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(iesaiiinilaheiileiHT.
Hundert altdeutsche Erzählungen:
Ritter- und Pfaffen- Hären
Stadt- und Dorfgeschichten Schwanke, Wundersagen und Legenden
von
Jakob Appet, Dietrich von Glatz, dem Freudenleeren Heinz dem Kellner, Jansen Enenkel, Heinrich und Johannes von Freiberg, Hermann Frefsant, dem Hufferer, Konrad von Würzburg, Niemand, Rafold, Rüdiger dem Hunthover, Rüdiger von Müner, Ruprecht von Würz- burg, Sibot, dem Stricker, Volrat, dem Vriolsheimer. Wernher dem Gartener, Herrand von Wildonie, dem Zwingäuer und Anderen,
meist zum erstenmal gedruckt
und herausgegeben von
Friedrich Heinrich von der Hasen.
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Zweiter Band.
Stuttgart und Tübingen.
J. (>. Colt f I Chet Verlag.
1850.
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Buchdruckerti dor .1. (i. Cottafschen Buchhandlung in Stuttgart
Geschichte der einzelne» Erzählungen.
XXI. Das Häselein
hat im ersten Theile zwar viel Aehnlichkeit mit dem folgenden Sperber, ist aber schon dadurch milder gehal- ten, dafs die unschuldig um ihre Minne Betrogene keine Braut des Himmels, sondern ein kindliches Landmägd- lein ist, für welche das bei der Aernte gefangene Häselein auch befser pafst, als der Sperber für die Nonne. Der dazu sehr gut stimmende und versöhnende zweite Theil, die Hochzeit, ist ganz eigenthtimlich, und wie dieses Gedicht nur in der Strafsburger Hand- schrift übrig (Quellenverz. 4), so ist es auch dem In- halte nach sonst nicht bekannt. Die Worte des Dichters, dafs er zur Ergetzung und Gunst der Edlen, und trotz der Neider, mit Frau Venus Hülfe diefs »Abendmär- lein« Deutsch reimen wolle, besagen nicht nothwendig eine Uebertragung aus fremder Sprache; welche in Bezug auf den ersten Theil sonst wol verstanden wer- den könnte, obgleich sie, wegen dieser Beschränkung, und auch übrigens näher vom folgenden Gedichte gilt. Die Art wie die vornehme Braut, mehr als naiv, sich \ erschnappt, wird noch in ähnlichen Verhältnissen von unserm Pommerschen Fräulein und ihjrem Hof- meister erzählt.
XXIL Der Sperber.
Hier beruft sich der Dichter auf mündliche Sage. und weicht auch bedeutend geniig von dem entspre- chenden A I tfra uz osischen Gedicht ab, sodafs die^. > auch wenig^tenv nicht unmittelbar seine Quelle js|
vi <Öe|d)id)U' tier etn$*ltt*n €r3äl)lun0*n.
Es ist dort die viel kürzere Erzählung vom Kranich, ' und anstatt des Klosters ist es ein Thurm, wo ein Burgherr seine schöne Tochter, zur Sicherung ihrer Ehre, mit ihrer Amme versperrt hat. Während diese einen Löffel holt und die Thüre offen läfst, kömmt ein Knappe mit einem (durch einen Sperber) gebaizten Kranich. Nach dem ersten Schaden geht die Amme abermals weg, und holt ein Mefser, den gerupften Kranich zu bereiten; und nach dem rückgängigen Han- del nimmt ihn der Knappe wieder mit sich weg. — Dieser rohern Gestalt gemäfs ist auch die Darstellung vielmehr eine Blofsstellung von der schamlosesten Nacktheit; wie solche denn überhaupt sehr vielen Alt- französischen Gedichten von der Minne2 gemein ist. Absonderlich klingen dicht daneben die Betheurungen bei allen Heiligen von Orleans, und beim Apostel Petrus! — Unser ritterliches Gedicht vom Sperber und der kindli- chen Nonne mit ihrer geistlichen Mutter nimmt sich ge- gen diesen Französischen (Fischart dolmetscht »franksäui- schen«) Kranich ebenso züchtig, wie gebildet aus.
Die Beliebtheit dieses Gedichts durch mehre Jahr- hunderte bekunden acht Handschriften und eine Alt- niederrheinische Umschreibung. Vgl. Quellenverzeich- nis 26. Zwei Abdrücke ebd. 4. 6. 10.
XXII I. Das Gänselein.
Auch dieses Gedicht ist aufserdem ebensowenig bekannt, als der Dichter desselben. Das Gänselein ist aber sichtlich das Seitenstück zu dem vorstehnden
1 Burbuzun-JVleon IV, 250: De la Griie. 148 Keimzellen. Aus den Handschriften 7218. 761 5. und St. Germain 1830. Le- fjrand IV, 299 Auszug; in der Ausg. von 1829 IV, 302, mit I m ber i's Reimen
2 So steh! hier für dieses schöne Wort immer le foutre, was freilich noch ein so allgemeiner Französischer Ausruf ist, dafs schon ein conte bei Barbaian-Meon f 1 1, 488 'Legrand
Sperber: Kloster, Mönch und Abt sind ganz entspre- chend der Nonne und ihrer Oberin, das Gänselein ist zugleich das Mägdelein. Die Reden des Mönchs und seine frommen Wünsche für das Kloster sind ebenso vergnüglich, wie jene der Nonne; und der Abt mufs ebenso durch seine eigene Schuld sich trösten, und schweigen, wie die Oberin. Der alte Fibelspruch: »Das Fleisch der Gänse schmecket wohl« bewährte hier sich in neuem Sinne. — Des Dichters Seitenblick am Schlufse auf das Kloster Drahow, wo zwei oder drei Mönche solchen Geschmackes ebenso ihren Abt alles mögen zum besten kehren lafsen, meint wol das noch so stattliche und wolhäbige Benediktiner-Kloster Strahov hoch am Hradschin in Prag; in welcher Stadt damals, am Hofe der Böhmenkönige, Deutsche Sprache und Dichtkunst gepflegt wurden; sodafs ich dort, namentlich auch in der glanzenden Bibliothek Stra- hovs, Altdeutsche Ueberbleibsel davon gefunden habe. ' Drahov, was ich sonst nicht finde, ist aber gleichwol ein Böhmischer Name, wie Drahomira u. a. Ist hier Stra- hov zu verstehn, so wohnte der Dichter auch wol in Prag, und kannte das Leben dieser Mönche.
