eine psychologische Analyse des religiösen Empfindens, projiziert das Wandel- bild der Glaubensformen und gibt eine Natur- geschichte Gottes. Die Gottheit wird zur Phantasmagorie.
Er wendet sich zum Menschen: der eine preist die alten Tugenden, der andere die neuen. Sinnes- lust und Beschaulichkeit, Naturgenuß und Erfolg, Ehre und Freiheit, Pflicht und Reichtum: zu-
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letzt wird alles der Individualität anheim- gcstellt.
Er befragt die Wissenschaft. Sie rät ihm, sich zu spezialisieren.
Die Kunst eröffnet ihm den Bildersaal, der von Memphis bis Paris, von Mexiko bis Peking alle Schön- heit der Zeiten und Völker birgt. Sie verherrlicht die eine, schmäht die andere Epoche mit dem Hinweis, daß sie morgen umgekehrt verfahren wird.
Das Erwerbsleben lehrt, wie man Bedürfnisse schafft und befriedigt, wie man organisiert und verwaltet und die käuflichen Güter der Welt ver- mehrt, damit neue Generationen Lebensunter- halt, Arbeit und neue Zweifel finden.
Es ist, als sei die Welt flüssig geworden und zer- rinne in den Händen. Alles ist möglich, alles ist erlaubt, alles ist begehrenswert, alles ist gut. Zu- letzt tut der Abgrund der Zeiten sich auf, und es zeigt sich wie in Macbeths Spiegel jedes der Ge- sichte zu schwankenden Generationsreihen er- weitert; jeder Mosaikstein des fhmmernden Bildes wird zum endlosen Bande, und in jedem Quer- schnitt des Bündels erscheint ein neues Symbol unsäglicher Relativitäten.
Der Mensch aber begehrt Glauben und Werte. Er fühlt, daß er UnersetzUches besessen hat; nun trachtet er das Verlorene mit List wiederzu- gewinnen und pflanzt kleine Heiligtümer in seine mechanisierte Welt, wie man Dachgärten auf Fabrikgebäuden anlegt. Aus dem Inventar der Zeiten wird hier ein Naturkult hervorgesucht, dort ein Aberglauben, ein Gemeinschaftsleben, eine künstliche Naivität, eine falsche Heiterkeit,
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ein Kraftideal, eine Zukunftskunst, ein gereinigtes Christentum, eine Altertümelei, eine Stilisierung. Halb gläubig, halb verlogen wird eine Zeitlang die Andacht verrichtet, bis Mode und Langeweile den Götzen töten.
Dennoch ist dieses Spiel nicht verächtlich, weil es aus Sehnsucht stammt. Aber es bleibt hilflos und kindisch, weil auf dem zitternden Boden der Mechanisierung arkadische Haine nicht gedeihen. Mancher wählt die Flucht; aber der Amerikaner, der zwei Jahre lang in Wäldern haust, muß beim Anblick des Gerätes, des Buches und Kleides, das er mit sich führt, sich eingestehen, daß er von der Mechanisierung der anderen lebt, daß seine Ein- siedelei eine Sommerfrische auf Kosten der me- chanisierten Gemeinschaft bedeutet. Mancher wählt die Abgeschlossenheit, aber muß empfinden, daß ein Glück, das sich nicht mitteilt, fehlerhaft ist.
Die Blume vor dem Fenster eines Bauernhauses, das Lied auf der Landstraße, der Sonntagsausflug der Stadtbewohner, das Buch in den Händen des Arbeiters bezeugen, daß das Volk entschlossen ist, nicht in mechanistischer Zweckhaftigkeit aufzu- gehen; aber Lesehallen und Volkstheater, popu- läre Wissenschaft, Gartenkolonien und halb wohl- tätige Unterhaltungen sind bei aller Nützlichkeit allzudürftige Mittel, um den Seelenfunken anzu- fachen. Nicht mehr wäre dem Seelenleben ge- wonnen, wenn nach dem Siege des soziahstischen Prinzips um den Preis trübseHger Nivellierung ein Zuwachs des Minimaleinkommens von 140 Ta- lern erkauft würde. Mechanistische Mittel werden die mechanistischen Übel nicht heilen.
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Wenn es nicht allzu vermessen erscheint, die Frage zu stellen : wo die Gegenkräfte der Mechani- sierung zu finden sind, und wie sie ausgelöst wer- den können, so muß der Versuch gewagt werden, die Gesamtheit dieser Weltbewegung mit einem Blick zu umfassen.
Was ist der Sinn der Mechanisierung, was ist ihr Wesen und Ziel ?
Betrachten wir zuerst ihre Entstehung. Vor Anbruch der Geschichte waren Kraft und Mut die höchsten Tugenden des Menschen. Heroische Völker, gestählt im Kampf mit den Naturmächten, traten aus ihren Wäldern hervor; sie unterjochten die schwächeren, friedfertigeren Urbewohner. Der Kluge war der Knecht des Starken; er diente ihm mit Arbeit und Künsten und wurde dafür geschützt und geleitet. Der Unterdrückte sam- melte, der Herr verschwendete sein Erbteil; Klugheit war zäher als Kraft ; und in dem tausend- jährigen Ringen um den Weltbesitz, das wir Ge- schichte nennen, siegte nach Wechselfällen und Rückschlägen erst hier dann dort, zuletzt überall, Intellekt und Zahl über Gesinnung und Tradition. Die Welt erhielt ihr Gepräge von den Rebellen; an die Stelle der Kaste trat die Organisation, an die Stelle des Frohns die Maschine. Die einstigen Herren, soweit ihr Blut nicht in Mischung auf- ging, waren gezwungen, sich der Mechanisation anzupassen; nur da, wo glückliche Umstände ihnen unveräußerlichen Landbesitz erhielten, blieben sie im Besitz von Privilegien. Naturgemäß waren die mechanistischen Einrichtungen auf die Eigen- schaften ihrer Schöpfer zugeschnitten; sie erfor-
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derten Intelligenz, Zähigkeit, Beweglichkeit und Erfindungsgabe. Innerhalb der geistigen Atmo- sphäre der Mechanisierung, die wir zu schildern unternahmen, kämpfen nun die Werte der alten Gesinnungswelt mit den Werten der neuen In- tellektualwelt. Zwar leben noch die einen in ge- wissen Schätzungen des Volksbewußtseins fort; doch für die anderen hat der praktische Erfolg sich entschieden, und in der geistigen Verwirrung, die der Kampf und das Einleben in veränderte Ordnungen geschaffen hat, scheint der Augen- bHck gekommen, wo die neuen Werte in die Veste des Unbewußten, des Gefühls, überzutreten be- ginnen, wo die einseitige, vernichtende Selektion des Intellektualismus, die bisher vorzugsweise als Ergebnis der Praxis geduldet wurde, jene Rudi- mente älterer Wertungen, von denen wir gesprochen haben, hinwegspült, und sich zum Wahrzeichen der Zeit erhebt.
Hier ist der Punkt, wo zum ersten Male Er- kenntnis einzugreifen hat. Sie muß zur Schätzung dessen führen, was die Welt den ethischen und geistigen Werten der einstigen Oberschicht ver- dankt, und muß die Verantwortung erwecken für die Gefahr der Verarmung, die aus ihrer Vernich- tung erwächst.
Spätere Zeiten werden nicht begreifeny mit welchem Mangel an psychologischem Instinkt wir den Gegensätzen menschlicher Geistesrichtung gegenüberstanden, wie wir über Erscheinungen und Zusammenhänge, die mit Händen zu greifen waren, hinwegsahen, weil unsere Augen sich auf die merkwürdigsten Züge unserer Epoche nicht
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einstellen wollten. Ja, diese Metapher ist im wört- lichsten Sinne wahr; es erfordert kaum mehr an physiognomischer Apperzeption, um körperlich die Grundkontraste zu empfinden, als normale Kinder Fremden entgegenbringen.
