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University of Toronto

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35-f

SAMMLUNG

ROMANISCHER ELEMENTAR-

UND HANDBÜCHER

UNTER MITWIRKUNG VON

PH. AUG. BECKER, E. BOVET, V. CRESCINI,

K. V. ETTMAYER, H. GELZER, P. E. GUARNERIO,

J. HADWIGER, E. HÖPFFNER, J. HUBER,

W. KÜCHLER, E. LEVY, S. PUSCARIU, C. SALVIONI,

FR. ED. SCHNEEGANS, O. SCHULTZ-GORA,

E. STAAFF, H. TIKTIN, J. VISING, K. VOSSLER,

M. L. WAGNER, B. WIESE, W. v. WURZBACH,

A. ZAUNER

HERAUSGEGEBEN VON

W. MEYER-LÜBKE

II. REIHE:

2. GESCHICHTE DES FRANZÖSISCHEN ROMANS 1.

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HEIDELBERG 1912 CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG

GESCHICHTE

DES

FRANZÖSISCHEN ROMANS

VON

DR. WOLFGANG VON WURZBAGH

PRIVATDOZENT AN DER UNIVERSITÄT WIEN

I. BAND

VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUM ENDE DES XVII. JAHRHUNDERTS

HEIDELBERG 1912 CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG

Verlags -Nr. 804.

Alle Rechte, besonders das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen, werden vorbehalten.

Herrn Professor

Dr. Philipp August Becker

in aufrichtiger Verehrung zugeeignet

vom Verfasser.

Vorwort.

Das Werk, dessen ersten Band wir hiermit der Öffentlichkeit übergeben, ist aus Vorlesungen hervor- gegangen, welche in den Jahren 1910 12 an der Wiener Universität gehalten wurden. Es ist auf drei Bände berechnet. Der vorliegende erste behandelt die Ge- schichte des französischen Romans von den Anfängen bis zum Jahre 1700, der zweite wird das XVIII. Jahr- hundert, der dritte das XIX. Jahrhundert zum Gegen- stande haben.

Es fehlte bisher sowohl in der französischen wie in der deutschen Literatur an einer umfassenden, wissen- schaftlichen Ansprüchen genügenden Darstellung dieses ausgebreiteten und interessanten Stoffes, Wer sich über die Entwicklung des französischen Romans unterrichten wollte, war fast ausschließlich auf die allgemeinen fran- zösischen Literaturgeschichten angewiesen, welche dieses Genre als Teil eines größeren Komplexes besprechen und über viele Phasen desselben keine befriedigende Auskunft geben. Nur für einzelne Epochen und Ström- ungen kamen uns Vorarbeiten zustatten.

Wir waren bestrebt an dem Charakter eines Ele- mentarbuches festzuhalten und haben uns besonders in der Geschichte des mittelalterliehen Romans größter Kürze befleißigt, um die neuere Zeit mit der ihr ge- bührenden Ausführlichkeit behandeln und auf die In- dividualität der bedeutenden Autoren näher eingehen zu können. In den Noten, welche den einzelnen Kapiteln beigegeben sind, ist das wichtigste bibliographische Material übersichtlich zusammengestellt.

Wien, im September 1912.

Dr. Wolfgang von Wurzbach.

Inhalt.

Seite

Einleitung 1

Erster Teil: Der Roman des Mittelalters.

I. Die Anfänge der Prosadichtung 7

n. Die epischen Grundlagen der mittelalterlichen Romane

und ihre Behandlung 15

III. Matiere de Bretagne 38

IV. Matiere de France . 68

V. Matiere de Rome la grant 93

VI. Abenteuerromane und Verwandtes 105

Zweiter Teil: Der Roman im Zeitalter der Renaissance

und der Sentimentalität.

VII. Von Antoine de la Saie bis Jean Lemaire de Beiges 129

VIII. Rabelais 146

IX. Die Quellen des sentimentalen Romans 175

X. Der sentimentale Roman und die Astree 204

Dritter Teil: Der heroisch-galante Roman und seine (xegenströmungen.

XI. Die Zeiten Ludwigs XIV. und das Preziösentum . . 228

XII. Der heroisch-galante Roman 244

Xni. Der realistische Roman 281

XIV. Politiker, Moralisten und Phantasten 323

XV. Der psychologische Roman 351

Register 396

Einleitung.

Die moderne Theorie versteht unter einem Roman eine zusammenhängende, in Prosa abgefaßte Erzählung von größerem Umfang, die den Entwicklungsgang und das Schicksal einer oder mehrerer Personen (Held, Heldin) vom Beginn ihres Strebens nach einer bestimmten Rich- tung bis zum Abschluß desselben zum Gegenstand hat; also z. B. von dem Augenblick, da sich der Held in die Heldin verliebt bis zur Heirat oder bis zu seinem Tode. Der Roman muß eine größere Reihe von Vorgängen ent- halten^ die eine gewisse Einheit bilden, welche Einheit aber nicht so strenge normiert ist wie jene der Handlung im Drama. In der Prosaform liegt die wenigstens äußer- liche Abgrenzung des Romans vom Epos, im Umfang die Abgrenzung von der Novelle, die einen einzelnen Vorfall, eine interessante, neuartige, überraschende Be- gebenheit erzählen soll. Man verlangt vom Roman ins- besondere noch psychologische Tiefe, sorgfältige Charak- teristik der Personen, genaue Analyse der Gefühle und wahrheitsgetreue Darstellung der Lebensverhältnisse der betreffenden Zeit. Bevor der Roman diesen weitgehenden Anforderungen genügte, hatte er wie alle Dichtungsarten einen langen, mannigfach gewundenen Weg zu durchlaufen, und er hat sich aus dunklen, höchst unvollkommenen Anfängen nur langsam zu jener Kunstform entwickelt, welche er heute besitzt. Das Mutterland des modernen Romans ist Frankreich, worauf schon der Name dieser Literaturgattung hinweist.

Über die Herkunft des Ausdrucks Roman herrschten früher die abenteuerlichsten Ansichten. Heute weiß man,

V. Wurzbach, GescMclite des franz. Romans I. 1

2 Einleitung,

daß das Wort mit allen seinen Ableitungen in letzter Linie auf Roma (Rom) zurückgeht. Lingua romana be- zeichnete die Volkssprache im Gegensatz zu sermo latinus. Die noch übliche Bezeichnung «romance» für das Spanische und Portugiesische, das «Rumänische», das «Rumonsch» in Graubünden geben davon dauerndes Zeugnis. In Frank- reich verdrängten erst im XV. Jahrhundert die Ausdrücke «francais» und <s-j)roi'encah-> das alte '■'■romanz», ja es bildete sich ein förmlicher Gegensatz zwischen «ronian antique» und «francais moderne». Da nun im frühen Mittelalter alle Schriften, welche auf wissenschaftHche oder sonstige Authentizität Anspruch erhoben und ernst ge- nommen werden wollten, die gesamte theologische Literatur, die Legenden, die juristischen und medizinischen Kom- pendien, die historischen Werke und Chroniken, lateinisch geschrieben wurden, nannte man «romanisch» (in Frank- reich i-romanz») jene Werke, die in der Volkssprache ver- faßt waren, und zwar zunächst mit Rücksicht auf den Gegensatz solche nach lateinischen Quellen (z. B. Roman de Brut, Roman de Troie), dann auch andere, wie die Gedichte Chrestiens de Troyes. Dadurch, daß die Werke in der Volkssprache nicht wissenschaftlichen Charakter hatten, sondern auf Erfindung beruhten, gewann das Wort ironianz» allmählich die Bedeutung einer Erzählung, und da es ja noch keine Prosaliteratur gab, einer Erzählung in Versen (Roman de la Rose, Roman de Renart). Später wurde diese Bezeichnung auch auf die Prosaerzählung übertragen, und man nannte nun <s.romanz», was früher 'iconte», «histoire», «chronique» geheißen hatte. Tristan, Merlin, Lancelot nennen sich schon Romane. Man sah nun in dem Worte «■romanz'» das stimmhafte s für eine Flexionsendung an und bildete dazu den Akkusativ «romant», der sich lange erhielt und von dem dann die Ausdrücke «romantique», ^romantisme» , «romantiser» usw. abgeleitet wurden, welche aus dem Französischen in die anderen Sprachen übergegangen sind. Sie bezeichnen Eigenschaften oder Vorgänge in der Art der Romane,

Einleitung. 3

etwas nicht Wirkliches, Phantastisches, Abenteuerliches, Pittoreskes, und wurden in der ersten Hälfte des XIX, Jahr- hunderts im Gegensatz zu klassisch (nach den Regeln der Alten), in der zweiten Hälfte im Gegensatz zu rea- listisch (tatsächlich) gebraucht.

Es erschien in früherer Zeit und erscheint uns noch heute auf den ersten Blick etwas auffallend, daß in der Entwickelung der Erzählungsliteratur der Vers der Prosa voranging. Wir würden eher das Gegenteil er^-arten, weil wir den Vers für die höhere, vollendetere Art sprachlicher Äußerung halten. Das Phänomen erklärt sich daraus, daß die älteren Werke zum mündlichen Vortrag bestimmt waren und sich dazu die poetische Form ungleich besser eignet als die prosaische. Auch entsprach der Vers besser den erhabenen Sujets. Das Volk erzählte sich natürlich seine Märchen und Fabeln stets in Prosa, man hielt der- gleichen jedoch einer Aufzeichnung nicht für würdig, und was bleibenden Wert haben sollte, mußte in gebundener Rede verfaßt sein. Dies wurde anders, als gegen Ende des Mittelalters die allgemeine Bildung weitere Kreise ergriff. Als die Lesekunst größere Verbreitung gewann, als das Selbstlesen das Vorlesen ersetzte und an die Stelle der Handschrift das gedruckte Buch trat, waren auch die Tage des Versromans gezählt. Die alten Stoffe besaßen noch ihre Anziehungskraft, aber die Form bedurfte einer Umwandlung. Die ältesten Romane sind Prosaauflösungen von Epen und haben, abgesehen von der äußeren Form, mit Romanen nach heutigen Begriffen wenig gemein. Allmählich erfolgte dann eine stoffliche Scheidung, man überließ dem immer seltener gepflegten Epos die wichtigen, historischen Gegenstände und verlangte vom Roman wie von der Novelle, daß er frei erfundene Stoffe des Privat- lebens behandle. Vereinzelte Durchkreuzungen dieses Prinzips fanden indes immer statt, und es gab bis in die neueste Zeit epische Behandlungen romanhafter und roman- hafte Behandlungen epischer Stoffe.

So ist der Roman stets ein Zeichen vorgeschrittener

1*

4 Einleitung.

literarischer Entwicklung und die Literaturgeschichte aller Völker zeigt, daß, vom Drama abgesehen, sämtliche Gattungen der Poesie Lyrik, Epos, Novelle früher zur Vollendung gelangen als er, ja daß in den genannten Arten dichterischer Gestaltung oft eine große Stufe er- reicht wird, ehe auch nur Anfänge der Romandichtung zu konstatieren sind. Die orientalischen Völker (Chi- nesen, Araber, Perser usw.), deren Schrifttum so alt und reich ist, weisen erst im späten Mittelalter eine Roman- dichtung auf. Die griechische Literatur besaß eine große Zahl gewaltiger Werke, ehe sich in der Zeit der Dekadenz der sogenannte spätgriechische Roman entwickelte. Die römische Literatur, die ihr an Fülle wenig nachsteht, hat nur einen einzigen satirischen Sittenroman hervor- gebracht (Petronius). Unter den neueren europäischen Literaturen ging die französische den andern auch auf diesem Gebiete voran, aber auch in Frankreich wurden Hunderte von Gedichten mit Huuderttausenden von Versen geschrieben, ehe die Prosaerzählung ihre ersten schüchternen Blüten trieb. Italien, das sich im XIV. Jahrhundert in der Epik (Divma Commedia) und in der Novelle (De- cameron) zu so bedeutender Höhe erhob, begnügte sich auf dem Gebiete des Romans mit psychologisch immerhin bemerkenswerten Ausätzen (Vita nnova, Ameto^ Fiammefta). Sein Einfluß in der Romandichtung war stets gering und beschränkte sich in der Folgezeit auf das pastorale Genre (Sannazaros Ärcadia, 1502). Spanien hatte eine umfang- reiche alte Heldendichtung aufzuweisen, ehe es im XIV. Jahr- hundert nach französischem Muster seine Ritterromane in Prosa (Ämadis) schuf, und gab erst im XVI. und XVII. Jahr- hundert den anderen Ländern den von Italien über- nommenen Schäferroman (Montemayors Diana, 1542) und seinen eigenen originellen realistischen Roman (Lazanllo de Tormes, 1553; Don Quixote, 1605). England ging anfangs die von Frankreich und Spanien vorgezeichneten Wege des Ritterromans (Malorys Morfe d' Arthur, ca. 1470) und des Schäferromans (Sidneys Arcadia, 1593) und wurde

Einleitung. 5

erst im XVIII, Jahrhundert durch seinen Familienroman (Richardson) auf dem Kontinent richtunggebend. Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Hartmann von Aue und die anderen großen Dichter der mittelhochdeutschen Zeit waren seit 200 300 Jahren tot, ehe sich ein deutscher Roman zu bilden begann. Seine bescheidenen Anfänge liegen in den Volksbüchern des XV. und XVI. Jahr- hunderts, die ihrerseits meist auf französischen Vorlagen beruhen. Im XVII. Jahrhundert folgen in Deutschland die Modekrankheiten der Ritter-, Schäfer-, der heroisch- galanten und Schelmenromane nach den Vorbildern des Ainadis, der Diana eimmorada und Astree, der Romane von Gomberville, La Calprenede und Mlle. de Scudery und der spanischen Picaros. Auch das XVIII. und ein großer Teil des XIX. Jahrhunderts zeigt Deutschland unter dem französischen Joch, und erst spät tritt eine selb- ständige Entvsricklung an die Stelle der Nachahmung. Die slavischen und skandinavischen Länder haben erst in den letzten Dezennien eine richtige Romanliteratur aufzuweisen.

Diese kurzen Angaben zeigen, daß der Roman, von einzelnen Erscheinungen abgesehen, überall in ziemlich später Zeit auftritt, daß dieselben Strömungen in allen Literaturen wiederkehren und daß Frankreich in der Roman- dichtung der neueren Zeit eine entschiedene Führerrolle innehat. Man hat vielfach nach den Gründen dieser Hegemonie gefragt, die auf diesem wie auf dramatischem Gebiete zeitweise in eine wahre Tyrannei des französischen Geschmackes ausartete, und die sich in der Wahl der Stoffe, in Auffassung, Behandlung und Form der Werke kund- gibt. Sie liegen wohl zunächst in der politischen Stellung des französischen Volkes, die besonders seit den Zeiten Ludwigs XIV. in Europa dominierend war. Diese hatte eine ungeheuere Verbreitung der französischen Sprache und der darin verfaßten Werke zur Folge. Nicht minder liegen die Gründe aber in der großen literarischen Be- gabung des französischen Volkes, in seiner eigentümlichen

6 Einleitung.

Gabe poetische Stoffe aufzufassen und wiederzugeben eine Gabe, die auf alle Völker stets eine große An- ziehung ausübte, ohne von der anderen Seite ein gleich starkes Gegengewicht zu erhalten. Diese stets anerkannte Eigenschaft des französischen Geistes zeigt sich nirgends so deutlich und so imponierend wie in der Entwicklung der Romanliteratur.

Literatur. Vgl. P.V ö 1 c k e r , Bedentunrisentwicklung des Wortes Eoman (Zeitschrift f. roman. Philologie X, S. 485 flf.).

Erster Teil.

Der Roman des Mittelalters.

I. Die Anfänge der Prosadichtung.

Wie überall so gab es auch in Frankreich eine große poetische Literatur, ehe man die Eignung der Prosa für die literarische Darstellung und speziell für die Erzählung erkannte. Zur ersten Verwendung der Prosa gab ein rein praktisches Bedürfnis Anlaß. Man bediente sich ihrer zunächst zur Übersetzung solcher Werke, bei welchen es auf die unverfälschte Wiedergabe eines authentischen Textes ankam, zur Übersetzung der Bibel und religiöser Schriften aus dem Lateinischen, wo Vers und Reim leicht zu Ungenauigkeiten führen konnten. So wird die fran- zösische Prosa im Anfang des XIL Jahrhunderts in Über- setzungen aus dem Alten Testament, im anglonormannischen (Oxforder und Cambridger) Psalter, in der freieren Wieder- gabe der Bücher der Könige, der Richter, der Makkabäer usw. angewendet. Es folgen Übertragungen der Predigten Bernhards von Clairvaux (Ende des XIL Jahrhunderts), der Homilien Gregors und verschiedener Legenden. Seit dieser Zeit erscheint die Prosa auch in historischen Schriften, Chroniken, Kreuzzugsberichten, und nach 1205 tritt ein Übersetzer des Pseudo-Turpin, Pierre, nachdrück- lich für die Prosa in den historischen Schriften ein, da diese leicht zu Abweichungen von der Quelle verleiten. Bald folgen denn auch sehr bedeutende historische Werke in Prosa, die einen großen Fortschritt gegenüber den

8 Der Roman des Mittelalters.

Reimchroniken der älteren Zeit bedeuten (Villehardouin, Conqueste de Constantinople, ca. 1210; Joinville, Histoire de S. Louis, ca. 1300).

Die Anfänge der französischen Prosa erzählung reichen bis an die Wende des XIII. Jahrhunderts zurück. An der Spitze derselben steht eines der lieblichsten Werke, welche die Literatur zu verzeichnen hat, die Chantefable von Aucassinund Xicolete, die, sofern man mehr auf den Inhalt als auf die Form Rücksicht nimmt, schon füglich als ein kleiner Roman angesehen werden kann. Sie wurde um das Jahr 1200 von einem uns unbekannten Verfasser im französischen Belgien niedergeschrieben und erzählt in naiv-schalkhaftem Tone und mit echt fran- zösischer Grazie die traurigen und freudigen Erlebnisse zweier Liebenden bis zu ihrer Vereinigung. Aucassin ist der Sohn des Grafen von Beaucaire in der Provence, Nicolete ein armes Mädchen, das als Kind von Sarazenen dahin verkauft wurde. Aucassin darf Nicolete nicht heiraten, weil sie ihm nicht ebenbürtig ist, aber weder Kerkerhaft, noch sonstige Zwangsmittel seines Vaters ver- mögen sein Herz ihr abwendig zu machen. Sie fliehen gemeinsam, werden in das närrische Land Torelore {Ture- luru, Lirum Larum, die verkehrte Welt) verschlagen und voneinander getrennt, bis sich endlich herausstellt, daß Nicolete die Tochter des Königs von Carthago ist. Um der verhaßten Heirat mit einem ungeliebten Heiden zu entgehen, zieht sie in Spielmannstracht in der Welt umher, findet den Geliebten, singt vor ihm und gibt sich zu erkennen. Nun kann er die Königstochter heimführen.

Die Handlung erinnert in ihren Grundzügen an die spätgriechischen Romane und speziell an die ursprünglich byzantinische, in allen europäischen Literaturen verbreitete Geschichte von Flore und Blancheflore, die in zwei alt- französischen Gedichten und in mittelhochdeutscher Nach- dichtung von Conrad Fleck (ca. 1230) vorliegt und die auch von Boccaccio im Filocolo und danach in einem deutschen Volksbuch behandelt wurde. Für den orienta-

Die Anfänge der Proeadichtung. 9

lischen Ursprung spricht der Name Aucassin (Al-Käsim). In den Vorgängen vermißt man jeden geschichtlichen Anhalt. Es gab niemals Grafen von Beaucaire, und Töchter des Königs oder des Herzogs von Carthago kommen nur in Märchen vor. Die Originalität des Werkes liegt jedoch nicht im Stoff, sondern in der reizend natürlichen und dabei doch so künstlerischen Darstellung, über die der ganze Duft des Minnelebens hingegossen ist. «Die Geistesanmut des Dichters, sagt Hertz (S. 436), sein frischer, freier Blick ins Leben^ sein liebenswürdiger, in der Ironie der Übertreibung sich gefallender poetischer Übermut verleihen seiner Erzählung einen unvergäng- lichen Jugendreiz bis zu dem Wendepunkt, wo die Ge- schichte den Boden der Wirklichkeit verläßt und sich nach fabelhaften Ländern verirrt. Da verliert der Dichter mit einemmal den innern Anteil an den Schicksalen seiner Lieblinge und macht sich in leichtfertiger Sorglosig- keit den Abschluß allzu bequem.» Echt französisch und gar nicht mittelalterlich mutet es an, wenn der Held erklärt, daß er die Hölle mit ihren amüsanten Bewohnern dem langweiligen Himmel vorziehe, oder wenn er den König von Torelore im Männerkindbett (couvade) antrifft, während die Frau in den Krieg zieht, in dem allerdings nur mit Holzäpfeln, Eiern und frischen Käsen gekämpft wird. «Er erzählt mit der ernsthaftesten Stimme von der Welt; wer ihm aber näher tritt, der bemerkt das über- legene Lächeln, das um seine Lippen spielt» (Hertz).

Die Form der Chantefable (Singemäre), der Wechsel von Prosaabschnitten mit assonierenden siebensilbigen Versen, denen in der einzigen Handschrift der Bibliotheque nationale auch die Melodien beigegeben sind, ist in der französischen Literatur eine ziemlich vereinzelte. Da sie in den orientalischen Literaturen und bisweilen auch in abendländischen Märchen begegnet, hielt sie Hertz für eine typische Form, welche bei den verschiedenen Völkern der reinen Verserzählung vorangegangen sei. Über ihren Zweck im vorliegenden Falle sind die verschiedensten

10 Der Roman des Mittelalters.

Vermutungen aufgestellt worden. Meyer-Lübke beobachtete zuerst eine gewisse Gesetzmäßigkeit in dem erwähnten Wechsel, insoferne als die Handlung in Prosa erzählt wird, der Vers dagegen eintritt, sobald das Gefühl vor- herrscht, und kam zu der Ansicht, daß hier eine Art von weltlichem Drama vorliege. Wie dem auch sei, der Ver- fasser war gewiß auch ein trefflicher Erzähler. Sein Werk diente einer Oper von Sedaine (A. et K. ou les moeiirs du Ion vieux temps, 1779, Musik von Gretry), dem Platenschen Schauspiel «Treue um Treue» (1824), einer romantischen Oper von J. F. Koref f (Musik von G. A. Schneider, 1822) sowie zahlreichen anderen Dramatisierungen zur Grund- lage. Uhland plante 1810 eine Nachdichtung. Heine erinnerte sich der alten Fabel in einem Sonett.

Im Xin. Jahrhundert finden wir noch einige Prosa novellen (Istoires), die als früheste Auflösungen von Ge- dichten und als erste Vorarbeiten für den Roman Beach- tung verdienen. Mehrere derselben haben noch dreihundert Jahre später Neubearbeitungen erlebt. Li contesdouroi Coustant l'empereur hält sich in Handlung und Wort- laut an den kurzen Versroman vom Empereur Coustant de Gonstantinople, der nach unbekannter, wahrscheinlich auch byzantinischer Quelle die Unvermeidlichkeit des Schicksals dartun will. Die Geschichte hat Parallelen in volkstümlichen Erzählungen der verschiedensten Völker. Einem byzantinischen Kaiser Floriien wird prophezeit, daß der eben geborene Sohn eines Astrologen seine (des Kaisers) Tochter heiraten und den Thron besteigen werde. Um dies zu vereiteln, will er das Kind ertränken lassen, allein der damit Beauftragte unterläßt es aus Mitleid. Der Knabe wird von einem Abte gefunden und gegen die hohe Summe von 80 Besants d'or (daher der Name Coustant) von einem Arzt zur Erziehung übernommen. Herangewachsen begegnet er dem Kaiser, der sich seiner neuerdings entledigen will und ihn mit einem Uriasbrief an einen Vasallen schickt. Der Brief gelangt indes in die Hände der Prinzessin, die ihn mit einem andern ver-

Die Anfänge der Prosadichtung. 11

tauscht, worin seine Vermählung mit ihr angeordnet wird. Diese wird vollzogen und Coustant wird Kaiser, wie es die Prophezeiung verhieß. Der Erzähler entfaltet an manchen Stellen, speziell in einer Gartenszene zwischen Coustant und der Prinzessin, eine Kunst der Darstellung, welche die seines Vorbildes in Schatten stellt.

Eine Bearbeitung des Roman de la Violette (ca. 1225), der die Prosaautoren dauernd anzog (s. u. Kap. VI) lieferte der Chrestien-Fortsetzer Gerbert de Montreuil unter dem Titel Du roy Flore et de la belle Jeanne. Wie in der Vorlage, so wird auch hier um die Tugend einer Frau gewettet. Es ist derselbe Stoff, der in der anonymen Verserzählung Le comte de Poitiers, im Guillaume de Dole (Conte de la rose), in einer Novelle Boccaccios (II. 9), in Shakespeares Cymheline und in Webers Euryanthe wieder- kehrt. Während im Veilchenroman Lisiard die keusche Euryant im Bade belauscht und so von dem Veilchen mal auf ihrer Brust Kenntnis erlangt, kann in der Prosa- erzählung Raoul dem vertrauensseligen Robert nur sagen, was er bemerkt hat, als er Jehanne gelegentlich belästigte. Aber es genügt, um jenen glauben zu machen, daß er die Wette verloren habe. Jehanne folgt ihrem Manne durch sieben Jahre als Knappe verkleidet und lebt mit ihm, ohne von ihm erkannt zu werden, bis er sie schließ- lich nach Entlarvung des Verleumders in Liebe wieder aufnimmt. Nach Roberts Tod läßt sie der wohl dem Hennegau angehörende Verfasser den König Flores von Elsaß heiraten, der von zwei früheren Frauen keine Kinder hatte und den sie mit einem Sohn, dem Kaiser Florens von Konstantinopel, und einer Tochter, der Königin Florie von Ungarn, beschenkt.

La comtesse de Ponthieu ist eine Umkehrung der Geschichte des Grafen von Gleichen mit Reminis- zenzen an den Apolloniusroman. Die Heldin, eine Tochter des Grafen von Saint-Pol, vermählt sich mit Thibaut von Dommart, wird von Räubern geschändet, im Auftrag ihres Vaters in einem Fasse ins Meer geworfen, gerettet

12 Der Eoman des Mittelaltere.

und an den Sultan von Almeria verkauft, der sie heiratet. Auf einer Kreuzfahrt kommt ihr erster Mann in türkische Gefangenschaft, die Sultanin erkennt ihn und entflieht gemeinschaftlich mit ihm und ihren Kindern. Xachdem ihre zweite Ehe kirchlich gelöst wurde, besteht die erste wieder zu Recht. Da ihre Tochter die Mutter Saladins ge- wesen sein soll, wurde die Geschichte auch in die Clironique d'oidremer (De Ja prise de Jerusalem par Saladin) aufgenommen und ging auf diesem Wege in den Roman von Jehan d'Avesnes über (s. u. Kap. VI).

Eine aparte Stellung nimmt unter diesen Erzählungen die anglonoi-mannische Histoire de Foulques Fitz Warin ein, insofern als darin historisches Material zu einem Abenteuerroman verarbeitet erscheint. Sie beruht wahrscheinlich auf einer noch im XVIII. Jahrhundert handschriftlich vorhanden gewesenen Versdichtung. Per- sonen und Ereignisse führen uns in die Zeit des eng- lischen Königs Johann ohne Land. Der Held ist Fouques in., der sich (ca. 1200) mit seinen Verwandten gegen Johann infolge eines Zwistes beim Schachspiel (vgl. den Roman Ogier le danois, unten Kap. IV) empörte, ver- bannt wurde, als Räuberhauptmann lebte, sich dann mit dem König aussöhnte, mit andern Mitgliedern des Adels die Magna Charta (1215) erkämpfte und sich, erblindet, in ein Kloster, La Novelle Abbeye bei Alberbury, zurück- zog, wo er starb und begraben wurde. Der Erzähler schildert ihn als einen edlen Banditen in der Art des Robin Hood, dessen Seelengröße, auch Feinden gegenüber, den Rebellen vergessen lassen soll. Während er sich einerseits des historischen Kolorits befleißigt, scheut er sich anderseits nicht, ganz ernsthaft von Artus und Key, von Dämonen und Ungeheuern zu erzählen. Er hält den Trojaner Brutus für den Stammvater der Briten, Coryneus für jenen der Walliser und berichtet im Anschluß an eine keltische Lokalsage, wie der Riese Geomagog von Payn Peverel getötet wurde. Auch fehlt es nicht an romantischen Liebesepisoden, welche vereint mit den er-

Die Anfänge der Prosadichtung. 13

wähnten phantastischen Elementen die Namhaftmachung des Buches an dieser Stelle rechtfertigen.

Dem XIII. Jahrhundert gehören ferner Prosaauf- lösungen der Chanson de geste von Amis et Amiles (s. u. Kap. IV) und der Kreuzzugsepen (s. u. Kap. VI) an, sowie auch ein Lancelot-Roman, der gegen 1230 in Jehan de Prunays Prolog zur Übertragung der Philippis •des Guillaume Breton als verbreitetes und maßgebendes Werk zitiert wird. Es scheint, daß es sich hier um eine Prosabearbeitung nach Chrestien de Troyes oder um jene Lancelot-Kompilation handelt, die dem Gautier Map zu- geschrieben wird (s. u. Kap. III). Diese Werke eröffnen die lange Reihe der Prosaauflösungen von Chansons de geste und Artusromanen, welche die erste Epoche der Roman- literatur zum größten Teile ausfüllen.

Literatnr. Über die Entwicklung der altfranzösischen Literatur und der Prosa insbesondere vergl. man die be- treffenden Abschnitte der nachfolgenden Werke: Histoire Iitt6- raire de la France, 1733 von den Benediktinern der Kongre- gation de Saint-Maur begonnen, lt63 mit dem XII. Bd. unter- brochen, seit 1814 vom Institut (Acadömie des Inscriptions) fortgesetzt. Ein Neudruck der ersten 23 Bde. erschien 1865 95. Bis 1906 lagen 33 Bände vor (bis zum XIV. Jahrb.). Gustav Gröber, Französische Literatur im Grundriß der romanischen Philologie IL 1, Straßburg 1902. Gaston Paris, La litteratiire frangaise au motjen-äge (XL XIV. siecle). Paris 1888, 2. Aufl. 1891. Carl Voretzsch, Einführung in das Studitim der alt- französischen Literatur (Sammlung kurzer Lehrbücher der roman. Sprachen und Literaturen II), Halle 1905. Philipp August Becker, Grundriß der altfranzösischen Literatur. I. Teil: Alteste Denkmäler. Nationale Heldendichtung (Sammlung romanischer Elementar- und Handbücher, herausgg. v. W. Meyer-Lübke II, 1,1), Heidelberg 1907.

Im Rahmen einer allgemeinen Darstellung der fran- zösischen Literatur behandeln diesen Zeitraum auch: Histoire de la langue et de la litterature frangaise des Origines ä 1900, publice sous la direction de L. Petit de Julleville. 8 Bde., Paris 1896 ff. Hermann Suchier und Adolf Birch- Hirschfeld, Geschichte der französischen Literatur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig u. Wien 1900. Fr. Kreis- sig, Geschichte der französischen Nationalliteratur. 6. Aufl., besorgt

14 Der Roman des Mittelaltere.

von Ad. Kressner, Berlin 1889. Dr. Heinrich Paul Junker, Grundriß der Geschichte der französischen Literatur von ihren An- fängen bis zur Gegenivart, 6. Aufl., Münster i. W. 1909.

Vom stoffgeschichtlichen Standpunkt sind noch heute brauchbar: John Dunlop, Geschichte der Prosadichtungen oder Geschichte der Romane, Xovellen, Märchen u. s. w. Übers, aus dem Englischen u. mit Anmerkungen von Felix Liebrecht, Berlin 1851. J. G. Th. Grässe, Die großen Sagenkreise des Mittel- alters zum erstenmale historisch entwickelt, kritisch beleuchtet und in ihrem Zusammenhange miteinander dargestellt (Lehrbuch einer allgem. Literärgeschichte, II. Bd., 3. Abt., 1. Hälfte), Dresden 1842.

Über die alten Ausgaben vgl. man: Jacques-Charles Brunet, Manuel dti libraire et de l'amateur de livres, 5. Aufl., 6Bde., Paris 1860 und zwei Bände. Supplement von C.Deschamps undG. Brunet, Paris 1878 ff. Catalogue general des livres imprimes de la ßibliothöque Nationale (Auteurs), Paris 1897 ff. (bis 1911 lagen 45 Bände vor, umfassend das Alphabet der Autoren bis Dutirou). Catalogue of the printed boo ks in the Library of the British Museum. Printed by order of the trustees of the Brit. Mus., London 1881—1900.