Ein kurzer Keimspruch eines viel spätem Französi sehen Dichters, Martin Franc um 1450, deutet den In- halt nur im Allgemeinen an: dafs einem Mönche die schönen Frauen für Gänse ausgegeben wurden, und er nun weder efsen noch trinken, sondern nur die Gänse sehn wollte, wie er den anderen Mönchen sagte. 2
Früher erzählt Boccaccio (Eingang zu IV): ein i lorenzer Bürger, Filippo Balducci, wird Witwer und
IV \\1 von einem FrXoleffl erzählt, die jedesmal darüber in Ohnmacht fiel, jedoch die Sache sich so gfenan umschreiben und an sich aufführen liefs, wie hier pcschiehl
1 Itriefe in die Heimal '1810, I. 18.
2 Blfl kurze Gedieht in 2 a'htreimijjen Strophen wiederhol» L Ideler. Ailfranz Ntl-Litt. 8 598, vgl 9. 213, Anm. \).
vni tfM(i)id)U tii-v einzelnen QBr^ä^luuyen.
begibt sich auf den Berg Asinajo als Einsiedler, wo er seinen Sohn bis zum 18ten Jahr erzieht, dann mit nach Florenz nimmt, und ihm dort junge von einer Hochzeit kommende Mädchen junge Gänse (pa- perej nennt, aber vergeblich davor warnt, weil sie dem Jüngling über alles gefallen, sodafs er gern eine davon mitnehmen will. — Lafontaine hat hienach seine Erzählung les oies de frere Philippe gereimt. '
Hiedurch bildet sich ein Uebergang zu den Er- zählungen, wo dieses bedeutsame, mit der reine pie- dauque und mere d'oye märchenhaft verwachsene Gän- selein ganz aus dem Spiele bleibt, aber dafür der Teufel eintritt.
Solcher Art ist, älter als alle vorigen Erzählun- gen, das Beispiel im Barlaam und Josaphat: einem Königssohne, welcher, um seine Erblindung zu ver- meiden, neun Jahre im Dunkeln erzogen ist, werden dann die Herrlichkeiten der Welt gezeigt und benannt, darunter auch zwei Reihen Männer und Weiber im Schmucke. Die letzten nennt man ihm zum Scherze Dämonen: und auf die Frage, was von allen ihm am meisten gefallen, nennt er die Teufel. — Dieses durch viele Uebertragungen der Griechischen Legende des Jo- hannes von Damascus im 8ten Jahrhundert, 2 auch durch Rudolfs von Hohenems Altdeutsches Gedicht, be- kannte Beispiel, ist einzeln daraus übersetzt in den Cento
1 Contes et nouvelles en vers {Paris 1768) /. 2. p I.
3 Grundrifs 282. Die Griechische Urschrift steht in Bois- sonade anecdota Gr. t. 4 ; daraus verdeutscht von F. Liebrecht (Münster 18 i7). Aus der Lat , schon von Vincenz von ßeau- vais erwähnten Uebersetzung (aus welcher diefs Heispiel auch wol in der von Warton hist. of Engl, poetry III, 41. 167 an- geführten Perg. Hds. von 200 Stücken steht) ist nicht allein Rudolfs Ged. (her. von F. A. Köpke 1819, von F. Pfeifer 1843). und eines Andern Gedicht (Nachr. von Diefenbach 1836), son- dern auch die Altdeut. Prosa, sowie die Französische, Italic- nische, Spanische und Nordische.
tJMd)td)U fcer einzelnen <l3r3at)Lun^eu. IS
Novelle antiche (n. 13), und wol aus diesen zunächst von Boccaccio entnommen. Früher, im 13ten Jahr- hundert, ist es auch in Herbers Dolopatos (7 weise Mei- ster) übertragen; ' sowie später (Ende des loten Jahrhun- derts) in Cornazzano's Proverbi (pr. 9). Hans Sachs erzählt es (IV, 2, 125) von dem Sohne des Schweden- königs Haidan, vermuthlich aus einem Nordischen Geschichtsbuche.
XXI V. Der schwangere Mönch. Von dem Zavingäuer.
Der hier in der Reihe von Klostergeschichten auftretende Schwank ist manigfaltig anders angewandt und verbreitet. Die kurze Erzählung unter den Fa- beln der Marie de France2 hat nur die Einbildung der Schwangerschaft, mit eigenthümlicher Wendung, indem einem Bauern , bei nöthiger Verrichtung im Ge- büsch ein Mistkäfer fescarbotj in den Leib schlüpit, und er sich fortan für schwanger hält, was grofse ärztliche Be- rathungen veranlafst, und wichtige Ereignisse verkün- digt, sodafs man Tag und Nacht auf die Wunder- geburt harrt: bis eines schönen Morgens der Käfer wieder hinausschlüpft, wie er gekommen ist, und die Sache vergefsen und lächerlich wird. — Der weitere Zug in noch gangbaren Volkserzählungen, dafs der Bauer ein hinter ihm aufspringendes Thier für sein Kindlein hält, stimmt noch fürder zu unserm Gedichte. —
V. Schmidt Beitr. 27. A. Keller vor des Bühelers 7 uü. M. 19. 69 mit Hinweisung auf Dunlop hist. of fiction II, 273. Im Dolopatos finde ich es aber nicht. Dunlop wieder- holt Fauchet Vorigine de la langue et poesie Franc. (Paris 1581) p. 106, der nur gelegentlich bei Hebers Dolopatos bemerkt, dafs Boccaccio'* Erzählung aus dem Josaphat herrührt.
2 Legrand IV. 408: Du villain et de Vescarbot. In der Ausgabe von 1829 auch ohne Urschrift, welche in Roqueforts Ausg. >on Mariens Werken II, 203. Legrand scheint diese Kabel eine Parodie zu der vom Berge, der eine Maus gebiert.
Die übrigen Erzählungen verbinden meist die Ein- bildung der Schwangerschaft mit anderen Mystificatio- nen, Listen, Gaunereien, sodafs mitunter die Schwan- gerschaft gar nicht mehr vorkömmt, wie bei Strapa- rola, ' wo solche Täuschungen sich überbieten und völlig märchenhaft sind.
In Boccaccio's Novelle (IX, 3) wird dem einfälti- gen und geizigen Calandrino in Florenz von drei lusti- gen Gesellen und dem Arzte Simon (die als solche schon in früheren Novellen vorkommen) die Schwan- gerschaft eingebildet, und wieder durch Glaret (Ge- würzwein) vertrieben, von dessen angeblicher Zube- reitung die Viere sich einen fröhlichen Tag machen.
Eine Erzählung des Giraldo Giraldi zu Ende des 15ten Jahrhunderts steht dem Boccaccio am näch- sten: sie stimmt aber merkwürdig darin mit unserm Gedichte, dafs anstatt Calandrino's auch ein einfältiger Mönch auftritt.2
Spätere Nachbildungen sind von Baudius (amo- res) und von Poggius: puer gravidus. 3
Hans Sachs hat diesen Stoff als Schwank, 4 und 1544 auch als Fastnachtspiel 5 glücklich und treu nach Boccaccio bearbeitet. Da sind es vier Bauern und auch der Arzt Simon. Der karge, schwangere Bauer heifst Karges.
Der am Ende unsers alten Gedichtes in drei Hand-
1 TV. I, fav. 3. V. Schmidt hat zu der Uebersctzung S. 308 mehre solche Krzählungen zusammengestellt, darunier auch die zu unserm XLV gehörige.
1 Novelle dt Giraldo Giraldi Fiorentino per la prima volta date in luce. (Amsterdam 1796) nov. 8. Verschieden \on dem berühmteren Giraldi Cinihio, dessen 100 Novellen, Hecalom mithi schon 1565 und 1574 gedruckt sind.
3 Poggü facet. QLond. 1798) II, 178-
* In der Kempfner Ausg. seiner Werke (1612) I. 999.