Vor Jahren habe ich entwickelt, daß Furcht und Zweckhaftigkeit auf der einen, Mut und Zweckfreiheit auf der anderen Seite die Grund- stimmungen des Menschengeistes ausdrücken. In- dem der damals aufgestellte Begriff des Zweck- menschen zum Gemeingut wurde, hat sich ein Element der Beobachtungsreihe stabilisiert. AU- mähhch aber wird in das Bewußtsein der Gemein- schaft die Erkenntnis eindringen, daß gewisse, stets verschwisterte Eigenschaften regelmäßig im Ge- folge der einen, andere im Gefolge der anderen Kategorie auftreten müssen. Solange Menschen, welche die Merkmale der Eitelkeit, der Neugier, des Betätigungsdranges, der Unwahrhaftigkeit, der Kritiklust, der Unsachlichkeit, der Trübsal tragen, mit den gleichen Blicken angeschaut wer- den wie diejenigen, welche selbstbewußt, aben- teuerlich, wahrhaft, phantasievoll, sachlich und heiter sind, solange ist unsere Zeit gleichsam psy- chologisch farbenblind. Die Kenntnis der gei- stigen Eigenschaftsgruppen wird aber dereinst so selbstverständhch erscheinen, wie heute etwa die Unterscheidung der körperlichen Gruppenmerk- male von Kaukasiern und Mongolen. Sie wird nicht, wie angesichts der einseitigen Färbung unserer sprachlichen Charakteristik angenommen werden könnte, zur Verachtung der einen, zur Verherrlichung der anderen Gruppe führen —
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denn die Epitheta verdanken ihre extremen Wer- tungen dem Anschauungskreis der doppelschich- tigen Epoche — vielmehr werden zwei, wenn auch scharf getrennte Idealtypen sich abstrahieren lassen. Daß auch der zweckhafte Typ unserer westlichen Anschauung ansprechende, ja sympathische Züge entgegenbringen kann, zeigt das Bild der Erz- väter, Sokrates', Epiktets, oder um von Neuzeit- lichen zu reden, etwa Voltaires, Heines, Victor Hugos, Tolstois.
So wird die Erkenntnis menschlicher Quali- täten uns die Sicherheit der Wertung wiedergeben. Vor allem aber wird sie verhindern, daß in ein- seitiger Selektion die Mechanisierung fortfährt, Gesinnung zugunsten von Intelligenz zu ver- nichten; sie wird bewirken, daß ein Menschen- schlag erhalten bleibt, dem die Welt ihre Schönheit, ihre Phantastik und höhere Ordnung verdankt.
Entspringt diese erste Forderung aus den Ent- stehungsbedingungen der Mechanisierung, so müs- sen die Wirkungsbedingungen dieser Kraft in ana- loger Weise zu umspannen und auszudeuten sein.
Mechanisierung entspricht wirtschaftlicher Not- wendigkeit: verzehnfachte Bevölkerung auf un- veränderter Bodenfläche verlangt neue Wirt- schaftsmethoden. Der Kern der Mechanisierung ist der Produktionsprozeß. Er teilt mit anderen undurchgeistigten oder irrationalen Prozessen ähn- licher Art — wie zum Beispiel dem Prozeß der persönlichen Bereicherung oder des Ausbaus von Unternehmungen — die Tendenz, in unablässiger Selbsterregung den Umtrieb zu steigern, und zwar
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in doppelter Progression: einmal so, daß die Pro- duktionssteigerung die Bevölkerung verdichtet, und gleichzeitig die Verdichtung wiederum die Pro- duktion erhöht; sodann in dem Sinne, daß die Menge der Verbrauchsgüter den Einzelverbrauch anregt und wiederum der vermehrte Einzelver- brauch neue Verbrauchsgüter verlangt.
Den ersten Kreislauf gemäß der Malthusdok- trin zu durchschneiden, ist wider die Natur und bleibt außer Betracht. Der zweite Kreislauf greift in geheiligte Gesetze nicht ein, er ist im Sinne der Natur willkürlich und daher auflösbar.
Mit dem Lächeln, das uns entlockt wird, wenn wir von der Freude ostafrikanischer Neger an preußischen Husarenjacken hören, werden un- sere Nachkommen vernehmen, von welchem Wa- renhunger wir besessen waren. Ein Dritteil, viel- leicht die Hälfte der Weltarbeit geht auf, um der Menschheit Reizungs- und Betäubungsmittel, Schmuck, Spiel, Tand, Waffen, Vergnügungen und Zerstreuungen zu schaffen, deren sie zur Er- haltung des leiblichen, zur Beglückung des see- lischen Lebens nicht bedarf, die vielmehr dazu dienen, den Menschen dem Menschen und der Natur zu entfremden. Dies vor Augen zu stellen, genügt es, die Zahlen einer Produktionsstatistik oder eines mittleren Haushaltsbudgets darauf zu prüfen, wieviel zum Glück und Leben notwendige Positionen es enthält, (wobei natürlich die Be- lastungen aus dem Privatmonopol städtischen Bo- dens als Geschäftskosten, nicht als notwendiger Verbrauch zu rechnen sind) oder in den Fenster- auslagen einer Hauptstraße die millionenfachen
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Nichtigkeiten zu betrachten, welche die Begierde der Menschen erregen, und Tag für Tag mit saurer Arbeit erkämpft werden.
Es wurde erwähnt, daß die Frauen, die nicht bloß der Natur, sondern auch den Urvölkern nä- her stehen als wir, sich bereitwiUiger blenden lassen vom Schimmer des mechanisierten Produkts, wo- gegen der Mann sich maßloser dem Genuß der ZiviHsationsgifte hingibt.
Der primitive Irrtum, es sei zu befürchten, daß bei Beschränkung der Weltarbeit auf notwendige Produkte die Bevölkerung einen Teil ihres Lebens- unterhalts verliere, kann hier unberücksichtigt bleiben; er bedeutet eine Paraphrase des alten Trugschlusses : Luxus sei notwendig, weil er Geld unter die Leute bringe.
So trägt die Welt einen großen Teil ihrer Me- chanisierungslast freiwillig; sie wird sich in dem Maße entlasten, ihre Arbeitskraft und Muße be- glückenderen Zielen zuwenden und die Zwangs- gesetze der Mechanisierung durchbrechen, wie sie auf Nichtigkeiten und Schädlichkeiten verzichtet. Wer aber in diesen das erstrebenswerte Glück der Völker erblickt, dem sei es gegönnt, sofern er seine Torheit nicht andern zumutet.
Seltsam ist es, daß unsere so sehr zum Werten und Umwerten geneigte Zeit, die heute das Tanzen und morgen das Beten anpreist, heute das Trinken und morgen den Sport verurteilt, daß diese Zeit noch keine Regung des Gewissens verspürt hat angesichts der ungeheuerhchen Verschwendung an Arbeit, Geist und Rohstoff, deren der Einzelne und die Gesamtheit sich schuldig macht. Asthe-
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tisches Ärgernis an dem Produktenwust hat man- cher genommen; nun steht die Zeit vor der Tür, die in diesem Narrenkram das materielle Welt- verbrechen erblicken und mit verständnislosem Grauen die Spielzeuge des XX. Jahrhunderts betrachten wird.
Es bleibt der dritte Versuch und die umfassendste Frage: wie dürfen wir die mechanistische Epoche bewerten, wenn wir sie im Bilde der Menschheits- entwicklung betrachten.
Niemals, seit Erschaffung des Planeten, war ein so großes Quantum irdischen Geistes in Bewe- gung wie heute. Die Zahl der menschlichen Ge- hirne steht im Maximum, und die Denkarbeit geht an die Grenzen ihrer Kräfte. Vom Denken werden alle Räder der Welt im Schwung erhalten, und setzte der sorgende Erdengeist acht Tage lang aus, so würde das rückwärts stürmende Getriebe aUes Menschenwerk zerschmettern.
Auch die Mechanik des Denkens ist höher ge- steigert als zu irgend einer früheren Zeit. Denn das materielle Wissen ist gewaltig, die Menge der erkannten Zusammenhänge, der beobachteten Tatsachen, der verfügbaren Analogien unermeß- lich. Vor allem aber sind wirksame, der Mecha- nisierung angepaßte Methoden und Formen des Denkens verfügbar, die früheren Zeiten unbe- kannt, heute von jedermann mühelos gehandhabt werden, vom Politiker, Dichter, Reporter und Landwirt. Beherrschend für unser Denkwesen ist die Form geworden, die man als Fluxions- methode bezeichnen könnte. Sie besteht darin, daß die Erscheinung nicht mehr als ein fest Ge-
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gebenes angesehen wird, sondern als kontinuier- liche Funktion variabler Faktoren. Auf ihr be- ruht die mathematische Analysis, die Entwick- lungslehre, die historische Betrachtungsweise, das naturwissenschaftliche Messen, die Statistik. In Verbindung mit ihr haben mathematisch-phy- sikalische, philosophisch -kritische, vergleichend naturwissenschaftliche, mechanisch konstruktive, praktisch organisatorische Methoden sich der Gei- ster bemächtigt, und neue Begriffe, Verständi- gungsmittel, Lehren und Sprachformen geschaffen. Und wiederum die neuere Sprache selbst, mit ihren zahllosen Formeln abstrakter Zusammen- hängUchkeit, bildet ein kräftiges Vehikel des me- chanistischen Denkens. Deshalb ist es ein frucht- loses Beginnen, wenn Popularpropagandisten ihr den Rückweg zum konkreten Ausdruck des Alter- tums weisen wollen, indem sie nach feststehenden Rezepten Wort für Wort des mechanistischen Gefüges in falsche Bildlichkeiten umsetzen und das journaHstische Gerippe ihrer Darstellung mit Theaterlappen behängen. Kraft der Sprache ist nichts anderes als Kraft der Gedanken; wegge- lassene Präpositionen ändern daran nichts.