Ancassin et Nicolete. Textausgabe von H. Suchier, Paderborn 1878; 7. Aufl. 1909 (vgl. dazu: Zeitschrift für romanische Philologie XIV, S. 175 ff.; XXVHI, S. 492 ff., S. 640; XXX, S. 513 ff.; Romania XXIX, S. 287 ff.; Archiv für das Studium der neueren Sprachen CII, S. 224 ff.). Andere Ausgaben: von La- curne de Sainte-Pelaye, Paris 1752 (in der 3. Aufl., 1756, unter dem Titel: Les amours du bon vieux temps); von M^on, Fabliaux et Contes des poetes frangais des XII. au XV. siede, Paris 1808; von L. Moland und C. d'H^ricault, Xouvelles frangaises en prose du XIII. sihle, Paris 1856; von Gaston Paris, Paris 1878 (mit Illustrationen von Bida); von F. W. Bourdillon, London 1887; von demselben, als Facsimile der Handschrift (Cest Dcmcasi d- De Xicolete), Oxford 1896, 2. Aufl. mit engl. Über- setzung 1897 ; von S. Michaelis, Kopenhagen 1893; von Georges A. Tournoux, Leipzig 1912. Übertragung ins Neu- französische: von Gustave Michaut (mit Vorwort von J.Bedier), Paris 1901, 2.Aufl.l905. Deutscheübersetzungen: von Wilhelm Hertz, Wien 1865, dann im Spielmannsbuch 1886, 3. Aufl. (mit reichen Anmerkungen); von 0. L. B. Wolff (in der Minerva 1833); von E. v. Bülow (im Novellenbuch 1834); von F. Gundlach 1890 (Universal-Bibl. Nr. 2848); von E. v. Sall- würk, Leipzig 1896; von Paul Schäfenacker, Halle 1903 (Hendels Bibliothek der Gesamtliteratur N.1705); von Fr. v. Op- peln-Bronikowski, Leipzig 1912. Englische Über- setzungen: von W. S. Henry (versifiziert von Edw. W. Tbom-

Die epischen Grundlagen der mittelalterlichen ßomane. 15

son) London 1902; von Laurence Housman, London 1902; von Andrew Lang, neue Ausgabe, London 1904; von M. S. Heffry, London 1905. Italienische Übersetzung: von Ant. Bor- pelli, Bologna 1006. Vgl. Gröber, I.e., S.529. —H. Brunner, Vher A. et N., Dies., Halle 1880. Wagner, A. et N. comme imitatton de Floire et Blanchefleiir et comme modele de 'Treue um Treue\ 1883. Gaston Paris in: Poemes et legendes du nioyen- iige, Paris 1900. W. Meyer-Lübke, A. tmd N. (Zeitschrift f. roman.PhilologieXXXIV,5, 1910; dazu S. Aschner, ibid. XXXV, 6). J. Zettl, ^. e^ N. in Deutschland, Progr. der Staats-Ober- real schule in Eger, 1911.

Coustant l'empereur; Du roy Flore; La comtesse de Ponthien; Amis et Amiles. Sämtlich gedruckt in: Nouvelles frauQaises en prose du XIII. siäcle, publiees d'apres les manu- Bcrits avec une introduction et des notes par L. Mol and et C. d'H6ricault, Paris 1856 (Bibliotheque Elz^virienne). Du roy Flore, schon früher herausgg. von Michel, Paris 1838 und bei Monmerque-Michel, Theätre frangais du moyen-äge, Paris 1839, woselbst auch ein Mirakelspiel danach. Zu Cou- stant l'empereur vgl. Alex. Wesselofsky, Le dit de l'em- pereur Coustant (Romania VI, S. 161 ff.).

Histoire de Foulqnes Fitz Warin, gedruckt in: Nouvelles frangaises en prose du XIV. siecle, publiees d'aprfes les manu- scrits avec une introduction et des notes par L. Mol and et C. d'Hericault, Paris 1858 (Bibliotheque Elzevirienne). Ältere Ausgabe von Th. Wright für den Warton-Club, London 1855. Deutsche Übersetzung: Das Volksbuch von Fulko Fitz Warin, deutsch von Leo Jordan, Leipzig 1906 (Romanische Meister- erzähler, VII. Bd. mit Einleitung). Vgl. Gröber, 1. c, S. 992ff. nebst der dort angeführten Literatur. W. Söderhjelm, La nouvelle frangaise au XV. siede, Paris 1910 (Bibliotheque du XV. siecle, Bd. 12), S. 1 flf.

n. Die epischen Grundlagen der mittelalter- lichen Romane und ihre Behandlung.

Während die Prosaerzählung noch ein recht be- scheidenes Dasein fristete, entfaltete die altfranzösische Poesie ihren Blütenreichtum und häufte eine Fülle von Erzählungsmaterial an, welches nur des Augenblicks harrte, um in prosaische Form umgegossen zu werden. Dasselbe zerfällt in der Hauptsache in jene drei große Gruppen, welche schon die Chanson des Saisnes unterscheidet:

16 Der Roman des Mittelalters.

«De France et de Bretagne et de Ronie la grant» und zu denen als vierte, allerdings minderwertige, der Abenteuerroman in Versen kommt, der aus den beiden ersten hervorgegangen ist. Die mittelalterlichen Romane sind stofflich die letzten Ausläufer dieser Materien der altfranzösischen Dichtung. Ehe wir an ihre Betrachtung gehen, müssen wir daher einen kurzen Blick auf die literarischen Quellen werfen, aus welchen sie in so im- ponierender Menge entsprungen sind. Wir machen dabei jene Gedichte kurz namhaft, die für die Romanliteratur von besonderer Bedeutung sind. Der Matiere de France entsprechen die Chansons de geste, der Matiere de Bre- tagne die versifizierten Artusromane, derMatieredeRome la grant die Versromane über Stoffe des klassischen Alter- tums. Ihrem Wesen nach grundverschieden, hat sie die Prosa assimiliert und einschließlich der Abenteuerromane zu ziemlich gleichartigen Gebilden gemacht.

Die Chansons de geste (Lieder über geschichtliche Er- eignisse, gesta) bildeten die Hauptmasse der altfran- zösischen Literatur. An ihre Entstehung und ihren Zu- sammenhang mit einer älteren fränkischen Epik zur Zeit der Merowinger knüpfen sich verschiedene Theorien und Kontroversen. Während man früher annahm, daß sie aus kurzen Liedern (Kantilenen) entstanden seien, neigt man heute zu der Ansicht, daß sich die Epen aus Tatsachen, im Anschlüsse an Ereignisse der Zeitgeschichte entwickelt haben. Man erkannte, daß den alten Sagen, weiche bis- her als die Voraussetzungen galten, weniger Bedeutung zukomme als den lokalen Anlässen. «Ohne Rolands Grab in Blaye und Roncesvaux' Lage am Pilgerweg hätte wohl Rolands Ruf ewig geschlafen und wäre sein Name in Einhards Vita ein leerer Schall» (Becker). Die ältesten Chansons de geste sind um die Wende des XL Jahr- hunderts, also ca. 150 Jahre nach den ältesten Sprach- denkmälern entstanden. Ihre Blüte reicht vom Ende des XL bis in den Anfang des XIIL Jahrhunderts. Es sind uns ca. 80 solcher Chansons de geste erhalten, die mit

Die epischen Grundlagen der mittelalterlichen Romane. 17

vereinzelten Ausnahmen in zehn- und zwölfsilbigen Versen verfaßt sind. Die Verse sind zu beliebig langen Tiraden (Laissen) verbunden, die in der älteren Zeit assonieren, später gereimt sind. Diese Gedichte wurden von herum- ziehenden Spielleuten, den Jogiers (joadatores) auf offenen Plätzen, in Schlössern und Privathäusern, während oder nach der Mahlzeit unter Begleitung eines Saiteninstruments, der vielle gesungen. Da die Melodie sich nach wenigen Zeilen stets von neuem wiederholte, erscheint der Genuß des Zuhörens unserer heutigen Vorstellung nicht mehr sehr bedeutend. Jede Laisse bildete für sich ein Ganzes und wurde bisweilen durch einen Kurzvers abgeschlossen. Für neu hinzukommende Zuhörer wurde der Inhalt der letzten Laisse zu Anfang der nächsten kurz zusammen- gefaßt. Li der Komposition sind die Chansons de geste ziemlich kunstlos. Bei unleugbar großer sprachlicher Gewalt lassen sie gewöhnlich die enge innere Verknüpfung und Motivierung vermissen. Die Charakteristik der Per- sonen ist in der Regel eine mangelhafte, die Frau spielt keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Die zarteren Interessen fehlen, das Hauptgewicht wird auf die Kämpfe gelegt. So sind sie der literarische Niederschlag eines rauhen Zeitalters, das uns heute sehr fern liegt und dessen Berichte uns imponieren, aber in den seltensten Fällen erwärmen. Erst die späteren Chansons de geste, die den ursprünglichen Charakter nicht mehr ausgeprägt zeigen, kommen dem modernen Empfinden etwas näher. Ihren Stoffen nach pflegt man die Chansons de geste in drei große Massen einzuteilen: Königsgeste, Wilhelmsgeste und Doongeste, zu denen noch zahlreiche kleinere Gesten und vereinzelte Gedichte kommen.

Die Gedichte der Königsgeste (Geste du Roi) grup- pieren sich um die Gestalt Karls des Großen, auf den allerdings häufig auch Züge Karl Martells übertragen sind. Der Kaiser erscheint darin als eigenwilliger, rechthaberischer, rachsüchtiger, bisweilen trotz seiner «harbe fleurie» recht kindischer Autokrat. Er ist umgeben von seinen zwölf

V. Wurzbach, Geschichte des franz. Romans I. 2

IS Der Eoman des Mittelalters.

Pairs (Paladinen), unter welchen Roland, Olivier, der Herzog Naimes, der Erzbischof Turpin und der Verräter Ganelon die berühmtesten sind. Unter den zahlreichen Gedichten, die hierher gehören, gebührt dem altehrwürdigen Rolandslied die erste Stelle. Eg stammt in der uns vorliegenden Form (Oxforder Handschrift) aus der zweiten Hälfte des XI. Jahrhunderts, nennt am Schlüsse einen gewissen Turoldus als Dichter und schildert die Kämpfe Karls des Großen in Spanien, den Verrat Ganelons, die Schlacht bei Roncesvaux und den Heldentod Rolands. Die Vorgänge des Rolandslieds bilden den Kern der Karo- lingischen Sage, und beschäftigen die spätere Zeit in der nachhaltigsten Weise. Sie sind uns in etwas abweichenden Versionen auch in dem Carmen de proditione Gueno- nis (Mitte des XII. Jahrhunderts) und in der sogenannten Pseudo-Turpinschen Chronik (Historia Caroli Magni et BotJwlandi) erhalten. Letztere bildet einen Bestandteil des Liber de Miraculis Sancti Jacobi, einer umfänglichen Kom- pilation, welche von Aimeri Picaud, einem Priester aus Partenai le vieux bei Poitiers um 1160 gefertigt und in Santiago de Compostella hinterlegt wurde, wo das Original noch aufbewahrt wird. Diese abgeschmackte und läppische Erzählung fand große Verbreitung, sie wurde einmal in französische Verse und fünfmal in Prosa übersetzt (zuerst von Nicolas de Senlis ca. 1200) und bildete ihrerseits in der Folge die Grundlage vieler Dichtungen.

Neben dem Rolandslied verblassen die anderen Ge- dichte, wie originell und bedeutend sie an sich sein mögen. Eines der beliebtesten war die Karlsreise {Voyage de Charlemagne, XI. Jahrhundert), die uns heute durch die Naivität frappiert, mit welcher sie Erlebnisse Karls des Großen und seiner Paladine auf einer angeblichen Pilger- fahrt nach Jerusalem und Konstantinopel erzählt. An die Karlsreise schließt sich inhaltlich der Gallen, dessen Held, ein Sohn Oliviers und der Tochter des Kaisers von Konstantinopel, dieser Pilgerfahrt sein Leben verdankt. Er ist uns nur in späterer Version erhalten. Fierabras

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(XII. Jahrhundert) berichtet in reicher romantischer Aus- schmückung von dem Kriege Kaiser Karls mit einem Riesen, der die Passionsreliquien aus Rom raubt und schließ- lich von Olivier im Zweikampf besiegt und bekehrt wird. Die letztgenannten Werke werden an literarischer Be- deutung übertroffen von der Chanson de geste von Huon de Bordeaux (Ende des XII. Jahrhunderts), die ihrerseits zum Ausgangspunkt einer ganzen Serie von Gedichten wurde. Sie erzählt in anregendem, stellenweise sogar amüsantem Tone die Schicksale eines Grafen, der von Karl dem Großen mit einer sehr gefährlichen Mission nach Babylon betraut wird und dieselbe mit Hilfe des Elfen- königs Oberon vollführt.

Imponierender als die Königsgeste mit ihren weit- verzweigten Stoffen sind die inhaltlich enger verbundenen Gedichte der Wilhelmsgeste (Geste de GuiUmime, auch Geste de Garin de Montglane). Ihre Hauptperson ist der Herzog Wilhelm von Aquitanien, ein Vasall Karls des Großen, der im Jahre 812 in dem von ihm gegründeten Kloster Gelonne im Rufe der Heiligkeit starb. Von diesem an der Pilgerstraße nach Santiago de Compostella ge- legenen Kloster nahmen die Sagen der Wilhelmsgeste ihren Weg in alle Teile Frankreichs. In ihnen spielt neben dem Herzog einer seiner Vorfahren, Garin de Mont- glane eine Hauptrolle. Aus der Fülle der hierher ge- hörigen Werke ragen zwei Gedichte von Bertrand de Bar-sur-Aube (ca. 1200) durch ihre plastische Gestal- tung und ihre sprachliche Wucht hervor: Girart de Viane und Aimeri de Narbonne. Girart ist ein Sohn Garins, ein Vasall Karls des Großen, der sich gegen diesen empört und schließlich mit ihm aussöhnt; Aimeri ist ein Neffe Girards, der Narbonne den Sarazenen abgewinnt. An sie reihen sich in langer Folge Couronnement Looys, Aliscans, Chanson de Willelme, Cove- nant Vivien, Garin de Montglane und viele andere Gedichte, die von heißen Kämpfen und schwer errungenen Siegen Guillaumes über die Ungläubigen, von Auflehnung

^0 Der Eoman des Mittelalters.

stolzer Vasallen gegen Willkürakte Karls des Großen und schließlich auch in halbkomischera Ton (Moniage Guil- laume) von dem Mönchsleben des vielgefeierten Herzogs Wilhelm erzählen.

Derselbe Geist aufrührerischen Untertanentrotzes erfüllt auch die in ihren Bestandteilen weniger geschlossene Doon- geste (Geste de Doon), welche in ihrer Entstehung jünger ist als die beiden andern. Ihre Helden sind Doon von Mainz (Doon de Mayence) und seine zwölf Söhne. Da er der Großvater Ganelons war, nennt man diese Geste auch die der Verräter. Der Ruhm dieser Kämpen wird überragt von jenem Ogiers des Dänen (Enfances Ogier, Chevalerie Ogier von Raimbert de Paris, XH. Jahr- hundert), des riesenstarken Sohnes des Königs von Däne- mark. Man hat in diesem den historischen Autcharius erkannt, der 773 mit Desiderius gegen Karl den Großen kämpfte und sich schließlich in Verona ergeben mußte, aber die Sage hat mit ihm zwei andere Helden, Deside- rius' Sohn Adelchis und Othgerius verquickt. Enkel Doons sind die vier Haimonskinder, von deren mannig- fachen Drangsalen und Kämpfen gegen Karl den Großen ein berühmtes Gedicht (Les quatre fils Aymon oder Renaut de Montauban) erzählt, das wie Suon de Bordeaux den Ausgangspunkt einer ganzen zyklischen Dichtung bildete.

Außer diesen drei großen epischen Komplexen gab es noch viele isolierte Gedichte {Isemhart et Gormond, Raoid de Gambrai usw.) und kleinere Gesten mit engerem Stoffgebiet. So schildert die Lothringergeste (Geste lorraine) mit den Gedichten von Garin de Loherain, Hervis de Metz usw. in großartiger Weise die Familienzwiste in lothringischen Fürstenhäusern. Li der burgundischen Geste (Geste hourgidgnonne) ragt das gewaltige Gedicht von Girart de Roussillon hervor, das als einziges auch in provengalischer Version vorhanden ist. Die Geste de ßlaivies (Blaye) wird mit ihren zwei interessanten, aber mehr legendarisch, respektive romanhaft gefärbten Gedichten

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(Amis et Amiles, Jourdain de Blaivies) später an den karolingischen Stoff kreis angeschlossen. Denn als die nationalen Materien erschöpft waren, gab man auch frem- den, aus dem Auslande importierten Sagen die beliebte Form von Chansons de geste und verschmolz sie mit dem großen Schatz heimischer Poesie. So zeigt das Gedicht vom Ritter Hörn und seiner Geliebten Rimenhild (Rimel, Xtll. .Jahrhundert) wie auch eine norwegisch-isländische Geschichte in Frankreich Wurzel fassen konnte. Die bedeutendste neue Anregung empfing die Heldendichtung jedoch durch den ersten Kreuzzug und die Eroberung des heiligen Grabes. Als man in den Kämpfen Gottfrieds von Bouillon und seiner Begleiter gegen die Ungläubigen den kriegerischen Geist der Vergangenheit wieder aufleben sah, da empfand man es als ein Bedürfnis, ihn auch in der herkömmlichen Weise zu feiern, und man dichtete eine Chanson d'Antioche, eine Chanson de Jeru- salem und beschäftigte sich in langen Epen mit Saladin. In diesen Gedichten lebte die Erinnerung des Volkes an die großen Heldentaten der Vergangenheit fort. Sie lebte und erneuerte sich täglich im Munde der Sänger, welche diese Werke, wenn sie zu veralten drohten, neu bearbeiteten (Remaniements) . Dabei ging allerdings meist ein Teil der Poesie verloren, aber es wurde dem Geschmack der Zeit Rechnung getragen. Die Chansons de geste er- langten auch außerhalb Frankreichs große Verbreitung und haben durch Übersetzungen und Bearbeitungen auf fremde Literaturen nicht unwesentlich eingewirkt. In Italien geben die franko-italienischen Gedichte des XIII. Jahr- hunderts und die Prosaromane des Andrea dei Magnabotti (ca. 1370 bis nach 1431), I Beali di Francia, Le storie di Rinaldo, La Spcupia (Rotta di Roncisvalle) , sowie die zahl- reichen Oktavengedichte bis herab auf Pulci, Bojardo und Ariosto Zeugnis von diesem Einfluß. England und Holland haben verschiedene Versbearbeitungen, Spanien einige Cantares de gesta, Skandinavien seine Karlamagnussaga (ca. 1300) nach französischer Vorlage. In Deutschland

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gehören das Rolandslied des Pfaffen Konrad (1131), der Karl der Große des Strickers, Wolframs Willehalm, Ulrich von Türheims Rennewart, Konrad von Würzburgs Schwanen- ritter u. a. dieser Richtung an.

Gegen Ende des XIII. Jahrhunderts war die Zeit der Chansons de geste jedoch vorbei. Es fehlte zwar nicht an Dichtern, welche es versuchten, durch geistvolle Schöp- fungen die ersterbende Gattung neu zu beleben, aber wie geschickt ein Adenet le roi (Enfances Ogier, Berte aux grands pieds, Beuvon de Commarcis), ein Girart d'Amiens (Gharlemagne) au diese Aufgaben herantraten, wie sehr sie bestrebt waren, neben dem Heroischen das Gefühlvolle zur Geltung zu bringen was sie zutage förderten, waren doch keine richtigen Chan- sons de geste, selbst wenn sie die Form derselben adop- tierten. Die Gedichte dieser späteren Epoche, wieFlorent et Octavien (Ende des XIII. Jahrhunderts), Valentin et Orson (Original verloren) atmen nicht mehr den rauhen Geist der Heldenzeit und arbeiten auch mit an- deren poetischen Mitteln. Sie bauen sich meist auf Mär- chenmotiven auf und erzählen in etwas sensationslüsterner Weise von unschuldig verfolgten Frauen und den aben- teuerlichen Schicksalen ihrer Kinder. Um die Vorgänge wahrscheinlicher zu machen, verlegen sie den Schauplatz in exotische Gegenden (Ungarn). Huons Deszendenz und die Verwandtschaft der Haimonskinder erleben die un- glaublichsten Dinge, und um dem Kreuzzugshelden Gott- fried von Bouillon eine interessante Herkunft zu ver- schaffen, wird ihm die Sage vom Schwanenritter angedichtet, (Chevalier au Cygne, Enfances Godefroi). Je mehr die Zeit fortschreitet, desto mehr wird das Heldentum durch Abenteuer ersetzt, wie man sie aus den Artus- gedichten gewohnt war. Es dauerte nicht lange, so wurde auch das Versmaß der Chansons de geste durch den ge- fälligeren Achtsilber verdrängt. In diesem Geschmack sind Gedichte wie Adenets Berte (ca. 1275) und Cleomades gehalten. Erstere erzählt die Erlebnisse einer ungarischen

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Prinzessin, die den Frankenkönig Pippin heiraten soll und der ihre Zofe sagt, daß ihr Bräutigam sie töten wolle. Sie flieht, die Zofe unterschiebt an ihrer statt ihre eigene Tochter, und erst nach Jahren wird der Betrug offenbar, die Schuldigen werden bestraft und Berta wird Königin. (Ihr Sohn ist Karl der Große.) In desselben Adenet Cleomades reitet ein spanischer Königssohn auf einem hölzernen Pferd durch die Luft nach Toskana und holt sich die Prinzessin Clarraondine, die ihm aber samt dem Pferd von dem früheren Besitzer des letzteren entrissen wird. Er sucht sie in der ganzen Welt, bis er sie endlich findet und heiratet. Adenet wird auf dem Gebiet des Abenteuerromans noch übertroffen von Philippe de Remi Sieur de Beaumanoir (f 1296). Dieser berichtet in seiner Manekine von einem König von Ungarn, der seine eigene Tochter heiraten will, weil sie allein der verstorbenen Mutter gleicht. Um dem Inzest zu entgehen, verstümmelt sie sich, indem sie sich die Hand abschneidet (Manca oder Main na qne iine). Der König will sie dem Feuertode preisgeben, sie aber entkommt, wird Königin von Schottland und besteht viele Abenteuer, bis sie schließ- lich durch ein Wunder ihre Hand wieder erhält.

In der Folge werden die Abenteuer immer bunter. Der Dichter des Ciperis de Vignevaux (XIV. Jahrb.) macht Chilperich zu einem normannischen Prinzen, der, wegen einer unebenbürtigen Geliebten aus dem Lande vertrieben, König von Ungarn wird und für seine 17 Söhne Länder und Königskronen erwirbt. Jener des These us de Cologne läßt seinen Helden, einen Verwandten Dago- berts, der als Kind ausgesetzt wurde, dank der Neigung der Kaiserstocher Flore, den römischen Thron besteigen und beider Sohn dem Kaiser von Konstantinopel sukze- dieren. Schließlich war keine Unwahrscheinlichkeit zu gewagt, keine Unmöglichkeit zu kraß, um von einem Publikum, das jede Kritik verloren hatte, nicht doch noch gewürdigt zu werden. So versank die stolze nationale Heldendichtung in einer Entartung, aus welcher es keine

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Rettung mehr gab, und die nur die Vorbotin gänzlichen Verstummens sein konnte.

Während die Chansons de geste eine nationale Helden- dichtung darstellen, sind die Artusroraane Produkte höfischer Kunstepik. Die Helden sind nicht gewaltige Hünengestalten, die nur im Kampfe leben und in ihren Herzen für ein feineres Empfinden keinen Raum lassen, sondern weicher und zarter angelegte Naturen, denen neben der herkömmlichen Tapferkeit auch der Sinn für die Genüsse des Lebens nicht fehlt Da sie in ihrem ganzen Wesen nur mehr wenig von den alten Helden an sich haben, müssen ihnen um so unwahrscheinlichere Taten angedichtet werden. Roland und Olivier kämpften in ofiener Schlacht gegen die Sarazenen, Parcival, Gauvain und Lancelot bestehen Abenteuer mit Zauberern und Feen, Riesen und Drachen. Hier werden nicht in lapi- darem Stil große Ereignisse der Vergangenheit erzählt, sondern wir finden weit ausgesponnene detaillierte Schil- derungen romantischer Begebenheiten. An die Stelle der Laissen von zehn- und zwölfsilbigen Versen sind kurze Reimpaare getreten, die in leichtem Plauderton dahin- fließen und zu mancher Abschweifung, zu manchem Apergu Gelegenheit geben. Das Heldengedicht ist durch den Versroman, die Volkspoesie durch das individuelle, bewußte Schaffen von Dichtern verdrängt worden, die im Gegensatz zu den meist anonymen Verfassern der Chan- sons de geste großenteils bekannt sind. Diese Werke sind auch nicht zum Vorsingen vor dem Volke bestimmt, sondern zur Lektüre in gebildeten Kreisen, zum Vorlesen vor einem höfischen, verfeinerten Publikum. Obwohl auch diese Werke treue Spiegelbilder ihrer Zeit sind, deren soziales, moralisches und poetisches Ideal sie wiedergeben, erscheinen sie uns heute doch ungleich moderner als die Chansons de geste. Die Charakteristik der Personen ist eine tiefere, das Gefühl spielt eine größere Rolle, die Frau greift bedeutsamer in die Handlung ein ; es sind meist Liebesgeschichten, die schon echt französisch und roman-

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haft anmuten. Die Figur, um welche sich diese Per- sonen und Vorgänge gruppieren, ist das nördliche Pendant Karls des Großen, der König Artus, ein britannischer Häuptling, der um das Jahr 500 n. Chr. lebte und von dem erzählt wird, daß er an der Spitze seiner Verbündeten gegen die Angelsachsen kämpfte. Der Ruhm seiner Tapfer- keit überdauerte ihn lange, und wie die Deutschen von Friedrich Barbarossa, so konnten auch die Briten von ihrem König Artus nicht glauben, daß er gestorben sei.

Im VI. Jahrhundert wurden viele Südbritannier von den Angeln und Sachsen aus ihrem Lande gedrängt und kamen nach Aremorica (Bretagne). Ihre Barden brachten aus der Heimat die Sagen von König Artus mit, und diese wurden hier mit lokalen Ül3erlieferungen verbunden, unter dem Einfluß des Rittertums umgestaltet und auch im übrigen Frankreich verbreitet. Sie wurden wohl zunächst in die Form kleiner Prosaerzählungen gegossen und dann erst zu größeren Versromanen verarbeitet. Auch die Ent- stehung der Artusromane, speziell die Frage des keltischen Elements in denselben, gab manchen Anlaß zu Kontro- versen, und man ist nicht völlig klar darüber, ob bereits in England derartige Versromane bestanden (Insular- oder Evolutionstheorie, vertreten durch G. Paris, Nutt, Weston), oder ob solche erst in der Bretagne gedichtet wurden (Kon- tinentale oder Inventionstheorie, vertreten durch Foerster, Golther). Der ganze Geist der Artusromane ist jedenfalls ein französischer.

Große Verbreitung erlangten diese Sagen durch die Schriften des Galfrid von Monmouth, Bischofs von St. Asaph (t 1154), der in seiner Prophetia Merlini im Anschluß an die dem Nennius zugeschriebene Hisforia Britomim des IX. Jahrhunderts von einem vaterlosen Kind Merlin erzählt, das dem König Wortigern (V. Jahrhundert) über den Kampf der Bretonen und der Sachsen prophe- zeite. Er beschäftigte sich mit diesem Zauberer auch nochmals ausführlich in seiner Vita Merlini, am nach- haltigsten wirkte aber seine Historia regum Britan-

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uiae, die bis zum Jahre 1135 reicht und in diesem Sagenkreise eine ähnliche Stellung einnimmt wie die Pseudoturpinsche Chronik im karolingischen. Sie wurde im XII. Jahrhundert von Wace in seinem Brut, ferner auch im Münchener Brut und in mehreren verlorenen Versionen den Franzosen bekannt. Brutus, ein Enkel des Aeneas, galt als Gründer von Britannien, denn in jener Zeit der Machtfülle des Papsttums wollten alle Völker dem römischen nahestehen und womöglich mit den Römern verwandt sein.

Wie Karl so hat auch Artus seine Paladine, die er an einer Tafel um sich zu versammeln pflegt, weshalb man diesen Kreis die Tafelrunde nennt. Hierher kommen die Ritter von nahe und fern und berichten von ihren Taten. Zu den Rittern der Tafelrunde gehören Gau vain, der Xeffe des Königs, Parcival der Gralsucher, Lan- celot der schmachtende Liebhaber der Königin Gi- nevra, Galaad, Lancelots Sohn, Yvain der Löwen- ritter und Kei der Seneschall, der dem falschen Ganelon entspricht. Auch Tristan wird später diesem Kreise zu- gezählt. Hier treibt der erwähnte Zauberer Merlin sein Unwesen, der vom Teufel mit einer Jungfrau in heimtückischer Xachäffung der Menschwerdung Christi gezeugt wurde. Überhaupt bedienen sich die Artusromane eines ausgedehnten Zaubermaterials. Man findet in diesen Gedichten Zauberschlösser voll unheildrohender Geräte, Brücken, deren Überschreiten den Tod bringt, furchtbare Riesen und tückische Zwerge, zauberkundige Weiber, wun- derbare Tiere, Zauberhörner, Zauberschwerter u. dgl. m.

Den höchsten Glanz verbreitet jedoch über alle diese Vorgänge der heilige Gral, eine wunderbare, mit über- natürlichen Eigenschaften ausgestattete Schüssel, in der manche den Rest eines Naturkults, andere ein rein legendarisches Element erblicken wollen, das sich mitten in diese Rittersagen verirrt hat. Helinand definiert in seinem Chronicon (ca. 1200) «gradalis» als eine Schüssel mit Abstufungen zum Auslegen verschiedener Speisen. Ins-

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besondere verstand man jedoch unter dem Gral jene Schüssel, deren sich Christus beim letzten Abendmahle bediente und in der dann Joseph von Arimathia das Blut des gekreuzigten Heilands auffing. Daher die mißver- ständliche Ableitung des Wortes Saint Graal von sang real, royal oder reel, die ebenso unrichtig ist wie die Boronsche von agreer (beglücken). Das im INIittelalter sehr verbreitete, im XII.. Jahrhundert mehrmals ins Französische übersetzte apokryphe Nikodemus-Evangelium erzählt, daß Christus den Joseph von Arimathia zum Danke für seine Liebesdienste durch 40 Jahre im Kerker mittelst dieser Schüssel in wunderbarer Weise am Leben erhalten habe, bis er ihn endlich man weiß nicht warum so spät durch Aufhebung der Mauern befreite. Die Kreuzesschüssel ist also, folkloristisch gesprochen, zu einem Wunschgefäß, einer Art von Tischlein, deck dich, einem Gerät ähnlich dem Ölkrüglein der Witwe von Sarepta geworden. Außer- dem wurde dem Gral in Erinnerung einer Stelle bei Matthäus (XXVI, 23) die Eigenschaft zugeschrieben, den Reinen vom Sünder zu trennen. Bald fehlte es nicht an anderem mystischen Beiwerk. Der Gral erscheint in der Regel von einer blutigen Lanze begleitet, die mit jener identifiziert wird, mit welcher Longinus den Heiland durch- bohrte (Job. XXIX, 34). Man ließ den Gral in einer Zauber- burg von einer Dynastie von Königen, die mit Joseph ver- wandt waren, hüten und ihn gelegentlich auch bei Artus' Tafelrunde erscheinen, an der ein Platz für den einst zu erwartenden letzten Gralhüter (Parcival) frei bleiben mußte. Aus Josephs Schwager Bron, der als symbolischer Fischer (Bekehrer, o'oi pescheor), genannt wird, entwickelt sich durch ein sprachliches Mißverständnis ein Sünderkönig, der an einer Sünde dahinsiecht, durch die Nähe des Grals aber vor dem Tode bewahrt wird, und den Parcival durch die Stellung einer Frage erlöst. Parcival (Perceval), dessen Tatenlust man schon aus seinem Namen (percer- vallee) entnehmen wollte (vgl. Wolfram von Eschenbach 140, 16) ist ursprünglich ein keltischer Nationalheld (Pere-

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dur), von dessen Kindheit und Unerfahrenheit bei seinem Eintritt in die Welt des Rittertums und von dessen Be- ziehungen zu einer Fee einige alte Lais erzählten. Auf ihn wurde die Rolle des Gralsuchers und ersten Gral- hüters übertragen.

Einer der ersten unter den Dichtern, welche Stoffe aus dem Artussagenkreise, speziell die Gralsage behandelten, war Robert de Boron (Borron). Dieser schrieb ca. 1170 bis 1180 für den Grafen Gautier de Montbeliard (f 1212) eine größere dreiteilige Estoire du Saint Graal, zu welcher er das Nikodemus-Evangelium, andere apokryphe Schriften, Galfrid von Monraouth, sowie (für den dritten Teil) Chrestien de Troyes oder dessen Vorlage (livre) be- nutzte. Der erste Teil (Joseph von Arimathia) behan- delte die Vorgeschichte des Grals, der zweite Teil (Merlin) die Verhältnisse in Britannien bis auf Artus herab, der dritte (Perceval), der in der Prosafassung allerdings manche Widersprüche gegenüber den beiden anderen auf- weist, die Gralsuche und Gralfindung. Von dieser Estoire ist uns nur ein Bruchstück (der erste und der Anfang des zweiten Teils, 4018 Verse) erhalten, das ganze Werk kennen wir nur aus einer Prosaauflösung des XIII. Jahrhunderts (Prosa-Robert). Bald nach Boron, wenn nicht gleichzeitig mit ihm, bemächtigte sich der Gralsage sein größerer Zeit- genosse Chrestien de Troyes, der ca. 1155 88 tätig war und als der eigentliche Schöpfer der Artusepik an- zusehen ist. Er war vielleicht Waffenherold am Hofe des Grafen von Champagne und wurde jedenfalls von der Gräfin Marie gefördert. Er starb vor 1200. Man besitzt von ihm eine ganze Reihe solcher Versromane, die zu den herrlichsten Blüten der altfranzösischen Poesie gehören: Erec, Cliges, Lancelot (Chevalier de la Charrette), Yvain (Chevalier au lyon). Den Perceval (Conte du Gral) hat er nicht vollendet. Von Chrestien rühren nur ca. 11000 Verse her; seine Fortsetzer, der Unbekannte, Gau- chier de Dourdan, Manecier und Gerbert (de Montreuil) brachten das Werk auf einen Gesamtumfang von ca.