8 IV, 6 der Ausgabe von 1560. Krneuet von Büsching II (1819) 229
Schriften als Verfafser sich nennende Zwingäuer ist aufserdem nicht bekannt.
XXV. Die Nachtigall.
Aehnlichen Inhaltes ist Marie de France Lai von der Nachtigall: l eine Frau in S. Malo koset mit dem Geliebten, und sagt, dafs sie dem Gesänge der Nachtigall auf dem Baum an ihrem Fenster lausche; der eifersüchtige Ritter fängt aber die Nachtigall , zer- fleischt sie und wirft ihr das Herz hin; sie sendet sie dem Geliebten, der sie in einer Goldkapsel stäts am Herzen trägt. — Die Gesta Romanorum (c. 121) verbin- den zuletzt durch den Tod des Mannes die Liebenden.
Boccaccio's bekannte Novelle (V, 4) stimmt sehr nahe mit unserm Gedichte: die Aeltern der bei- den Gelieben sind Edle der Romagna, der Katharina Vater ist Lizio da Valbona und Ricciardo gehört zum Geschlechte der Manardi; welche beide Namen auch bei Dante ehrenvoll neben einander stehn. 2 Der Vater tritt auch in der Novelle noch etwas kräftiger auf, als in unserm Gedicht (das nur in Einer Handschrift vor- liegt), er versagt anfangs das Gelüst der Tochter, im Erker (veronej nach dem Garten zu schlafen, und ver- lobt die beiden Betroffenen sogleich durch seinen und seiner Gattin Ring. Boccaccio's Darstellung ist, wie gewöhnlich, noch etwas südlich nackter, obschon auch Frauen sie vernehmen. — Darnach von Lafontaine 11, 166).
Noch weniger verhüllt ist die gereimte Bearbeitung von Casti. ' — Lopc de Vega's Lustspiel No wh
1 In R<,iqiH'foils Aus-ahe ihrer Werke '1820; F, 314 : Lue du luusttc: was doch wnl aus lusctmu entstanden ist. wie ro- tigmolf Spanisch ruissehur, Italienisch rustgnuolo, usignuolo.
' I'urgulorto \IV. '.»7
1 Novelle galant t 1
XU i0cj"d)id)te t>er einzelnen i&^nbiuugen
todo? ruisenores Los que cantan entre los ßores stimmt zu Boccaccio, mit Gärtrierverkleidung. A. F. v. Schack Gesch. des Span. Theaters Bd. 2, S. 373. 696.
XX VI. Frauenlist.
Der Schlufs dieses Gedichts, die derbe AeiTung des Mannes durch das Bild im Wafserzuber, ist der Inhalt eines Schwankes unter den Fabeln der Marie de France. l Der Mann, noch einfältiger, als er durch das Schlüfselloch gesehen, geht weg, und macht erst Lärm, als die Frau wieder allein ist.
Von der vorangehenden standhaften Bewerbung des Schülers (Studenten) um die hochmüthige schöne Frau erhellt sonst nichts. Die höhnischen Abweisun- gen erinnern an jene in der Frauenzucht von Sibot (III). Noch mehr die weiteren Gespräche, und endlich ihre Berathung und Gespräch mit ihrem Herzen und der Erfolg, sind ganz in der Art, wie das Herzgespräch, welches unter ähnlichen Verhältnissen die Heidin (XVIII) führt.2 In den Liedern der Minnesinger kommen solche Gespräche mit dem Herzen, das in ihrer Geschichte so bedeutsam erscheint (XI), noch häufiger vor: wie in den geistlichen Gedichten die Gespräche mit der Seele. »Der Minne Buch,« worauf die Frau sich beruft (388), meint wol weniger irgend ein bestimmtes Minnegedicht, als überhaupt eine Sammlung von Aussprüchen der Minnehöfe, oder von Minneabenteuern, wie das spätere »Buch der Liebe.«
Diefs Gedicht steht nur in zwei Handschriften, wel- che überdiefs, ungeachtet des starken Einschiebsels der
1 Legrand IV, 394: Du prudt homme qui vit sa femme avec nn amant . Roqueforts Ausg. ihrer Werke II, 206.
2 Beide Gedichte gebrauchen auch, mit Wallher, den Spruchreim vom Erwerben und Verderben. Z. 133 und XVIII. 1033
<&efd)id)te Her einzelnen <&xitylvin$en. xni
Abschrift (hinter 348), nur als Eine gelten. ' — Es könnte wol mit XVIJI der Heidin von Einem Ver- fafser sein.
Aehnlichen Inhaltes, doch eigenthümlich, ist XXXVIII Weiberlist.
XXVll. Fraueribeständigkeit.
Das Altfranzösische Gedicht von der Kauf- mannsfrau in Orleans, die ihren Mann abbläuen liefs, 2 stimmt eben nur darin mit unserm Deutschen, dafs die Frau ihren eifersüchtigen Mann züchtigen läfst, indem sie sich stellt, als hielte sie ihn für den zudringlichen, und deshalb zur Schönen bestellten Liebhaber. Dieser ist nämlich einer von vier jungen Studenten (clercsj in Orleans, den die Kaufmannsfrau während einer Marktreise ihres Mannes aufrichtig bestellt. Es wird aber durch eine kleine Nichte des Mannes verrathen, der nur zum Schein abreist, und wolverhüllt dem Liebhaber zuvorkömmt. Die Frau, die selber ihn einläfst, erkennt ihn aber, sperrt ihn in ein Zimmer, dort etwas zu warten, und schickt nun all ihr Ge- sinde, und selbst die Nichte und ein Paar Neffen hin- ein, die auch den angeblichen Liebhaber, indem sie ihm die Kaputze fest über den Kopf ziehen, schmäh- lich durchprügeln und ihn aus dem Hause auf den Mist werfen, während die Frau sich mit dem Lieb- haber vergnügt. Der zerschlagen heimkehrende Mann gibt vor, Räubern in die Hände gefallen zu sein, wird gepflegt und abheilt, und freut sich, eine so tugend- bewahrte Gattin zu haben. Ebenso bei Boccaccio u. a. —
1 Gedr. Koloczaer Codex 95. Auszug von Genlhe IF, 23*.).
2 Barbazan- JWeon III, 161: De la borgoise d'Orliens. Au* der Hds. 7218 218 Reimzeilon. tegrand IV, 287 fügt norh der L'efoerschrifl hinzu: De la Dame qui fit battre son muri. An-::, von 1820 IV. 294 hat die Urschrift nicht. La- fontaine nach BoCfaCCiO, II. 15: Le cocu ballu et content.
\i \ ©efd)td)te Her eiit3*lntu <£v3ol)lu!Hjen.
Die glänzendste, in ihrer Art vollendete Ausbildung unsers Stoffes, zwar mit echt Spanisch auf die Spitze getriebener Wendung und tragischem Ende, ist all- bekannt mit dem Don Quixote, in der Novelle von dem »Fürwitzigen Neugierigen« fei curioso impertinente ). ^Millot) histoire des Troubadours III, 296 gibt Raimond Vidal's Nordfranzös. ähnliche Erzählung von zwei Ara- gonischen Rittern, die dem König Alfons von Castilien (st. 12. 14) vorgetragen ward.