Wenn so die Welt im Sinne des Denkens durch und durch vergeistigt erscheint, so möchte man glauben, daß ungeheure Erleuchtungen und Fern- blicke, wahrhafte Seligkeiten des Geistes unserer Zeit beschieden sein müßten. Nichts dergleichen ist der Fall; schon die grenzenlose SpeziaUsierung macht es unmöglich. Denn wie in einem Bergwerk die Förderung verarmt, wenn die Längen und Verzweigungen der Stollen das Maß überschreiten,
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so gehen die unermeßlichen Erlebnisse und Ent- deckungen jedes Tages, in Winkeln gestaut, dem Gesamtleben verloren. Gäbe es Geister, wie die Humanistenzeit zum letzten Male sie kannte, die den Inbegriff unseres Wissens zu umspannen ver- möchten: sie würden die Geistesbrücken nieder- brechen sehen unter der Last des Wissens, und zuletzt sich bescheiden, alles registrierend hinzu- nehmen, weil denn schließlich von einer jeden Wahrheit auch das Gegenteil wahr und erwiesen ist.
Aber die Natur sendet solche Geister nicht; schon deshalb nicht, weil in den überreichen und überfeinen Denkapparaten kein Organ sich findet, das anders wirkt als analysierend, angleichend, ver- wertend, kritisierend. Fast alles, was geschrieben wird, kennen wir, bevor wir es gelesen haben; von fast allem, was gedacht wird, wissen wir das Er- gebnis, noch bevor es zu Ende gedacht ist. Es geht uns wie geübten Kartenspielern, die, wenn die ersten Blätter ausgespielt sind, voraussehen, wie die Partie verläuft, welche Zwischenfälle eintreten, ja welche Fehler gemacht werden. Niemals hat man das Wort Synthese so häufig vernommen wie in dieser Zeit; aber was sind diese Synthesen? ÄhnHchkeiten, Analogien, Bilder, Symbole, Zu- sammenhänge; je fremdartiger, desto bekannter, je verstiegener desto trivialer, nach stets den gleichen Rezepten aufgestellt, erläutert, ver- teidigt und bewiesen.
Hier liegt die tiefste Sehnsucht unserer Zeit, die ihren Sinn sucht. Unbewußt fühlt sie sich angewidert vom Denken, vom mechanistischen
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Denken; sie hat alles schon einmal gehabt und durchgrübelt, alles durchgeschätzt, jedes Gefühl sondiert und abgeleitet. Sie weiß, wie alle diese Rätsellösungen schmecken und wie lange sie vor- halten. Sie sehnt sich nach einem jenseits des Beweisbaren stehenden Sinn, und schrickt davor zurück, weil er ihr willkürlich scheint; und er ist willkürlich, weil er nicht in ihrer Seele liegt. Des- halb bhckt sie auf zu den Geistern, die göttliche Überzeugungen in ihren Seelen trugen, Plato, Paulus, Franziskus, Eckhardt, und kann doch die Überzeugungen nicht erwerben, weil sie diese See- len nicht erwerben kann. Sie schafft sich Gemein- den, Tempel und Altäre, und empfindet verzwei- felnd, daß sie das Einzelne nicht glauben kann, weil sie alles glaubt, daß sie alles glauben muß, weil sie nichts glauben kann. Die Zeit sucht nicht ihren Sinn und ihren Gott, sie sucht ihre Seele, die im Gemenge des Blutes, im Gewühl des mechanisti- schen Denkens und Begehrens sich verdüstert hat. Sie sucht ihre Seele und wird sie finden; frei- lich gegen den Willen der Mechanisierung. Dieser Epoche lag nichts daran, das Seelenhafte im Men- schen zu entfalten; sie ging darauf aus, die Welt benutzbar, und somit rationell zu machen, die Wundergrenze zu verschieben und das Jenseitige zu verdecken. Dennoch sind wir wie je zuvor vom Mysterium umgeben; unter jeder glatten Gedankenfläche tritt es zutage, und von jedem all- täglichen Erlebnis bedarf es eines einzigen Schrittes bis zum Mittelpunkt der Welt. Die drei Emana- tionen der Seele: die Liebe zur Kreatur, zur Na- tur und zur Gottheit konnte die Mechanisierung
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dem Einzelleben nicht rauben; für das Leben der Gesamtheit wurden sie zur Bedeutungslosigkeit verflüchtigt. Menschenliebe sank zum kalten Er- barmen und zur Fürsorgepflicht herab, und be- deutet dennoch den ethischen Gipfel der Gesamt- epoche; NaturHebe wurde zum sentimentalen Sonntagsvergnügen; Gottesliebe, überdeckt vom Regiebetriebe mythologisch -dogmatischer Ritu- alien, trat in den Dienst diesseitiger und jensei- tiger Interessen und wurde so nicht blos unedlen Naturen verdächtigt.
Es gibt wohl keinen einzigen Weg, auf dem es dem Menschen nicht möglich wäre, seine Seele zu finden, und wenn es die Freude am Aeroplan wäre. Aber die Menschheit wird keine Umwege beschreiten. Es werden keine Propheten kommen und keine Religionsstifter, denn diese übertäubte Zeit läßt keine Einzelstimme mehr vernehmlich werden : sonst könnte sie heute noch auf Christus und Paulus hören. Es werden keine esoterischen Gemeinden die Führung ergreifen, denn eine Ge- heimlehre wird schon vom ersten Schüler miß- verstanden, geschweige vom zweiten. Es wird keine Einheitskunst der Welt ihre Seele bringen, denn die Kunst ist ein Spiegel und ein Spiel der Seele, nicht ihre Urheberin.
Das Größte und Wunderbarste ist das Ein- fache. Es wird nichts geschehen, als daß die Menschheit unter dem Druck und Drang der Me- chanisierung, der Unfreiheit, des fruchtlosen Kampfes, die Hemmnisse zur Seite schleudern wird, die auf dem Wachstum ihrer Seele lasten. Das wird geschehen nicht durch Grübeln und Den-
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ken, sondern durch freies Begreifen und Erleben. Was heute viele reden und einzelne begreifen, das werden später viele und zuletzt alle begreifen: daß gegen die Seele keine Macht der Erde stand- hält.
Was rufen die Völker aller Zeiten einander zu ? Erlebnisse ihrer Seelen. Was kümmern uns die Salben der Ägypter, die Ritualien der Juden, die Schlachtordnungen der Griechen, die Auspizien der Römer, die Alchymistereien der Scholasten ? Was ihre Seelen gelitten und geschaffen haben, ihre Gesänge und Bilder, Visionen und Ahnungen, das besitzen wir als ein untrennbares Teil unser selbst. Was wir im Leben genossen, wenn die Seele unbeteiligt, was wir erduldeten, wenn die Seele unverletzt blieb, bedeutet nur einen Reiz und einen Schatten, zu flüchtig für die Erinne- rung. Die Kunst, die unseren Nerven schmeichelt, der Gedanke, der nicht in die Tiefe klingt, die Handlung, die unsere äußere Erfahrung bereichert, sind tote Dinge.