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60 000 Versen. Chrestien schrieb in seiner Jugend auch einen Tristan («Del roi Marc et d'Iseut la hlo7ide»), der uns aber nicht erhalten ist. Wie die Parcivalsage, so gehört auch die Tristansage ursprünglich nicht zum Artussagenkreis und wurde erst später mit ihr verbunden. Ihre historischen Grundlagen sind in England und Schott- land zu suchen (s. u. S. 50 ff.).

Borons Gedicht blieb in seiner Wirkung auf kleine Kreise Frankreichs beschränkt, Chrestiens Werke hatten dagegen auch im Ausland einen nachhaltigen Erfolg. Erec und Ytain wurden von Hartmann von Aue (ca. 1200), üliges von Ulrich von Türheim (ca. 1250), Parcival von Wolfram von Eschenbach ins Mittelhochdeutsche über- tragen. Wolfram kennt nur den von Chrestien selbst herrührenden Teil, nicht die Fortsetzungen, polemisiert aber gegen Chrestien und nennt den Provenzalen Kyot (Guiot de Provins?) als seine Quelle. Es gibt ferner nor- dische und keltische Bearbeitungen. Die letzteren (Ma- binogion im sogenannten Roten Buch von Hergest) hielt man lange Zeit irrtümlich für älter als die Gedichte Chre- stiens.

Nach Chrestien behandelten noch zahlreiche Dichter die Geschichten von Artushelden. Ein Dutzend solcher «biographischer Artusromane» sind auf uns ge- kommen, viele andere verloren gegangen. Der bedeu- tendste unter ihnen ist wohl Meraugis de Portles- guez von Raoul de Houdenc (Houdan, Ende des XII. Jahrhunderts). Aber auch er zeigt schon eine merk- liche Dekadenz gegenüber den Romanen des großen Meisters. Wie die Matiere de France, so ging auch die Matiere de Bretagne schließlich im Abenteuerroman unter, der alles in sich aufnahm. Es dauerte nicht lange, so übertrug der Dichter von Blancandin et l'orgueilleuse d'amour (6000 Achtsilber, XIII. Jahrhundert) auf einen friesischen Königssohn Abenteuer, wie sie bis dahin nur Gauvain und Parcival bestanden hatten, bis er ihn schließ- lich seine Orgueilleuse gewinnen ließ, die er zuvor durch

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Küßse beleidigt hatte. Der letzte Nachklang der Artusepik ist Froissarts Abenteuerroman Meliador (1369 83).

Unter der Matiere de Rome la grant verstand man alle Stoffe, die mit dem klassischen Altertum zu- sammenhingen, speziell auch die griechischen. Ein In- teresse an denselben bestand in Frankreich schon im frühen Mittelalter, lange vor der Renaissance, wenn auch nicht so lebhaft wie in Italien. Seit dem Anfang des XII. Jahrhunderts begegnen bei den französischen Dichtern Hinweise auf antike Sagen, auf die Belagerung Trojas und die Gründung Roms, auf Achilles, Helena und die Züge Alexanders des Großen. Virgil wird eine populäre Persönlichkeit, und die Legenden, welche sich in Italien um ihn bilden, erlangen auch in Frankreich Verbreitung. Seit dieser Zeit findet man hier auch Neubearbeitungen antiker Sagen in lateinischer Sprache (Gautier de Lille, Alexandreis) denen bald solche in der Volkssprache folgen. Diese adoptieren die metrische Form der Artusromane, an die sie sich auch in der Auffassung anschließen. Sie über- tragen das mittelalterliche Milieu mit seinen christlich- chevaleresken Ansichten in völlig unhistorischer, anachro- nistischer Weise auf die Vorgänge des Altertums, von dem w'enig mehr als die Namen der Personen und Örtlichkeiten und ein dürftiges Gerippe der Handlung übrig bleibt. Alles ist mit den Augen einer viel späteren Zeit gesehen. Man dachte sich Troja oder Rom wie eine mittelalterliche Stadt, die Lebensweise, Bewafifnung, Kleidung, Krieg- führung der Bewohner sind ganz mittelalterlich. Agamem- non, Achilles, Odysseus, Diomedes, Alexander der Große unterscheiden sich nur durch die Namen von Karl dem Großen, dem König Artus und den Paladinen. Klytäm- nestra und Helena gleichen der Ginevra und der Isolde auf ein Haar. Kalchas ist ein Bischof mit Stab und Mitra, es gibt Klöster in Troja und Griechenland. Und daneben waltet der ausgedehnte Zauberapparat einer de- generierten Mythologie, der mit all dem nicht in Einklang zu bringen ist.

Die epischen Grundlagen der mittelalterlichen Eomane. 31

An solchen Ungereimtheiten nahm damals niemand Anstoß, ja sie wurden kaum bemerkt, da es an sach- kundigen Kritikern fehlte. Die antiken Quellen waren fast unzugänglich, und die Kenntnis der klassischen Sprachen, besonders des Griechischen, war noch höchst selten. Aber auch der gelehrteste Mann jener Tage konnte sich nicht in eine frühere Epoche zurückversetzen. Wie kraus waren noch im XIV. Jahrhundert selbst die Vor- stellungen eines Petrarca oder Boccaccio von der Antike, Man las nicht den Homer, sondern nur die Zubereitungen und ausschmückenden Verfälschungen seiner Berichte durch die mittelalterlichen Fabulisten. Die dem Da res Phry- gius und dem Dictys Cretensis zugeschriebenen Werke fanden die weiteste Verbreitung und unbedingten Glauben, Dares, der Verfasser der angeblich von Cornelius Nepos ins Lateinische übersetzten Historia de excidioTrojae wollte in der belagerten Stadt mit eingeschlossen gewesen sein, Dictys Cretensis, der Autor der Ephemeris belli Trojani sich unter den Belagerern befunden haben. In der Tat sind beide Schriften recht plumpe Fabrikate des IV. und V. Jahrhunderts.

Sie bilden, mit Einzelheiten aus Ovid und anderen Autoren gemischt, die Grundlagen der mittelalterlichen Trojaromane, speziell des Roman de Troie von Benoit de Saint-More (ca. 1165, 30 0(30 Verse). Der Dichter des letzteren ist wohl mit dem Kleriker Beneeit, einem Reimchronisten am Hofe Heinrichs II. von England und Verfasser der Chronique des Diics de Kormandie zu identi- fizieren. In diesem weitverbreiteten Gedicht (38 Hand- schriften), das die ganze Geschichte der Stadt Troja behandelt, werden die Berichte des I)ict3's und Dares romantisch ausgesponnen. Benoit beginnt mit dem Ar- gonautenzug, erzählt dann die erste Zerstörung der Stadt durch Jason und Herkules, den Wiederaufbau derselben durch Priamus, die Rache der Troer durch den Raub der Helena, die Einnahme Trojas durch die Griechen und die späteren Schicksale der Helden einschließlich jener

32 Der Roman des Mittelalters.

des Odysseus. Eine besondere Aufmerksamkeit widmet er den Liebesgeschichten; er schildert in freier roman- tischer Ausgestaltung die Beziehungen zwischen Jason und Medea, zwischen Achilles und Polyxena, am meisten in- teressierten ihn aber jene von Priams Sohn Troilus mit Briseis (Cressida), der treulosen Tochter eines Priesters, die ihn mit dem Griechen Diomedes betrügt. Diese Epi- sode ist durch Boccaccio (Filostrato), Chaucer (Troylus and Chryseyde), und Shakespeare (Troilus and Cressida) in die Weltliteratur übergegangen. In der großen Zahl der Bearbeitungen ist die lateinische Prosaversion des sizilianischen Richters Guido delle Colonne (Ende des XIII. Jahrhunderts) hervorzuheben, die wieder viele andere im Gefolge hatte. Auf ihr beruhen Herbort von Fritzlars Lied von Troje (ca. 1200), Konrad von Würzburgs Buch von Troja (1287), Lydgates Troy Book (erste HäKte des XV. Jahrhunderts), Milets Mystere de la Destruction de Troie (1450) u. a. m. Benoit ist vielleicht auch der Verfasser des Roman d'^fineas (ca. 1160), der eine er- weiterte Nachbildung der Aeneis ist und von Heinrich von Veldeke in seiner Eneide (1170 90) nachgeahmt wurde. Großer Beliebtheit erfreute sich auch der Roman de Thebes (ca. 1150), der das Leben des Ödipus und den Zug der sieben gegen Theben nach der auch von Dante geschätzten Thebais des Statins erzählt. Er erlebte noch im XIII. Jahrhundert eine erweiterte Bearbeitung und eine Prosaauflösung.

Kein Held des Altertums war aber im mittelalter- lichen Frankreich so populär wie Alexander der Große, über dessen Leben und Taten zuerst Curtius Rufus (im I. Jahrhundert n. Chr.) ausführlich geschrieben hatte. Das sensationslustige Mittelalter gab jedoch der phantastischen Sage den Vorzug, die sich in Ägypten, wohl zunächst in Alexandrien, um die Person des mazedonischen Eroberers gebildet hatte. Dort machte man ihn zum Sohne eines ägyptischen Königs, schmückte seine indischen Feldzüge in abenteuerlichster Weise mit Zaubergeschichten aus, ließ

Die epischen Grundlafren der mittelalterlichen Romane. 33

ihn die Reiche der Luft und des \Yassers erobern und seine Fahrten sogar bis ins Paradies ausdehnen. Einen solchen Alexander zeigt die Schrift des griechischen Fäl- schers, der sich für Kallisthenes, den Begleiter Alexanders, ausgibt (Pseudokallisthenes, ca. 200 n. Chr.) und von welcher Julius Valerius zu Anfang des IV. Jahrhun- derts unter dem Titel Res gestae Alexandri Macedonis eine lateinische Übersetzung gab, die besonders in einem Aus- zug, der Epitome Julii Valerii aus dem IX. Jahr- hundert große Verbreitung fand. Eine andere Übersetzung ist die Historia de proeliis des neapolitanischen Priesters Leo (X. Jahrhundert, in italianisierendem Latein). Von Pseudokallisthenes angeregt sind die phantastischen Briefe Alexanders an den Brahmanen Dindimus und an seinen Lehrer Aristoteles über die Wunder Indiens, nebst den Antworten der genannten, die Schrift Alexandri Magni iter ad payadisum (IV. Jahrhundert) und andere Fabeleien. Auf solchen Grundlagen entsteht seit dem Ende des XI. Jahrhunderts eine ganze Reihe französischer Alexander- dichtungen, denn seine berühmte largesse machte ihn zum Liebling der Jongleurs. Das älteste Alexandergedicht, das des Alberic de Besan§on [Briangon?] (Ende des XI. Jahrb.; Achtsilbertiraden) stützt sich auf die Epitome und ist nur fragmentarisch erhalten. Es erfuhr hundert Jahre später eine poitevinische Bearbeitung in Zehnsilber- Laissen und eine mittelhochdeutsche durch den Pfaffen Lambrecht. Gegen Ende des XIL Jahrhunderts entstand dann der große Alexanderroman (ca. 20 000 gereimte Alexandriner), der in seinen vier Branchen das ganze Leben des Helden und die Schicksale seines Reiches nach der Teilung behandelt. Der Verfasser der Branchen I und IV und der Redaktor des Ganzen ist Alexandre de Bernay (oder de Paris), der Dichter der II. heißt Eustache, jener der III. Lambert li Tors (der bucklige) oder li Cors (der kurze) aus Chateaudun. Aber auch noch später besang man den großen Mazedonier mit Vorliebe. Um 1190 schrieb Gui de Cambrai seine Vengeance

V. Wurzbach, Geschichte des frauz. Romans. I. 3

34 Der Eoman des Mittelalters.

d'Alexandre, um 1313 Jacques de Longyon seine Voeux du paon. Auch die Geschichte der Vorfahren Alexanders wurde in abenteuerhcher Weise ausgestaltet (Airae de Varennes, Roman de Florimoni, 1188).

In diesen und manchen anderen Gedichten war das fabulistische Material aufgespeichert, aus dem die ersten Prosaerzähler schöpften. Es versorgte in dieser Form durch Generationen viele Millionen Menschen mit geistiger Xahrung. Schließlich war aber auch dafür die Zeit vor- über. Die Sprache der Gedichte veraltete, der Geschmack am gesanglichen Vortrag der Chansons de geste schwand und das Vorlesen kam mit der Verbreitung der Lesekunst immer mehr ab. Wer lesen konnte, wollte nun selbst lesen, und dazu fand, man die Prosa doch geeigneter als den Vers, der zwar beim lauten Lesen besser wirkte, beim stillen Lesen aber nur als Hindernis in der Mitteilung des Gedankens empfunden wurde. Die Bearbeiter des XV. Jahrhunderts müssen die Prosa wählen: «^pour ce gue au jourd'huy les gratis princes et autres seigneurs appetent plus la prose que la rime». Und Ähnliches liest man oft: (^L'acteur de ce present livre s^est esmeu paoureusement d en rescripre aulcuns haultains fais et translater de rime en prose ä Vappetit et cours du temps» (Charlemaigne et Änseis, Gautier II, 556). «Dieu donne que je puisse translater de vieilles rimes en cesie prose l'histoire d'Äimeri de Beanlande, car plus volontiers s'i esbat l'en maintenaut qu'on ne souloit et plus est le languaige plaisant prose que rime. Ce dient ceulx auxquieulx il piaist qu'ainsi le veulent avoir» (ib.). Für die Bearbeiter selbst war dies durchaus keine unwill- kommene Neuerung, denn die Mühe war ja dadurch er- leichtert und da man nun in kürzerer Zeit noch größere Folianten vollschreiben konnte, war es auch in materieller Hinsicht besser als früher. Als die Buchdruckerei erfunden worden war, geriet der Versroman bald völlig in Ver- gessenheit, und man vervielfältigte nur noch Prosaromane. Ein großer Teil der ältesten französischen Drucke (Inku- nabeln) gehört dieser Gattung an. Um die Versromane

Die epischen Grundlagen der mittelalterlichen Eomane. 35

kümmerte sich nun durch Jahrhunderte niemand, und erst die moderne Wissenschaft hat sie von neuem entdeckt.

Die Prosaromane bedeuten im Hinblick auf ihre Vorgänger in vieler Beziehung einen Niedergang. Sie stehen literarisch betrachtet noch um eine Stufe tiefer als die letzten Remaniements der Gedichte, auf welche sie .«ich gründen. Wenige von ihnen genügen höheren ästhe- tischen Ansprüchen. Es ist meist recht minderw'ertige Literatui-ware, die kaum die Spuren eines bewußten künst- lerischen Schaffens aufweist. Wer einige von diesen Ro- manen kennt, kennt so ziemlich alle. Der Stil ist meist ein sehr weitschweifiger und der Erzähler sucht das In- teresse des Lesers nicht selten durch großsprecherische Phrasen, die an unsere Kolportageromane erinnern, wach zu erhalten. Auch die pompösen Prologe, mit welchen viele von ihnen eingeleitet werden, dienen diesem Zwecke. Am Schlüsse verkündet das stereotj^e «C«/ finist ...» (mit Wiederholung des ganzen Titels) dem Leser, daß er von dieser Geschichte nun nichts mehr zu erwarten habe. Nur bisweilen folgt die Aufforderung zu einem frommen Lebenswandel nebst dem Wörtchen Amen.

Die Minderwertigkeit dieser Produkte erklärt sich zum Teil daraus, daß sie fast immer auf späten Über- arbeitungen der Gedichte, leider fast nie auf den guten alten Fassungen beruhen. Hatte das Original schon bis dahin arg gelitten, so kam nun noch der Prosabearbeiter und ver- setzte der Poesie, die noch schüchtern darin flackerte, den Todesstoß. Nach ihrer Methode teilt Gautier die Prosa- bearbeitungen in wörtliche Auflösungen und in freiere Umgestaltungen und nennt ihre Verfasser je nachdem Decalqueurs oder Imitateurs. Begabtere Autoren sind in beiden Gruppen selten, da sich solche mit derartigen Ar- beiten nicht gerne abgeben. Die Änderungen, welche die Bearbeiter vornehmen, sind nach Gautier (H, 566) \^ererlei Art: 1. Suppressions Reimworte und störende altertümliche Wendungen und Epitheta werden weggelassen; 2. Ad- ditions die allzu knappe Ausdrucksweise wird dem Ge-

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"36 Der Roman des Mittelalters.

schmack der späteren Zeit entsprechend durch eine breitere ersetzt; 3. Changements an die Stelle veralteter Ausdrücke treten gebräuchliche; 4. Interversions die Wortstellung wird, wo es nötig ist, modernisiert. Schwingt sich ein Autor aber ausnahmsweise einmal dazu auf, zwei oder drei Seiten lang seinen eigenen Weg zu gehen, so tut ei' es gewiß nicht um stoffUche Änderungen oder Zusätze in der Fabel vorzunehmen, sondern nur um erklärende Ex- kurse oder frommes Geschwätz einzuflechten. Erstere sollen den Zeitgenossen Vorgänge oder Zustände, die ihnen nicht mehr verständlich sind, näher bringen und dem Verfasser die erwünschte Gelegenheit bieten, um mit seinen Kenntnissen zu prunken, letzteres den Romanleser daran erinnern, daß er über seiner Lektüre Gott und die Pflichten gegenüber der Kirche nicht vergessen dürfe (siehe den Prolog zu Girart de Boussillon bei Gautier II, 584).

Die Namen der Verfasser sind bei den älteren Ro- manen fast niemals genannt, und wenn dies der Fall ist, so handelt es sich gewöhnlich um Fiktionen und Mysti- fikationen, wie beim Prosa-Robert. Werden Autoren von solchen Büchern in anderen Romanen namhaft gemacht, so sind die Angaben natürlich doppelt verdächtig, so in einer viel zitierten Stelle aus Ghiiron le courtois. Diesen will ein gewisser Helye de Boron verfaßt haben, der sich bei dieser Gelegenheit über die Autorschaft des Gral- romans, des Lancelot und des Tristan äußert. Das ist literarischer Klatsch des XIII. und XIV. Jahrhunderts, nichts weiter. In späterer Zeit kommt auch in diese Verhältnisse mehr Klarheit. Dies gilt vor allem von jenen Prosaromanen, die am burgundischen Hofe entstanden. Dieser Hof war besonders unter Philipp dem Guten (1419 67) die hervorragendste Stätte solcher Prosabear- beitungen. Der Herzog selbst nahm reges Interesse an derartigen Arbeiten. Er besaß eine große Bibliothek, die er allerdings zum Teil schon von seinen Vorgängern Karl dem Tapferen (1362—1404) und Johann ohne Furcht (1404 19) übernommen hatte, die er aber beträchtlich

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vermehrte, und deren Schätze er den Bearbeitern bereit- willig zur Verfügung stellte. Er liebte es besonders, alte Gedichte in Prosa auflösen zu lassen und hatte zu diesem Zwecke eine ganze Reihe von Autoren in seinem Solde. Die bedeutendsten und fruchtbarsten unter ihnen waren Jean Wauquelin {Girart de Roussülon, 1447) und David Aubert {Conquestes de Charlemagne, 1448). Daß er auch an Stoffen des klassischen Altertums Gefallen fand, ist bei dem Gründer des Ordens vom goldenen Vließ nur selbstverständlich. Er ließ diese Manuskripte auf kost- barem Pergament herstellen und von Kalligraphen und Miniaturisten ausschmücken. Viele derselben sind erhalten und zählen zu den kostbarsten Kleinodien der reichsten Bibliotheken.

Nach solchen Manuskripten oder minderwertigen Ab- schriften derselben wurden dann die ersten Drucke dieser Romane hergestellt. Denn was anfangs nur ein viel- bewundertes Juwel im Besitze weniger Mächtiger dieser Erde war, das wurde später dank der Buchdruckerkunst Gemeingut aller, und auch das Volk sollte sich daran ergötzen. Eine Anzahl rühriger Drucker, Antoine Verard, Jehan und Nicolas Bonfons, Jehan Trepperei, Alain Lotrian, Michel und Philippe Lenoir (sämtlich in Paris), Pierre Mareschal und Barnabe Chaussard (in Lyon) u. a. publizierten seit dem Jahre 1478 damals erschien die erste Ausgabe des Fierabras eine große Menge von Ritterromanen. Diese Ausgaben wurden anfangs mit gotischen, später mit runden Lettern gedruckt und waren mit derben Holzschnitten geziert, die im Bedarfsfalle auch in andere Bände übergingen, ja sogar innerhalb ein und desselben Bandes mehrmals wiederkehrten. Die Titel, welche schon in den Handschriften an Länge nichts zu wünschen übrig ließen, sind hier nicht selten in einem förmlich marktschreierischen Ton gehalten^ um möglichst viele Käufer anzulocken. Man sollte schon im voraus wissen, wieviel Interessantes in solch einem Buche ent- halten sei und wie sehr sich diese Geschichte zu ihrem

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Vorteil von allen früheren und womöglich auch von allen späteren unterschied.

Solcher Art waren die mittelalterlichen Romane, die sich noch durch das ganze XVI. Jahrhundert großer Be- liebtheit beim Lesepublikum erfreuen. Sie zerfallen im Hinblick auf ihre epischen Vorlagen in drei Gruppen: I. in solche nach Chansons de geste, IL in solche nach Artusgedichten und III. in solche nach Versromanen über antike Stoffe. Zu diesen kommen dann als IV. die Prosaerzählungen nach Abenteuerromanen und verwandten Dichtungen. Unter diesen Gruppen gebührt der IL ihrem Alter nach der Vorrang.

Literatur. Über die Chansons de geste, die Artus- gedichte und die Versromane über antike Stoffe vgl. man die oben S. 13 angeführten Werke über altfranzösieche Literatur.

Über dieManuskripteder Prosaauflösungen: L6on Gautier. Les epopees franqaises, 2. Aufl., Paris l878-«2, 4 Bde.; II, S.544ff.

Über die Inkunabeldrucke ebda. II, S. 601 fl'. Über die angeblichen Verfass er der Romane: Hi stoire litt^r aire XV, S. 494flF., und Gröber, J. c. S. 996. Über die Literatur am burgundischen Hofe: Georges Doutrepont, La littSrature frangatse ä la cour des ducs de Bourgogne, Philippe le hardi, Jean Sans pew\ Philippe le hon, Charles le temeraire, Paris 1909 (Bibliotheque du XV. siecle.VIII. Bd.). (Vgl. Zeitschrift für roman. Phil. XXXIV, 228 flf.)

III. Matiere de Bretagne.

Die Prosaromane aus dem Sagenkreis von König Artus und dem heiligen Gral bilden in ihrer Gesamt- heit einen so weit und mannigfaltig verzweigten Komplex, daß es fast unmöglich ist, seine Struktur und die Abhängigkeit der einzelnen Teile voneinander genau festzustellen. Den Kern und Ausgangspunkt der ganzen Entwicklung bildet der schon erwähnte Prosa-Robert, die aus dem XIII. Jahrhundert stammende Auflösung des Gralgedichtes von Robert de Boron. Zum Unterschiede vom Gral-Lancelot- Zyklus wird diese Bearbeitung bisweilen auch der kleine Gral genannt. Obwohl so viele andere Versionen un- mittelbar oder mittelbar auf ihr beruhen, blieb sie selbst

Mati^re de Bretagne. 39

auf die handschriftliche Verbreitung beschränkt, und sie wurde in der Folge durch die großen Zyklen vollständig verdrängt. Zur Zeit der Erfindung der Buchdruckerkunst war sie der Vergessenheit anheimgefallen. Sie schließt sich, soweit dies zu kontrollieren ist, genau, oft wörtlich, an die Versvorlage an und bezeichnet, wie diese, Robert als ihren Verfasser. Die Prosa ist uns in zwei berühmten Manuskripten, Didot (jetzt Bibliotheque nationale, 1301) und Modena (Ms. 39) erhalten. Das letztere stellt die bessere Version, aber auch nicht das Original dar. Beide geben die drei Teile der Boronschen Dichtung, Joseph von Arimathia, Merlin und Parcival, wieder.

I. Joseph d'Arimathie erzählt zunächst, wie die Abend mahlsschüssel von einem Freunde des Judas gestohlen wurde, an Pilatus kam und von diesem dem Joseph gegeben wurde, der darin das Blut des Ge- kreuzigten auffing. Man erfährt dann, wie Christus mit dem Gral dem gefangenen Joseph erschien und die Schüssel diesen im Kerker am Leben erhielt. Der am Aussatz erkrankte Sohn des Kaisers Vespasian wendet sich an Pilatus mit der Bitte um eine Reliquie Christi, wird durch den bloßen Anblick des Schweißtuches der Veronika geheilt und beschließt, den Tod des Erlösers an den Juden zu rächen. Er beginnt damit, Joseph aus dem Kerker zu befreien. Dieser bekehrt ihn und viele andere und zieht dann mit seiner Schwester Enygeus, deren Gatten Bron (Hebron) und anderen Verwandten in ferne Lande. Zuerst geht es ihnen gut, als sie sich aber der Sünde (luxuria) ergeben, geraten sie in Not und Elend. Auf sein Gebet erhält Joseph vom Himmel die Weisung, eine Tafel zu fertigen ähnlich jener des letzten Abend- mahls und den Gral daraufzustellen, Bron aber soll einen Fisch fangen und daneben legen. Der Fisch, griechisch Ichthys (aus den Anfangsbuchstaben von 'Iqcroöq XpicrTÖ(; GeoO M^iöq Zuutrip), war seit jeher das Symbol Christi, der Fischfang jenes der Bekehrung («Ich will euch zu Menschen- fischern machen»). Bron heißt deshalb le riche pecheur,

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der reiche Fischer oder Fischerkönig, woraus später der Sünderkönig (Amfortas) wurde. Dann sollen alle Platz nehmen, ein Sitz aber soll leer bleiben für Brons Enkel (Parcival), der einst kommen und der letzte Hüter des Grals sein werde. Als sie sitzen, zeigt es sich, daß viele von ihnen durch die Nähe des Grals beglückt werden (hier die Etymologie von agreet'), andere dagegen nicht. Da der Gral die Eigenschaft besitzt, den Reinen vom Sünder zu trennen, vermögen nur die ersteren in seiner Nähe auszuharren, die letzteren schleichen betrübt von dannen. Die Speisung erfolgt auf wunderbare Art, der symbolische Tisch bleibt unberührt. Als ein Sünder, Moses, den freien Sitz mutwilhg okkupiert, verschlingt ihn allsogleich die Erde. Bron und Enygeus haben zwölf Söhne. Ein Engel verkündigt, dai3 derjenige von ihnen, welcher keine Frau nähme, die anderen überragen werde. Dies ist Alain, welcher erklärt, er wolle sich lieber schinden lassen als heiraten, und sich mit seinen Brüdern aufmacht, um in fernen Landen das Christentum zu predigen. Auf Geheiß des Himmels übergibt Joseph den Gral dem Bron, der nach dem Westen zieht. Hier bricht die Geschichte des Grals ab, die erst im HI. Teil wieder aufgenommen wird.

H. Merlin. Die höllischen Geister, bestürzt über die Ausbreitung des Christentums, beschließen, einen Statthalter auf Erden einzusetzen und beauftragen einen aus ihrer Mitte, mit einer irdischen Jungfrau ein Kind zu zeugen. Die Sache gelingt, das unehelich geschwängerte Mädchen wird zwar nach den strengen Gesetzen Britanniens in einen Kerker geworfen, gebiert aber glücklich den Wechsel- balg Merlin, der sogleich nach der Geburt in langen Reden seine höllische Abkunft verrät und erwirkt, daß die Mutter der ihr drohenden Todesstrafe entgeht. Zu dieser Zeit wird der britannische König Meines durch seinen Seneschall Vortiger der Herrschaft beraubt. Zum Schutze gegen die Brüder des Entthronten, Uter und Pendragon, welche den Usurpator angreifen, baut Vortiger einen

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großen Turm, der allen Vorsichtsmaßregeln des Erbauers zum Trotz -wiederholt einstürzt. Die Astrologen erklären, er könne nur standhalten, wenn der Grundstein mit dem Blut eines Kindes begossen würde, das unlängst ohne Zutun eines sterblichen Vaters zur Welt gekommen sei. Nachdem der König im ganzen Lande nach einem solchen Kinde vergeblich gesucht hat, meldet sich Merlin, ent- hüllt aber, daß der Turm deshalb einstürze, weil unter ihm zwei einander befehdende Drachen lägen. Als der rote und der weiße Drache im wechselseitigen Kampfe verendet sind, hält der Turm stand, aber Vortiger wird besiegt, und Pendragon besteigt den Thron. Dank seiner prophetischen Gabe wird Merlin der Günstling des neuen Königs, und als dieser im Kampfe gegen die Sachsen gefallen ist, auch der seines Nachfolgers Uter, der sich nun Uterpendragon nennt. Merlin begibt sich darauf ziemlich unvermittelt nach Carduel und verfertigt hier gleichfalls eine große runde Tafel nach dem Vorbilde der Abendraahlstafel (die dritte Tafel), an der er den 50 Edelsten des Landes ihre Plätze anweist und nur einen Platz für den letzten Gralshüter (Parcival) frei läßt. Bei einem Feste in Carduel verliebt sich der König in Yguerne, die Gattin des Herzogs von Tintagel (Tintajol). Sie weist ihn ab, und es kommt zum Kriege zwischen ihm und dem König. Merlin aber gibt diesem die Gestalt des Herzogs und führt ihn in das Gemach der Yguerne, die ihn, wie Alkmene den Jupiter, für ihren Gemahl nimmt. Der Herzog fällt im Kampfe, und der König heiratet seine Witwe. Diese gebiert einen Sohn, der allgemein, auch von ihr selbst, für einen Sohn des Herzogs gehalten wird. Dies ist Artus, der nach Uterpendragons Tod zum König gewählt wird. Er zeigt seine Eignung zu dieser Würde, indem er als der Einzige mit wunderbarer Kraft ein Schwert aus einem Amboß zieht (sog. Motiv der Königsprobe). in. Parcival (Perceval), Inwieweit der dritte Teil auf dem Vers-Robert beruht, ist nicht festzustellen, da die Versvorlage hier mangelt. Sicher ist, daß in der

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Prosa außer den beiden vorangehenden Teilen der Prosa- redaktion auch Chrestien und sein Fortsetzer Gaucher de Dourdan, sowie Chrestiens Erec stark mitbenutzt sind. Roberts Name wurde vielleicht nur mißbräuchlich auch auf diesen dritten Teil gesetzt, der mit den beiden anderen wenig gemein hat. Merlin enthüllt, daß Artus der Sohn Uterpendragons sei und erzählt dem König die Ge- schichte des Grals, von welchem man lange nichts gehört hat. Der Gral befinde sich bei dem kranken Fischer- könig (Bron), der erst gesunden werde, wenn einst ein Ritter komme und ihn frage, wozu der Gral diene. Der heilige Geist beauftragt nun Alain le Gros, den Sohn Brons, seinen Sohn Parcival auszusenden - denn auch der reine Alain hat mittlerweile geheiratet damit er seinen Großvater Bron und den Gral suche. Parcival. ein junger, völlig unerfahrener Mensch, begibt sich zu- nächst an Artus' Hof, besteht dann verschiedene Aben- teuer, die mit der Haupthandlung nichts zu tun haben, und findet schließlich durch Zufall die Gralburg, wo sich ihm der ganze Zauber enthüllt. Er sieht den kranken König, den Gral, welcher einen himmlischen Glanz ver- breitet, die blutende Lanze, die wunderbare Speisung, aber eingedenk der Warnung eines alten Einsiedlers ist er zu schüchtern, nach der Bedeutung all dessen zu fragen. Als er von der Burg fortreitet, schleudert ihm eine Jungfrau (die spätere Kundry) einen Fluch nach. Sieben weitere Jahre sucht er nun die Burg, bis er sie endlich findet. Nun fragt er und löst dadurch den Zauber. Der sieche König stirbt und Parcival wird Gral- könig.

Wie sein Vorbild, so ist auch der Prosa-Robert ein interessantes Werk, dem große Schönheiten nicht abzu- sprechen sind. Die dunkle Mystik der Gralmythe mit der symbolischen Bedeutung der Frage (vgl. Lohengrin) übt auch in diesem Werk ihren geheimnisvollen Reiz, der aber durch die wenig künstlerische Komposition sehr beeinträchtigt wird. Vieles ist unklar und widersprechend.

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Theologische Erörterungen über die ^Messe u. a. werden über Gebühr ausgedehnt. Anderseits scheint manches zu fehlen. «Es spricht aus diesem Gralwerk», sagt Gröber (II, 1, 523), «vielmehr ein für seine Sache, besonders durch die religiösen Bestandteile der Überlieferung und Dichtung eingenommener und denselben mit Eifer nachgehender Schriftsteller, der jedoch den zusammengebrachten Stoff nicht zu durchdringen und einheitlich zu verarbeiten vermochte. »

Auf den Prosa-Robert stützen sich unmittelbar und mittelbar die späteren Prosabearbeitungen, die literarisch immer schlechter werden. An dieser Dekadenz sind vor- nehmlich zwei Gründe schuld. Einerseits begnügen sich die Verfasser nicht damit, ihre Vorbilder zeitgemäß um- zugestalten, sondern sie haben stets die Tendenz der Verbreiterung und wollen immer mehr Personen und Abenteuer vorführen; anderseits ging man aber immer mehr darauf aus, Zyklen zu bilden. Je mehr Romane es gab, desto mehr wollte man sie miteinander verbinden, um möglichst umfangreiche Manuskripte herzustellen und möglichst erfolgreiche Widmungen bieten zu können. Da man oft ganz heterogene Elemente miteinander vereinigte, mußten die künstlerischen Interessen naturgemäß sehr leiden. Dem Gralroman wurde die Verbindung mit dem Lancelot verhängnisvoll.