XXVIII. Die Teufelsacht.
In der Novelle Boccaccio's (III, 9) ist der Nerv das rimettere ü diavolo in infemo gemeinsam mit unserm Gedichte, dort aber noch bedeutsamer, indem die junge Alibech eine Heidin der Barbarei zu Kapsa ist, und begierig, nach Weise der Christen Gott zu dienen, sich zu den heiligen Einsiedlern der The- baischen Wüste begibt, wo sie, von einigen weiter- gewiesen, endlich am Bruder Rustico ihren Lehrer des Dienstes findet, in welchem sie bald so eifrig wird, dafs Rustico froh ist, ihrer wieder ledig zu werden. Sie ist nämlich unterdessen Erbin bedeutenden Ver- mögens geworden, und ein junger Freier Neerbale sucht sie auf, und führt sie heim. Sie beklagt sich gegen die Frauen, dafs sie dem frommen Dienst ent- zogen worden, und wird zwar auf ihren Bräutigam verwiesen, seitdem aber ist das rimettere ü diavolo in Inferno sprichwörtlich übers Meer herübergekommen.
Auch diese Novelle hat Casti1 gereimt, sowie vor ihm schon Lafontaine.2
Unser Gedicht (in zwei Handschriften die nur für Eine zählen) hebt erst beim Schlufse der Novelle an, und macht den Bräutigam zum Teufelsächter.
1 Novelle galant i 14.
2 II, 108: Le diable en ertfer.
®efd)id)te fccr einzelnen €t3cil)lungeti. x\
XXIX. Der wahrsagende Baum.
Zu diesem Gedicht (in drei, eigentlich nur zwei ' Handschriften) weifs ich nichts Entsprechendes nach- zuweisen. Das ländlich -sittliche Bild dürfte wol ein heimisches sein. Der von heilenden Heiligen bewohnte hohle Baum ist noch eine Verwandlung der heidni- schen Baum- und Hainverehrung in Christlichen Hei- ligendienst. Man denke an die Altgermanische Eiche ihres Jupiters (Donnergottes = Thor) und an des Deut- schen Apostels Bonifacius Umhauen der Donnereiche desselben an der Dimel, wobei man erwartete, dafs Feuer herausfahren und ihn vernichten würde. Im Niederland, zwischen Koeklenberg und Moelenbek, un- weit Brüssel, erzählt man noch, dafs einen uralten hohlen Eichbaum nachts eine Flamme umspielt, und eine graunvolle Stimme daraus einem Wanderer zu- gerufen : »Geh zu , geh zu ! für dich ist der Tag, und die Nacht ist für mich!« und bei jedem Worte star- kes Feuer aus dem Baum gefahren: sodafs der Wan- derer erschrocken heim eilte. 2 Auch sonst singen und sagen Volkslieder, Abend- und Morgenländische Nacht- und Tag-Märchen von singenden und redenden Bäu- men mit ihren Blätterzungen, namentlich von solchen Orangenbäumen, Hasel- und Holunder- oder Holler- büschen.
XXX. Der entlaufene Hasenbraten. Von dem Vriolsheimer.
Das Altfranzösische Gedicht von den Rebhüh- nern ■ weicht von unserm Altdeutschen nur in ein-
v Gedr. aus der Gothaer Hds. (Quellenverzeichnis 29;. Aus- zug von Genthe II, 248.
2 Niederländische Saj?en, her. von .1 W. Wolf (Leipzig 1843) Nr. 421.
i Barbazan- JVJeon III. 181: Lf dit drx pardriz, aus der
xvi <&efd)id)te bet ttnjtlimt €r3ol)lunöen.
zelnen Umständen ab : dort ist ein Bauer, Gombaud (Gun- debald), der in seinem Gehäge zwei Rebhühner fängt, die Frau ifst sie allein, und sagt, die Katze habe sie gefrefsen, beschwichtigt dann aber des Mannes Zorn da- durch, dafs sie vorgibt, der Braten stehe verdeckt warm. Der Kaplan umarmt vertraulich die Frau, und diese bildet ihm ein, ihr mefserwetzender Mann wolle ihn abälar- disiren, ' sodafs er entrinnt, und sich vor dem Nach- laufenden in seinem Hause verschliefst.
Manigfaltig ist dieser Schwank wiederholt, und Legrand führt folgende Sammlungen an:
Passa tempo de' curiosi p. 22.
Nouveaux contes ä rire p. 266.
Facette, motti e burle da Chr. Z ab ata p. 06.
Contes du sieur d'Ouville t. 2, p. 225.
Wiederum gereimt von Imbert.
Ihnen ist beizufügen: Tlmoneda Alivio de Cami- nantes P. II, n. 54. Bibl. de aut Espanol. vol. 3. Mad- rid 1846.
Der Verfafser unsers Gedichts (in zwei, eigentlich nur Einer Handschrift) , 2 der sich Vriolsheimer nennt, ist nicht weiter bekannt. Sein Name ist doch wol von Friaul herzuleiten, Altdeutsch Vriül, Frlül (noch näher am ursprünglichen Forum Julü), wie es im Gedicht des dort benachbarten Wildonie (XLIII, 21) steht. — Derselben Gegend könnte auch der Vriols-
Handschrift 7218, 156 Reimzeilen. Legrand III, 442 bezeich- net es mit zwei Sternen , als wenn es zum Castoiement dun pere a son ßls (Belehrung in Beispielen, bei Barbazan-M6on II) gehörte, was jedoch nicht der Fall ist. Die Ausgabe von 1829 IV, 38 fügt die Urschrift nicht bei. Eine Deutsche Uebersetzung der letzten steht im Berliner Conversations-Blatt 1829, Nr. 252: ,,Die beiden Schnepfen." Deut. Uebers. Legrands IV, 110.
1 Das meinen auch die beide Z. 101 und der eine 109, verglichen mit 76 ff.
2 Aus der Koloczaer Hds. erneut von Mailath 246.
®efd)td)te fccr einzelnen (ßrjctyluitflen. xvn
heimer angehören. — Ueber den verwandten Theil des folgenden Gedichts mehr bei diesem.
XXXI. Der Reiher.
Der vordere Theil dieses nur in zwei Handschrif- ten (die für Eine gelten) stehenden Gedichtes ' ist eine Variation des vorigen: hier ist eine Gevatterin, deren Mann nach St. Jakob (in Spanien) gewallfahrtet, beim Gelüste der Frau nach dem verbotenen Braten stärker im Spiele. Und dieser Braten ist ein Reiher, welcher Vogel der hohen Jagd der Reiherbaize nicht blofs der Federn wegen gejagt wurde, sondern auch, wie der Kranich (zu XXII) und Pfau, die ritterliche Tafel zierte. Sonderbarer Weise wird hier der Reiher durch einen Hahn erschreckt und gefangen, und der wolhä- bige Landmann, der mit dem Hahn auf der Hand, wie ein Ritter mit dem Falken, lustwandelt, will den Reiher seinem Herrn vorsetzen. Es erinnert, zufällig wortspielend daran, dafs der Mann ein Hahnrei, oder laut alter Auslegung ein »Hahnreiher« 2 ist, in einer folgenden Erzählung, wo die Züchtigung und das Haar- abschneiden 3 der Frau dadurch befser begründet ist. Zu jener Erzählung (XLIII), wo die uralte Ueberlie- ferung in ihrer spätem Ausbildung und in vollem Zu- sammenhange auftritt, ist die Geschichte dieser Dich- tung gehörig. Vorliegendes Gedicht vom Reiher ist sehr nachläfsig in den Reimzeilen und scheint von
1 Gedr. Kolocz. Cod. 127. Auszug von Gräfse II. 243.
i Zu Dr. Lüicke's Abhandlung über dieses Wort in Ger- mania I (1836,, 1o5 ist noch anzuführen: der Hahnreyen Ab- kunft 1652, mit der Ableitung von einem Hahnen-Reigen- Tanz, den auch ein Holzschnitt abbildet; ist mit v. Naglers Sammlung in die Berliner Bibliothek gekommen.