Gleichviel, wie wir das Herz der Welt zu er- fassen suchen : immer wird uns die Seele, unsere eigene Seele, entgegentreten. Nehmen wir das Körperliche als real und primär, so müssen wir aus Materie Geist, aus Geist Seele sich losringen sehen: denn das Atom ballt sich zur Zelle und aus dem Widerstreit sich aufhebender Sensibili- tätskeime wird Empfindung erkennbar; die Zelle vereinigt sich zum Menschen und aus der Sum- mierung gleichgerichteter Empfindungselcmente wird Geist sichtbar; der Mensch verbindet sich zur Gemeinschaft und aus der widerstrebenden
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Mannigfalt der Geister tritt die Seele zutage, die im Einzelmenschen wirkte, wie der Geist in der Einzelzelle, wie die Empfindung im Atom, unbefreit und dennoch lebendig. Nehmen wir das Ich als real und primär, so löst sich aus der Täuschung der Materie die bedingte Realität des Geistes, aus dem Geist die v^olle ReaHtät der Seele, die sich aus der Trübung befreit, indem sie sich ihrer selbst bewußt wird. Nehmen wir das Ich und das Körperliche gleichzeitig als real und identisch, so erleben wir an uns selbst, aus der Erfahrung unseres Lebens, die Entwicklung vom instinktiven Dasein der Kindheit zum geistigen Dasein der Jugend und zum seelischen Dasein der Reife.
Nichts anderes ist erforderlich als die Gewiß- heit des Lebens und Wertes unserer Seele; denn es handelt sich nicht darum, die Seele zu erzeugen, sondern zu entfesseln, und durch diese Gewiß- heit ist sie frei und des Aufstiegs fähig.
Diese Erkenntnis ist nicht neu, sondern sehr alt; wie denn alle Worte, die außerhalb alltäg- licher Not der Geist im Laufe der Jahrhunderte der Menschheit zugerufen hat, stets das Gleiche bedeuten, nämlich: achte auf deine Seele. Hier bedürfen wir der Erinnerung deshalb, weil in einer Zeit, die sich ihrer Entseelung bewußt wird, solche Erfahrungen eine gewaltige Realität erlangen, eine Realität, die unabhängig von aller religiösen und philosophischen Vereinzelung dasteht.
Nein, es wird und kann nichts weiter eintreten als das Begreifen, daß die Seele wachsen kann, und
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daß es wiederum Dinge gibt, die sie verkleinern und vernichten können. Und dieses Begreifen wird nicht in Dithyramben oder Bußpsalmen aus- klingen, sondern in Selbstgewißheit und Schwei- gen. Die heißen Wünsche der Menschen werden schweigen lernen, die Wünsche nach käuflichen Freuden, nach maßloser Bereicherung an äußeren Eindrücken, nach Beschleunigung des Lebens- tempos, nach Extensivwirtschaft und Raubbau des Geistes. Nicht daß deshalb das Arbeitsleben und der Produktionsprozeß stillstände; denn auch wenn das Wertlose vom Wünschenswerten und Nötigen gesondert wird, bleibt noch viel, noch mehr als heute zu schaffen, um größere und gleich- mäßigere Behaglichkeit der Lebensführung zu sichern. Nicht ganz so leicht, und dennoch ge- wiß, werden die Begierden schweigen lernen, die den Menschen zum Sklaven der Meinung machen, die Freude am Neid, am Beifall, an der Beachtung; ohne daß es deshalb an Männern und Frauen feh- len wird, die aus Lust am Schaffen, an Verant- wortung und Initiative Führerschaft leisten und erstreben. Schweigen lernen wird auch die Kunst; wie denn von jeher unaufdringlich und schweigend, und so der Natur vergleichbar, die großen Werke durch die Zeiten geschritten sind.
Zieht man die Umwälzungsgeschwindigkeit in Rechnung, an die uns das XIX. Jahrhundert ge- wöhnt hat, so wird man die Erwartung des neuen Zustandes der Menschheit, der sich von dem heu- tigen nicht wesentlicher unterscheidet als etwa der zeitgenössische haitianische vom zeitgenössi- schen englischen, nicht als utopisch bezeichnen.
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Freilich kann nicht zu gleicher Zeit die ganze be- wohnte Welt ihn empfangen; vielleicht wird in Zentralafrika noch immer die Glückseligkeit des Warenhauses blühen, wenn in Deutschland das Ge- schrei der Modeneuigkeiten längst verstummt ist.
Wohl aber wäre es utopistische Schwachheit, aus eigener Unzulänglichkeit die Kräfte ermessen zu wollen, die in der Menschheit das Reich der Seele einstmals auslösen wird.
Die mechanistische Entwicklung können wir ohne Staunen, ja ohne Geistesaufwand ein gutes Stück zukunftwärts weiterdenken. Ein hundert- fach übervölkerter Erdball, die letzten asiatischen Wüsten angebaut, ländergroße Städte, die Ent- fernungen durch Geschwindigkeiten aufgehoben, die Erde meilentief unterwühlt, alle Naturkräfte angezapft, alle Produkte künstlich herstellbar, alle körperliche Arbeit durch Maschinen und durch Sport ersetzt, unerhörte Bequemhchkeiten des Lebens Allen zugänglich, Altersschwäche als allei- nige Todesart, jeder Beruf Jedem eröffnet, ewiger Friede, ein internationaler Staat der Staaten, all- gemeine Gleichheit, die Kenntnisse des mecha- nischen Naturgeschehens ins Unabsehbare er- weitert, neue Stoffe, Organismen und Energien in beliebiger Menge entdeckt, ja zu guterletzt Verbindungen mit fernen Gestirnen hergestellt und erhalten: im Sinne der Mechanisierung die höchsten Aufgaben, alle lösenswert und vermutlich dermaleinst gelöst — ; wem macht es Schwierig- keit, dies Bild künftiger Bequemlichkeit und Ge- lehrsamkeit behebig auszumalen, und wen macht es glückUch?
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Im Seelischen auch nur einen Schritt über das dem einzelnen Menschen gestattete Maß vorzu- dringen, ist unmöglich. Ein Grieche konnte sich durchaus, und ohne Enthusiasmus, das Fliegen der Menschen vorstellen, den Hamlet oder die IX. Symphonie konnte er sich nicht vorstellen, ebensowenig wie ein Mensch der Steinzeit sich die Freude an einer Gebirgslandschaft oder einer Brandung vorstellen konnte. Wir brauchen nicht über das Alter des Menschengeschlechtes hinaus- zugehen, um zu Zeiten zu gelangen, in denen die Seelengewalten unseres eigensten Lebens, die Liebe der Geschlechter, die Liebe zur Heimat, zu Eltern und Kindern, zu Gott und Natur noch nicht aus primitiven Instinkten hervorgetreten, somit im eigentlichen Sinne nicht erfunden und auch nicht vorstellbar waren.
Oft hat man die spielende Frage gestellt, was wohl ein großer Geist des Altertums wiederkeh- rend zu den Gestaltungen der neuen Zeit sagen würde. Wählt man für diese Rolle einen aufs Wesentliche gerichteten Geist wie den des Plato, so dürfte man fabeln: die Früchte der Mecha- nisierung würde er mit wechselndem Interesse hinnehmen, die höchste Kunst Europas der seinen verwandt empfinden, drei Dinge aber würde er als Offenbarungen verehren: die Lehre Christi, die germanische Naturbetrachtung und die deut- sche Musik.
Hier verläuft eben eine der Grenzlinien, die das Gebiet des Geistes von freieren Gebieten sondern; sie ist zart, aber unüberschreitbar. Was vom Heraufdämmern des Seelenreiches in Gedanken
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und Worten materialisierbar ist, das haben wir gestreift; Glaubhaftigkeit kann nur im Mit- klingen tieferer Schwingungen gesucht und ge- funden werden, didaktisch dialektische Beweise sind Überredungsmittel. Wollte man versuchen, eine alte, innere Überzeugung, eigentlich nega- tiver Art, von Wesen dieses Reiches, gedanklich zu übersetzen, so könnte man auf der Grundlage realistischer Weltanschauung abermals davon aus- gehen, daß von der Geisteseinheit des Atoms zu derjenigen der Zelle, von der Geisteseinheit der Zelle zu derjenigen des Menschen, von der Geisteseinheit des Menschen zu derjenigen der Gemeinschaft eine immer wachsende und immer sich verengernde Agglomeration stattfindet. Wie die Summierung zweier Geistesinhalte erfolgt, wissen wir nicht, denn das, was man eigentlich Mechanik des Geistes nennen müßte, ist uns voll- kommen unbekannt. Wohl aber wissen wir, daß die Summierung zu einer sehr engen Verbindung führt, ja daß der unendlich summierte mensch- liche Geist sich selbst als eine Einheit empfindet und nur durch besondere Beobachtung seine Vielfältigkeit entdeckt. Den nächsten Prozeß der geistigen Summierung, den des Menschengeistes zur geistigen Gemeinschaft, aber können wir beobachten; wir können den Gemeinschaftsgeist einer Ehe, einer Freundschaft, eines Stammes und Volkes, ja selbst einer Versammlung oder Ge- sellschaft entstehen sehen. Und hier entdecken wir, daß das eigentlich summierende Moment nicht in der ursprünglichen Gleichrichtung, son- dern vielmehr in dem Streben nach Gleichrich-
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tung, nach Zusammenhang und Verschmelzung, in der Aufhebung der trennenden Faktoren, in der Beseitigung des Individuellen liegt. Dies summierende Moment wird uns objektiv hier- durch nicht bekannter, aber w^ir nehmen w^ahr, daß es von innen empfunden mit dem Mysterium der Liebe identisch ist.