Die Geschichte von Lancelot, wiewohl verhältnis- mäßig jüngeren Datums, hatte rasch eine große Beliebt- heit gewonnen, die von Frankreich aus in alle anderen Literaturen überging. Der Name des Helden erscheint in Dichtungen erst in der zweiten Hälfte des XH. Jahr- hunderts. Die ursprüngliche Sage erzählte wohl von einem Ritter, der als Kind gestohlen und von einer Wasserfee auferzogen wurde. Mit dieser wurde \delleicht eine alte Erzählung (Conte) verbunden, die von der Befreiung eines Verstorbenen aus dem schwer zugänglichen Totenreiche be- richtete. Lancelots Beziehungen zu der Königin Guenievre sind erst später in Nachahmung und Konkurrenz zur Ge-

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schichte von Tristan und Isolde erfunden worden, um letztere aus der Gunst des Publikums zu verdrängen. In der Folge wurde die Lancelotsage auch mit der Gral-Parcival- Mvthe verbunden. Man ließ Lancelot an der Gral- suche teilnehmen und ging schließlich so weit, seinen Sohn an Stelle des nicht mehr so beliebten Parcival zum Gralfinder zu machen. Der vollendete Lancelotroman, wie er in Chrestiens Chevalier de la Charrete (1165 72) und in den darauf beruhenden Handschriften und in den Vulgärausgaben der Prosa (1494 usw.) vorliegt, stellt selbst bereits einen Teil einer zyklischen Bildung dar, in welcher die eigentliche Lanceloterzählung mit einer Vor- dichtung Galehaut (über Lancelots Jugend und seinen Freund Galehaut [Galeottoj), und einem dritten Teil Agravain (über die Kindheit Galaads, des Sohnes Lan- celots und der Tochter des Gralkönigs Pelles) verbunden war. Der Verfasser des dritten Teils kannte die noch mehrfach zu erwähnenden Queste. wie denn auch in einer Handschrift Gautier Map als Autor genannt wird. Lancelot ist der Sohn des Königs Ban von Bretagne und seiner Gattin Helena. Als Bans Burg belagert wird, muß er mit Frau und Kind flüchten und stirbt auf dieser Flucht. Während Helena sich ihrem sterbenden Manne zuwendet, wird das Kind, welches sie am Ufer eines Sees niedergelegt hatte, von einer Nymphe fortgetragen. Dies ist Viviane, die Geliebte Merlins, die den Knaben in einem Feenschlosse erzieht. Achtzehn .Jahre alt, bringt sie ihn an Artus' Hof, wo er zum Ritter geschlagen wird. Nun beginnt sein Verhältnis zu Guenievre (Ginevra), der zuliebe er für Artus die größten Heldentaten vollbringt. Er besiegt auch den riesenhaften König Galehaut, der in der Folge sein bester Freund wird und seine erste Zu- sammenkunft mit der Königin vermittelt (s. Dante, Inferno V, 137). Um sie aus der Gefangenschaft des tückischen Melcagent zu befreien, geht Lancelot auf Händen und Füßen über eine Brücke, die nicht breiter ist als die Schneide eines Schwertes. (Hierin will man einen um-

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gestalteten Rest des erwähnten Conte erblicken.) Um sie einzuholen, entschließt er sich nach kurzem Zögern sogar einen Wagen (charette) zu besteigen, was als nicht ritter- lich galt. In seinem exaltierten Wesen, das ihn zum Selbstmordversuch treibt, in seinen seelischen Konflikten, die stets mit dem Sieg der Minnepflicht über die ritter- liche Ehre enden, zeigt sich deutlich der Einfluß der Troubadourlyrik und ihrer dekadenten Ansichten. Chrestien sagte ja selbst, daß ihm Stoff und Behandlungsweise dieses Romans von seiner Gönnerin Marie von Champagne, einer geborenen Provenzalin, angegeben worden seien. Lancelot bewahrt seiner Geliebten nicht nur in allen Situationen bedingungslose Treue, sondern er ist ihr willenloser Sklave, ihre Launen sind ihm Gesetz, wie später jene Astrees dem Celadon. Es ist sehr bezeichnend, daß er um vieles jünger ist als Guenievre, denn Lancelot wurde erst geboren, als Artus schon vermählt war. Endlich wird das Verhältnis durch die Fee Morgain (Fata Morgatia), die Schwester Artus', entdeckt und diesem verraten. Es kommt zum Kriege zwischen Artus und Lancelot, der jedoch eine andere Wendung erhält, als sich Mordret gegen Artus empört. Dieser wird bald als ein inzestuös erzeugter Sohn des Artus und der Morgain, bald als ein Neffe des Königs bezeichnet. In der Schlacht gegen ihn verschwändet Artus, und man glaubt, daß er den Tod gefunden habe. Lancelot und Guenie\Te wären nun frei, aber, als hätte ihr Verkehr mit der Gefahr auch den Reiz verloren, ziehen sie sich voneinander zurück, sie geht ins Kloster, er wird Einsiedler.

Diese beiden Elemente, Gralroman und Lancelot, wurden nun miteinander verbunden und bildeten den sogenannten Gral-Lancelot-Zyklus. Die Einwirkung des Lancelot zeigt sich zunächst beim Merlin, der unter den drei Teilen des Prosa-Robert zuerst ein lebhafteres Interesse gefunden zu haben scheint als die beiden anderen Teile. Er wurde unter Einbeziehung des sogenannten Livre d'Artus (Hs. Bibl. Nat. 337) allmählich zu jenem

46 Der Eomau des Mittelalters.

selbständigen Romane ausgebaut, der uns in den Vulgär- ausgaben (1498 usw.) vorliegt. Merlins Geschichte, die Robert nur bis zur Thronbesteigung des Königs Artus geführt hatte, wurde nun in der Weise fortgesetzt, daß man den Zauberer zum allmächtigen Minister des Königs machte, mit dessen Hilfe dieser alle seine Feinde und auch ein katzenartiges Ungetüm in der Nähe des Genfer Sees (Lac de losem, Moni du Chat) überwindet. Endlich verschwindet Merlin, und nur seine Stimme ist noch aus einem Hagedornbusch im Walde von Broceliande zu ver- nehmen, wohin ihn seine Geliebte Viviane (Niviene) ver- setzt hat, der er unvorsichtigerweise einen Zauberspruch mitteilte (Enserrement Merlin). Nicht genug daran, wurde zur Verbindung des Vulgär- Merlin mit dem Lancelot auch noch eine besondere Fortsetzung zu Merlin (Suite de l'estoire de Merlin) geschrieben, die allerdings nur im Manuskript Huth (ehemals Ducange) erhalten ist und durch den Druck nicht verbreitet wurde. Sie ist eine Art Abenteuerroman vom jungen Artus. In dieser Suite wird auch der Conte del brait erwähnt, und der Verfasser der Suite sagt, er habe diesen Conte einem gewissen Helye de Boron zur Bearbeitung übertragen, dessen Name auch sonst in Handschriften begegnet. Helye wird u. a. auch als Verfasser des Palamedes be- zeichnet, einer Kompilation, deren I. Teil Meliadus und deren H. Teil Guiron le courtois ist. Im Prolog dieses Falamedes wird ihm ferner der Bret zugeschrieben, wo- mit dann wohl wieder dieser Conte del brait gemeint sein dürfte. Der letztere ist uns nicht erhalten, und wir können seinen Inhalt nur aus einer spanischen Nach- ahmung El baladro del sabio Merlin (gedr. 1498) erschließen. Diese gibt eine vollständige Biographie des Merlin, und unter dem Schrei (haladro) ist wieder der letzte Schrei Merlins gemeint, mit welchem er aus dem Leben schied.

Erfolgreicher war die zyklische Bildung, welche vom dritten Teil der Gralsuche ausging und hierher Lancelot-

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Elemente verpflanzte. Die alte, richtige Tradition zeigt uns der Roman Perceval le gallois (Perlesvaus), der im Auftrage eines Herrn von Cambrai für einen gewissen Jean de Nesle (wohl den Burgvogt von Brügge, 1225) verfaßt und 1530 gedruckt wurde. Er enthält eine Gralsuche mit Parcival als Held, benützt alle früheren Gralromane, Robert de Boron sowie Chrestien de Troyes und dessen Fortsetzer, den Unbekannten, und Gauchier (übereinstimmend mit dem Edinburger Manuskript) und zeichnet sich durch seine gute Darstellung aus. Diese Version genügte jedoch einer für Lancelot schwärmenden Zeit mehr. Man ersetzte nun, wie erwähnt, den nicht mehr nicht interessanten Parcival durch einen Sohn Lancelots, Galaad, den dieser mit der Tochter des Gralkönigs Pelles zeugte, aber erst als herangewachsenen Jüngling kennen lernte. Diese Galaad-Queste wurde um d. J. 1190 1200 verfaßt und war ursprünglich eine selbständige Fortsetzung des Lancelot, die später an den Grand Saint Gral angeschlossen wurde. Die Art, wie dies geschah, ist eine sehr un- geschickte. Es wird nämlich in der Queste so ziemlich dasselbe erzählt wie im Perceval, und obwohl Galaad die Stelle des letzteren vertritt, kann sich der Verfasser nicht entschließen, den ursprünglichen Helden ganz fallen zu lassen. Es entsteht dadurch ein störendes Nebeneinander von zwei Gralsuchern, bis sich der Verfasser endlich für Galaad entscheidet. Die ganze Gralsuche ist hier noch weit mystischer und weihevoller als in der Parcival-Queste. Bei Galaad scheint deutlich das Bild Christi vorzuschweben. An Artus erinnert es, wenn auch er ein Schwert aus einem Marmorblock zieht.

Nun mußte aber auch die Vorgeschichte des Gral- romans den neuen Bedürfnissen angepaßt werden, und dies geschah im sogen. Großen Gral, von dessen Verbreitung die Zahl der Handschriften Zeugnis gibt. Hucher nennt deren 26, die ältesten stammen aus dem XIH. Jahrhundert. Diese neue Histoire (livre) du Saint Gral, welche nun mit der Galaad-Queste zusammen gedruckt wurde

48 Der Rom au des Mittelalters.

(1516 usw.), imponiert mehr durch ihren Umfang als durch ihre Komposition. Sie ist nichts anderes als eine unkünstlerische Erweiterung des Prosa-Robert, die natürlich auch Robert von Boron als Verfasser nennt. Bisweilen wird sie auch dem Gautier Map (Walter Mapes) zu- geschrieben, einem Engländer, der um 1200 Erzdiakon in Oxford war, von dem man eine Novellensammlung «De oiugis cunaliumy> besitzt und dem auch verschiedene latei- nische Gedichte zugeschrieben werden. Diese Zuweisung des Gralromans ist eine völlig willkürliche. Da Robert sagte, daß die Geschichte des Grals vor ihm von keinem Sterb- lichen behandelt worden sei (par nul home qui fast mortal), führt sie der Verfasser mit Betonung des Wortes «sterblich» auf ein von Christus selbst geschriebenes Buch zurück. Er erzählt, daß ihm der Heiland in der Gründonnerstag- nacht des Jahres 717 in seiner Einsiedlerhütte in der Bretagne erschienen sei und ihm das Buch nebst Schreib- gerät übergeben habe mit dem Auftrage, es abzuschreiben, und zwar schnell, denn bis zum Himmelfahrtsfeste müßte die Kopie fertig sein. Die Erzählung verläuft bis zum Auszuge Josephs und der Seinen (3. Kap. des Gr. St. Gr.) ziemlich parallel mit Robert, vom 4. Kapitel an weicht sie bedeutsam ab. Hier übernimmt Josephs Stelle als Gralhüter dessen Sohn Josephe, der persönlich mit Gott verkehrt, alle Enthüllungen empfängt und von Christus selbst zum Bischof geweiht wdrd. Große Episoden sind eingeschaltet, so die ganz im Geschmack der Ritterromane gehaltenen Geschichten der heidnischen Könige Evalach und Seraphe, die in der Taufe die Namen Mordrain und Nascien erhalten. In Josephe ist der Übergang vom Fischerkönig zum Sünderkönig deutlich zu sehen. Er wird wegen Lässigkeit im Bekehrungswerk von einem Engel mit einer Lanze verwundet, die Spitze der letzteren bleibt in seinem Schenkel stecken, er hinkt fortan und wird erst geheilt, als ihn der Engel mit dem Schaft der Lanze berührt und mit diesem die Spitze extrahiert (antikes Motiv; die Axt des Achilles heilt die Wunden,

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welche sie schlug). Dann häufen sich die mystischen und symbolischen Abenteuer, Alain gründet die Gralburg, in der ihm mehrere, meist auch am Schenkel verletzte Hüter folgen. Als Vollender der Gralabenteuer wird nicht Parcival, sondern Galaad, der Sohn Lancelots aus dem Hause des Nascien, in Aussicht genommen, woraus sich die Benutzung der Quesfe deutlich genug ergibt. Eine kuriose Einzelheit sei erwähnt: Als Mordrain den Josephe um ein Andenken bittet, läßt sich dieser den Schild Mordrains bringen und seiner Nase einen Blutstrahl ent- strömen, der auf dem Schilde ein rotes Kreuz zeichnet. Galaad soll einst diesen Schild tragen. Literarisch betrachtet, ist der Große Gral eine sehr minderwertige Arbeit, ein richtiger geistlicher Abenteuerroman, der die Vorgänge in stilloser Weise aneinanderreiht und bei jeder Gelegenheit seinen wüsten theologischen Kram und mystisch-allegorischen Schwulst ausbreitet. Geradezu störend sind die zahlreichen Wiederholungen derselben Motive, wie des Erblindens wegen zu nahen Herantreten s an den Gral, wie auch des Steckenbleibens von Lanzen- und Schwertspitzen.

Zu diesen vier Teilen (Histoire du St. Gral, Merlin, Lancelot, Queste), die durch den Druck große Verbreitung erlangten, kommt nun in den Handschriften seit Ende des XIII. Jahrhunderts noch als fünfter und Abschluß die Geschichte von Artus' Tod (Mort d' Artus), welche aber in der Originalfassung bis in die jüngste Zeit un- gedruckt blieb. Dies nimmt nicht wunder, da sie inhaltlich zum großen Teil die Vorgänge des Lancelot wiederholt. Sie behandelt die Fortsetzung der Kämpfe zwischen Artus und Lancelot und zwischen Artus und Mordret, der hier sein Neffe ist, den Tod Lancelots und der Königin im Kloster, sowie jenen sämtlicher Artusritter, Artus und Mordret verwunden einander gegenseitig tötlich, und der König wird von seiner Schwester Morgain nach Avalun entrückt.

So war ein großer Zyklus entstanden, dem man die

V. Wurzbach, Geschichte des franz. Romans. I. 4

50 Der Roman des Mittelaltere.

recht willkürliche Zusammensetzung allerdings stark an- merkte und der seine schrittweise Entstehung unleugbar verriet, der aber dem nach immer neuen Abenteuern und neuem Zauberspuk lüsternen Geschmack jener Zeit ent- sjDrach, Heute ist es etwas schwer, ja fast unmöglich, sich in diesem Dickicht von Romanen zurechtzufinden. Sie bilden wohl eines der verworrensten Kapitel der älteren französischen Literaturgeschichte. «Die ganze Gral- dichtung macht den Eindruck eines infolge andauernder Nachfrage auch von unberufenen Händen in Behandlung genommenen Literaturzweigs, dessen einzelne Triebe von sehr ungleichem Werte sind und dessen äußerer Charakter- zug maßlose Überhäufung ist» (Gröber, 1. c. S. 503).

In den großen Stoffkreis der Artus- und Gralromane wurde schließlich auch die Tristan-Dichtung einbezogen, die ursprünglich mit demselben ebensowenig zu tun hatte wie die Parcivalsage und einen ansehnlichen Komplex für sich bildete, ehe ein Dichter auf den Gedanken kam, diesen Helden den Artusrittern zuzugesellen. Man mochte darin das einzige Mittel erblicken, um Tristans Popularität neben jener des Lancelot zu behaupten, dessen ehebreche- rischen Beziehungen zu Guinevre mit jenen Tristans zu Isolde in eine erfolgreiche Konkurrenz traten. Wie Artus, so sind auch Tristan und König Marke historische Figuren. Ein König Marke herrschte im VI. Jahrhundert in Corn- wall über vier Völker. Tristan ist verbildet aus Drostan, welchen Namen verschiedene Könige der Pikten (Schotten) im "\T!I IX. .Jahrhundert führten. Speziell hieß so ein heldenhafter Fürst, der als Sohn des Talorc, später als der des Riwalin, eines Königs von Lonnois (Lothian) im nordöstlichen Schottland bezeichnet wird ; daher Drostan von Lonnois, woraus die Franzosen Tristan von Leonois machten. Wie sie bei Leonois (Löwenland) an leon (Hon) dachten, so schwebte ihnen bei Tristan der Etymon triste (traurig) vor, was damit erklärt wurde, daß seine Mutter bei der Geburt starb. Die Sage brachte nun die durch Zeit und örtliche Entfernung getrennten Gestalten des

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Marke und Tristan miteinander in Verbindung. Den Kern bildet das sogenannte Morolt- Abenteuer, Tristan befreit Cornwall von dem schimpflichen Tribut, welchen ein Riese dem Land auferlegt hat. Er tötet Morolt im Zweikampfe, wird aber selbst verwundet. Die Sage wurde nun in der Weise weitergebildet, daß man Tristan von einer Fee heilen ließ, in welcher Isoldens Vorbild zu erblicken ist. Aber noch fehlen verschiedene charakteristische Einzelheiten. Die Werbung Tristans um Isolde für den König Marke scheint aus dem im Folklore weitverbreiteten Märchen von der goldhaarigen Jungfrau zu stammen. Dieses erzählte von einem alten König, der von seinen Vasallen gedrängt wird zu heiraten, um dem Reiche einen Thron- erben zu geben. Er aber will davon nichts wissen. Als er einst auf dem Söller seiner Burg sitzt, kommt eine Schwalbe geflogen und läßt ein goldenes Frauenhaar vor ihm auf den Boden fallen. Er hebt es auf und schwört, nur diejenige zu heiraten, welcher das Haar gehöre. Ein Held zieht aus, sie zu suchen und findet sie. Diese Vor- gänge wurden auf die genannten Personen übertragen, Marke erhält die Rolle des alten Königs, Tristan die des jungen Helden, Isolde wird die blondhaarige Jungfrau. Dazu kommen noch Elemente aus dem klassischen Alter- tum und aus der Schwankliteratur des Mittelalters. Von Liebestränken spricht schon Ovid, und das abergläubische Mittelalter maß ihnen große Bedeutung bei. Aus der Mythe von Paris und Oenone stammt die Schlußwendung, wie Tristan, der eine andere Isolde (Weißhand) geheiratet hat, tödlich verwundet um die blonde Isolde sendet, daß sie komme, um ihn zu heilen. Die Geschichte von den beiden Segeln ist der Tbeseus-Sage entnommen. Wie Aegeus mit seinem Sohne, so trifft Tristan mit dem Boten die Verabredung, im Falle daß Isolde seinem Rufe folge, ein weißes, sonst ein schwarzes Segel aufzuziehen.

Verschiedene novellistische Züge aus der Schwank- literatur des Mittelalters überwucherten endlich den Kern der Sage so, daß ein richtiger mittelalterlicher Roman

4*

■52 Der Eoman des Mittelalters.

daraus wurde, in dem von der ursprünglichen Heldensage nichts mehr zu erkennen war. Diese Motive beziehen «ich besonders auf die heimlichen Zusammenkünfte der Liebenden. Tristan und Isolde treffen sich in König Markes Garten unter einer Fichte. Der König, dem dies hinterbracht wird, verbirgt sich in den Zweigen des Baumes und belauscht sie. Jene nehmen es aber recht- zeitig wahr und fingierten ein harmloses Gespräch. Marke begeht die Unvorsichtigkeit^ Tristan in demselben Zimmer schlafen zu lassen, in welchem er mit seiner Gattin schläft. Der Zwerg des Königs bestreut den Fußboden mit Mehl, so daß jeder Tritt zu sehen ist. Tristan bemerkt die List und springt mit einem Satz in Isoldens Bett hinüber. Dabei bricht jedoch eine Wunde auf, die er kurz vorher erhalten, und die Blutflecken verraten ihn. Marke bringt in seiner Burg einen Sensenblock an, an welchem Tristan sich verwundet, ^venn er des Nachts zu Isolde schleicht. Um die Entdeckung zu vereiteln, verletzen sich alle seine Freunde in gleicher Weise (vgl. Boccaccio, Decameron III, 2). Marke verlangt von Isolde die eid- liche Versicherung, daß sie ihm nie die eheliche Treue gebrochen habe. Bei einer Furt am Wege zum Gerichts- platz erscheint Tristan als Bettler verkleidet. Isolde jagt ihr Pferd durch den Bach und befiehlt dem Bettler, sie hinüberzutragen. Dann schwört sie, daß kein anderer als Marke und dieser Bettler sie berührt habe (Fall einer Mentalreservation).

Alle Züge waren zuerst in dem verlorenen Urtristan vereinigt, in dem man aller Wahrscheinlichkeit nach ein französisches (nicht kymrisches oder englisches) Gedicht zu vermuten hat. Dasselbe scheint sehr populär gewesen zu sein. Tristan und Isolde werden seit der Mitte des XII. Jahrhunderts (vor 1154) als berühmtes Liebespaar erwähnt. Auf dem Urtristan beruhen die Gedichte des Thomas und des Berol sowie mittelbar auch der Prosa- roman. Das anglonorraannische Gedicht des Thomas (verfaßt 1150 70) zeichnet sich durch seine feine höfische

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Auffassung aus. Es ist nur fragmentarisch erhalten, sein ganzer Inhalt kann jedoch aus der Bearbeitung Gottfrieds von Straßburg (ca. 1210), der norwegischen Tristramsaga (in Prosa, 1226) und dem englischen Gedicht von Sir Tristrem (ca. 1300) erschlossen werden. Auch von dem Gedicht des Normannen Berol (verfaßt 1191 1200) besitzen wir nur ein Bruchstück, das viel derbere und rohere Ansichten verrät als das des Thomas. An Berol schließt sich der mittelhochdeutsche Tristrant von Eilhart von Oberge (Fragment), auf dem wieder die tschechische Version des XIV. Jahrhunderts und der deutsche Prosaroman von 1484 beruhen.

Der französische Prosaroman wurde zwischen 1215 und 1230 verfaßt. Die Handschriften, welche zwei Fassungen unterscheiden lassen, bezeichnen in der Regel einen Luce du Gast als Verfasser, der auch als Über- setzer eines Gralbuchs aus dem Lateinischen genannt wird. Die erste Ausgabe erschien zu Ronen 1489. Tristan ist der Sohn des Meliadus und der Isabelle, einer Schwester des Königs Marc von Cornwall. Den Meliadus entführt eine Fee kurz vor der Geburt des Sohnes (vgl. Lancelot), und die Mutter gibt in ihrer traurigen Situation dem Schmerzens- kinde den Namen Tristan. Der junge Held erlangt am Hofe Markes zu Tintagel seine ritterliche Ausbildung. Als Morolt, der Bruder der Königin von Irland, nach Cornwall kommt, um von Marke Tribut zu verlangen, besiegt ihn Tristan im Zweikampf, trägt jedoch von der vergifteten Lanze des Gegners eine Wunde davon. Er läßt sich ohne Segel und Steuer ins Meer hinaustreiben, um anderwärts Heilung zu suchen, und wird an die irländische Küste verschlagen. Die schöne Isolde, die Tochter des Königs, die ihn die Harfe spielen hörte, heilt ihn, da man jedoch entdeckt, daß er der Besieger Morolts sei, muß Tristan fliehen. Später kommt er wieder nach Irland, um für Marke um Isolde anzuhalten. Deren Mutter gibt der Brangäne, der Erzieherin Isoldens, einen Zaubertrank mit, welchen die Neuvermählten am Hochzeits-

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abend trinken sollen, damit ihre Liebe beständig bleibe. Durch Zufall leeren ihn Tristan und Isolde auf der Über- fahrt und entbrennen in heißester Liebe zueinander. Da- mit der König nicht bemerke, daß seine Braut nicht unberührt sei, nimmt Brangäne den Platz der Isolde in der Brautnacht ein, räumt ihr denselben aber kurz vor Anbruch des Tages. Später fürchtet Isolde, daß Brangäne sie verraten könne, und übergibt sie zwei Bösewichtern mit dem Auftrage, sie im Walde zu töten. Diese verschonen sie aber, und Isolde freut sich bald, sie wieder um sich zu haben. Ein großer Teil des Romans ist mit der Erzählung der Listen ausgefüllt, welche Tristan und Isolde anwenden, um zusammenzukommen, und von denen die interessantesten bereits oben erwähnt wurden. Da indes die Wirkung des Zaubertrankes allmählich nachläßt, begibt sich Tristan nach der Bretagne und heiratet dort die Isolde Weißhand (Iseut aux hlanclies mains), läßt sie aber unberührt. Schließlich wird er bei einem Liebesabenteuer seines Schwagers Ruvalen durch die vergiftete Lanze eines be- leidigten Gatten tödlich verwundet und sendet einen Boten nach der blonden Isolde, damit sie komme, ihn zu heilen. Er trifft mit ihm die Verabredung bezüglich der Segel. Er selbst ist zu krank, um durchs Fenster zu sehen, und da ihm seine Gattin sagt, das Segel sei schwarz, stirbt er vor Gram. Die blonde Isolde, die kurze Zeit darauf ein- trifft, sinkt entseelt an seiner Leiche nieder. Tristan verfügt, daß sein Leib nach Cornwall gebracht werde. Er bittet Marke in einem Briefe um Verzeihung und ent- hüllt ihm das Geheimnis des Liebestrankes. Tristan und Isolde werden nebeneinander beigesetzt. Die Pflanzen, welche aus ihren Gräbern emporwachsen, verschlingen sich, obwohl sie auf Markes Befehl dreimal abgehauen werden, stets von neuem, wodurch angedeutet werden soll, daß wahre Liebe über das Grab hinaus dauert.

Dies ist in großen Umrissen dJe Geschichte der be- rühmten Liebenden, die der Prosaroman nach einem Gedichte erzählt, welches im wesentlichen aus dem LTrtristan stammte.

Matiere de Bretagne. 55

Leider hat der Verfasser sich jedoch nicht auf die Wieder- gabe des Liebesromans beschränkt, sondern denselben mit Elementen der Artus- und Gralsage versetzt, welche die Einheitlichkeit schädigen und nur störend wirken. Er macht Tristan zum Artusritter, läßt ihn wiederholt an Artus' Hofe weilen, die verschiedensten Abenteuer bestehen und an der Gralsuche teilnehmen. Alle aus den früheren Romanen bekannten Gralritter und noch einige andere treten auf, erscheinen jedoch in ihrer Bedeutung herab- gedrückt, um den neuen Helden, Tristan, zu heben. Von älteren Romanen sind Lancelot, Qiieste, 2ferlin, Mort d' Artus, Palamedes u. a. benützt; außerdem das Gedicht von der Folie Tristan (Ende des XII. Jahrhs.), Chrestiensl wm« u. a. m. Aus der Folie stammt die Szene, wie der Hund Houdenc seinen Herrn Tristan erkennt ; aus dem Yvain, wie Tristan aus Liebe wahnsinnig im Walde von Morrois umherirrt. Die er- wähnten Änderungen machen sich besonders im zweiten Teil geltend, aber stellenweise auch schon früher, wie bei der lang ausgesponnenen Geschichte von Tristans Geburt und Herkunft, wobei die Ödipussage mit eingewirkt hat. Die Rivalität Markes und Tristans in der Liebe zu der Frau des Segurades empfindet man heute als völlig überflüssige Episode. Die oben gegebene Darstellung von dem Tode der Liebenden findet sich in allen gedruckten Versionen des Prosaromans, aber nur in einem einzigen der zahl- reichen Manuskripte (Bibl. nat. 103). Sie stimmt mit Thomas und Eilbart überein. In den anderen Hand- schriften wird Tristan durch die vergiftete Lanze des Königs Marke verwundet, der ihn in Isoldens Gemach angetrofiFen hat. Er flüchtet mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte zu Dinas und erdrückt Isolde, die mit ihm sterben will, in seinen Armen.

In Bezug auf Geschmacklosigkeit und literarische Untüchtigkeit gibt der Verfasser anderen Prosaredaktoren nichts nach. Er vertauscht gerne die herkömmliche Reihenfolge der Abenteuer, aber ohne das geringste Ver- ständnis und nur zum Nachteile des Eindrucks. Ob-

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wohl der Prosatristan somit anderen Bearbeitungen des Stofifes sehr nachsteht, entbehrt auch er nicht der Schön- heit. In manchen Stellen (Tristans Verwundung, Wald- leben, Tristans Tod) liegt eine tiefe Poesie, zu welcher die umgebende Szenerie, das Meer, nicht wenig bei- trägt. «In diesem Drama, das so stürmisch ist, so tief und so wechselvoll wie das Meer, ist das Meer stets sichtbar oder in Tätigkeit. Es spielt fast die Rolle eines Mitbeteiligten» (G. Paris). Die ehebrecherische Liebe, die dem Stoff einen modernen Charakter zu geben scheint, und in der ein großer Teil seiner Attraktion auf neuere Dichter liegt, hat bei näherer Betrachtung in ihrer Auf- fassung etwas sehr Mittelalterliches. Die Liebe Tristans und Isoldes ist in der Prosa wie in den Versromanen keine frei gewollte, sondern eine Schicksalsfügung, die Folge des Zaubertrankes. Auch sucht man vergeblich nach einem seelischen Konflikt. Isolde scheint sich ihrer Schuld kaum bewußt zu sein, sie lebt zu gleicher Zeit mit ihrem Gatten und mit ihrem Geliebten, weshalb sie das ganze Mittealter hindurch als Typus der Falsch- heit galt. Tristan liebt sie mit aller Glut seiner Leiden- schaft, aber es fällt ihm nicht ein, sie auf der Brautfahrt zu entführen, er bringt sie dem König als sein treuer Vasall, Nur ein einzigesmal entfernen sie sich auf kurze Zeit (Ej^isode des sogenannten Waldlebens), ohne daß dies aber für die weitere Entwickelung ihres Schicksals von Bedeutung würde.

Von der Beliebtheit des Prosatristan gibt die Zahl der Handschriften (die Bibliotheque nationale besitzt deren 24, davon 7 aus dem Ende des XIII. Jahrhunderts), Drucke und Nachahmungen Zeugnis, sowie der Umstand, daß Brunetto Latini im Jahre 1260 für seinen Tresor daraus eine Beschreibung der Isolde als Musterbeispiel entlehnte. Eine Neubearbeitung im Geschmack der Renais- sance ist der Nouveau Tristan von Jean Maugin (dit le petit Angevin), Paris 1554 u. ö. Maugin, dessen Lebensdaten unbekannt sind und von dem man nur

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weiß, daß er aus Angers stammte, scheint den Tristan- roman in dem Druck von Lenoir 1520 benützt zu haben.

Der Erfolg war auch beim Tristanroman die Ursache zu zyklischer Weiterbildung. Man dichtete dem Vater Tristans, Meliadus, einen Roman an und erfand zu dem- selben Zwecke auch einen Sohn des berühmten Paares (Ysaie le triste). Der Verfasser des Livre du Roi Me- liadus de Leonnoys, ist derselbe Maistre Rusticien de Pisa, dem man auch die französische Fassung von Marco Polos Reisebericht dankt. Er ist der einzige un- verdächtige Autorname, dem wir in dieser Literatur be- gegnen. Der Meliadus ist zwischen 1271 und 1298 ge- schrieben, in welcher Zeit Rusticien in Frankreich weilte und dort Sprache und Stoff des Tristanromans kennen lernte. Sein Werk, welches 1528 gedruckt wurde, ist ziemlich verworren, und Meliadus selbst spielt darin neben anderen Artusrittern, wie Tristan, Lancelot, Parcival, nur eine verhältnismäßig geringe Rolle. Ysaie le triste entstand um die Mitte des XIV. Jahrhunderts. Der Xame des Helden ist aus jenen seiner Eltern zusammengesetzt. Seine Geliebte ist Marthe, die Nichte des Königs Irion von England. Das Werk steht sehr unter dem Einfluß der Oberon-Dichtung, wie sich in Ysaies Begleiter und Helfer, dem Zwerg Tronc, zeigt, der sich später als Oberon, der Sohn Julius Cäsars und der Fee Morgana, entpuppt. Auch die Feen greifen stark in die Handlung ein. Neben den Abenteuern Ysaies werden auch jene seines Sohnes Marc des -Jüngeren erzählt.

In den Handschriften gewöhnlich mit Meliadus ver- einigt, ist Guiron le courtois (Wielands «Geron der Adlige»). Auch er ist jünger als Meliadus, auf den hier oft hingewiesen wird. Sein Verfasser ist nach der gewöhn- lichen Angabe auch Rusticien de Pisa, nach anderer der oben erwähnte Helye de Boron (s. S. 46). Der älteste Druck erschien zu Paris 1494. Das Hauptinteresse be- anspruchen darin die Beziehungen des Helden zu der Dame von Maloanc, der Frau seines besten Freundes Danavn des

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Roten, die ihn zu verführen sucht. Er bewahrt ihm die Treue, wenn auch unter heftigen inneren Kämpfen, die ihn gleich Lancelot zu einem Selbstmordversuch veranlassen. In der Folge verlieben sich beide in das schöne Edelfräuleiu Bloye, wobei Danayn dem Freunde seine edle Gesinnung schlecht vergilt. Es kommt zum Kampfe zwischen beiden, Guiron bleibt Sieger, schont aber den Danayn, zieht mit Bloye fort und gerät mit ihr in Gefangenschaft. Ein richtiger Schluß fehlt dem schlecht komponierten Roman, der bezüglich des Ausgangs auf den Meliadus verweist.