Verhängnisvoll klingt hierZ. 10 der schon in XVIII und XXVI vorgekommene Spruch vom langen Haar und kurzen Sinn der Weiber. Vgl. die Klage: .spannelanger Weibessinn."
n. d, Hmfrn Or.« mm l»br nlm >r. II ||
will (fMri)id)tf Tier einzelnen <£rjäblunflfn
ungeübter Hand, der es jedoch nicht an Anspielungen mancher Art fehlt. !
XXX11 Ehestandy Tod und Hochzeit-
Auch zu diesem Gedicht ist mir nirgend etwas Entsprechendes vorgekommen, und meine Ueberschriit ist nur Hindeutung auf die davon unabhängige Dich- tung eines ähnlichen, doch zugleich ganz eigenthüm- lichen Verhältnisses, Das lebhaft ausgeführte Gedicht ist eine Süddeutsche Dorfgeschichte; und dorthin ge- hören auch die sieben Handschriften derselben durch mehre Jahrhunderte. Dafs es in der Würzburger Handschrift von Strickers »Welt« (Quellenverz. 12) steht, weist ebendahin.
XXXIII. Ehe im Leben und Tode.
Ein Altfranzösisches Gedicht2 stimmt mit dem unsrigen nur in dem wirksamen Kunstgriffe der Frau, den Mann zu beschwichtigen, dafs sie sogleich in ein Kloster gehn will, und nun der Mann froh ist, dafs sie sich erbitten läfst, bei ihm zu bleiben. Der Anlafs dazu ist aber ganz anders, indem ein Bauer sein Weib, die er mit einem Freunde ins Gebüsch gehn sieht, eifersüchtig deshalb, schilt; worauf sie es für eine gespenstische Erscheinung ausgibt, welche ebenso ihres Vaters und ihrer Mutter Tod angekün- digt habe, daher sie ihr Seelenheil berathen wolle. — Von unserm in denselben sieben Handschriften mit dem vorigen enthaltenen Gedichte gilt auch dafselbe.
1 Aufser der öfter (XIII) erwähnten St. Gertrud (380). Woirhart (206).
2 Legrand III, 440: Du vi Hain qui vit sa fenne avec un autrc. Die Ausgabe von 1829 IV, 35 fügt diesem Auszüge die Urschrift nicht bei. Deut. Uebers. IV, 108.
<$efd)td)te ticr einzelnen Erzählungen. \i\
XXXI K Scheidung und Sühne,
Auch dieses, zwar nur in zwei Handschriften welche überdiefs nur für Eine zählen) enthaltene Ge- dicht gehört dem Inhalt und der Darstellung nach ganz zu demselben Kreise mit den beiden vorigen, und das fröhliche Liedersingen ist so wie in einem folgenden Abenteuer.
XXXV. Ehefrau und Bulerin. Von Herman
Fr ef saut.
In dem entsprechenden Altfranzösischen Gedichte des Jean le Galois d' Aubepierre' wohnt der Kaufmann Renier zu Decise in der Grafschaft Nevers, auf einer Loire- Insel, und seine schöne Frau Phelise ist eine Ritterstochter; er unterhält nur Eine Bulerin Mabille, und verspricht ihr, als er mit Samt- und Seidenzeug, Gold- und Silbergeräth zum grofsen Markte nach Troyes reist, ein Kleid von Ypern. Ein Spanischer Gewürzhändler aus Galizien eröffnet ihm das Verständnis des Hellerbeutels fbourse d'un denicr) voll Witz, welchen die Frau verlangte; und nach der Bewährung, worin die Frau all ihre Habe darbietet, und auch das für die Bulerin gekaufte Kleid erhält, prüft der Kaufmann noch seine Freunde, die ebenso schlecht bestehn, wie die Bulerin, und durch die Ankunftsei- ner reichen Waarenlager beschämt werden.
Fauchet gab schon einen umständlichen Auszug dieser Erzählung, i und darnach hat der ungenannte
' ll.irbaznn - Meon IN, 38: De la bourse pleine de sens. Par ./rhans U Galois d aubepierre , aus den Hdss. 7218 und 7615. 432 Reim/eilen. Legrand IN, 402. Ausg. v. 1829. IV, I. Dfiii. lieber*. IV. 77.
2 Recueil de lorigine de la langiie et poesie Franc. (Paris
1581; p. 1f>7— litt. Gereimt im Mercure galant 1f>8'i Octob.
- Unter den drei aubepierre ist wahrscheinlich das nächste
.in Neren in der Matche , an der (iianze von llcrri, gemeint.
xx <$efd)irf)te fccr einzelnen <£r3äl)lnnrjen.
Herausgeber der Italienischen Novellensammlung eine Novelle gearbeitet, die einzige darin von ihm, womit er die Sammlung beschliefst, um an diesem Beispiele zu bewähren, wie die Italienische Novellendichtung vornämlich aus den älteren Französischen Erzählungen hervorgegangen ist. '
Unser Deutsches Gedicht hält sich . auch dem Französischen ziemlich nahe, zwar fast namenlos, von einer Stadt, die etwa Hermans heimisches Augsburg meint, von wo die Handelsreise durch Frankreich Flandern (297. 322) geht, sodafs der Rock von Ypern (81. 335) völlig mit dem Französischen stimmt, aber mit der zweiten Bulerin noch Gent (169) hinzukömmt. Der kürzere Abschluß ist befser, die übrige Darstel- lung ausführlicher und frischer, gemäfs dem einge- ständlich ersten Werke des Dichters, der mit Recht billiges Urtheil dafür anspricht, nach dem alten Sprich- worte, nicht »in der Mühle harfen« will (8), und sich vertraut zeigt mit der biblischen Geschichte (Tobias 290), und Mythe (Sirene 587), wie mit den Dichtun- gen von der Tafelrunde (Parzival, Tristan 585 ff.) Auch in der Wahl des Stoffes ist er glücklich gewe- sen, und behandelt ihn mit herzlicher Theilnahme. Kennen wir diesen Her man Frefsant zwar weiter nicht, und gehört er auch zu den jüngeren Dichtern, so hat er sich hier jedoch den Dank der oft sprichwört- lich mit Recht gerühmten schönen und tugendsamen Frauen seiner guten Stadt Augsburg verdient. In derselben ist auch die handschriftliche Sammlung (9) von Erzählungen im J. 1447 gemacht, welche uns sein Gedicht vor allen erhalten hat.