Folgen wir nun den Analogien mit der Annahme, daß alle künftige Entwickelung abermals zur Verengerung der geistigen Agglomeration führen muß, so kehren wir von der Abstraktion zu der Urwahrheit zurück, daß die Aufhebung der indi- viduellen Willenstäuschung das Reich der Liebe emporführt. Und dieses Reich der Seele und der Liebe kann tatsächlich auch das Reich Gottes ge- nannt werden, weil es seinen Schwerpunkt vom geistig Individuellen in das seelisch Universelle verlegt.
Wiederholen wir nach diesen Erwägungen die Frage, welche Bedeutung der mechanistischen Epoche in der Evolution der Menschheit zuzu- sprechen sei, so bietet sich eine gesetzmäßige Ana- logie. So wie in der belebten Natur jeder Aufstieg vom niederen zum höher gearteten Organismus durch große Not erschwerter Lebensbedingungen erzwungen wurde, so glauben wir zu wissen, daß die höchsten Menschenrassen ihren Aufstieg gleich- viel welcher tausendjährigen Lebensschule ver- danken. Die Natur aber gab sich mit der Bildung einer Auslese nicht zufrieden. Die Auserwählten mußten sich als Herrscher über die niederen Völ- ker verbreiten, um sie zu führen, zu erziehen, ihnen neue Kräfte einzuprägen, schlummernde zu
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erwecken. Indem sie diese Aufgabe erfüllten, lösten sie sich auf, dem Urgesetz gehorchend.
Die neue Not, die nun begann, die Not der Verdichtung, der Mechanisierung und des In- tellektualismus, trägt etwas Größeres, Endgülti- geres, Feierlicheres in sich als ihre Vorläuferinnen. Denn diese Not entspringt nicht physikalischen und klimatischen Umwälzungen; sie ist von der Menschheit selbst geschaffen, die nunmehr, hinreichend entwickelt, ihrem eigenen Inneren überlassen, mit den gleichen Mitteln sich Qualen bereitet und Erlösung sucht.
Vielleicht wird sie gezwungen sein, noch mehr- mals ähnliche Assimilationsprozesse zu vollziehen, indem es ihr obliegt, zurückgebliebene Völker emporzuheben; vielleicht soll ihre massenhafte Vermehrung nebenher dazu dienen, die Kultur- aufgaben, denen europäische Kolonialarbeit so hilflos gegenübersteht, allmählich und ohne Ein- buße eigenen Wesens durch Verschmelzung zu lösen; gleichviel: die Not der Mechanisierung hat ihre Gegenkräfte bereits erzeugt, und wir dür- fen somit auch sie als eine der großen Schulungen der Erdengeschlechter ansprechen in der Zu- versicht, daß sie in ihrer Einzigart das Große em- porführen wird, von dem wir gesprochen haben. Ihr Beruf macht sie vergleichbar mit dem Leben einzelner Menschen, die mit allen Kräften des Geistes ausgestattet, suchend ins Weite streben und schweigend heimkehren, weil sie ihre Seele gefunden haben, durch Verzicht und Gewinn doppelt bereichert.
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ANHANG ZEITFRAGEN UND ANTWORTEN
Die folgenden kleineren Aufsätze sind Gelegen- heitsschriften. Sie wurden ausgewählt und bei- gefügt, weil sie die Gedankenfäden der Haupt- schrift in verschiedene Gebiete der Praxis hinüber- spinnen. Der zeitliche Inhalt wird die akzidentelle Fassung entschuldigen, die unverändert von den ursprünglichen Veröffentlichungen übernommen wurde.
MASSENGÜTERBAHNEN •)
Das Problem
Alle Erzeugung materieller Güter besteht in planvoller, der Materie aufgezwungener Orts- veränderung.
Gleichviel ob ein Eisenstück bearbeitet, eine Maschine montiert, ein chemisches Produkt er- zeugt oder eine Pflanze gezüchtet wird: allemal handelt es sich um das Heranführen, Verteilen, Trennen oder Vereinigen chemischer Substanz zu gewollter Verbindung, Masse und Gestalt.
Richtet sich das Augenmerk auf den geregelten Hergang der Trennung und Vereinigung, so spricht man von Manufaktur und Fabrikation; betrach- tet man die Überwindung der Entfernungen, so ergibt sich der Begriff des Transports. Die In- dustrie stellt sich die Aufgabe, beide Verrichtungs- arten in immer weiterem Umfang zu mechani- sieren: die Fabrikation durch Ausbildung des Maschinenwesens, den Transport durch Vervoll- kommnung der Verkehrsmittel.
Auf diesem Wege ist sie zur Massenerzeugung gelangt. Sie will, daß jeder Produzent nicht mehr nach Maßgabe seines Einzel- und Eigenbedarfs an Gütern tätig sei, sondern nach Maßgabe des Bedarfs aller Übrigen; es soll keiner für sich und jeder für alle arbeiten. Wenn also im Stande der älteren Güterproduktion jeder Haushalt sein eige- nes Vieh schlachtete, seinen eigenen Flachs spann
•) Vorrede einer Denkschrift, die in Gemeinschaft mit Herrn Geh. Baurat Prof. W. Cauer 1909 herausgegeben wurde.
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und webte, seine eigenen Kerzen zog und sein eigenes Bier braute, so verlangt der Grundsatz der Arbeitsteilung, daß aus zentralen Werkstätten bei möglichst ausgedehnter und ökonomischer Pro- duktion ganze Landesteile, ja Länder und Erd- teile mit spezialisierten Waren versorgt werden.
Welche Grunderscheinungen, sei es Übervölke- rung, sei es wachsender Einzelbedarf, die Welt zur ökonomischen Uniformierung ihrer Produktion zwingen, bei welcher alle Individuahtät der Er- zeugung durch die Individualität der Auswahl nur unvollkommen ersetzt wird, ist hier nicht zu er- örtern. Dagegen ist zu betrachten, wie durch diesen Prozeß alle Güter der Erde in enorme Be- wegung geraten : denn von den entfernten Ge- winnungsstätten strömen die Urstoffe zu den Zen- tralstellen der Verarbeitung, von diesen, nach mannigfachem Hin und Her durch die Werk- stätten der Veredelung und Verfeinerung, ver- zweigen sie sich nach den Orten der Hauptver- teilung, um schließlich, in kleine Partikel aufge- löst, nach den Einzelstellen des Verbrauchs zu rinnen. Der Kreislauf des Wassers ist das natür- liche Vorbild dieser Bewegungserscheinung, die sich in dreifacher Progression steigert; indem sie nämlich wächst mit der Zunähme des Konsums, mit der Zunahme der Speziahsicrung und der Verarbeitungsstätten, und mit der Zunahme der Zahl und Entfernung der Gewinnungsstellen.
So fordert die vorschreitende Industrialisierung immer zahlreichere und weitergestreckte Trans- porte, während zugleich jede neue Transport- möglichkeit eine weitere Verzweigung, Unter-
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teilung und Generalisierung der industriellen Ar- beit herbeiführt. Der industrielle Gedanke kann nicht ruhen, solange nicht alle auffindbaren Ge- winnungsstellen der Erde nach dem Maße ihrer Ergiebigkeit und ohne irgendwelche andere Rück- sicht ihre Materialien liefern; solange nicht diese Materialien an möglichst einer, und zwar der denk- bar günstigsten Stätte verarbeitet werden, und solange nicht jeder noch so entfernte oder unbe- mittelte Reflektant zum Konsum herangezogen ist. Diese Aufgabe macht den Industrialismus zu einem Transportproblem.