Eine merkwürdige Verbindung der Artussage mit der Alexandersage ist der umfangreiche Prosaroman von Perceforest, der zwischen 1337 90 von einem un- gelehrten Autor verfaßt, am burgundischen Hofe viel gelesen, nach der Redaktion von David Aubert (1459 61) im Jahre 1528 gedruckt wurde und noch 40 Jahre später eine Lieblingslektüre Karls IX. bildete. Der Name des Helden ist nach der Analogie von Perceval gebildet. Der Verfasser gibt zunächst einen Abriß der englischen Ge- schichte nach Galfrid von Monmouth, von Brut bis Artus, und gedenkt dabei auch der Geschichte des Königs Leyr (Lear), die aber hier wie bei Galfrid nicht tragisch aus- geht. Cordelia besiegt ihre Schwestern und setzt ihren Vater wieder in seine Herrschaft ein. Nachdem das Geschlecht des Brut ausgestorben ist, rät Venus den Briten, am Meeresufer so lange zu warten, bis sich ihnen ein neuer König zeige. Zur Überraschung nicht nur der Briten, sondern auch des Lesers kommt Alexander der Große, der ihnen zwei Könige gibt, Betis für England und Gadifer für Schottland. Beide sind Söhne eines von Alexander überwundenen indischen Königs. Da Betis einen großen Zauberwald durchzieht und aus dem Holz desselben einen Palast baut, erhält er den Namen Perce- forest. Der Wald aber ist jener von Darnant (Broceliande), in welchen Merlin von seiner Geliebten Viviane versetzt wurde, nachdem er ihr unvorsichtigerweise einen Zauber-

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Spruch mitgeteilt hatte. Der Roman erzählt dann die Erlebnisse der beiden Könige und ihrer Nachfolger. Unter anderem erscheint darin auch, und zwar doppelt, in Prosa (L. V. cap. 42) und in Versen (L. IV". cap, 16 ff.) die Ge- schichte von der Rose, welche ein Mann mit sich trägt und die welkt, wenn seine daheim zurückgebliebene Frau ihm untreu wird ein orientalisches Motiv, das in ver- schiedenen Varianten (Bild, Kleidungsstück, das die Farbe wechselt, Spiegel, der sich trübt) in den morgenländischen und abendländischen Literaturen wiederkehrt (vgl. Tuti Nameh, Gesta Romanorum X. 67, Bandello I, 21, Massinger, Tlie pidure, Musset, Barberine, usw.).

Artus de Bretagne zeigt, wie ein Ritterroman zu aktuellen politischen Zwecken benutzt werden kann. Er wurde unter Karl VIII. zwischen 1491 und 1493 verfaßt und in dem letztgenannten Jahre gedruckt. Der Held ist ein Sohn des Herzogs Johann von Bretagne, ein Ab- kömmling Lancelots, auf welchen hingewiesen wird. Er verliebt sich in ein ihm unebenbürtiges Mädchen .Jeannette, während seine Eltern für ihn um Peronne, die Tochter des Herzogs von Österreich, anhalten, deren Ruf nicht makellos ist. Die Heirat findet endlich statt. Lucca, die Mutter der Braut, fürchtet, daß Artus in der Braut- nacht bemerken könne, daß Peronne nicht mehr Jungfrau sei, und veranlaßt daher Jeannette, deren Stelle einzu- nehmen. Diese läßt sich von Artus in der Nacht einen Ring und die Morgengabe geben und bringt den ganzen Sach- verhalt ans Licht. Peronne wird mit Schimpf und Schande fortgejagt und stirbt aus Gram. In der Folge gewinnt Artus die dem Kaiser von Indien zugesagte Prinzessin Florence, die Tochter des Königs Emendus von Sorolois, allerdings erst nach vielen Abenteuern und nachdem es ihm allein gelungen ist, einer Statue, die den Hut in der Hand hält, denselben aufzusetzen. Bei all dem hilft ihm ein Zauberer, Meister Stefan, eine Kopie des Maugis, welche die Ab- hängigkeit des Romans von dem Stoffkreis der vier Haimonskinder ebenso zeigt wie die List der Lucca den

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Einfluß des Tristan. Interessant wird der Roman durch den politischen Hintergrund. 1489 beschloß der fran- zösische Staatsrat, die Prinzessin Margarethe von Öster- reich, mit welcher Karl VIII. seit langer Zeit verlobt war, zurückzusenden und an ihrer Statt um Anne de Bretagne anzuhalten, mit w^elcher sich der König 1491 vermählte. Der Roman war als Huldigung für diese gedacht und er- langte große Beliebtheit (vgl. Jehan de Paris, unten Kap. VI).

Unter den anderen Romanen, welche noch zu er- wähnen wären, gedenken wir des Chevalier du Papegau (Conte du Papegaidx) aus dem XIII. oder XIV. Jahr- hundert, dem aber erst vor kurzem die Ehre des Druckes zuteil wurde. Er setzt einen verlorenen Versroman voraus und berührt sich inhaltlich mit Wirnt von Grafenbergs Gedicht von Wigalois, dem Ritter vom Rade (ca. 1204), dessen französische Vorlage verloren ist. Schließlich wurden auch mehrere Gedichte Chrestiens im XV. Jahr- hundert in Prosa aufgelöst. Der Cliges 1554 in Flandern für Philipp den Guten, der Erec um dieselbe Zeit ; gedruckt wurde nur die bereits oben erwähnte Prosaversion des Parcival, welche neben Chrestien auch andere Dichter zu Rate zieht.

Es würde zu weit führen, wollten wir darauf ein- gehen, welchen Einfluß die Prosaromane der Matiere de Bretagne auf das Schrifttum anderer Völker ausübten, und wir müssen uns darauf beschränken, hier die Daten der wichtigsten gedruckten Übersetzungen namhaft zu machen. Die Schicksale der einzelnen Stoöe weiter zu verfolgen würde den Rahmen dieser knappen Darstellung allzuweit überschreiten. Italien erhielt 1480 seinen in der Folge oft gedruckten Merlin, dem 1555 ein Tristan nach spanischem Muster, mit Einbeziehung von Ysaie le triste, folgte. 1558/9 wurden Lancelot, Meliaäus und Perceforest ins Italienische übersetzt. Den Guiron brachte Alamanni 1548 in Verse. In Spanien beginnt die Nachahmung 1498 mit dem Baladro del sabio Merlin, 1501 (1528) erscheint Tristan, 1526 Perceval le gallois, 1535

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eine Galaad-Queste, die auch in portugiesischer Version vorliegt (Handschrift des XV. Jahrhs.). England besitzt außer einer Bearbeitung des Artus de Bretagne von Lord Berners (gedruckt Ende des XV. Jahrhs.) die bedeutendste und umfangreichste Übertragung von fran- zösischen Artusromanen in der berühmten Morte Darture von Thomas Malory (verf. ca. 1470, zuerst gedruckt von Caxton 1485), einer großen Prosakompilation, deren Titel trügerisch ist, da sie ihrem Inhalt nach die ganzen Artuslegenden mit Einschluß von Tristan umfaßt. Aus ihr schöpfte das spätere England bis auf Milton, Walter Scott und Tennyson herab seine Kenntnis aller Gegen- stände der Artusepik.

Literatur. Über die Prosaromane der Matiere de Bre- tagne und speziell die Handschriften, in welchen dieselben er- halten sind, vgl. man: Gröber, 1. c. S. 724—726, 996—1010 und 1195. Dunlop-Liebrecht, 1. c. S. 50 114. Grässe, J. c. S. 95—261. Doutrepont, 1. c. passim. Paulin Paris, Les romans de la table ronde mis en nouveau langage. 5 Bde., Paria 1868 77. A. Birch-Hirschfeld, Die Sage vom Gral. Ihre Entwicklung und dichterische Ausbreitung in Frank- reich und Deutschland im 12. und 13. Jahrhundert, Leipzii? 1877.

Alfred ^'utt, Studies on the legend of the Holij Grail, London 1888 ff. Richard Heinzel, Die französischen Gralromane (Denk- schriften der Wiener Akademie der Wissenschaften, phiios.-histor. Klasse 40. Bd. 1892). Ed. Wechßler, Über die verschiedenoi Redaktionen des Robert von Boron zugeschriebenen Gral-Lcmcelot- 2yklus, Halle 1895. Derselbe, Die Sage vom heiligen Gral in ihrer Etitwicklung bis cmf Richard Wagners Parslfal, Halle 1898.

Derselbe, TJntersucliungen zu den Gralromanen (Zeitschrift für roman. Philologie XXIH [1899], S. 135 ff.). - Walther Hoff - mann, Die Quellen des Didot-Perceval, Diss., Halle 1905. H. O. Sommer, Mess-ire Robert de Borron und de)- Ve> fasser des Didot-Perceval, Halle 1908 (Beiheft 17 zur Zeitschrift f. roman. Philologie). E. Brugger, L'Enserrement Merlin (Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur, XXIX.— XXXV. Bd., 1904-1910).

Jessie L. Weston, TJie legend of Sir Lancelot du Lac, London 1901 (Grimm Library, Bd. XII). Dieselbe, The legend of Sir Perceval, 2 Bde., ebda., 1906—1909 (Grimm Library, Bd. XVII und XIX).

Prosa-Robert. I. Joseph d'Arimathie. Herausgg. von E. Hucher, Le Saint-Graal ou le Joseph d'Arimathie, 3 Bde. Le

62 Der Roman des Mittelalters.

Mans 1875 ff. (nach der Handschrift Bibl. Nat. 748) und von G. Weidner, Dei- Prosaroman von Joseph von Arimathia, Oppeln 1S81 (nach der Handschrift Modena 39). H. Merlin. Herauegg. von Gaston Paris und Jacob Ulrich, Merlin, Roman en 2)rose du XIII. siede, imhlie avec la mise en pi-ose du poeme de Merlin de Rohert de Boron, 2 Bde., Paris 1886 (Societe des an- ciens textes franqais) (nach den Handschriften Bibl. ]S'at. 747 und Huth; mit ausführlicher Einleitung), und von H. ü. Sommer, Le Roman de Merlin or fhe early historij of King Arthur, London 1894 (nach der Handschrift des British Museum 10292 [ca. 1316]; Privatdruck in 250 Exemplaren). HI. Parcival. Herausgg. von Hucher, 1. c. und von J. L. Weston, The legend of Sir Perceval II, S. 9 112 (nach der Handschrift Modena 39). Vgl. E. Freymond, Eine bisher nicht benutzte Handschrift (Florenz, Bibl. Rice. 2759), der Prosaromane Joseph von Arimathia und Merlin (Bausteine zur roman. Philologie, Festgabe für Mussafia, Halle 1905, S. 609 ff).

Jfeudruck der Vulgata. TheArthurian Romances. The vulgate version, in old French. Edited from manuscripts in the British Museum by H. O. Sommer. Bd. I IV enthalten: Les- toire del Saint Graal, Lestoire de Merlin, Le licre de Lancelot del Lac, P. I., Washington 1908 10 (with facs.).

Lancelot. Le premier volume de Lancelot du Lac nou- uelleinent imprime a Paris (Cy fine le derrenier volume de la table ronde faisant metion des fais d- proesses de mo seigür lancelot du lue), Paris, Antoine Verard 1494, 3 Bde. fol. Spätere Aus- gaben: Paris, Jehan Petit und Mich. Lenoir 1513, 3 Bde. fol.; Paris, Jehan Petit und Phil. Lenoir, 1533, 3 Bd. fol.; Paris, Phil. Lenoir s. a. Auszug: Lyon, ßenoist Rigaud 1591, 8°. Teihveise neu herausgegeben (nach der Pariser Hs. Colbert 2487) von Dr.W.J.A. Jonckbloet, LeRoman de la Charrette par Gauthier Map et Chrestien de Troies, La Haye 1850, S. 1 ff. (auch in: Roman van Lancelot [XHI. eeuw] naar het eenig bekende handschrift der Koniukl. Bibl. uitgeg. door . . . Dr. W. J. A. Jonckbloet, 2 Bde., Haag 1846 49). Der altfranzösische Prosaroman von Lancelot del Lac. Versuch einer kritischen Ausgabe nach allen bekannten Handschriften. I. Branche : La reine as granz dolors, herausgg. von Gerhard Bräuner; IL Branche: Les enfances Lan- celot (1. Teil), herausgeg. von Hans Becker, Marburg 1911, resp. 1912 (Marburger Beiträge zur romanischen Philologie, Bd. 2 u. 6). Italienische Übersetzung: L' illustre et famosa historia di Lancilofto dal Lago, che fu al tempjo del Re Artii, nella quäle si fa menzione de i gran fatti . . ., Vinezia 1558/59, 3 Bde. 8°; ^Neudruck 1S62. Auf dem französischen Prosaroman beruhen lerner: Das mittelniederländische Gedicht aus dem

Mati^re de Bretagne. 63

Xni. Jahrhundert, abgedr. bei Dr. W. J. A. Jonckbloet, Roman van Lancelot, Haag 1846—49, Bd. II. Die Oberdeutsche Prosabearbeitung (2 Hss. Heidelberg), teilweise gedr. in Germania XXni, S. 441 ff. Die Niederdeutsche Prosabearbeitung (Fragment), abgedr. in den Sitzungsberichten der Münchener Aka- demie 1869, S. 313 ff. (Vgl. dazu ebda. 1870, H. 39.) Der Schottische Versroman, verf. 1490 1500 (Fragment), her- ausgg. von W. Skeat, Lancelot of the iMik, a scot. metric rom., London 1869; neu herausgg. von J. Stevenson für den Mait- land Club. Der Lancilet des Ulrich Fuetrer aus Landshut in seinem großen zyklischen Gedicht über die Ritter der Tafel- runde (ca. 1480; vgl. Goedecke, Grundriß I, S. 33-5). Das Lanzelet-Gedicht des Ulrich von Zazikhofen, verfaßt 1195 nach welscher Quelle, die er von Hugo von Morville erhielt, beruht auf einem verlorenen französischen Gedieht. An den Lanzelot des Arnaut Daniel, welchen man früher als Ulrichs Vorlage ansah (vgl. Dante, Pnrg. XXVI, 118), glaubt heute nie- mand mehr. Vgl. Paul Maertens, Zur Lanzelotsage, eine literarhistorische Untersuchung (Böhmers Eomanische Studien V, S. 557 ff.). Gaston Paris, Etucles sur les Romans de la Table ronde: Lancelot du Lac (Romania XII, 1883, S. 459 ff., speziell 485 ff.). E. Freymond in: Abhandlungen, Herrn Prof. Tobler . . dargebracht . ., Halle 1895, S. 308 ff. (über Berner Hss.). Gröber, 1. c, S. 1002 ff.

Merlin. Cy finissent les prophecies merlin, Paris, Antoine Verard 1498, 3 Bde. fol. Spätere Ausgaben: Paris, Michel Lenoir 1505, 3 Bde. 4"; Paris, Veuve Jehan Trepperei et Jehan Jeannot, s. a., 3 Bde 4°; Paris, Phil. Lenoir 1526, 3 Bde. 4°; ibid., 1528; Ronen, Jehan Mace, Michel Angier u. Richard Mace, 8. a., 4". Modernisierung: Le roman de Merlin l'enchanteur, remis en hon fran^ais par M. S. Boulard, Paris 1777, 3 Bde. 12*'. Italienische Übersetzung: Licomincia il pi-imo lihro de la historia di Merlino divisa in VI libri, Venezia 1480 fol.; Firenze 1585, 4°; dann unter dem Titel: Lcc vita di Merlino, Firenzel495; Venezia 1507; 1516; 1529; 1539; 1554. Neudruck der letzteren : I due primi libri della isforia di Merlino, ristampati secondo la rarissima edizione del 1480 per ctira di Giacomo Ulrich, Bologna 1884 (Scelta di curiositä lett. in^d. o rare, Disp. CGI). Mittelniederländische Übersetzung: Jacob van Maerlants Merlijn, naar het eenig behende Steinforter handschrift uitgegeven door J. van V loten, Leiden 1882 (in Versen, umfaßt Merlin und Livre d'Artus, beendet 1326, Verfasser ist Lote wijck vanVelthem). Mittelenglische Übersetzung: Merlin or the early history of hing Arthur, a prose romance (about 1450 60 a. D.) edited from the unique ms. in the University Library, Cum-

64 Der Roman des Mittelaltere.

bridge. With an introdaction by D. W. Nash, I— III, London 1865—69 (Early English Text Society). Vgl. Gaston Paris und J. Ulrich, 1. c.

Lirre d' Artus. (Manuscript Bibl. nat. f. fr. 337.) Vgl. E. Freymond. Beiträge zur Kenntnis der altfranzösischen Ärfus- rotnane in Prosa (Zeitschrift für franz. Sprache und Lit. XVII, S. 21 ff.). Derselbe, Zum Livre d'AHus (Zeitschrift f. roman. Philol. X\T: [1892], S. 90 ff.). Derselbe, Artus Kampf mit dem Katzenungetüm. Eine Episode der Vulgata des Livre d'Artue. Die Sage und ihre Lokalisierung in Savoyen (Beiträge zur ro- manischen Philologie 1899, S. 311 ff.). Gröber, 1. c, 8. 1001.

Suite Slerlin. (Manuscript Huth.) Herausgg. von Gaston Paris und Jac. Ulrich, Lei, S. 147 ö. Vgl. Gröber, I.e., S. 998 ff.

Conte del brait (Verloren). El baladro del sabio Merlin con suo profecias, Bargos 1498. Keu herausgg. von A. Bonilla y San Martin im VI. Bd. der Nueva Biblioteca de Autores Eepanoles, Madrid 1907. Vgl. Gröber, 1. c, S. 1006.

Perceral le Oallois (Perlesvaus). Tres j^laisante et re- creatiice hi/stoire du tres preulx et raillant cheuallier Perceval le gallo gs, jadis cheuallier de la table ronde. Leqül acheua les ad- iietttres du salct-graal . . ., Paris, Jehan Sainct-Denis und Jehan Longis 1580 fol. Neu herausgegeben von Potvin, Perceval le Gcdlois ou le conte du Ch'aal, Mona 1866 (Bd. I einer sechs- bändigen Publikation, Bd. 11 VI enthalten das Gedicht Chres- tiens und seine Fortsetzungen). Spanische Übersetzung: Historia de Perceval de Gaula, caballero de la tabla rotonda el quäl acabö la demanda y aventuras del satito Grial, Sevilla 1526 fol. Kymrische Übersetzung: gedr. in Selections from the Hengwrt Mss. ^^reserrerf in the PeniaHh Library Vol. I. Y seint Gral being the adventures of kitig Arthurs knights of the round table in the quest of the holy greal, and on other occasions. Originally written about the year 1200. Edited with a trans- lation and glossary by the rev. Robert Williams, London 1876. Vgl. Gröber,'], c, S. 726. - E. Wechßler, Randschriften des Perlesvaus (Zeitschr. f. roman. Philologie XX, S. 80). Will. Alb. Nitze, The old french Grad Roniatice Perlesvaus. A study of its p7-incipal sources. Diss., Baltimore 1902. (Vgl. Zeitschrift f. franz. Sprache und Lit. XXVL S. 10 ff.) Mary Rh. Williams, Essai sur la composition du roman Gallois de Peredur von Quiggin, Paris 1909.

Queste. (V^erfaseer angeblich Gautier Map.) Boman fait et compose ä la perjjetuation des vertueux faits et gestes de plusieurs nobles et vaillants cheualiers qui furent au temps du roy Artus com- pagnons de la fable ronde, specialement ä la louange de Lancelot

Matiere de Bretagne. 65

du Lac, Rouen, Jeban le Bourgois und Paris, Jehan Dupre 1488, 5 Teile in 2 Bden. fol. Neudruck: La Qiieste del Saint Granl in the french j^irose of (as is snpposed) Maistres Gautiers Map or Walter Map, edited by F. J. Furnivall, printed for the Roxburghe Club. London 1864. Spanische Übersetzung: La Demanda del sancto Grial con los niaravillosos fechos de Lan- Qarote y de Galaz su hijs, Toledo 1515; dann Sevilla 1535. fDer Übersetzer hieß Joannes Rivas; enthält den Stoff von Borons Merlin, Suite, Brait und Qiieste); abgedr. in Nueva Biblioteca de Autores Espaiioles, Bd. VI., 1907. Portugiesische Über- setzung: Historia dos cavalleiros da Blesa Redonda e da Demanda do Santo Graal (Handschrift der Hofbtbliothek zu Wien aus dem XV. Jahrhundert). Herausgg. (teilweise) von K. v. Reinhard- stöttner, Berlin 1887. Vgl. Gröber, 1. c, H.l, S. 1000, 1004; II, 2, S. 214. H. Oscar Sommer, The Queste of the Roly Grail, forming the third pari of the trilogy, indicated in the Suite de Merlin, Huth Ms. {Rom&nm, XXX\T:, 1907, S. 369 ff., 543 ff.). Albert Pauphilet, La Qiieste du S. Graal du ms. Bibl. Nat. 34:3 (Roman ia XXXVI, 1907, S. 591 ff.).

Großer trraal (Histoire und Queste^. Lhystoire du Sainct- Greaal, qui est le premier Hure de la Table Eonde, lequel traicte de plusieurs matieres recreatiues. Ensemble la queste dti dict Sainct Greaal. Faicte par Lancelot, Galaad, Boors et Perceval, qui est le dernier Uwe de la table ronde. Paris, Jehan Petit, Galiot du Pre, Michel Lenoir 1516, 2 Bde. in einem, fol. Spätere Ausgaben: Paris, Philippe Lenoir 1523, 2 Bde. in einem, fol. Neudruck: Seynt Graal or the Sanc Ryal, herausgg. von Furnivall für den Roxburghe Club, London 1861 (mit altenglischer Übersetzung). Vgl. Gröber, I. c, S. 1000.

Mort d' Artus. Mort Ar tu, an old french jjrose romance of the 13. Century, edited by J. Douglas Bruce, Halle 1910. (Nach der Handschrift Bibl. Nat. 342 fonds fran(;ais). Vgl. Gröber, 1. c, S. 1005.

Tristan. Histoire du tres vaillant, noble et excellent cheualier Tristan fils du roy Meliadus de Leonnois, redigee 2>(i>' Luce, cheua- lier, seigneur du chäteau de Gast. Ronen, Jehan le Bourgois 1489, 2 Bde. in einem, fol. Spätere Ausgaben: Paris, Antoine Ve- rard b. a. (vor 1499), fol. ; ibid. s. a. (vor 1503), fol. ; Paris, Michel Lenoir 1514 fol.; ibid., 1520 fol.; Paris, Denis Janot 1583; 1552; 1569; 1584 usw. Italienische Übersetzungen: La Tarola ritonda o VIstoria di Tristano (gedr. in : Collezione di opere inedite o rare, herausgg. von F. L. Polidori, Bologna 1864). Deir opere magnanime dei due Tristani, Venezia 1555 (nach dem Spanischen, mit Einschluß von Ysaie le triste). Spanische Übersetzungen: La historia de Tristan. ValladoHd 1501. Y. Wurzbach, (Jeschichte des franz. Romans. I. 5

66 Der Roman des Mittelaltere.

Lihro del esforgado cavallero Don Tristan de Leonis y de aus grandes hechos en armas, Sevilla 1528. Coronica nuaamente emendada y anadida del buen cavallero Don Tristan de Leonis y del rey Don Tristan de Leonis el joven, su hijo, Sevilla 1534. Der deutsche Prosaroman {Histori von Herren Tristant vnd der schönen Isolden von L-lande, Augsburg 1484 und öfter) beruht nicht auf dem französischen, sondern auf dem Gedicht von Eilhart von Oberge. Vgl. Estland er, Pieces inedites du roman de Tristan, Paris 1866 (vgl. Re^nie critique 1867, I, S. 127).

Löseth, Le Roman en prose de Tristan, le poeme de Pala- niede et Za compilation de Rusticien de Pise, Paris 1891 (Biblio- theque de l'^cole des hautes Etudes IV 82). Derselbe, Le Tristan et le Palamede des manuscrits franqais du British Museum, Christiania 1905. Wolfr. v. Zingerle, Ein Tristan- Fragment in Tirol (Romanische Forschungen X [1899], S. 475 flf.).

W. Röttiger, Der heutige Stand der Tristanforschung, Progr. Hamburg 1897. Jos. B6dier, Le roman de Tristan et Yseut, traduit et restaure d'apres fragments conserres du poeme frangais du XII. siecle, Paris 1900 (deutsche Übersetzungen von J. Zeitler, Leipzig 1901, und von R. G. ßinding, Leipzig 1912). Der- selbe, La mart de Tristan et d'Iseut d' apres le ms. fr. de la Bibliotheque nationale compare au jweme allemand d' Eilhart d' Oberg (RomaniaXV. S. 481 ff.; vgl. dazuE.Muret, ibid. XVI, S. .356 ff.).

Wolf gang Golther. Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und der neueren Zeit, Leipzig 1907, S. 112 ff. Gröber, 1. c, S. 1006ff.

Jean Maugin, XouTeau Tristan. Le p)remier liure du nou- veau Tristan prince de Leonnois, cheiialier de la table ronde, et d'Tseulte, princesse d'Yrlande, Royne de Cornouaille .... fait frangoi/s par Jean Maugin dit l'Ängeuin. Paris, Veuve Maurice de la Porte 1554, fol. Spätere Ausgaben: Paris, Gabr. Buon 1567, fol.; Lyon, Benoist Rigaud 1577, 2 Bde. 16°; Paris, Nie. ßonfons 1586, 4°; ferner znrei Ausgaben s. a. bei Ant. Verard u. eine s. a. bei Denis Janot. Vgl. Ernst Schürhoff, tjber den Tristan-Roman des Jean Maugin. Diss., Halle 1909.

Meliadus. Oupresent volume cont contenus les nobles faictz darmes du vaillant Roy Meliadus de Leonnoys. Ensemble plusieurs autres nobles pi'oesses de chetialerie faictes tatit par le Roy Artus, Palamedes , le Morhoult dirlande, le bon cheualier säs paour Galehault le brun, Segurades, Galaad, que autres bös cheualiers estäs au temps du dit Roy Meliadus. Histoire singulih-e et recreatiue .... Paris, Galiot du Pre 1528, fol. Spätere Ausgaben: Paris, Denis Janot 1532, fol. usw. Ita- lienische Übersetzung: Gli egregj fatti del gran re Meliadus con altre rare prodezze del re Ärtu, di Palamides, AmorauU

Matiere de Bretagne. 67

d'lrlanda Venezia 1558/9; dann 1559/60. Vgl. die

Inhaltsangabe bei Löseth, 1. c, S. 423 S. Gröber, 1. c, S. 1008.

Ysaie le triste. Ysaie le triste, filz Tristan de Leonois,jadis Chevalier de la table ronde et de la rorjne Izeut de Cornouaille. Ensemble les nobles prouesses de chevallerie faictes par Marc lexille, filz du dit Isaye. Histoyre moult plaisante et delectahle . . . Paris, Galiot Dupr6 s. a. [1522] fol. Spätere Ausgaben : Paris, Phil. Lenoir (Bonfons) s. a., 4". Vgl. die Inhaltsangabe bei J. Z eid- ler, Der Prosaroman Ysaie le triste (Zeitschrift für roman. Philo- logie XXV [1901], S. 175 flF., 472 ff., 641 ff.). Gröber, 1. c, S. 1010.

Ouiron le courtois. Gyrön le courtoys. Auecques la deuise des armes de tous les cheualiers de la Table Ronde. Paris, Antoine Verard, s. a. fol. Spätere Ausgaben: Paris, Jehan Petit et Michel Lenoir s. a. fol.; Paris, Michel Lenoir 1519 fol., usw. Bearbeitungen: Luigi Alamanni, Gyrone il cortese. Vax'iB 1548 (Gedicht in 24 Gesängen). Wieland, Geron der Adelich. Eine Erzählung aus König Artus Zeit. (Im Teutschen Merkur 1777.) Vgl. die Inhaltsangabe bei Löseth, 1. c, S. 423 ff. Romauia IV, S. 264 ff. Gröber, 1. c, S. 1008.

Perceforest. La treselegante, delicieuse, melliflue et tresplai- sante hystoire du tres noble et victorieux et excellentissime roy Perceforest , roy de la Grande-Bretaigne .. .Fans, Galiot Dupre 1528, ö Bde. in drei, kl, fol. Spätere Ausgaben: Paris, Gilles Gourmont 1531, 6 Bde. fol. usw. Neudruck der ersten 15 Kapitel nach der Originalausgabe, herausgg. v. H. Vaganay, Mäcon 1907, 8°. Italienische Übersetzung: La dillette- cole historia del valorosiss. Parsaforesto re della Gran Brettagna; con i gran fatti del valente Gadiffero re di Scotia . . . nuovamente translatato di francese in litigua italiana. Vinegia 1558, 6 Bde. 8**. Vgl. Gaston Paris, Le conte de la rose dans le roman de Perceforest, (Romania XXIII [1894], S. 78 ff. mit Abdruck des Lai a la dame leaT). Reinhold Köhler im Jahrbuch für roman. und engl. Litt. VIH [1867], S. 44 ff. Gröber, 1. c, S. 1009 f. Dout'repont, 1. c, S. 97 ff.

Artus de Bretagne. Le petit Artus de Bretaigne (Cy finist le liure du vaillat & preux cheualier art^ filz du duc de bretaigne) s. 1. 1493, fol. Spätere Ausgaben: Paris, Michel Lenoir 1502; ibid. 1514; 1539; Lyon, Olivier ArnouUet 1556; Paris, Nie. Bonfons 1584. Englische Übersetzung: The history of the moost noble and valyaunt hnyght Arthur of lytell brytagne, translated out of frensshe into englisshe by the noble Johan Bourghcher, knyght Lorde Barners. London s. a., fol.; dann 1609; neu herausgg. von Utterson, London 1814.

5*

■68 Der Roman des Mittelalters.

Cheralier du pape^an. Le Chevalier du papegau. Nach der einzigen Pariser Handschrift zum erstenmal herausgg. Ton Ferdinand Heuckenkamp. Halle 1896 (vgl. Archiv f.d. Stud. d. neueren Sprachen HIO, S. 438 fF.). V'gl. Histoire litteraire XXX, S. 103 ff. - Gröber, 1. c, S. 1195.

Prosabearbeitimgen nach Clirestiens Cliges und Erec. Gedr. in: Christian von Troyes Sämtliche Werke herausgg. von W. Foersier. Halle 1884, bezw. 1890. Vgl. Doutre- pont, 1. c, S. 66 f.

IV. Matiere de France.

Die Prosaromane nach Artusgedichteu standen beim Volke bereits lange Zeit in hoher Gunst bevor Autoren daran gingen, das dort bewährte Verfahren auch auf die Chansons de geste anzuwenden. Diese mochten, be- sonders in den älteren Redaktionen zu einer solchen Um- gestaltung wenig geeignet erscheinen. In der Folge zeigte sich jedoch, daß dieser Weg der einzige war, um den zu- sehends aus der Mode kommenden Rittergedichten eine neue, letzte Beliebtheit zu verschaffen, und es dauerte nicht lange, so wetteiferten die Romane dieser Gruppe an Ver- breitung mit jenen der andern. In literarischer Hinsicht kam es ihnen zustatten, daß sie der Z^'klenbilduug nicht in so hohem Maße unterlagen wie die Artusromane. An Gedichte der Geste du roi halten sich drei berühmte Prosaromane, Galien, Fierabras und Huon de Bor- deaux mit seinen Fortsetzungen.

Der Roman Galien le rhetore (restore), dessen erste Ausgabe im Jahre 1500 erschien, beruht auf dem Galienepos des XIII. Jahrhunderts, das seinerseits eine Verbindung der Voyage de Charlemagne und des Rolands- liedes darstellt und später dem Z^^klus von Garin de Montglane einverleibt wurde. Der Prosagalien stammt aus dem XV. Jahrhundert und existiert in vier Fassungen. Zunächst wird im Anschluß an Voyage de Charlemagne die Wallfahrt Kaiser Karls und seiner Paladine erzählt. Sie werden in Jerusalem von Kaiser Hugo des Nachts alle in

Matiere de France. 69

einem Zimmer beherbergt, und da sie keinen Schlaf finden, vertreiben sie sich die Zeit mit den bekannten Scherzen und Großsprechereien (gahs), die dem Kaiser hinterbracht werden. Dieser droht, sie gefangen setzen zu lassen, so- fern sie nicht alles wahr machen, ein Verlangen, welches besonders bei Oliviers Äußerung in bezug au£ Hugos Tochter Jacqueline befremdet. Olivier erfüllt sein Versprechen wenigstens zum Teil, und die Folge ist, daß die Prinzessin einem Sohne das Leben schenkt. Dieser Sohn ist Galien, der von einer Fee den Namen le restore (oder, mit Verkennung des Etj'mons, le rlietori) erhält, weil durch ihn der fast schon erstorbene ritterliche Geist in Frankreich neubelebt wurde. r«Le dit vornan est ap- pelle Galien Restaure ä cause qu'il restaura tonte la Clire- stiente apres la mort des douze pairs de France, >0 Heran- gewachsen geht Galien nach Europa, wo er eben zu jener Zeit eintrifft, als Karl und die Paladine in Spanien weilen (hier beginnt die Materie des Roland sliedes). Er zieht ihnen nach und findet seinen Vater Olivier, der ihn je- doch erst im Augenblick des Todes erkennt. Er zeichnet sich im Kriege gegen Marsilius aus, deckt den Verrat Ganelons auf, kehrt darauf in seine Heimat zurück und erobert sich die Herrschaft, aus welcher ihn Verwandte vertreiben wollten.