Eine andre Altdeutsche Bearbeitung desselben Stoffes von einem namenlosen Dichter, in der Lafs- bergischen Sammlung (Quellenverzeichnis 10) ist auch
1 Novelliero Itahano (Venedig 175-ij t. IV, p. 341 -48. Vorrede p. XXIII.
tÖefd)td)ti? foer etnselitfn <2Br3ctt)luu0eit. xxi
übrigens ganz namenlos, unbestimmt, kurz und dürf- tig [nur 102 Reimzeilen) : hier ist schlechthin ein jun- ger Mann, mit zwei jungen Geliebten ', neben seiner Frau; er macht eine Meerfahrt; gibt vor, gefangen zu sein, und bittet um Lösegeld; die Frau erhält beide für die Nebenweiber gekaufte Kleider.
Beide Gedichte scheinen ziemlich gleichzeitig, das letzte nur nach Hörensagen verfafst. In den Nach- trägen habe ich es zur Vergleichung wiederholt.
XXX VI. Das warme Almosen
ist aufser den vier [eigentlich nur zwei) Handschriften, auch dem Inhalte nach, nicht weiter bekannt. Kaum enthält Rudolfs Barlaani und Josaphat (vgl. zu XXIII) eine Anspielung darauf. Ich habe die Stelle zu Ru- dolfs Minneliedern vollständig mitgetheilt, 2 und bei dem Anlafs, dafs eine Schöne den frommen Jüngling verführen und sich dafür taufen lafsen will, sagt der Dichter:
Ich wurde über wunden sus,
Ob mir so manigen sue3en kus
Bute also ein schoene3 wip,
Da3 ich minnete ir werden lip,
Uf die rede, da3 si sich
Gote ergaebe, des hülfe ich;
Ein solich almuosen waer' min gir,
Ob es geruochte ein wlp von mir. Ob die ganze Stelle, die nicht in allen Hand- schriften steht, ein Einschiebsel ist, darauf kömmt es eben nicht viel an: sie bezeugt wenigstens für sich den sprichwörtlichen Ausdruck »Almosen« der Minne, welcher hier freilich als Gabe der armutseligen Haus- frau etwas stark bethätigt ist.
1 „Amyen. " Lafsberg überschreibt daher dieses Gedicht ,,Von den Freundinnen." — Fressant ist wol vrei-zanl.
2 Minnesinger IV, JJ4ß
xxii <£ei'djid)U tirr cu^rintn <£r3ät)lungeti.
XXXVII. Die drei Wünsche.
Diefs Beispiel von der Thorheit menschlicher Wün- sche, die zum Verderben ausschlagen, oder sich selbst wieder aufheben müfsen, um nur den vorigen leidli- chen Zustand herzustellen, gehtauf das Altindische Fabelbuch zurück. Pantscha tantra ' erzählt: Der Weber Manthara, der seinen Webestuhl zerbrochen, will einen Baum am Ufer des Meeres fällen. Ein darin wohnender Geist erbietet ihm für den Baum die Er- füllung jedes andern Wunsches. Der Weber beräth sich mit dem Barbier des Dorfes, der ikn auffordert, sich zum Könige machen zu lafsen. Die Frau dagegen beredet ihn, sein Gewerbe zu behalten, sich jedoch zwei Köpfe und vier Aerme (wie ein Indischer Gott) zu wünschen, um es desto wirksamer zu betreiben. Sein Wunsch wird erfüllt, als er aber so verwandelt zurückkömmt, wird er von den Dorfleuten als ein Un- geheuer erschlagen.
Die G riechischen, Hebräischen und Arabi- schen Bearbeitungen der sieben Weisen Meister2 gehn schon ins Abendländische über:
Ein Mann hatte einen Wahrsagergeist [xi-d-m], der ihm viel Gewinn brachte, und als er von ihm schied, ihm noch die Erfüllung dreier Wünsche ver- hiefs. Auf Betrieb seines Weibes wünschte der Mann sich viele Zeugungsglieder, und alsbald hatte er den ganzen Leib voll davon [veppäv vai u^or); um der Last wieder ledig zu werden, wünschte er alle hin- weg, und damit auch das ihm angeborene, welches der dritte Wunsch ihm zurückgeben muste.
Dem zunächst steht das Alt französische Gedicht
1 Aus Wilson 193, bei Loiseleur 54. Fehlt bei Dubois.
2 Aus Syntipas 84; Seiidabar; und sieben Visire 154. bei Loiseleur 114.
<2Mdjid)te t>er nulluni (tfrjäljlungen. xxm
von den vier Wünschen des Heiligen Martin; ' welcher vornämlich in Frankreich verehrte Heilige 2 hier die Stelle des Geistes vertritt, und einem Bauern der Nor- mandie, der fleifsig zu ihm betet, vier Wünsche ver- leiht. Der Mann gibt seiner Frau einen Wunsch ab, und sie wünscht nun dafselbe, wie die vorige Frau. Darauf wünscht aber der Mann ihr eben so viel weibliche Zeuge- glieder; und die beiden übrigen Wünsche werden dann ebenfalls zum Wegwünschen und Herstellen verbraucht.
Züchtiger ist die Auffassung in einem Gedicht der Marie de France:3 Ein Bauer hat einen Geist (Folet), der im Hause spukt, endlich gefangen, und dieser löst sich durch Verleihung dreier Wünsche. Der Bauer beräth sich mit seiner Frau, und bevor sie sich entscheiden können, geräth der Frau am Sonntag ein Hammelknochen in den Hals, und sie wünscht nun ihrem Mann einen Waldschnepfenschna- bel; worauf er sich durch den gleichen Wunsch an ihr rächt, und der dritte Wunsch dann beide her- stellen mufs.
Durch irgend eine Vermittelung ist diefs auch wol die Quelle von Lafontaine^ Fabel les trois souhaits, und C. Perraults Erzählung les souhaits rldicules. *
Dem nähert sich am meisten unser Altdeut- sches Gedicht, wo ein Engel anstatt des Geistes und Heiligen, das Ganze noch bedeutsamer erhebt, indem Gott ihn herabsendet, die Klagen des Mannes
1 Barbazan- JVIeon IV. 386: Les quutre souhais S. Mar- tin, aus Hds. 7218. 200 Reimzeilen.
2 Seinen Mantel, die capa S. Martini, als ein Haupt- heiligthum, führten die darnach benannten capelani den ältesten Iianzösischen Königen mit in den Krieg. — Vgl. zu L.
3 Unter den Fabeln , in ihren poesies ed. Roquefort Fl, 140. Legrand IV, 401; in der Ausg. von 4829. IV, 385 ohne die Urschrift.
4 Keller Einl. CLXXXI1 veiweist hiebei noch auf Mad. de ßeauiuoiit, im JVIagasin des enfanls.
xxiv <&?|d)id)te l»cr etnadimi <£r3ätflung*n.
und seines Weibes über ihre Armut, da sie sich doch keiner Schuld bewufst seien, zum Schweigen zu bringen.
Unter den- sieben Handschriften, welche die Ver- breitung dieses Gedichtes durch Jahrhunderte bekun- den, l findet sich auch die Sammlung von Strickers Welt, dem also dafselbe auch angehören würde.