Wie weit von diesem Endzustand die gegen- wärtigen Gestaltungen entfernt sind, ergibt sich aus der Betrachtung der Einzelprodukte. Die bedeutendsten Rohmaterialien, Kohle, Eisenerz, Kalk, Zement, Bausteine, Holz, Kochsalz, Schwe- felsäure, können kaum einige hundert Kilometer zurücklegen, ohne ihren Wert um ein so Beträcht- liches zu erhöhen, daß ihre konkurrenzfähige Ver- wendbarkeit aufhört. Der Radius, den das Pro- dukt im Bahntransport nicht überschreiten kann, ohne seinen Preis zu verdoppeln, beträgt für Schwefelsäure 500 km, für Steinkohlen 300 km, für Braunkohlen 44 km. Vereinigen sich Rohma- teriaHen im Zustand hoher Verteuerung an Orten noch so billiger Arbeitskraft, so ist die Entstehung einer gesunden Industrie unmögHch. Tritt an die Stelle dieses Mißverhältnisses ein anderes: die übergroße Entfernung vom Zentrum des Ab- satzes, so ist abermals jede industrielle Anstrengung vergeblich. So ist Industrie in heutiger Zeit in wahrem Sinne ein Bodenprodukt. Sie ist ge-
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zwungen, den wirtschaftlichen Schwerpunkt zu suchen zwischen den Gewinnungsstellen ihrer ver- schiedenen Rohstoffe, den Hauptstellen des Ab- satzes, den Orten billiger Naturkräfte. Ist dieser Schwerpunkt nicht benutzbar, sei es, weil es an Arbeitskräften oder an Transportmitteln fehlt, oder aus irgendeinem anderen Grunde, oder sind die Stellen der Gewinnung zu entfernt, die Stellen des Konsums zu wenig dicht, so sagt man, das Land sei für die in Frage kommende Industrie nicht geeignet. Anderseits kann die Entdeckung und Ausnutzung eines ausgezeichneten industriellen Schwerpunktes auf Jahrzehnte hinaus wahre Mo- nopole schaffen. Dies ist vornehmlich der che- mischen Industrie geschehen, die in einem ihrer wichtigsten Zweige noch heute ausländischen Unternehmern tributpflichtig ist, weil diese durch ein unangreifbares Monopol der Lage die einge- borene Konkurrenz beherrschen.
Der Angriffspunkt
Betrachtet man ganz allgemein den wirtschaft- hchen Wettbewerb der Nationen, um sich zu fragen, auf welchen Faktoren die Entwicklung aller produzierenden Mächte und der Vorsprung der einen gegenüber den anderen beruhe, so ergeben sich folgende Kategorien:
I. Ideelle Werte. Diese bestehen in der Ar- beitsamkeit, der Zuverlässigkeit, der Disziplin, der Initiative, der Lernbegierde und der Ausbildung der Volksgenossen. Diese ideellen Werte sind ein für allemal gegebene Größen, auf dem Physikum
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der Rasse und des Landes basierend, und nur lang- samen, gelegentlich katastrophalen Änderungen unterworfen. Einer Einwirkung durch unmittel- bare Maßnahmen sind sie nicht zugänglich.
2. Kapitalkraft. Sie ergibt sich aus der Ver- gangenheit des Landes, aus seiner geschichtlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ent- wicklung. In ihr konzentrieren sich sämtliche übrigen produzierenden Faktoren, soweit sie in früheren Perioden zusammenwirken und sich un- gestört summieren konnten. Die Kapitalkraft ist eine stetig sich bewegende Größe, die abgesehen von Krieg und höherer Gewalt ruckweisen Ände- rungen nicht unterliegt.
3. Arbeitskräfte. Hier handelt es sich in erster Linie um Reichhaltigkeit; bei weitem nicht so sehr, wie man annehmen möchte, um Wohl- feilheit. UngewöhnHche Billigkeit der Arbeits- löhne ist nicht das Symptom eines wohlhabenden, sondern eines wirtschaftlich zurückgebHebenen Landes. Immer wird bei entwickelten Arbeits- methoden der gut bezahlte, gut ernährte und gut ausgebildete Arbeiter mit dem billigen, notlei- denden und abgestumpften Nebenbuhler erfolg- reich konkurrieren — womit freilich nicht ge- sagt ist, daß durch rapide Lohnerhöhung die Qualität im Handumdrehen gehoben wird. Gut belohnte Arbeit wird aber einen weiteren Faktor von ausgezeichneter Bedeutung mit sich führen, nämlich :
4. Konsum. Da die handelspolitische Tendenz unserer Zeit den Export erschwert und die Export- ware zur wenig lohnenden Auffüllung der Werk-
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Stätten verurteilt, so entscheidet der Umfang des inländischen Verbrauchs über Größe und Zen- traUsation, Spezialisierung und Arbeitsmethoden der Industrie. Nordamerika, ein Land hoher Löhne und großen Konsums, befindet sich in einer weit- aus vorzügHcheren industriellen Lage als etwa Deutschland mit seinen schlechter bezahlten und weniger konsumfähigen, wenn auch durchaus in- telligenten Arbeitskräften.
Daß auch diese beiden zusammengehörigen Faktoren: Arbeitskräfte und Konsum, einer will- kürlich korrigierenden Einwirkung nicht Raum geben, bedarf keiner Erwähnung. Anders verhält es sich mit dem letzten Kräftepaar:
5. Materialbeschaffung, Energiequellen und
6. Transportverbindungen. Auf den ersten Blick will es so scheinen, als sei keine Produktions- bedingung so sehr mit den Fundamentaleigen- schaften, dem wahrhaften Physikum des Landes verwachsen, wie die Gewinnung des Rohmaterials, denn dieses bildet einen materiellen Teil der Erd- kruste oder ihrer Oberfläche. Indessen ist zu er- wägen, daß gewisse Rohprodukte, und zwar höchst wichtige, wie Kohle, Kalk, Sand, Salz, Ton, Holz, Erze, Getreide, in nahezu allen großproduzieren- den Ländern vorkommen, wenn auch nicht in gleichem Reichtum und vor allem nicht immer an den zur Bearbeitung geeignetsten Stellen; des ferneren, daß fast alle diese Länder Seeküsten ha- ben, und daß sie somit die ihnen fehlenden Stoffe zum mindesten bis in ihre Häfen mit geringen Frachtaufschlägen und zollfrei gelangen lassen
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können, wobei die Weltkonkurrenz sie gegen Über- teuerung schützt. So ist denn nicht die Beschaf- fung der Materiahen selbst der Gegenstand der Sorge, sondern vielmehr die Schwierigkeit ihrer Vereinigung. Gewaltig bevorzugt erscheinen da- her diejenigen Länder, die durch natürhche Verkehrsstraßen und enge Nachbarschaft der Fundstätten ausgezeichnet sind.
Dennoch ist die Frage der Transporte, deren Bedeutung für den industriellen Mechanismus wir erkannt haben, selbst für frachtlich mittelmäßige Länder durchaus keine solche, die sich grundsätz- lich der Ausgestaltung, Förderung und Reform durch bewußt-spontane menschliche Unterneh- mung entzieht. Hier vielmehr ist der Punkt gegeben, und zwar der einzige, von dem aus das industrielle Gleichgewicht der Welt organisatorisch bewegt werden kann; sofern es nämUch gehngt, Transportmethoden zu schaffen, die den heutigen ökonomisch überlegen sind. Physikalisch betrachtet, bedeutet die Lösung dieser Aufgabe die Verminderung des Reibungs- verlustes bei der Güterzirkulation, somit eines Faktors, der gegenwärtig einen bedeutenden Teil der menschUchen Produktionskraft kompensations- los zerstört. Keine Warengattung könnte sich der Verbilligung entziehen, die aus solcher Wider- standsverminderung hervorginge, ja es müßte eine selbsterregende Steigerung der Wirkung insofern entstehen, als der Konsumanteil des Einzelnen sich unmittelbar erhöht fände und hierdurch vermehrte Produktion und abermalige Verbilligung erzielt würde.