Vor Galien wurde die Ehre, zum Helden eines Prosaromans gemacht zu werden, bereits seinem Sohne ^lallart zuteil. Eine ältere Verserzählung über seine Abenteuer nebst jenen seines Genossen Lohier, eines Bastards Karls des Großen, wurde bereits 1405 von Margarethe de Joinville et Vaudemont, einer Des- zendentin des Historikers Joinville und Gemahlin des Her- zogs Friedrich von Lothringen, in Prosa aufgelöst, und es scheint, daß dies die älteste Prosaerzählung nach einer Chanson de geste gewesen ist. Sie ist uns jedoch nur in einer niederländischen Versbearbeitung und in dem deut- schen Prosaroman von LoJier und Maller erhalten, der 1407 von der Tochter der französischen Verfasserin,

70 Der Roman des Mittelalters.

Elisabeth Gräfin von Nassau- Saarbrücken (f 1456) aus dem Französischen übersetzt wurde. In dem recht lang- weilig und nüchtern erzählten deutschen Roman spielt Loher die Hauptrolle. Er wird, weil er den Frauen all- zuviel nachstellt, auf sieben Jahre vom Hofe Karls ver- bannt, besteht im Morgenlande und in Italien mit Maller viele Abenteuer, wird römischer Kaiser, wird entmannt, damit er keine Erben haben könne und sein Reich an Ludwig zurückfalle, hat aber zum Glück schon früher mit einer Königin einen Sohn Marphone gezeugt, dessen Er- lebnisse in die Darstellung miteinbezogen sind.

Der Roman von Fierabras ist der älteste gedruckte Prosaroman in französischer Sprache (Genf 1478). Als Verfasser nennt sich ein gewisser Jean Baignon aus Savoyen, der, wie er sagt, das Französische nur mangelhaft beherrsche und das Werk für einen auch ganz unbekannten Kanonikus Henri Bolmier (Bolomier) in Lausanne ge- schrieben haben will. Er hat die Tendenz, eine vollständige Darstellung der Geschichte Karls des Großen und seiner Paladine zu geben. Von den drei Büchern, in welche der Roman zerfällt, gibt das erste eine ziemlich weit ausgreifende Vorgeschichte, das dritte erzählt den Zug des Kaisers nach Spanien. Der Verfasser beruft sich für diese beiden Teile auf «vng livre, qui se dit le mironer historiah^ womit das Spe- culiim historiale des Vincenz von Beauvais gemeint ist. Nur das zweite Buch beschäftigt sich mit Fierabras. Für dieses hat er einen «-roman ancien en francais» benutzt und beteuert «sa7is aultre informacion que de celluy livre-» gearbeitet zu haben. Einzelne Stellen verraten aller- dings die Lektüre des Aiquin, im ganzen aber beschränkt er sich auf die Prosaauflösung der Chanson de geste von Fierabras (XIII. Jahrhundert), deren historischen Kern man in der Plünderung der römischen Kirchen St. Peter und St. Paul durch die Sarazenen im Jahre 846 und in dem Entsätze Roms durch Guido von Spoleto sehen will. Wahrscheinlicher ist jedoch die Ansicht, daß hier nur die Ausgestaltung einer lokalen Legende über die Passions-

Matiere de France. 71

reliquien vorliegt, die mit anderen epischen Elementen vermischt wurde.

Im Anschluß daran erzählt er, wie Fierabras, der Sohn des Emirs Balant von Spanien mit einem großen Heere in Rom einbrach und die Passionsreliquien raubte, ehe Karl der Große, den der Papst zu Hilfe rief, zum Entsätze erschien. Karl verfolgt ihn nach Spanien, es kommt zu mehreren Schlachten, und Fierabras fordert schließlich die Paladine zum Zweikampf heraus. Er wird jedoch von Olivier besiegt und bekehrt sich zum Christen- tum, während Balant, der die Taufe verweigerte, enthauptet wird. Zuvor geraten jedoch mehrere Paladine in die Ge- fangenschaft der Feinde, aus welcher sie durch Floripas, die Tochter des Emirs, die sich in Gui de Bourgogne verliebt hat und zu den Franzosen hält, befreit werden. Durch sie erhalten die Christen auch die Reliquien zu- rück. Gui heiratet am Ende die bekehrte Floripas.

Die beiden vorgenannten Romane übertrifft an Be- liebtheit und Verbreitung jener von Hu on von Bordeaux. Die zugrunde liegende Chanson de geste wurde ca. 1220 von einem Jongleur aus St. Omer verfaßt und zeichnet sich vor anderen durch ihre flotte Darstellung und den humoristischen Ton aus, in dem die bunten Abenteuer aneinander gereiht sind. Die geschichtliche Grundlage ist ein Abenteuer Karls von Aquitanien, des Sohnes Karls des Kahlen, der eines Xachts im Jahre 864 dem Ritter Alboin im Walde bei Compiegne auflauerte und von jenem in der Notwehr schwer verletzt wurde. Auch Huons Vater Seguin von Bordeaux (f 845) ist eine historische Figur. In ihrem Inhalt weist die Chanson de geste und nach ihr auch der Prosaroman zahlreiche Reminiszenzen aus an- deren Stoffkreisen auf. In den Kämpfen zeigt sich der Einfluß des Rolandsliedes, in den Orientreisen jener der Voyage de Charlemagne, die Schachpartie stammt aus der Chevalerie Ogier. An die Artusepik erinnert, daß Auberon der Sohn Julius Cäsars und der Fee Morgana ist und daß er dem Huon ein Zauberhorn und eine sich selbst

72 Der Roman des Mittelalters.

füllende Weinschale gibt (vgl. Gral). Im übrigen ist Auberon (Alberon) der Alberich der deutschen Helden- sage, der ja im deutschen Otnit dem Helden in ganz ähnlicher Weise beisteht, wie hier Auberon dem Huon und ihm auch Zaubergeschenke macht. Bart und Zähne spielen in beiden Dichtungen eine Rolle. Man schloß daraus auf eine gemeinsame Quelle in der fränkischen Sage. Das Gedicht fand großen Anklang und wurde zu einer förm- lichen Geste erweitert, welche eine Vordichtung Auberon und eine Reihe von Fortsetzungen, Esclarmonde, Huon roi de feerie, Ciarisse et Florent, Yde et Olive, Croissant, Godin umfaßt. Von der andauernden Be- liebtheit gibt der Umstand Zeugnis, daß Huon de Bordeaux und ein Teil der Fortsetzungen später auch Alexandriner- bearbeitungen erfuhren. Alle diese Gedichte, mit Aus- nahme von Godin, sind, wohl nach der Turiner Hand- schrift, in dem Prosaroman verwertet, der 1513, dann 1516 und in der Folge oft gedruckt wurde. Nach einer Bemerkung am Schlüsse wurde der Roman auf Bitten der Herren Charles de Rochefort, Hues de Longueval und Pierre Ruotte verfaßt und am 20. Januar 1454 beendet. Charlot, der Sohn Karls des Großen, lauert den Söhnen Seguins Huon und Girard von Bordeaux in heim- tückischer Weise auf und wird von Huon in der Notwehr getötet. Karl verzeiht ihm unter der Bedingung, daß er sich nach Bagdad an den Hof des sarazenischen Emirs Gaudisse begebe, bei Tische dem neben dem Emir sitzen- den Pascha den Kopf abschlage, seine Tochter dreimal küsse und dem Kaiser, zum Zeichen, daß er dort gewesen, Haare aus dem Bart des Emirs sowie vier von dessen Backenzähnen mitbringe. Huon besucht zunächst seinen Oheim, den Papst, und begibt sich sodann in Begleitung des alten Gerasmes (Geriaume) auf den Weg nach Bagdad. In einem dichten Walde nähert sich ihm der Zwerg Auberon, welchem die Feen bei seiner Geburt viele wunder- bare Eigenschaften verliehen, wogegen eine, welche nicht eingeladen worden war, aussprach, daß er nach dem dritten

Matiere de France. 73

Lebensjahr nicht mehr wachsen solle. Auberon bewirtet den Huon in einem Zauberpalast und schenkt ihm einen Becher, der sich in den Händen eines ehrlichen Mannes von selbst mit Wein füllt, sowie ein Hörn, welches ge- blasen, unehrliche Leute zum Tanzen zwingt, stark ge- blasen aber Auberon selbst mit hunderttausend Kriegern zu Hilfe herbeiruft. Nachdem er beides erprobt und viele Abenteuer bestanden hat, wird Huon von einem dienst- baren Geist Auberons nach Bagdad getragen und vollführt hier bei einem Bankett des Emirs einen Teil seiner Auf- träge. Er küßt Esclarmonde dreimal und haut ihrem Bräutigam, dem König von Hyrkanien, den Kopf ab. Er wird darauf in Ketten geworfen, und das Hörn hilft ihm nichts, da er sich lügnerischerweise für einen Muselmann aus- gegeben hatte. Huon soll zunächst hungern und dann ver- brannt werden, wird aber durch Esclarmonde gespeist und nach verschiedenen Zwischenfällen aus dem Kerker be- freit. Auberon kommt ihm mit einem großen Heere zu Hilfe, der Emir wird getötet und sein Bart und einige Zähne werden eine Beute des Siegers. Er gibt diese Trophäen dem alten Gerasmes in Verwahrung und schifft sich nun mit Esclarmonde, welche Christin werden will, zur Fahrt nach Italien ein. Da die beiden, trotz Auberons Verbot, schon vor der Heirat wie Eheleute leben, scheitert das Schiff, Esclarmonde wird von Piraten geraubt und kommt in das Serail eines Königs Galafre, der sie übrigens respektiert. Huon befreit sie und gelangt mit ihr nach Italien. Hier bereitet ihm sein eigener Bruder Girard einen Hinterhalt, nimmt die Trophäen an sich, schickt Esclarmonde und Gerasmes gefesselt nach Bordeaux und bittet den Kaiser, da Huon seinen Auftrag nicht erfüllt habe, ihn selbst mit dem Herzogtum zu belehnen. Der Kaiser begibt sich nach Bordeaux, und verurteilt Huon und Gerasmes zur Vierteilung, Esclarmonde zum Feuer- tode. Da naht Auberon mit einer großen Armee, den Gefangenen fallen die Fesseln ab, und sie erscheinen in prächtiger Kleidung. Auberon droht dem Kaiser seine

74 Der Koman des Mittelalters.

geheimsten Gedanken zu offenbaren, produziert Bart und Zähne und überliefert Girard der gerechten Strafe.

An diesen interessanten und künstlerisch abgerun- deten Stoff, der uns Deutschen durch Wielands Gedicht und durch Webers Oper vertraut ist, wurden nun die abenteuerlichsten Fortsetzungen angeschlossen, welche auch die Prosabearbeiter gierig verwerteten. Zunächst wird (nach dem Gedicht Esclarmonde) erzählt, wie Huon dem Sohne des deutschen Kaisers Thierry den Kopf ab- haut, der Kaiser in Abwesenheit Huons Bordeaux erobert, Esclarmonde gefangen nimmt und sie mit Liebesanträgen bestürmt. Huon gelangt unterdessen auf abenteuerlicher Fahrt und nachdem sein Schiff am Magnetberge gescheitert ist, ins Feenreich (Huon roi de feerie), tötet Schlangen und Greife, spricht mit Judas Ischariot, badet im Quell der Jugend und kommt durch einen Kanal unter dem Meere nach Tauris, wo er dank verschiedener Edelsteine und der Apfel der Jugend, die er im Zauberland er- halten, vom Sultan gut aufgenommen wird. Er zieht nun mit einem Heere des letzteren aus, um Esclarmonde zu befreien, wird auf die Insel Abillant verschlagen, macht die Bekanntschaft Kains und erhält Esclarmonde schließ- lich von Thierry auf gute Weise gegen einen Apfel aus dem Feenland zurück. Huon und Esclarmonde sukzedieren dem Auberon im Feenreich, das sie alljährlich gegen Artus verteidigen müssen. Es folgt die Geschichte von Huons Tochter Ciarisse und ihres Geliebten Florent, welche die Abenteuer Aucassins und Nicolettes auf diesen arago- nesischen Königssohn und seine vermeintlich unebenbürtige Braut überträgt. Clarissens Tochter Yde wird, wie die Manekine, vom eigenen Vater verfolgt, gewinnt, als Mann verkleidet, die Liebe der römischen Prinzessin Olive und wird um dieser Liebe willen von Gott durch ein Wunder tatsächlich zum Manne gemacht. Ydes Sohn ist Crois- sant, der als römischer Thronerbe alles verschenkt, aber dafür einen verborgenen Schatz findet und von Huon wieder in seine Herrschaft eingesetzt wird. Die Abenteuer

Matiere de France. 75

von Huons Sohn Godin nachzuerzählen, haben die Prosa- bearbeiter verschmäht. Der heutige Leser empfindet alle diese Fortsetzungen mit ihrem überwuchernden Zauber- beiwerk nur als Entstellungen des ursprünglichen Romans, welche dessen einheitliche Wirkung abschwächen.

Den Gedichten der Wilhelmsgeste kommt eine größere Bedeutung für den Prosaroman nicht zu, obwohl auch sie im XV. Jahrhundert fast sämtlich in Prosa auf- gelöst wurden. Diese Auflösungen sind in zwei Hand- schriften der Bibliotheque nationale vereinigt, von welchen die eine dem 1477 enthaupteten Jacques d'Arraagnac, Herzog von Xemours, gehörte. Da aber die Wilhelmsgeste in der Folgezeit in weiteren Kreisen kein Interesse mehr fand, blieben sie ungedruckt. Ein einziger Roman aus diesem Stoffkreise erlangte eine gewisse Verbreitung. Es ist Guerin de Montglave (Garin de Montglane), die Prosaauflösung eines Epenzyklus, der seinerseits auf den Chansons de geste von Girart de Viane, von Garin de Montglane und von Galien beruht. Der Roman fängt, wie schon ein Zusatz zum Titel besagt, eigentlich dort au, wo die Geschichte des Guerin zu Ende ist und erzählt nur die Erlebnisse seiner vier Söhne, die vom Vater in die Welt geschickt werden, um ihr Glück zu versuchen. Arnaud de Beaulande kommt zu seinem Oheim, dem Herzog Girard von Aquitanien ; Milon de Pouille geht nach Pavia; Girard de Viane und Regnier de Genes an das Hoflager Karls des Großen. Es werden nun die Abenteuer der vier Ritter erzählt, unter welchen jene Arnauds die interessantesten sind. Dieser macht sich auf den Rat seines tückischen Verwandten Hunault auf den Weg nach der Lombardei um Fregonde, die Tochter des Sultans Florant zu heiraten und wird dann infolge Verrates des Hunault gefangen genommen. Ein riesenhafter Einsiedler Robastre, ein ehemaliger Waffengefährte Guerins ermordet den Verräter, verbündet sich darauf mit seinem in der Schwarzkunst erfahrenen Freunde Perdigon, erlangt als Derwisch Zutritt am Hofe des Sultans, gewinnt den Ver-

76 Der Roman des Mittelalters,

trauten der Prinzessin und befreit Arnaud. Alle drei entkommen nach harten Kämpfen, in denen sich Perdigons Magie bewährt, nach Aquitanien und Arnaud wird in das Herzogtum seines Oheims, welches Hunault usurpiert hatte, eingesetzt. Er sukzediert auch dem Sultan, nach- dem er die Prinzessin geheiratet hat, und die Lombarden treten zum Christentum über. Unterdessen haben auch die drei Brüder Arnauds nach vielen Kämpfen und Aben- teuern vorteilhaft geheiratet. Sie werden von Karl dem Großen in Girards Hauptstadt Vienne belagert und der Kampf soll schließlich durch einen Zweikampf zwischen Roland und Olivier, dem Sohn ßegniers, entschieden werden. Da diese beiden sich aber als alte Freunde er- kennen, lassen sie die Waffen sinken und umarmen ein- ander. Die Feinde versöhnen sich und beschließen einen gemeinsamen Krieg gegen die Sarazenen.

Reiche Ausbeute zogen die Prosabearbeiter dagegen aus den Doon-Epen. Die Prosaauflösung der Chanson de geste von Doon de Mayence (gedruckt 1501) erzählt im Anschluß an das Gedicht wie Doolin (Doon), der Sohn des Herzogs Guyon von Mainz, der von seinem Sene- schall vertrieben worden ist, dessen Mutter in Gefangen- schaft schmachtet, dessen Schwester getötet Avurde, sich die väterliche Herrschaft zurückerobert und seine Mutter befreit. Ein großer Teil der Erzählung ist ausgefüllt mit den Kriegen, welche Doolin gegen Karl den Großen führt, wie er die Stadt Vauclere im Sachsenlande gewinnt, die Tochter des riesenhaften Herrschers dieser Stadt heiratet, Dänemark erobert und den Thron dieses Reiches besteigt.

Doolin hat als Herrscher von Dänemark einen Sohn Gaufroi und dieser wieder einen Sohn, Ogier den Dänen. Der Prosaroman von Ogier, dessen erste Ausgabe um 1498 erschien, vereinigt den Inhalt der Enfances Ogier von Adenet le Roi, der älteren Chevalerie Ogier und der neueren Branchen der Alexandriner- \"ersion des Jean des Preis d'Outremeuse (XIV. Jahrhundert), welche von der Orientfahrt und den Erlebnissen des Helden im Feen-

Matiere de France. 77

reich erzählen und den Einfluß der Artus- und Oberon- diehtung verraten. Dem Ogier verleihen bei der Geburt fünf Feen die herrlichsten Gaben, die sechste, Artus' Schwester Morgana, aber sagt, er werde nach einem langen ruhmreichen Leben zu ihr in das Tal Avallon kommen, ihr seine Lorbeeren zu Füßen legen und mit ihr die Freuden der Liebe genießen. Ogier gelangt als Geißel an den Hof Karls des Großen, heiratet Bellisande, die Tochter des Schloß vogts von St. Omer, verrichtet große Taten im Kampfe gegen die Sarazenen in Italien, besteigt den väterlichen Thron und kehrt darauf nach Frankreich zu- zurück. Sein Sohn, der den Prinzen Charlot mattgesetzt hat, wird von diesem mit dem Schachbrett erschlagen. Ogier verlangt vom Kaiser Sühne, und diese wird ihm auch zugestanden, aber eine Engelsstimme hält ihn ab, den Charlot zu töten. Er heiratet in der Folge die Prin- zessin Ciarice von England, wird König dieses Landes, sowie auch von Acre, Jerusalem und Babylon, tritt seine Würden aber an bedürftigere Verwandte ab. Er kommt dann in fabelhafte Reiche, wird von einem Pferde in einem Demantschloß bewirtet und schließlich, wie ihm Morgana prophezeite, in das entzückende Tal Avallon ent- rückt. Die Fee steckt ihm einen Ring an den Finger, der den mehr als Hundertjährigen dreißigjährig erscheinen läßt, und setzt ihm eine Krone auf, die ihn alles Ver- gangene vergessen und nur an sie allein denken läßt. Er trifft hier auch Morganas Bruder Artus, der die letzten 400 Jahre bei ihr verlebte, sowie Oberon, den der Ver- fasser gleichfalls zu ihrem Bruder macht. Nach 200 Jahren kehrt er für kurze Zeit an den französischen Hof zurück, entsetzt Paris von nordischen Belagerern und stellt die Heldenzeit Karls des Großen wieder her. Als die Königin von Frankreich Witwe wird, soll Ogier sie heiraten, aber während der Trauung entführt ihn die Fee Morgana abermals nach Avallon.

Der Sohn Ogiers und Morganas ist Meurvin, von dem eine verlorene Chanson de geste des XIV. Jahr-

78 Der Koman des Mittelalters.

hunderts handelte. Ihr wüster Inhalt läßt sich aus dem danach gefertigten Prosaroman (gedruckt 1540) erschließen. Meurvin galt als der Ahnherr Gottfrieds von Bouillon. Angeblich auf einer wallonischen Reimchronik, in der Tat aber wohl vorwiegend auf Erfindung des Prosa- autors beruht der Roman von Gerard d'Euphrate (ge- druckt 1549), einem andern Sohne Doolins und Oheims Ogiers, bei dessen Namen man sich des Girard de Fraitte in Äspremont erinnert zu haben scheint. Ein Stiefsohn Doons ist endlich Beuve d'Hanstone, dessen phantastische Schicksale in dem Romane Beufves d'Anthonne nach der dem Bertrand de Bar sur Aube zugeschriebenen jüngeren Fassung der Chanson de geste behandelt sind (gedruckt 1502).

Einer von Doons Söhnen war Aymon de Dordon^ und dieser hatte wieder vier Söhne, die berühmten Hai- monsk Inder. Die Geschichte der letzteren liegt dem beliebten Roman Renaut de Montauban zugrunde, der gleich jenem von Huon de Bordeaux eine ganze Reihe von Fortsetzungen erfuhr. Ein Exemplar einer solchen Prosakompilation wurde 1462 Philipp dem Guten über- reicht. Eine auf Renaut beschränkte Prosaauflösung ist seit 1447 nachweisbar. Der Roman von Renaut de Montauban hält sich an die Chanson de geste Le& qiiatre fils Äymon (ca. 1200), deren historische Grundlagen in den Kämpfen Karl Martells mit Königs Endo von Gascogne (f 735) zu sehen sind. Der letztere, im Gedicht Yon von Bordeaux genannt, gewann 719 Toulouse den Sarazenen ab. Der Held Renaut wird mit dem heiligen Reinoldus (f 750) identifiziert. Die Vorgänge sind, wie Becker sagt, «wohl die packendste Ausgestaltung desThemas vom verfehmten Empörer». Alter Haß besteht zwischen Kaiser Karl und der Sippe Aymons von Dordon, der von neuem aufflammt, als Aymons ältester Sohn Renaut de Mont- auban am Hofe Karls einen Neffen des Kaisers Bertolais im Schach matt setzt und im Streit darob den Gegner er- schlägt (vgl. Chevalerie Ogier). Um sich vor dem Zorn des

Matiere de France. 79

Kaisers zu schützen, baut Renaut mit seinen Brüdern im Ardennerwald die feste Burg Montessor. Als sie Karl hier mit einem großen Heere belagert, müssen sie, von Hunger gepeinigt, nächtlicherweile auf ihrem treuen Roß Bayard fliehen und irren nun sieben Jahre lang in der Fremde umher. Endlich nach Dordon heim- kehrend, sehen sie so erschöpft und verwildert aus, daß sie von ihrer eigenen Mutter nicht erkannt ■werden. Der Vater gerät in einen Konflikt zwischen der Liebe zu seinen Söhnen und den Geboten der Vasallentreue, gibt aber letzterer den Vorzug und weigert sich, sie aufzunehmen. Sie finden Zuflucht bei dem Herzog Yon von Bordeaux, dem sie im Kampfe gegen die Sarazenen beistehen. Re- naut heiratet Yons Schwester und baut sich die Burg Montauban an der Gironde. Doch auch hier haben sie noch lange Kämpfe mit Karl zu bestehen. In diesen hilft ihnen ein Vetter Renauts, der Zauberer Maugis (Sohn des Beuve d'Aigremont, des vierten Sohnes Doons; Ariosts Malagigi). Endlich wird Frieden gemacht, und nun nimmt die Geschichte eine fromme Wendung. Renaut unter- nimmt eine Wallfahrt ins heilige Land und wird sodann Arbeiter am Dombau zu Köln. Da er mehr leistet als die andern Arbeiter, hassen ihn diese, erschlagen ihn und w^erfen ihn in den Rhein. Sein Leichnam, an dem sich verschiedene Wunder offenbaren, wird in Dortmund bei- gesetzt und Renaut als Heiliger verehrt.

Der Roman von Maugis d'Aigremont (gedruckt 1518) hält sich an die gleichnamige Chanson de gaste, die als eine Vordichtung zu jener von den Haimonskindern anzusehen ist. Maugis Avird in seiner Kindheit von einem Mohrensklaven gestohlen, jedoch von einem Löwen und einem Leoparden befreit und von einer Fee aufgenommen, die ihn taufen und von ihrem Bruder in der Magie unter- richten läßt. Er erlernt diese so schnell^ daß er sich bald selbst für den Teufel ausgeben kann. Er gewinnt das Schwert Froberge, bezwingt auf der Insel Boucault das wilde Roß Bayard Tasso {Rinaldo [1562] II, 37)

80 Der Roman des Mittelalters.

schreibt dies dem Rinaldo zu erhält darauf Zutritt zu der nekromantischen Schule in Toledo, wird Professor der Magie, steht dem spanischen König Marsirius im Kriege gegen den Admiral von Persien bei, wird infolge einer Liebschaft mit der Königin aus Spanien vertrieben, leistet seinem Oheim Beistand gegen Karl den Großen und gibt nach manchen anderen Vorfällen dem Renaut Roß und Schwert. An den Roman von Maugis schließt sich La Conqueste de Trebisonde (gedruckt 1517). Hier verrät das wiederholte Eingreifen des griechisch-römischen Götterapparates bereits deutlich den Einfluß der Renais- sance. Der Verfasser, ein Rheteur aus der Schule Jean Lemaires (s. unten Kap. VII) dedizierte sein Buch einem der Gatten der Anne de Bretagne, Karl VIII. oder Ludwig XIII. Grässe (S. 330) bezeichnet die Erzäh- lung als Bearbeitung des italienischen Gedichtes Tra- bisonda (Bologna, 1483 u. ö.), welches in der Regel dem Buchdrucker Francesco Tromba da Gualdo di Nocera zu- geschrieben wird. Die Chronik des Mabrian (gedruckt 1525) stützt sich auf ein angeblich altfranzösisches Ori- ginal, welches zur Zeit des Königs Rene von Maistre Guy Bonnay, Lizenziaten der Rechte und Leutnant des Baillif von Chastelleraux umgearbeitet und von Jean le Cueur, escuyer, seigneur de Uailly en Puysaye zu Ende geführt wurde. Sie bildet den Abschluß der Geschichte der Haimonskinder und ihrer Verwandten. Wie Renaut, so wird Maugis schließlich fromm. Er wird Einsiedler und sogar Papst, legt diese Stelle aber wieder nieder und kehrt in seine Klause zurück. Als Renauds jüngster Bruder Richardet auf Anstiften Ganelons in verräterischer Weise ermordet wird, beschuldigen seine Brüder Alard und Guis- chard den Kaiser der L^rheberschaft an der Tat und beschimpfen ihn öffentlich. Sie suchen darauf in der Höhle des Maugis Zuflucht, Karl läßt vor deren Eingang Reisigbündel anzünden, und alle ersticken. Mabrian (Mam- brin) ist jener Held, dessen Helm Don Quixote (I. Kap. 21) in einem Barbierbecken erkennen wollte.

Matiere de France. 81

Schließlich machte sich, wie bei den Artus- und Gral- romanen, so auch hier der Wunsch nach Zusammen- fassungen der gesamten Matiere de France oder wenigstens größerer Teile derselben geltend. Wir finden den ersten Versuch zu seiner Verwirklichung in dem franko-italie- nischen Aquilon de Baviere des Raphael Marmora (1379 1407), welcher Karls-, Doon- und Guillaumeepen einbezieht. Richtige Gestalt nahm dieses Bestreben jedoch erst am Hofe Philipps des Guten von Burgund an, und hier fand sich auch in David Aubert aus Hesdin in Artois der geeignete Mann, um es in die Tat umzusetzen. Dieser fruchtbarste Konkurrent Wauquelins stand in den Jahren 1456 79 in den Diensten Philipps und scheint ein großes Atelier für Kopierarbeiten unterhalten zu haben, da ein Menschenleben nicht hingereicht hätte, um sie fertigzustellen. Man besitzt von ihm zwei umfangreiche Kompilationen dieser Art, die Histoire de Charles Martell et de se ses successeurs (1448; in vier mächtigen Bänden abgeschrieben 1463 65) und die Conquestes de Charlemagne (1458). In beiden sind viele Epen in Prosa aufgelöst und zu größeren Einheiten verbunden. Gautier (Epopees IV, 173) nennt das letztere Werk «.U71 essai avorte d'une histoire poetique du grand em- pereur», während Gaston Paris (Hist. poet. de Charle- magne S. 96) ihm Vorzüge zuerkennt, welche es hoch über die ähnlichen versifizierten Unternehmungen des Philippe Mousket und des Girard d'Amiens erheben. Aber diese Kompilationen blieben auf den Leserkreis der fürstlichen Mäzene beschränkt und wurden erst in neuerer Zeit teil- w^eise durch den Druck bekannt gemacht. Sie spielen daher in der Geschichte des Romans keine Rolle. Aubert hat in seine Histoire de Charles Martell auch den Girart de Roussillon und große Teile derLothringer- geste verarbeitet. Von der letzteren sind noch zwei andere Prosaauflösungen handschriftlich auf uns gekommen. Die eine derselben umfaßt Garin, Girhert und Änseis und stammt aus dem XV. Jahrhundert, die andere, nach Garin,

V. Wurzbach, Geschichte des franz. Romans. I. 6

82 Der Roman des Mittelaltere.

Girbert und Hervis, wurde zu Anfang des XVI, Jahr- hunderts von einem Bürger aus Metz, Philippe de Vi- gneulles verfaßt.

Die Chanson de geste von Girart de Roussillon verherrlicht den 819 70 nachweisbaren Gründer der Klöster Vezelay und Pothieres, der mit seiner Gattin Bertha in dem letzteren beigesetzt war. Dieser Umstand bot die Anregung zur Entstehung des berühmten Gedichtes, das Ende des XII. Jahrhunderts in franko-provengalischer Mundart verfaßt wurde, daneben aber auch in französischer und provengalischer Version erhalten ist. Eine Nach- dichtung desselben wurde um 1330 Endo IV. und Robert von Burgund als Nachfolgern Girarts gewidmet. Die lateinische Vita nohilisshni comitis Girardi ist eine Fäl- schung aus Pothieres und jünger als die Chanson de geste. Girart war also gewissermaßen ein burgundischer National- held. In Burgund entstand denn auch der Prosaroman, der von Jean Wauquelin im Auftrage Philipps des Guten verfaßt wurde. Wauquelin stammte aus Mons im Hennegau und war von ca. 1445 52 als Kompilator, Über- setzer und Kalligraph, als «clerq et serviteur» für Philipp tätig. Er selbst nennt sich <itran.slateur et escripvaing de livres». Er verrät, wenn er von sich spricht, stets große Bescheidenheit: «Moy povre de sens, mendre dUntendementi> (Prolog zu Girart), <s.faible de sens et de tres petite capacite» (Prolog zur Belle Helaine). In der Tat zeigt er sich auch in diesem seinem Hauptwerk ebenso wenig selbständig wie andere Prosaautoren jener Zeit. Er hielt sich an die lateinische Vita und an die Nachdich- tung von 1330. Die erste gedruckte Ausgabe, die auf einem bereits 1448 vorhandenen Auszug aus Wauquelins Roman beruht, erschien anfangs des XVI. Jahrhunderts zu Lyon.

Anschließend an die Quellen wird erzählt, wie Karl Martell den Girart zwingt, ihm seine Braut Elissent von Kon- stantinopel abzutreten, jenem aber deren Schwester Bertha überläßt. Aber nicht genug daran, verlangt er auch, daß ihm

Matiere de France, 83

Girart sein festes Schloß Roussillon überlasse, das für einen Vasallen zu schön sei, und belagert ihn dort. Nach der un- entschiedenen Schlacht von Valbeton kommt es zu einer Ver- söhnung, die aber nicht für lange vorhält. Nach wiederholten Kämpfen nimmt Karl Roussillon ein, und Girart muß mit seiner Frau in den Ardennerwald fliehen. Er läßt sich totsagen und fristet durch die folgenden 22 Jahre sein dürftiges Dasein als Kohlenbrenner, seine Frau das ihrige durch Näharbeiten, Erst nach dieser langen Zeit kommt durch die Vermittlung der Kaiserin Elissent und des Papstes der Frieden zustande, Girart und Bertha widmen den Rest ihres Lebens Klostergründungen und frommen Werken, wofür sie vom Himmel durch die Auffindung des Leibes der Maria Magdalena und verschiedene Wunder belohnt werden. Wauquelin schrieb, wie schon er- wähnt, unter der Ägide, ja unter der beständigen Auf- sicht des Herzogs. Dieser hatte ihm selbst ein Exemplar der Nachdichtung zur Verfügung gestellt. Wauquelin nahm seinerseits darauf Bedacht, das burgundische Kolorit möglichst hervorzukehren, und er verweilt gerne bei der Schilderung von Orten, die dem Herzog bekannt sein mußten. Er beendete sein Werk am 16. Juni 1447. Sechs Jahre später, 1453, starb er zu Mons. Im Sterbe- register heißt es von ihm : «en son temps trcmslateur et varlet de clianibre de Mgr, le Duc de Bourgogney» .

Mit dem karolingischen Sagenkreis wurde später auch die Geste de Blaivies (Blaye bei Bordeaux, auch Bleves) in Zusammenhang gebracht, Sie besteht aus zwei Gedichten Amis et Amiles und Jourdain de Blaivies, die beide zu Prosaromanen verarbeitet wurden. Der Stoff von Amis et Amiles war vom XL bis zum XVI. Jahr- hundert in allen Literaturen sehr verbreitet. Es ist die Geschichte zweier Freunde, die einander zum Verwechseln ähnlich sehen. Der eine tritt für den andern im Kampfe ein, und der letztere tötet seine eigenen Kinder, um jenen vom Aussatz zu befreien also ein hohes Lied von der Freundschaft. Das Motiv ist orientalisch, die Namen

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84 Der Roman des Mittelalters.