Aus der Heidelberger und Würzburger Handschrift gibt es W. Wackernagels Altdeutsches Lesebuch 455 (2. Ausg. 567.)
Auf den Inhalt dieser Dichtung deutet auch Rei- m ar von Zweter:2 »Unt het1 ich drier wünsche ge- walt.« Dieselben Worte wie in unserm Gedichte Z. 81.
Spätere Deutsche Bearbeitungen dieses Stoffes sind:
Kirchhofs Wendunmuth (Frankfurt 1573) I, 180: »Von einem geitzigen weib ein Fabel.«
Lehmanns erneuerter politischer Blumengarten (Frankfurt 1640): ein Weib, der St. Peter drei Wün- sche verliehen, wünscht sich erstlich schönes gold- gelbes Haar, dann eine Bürste dazu; worüber der Mann erzürnt, einen bösen Wunsch thut, dessen Er- füllung der dritte wieder aufheben mufs.
Hebels »drei Wünsche« gibt ein »weifses Weib- lein« die Bergfey »Anna Fritze« (vgl. zu LIV) einem Ehepaar, das sich lange bedenkt, bis der Lise beim Rösten der Kartoffeln der Wunsch einer Bratwurst dazu entfährt, und der Hans im Zorne darüber ihr die Bratwurst an die Nase wünscht, welche der dritte Wunsch ihr wieder wegwünschen mufs. 3 —
1 Einen Auszug aus der Wiener Handschrift 428 (Quel- lenverzeichnis 6) geben Grimm Kinder- und Hausmarchen (1822) III, 151. Anin. zu 87. Die hienach von Docen, der das Gedicht dem Stricker zuschreibt, besefsene Handschrifi, ist wol nur die Würzburg- Münchener (Quellenverz. Hj.
2 Minnesinger II, 187.
3 Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes (Tübingen 1811) S. 117.
<&*fd)id)te toer einzelnen €rjöl)luttöett. xxv
Das Widerspiel zu all diesen unseligen Wün- schen bilden die klüglich gethanen und wolgerathe- nen Wünsche. Dergleichen sind auch meist drei, oder vier, die Christus, St. Peter und andere heilige Männer für gute Herberge gewähren. Meist ist es ein Schmid, und vornämlich der von Jüterbog, aber auch der von Bielefeld, von Apolda, von Mitterbach in ßaiern, und anderswo in Süddeutschland, von Tachau in Deutschböhmen u.a. Die Wünsche, welche hier meist durch Werkzeuge (Hammer, Tasche, Kappe, Stuhl, Baum) vermittelt wirken, zwingen dem Tode Frist ab, bannen und vertreiben den Teufel, bringen in den Himmel. Ein Hannoverscher Schmied wird sogar dadurch vom Bündnisse mit dem Teufel (unser LXXXIV) befreit. — Diesen Mären und Sagen reihen sich an die mancher- lei Wünschelkleinode und Zaubergeräthe, welche ir- dische Gewalt und Genufs jeder Art gewähren, wie: der allesfafsende Banzen des Oesterreichischen »Bru der Lustig«; die Karten und Würfel des Böhmischen »Spielhansels«, der damit die ganze Welt gewinnt; die alles festspielende Geige des Münsterischen »Hans Lustig«; der alles aufnehmende Ranzen und nie leere Geldbeutel eines Hessischen Märchens: ' also auch die drei Wünschkleinode des Fortunatus, der Rolands- knappen u. s. w. —
Ein andres Hessisches Märchen verbindet solche wolberathene Wünsche mit den unseligen: als der liebe Gott noch auf Erden wandelte, ward er vor der Thüre des Reichen abgewiesen, von dem Armen herz- lich aufgenommen, und gewährt diesem drei Wünsche:
1 Auszüge und weitere Nachweisungen über alle diese Dichtungen gibt Keller zu den 7 sages Einl. CLXXXII— IV, und zu liühelers 7. w. M. Einl. 54. Meist nach Grimm III, 135" 149, wo der Schmid durch Thor mit dein Hammer, der Teufel durch einen Kiesen u. I, w. gedeutet weiden. Das Märchen von dem Schmied und seinem leufelbanneoden Baum kenne ich im meiner Heimat der rkermark.
xxvi <$efd)id)U t»*r uiir^liun <&t$tyivin$tn.
die ewige Seligkeit, Gesundheit und Genüge bis zum Tode, und Erneuung des Hauses. Der darob neidische Reiche reitet dem abgewiesenen Herrn nach, und erbittet auch drei Wünsche; darauf sinnend, von sei- nem stolpernden Pferde gestört, wünscht er, dafs dieses den Hals breche; als das geschieht, trägt er selber das Sattelzeug, und unter der Last ärgerlich wünscht er den Sattel heim und dafs sein Weib darauf fest säfse: so findet er es daheim, und mufs durch den dritten Wunsch sie wieder befreien. '
XXXVIII. Weiberlist.
Dieses nur in Einer Handschrift gefundene Ge- dicht 2 weifs ich auch dem Inhalte nach nicht wei- ter nachzuweisen. Es gehört im Allgemeinen zur grofsen Sippschaft der Erzählungen, welche die Ueber- schrift bezeichnet, und welche zum Theil im Altindi- schen Fabel buche (Pantscha-tantra, von Dubois les cinq ruses übersetzt) , und noch mehr in den eigens darauf angelegten sieben weisen Meistern, manigfaltig ver- ändert und vermehrt (bis zu den 40 Visiren) , vorgetra- gen werden, sowie ihnen ein besonderer Tag des Decamerone gewidmet ist, in welchem sie auch sonst noch genug wuchern. Damit beginnt auch hier noch eine Reihe solcher Erzählungen (bis XLV), derglei- chen schon zuvor (IL IX. XIV. XVIII— XX. XXVI. XXX. XXXI) sich einmischten. Die eigentümliche Weise, wie hier der Mann dumm gemacht fdupej wird, die Verzauberung, ist zwar etwas dick aufge- tragen, jedoch nicht unglaublich.
1 Grimm Märchen II, 1. Nr. 87. dazu III, 153, wo an Phi- lemon und Baucis und den antiken, Indischen und Nordischen Gotler- Besuch der Menschen erinnert wird. Vgl. J. Grimm Deutsche Mythologie, Vorr. S. XIX.