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Setzt man den Fall, daß Deutschland, trotz schlechter Lage und mittelmäßigen Material- reichtums ein Produktionsgebiet ersten Ranges, in ost-westUcher oder nord-südlicher Richtung plötz- lich in praktischem Sinne frachtfrei gemacht wer- den könnte, so wäre die wirtschaftliche Wirkung dieses Ereignisses nicht abzusehen. Nicht allein, daß alle bestehenden Industrien sofort unter weit verbesserten Bedingungen arbeiteten und ihren Absatz auf ein Vielfaches des gegenwärtigen Areals im In- und Auslande ausgebreitet sähen; daß so- mit auch ihre Konkurrenzfähigkeit dem Welt- markt gegenüber sich gewaltig, und auf den Pro- duktionsumfang rückwirkend, steigerte: es wären vielmehr auch die Existenzmöglichkeiten für zahl- reiche neue Industrien gegeben, die jetzt aus geographischen Gründen versagen; und gleich- zeitig wäre die Industrialisierung derjenigen gut bevölkerten Landesteile, wie etwa des preußischen Ostens, gewonnen, die gegenwärtig aus Kargheit der Rohmaterialien und des Konsums unterbleibt. Es scheint phantastisch und ist dennoch nicht über- trieben, wenn ernste Industrielle die Produktions- fähigkeit in einem praktisch frachtfreien Lande auf ein Vielfaches der gegenwärtigen veranschlagen.
Wollte man diesen Erwägungen die Besorgnis entgegenstellen, daß eine so wichtige Einnahme wie die Eisenbahntransporte auf den Hauptlinien den Staaten ungeschmälert erhalten werden müsse, so beträte man damit einen Standpunkt ähnlich dem der Kellner in gewissen französischen Gast- häusern : sie suchen im Frühjahr den Fremden zum Konsum von Weintrauben zu bewegen, damit aus
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einer Schädigung des Gastes um zwanzig Franken ein Gewinn von einem Franken in ihre Taschen wandle. Beim Übergang zu bilhgeren Transport- methoden könnte überdies den Staaten auf einigen Haupthnien wohl ein Bruttoausfall erwachsen (und auch dieser würde durch steigende Frachtmengen auf Haupt- und Nebenstrecken bald kompensiert sein), schwerlich aber ein Gewinnausfall. Denn den entgangenen Frachtgewinn des Staates könnten, selbst bei ungesteigerter Produktion, Industrie und Handel leicht durch andere Abgaben aufbringen, wenn die unfruchtbare Steigerung der Selbstkosten durch teure Transporte ihnen erspart bliebe.
Das Mittel
Daß Schiffstransporte billiger sind als Land- transporte, gilt als ein ausgemachter Grund- satz, der durch unvordenkliche Erfahrung be- stätigt scheint, und der durch die Einführung der Eisenbahnen als Haupttransportmittel der Erde nicht erschüttert wurde.
Wo daher im Binnenlande abseits von schiff- baren Flüssen eine bevorzugte Verkehrsstraße für massenhafte Güterbewegung eröffnet werden sollte, da suchte man, wenn die geographischen Bedin- gungen es gestatteten, Kanäle zu schaffen und scheute weder die Höhe der Anlagekosten noch die Langsamkeit der Transporte, noch die winter- lichen Unterbrechungen des Verkehrs.
Sucht man nun sich zu vergegenwärtigen, worin denn die grundsätzliche Überlegenheit der Kanäle, etwa im Vergleich gegen Eisenbahnen, bestehe, so
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ergibt sich zunächst, daß flüssige Bahnen die Fort- bewegung mit gleitender Reibung gestatten, während metallene Bahnen die Fortbewegung mit rollender Reibung verlangen. Unzweifelhaft erfordert die Überwindung der rollenden Reibung den höheren Kraftaufwand und somit größere Kosten. Aber bei näherer Prüfung ergibt sich, daß selbst beim Eisenbahntransport die reinen Kosten der Traktion, d. h. die Ausgaben für Kohle, Wasser, Schmiermaterial, Lokomotivlöhne, nur einen sehr kleinen Betrag des Gesamtaufwandes ausmachen, und daß somit eine Ersparnis auf diesem Konto so gut wie nichts bedeutet. In der Benutzung der gleitenden Reibung kann also ein entscheidender Vorzug der Kanäle nicht begründet sein. Liegt dieser Vorteil nun etwa in der größeren Kapazität der Transportgefäße ? So scheint es, wenn man den Laderaum eines Schiffes mit dem eines Güter- wagens vergleicht. Aber abgesehen davon, daß nichts die Eisenbahntechnik hindert, Wagen von erheblich größerer Leistungsfähigkeit, als bisher in Deutschland gebräuchlich, zu verwenden : es trifft dieser Vergleich an sich nicht zu. Die Ein- heit, die mit der Schiffseinheit in Vergleich treten kann, ist nicht der Wagen, sondern der Zug. Und hier will es wenig bedeuten, immerhin aber eher zugunsten des rollenden Systems sprechen, daß diese Einheit teilbar ist. Vor allem aber ist sie vermöge ihrer größeren Geschwindigkeit weit grö- ßerer Ausnutzung fähig und dabei nicht in dem Maße komplizierter und kostbarer, daß ihre Anschaf- fung und Unterhaltung den Kostenvergleich zu- gunsten der teureren Wasserbauten verschöbe.
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So bleibt als letzte Überlegenheit des Kanals die Möglichkeit einer beträchtlichen Dichte des Verkehrs, und es resultiert die einfache Frage: gestatten rollende Transportsysteme, also etwa Eisenbahnen, eine den Kanalsystemen adäquate Frequenz oder nicht ?
Daß die bestehenden Bahnsysteme, die gleich- zeitig dem Personen- und Güterverkehr dienen müssen, in ihrer Transportfähigkeit eng begrenzt sind, da sie mit verschiedenartigen Geschwindig- keiten, mit großen Zugabständen und unter ge- nauer Einhaltung der Fahrpläne arbeiten müssen, ist evident. Könnte man aus der Vogelperspektive die ganze Länge eines stark befahrenen Eisenbahn- gleises überblicken, so würde man auf der dunklen Linie in großen Abständen die Züge als kleine Punkte sich bewegen sehen. Auf der ungewöhn- lich stark belasteten Strecke Berlin — Halle beträgt in diesem Augenblick die Gesamtlänge aller sich fortbewegenden Züge während der Zeit des stärk- sten Verkehrs nur Vso der Länge der Bahn.
Nun wäre aber durchaus der entgegengesetzt extreme Zustand denkbar, daß nämlich nach Art eines Paternosterwerkes die ganze Linie von be- wegten Transportgefäßen derart überdeckt wäre, daß die Zwischenräume nahezu verschwänden. Daß in diesem Grenzfall die Transportfähigkeit einer Eisenbahn ins ungemessene wachsen müßte, liegt auf der Hand; des ferneren, daß um sich der Grenze anzunähern, die Personenbeförde- rung ausgeschaltet, die Geschwindigkeit der Züge normalisiert und die Folge beschleunigt werden müßte.
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Der Wunsch, diese Erwägung dem praktischen Bedürfnis nutzbar zu machen, ergab zunächst den Gedanken, Güterbahnen und Personenbahnen zu trennen; sodann für einen Moment die phanta- stische Vorstellung, ob es nicht möglich sei, auf einer Güterbahn die Benutzung nach Art einer Chaussee oder eines Kanals einzuführen, nämlich in der Weise, daß jeder Interessent das Recht er- hielte, gegen Erstattung einer Weggebühr die Bahn mit eigenen Zügen zu befahren, wobei geeignetes Zugpersonal, gleiche Fahrtrichtung, mäßige Ge- schwindigkeit und gewissenhaftes Einhalten des Abstandes ausbedungen würde.
Schon eine vorläufige Schätzung erwies, daß es einer vom üblichen Bahnwesen abweichenden Be- triebsweise nicht bedürfe, und daß, um eine der Kanalfrequenz erhebhch überlegene Verkehrsdich- tigkeit zu erreichen, eine Bahnbelastung genügt, die sich in durchaus praktischen Grenzen hält.
So war denn die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß ein Eisenbahnsystem sich den Kanälen als ebenbürtig, vielleicht sogar durch Billigkeit der Erstellung und des Betriebes und durch Lei- stungsfähigkeit als überlegen erweisen könnte, so- fern es folgenden Bedingungen genügte:
1. Trennung des Gütertransports von der Per- sonenbeförderung,
2. gleichmäßige Fahrgeschwindigkeit,
3. dichte Zugfolge,
4. Zugelemente und Züge von großem Fas- sungsvermögen.
Wollte man über diese Wahrscheinlichkeit hin- aus zu einer Vertiefung des Problems oder gar zum
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Versuche eines Beweises gelangen, so reichte die generelle Erwägung nicht mehr aus, und es schien notwendig, an Hand eines der Wirklichkeit an- gepaßten Vorprojektes der Aufgabe praktisch sich zu nähern. Da nun der Gedanke mich nicht ver- ließ, daß durch die Verfolgung und Diskussion meiner Idee der Industrie, wenn auch nur in späterer Zukunft, ein erheblicher Dienst geleistet werden könnte, bewog ich im Jahre 1904 drei be- freundete Gesellschaften: die Berliner Handels- Gesellschaft, die Allgemeine Elektricitäts-Gesell- schaft und die Firma Lenz & Co., ein Studien- syndikat für die Bearbeitung des Güterbahnpro- blems zu bilden. Herr Regierungsrat Kemmann hatte die Freundlichkeit, sich für die Leitung des Syndikats mir anzuschließen und in sehr dankenswerter Weise die Arbeiten fördern zu helfen.