Amicus und Amiles (Aemilius) pflegte man von 6|afi\iE, gleichaltrig und aemulus, gleich, herzuleiten. Der Fabel- stofF gelangte aus dem Orient in europäische Volksmärchen, in welchen ähnliche Freunde und Heilung vom Aussatz durch das Blut unschuldiger Kinder oft vorkommen, wurde dann zu einer christlichen Legende umgestaltet {Ada Sanctorum der BoUandisten, Oktober), indem man die beiden Freunde gemeinsam den Märtyrertod sterben ließ, und endlich an den karolingischen Sagenkreis ange- schlossen. In dieser definitiven Gestalt erscheint er in einer lat-einischen Vita des XL Jahrhunderts und in der um 1200 verfaßten Chanson de geste, die im XV. Jahr- hundert in Alexandriner umgearbeitet wurde. Amiles ist der Sohn des Grafen von Clermont, Amis der seines Seneschalls. Zu gleicher Stunde geboren, in der Jugend getrennt, kehren sie, herangewachsen, nach mannigfachen Abenteuern nach Frankreich zurück. Amis heiratet die Lubias, eine Nichte des Hardre, des aus den Lothringer- epen bekannten heimtückischen Seneschalls und erhält das Lehen von Blaye. Hardre verrät, daß Amiles mit Bellisant, der Tochter des Kaisers Karl, in heimlichen Be- ziehungen stehe, und Amiles soll sich durch gottesgericht- lichen Zweikampf mit Hardre rechtfertigen. Amis, der eben nach Paris kommt, tritt für ihn ein und tötet Hardre, worauf der Kaiser den vermeintlichen Amiles (recte Amis) mit Bellisant vermählt. So führt die Ähn- lichkeit zur Bigamie. Für den Betrug im Gottesgericht wird Amis mit dem Aussatz bestraft. Er irrt lange Zeit umher, bis ihm ein Engel im Traume verkündet, daß er nur durch das Blut unschuldiger Kinder zu heilen sei. Er klagt dem Freunde seine Not, und dieser tötet seine Kinder, in deren Blut Amis sich wäscht. Er wird ge- sund, und Gott erweckt überdies auch die Kinder wieder zum Leben. Die Freunde machen eine gemeinsame Wall- fahrt nach dem heiligen Lande und sterben auf der Rückkehr gleichzeitig in Mortiers (Mortara in der Lom- bardei).

Matifere de France. 85

Die älteste Prosaauflösung der Chanson de geste, Li amitiez de Ami et Amile, stammt schon aus dem XIII. Jahrhundert und stellt eine der frühesten Ver- Buche dieser Art dar. Sie hält sich ziemlich treu an das Gedicht und läßt die Freunde bei Mortex (Mortara), im Kriege Karls des Großen gegen Desiderius, König der Langobarden, den Tod finden. Als man zweihundert Jahre später auf den Stoff zurückgriff, um daraus den beliebten Prosaroman, Milles et Amys, zu machen, be- diente man sich als Vorlage der Alexandrinerversion. Hier geht die Wallfahrt der Freunde nach Santiago, und sie werden auf dem Wege dahin von Ogier dem Dänen getötet, der sich gegen Karl empört hat (Motiv aus der Chevalerie Ogier). Nach der Alexandrinerversion sind auch die Abenteuer der nächsten Generation einbezogen, wie dies schon durch den Titel angedeutet wird. Milles ließ nämlich daheim zwei kleine Söhne zurück, Anceaume und Florisset, die von einem Affen bewacht werden «der edle Affe, wie Hofmann sagt, die gescheiteste Person in der ganzen Rhapsodie». Lubias, die Witwe des Amys, die es auf die Besitztümer des Milles abgesehen hat, vergiftet dessen Witwe und läßt die Kinder entführen und ins Meer werfen. Sie werden von Engeln in Gestalt von Schwänen ans Land getragen, Anceaume findet Aufnahme bei einem Fürsten in der Provence, Florisset wird in Genua von einem Löwen erzogen (vgl. die Rolle des Löwen und Affen im Kaiser Oktavian; s. u. Kap. VI). Der Affe kehrt rechtzeitig zurück, um zu verhüten, daß der Kaiser die Lubias mit den Ländereien des Milles belehne, und besiegt im Zweikampf den Kämpen der Lubias, der gehängt wird. Sie selbst wird verbrannt. Anceaume und Florisset kommen nach vielen Abenteuern nach Hause, den treuen Affen aber tötet die Freude des Wiedersehens.

Die Geschichte von Jourdain de Blaivies war ur- sprünglich gleichfalls selbständig und beruht in den letzten drei Vierteln auf dem griechischen Roman von Aiwllonius von Tyriis^ dessen Original verloren ist, von dem aber

86 Der Roman des Mittelalters.

mehrere lateinische Bearbeitungen, seit dem VI. Jahr- hundert vorhanden sind. Eine derselben, diejenige in den GestaRomanorum, ist die Quelle des französischen Apollonius- romans, der in der Übersetzung von Gilles Corrozet zu Anfang des XVI. Jahrhunderts mehrere Auflagen erlebte (s. Kap. IX). Da auch in diesem Roman Liebe und Treue eine große Rolle spielen, machte man, als die Legende von Amis und Amiles an den Sagenkreis Karls des Großen angeschlossen wurde, den Jourdain zu einem Enkel des Amis. Die Chanson de geste, unstreitig jünger und von einem anderen Verfasser herrührend, ist dichteriech die bedeutendere. Auch sie erfuhr im XV. Jahrhundert eine Neubearbeitung in Alexandrinern unter Benützung der Lothringer- und AVilhelmsgeste, und diese liegt dem Prosa- roman zugrunde, dessen älteste Handschrift 1456 und dessen erster Druck 1520 datiert ist. Einer der Söhne des Amis ist Girart de Blaivies und dessen Sohn ist Jourdain. Sein Vater und seine Mutter werden von dem Verräter Fromont, einem Xeffen Hardres meuchlings ermordet. Jourdain entkommt, da sein Erzieher Renier seinen eigenen Sohn opfert, und wächst in der Fremde auf. Zurück- gekehrt, erschlägt er Karls Sohn Lohier und entflieht mit Renier zu Schiffe. Seeräuber überfallen dieses, Jour- dain rettet sich durch einen Sprung ins Meer, wird Page am Hofe des Königs von Marcasile, verliebt sich in dessen Tochter Driabelle und begibt sich mit dieser auf die Suche nach Renier. L'm einen Seesturm zu beschwichtigen, wird Jourdains Gattin in einem Schrank ins Meer geworfen und gelangt nach Palermo, wo Jourdain sie wieder findet. Ihre Tochter wird, nachdem sie fast der öffentlichen Schande anheim gefallen wäre, Kaiserin von Konstanti- nopel. Schließlich versöhnt sich Jourdain mit dem Kaiser, besiegt Fromont und wird König von Marcasile.

Im Hinblick auf ihre literarische Verbreitung stehen unter den Romanen dieser Gruppe Huon von Bordeaux und die Haimonskinder nebst ihren Fortsetzungen obenan. Der Prosaroman von Huon erlebte in Frankreich

Matiere de France. 87

selbst eine Dramatisierung (1557 nebst anderen Stücken ver- boten' und wurde in England und Deutschland heimisch. In England durch die wörtliche Übersetzung von Lord Berners (1533 35), aus welcher Spenser {Fairie Queene 1590\ der Verfasser eines Mystere (1593) und Shakespeare {Sommertiachtstraumj die Gestalt des Elfenkönigs Oberon kennen lernten; in Deutschland durch "Wielands Oheron (1780, bezw. 1796) und die darauf gegründete Oper von Weber (1826), deren Libretto i,von Sotheby, deutsch von Th. Hell) der Komponist selbst entworfen hatte. Ri- naldo und die Seinen waren besonders in Italien beliebt, das vom XV. bis zum XVIII. Jahrhundert, vom Linamo- ramento di Rinaldo da Montealhano (ca. 1474) bis herab auf Forteguerris Ricciardetto (1738) eine ganze Reihe von Gedichten über die Haimonskinder und ihre Verwandten aufzuweisen hat. Durch die Dichtungen von Bojardo, Ariosto und Tasso sind sie zu Nationalhelden geworden, sie haben in den Augen der Nachwelt ihre französische Herkunft verloren und erscheinen uns heute eher als Produkte der italienischen Phantasie. Einer der hierher gehörigen französischen Prosaromane, La conquesfe de Trebi- sonde, soll sogar auf italienischer Quelle beruhen (s. oben S. 80). In Holland, England (W. Caxton 1489), Spanien (Trapesonda 1513, Luis Dominguez 1525) und Deutschland (1535) sind die Taten dieser Sippe durch die Volks- bücher heimisch geworden, und das deutsche Volks- buch ist dank der Erneuerung durch Tieck (1797) und Bechstein (1830) noch heute beliebt. Von den übrigen Romanen ist Fierabras ins Spanische (Piamonte 1528) und Deutsche (1533) übergegangen, Lohier und Mallart ins Deutsche (1407), Amis und Amiles ins Italienische (1503), Meurvin ins Englische (Markham 1612). Eng- land besitzt auch eine Bearbeitung von Auberts Con- questes de Charlemagne (v. Caxton 1485). Wielands Oheron fand ein bescheidenes Gegenstück in Alxingers Doolin von Mainz (1787).

88 Der Roman des Mittelalters.

Literatur. Über die Prosaromane nach Chansons de geste vergl. man: Gröber, 1. c. IL 1., S. 1010 f., 1193 f. Gautier, 1. c. H., S. 544 flf., 601 ff. Dunlop, 1. c, S. 115—145. - Grass e 1. c, S. 262—396. Becker, 1. c. §§ 78,79. Voretzsch, ]. c. paseim Doutrepont, 1. c. passim.

tralien le rhetore. Cy fine le romant de Galyen rhetore miec les hatailles faictes a ronceuaulx par la trahison de Gannes per de France atiec sa miserable execution faicte de pur lempereur CJiarlemaigne . . . Paris, Antoine Verard 1500, föl. Spätere Ausgaben: Paris, Veuve de Jehan Trepperei 1521, 4"; Lyon, Claude Nourry 1525; Paris, Michel Lenoir s. a. ; Paris, Alain Lotrian und Denis Janot s. a. ; Paris, Kic. Chrestien s. a.; Paris, Pierre Sergent s. a.; Lyon, Olivier Arnoullet s. a.; Paris, Jehan Bonfons s. a. (ca 1550), usw. Vgl. Galiens li restores, Schluß- teil des Cheltenhamer Guerin de MongJane, unter Beifügung sämt- licher Prosabearbeitungen zum erstenmal veröffentlich von E. Stengel. Marburg 1890 (Ausgaben u. Abbandlungen aus d. Ge- biete der romanischen Philologie, 84. Bd.). H. Schellenberg, Der altfranzüsische Roman Galten rhetore ... in seinem Verhältnis zu den verschiedenen Fassungen der Rolands- und Roncevaux-Sage Marburger Diss. 1883. Hietoire litteraire XXVIII, S. •221ff.

Gaston Paris, Le roman de la geste de Monglane (Romania XII [1883], S. 1 ff.). Gröber, 1. c. S. 793, 1011.

Lohier et Mallart (verloren). Deutsche Übersetzung: Ein schön icarhafftige Hystory von Keiser Karolus sun genant Loher oder Lotarius wie er verhant ward siben iar dem Knnigreich vnd wie er sich die selbig Zeit so ritterlich bruchte, das er zuletst Römischer Keiser, vnd im vßgeschniUen tvard. Straßburg 1513; dann ebda. 1514; Frankfurt 1657, usw.; erneut von Karl Simrock, Stuttgart 1868.

Vgl. Histoire litteraire XXVIH, S. 239 ff. Gröber, 1. c. S. 794, 1194.

Fierabras. Le Roman de Fier a Bras le geant. Geneve 1478, fol. Spätere Ausgaben: ibid. s. a. fol.; ibid. 1483, fol.; Lyon, Guill. le Roy 1486, fol.; Lyon, Pierre de Ste Lucie 1486, 4" (unter dem Titel: Le cöqste du grant roy Charlemaigne des espaignes. Et les vaUlances des douze pers de France. Et aussi Celles de Fjerabras), Lyon, J. Maillet 14S9; Lyon, Pierre Mareschal und Barnabas Chaussard 1497 usw. Spanische Übersetzung: Historia del emperador Carlo Magno y de los doce Pares de Francia y de la batalla que hnbo Olivero con Fierabras rey de Alexandria, por Nicolas de Piamonte, Sevilla 1528, ibid. 1547; ibid. 1549; Alcalä 1570 usw. Portugiesische Über- setzung (nach der spanischen): Historia do imperador Carlos Magno et dos doze pares de Francia, trad. de castelhano em

Matifere de France. 89

portuguez por Hyeronimo Moreyra de Carvalho. Coimbra 1732 (frühere Ausgabe: Lissabon 1728; ein zweiter Teil von Domingo Gongalvos, Lisboa 1737); dann 1787, usw. Deutsche Übersetzung: Fierrahras. Eyn schöne, kurzweilige Histori von eym mächtige Riesen cnis Hispanie Fierrahras genant . . . Siemern 1533; dann Frankfurt s. a., usw.; abgedr. bei J. G. G. ßüsching und Fr. H. v. d. Hagen, Buch der Liehe, Berlin 1809. Vgl. Gaston Paris, Histoire jwetique de Charlemagne, Paris 1865 S. 97 ff. Gröber, 1. c. S. 541 f., 1194.

Hnon de Bordeaux. Les prouesses et faictz merveilleux du nohle Huon de Bordeaulx per de France, duc de Giiyenne nou uellement redige en hon francoys. Avecques phisieurs aultres faitz d- pi^'ouesses daulcuns Princes regnans en son temps. Paris, Miche Lenoir 1513, fol. (British Mus.). (Liure du duc Huon de Bor deaulx et de ceulx qui de luy yssirent). Spätere Ausgaben : Paris, Michel Lenoir 1516, fol.; Paris, Veuve Jeban Trepperel 8. a.; Lyon, Olivier Arnoullet s. a. ; Paris, Jehan Bonfons s. a.; Ronen, Romain deBeaunais s. a.; usw. Englischeübersetzung: Here hegynnethe the hoke Huon ' de Bordeuxe and of them that is- suyd frö him (Übersetzer: John Bourchier Lord Berners, London, Wynkyn de Worde 1538/35 u. ö.; neu herausgeg. von Lee (Early English Test Society, Bd. 40, 41, 43, 50); neubear- beitet von R. Steele 1895. Der niederländische Prosa- roman aus dem Anfang des XVI. Jahrhunderts beruht auf einem älteren niederländischen Gedicht. Chr. M. Wieland. Oberon. Ein Gedicht in vierzehn Gesängen (im Teutschen Merkur 1780; in der definitiven Gestalt in den Sämtlichen Werken, Bd. 22 23, 1796; Wieland lag nur der Auszug des französischen Prosaromans in der Bihliotheque universelle des liomans 1778 vor). Neu- bearbeitung des französischen Prosaromans: Aventures merveil- leuses de Huon de Bordeaux pair de France et de la helle JEsclar- monde ainsi que du petit roi de feerie Auheron, mises en nouveau langage par Gaston Paris, Paris 1898, 4°. Deutsche Bear- beitung der letzteren : Die iviinderbaren Abenteuer des Eitters Hugo von Burdigal, Herzogs von Aquitanien, und der schönen Klarmunde sowie des Elfenkönigs Oberon. Nach Gaston Paris wiedererzählt von Richard von Kralik. Wien 1901. Vgl. Carl Voretzsch, Die Komposition des Huon von Bordeaux. Halle 1900 (Epische Studien L). Gröber, 1. c. S. 549 f., 801 f.

Prosabearbeitung'en der Wilhehnsgeste. Die gedruck- ten Abschnitte angeführt bei Gröber, 1. c. S. 1193. Vgl. Romania III (1874), S. 197 ff. J. Weiske, Die Quellen des alt- französischen Prosaromans von Guillaume d' Orange. Diss., Halle 1898 (vgl. Zeitechr. f. roman. Phil. XXIL S. 547).

90 Der Roman des Mittelalters.

Cruerin de Montglane. Icy est contenu les deux tres plai- santes hystoires de Gxierin de Montglaue et de Maugist d 'A ig rem ont qui furent en leur temjps tres nobles et vaillans cheualiers en armes et si parle des terribles et merueilleux faictz que firent Bobastre et Perdigon poiir seconrir le dit Guerin et ses enfäs et aussi pareillement de ceulx dudid Maugist . . . Paris, Michel Lenoir 1518, fol. Spätere Ausgaben: Paris, Jehan Petit 1518, fol. ; ibid., Alain Lotrian b. a., 4"; ibid., Jehan Bonfone s. a., 4°. Vgl. Gröber, 1. c. S. 793.

Doolln de Mayence. La fleiir des batailles, Doolin de Maience , cheualier preux et hardi, fils du noble et cheualeureux Guy, comte de Maience. Paris, Antoine Verard 1501, fol. Spätere Ausgaben: Paris, Alain Lotrian und Denis Janot b. a., 4°; ibid., Nicolas Bonfons s. a., 4°; Rotterdam, Jean Waesbergue 1604 (molernisiert); Troyes, Xic. Oudot (Bibl. bleue). Johann Baptist Edler v. Alxinger, Doolin von Maynz. Ein Rittergedicht. Leipzig u. Wien 1787. Vgl. Gröber, 1. c. S. 798.

Ogier le danois. Cy finnist le rommant nöme Ogier le Danoys. Paris, Antoine Verard s. a. (ca. 1498), fol. Spä- tere Ausgaben: Paris, le petit laurens s. a., fol.; ibid., Veuve Jehan Trepperei et Jehan Jehannot s. a., 4°, ibid., N. Chretien 8. a., 4*^; Lyon, Claude Xourry 1525, 4"; Paris, Alain Lotrian u. Denis Janot s. a. il520). 4°; ibid., Nie. Bonfons s. a., 4°, usw. Vgl. Gröber, 1. c. S. 546 f., 782, 799 f.. 811, 1194.

MeurTin. L'Histoire du preux Meuruin, filz d'Oger le Danoys; lequel par sa prouesse conquist Hierusalem, Babylon et plusieurs autres royaulmes sur les inßdeles . . . Paris, Pierre Sergent und Jehan Longis 1540, fol.— Englische Übersetzung: The most famous and renowned Historie of tliat woorthie and illu- strious Morvine, son to Oger the Dane, translated by James Mark- ham, London 1612. Vgl. Gröber, 1. c. S. 800.

trerard d'Euphrate. Le premier Hure de l'histoire et an- cienne cronique de Ger ard d'Euphrate, duc de Bourgongne, traitant pour la plus pari, son origine, ieunesse, amours et cheualereux faitz d' armes: auec rencontres, et auantures inerueilleuses, de plusieurs cheualiei-s et grans seigneurs de son temps. Paris, Vincent Ser- tenaa und Estienne Groulleau 1549, fol.; dann: Lyon, Benoist Rigaud 1580. Auszug von Coutant d'Orville, Paris 1783, 2 Bände 12 ^ Vgl. Karl Raders, Über den Frosaroman L'Hi- stoire et ancienne cronicque de Gerard d'Euphrate [Paris 1549], Diss., Greifswald 1907 (mit Textproben).

BeuTe de Hanstone. Beufves danthonne. Nouuelle- tnent imprime a Paris, Antoine Verard s. a., fol. Spätere Aus- gaben: Paris, Michel Lenoir 1502; ibid., Phil. Lenoir s. a. usw. Niederländische Übersetzung: Die h istorie van Buevijne van

Matifere de France. 91

Austoen wt Engelands geboren .... Antwerpen 1504; dann 1552, 1556. Über die handschriftlichen Übersetzungen in irischer und kymischer Sprache und über die nordische Beverssaga vgl. Dr. Christian Boje, tjher den altfranzösischen Roman von Beuve de Haintone, Halle 1909 (Beiheft 19 zur Zeitsclirift für ro- manische Philologie). Gröber, 1. c. S. 573, 811.

Quatre fils Aymon. Les quatre filz Aymon. s. 1., s. a. (ca. 1480), fol. 226 Bl. Spätere Ausgaben: Les quatre filz Aymon (Cy finist Ihystoire du noble & vaillant cheualier regnaidt de niont- auban), Lyon 1493, fol.; Lyon, Jehan de Vingle 1495, fol.; ibid. 1497, fol.; Paris, Thomas Duguernier 1506; ibid. 1508; Paris, Yeuve de Michel Lenoir 1521, usw. Histoire singuliere et fort recreative contenant les faictz et gestes des quarte filz Aymon et de leur cousin Maugis, lequel fut pape de Borne, semblablement la chronique de cheualier Mabrian, roy de Jherusalem. Paris, Denys Janot 8. a., 4". Spätere Ausgaben: Paris, GaUiot du Pr6 1525, fol.; ibid., Alain Lotrian s. a., 4 ". La belle et plaisante histoire des qua- tre filz Aymon. Anvers 1561, 4''(Umarbeitung durch die Redaktoren des Mabrian, Guy Bonnay und Jean le Cueur). Spätere Aus- gaben: Lyon, Fr. Arnoullet 1571,4"; ibid. 1573,4"; Lyon, Rigaud 1583, 4"; Troyes, Nie. Oudot 1625, 4" usw. Spanische Übersetzung (nach einer handschriftlichen italienischen): Libro del noble y es- forgado cavallero Feynaldos de Montalvan, traducido del toscano en lengua castellana por Luis Dominguez, Sevilla 1525 u. ö. Englische Übersetzung: The four sonnes of Aymon (von W. Caxton), 1489; dann Wynkyn de Worde 1504; Copland 1554; neu herauegg. von Richardaon (Early English Text Society, Bd. 46 48, 65); neu bearbeitet von R. Steele, London 1897. Niederländische Übersetzung (nach dem Französischen), Gent 8. a. Deutsche Übersetz ng: Eyn schön lustig Geschieht, wie Keyser Carle der groß, vier Gebrüder, Hertzog Aymont von Dor- dons Säne, vmb das der eilest vndter jenen Reynhard qoiant, dem Keyser seiner Neuen eynen mit eynem Schachbrett erschlug, sechzehen

jarlangkt bekrieget Siemern 1535; dann Cöln 1604 usw ;

neubearbeitet von L. Tieck in den Volksmärchen 1797 und von Ludw. Bechstein, Die Haimonskinder, ein Gedicht aus dem, Sagen- kreise Karls d. Gr., Leipzig 1830. Vgl. Histoire littöraire XXII, S. 707. - Gröber, 1. c. S. 547f., 800f., 1194. - Leo Jordan, Die Sage von den vier Haimonskindern. (Romanische Forschungen XX [1905], S. 1 ff.).

Maugis. Sensuyt la tres playsante hystoire de Maugist Daygr emont et de Uiuian son frere, en laquelle est contenu coment Maugist a layde de Oriane la face samye alla en hjsle de Boucault, ou il se habilla en deable. Et puis commet il enchanta le deable Eaouart et occist le serpent qui gnrdoit la röche; par la quelle chose

92 Der Roman des Mittelalters.

ü conquist le cheual Bayard et aussi conquesta le grant geant Sor- galant. Paris, Alain Lotrian s. a. 4°. Spätere Ausgaben: zu- sammen mit Guerin, Paris. Michel Lenoir 1518 (s. oben S. 90); Paris, Jehan Trepperei 1527, 4*>; Lyon, Olivier ArnouUet 1538, 4"; ibid. 1551, 4°; Paris, Veuve de Jehan Bonfons s. a., Paris, IS'icolas Bonfons s. a., 4" usw. Vgl. Histoire litteraire XVm, S. 730. - Gröber, 1. c. S. 800.

Conqueste de Trebisonde. Sensuit la cöqueste du tres puissät empire de Trebisöde et de la spacieuse Äste, en laqlle sont comprinses plusieurs hatailles tat p mer q p terre ensemhle mattes triüphales entrees de ville et princes dicelles decorees p stille poeticq et descriptio de pais atiec plusietirs cöptes damours q jusqs cij nont este veiiz et harangues tres eloquetes. (Cy fine ce psent liure La conqueste de lampire de Trehisonde faicte p>a7- Regnatilt de Mont- auban filz du dut [sie] Aymond de Dardayne.) Paris, Veuve de Jehan Treperel s. a., 4**. Spätere Ausgaben: Paris, Alain Lotrian s. a., 4"; Lyon, Frangois Arnoullet 1598 (unter dem Titel La chroniqne de Turpln) usw. Spanische Übersetzung: La Trap)eso7ida, que es tercero libro de don Benaldos, Se\'illa 1513. Vergl. Histoire litteraire XXII, S. 707. Gautier, 1. c. II. S. 629 fif.

Mabrian. Histoire singuliere dr fori recreatiue cotenät la reste des faiiz d- gestes des qiiatre filz Aymon, JRegnault, Allard, Giiischard, et le petit Richard. Et de leur coiisin le subtil Maugis . . . Semblablement la cronicque et hystoire ... du cheualeureux 2)reux dt redonbte prlce Mabrian roy de Hienisalem . . . le tout traduict de vieil lägaige en iidgaire francoys {Fin de la cronique . . . du preux . . . Mabrian). Paris. Gailliot du Pre s. a., fol. (die Namen der Bearbeiter kommen im Prolog vor). Spätere Ausgaben: Paris, Jaques Nyverd 1530, fol.; Paris, Denis Jannot s. a., 4°; Lyon, Olivier Arnoullet 1549, 4" usw. Vergl. Histoire litteraire XXH, S. 706.

Aqnilon de Bariere. Vgl. A. Thomas, Aquilon de Baviere, roman franco-italien inconnu [Ms. Vat. Urb. 381]. (Romania XI [1882], S. 538 ff.)

David Aubert. Über ihn und seine Kompilationen vgl. Doutrepont, 1. c. S. 30—35, 42. Gröber, 1. c. S. 1144 und die dort angeführte Literatur. Conquestes de Charlemagne. Inhaltsangabe bei Baron de Reiffenberg, Clironique rimee de Phihppe Mouskes. Bruxelles 1836 fif. I. S. 474. Vgl. Gurt Valentin, Untersuchung über die Quellen der Conquestes de Charle- maine [Dresdener Hs. 0. 81] (Romanische Forschungen XIII [1902], 8. 1 ff.). Englische Übersetzung: W. Caxton, Tlie Lyf of Charles the great, 1485. Histoire de Charles Martel et de

Matiere de Rome la grant. 93

ses successeurs. Auszüge bei Paul Meyer. Gh-aft de Roussillon, Paris 1884, Einleitung S. 192.

Prosaauflösungen der Lothringergeste. Vgl. Gröber, 1. c. S. 1194. Histoire litteraire XXII, S. 643.

Oirart de Eoussillon. Senswjt Ihystoire de Monseigneur Gerart de Eoussillon iadis duc et cöte de Bourgongne et Dac- qiiitaine. Lyon, Olivier Arnoullet s. a. (Anfang des XVI. Jahr- hunderts), kl. 4". Genauer Abdruck der Originalausgabe herausgg. von M. A. de Terrebasee, Lyon 1856. Xeu- herausgg. von de Montille, 1880. (Societe d'arch^ologie, d'hi- stoire et de littörature de Beaune.) Vgl. Doutrepont, 1. c. S. 22 flf. - Gröber, 1. c. S. 562 f., 808, 1143.

Amis et Amiles. hi amitiez de Ami et Amile (Prosa- bearbeitung aus dem XIII. Jahrhundert), gedr. bei Mol and et d'Hericault, Nouvelles frangaises en prose du XIII. siede, Paris 1856. Milles et Ainys (Sy finist le Hure de miles et atnys nouuellement imprime . . .), Paris, Antoine Verard s. a. (ca. 1503), fol. Spätere Ausgaben: Lyon Olivier Arnoullet 1531, 4"; Paris, Alain Lotrian und Denis Janot s. a. 4P\ Paris, Nicolas Bon- fons 8. a. Italienische Übersetzung: Milles e Amis, il quäl racconta le gesta e gli altri fatti del cavaller Milles e di Amis . . . tradotto dal francese in italiano. Venezia 1503, 4"; dann Milano 1523, 4°; 1530, 4°. - \"gl. Gröber, 1. c. S. 570, 1088, 1194.

Jonrdain de Blaiyies. Les faitz et jyroicesses du noble et vaillant cheualier Jourdain de Blaues, filz de Girard de Blaues, leql en son vlvant conquesta x>lusieurs royaulmes sur les Sarrazls . . Paris, Michel Lenoir 1520, fol. Spätere Ausgaben : Paris, Alain Lotrian s. a.; ibid., Nicolas Chrestien s. a. usw. Vgl. Gröber, 1. c, S. 571 f., 1088, 1194.

V. Matiere de Rome la grant.

Die Gruppe der Romane über antike Stoffe ist weit weniger reichhaltig als die beiden vorher besprochenen. Die Zahl der zu verzeichnenden Werke ist eine geringe, und unter ihnen haben wieder nur einzelne einen dauernden literarischen Einfluß geübt. Die ganze mittelalterliche Eigenart der Gattung kommt aber gerade in diesen Romanen am deutlichsten zum Ausdruck. Es wurde bereits oben gezeigt, wie die Dichter der versifizierten Troja- und Alexanderromane die Geschichte und Sage des klassischen Altertums umgestalteten. In ihre Fußtapfen traten nun

94 Der Roman des Mittelalters.

die Prosaisten, welche sich solcher Stoffe bemächtigten. Ihrer denaturierenden Arbeit ist es in vielen Fällen ge- lungen, die urs23rüngliche Fabel so zu entstellen, daß sie kaum mehr zu erkennen ist.

Die älteste romanhafte Prosabearbeitung eines Stoffes aus dem klassischen Altertum liegt in dem Livre de Troilus vor, dessen Verfasser Pierre de Beauvau gegen Ende des XIV. Jahrhunderts am Hofe des Königs von Sizilien lebte. Die Liebesgeschichte des trojanischen Prinzen Troilus und der falschen Briseis, die ihn mit dem Griechen Diomedes betrügt, hatte Benoit de St. More zweihundert Jahre früher poetisch bearbeitet, Pierre de Beauvau schöpfte aber nicht aus dem Roman de Troie oder einer seiner zahlreichen Nachahmungen, sondern, wie er selbst angibt, aus dem FUostrato des Boccaccio. (Aller- dings schreibt er dieses Gedicht dem Petrarca zu.) Inter- essant ist der Prolog, in welchem er darlegt, wie er dazu kam, diesen Stoff zu wählen ; es sei ihm ebenso er- gangen wie dem Troilus, auch seine Geliebte habe ihn im Stiche gelassen und einem andern den Vorzug gegeben. Die Art seiner Erzählung wirkt durch ihre Naivität noch heute anziehend.

Diese kleine Novelle aus dem Altertum blieb neben den umfangreichen Rittergeschichten des karolingischen und des bretonischen Sagenkreises lange Zeit eine ver- einzelte Erscheinung, und sie fand so wenig Beachtung, daß man ihr bis in die jüngste Zeit nicht einmal die Ehre des Druckes zuteil werden ließ. Umfangreichere Prosaromane über antike Stoffe entstanden erst ein halbes Jahrhundert später und besonders am burgundischen Hofe. Das lebhafte Interesse, welches die Herzoge dem klassischen Altertum entgegenbrachten, erklärt dies zur Genüge. Indem Philipp der Gute 1430 den Orden vom goldenen Vließ gründete, gab er der Geschichte Jasons gewissermaßen eine aktuelle Bedeutung, und die Dichter wetteiferten in der poetischen Verherrlichung dieses Stoffes. Aus diesem Anlaß schrieb Michel Caron, genannt

Matiere de Rome la grant. 95

Taillevent, sein Festgedicht Songe de la Toison d'or, und Guillaume Fillastre, Bischof von Verdun, behandelte in seinem (unvollendet gebliebenen) allegorischen Werk La Toison d'or (1468 72) die sechs Vließe, jenes von Kolchis und die fünf, welche in der Bibel genannt sind. Man träumte nur von Lammsfellen. 1454 oder etwas später verfaßte Raoul Lefevre (f nach 1467), Kaplan Philipps des Guten, im Auftrage des Herzogs seine Istoire de Jason extraicte de plusieurs liv res, die zwanzig Jahre später gedruckt wurde. Im Prolog erzählt der Verfasser, daß ihm Jason selbst erschienen sei und ihn gebeten habe, ihn vor der Nachwelt zu rechtfertigen, bei welcher er in schlechtem Rufe stehe, weil er der Medea die Treue gebrochen habe. Er habe ihn auch beauftragt, das Buch Philipp zu widmen («pere des escripvains . . , qui tonte sa vie ä este nourri en histoires pour son singulier passetems») und dies tue er hiermit ^desirant Vonneur esclairchir et les vertiis declairer de cestuy Jason». Ob ihm dies gelang, ist eine andere Frage.

Bedeutender ist Lefevres Recueil des histoires de Troie, der 1463 verfaßt, später komplettiert wurde und dessen erste Ausgabe ohne Angabe des Jahres und Ortes ca. 1476 bei Colard Mansion in Brügge erschien. Die englische Übersetzung, welche Caxton 1469 71 im Auftrage der Margarete von York, Gemahlin Karls des Kühnen, herstellte, wurde schon etwas früher, um 1474, in Frankreich gedruckt. Diese Umstände beweisen, welches Ansehen das Werk genoß. Lefevre hält sich darin vornehmlich an Guido delle Colonne, daneben auch an die Göttergenealogien des Boccaccio u. a. Interessant ist auch hier der Prolog, in welchem er erklärt, daß ihn Philipp mit dieser Arbeit beauftragt habe und den Plan derselben entwickelt. Er gibt die ganze Geschichte Trojas, weit über den Stoffkreis der homerischen Gedichte hinaus. Sein Werk zerfällt in drei Teile. Der erste handelt von Jupiter und Saturn, Perseus und der Erbauung Trojas, der zweite von Herkules, der ersten Zerstörung Trojas und dem

96 Der Roman des Mittelaltere.

Raub der Helena, der dritte von dem Rachezug der Griechen, der abermaligen Verwüstung der Stadt und den weiteren Schicksalen der Helden. Der zweite Teil wurde später auch selbständig gedruckt unter dem Titel Les proesses et vaillances du preux Hercules (1500). Die Auffassung der Vorgänge ist auch hier noch eine völlig mittelalterliche, und der moderne Leser staunt über die historischen Unmöglichkeiten und albernen Anachronismen, welche ihm hier auf Schritt und Tritt begegnen. Man glaubt einen Ritterroman zu lesen. Green erteilt dem Herkules den Ritterschlag, dieser dem Jason. Die Helden des alten Griechenland reiten von einem Tournier zum andern, und im katholischen Troja gibt es Klöster wie in irgendeiner christlichen Stadt. Bemerkens- wert sind die Ausgestaltungen der antiken Sage, welche dazu dienen sollen, die Vorgänge dem Publikum jener Zeit näher zu bringen, obwohl einige derselben schon in der älteren Literatur erscheinen. Der Myrmidonenkönig, zu welchem Jason und Medea kommen, ist ^fort endin a chanter, danser et faire toutes choses joyeuses, et qui plus est il regardoit moult volentiers les helles demoisellesf . Als er Medea, obwohl sie ihn verjüngt hat, von seinem Hofe verweist, ruft sie mit Hilfe ihres Zauberringes vier ge- flügelte Drachen herbei, deren verschlungene Schweife einen Wagen bilden, und fährt auf diesem samt ihren Kindern davon. Diese Stelle zeigt deutlich, wie sich der Geist der Artusromane der antiken Fabelstoffe bemächtigt und sie den Anforderungen mittelalterlicher Leser an- gepaßt hatte. Ob Lefevre auch der Verfasser einer ziemlich verbreiteten Prosaauflösung des Roman de Thebes (Rom an t d'Edipus) ist, läßt sich nicht feststellen.