Es gelang uns, Herrn Professor Cauer für die Fortführung der Untersuchung zu gewinnen. Sei- ner Arbeit verdanken wir eine nachhaltig be- gründete Beantwortung der Frage, ob technisch oder ökonomisch die Möglichkeit besteht, die Ko- sten der Gütertransporte weit unter das gegen- wärtige Niveau herabzudrücken, ob ferner Kanäle oder Eisenbahnen hierfür das geeignetere Mittel bilden. Die Antwort lautet: die Tarife lassen sich unter nüchternen Voraussetzungen auf die Hälfte bis ein Viertel der billig- sten bestehenden Sätze reduzieren, und zwar durch denBau besonderer Güterbah- nen, die billiger, leistungsfähiger und rentabler sind als Kanäle.
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Die Anwendung
Stellt man nun die Frage, welche praktischen Ergebnisse von der hier unternommenen Ar- beit erwartet werden dürfen, so ist zunächst zu erwarten, daß von diesem Augenblick an eine Dis- kussion beginnt, die, ausgehend von der elemen- taren Wichtigkeit der Transportverbilligung und von der unzweifelhaften Möglichkeit, sie durch neue Mittel zu erreichen, das Problem aus der Kompetenz einiger weniger Berufsarbeiter los- löst und es in die Hände aller urteilsfähigen Interessenten legt, die zur Erwägung und Mitarbeit aufgerufen werden. Diese Diskussion darf nicht aufhören, bevor auf dem einen oder anderen Wege die Lösung herbeigeführt ist *).
Sodann sind zwei MögUchkeiten zu unterschei- den. Entweder es gewinnt die Ansicht die Ober- hand — gleichviel ob richtig oder falsch — , bei geeignetem Betriebe oder bei korrekterem Aus- gleich der Kalkulationen seien auch die bestehen- den Eisenbahnen in der Lage, auf ihren Haupt- linien mit ähnlichen Tarifen zu rechnen; es sei somit die Errichtung besonderer Güterbahnen kein wirtschafthcher Fortschritt. Dieser Fall wäre, so paradox es klingt, der erfreulichste, obwohl er der vorliegenden Arbeit den Stempel des Miß- lungenen oder Überflüssigen aufzudrücken schiene. Denn es müßte über lang oder kurz eine erhebliche
*) Die Diskusston ist in vollem Gange; lebhafter freilich im Aus- land, insbesondere Österreich, als in Deutschland. Im preußischen Herrenhause stellte der Minister die Ergebnisse der Berechnungen nicht in Abrede, sprach aber, wie zu erwarten, die Besorgnis am, es könnten die fiskalischen Transportgewinne sich vermindern.
Herabminderung der Tarife auf den Hauptlinien erfolgen, gleichviel ob hiermit ein vorübergehender Gewinnausfall der Bahnen verbunden wäre. Mag man noch so entschieden den Standpunkt ver- treten, daß Staatsfrachten eine Besteuerung ent- halten sollen: es kann weder diese Besteuerung auf die Dauer ein Vielfaches des Wertes der Lei- stung ausmachen, noch kann eine Steuer so falsch lokaHsiert bleiben, daß ihre Saugapparate um den empfindlichsten Teil eines Wirtschaftskörpers sich klammern und eine Entwicklung hindern, die frei expandierend ein Vielfaches dieses Steuerbetrages aufzubringen vermöchte.
Setzt man den zweiten Fall: daß die Meinung Platz greift, die Güterbahnen bedeuten einen wirk- lichen Fortschritt im wirtschaftlichen Leben, so ist keine Macht imstande, den Bau solcher Bahnen dauernd zu hindern. Während Kanalbauten größe- ren Umfangs nur unter schweren Opfern des Staates und der Provinzialverbände zustande ge- bracht werden können, würde die Finanzierung einer Güterbahn aus privaten Mitteln möglich sein, denn sie bietet die Wahrscheinlichkeit einer gesicherten Rentabilität. So gering die Aussicht sein mag, daß der Staat eine konkurrierende Pri- vatunternehmung konzessioniert, so wahrschein- lich ist es, daß er selbst zu einem gewissen Zeit- punkt die Initiative ergreifen wird, um gleich- zeitig eine rentable Unternehmung und ein volks- wirtschaftlich notwendiges Werk zu schaffen.
Wann dieser Zeitpunkt eintreten könnte, läßt sich zwar nicht ermessen, aber vermuten. Auch unabhängig von der Frage der Güterbahnen be-
reitet die Teilung der gegenwärtigen Hauptbahn- linien in Parallelsysteme sich vor: denn wie der Güterverkehr nach erhöhter Frequenz verlangt, 80 verlangt der Personenverkehr nach Beschleuni- gung. In durchaus absehbarer Zeit wird die elek- trische Fernbahn sich des Personenverkehrs be- mächtigen und die zeitlichen Entfernungen hal- bieren. Die elektrische Fernbahn aber erfordert eigene Gleise ohne Kreuzungen sowie die Abson- derung vom Güterverkehr, der sich somit eigene Bahnen suchen muß.
So werden voraussichtHch die beiden größten Umwälzungen, deren der Massenverkehr fähig ist, in engster Verknüpfung und zu gleichem Zeit- punkt erfolgen.
Daß das Prinzip der Staatsbahnen mit seinen großen und anerkannten Vorzügen nicht die Eigenschaften verbindet, die den frei konkurrieren- den Industrien anerzogen sind: Lust zur Initia- tive und automatische Anpassung an die Bedürf- nisse der Gesamtheit, ist evident. Die Filtration dieser Bedürfnisse durch das Ermessen einer Be- hörde und durch das Verantwortlichkeitsgefühl technischer Instanzen, die nicht unter der Pression wirtschaftlicher Nötigung und spekulativen An- triebes stehen, verlangsamt die Realisierung und vermindert den Nutzeffekt.
Trotzdem kann ein grundsätzlicher Fortschritt des Verkehrswesens dauernd nicht zurückgehalten werden; dafür sorgt die Konkurrenz der Nationen und die erstarkende öffenthche Erkenntnis des wirtschaftlich Notwendigen.
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BEMERKUNGEN ÜBER ENGLANDS GEGEN- WÄRTIGE SITUATION*)
Vorbemerkung
Gegenüber der Meinung derjenigen Deut- schen, die in dem Vereinigten Königreich einen mäßig bevölkerten Inselstaat und einen gleichgearteten Komparenten des europä- ischen Völkerkonzerns erblicken, ist es nützlich, die präzipuale Bedeutung dieser Macht, die seit den Zeiten des Römer- und des Frankenreiches ihresgleichen nicht gehabt hat, zuweilen ins Ge- dächtnis zu rufen. Der dritte Teil der bewohnten Erde steht unter Englands Botmäßigkeit oder Ein- fluß; Hunderte von Millionen Menschen reden seine Sprache und bewahren seine Kultur. Seine Flotte findet Stützpunkte an allen Küsten; ihre Übermacht vermag jeden Gegner aus den Meeren zu vertreiben. Englischen Gebieten entstammen zwei Drittel der Goldproduktion der Erde; eng- lische Städte sind die Handels- und Marktzentren der Welt. Mit dem Kapitalreichtum des Landes kann Deutschland, mit seiner Liquidität nur Frank- reich sich messen, mit dem Umfang der auswärti- gen tributären Unternehmungen kein anderes Volk. Tradition, Homogenität der Rasse und Kultur schaffen den einheitHchsten Volkswillen, den wir kennen; die Alternation zweier patriotischer und responsabler Regierungsparteien verleiht der Po- Htik die Stetigkeit eines arithmetischen Mittels.
•) Diese Arbelt wurde während eines längeren Aufenthalts in eng- lischen Territorien im Sommer 1908 geschrieben.
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Ein zum Aristokratismus neigender, tätiger und wohlhabender Mittelstand von enormer Ausdeh- nung übt Körper und Geist in harmonischem <