Die Alexandersage, welche schon zu so vielen Gedichten Anlaß gegeben hatte, erfuhr im Anschluß an Pseudokallisthenes eine ganze Reise von Prosabearbeitungen. Unter diesen erlangte eine mannigfach verzierte und aus- geschmückte Übersetzung der Historia de proeliis die größte Verbreitung. Sie stammt aus der zweiten Hälfte

Matiere de Rorue la grant. 97

des Xni. Jahrhunderts, ist in 17 Handschriften erhalten und wurde 1506 zum erstenmal gedruckt, (L'Histoire du noble et vaillant roi Alexandre.) Sie vereinigt alle Fabeln, welche seit Jahrhunderten über den großen Eroberer im Umlauf waren. Man erfährt daraus, daß Alexander nicht der Sohn Philipps von Mazedonien, sondern des ägyptischen Königs Xektanebus gewesen sei, der^ in magischen Künsten wohl erfahren, der Königin Olympias in der Gestalt des Jupiter Ammon nahte ein in der Literatur seit dem «Weber als Wischnu» des Pantschatantra und seit der Geschichte von Jupiter und Alkmene unzählige Male wiederkehrendes Motiv (vgl. Boccaccio, Dec. IV, 2). In der Folge weiß Nektanebus die Gunst Philipps zu gewinnen und wird von diesem zum Erzieher des Prinzen bestellt. Alexander legt bald seinen hohen Sinn an den Tag, bleibt aber klein von Statur und neigt wie Nektanebus stets den Kopf nach der einen Seite, weshalb man am Hofe zu sagen pflegt^ er gleiche an Gestalt dem Priester des Jupiter, an Seele ihm selbst. Seine Züge sind ins Fabelhafte ausgedehnt. Er erobert Rom, empfängt dort den Tribut aller Völker und erlebt in Persien und Indien die merkwürdigsten Abenteuer. Er findet im Palast des Königs Porus einen ganz aus Edelsteinen bestehenden "Weinstock, lernt Frauen kennen, die den Männern die Seele entziehen, und andere, die den Winter über begraben liegen, um dann im Sommer zu neuer Schönheit zu erblühen. Nach- dem er sich die ganze Erde unterworfen, geht er mit Hilfe von Magiern an die Eroberung der Luft und des Meeres. Er durchfliegt zunächst in einem von acht großen Greifen gezogenen Glaskasten die Luft und nimmt die Huldigung der Vögel (orientalisches Motiv), dann in einer Taucherglocke jene der Fische entgegen. Darauf folgt seine Krönung in Babylon, bei welcher das solenne Hoch- amt nicht fehlt. Er stirbt an Gift, wie ihm dies von den Salamandern, die er hielt, prophezeit worden war. Der Herrscher, dem die ganze Welt Untertan war,

V. Wurzbach, Geschichte des franz. Romans. I. 7

98 Der ßoman des Mittelalters.

mußte natürlich auch über Burgund geboten haben, und deshalb wandte man ihm am burgundischen Hofe be- sondere Aufmerksamkeit zu. Dies fand Jean Wauquelin nur recht und billig, als er, vor 1448 auf Veranlassung des Grafen Jean d'Etarapes, eines Enkels Philipps des Kühnen, seinen Livre des conquestes et faits d'Ale- xandre le grand verfaßte. Er hält sich in dieser Schrift, von welcher nur Fragmente bekannt sind^ vor- nehmlich an die Gedichte von Lambert li Tors und Alexandre de Paris, benützte daneben aber auch die anderen Alexander-Dichtungen und den vorerwähnten Roman. In Burgund entstand auch eine französische Übersetzung des Curtius Rufus von Vasco Fernändez de Lucena (1468). Ihr Verfasser war ein Portugiese, der im Gefolge Isabellas, der Gattin Philipps des Guten, nach Burgund kam.

Eine Art Vorgeschichte zum Alexanderroman bildet der Roman de Florimont (Handschrift nach 1418, gedr. 1528), der aber ebensogut unter den Abenteuer- romanen seinen Platz finden könnte. Er beruht auf einem noch ungedruckten Gedicht von Airaon de Varennes, der auf seinen Reisen durch Thrazien und Griechenland zu Philippopel die Geschichte der Vorfahren Alexanders kennen gelernt haben will und sie dann nach seiner Heimkehr 1188 zu Chätillon bei Lyon zu Ehren einer Dame (Aveline oder Juliane) aufschrieb. Ein Schwieger- sohn des Romulus, der Admiral Madien von Agj^pten, überläßt das ihm gehörige Griechenland einem seiner Söhne, Philipp Macemus (daher Mace-äonien). Dieser heiratet, nachdem er sein Land von Ungeheuern und fremden Räubern gereinigt und an dem Ort, wo er einen Löwen getötet, die Stadt Philippopel erbaut hat, die Prin- zessin Mordaille, die Tochter eines afrikanischen Königs. Die Tochter dieser beiden ist Romanadaple, deren Name anagrammatisch plein d'amour (plena d'amor) ergibt und die einer Weissagung zufolge den Prinzen Florimont, den Sohn eines Herzogs von Albanien, heiraten soll. Letzterer

Matiere de Rome la grant. 99

genießt unterdessen heinalich die Liebe der Fee von der verborgenen Insel, aus deren Banden ihn aber sein Erzieher befreit. Als die Fee den Nektanebus heiratet (der hier etwas verfrüht erscheint), fällt Floriraont der Verzweiflung anheim, vernachlässigt sein Land, verarmt und nennt sich le pauvre perdu. Dann wird er der Gatte der Romana- daple, die ihm einen Sohn Philipp von Mazedonien schenkt. Dieser vermählt sich mit Olympias, der Tochter eines Admirals von Karthago (s. oben S. 9) und wird der Vater Alexanders des Großen. Eine etwas abweichende Version dieses Unsinns stellt der Roman de Madien dar, der von seinem Verfasser Perrinet de Pin aus La Rochelle im Jahre 1448 der Anne de Lusignan, Erb- prinzessin von Cypern und Herzogin von Savoyen, gewidmet und 1527 gedruckt wurde.

An dieser Stelle ist auch der eigentümlichen Rolle des Virgil in der mittelalterlichen Fabulistik zu gedenken. Um dieselbe zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, welches Ansehen die Werke dieses Dichters bei seinen Zeitgenossen und bei der Nachwelt besaßen. Dieses An- sehen gründete sich in letzter Linie auf die Korrektheit der Sprache Virgils, er war höchste Autorität in gram- matischen Dingen. Aus dieser äußerlichen Untadelhaftig- keit entwickelte sich der Glaube an seine innere Infalli- bilität, denn was so korrekt und einwandfrei geschrieben war, mußte auch dem Inhalt nach richtig sein. Die Art, wie er über Verborgenes sprach (Aeneas in der Unterwelt), ließ alsbald in ihm einen Allwissenden vermuten, und von da war zum Propheten nur ein Schritt. In der Tat stellten ihn die Autoren des ersten Christentums (Augustinus u. a.) im III. und IV. Jahrhundert als einen Verkünder der neuen Lehre hin und behaupteten, er sei Monotheist gewesen. Sie beriefen sich dabei besonders auf die Anfangs- verse der 4. Idylle, die man als rnessianische Weissagung deutete, obwohl darin nur von dem Konsul Asinius Pollio und seinem Söhnlein die Rede ist. Kein Wunder, wenn das Mittelalter die Aeneis mit Vorliebe als Stechbuch ver-

100 Der Roman des Mittelalters.

wendete noch Rabelais spricht von den Sortes Virgilianae (s. u. Kap. VIII) und in dem alten Dichter einen richtigen Zauberer sah. Dante konnte keinen besseren und weiseren Führer durch Hölle und Fegefeuer finden. Zur selben Zeit, als man in Frankreich den Inhalt der Aeneis in die Form eines Versromans goß (s. o. S. 32), bildete sich um die Person des berühmten Römers ein ganzes Gewebe von Fabeln. Es scheint, daß diese Phantastereien und Wundergeschichten von jenen Städten, die im Leben Virgils von Bedeutung waren, ihren Ausgang nahmen, von seiner Geburtsstadt Mantua, von Rom, besonders aber von seinem Sterbeort Neapel. In der mantuanischen Vers- chronik von Bonamente Aliprando (1414), in den Sieben weisen Meistern, welche den Virgil über alle Weisen stellen, in den Gesta Romanorum und anderen volkstümlichen Werken findet man eine Menge orientalischer Motive auf ihn übertragen. Da ihm so auch Liebesabenteuer an- gedichtet werden, welche mit der ihm gezollten Ehrfurcht übrigens nur schlecht in Einklang zu bringen sind, weist seine Märchengestalt schließlich Züge vom Magier, vom Propheten und vom Galant auf.

So erscheint sie in dem eigenartigen Roman Les faits merveilleux de Virgile^ der um die Mitte des XV. Jahrhunderts verfaßt und seit Anfang des XVI. oft gedruckt und in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. In diesem Buche ist alles vereinigt, was das Mittelalter über ihn zu erzählen wußte. Man findet da die Geschichte von dem Zauberspiegel, welchen Virgil konstruierte und in dem alles zu sehen war, jene von dem kupfernen Reiter, der Rom vom Gesindel säuberte, und viele andere. Die weiteste Verbreitung fanden aber die Fabeln von dem Mund der Wahrheit {Bocca della veritä) und das sogenannte Korbabenteuer. Virgil soll eine eherne Schlange konstruiert haben, welche den Mein- eidigen die Finger abbiß und daher bei gerichtlichen Be- eidigungen verwendet wurde. Eine Frau, welche unter dem Verdachte des Ehebruchs angeklagt war, sollte nun schwören,

Mati^re de Rome la grant. 101

daß sie ihren Mann nie betrogen habe. Sie veranlaßt ihren Liebhaber, sich als Narr darzustellen und sie öffentlich zu umarmen, und schwört dann, daß sie außer von ihrem Gatten und von diesem Narren nie von einem Manne umarmt worden sei. Durch diese geschickte Reservatio mentalis wird die eherne Schlange überlistet (vgl. Isoldens Reinigungseid oben S. 52). Virgil verliebt sich in die Tochter des römischen Kaisers, und diese verspricht ihm, ihn des Nachts in einem Korbe zu ihrem Fenster emporzu- ziehen. Tückischerweise läßt sie jedoch den Korb mit dem darin befindlichen Dichter auf halbem Wege hängen, und da am nächsten Tage Markt ist, wird die Schande Virgils offenbar. Dieser hat aber nicht umsonst die schwarze Kunst zu «Tolette» studiert und rächt sich, indem er in Rom das Feuer ausgehen läßt, welches fortan nur an einer bestimmten Stelle des Körpers der Prinzessin zu holen ist.

Eine der sonderbarsten Kompilationen ist wohl der oft gedruckte Triumphe des Neuf Preux (gedr. 1487), ein Buch, welches die Grundsätze der Ritterromane zu- gleich auf das Mittelalter und auf das klassische Altertum und obendrein noch auf die Bibel anwendet, um schließ- lich in eine Verherrlichung des Konnetable Bertrand du Guesclin, eines französischen Kriegshelden des XIV, Jahr- hunderts (f 1380) auszuklingen. Von den neun größten Helden aller Zeiten, deren Taten darin geschildert werden, gehören drei dem Judentum an (Josua, David, Judas Makkabäus), drei der Antike (Hektor, Alexander, Julius Cäsar) und drei der jüngeren Vergangenheit (Artus, Karl der Große, Gottfried von Bouillon). Diese Neuf Preux, die dem späteren Mittelalter als Verkörperung seiner Ideale erscheinen und die auch in der bildenden Kunst oft wdederkehren, werden zuerst 1313 in den Yoeux du paon von Jacques de Longyon erwähnt, aber der in Rede stehende Roman hat gewiß am meisten zu ihrer Popu- larität beigetragen. Eine Reproduktion in kleinerem Stile ist der Roman Les trois grands, savoir Alexandre

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Pompee et Charlemagne (s. a.), der allerdings auf die Liebschaft des Pompejus mit der römischen Kurtisane Flora das Hauptgewicht legt. Der Fall, daß sogar die Bibel den Stoff zu einer solchen Verarbeitung hergeben mußte, hat sich nur noch einmal in dem Prosaroman von Judas Makkabäus (gedr. 1514) ereignet. Dieser hat einen gewissen Charles de Saint-Gelais, Archi- diakon zu Lu§on, zum Verfasser und nimmt schon in seinem Titel, gewissermaßen zur Rechtfertigung, auf die Neuf Preux Bezug, unter welche der Held zu rechnen sei. Seine Vorlage ist die nach 1250 von Gautier de Belle- perche verfaßte freie Nachdichtung der ersten sieben Kapitel des ersten Makkabäerbuches, welche dieser nach 23 516 Versen abbrach, da er es nicht über sich bringen konnte, den Helden sterben zu lassen; Pierrot du Ries (ca. 1280) hatte daher einen Schluß von 1600 Versen hinzugeschrieben. «Eine französische Dichtung, die von gleicher Begeisterung für ihren Gegenstand erfüllt wäre, gibt es in der zweiten Hälfte des XHI. Jahrhunderts nicht mehr» (Gröber). Diese Begeisterung ist auch in den Prosaroman übergegangen.

Unter den hier besprochenen Romanen haben jene von Lefevre dank den Übersetzungen von Caxton früh ihren Weg nach England gefunden. Sein Recueil (1471) ist neben Chaucer und Lydgate die Quelle von Shakespeares Troilus and Gressida geworden. Lefevres Jason ist außer in England (ca. 1475) auch in Flandern heimisch geworden (1485). An Verbreitung nimmt die erste Stelle der Virgilroman ein, der ins Englische (s. a.), Holländische (1552, nach dem Englischen), in ein deutsches Volksbuch und handschriftlich auch in weiter abliegende Literaturen übergegangen ist. Die Geschichte der Neuf Preux fand bezeichnenderweise in Spanien besonderes Interesse (übers, von Antonio Rodriguez 1530 u. ö.).

Literatur. Über die Prosaromane der Matiäre de Roma la grant vergl. man Gröber, 1. c. passim. Dunlop, I.e. S. 178-187. - Grässe, 1. c. S. 110-131, S. 432-461. - Dou- trepont, 1. c. passim.

Matifere de Rome ]a grant. 103

Lirre de Troilus. Gedruckt in : Nouvelles frangaises en prose du XIV. siede, publ. d'apres les mannscrits par L. Moland et C. d'Hericault, Paris 1858 (mit stoffgeschichtlicher Einleitung).

fiaonl Lefeyre, Histoire de Jason. Le Roman de Jason et de Medee, s. 1., s. a. [vor 1474], fol. Spätere Ausgaben: Les faiz et prouesses du noble et vaillant cheualier Jason, s. 1., 8. a.fol.

Le livre du preux et vaillant Chevalier Jason et de la helle Medee. Lyon, Jacques Maillet 1491, fol. Englische Übersetzung (von W. Caxton): A Boke of the hoole lyf of Jason [ca. 1475]. FläDciische Übersetzung: De Historie van den vromen Ridder Jason, Haarlem s. a. [1485] fol. Vgl. Doutrepont, 1. c. S. 158 flf.

ßaonl Leferre, Recueil des histoire des Troye. Cy com- nience le volume intituU le Recueil des histoires de Troyes, compose par venei-ahle homme raoul le feure prestre chappelain de mon tres redoupte seigneur Monseigneur le Duc PJielippe de bour- goigne. En lan de grace mil CCCCLXIII, s. 1., s. a. [ca. 1474] fol.

Spätere Ausgaben: Lyon 1484, fol.; 1490, fol.; Lyon, Jac- ques Maillet 1494, fol.; Paris 1498; Lyon 1510; ibid. 1529; Paris, 1532 usw. Auszug daraus: Le recueil des histoires et singu- laritez de la noble cite de Troie la gründe, nouvellement abrege, le- quel contient trois parties. Lyon 1544, fol. Englische Über- setzung: Here hegynneth the volume intituled and named the re- cuyell of the historyes of Troye, translated and drawen out of frenshe into the englishe by W. Caxton. s. 1., s. a. [14711, fol.

Spätere Ausgaben: Wynkyn de Worde 1503; Will. Copland 1553 usw. Vgl. Doutrepont, 1. c. S. 173 ff. Gröber, 1. c. S. 1147.

ßaoTÜ Lefevre, Liyre du preux Hercules. Les proesses et raillances du preux Hercules. Paris, Michel Lenoir 1500, 4°. Spätere Ausgaben: ibid. 1508, 4°; Paris, Veuve de Jehan Treperel s. a., 4°; ibid. 1511, 4"; Lyon s. a., 4°; Troyes, Nie. Oudot 1612, usw.

Roman d'Edipus. Sensuyt Le römät de Edipus filz du roy Layus, leq Edipus tua son piere et depuis espousa sa mere et en eut quatre enfans; et parle de plusieurs choses exellentes, Paris, Pierre Sergent b. 1., s. a. Genauer Neudruck, herausgg. von Ch. Lahure, Paris 1858.

Roman d' Alexandre. Lhystoire du noble et vaillant roy Alexandre le grand. Paris, Michel Lenoir 1506. Spätere Ausgaben: Lyon, Olivier ArnouUet s.a.; Paris, Jehan Bonfons s. a. usw. Vgl. Paul Meyer, Alexandre le grand dans la lit- terature frangaise du moyen-äye. 2 Bde., Paris 1886 (Bibl. fran9. du moyen-äge, IV, 1-2). - Gröber, I.e. S. 579 ff., 1011.

104 Der Roman des Mittelalters.

Jean Wanqnelin, Histoire d' Alexandre. Fragmente, her- ausgg. von Berger de Xivrey, Traditions teratologiques, 1836, S. 377— 438. Vgl. Doutrepont, 1. e. S. 143ff.

Florimont. Histoire et ancienne cronicque de Vexcellent roy Florimont, filz du noble Mataquas, duc d'Älbanie, en laquelle est contenue comment, en sa vie, mit ä fin pliisieurs aduentures et cotn- ment pour lamour de la damoiselle de lisle celee par trois ans mena vie si donloureuse quil fut appele pouiire perdu. Paris, Jehan Longis 1528, 4". Spätere Auegaben: Lyon, Olivier Arnoullet 1529, 4°; ibid. 1553, 4". - Vgl. Gröber, l."c. S. 589, 1195.

Madien. La conqueste de Grece faicte par le preux d- re- doubte en chetialerie Philippe de Madien aultrement dit le cheualier a lesparuier bläc. Hystoire moidt recreatiue et delectdble [Verf.: Perrinet de Pin]. Paris, Galliot du Pre. 1527 fol.; dann ibid. 8. a.

Virgile. Cy commence Les faitz merueilleux de Virgile. Paris, Jehan Trepperei s. a., 4°. Spätere Ausgaben : Paris, Jehan Sainct Denis s. a.; Paris, Quill. Nyverd s. a.; Lyon, Barnabe Chaussard (ca. 1525, unter dem Titel: La vie, les ditz et merueilles de Vergille quil fist lui estant en Romme) Neudruck der Ausgabe von Nyverd, herausgg. mit Einleitung von Philomneste junior, Genf 1867. Englische Übersetzung: This Boke treatethe of fhe Lyfe of Virgilius and of his death and many maravayles thaf he dyd in his lyfe tyme . . . Antwerpen s. a., 4°. Neudruck der lezteren herausgg. von J. M'Creery, London 1812, und von Thoms, Early english prose romances, London 1828 (2. Aufl. 1858); Deutsche Übersetzung des Werkes von Thoms mit Zusätzen von Spazier, ßraunschweig 1880. Niederländische Übersetzung (nach der Englischen): Ben schone Historie van Virgilius... Amsterdam 1552. Deutsche Übersetzung: Zauberer Virgilius, herausgg. v. Simrock in den Deutschen Volks- büchern, 6. Bd. 1847. Vgl. Domenico Comparetti, Virgilio nel media evo. 2. Aufl. 2 Bde., Firenze 1896 (IL S 164fr. Textproben).

Neuf Preux. Cy fine le Hure intitule Le triumphe des neuf preux, ouquel sont contenus tous les fais et ])>'oesses quilz ont aclieuez durant leurs vies auec lystoire de Bertran de Guesclin. AbbeviJle, Pierre Gerard 1487 fol.; dann Paris, Michel Lenoir 1507 fol. Spanische Übersetzung: Cronica llamada el triüpho de los nueue pciados de la fama: en la ql se cötiene las vidas de cada uno . . . nuevamente trasladada de linguage fräces en nuestro vulgär castellano por el honorable varö Antonio Ro- driguez, Lixbona 1530, fol.; dann Alcalä 1585 fol.; Barcelona 1586, fol. usw.

Jndas Makkabäns. Les excelletes, magnifiques et triumphantes croniques de tres lonahles et moult vertueux faictz de la saincte

Abenteuerromane und Verwandtes. 105

hystoire de hible du tres pretix et valeureux prince Judas Macha- heus, vng des IX jn-eux tresuaillant iuif. Et aussy de ses quatre freres . . . filz du bienheureiix prince et grand pontif Mathias . . . ce present volume contenant les deiix liures des Alachabees nouuelle- met translate de Latin en frangois [der Verfasser, Charles de Saint Gelais wird im Prolog genannt]. Paris, Antoine Bon- nemer 1514, fol. Spätere Auegaben: Les chroniques et rertueux faits du ^jreMic et vaillant Prince Judas Macchabeus^ Juif, et de ses quatre freres, Parip, Boursette 1556, usw. Vgl. Gröber, 1. c. S. 760.

VI. Abenteuerromane und Ver'svandtes.

Die Matiere de France und die Mauere de Bretagne sind schließlich, wie oben gezeigt wurde, im Abenteuer- roman aufgegangen, dem in ihrer Weise auch die Matiere de Rome la grant anheimfiel. Da diese Art von Er- zählungen mit ihren gröberen Mitteln die Sensationslust eines übersättigten Publikums am besten und in späterer Zeit allein noch befriedigte, nimmt es nicht wunder, wenn sich die Prosabearbeiter dieser Produkte mit besonderem Eifer bemächtigten. Wie in den versifizierten Abenteuer- romanen, so machen sich auch in den Auflösungen die mannigfachen Elemente fühlbar, aus welchen sie hervor- gegangen sind. Manche derselben zeigen noch deutlich ihre Entstehung aus alten Sagen und Heldengedichten, sind aber schon so stark mit fremden Motiven über- wuchert, daß sie ihren Charakter fast verloren haben. Andere nehmen sich ganz wie Märchen und Legenden aus. Während einerseits aber das Wunderbare immer extravaganter wird, tritt anderseits auch ein Zug zum Realismus immer entschiedener hervor. Es werden wirklich vorgefallene Dinge der jüngsten Vergangenheit erzählt und unter dem Einfluß der erwachenden Sentimentalität ent- wickelt sich ein mehr novellistisches Genre.

Unter den richtigen Abenteuerromanen in Versen nehmen Berte aux grands pies, Cleomades und die Manekine die ersten Plätze ein. Diese Gedichte sind auch sämtlich in Prosaromane ungewandelt worden, blieben

106 Die Romane des Mittelalters.

aber in dieser Form wenigstens in jener Zeit imgedruckt und konnten so auf weitere Kreise keine "Wirkung aus- üben. Eine Prosabearbeitung von Adenets Berte wurde in der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts für eine Dame von Ecueille et Avon, Gemahlin von Etienne Bernard, maitre d'hötel des Königs von Frankreich, verfaßt. Die Umgestaltung von Remis Manekine besorgte der uns schon bekannte Wauquelin für Jean de Croy (f 1473), den Enkel Philipps des Guten. Für denselben Jean de Croy war auch die Pro.safassung bestimmt, welche Philippe Camus von Cleomades gab. Mehr Glück war in dieser Hinsicht den Zubereitungen des interessanten Versromans «La belle Helaine de Constantinople» (XIV. Jahrh.) beschieden, der eine Version der Manekine- fabel darstellt. Wauquelin löste ihn 1448 für den Herzog Philipp von Burgund in Prosa auf, und seit 1528 sind auch gedruckte Prosabearbeitungen nachweisbar^ welche allerdings von dem Wauquelinschen Text etwas abweichen. Ein Kaiser Anton von Konstantinopel entbrennt in leiden- schaftlicher Liebe zu seiner Tochter Helena, welche ihn an seine verstorbene Gattin erinnert, und erlangt in Rom, das er von den Sarazenen befreit hat, den zu dieser inzestuösen Heirat notwendigen Dispens. Helena gebiert in Abwesenheit des Kaisers zwei Knaben (die späteren Heiligen Martin und Briccius), und setzt ihren Gatten davon in einem Briefe in Kenntnis. Die böse Schwieger- mutter unterschiebt jedoch statt dieses Briefes einen andern, in welchem von der Geburt zweier Hündchen die Rede ist. Der Kaiser erläßt den Befehl^ diese zu ver- brennen, die Kinder aber werden, nachdem Helena sich zum Zeichen ihrer Unschuld eine Hand samt dem Trauring abgeschnitten und sie dem einen Knaben in einer Kapsel um den Hals gebunden, in einer Barke ausgesetzt. Sie kommen nach Tours, wo sich der Bischof Martin ihrer annimmt. Helena flieht, gelangt in die verschiedensten Länder und wird schließlich Königin von England. Nach 30 Jahren findet sich die lange getrennte Familie in

Abenteuerromane und Verwandtes. 107

Tours zusammen, und der Helena wächst durch ein Wunder die abgeschnittene Hand wieder an.

In den StofFkreis von der unschuldig verfolgten Frau gehört auch die Geschichte von Flore nt und Lyon [Octavien] (gedruckt zuerst o. J., ca. 1530), deren Hand- lung auch in der Chanson de geste <s^Florent et Octavien^ (Ende des XHI. Jahrhs.), im Versroman Octavian (Anfang des XIV. Jahrhs.) und in einem Mirakelspiel enthalten ist. Kaiser Oktavian verstößt die Kaiserin Florimonde wegen scheinbarer Untreue und mit ihr auch ihre Söhne Florent und Oktavian den Jüngeren. Diese werden geraubt, wobei ein Löwe und ein Affe hervorragende Rollen spielen vgl. Amis et Ämiles S. 85). Florent wird Fleischhauer, besiegt einen Riesen und vollbringt Heldentaten in Italien, Oktavian kämpft in Begleitung des Löwen in Palästina gegen die Sarazenen, wird König von Jerusalem und heiratet die Tochter des Königs von Babylon. Nachdem beide von ihren Frauen lange Zeit getrennt waren, werden sie am Ende mit ihnen vereint. Ähnlich und zugleich eine Fortsetzung der Bertadichtung ist die Geschichte von Valentin und Orson (gedr. 1489), die auf einem ver- lorenen, nur in niederländischer Version bekannten Gedicht beruht. Valentin und Orson sind Söhne der Königin von Konstantinopel, einer Schwester Pippins, die auf die Ver- leumdung eines Bischofs hin von ihrem Manne verstoßen wird und im Walde die Söhne gebiert. Valentin kommt an Pippins Hof, Orson wird von einer Bärin genährt und nimmt bärenhaftes Äußeres an. Nach vielen Aben- teuern ziehen beide aus, um ihre Eltern zu suchen, werden getrennt, gefangen und heiraten. Pippin ^^nd Berta werden von ihren Bastardsöhnen vergiftet, Valentin erschlägt unwissentlich seinen Vater und büßt dafür in Rom, Orson wird Eremit.

Märchen motive wirken auch in dem Roman vom Schwanenritter (Le chevalier au cygne; gedr. 1504), der sich auf die jüngere Version der Kreuzzugsepen, den Chevalier au cygne und die Enfances Godefroi stützt.

108 Die Eomane des Mittelalters.

Diese Gedichte, die dazu bestimmt waren, den schon in der Chanson d'Äniioche und in der Chanson de Jerusalem verherrlichten Eroberer des heiligen Grabes noch populärer zu machen, wurden im Laufe der Jahrhunderte wieder- holt in Prosa aufgelöst. Die älteste, stark kürzende Prosa- fassung aus dem Ende des XIII. Jahrhunderts neben den oben (S. 13, 85) erwähnten des Lancelot und Amis und Ämiles das älteste Beispiel dieser Art liegt in einem Manuskript der Bibliotheque nationale (Nr, 784) vor. Aus dem XV. Jahrhundert (vor 1465) stammt eine zweite, welche Berthault de Villebresne für Marie von Cleve, verwitwete Herzogin von Orleans (j 1465), anfertigte. Der gedruckte Roman, der seit 1504 in vielen x^usgaben und Übersetzungen verbreitet war, nennt einen Pierre Desrey aus Troyes als Verfasser und beruft sich in einem vor 1489 datierten Prolog auf Vincenz de Beauvais' Speculum historiale als Quelle. Der Titel des Romans scheint, wie schon jener des Gedichtes, nur ein sprachliches Mißverständnis dar- zustellen, ähnlich dem oben erwähnten vom i^roi pecheor» (s.S. 27, 39). Gottfried war als Kreuzfahrer ein «Chevalier au signe» (cruce signatus), nun ließ man ihn unter Zuhilfe- nahme älterer Märchen von einem Schwanenritter ab- stammen (Chevalier au cygne). Nach anderer Ansicht wäre der Schwanenritter eine historische Person, Roger de Toeni (f 1040), der einen Schwan im Wappen führte, in Spanien für eine bedrängte Witwe im Gottesgericht eintrat und deren Tochter heiratete ; seine Enkelin vermählte sich mit Gottfrieds Bruder Balduin von Bouillon.

In dem Roman wird nun erzählt, wie die Herzogin von Bouillon vor Kaiser Otto über den Herzog Renier Klage führt und keinen Kämpfer findet, und wie auf Weisung eines Engels ein unbekannter Ritter (Helias) in einem von einem Schwan gezogenen Schiff erscheint, Renier besiegt und die Tochter der Herzogin (Beatrix) gegen das Versprechen heiratet, daß sie nie nach seinem Namen und seiner Herkunft frage. Nach sieben Jahren fragt sie ihn doch, und er verläßt sie und wird

Abenteuerromane und Verwandtes. 109

nicht mehr gesehen. Beider Tochter Ida wird die Mutter Gottfrieds von Bouillon. Um zu erklären, welche Be- wandtnis es mit dem Ritter und dem Schwan hat, wird ein altes lothringisch-wallonisches Märchen auf den Schwanenritter und seine Geschwister übertragen. Eine ungarische Königin gebiert sieben Kinder, sechs Knaben und ein Mädchen, die sämtlich bei ihrer Geburt goldene Ketten um den Hals haben. Die Mutter des Königs, welche ihre Schwiegertochter haßt, gibt den Auftrag, die Kinder zu töten, aber ihr Diener schont sie. Sie selbst glaubt, daß sie tot seien, und sagt dem König, daß seine Gattin Drachen geboren habe, welche davongeflogen seien. Als die alte Königin einst erfährt, daß die Kinder noch leben, läßt sie ihnen die Ketten rauben, und sie verwandeln sich darauf in Schwäne und sagen dem König alles. Dieser läßt die Ketten neuerdings herbeischaffen, worauf sie wieder Menschengestalt annehmen, bis auf einen, dessen Kette eingeschmolzen wurde. Dieser bleibt als Schwan bei seinem Bruder Hellas und begleitet ihn überallhin. Die Sage vom Schwanenritter wurde später bekanntlich auch mit der Gralsage verbunden, und in dieser Gestalt verwertet sie nach unbekannter französischer Quelle ein kurzer Anhang von Wolframs Farckai. Einer von Parcivals Söhnen, Lohengrin (= Loherenc Garin?), wird als Schwanenritter zum Schutze der Fürstin von Brabant entsendet. Das spätere deutsche Lohengrinepos (1276 90) basiert auf Wolfram.

Den Einfluß der Artusepik verraten Blancandin et rOrgueilleuse d'amour und Ciperis de Vignevaux (nach den gleichnamigen Versromanen), die in bur- gundischen Handschriften aus dem Jahre 1467 vorliegen. Der letztere erschien auch im Druck, hatte jedoch keinen nachhaltigen Erfolg. Dasselbe muß von der Prosafassung des Theseus de Cologne (Handschrift von 1473, gedr. ca. 1530) gesagt werden, während die Histoire d'Olivier de Castille et d'Artus d'Algarbe trotz ihrer recht schwachen Komposition eines der verbreitetsten Ritter-

110 Dia Romane des Mittelalters.

bücher wurde. Sie wurde nach