2 In Prosa von Genthe I. 441.
XXXIX. Der Ritter und die Nüfse.
Ist eine der manigfaltigen Erzählungen, wie ein Ehemann mit sehenden Augen blind gemacht wird. Zuerst erscheint sie in dem Altindischen Fabel- buche, zwar nicht im Pantschatantra , sondern im Hitopadesa. ' Eine junge Frau, von ihrem alten Manne mit ihrem Bulen überrascht, schlingt sich ihm um den Hals, überhäuft ihn mit Liebkosungen, und hält sein Haupt so zwischen ihren Händen, dafs der Liebhaber entwischt. — Dann, inPetri Alfonsi disci- plina clericalis X, 6 — 8: Ein Ritter fmilesj besucht seinen Weinberg, und kömmt früher heim, weil eine Rebe ihm ein Auge verletzt. Die Frau hält ihn von der Bettkammer zurück, wo sie den Liebhaber ver- borgen hat, und will ihm das gesunde Auge vor ähn- lichem Schaden sichern durch ihre Heilkunde und Besprechen fcarminar.e; franz. charmer), indem sie ihren Mund daran hält und so lange anhaucht ffovetj, bis der Versteckte ungesehen entschlüpft ist. 2
Uebertragen, unverändert, indem Alt französi- schen Gedichte des Vaters Lehren in Beispielen.3 Ebenso übersetzt von Steinhövel, bei seinem Ae- sop: »Die xiij. Fabel von eim listigen Weib eins Wein- gartners. Kein böser thier auflf erden ist dann ein weib von argem list.« Auch im Folgenden ist manche Freiheit des Ausdrucks, und zum Schlufse heifst es: »Durch den behenden bösen list der frawen ward der biderman betrogen, als auch vor zeiten in Kriechenlande
1 B. 1, lab. f>; bei Schlegel -Lassen S. 27; bei Wilkins S. 5£ Vgl. Loiseleur 76.
2 Bei V. Schmidt p. 48. 123 — 26, wo die meisten folgen- den Veränderungen beigebracht sind, meist nach Legrand.
1 Le ('astitirmrnt d'nn per e a son fite. C'onle VII. De lu male ferne. Bei Barbazan-Meon II, 81. Legrand IV, 158, wo nicht genau übersetzt isi , dafs die Krau das kranke Auge kiisM und du gesunde zuhall.
xxviii <ß*fd)i4)tt t»rr fin3*liun <ßr3äl)lun0en.
beschechen ist, gelobt sey Gott, dafs solchs bey vns nit wirt erfunden.« '
Zum Theil wörtlich, etwas verkürzt, übergegan- gen in die Gesta Romanorum. 2
Ein sonst unbekannter Adolf us hat unter seinen zehn, im J. 1315 einem Ulrich gewidmeten Erzählun- gen in elegischen Versen, auch diese, stark mit My- thologie aufgestutzt, * besonders die verliebte Zusam- menkunft. Der Schlufs warnt die Studenten:
Omnes istius fraudes audite , studentes, Ne vos seducat femina nugigera.
Thais amore caret , juveni non servat amorem: Fisci bonis viget hie, teque carente perit.
Später, und freier ist das Lateinische Gedicht in Senaren von Monnoye,4 welches den Mann schon vor- weg als einäugig aufführt, wie die Novellisten thun.
So die Cent nouvelles nouvelles: ein Ritter in Artois, der im Kriege das linke Auge verloren, zieht den Preufsen gegen die Heiden zu Hülfe, und kömmt, nach tapferen Thaten, unerwartet nachts heim. Die treulose Frau will geträumt haben, er sehe wieder auf beiden Augen; was zu bewähren, sie ihm das
1 Der Ausg. von 1555 1*1. 104.
2 Cap. 122. Kellers Ausg. p. 195. Gräfse's Uebersetzung I. 259. II, 271. Altdeutsche Ueberselzung (1498) Bl. 107: „von dem ritter, dem ein reb in das aug schlug, und den sein weib also betrog, wann sy jren bulen in das pedt gelegt hete." — In der Lat. Ausg. 1489 (o. O. Fol.) Bl. LX . mit der Mora- lisatio.
3 Aus der Wolfenhütteier Handschrift, gedruckt in P. Ley- seri hist. poetar. et poemat. med. aevi (Hatae 1721) p. 2011. Fabula III. Darin eine Anspielung auf den armen Heinricum, d. i. Heinricus Septimellensis , geineinlich H. paupev genannt. Vgl- Minnesinger. IV, 578. Vom, in Akrostichen, nennt sich der Dichter. Die Widmung hinten ist in Leoninischen Versen.
* De la Monnoye oeuvres chois. (La Haye 1770) /. 2. p. 351: Uxor Cocütis. Den Schlufs wiederholt Schmidt 124.
®*fd)id)te fcer etnaeliun (ßr3ttl)lun9en. xxix
rechte Auge zudrückt und das Licht vor das linke hält, so dafs er nichts sieht. *
Die von Legrand in dieser Reihe genannte No- velle des Sabadino hat jedoch einen ganz andern Inkalt. 2
Straparola gibt in der Mundart von Treviso eine breit ausgesponnene Erzählung mit Aenderungen und Uebergang zur folgenden Variation, indem der Mann sich auf den Boden legen mufs, und ihm das Haupt umhüllt wird. 3
In Bandello's Novelle ist es, unschuldiger, ein Mädchen, die ihre einäugige Wärterin so hinters Licht führt. 4
Der Heptameron der Königin Margaretha von Navarra macht aus dem Ritter einen alten Kammer- diener des Herzogs Karl von Alencon, der seine Frau in Verdacht hat, und auch ihre List hinterher ge- wahrt, sich deshalb von ihr trennt, jedoch durch Verwandte versöhnt wird. 5
1 Der Ausgabe von Köln 1701*. 1, p. 121— 28. Nouvelle XVI. Le borgne aveugle. Du sind les bons seigneurs de Prufse vrays defenseurs de la tres saincte foy ehret ienne ; und die Heiden heifsen Sarrazins, wie in den Altfranzösischen Heldengedichten von Karl d. Gr. die Sachsen.
2 Sabadino degli Arienti Le Porretane seltantuna no- velle 1483 und sechs folgende Ausgaben sind nicht zur Hand: die von Legrand (und nach ihm von Dunlop hist. offict. II, 404; angeführle Nov. 4 ist in dorn Novelliero- Italiano QVen. 1754) II, 141 wiederholt, und daraus Französisch in der Bibl. des rom. 1778.
8 Notle 5, fav. IV-- Marsilio Vercelese ama la Thia mog- lie di Ceccato Rabboso , e in casa lo conduce , e menire, cJiella Ja vn sadazzo al marito, egli chetamenle si fugge. — Die Faxen, welche die Frau mit dem Mann anstellt, erinnern an die in unserm LV und XXXI, 429 ff.
* Th. 1, Nov. 23.
' Journ. 1 , nouv. f> : Sublilile d'une femme qui feit evader son arny, lors aue son mary, qni esloit borgne, les pensoil sur- prendre.
xxx <&efd)td)te fcer einzelnen €r$äl)lutt0en.
Malespini's Novelle ist eine Uebertragung aus den cent nouvelles nouvelles, mit Aenderung des Ge- schichtlichen, Auslafsung von Artois, und wie der Mann einäugig geworden. '
In der Arcadia di Brenta eines Unbekannten ist ein ausschweifender Schwank daraus geworden: Die Frau hat eine Menge Buler, deren zwei durch einen Ring sich begünstigt erkennen, und das Gelübde einer Wallfahrt nach Loretto ist dabei ins Spiel gebracht. 2
Aufserdem führt Legrand noch folgende Bearbei- tungen an:
Contes du sicur d'Ouville. t. 2, p. 245.
Nouveau recueil de bons mots. t. 2 , 216.
Elite des bons mots. t. 2, p. 290.
Zuletzt wiederholte sich diese List in der Liebes- geschichte des Grafen de Guiche mit Madame, laut der Briefe der Herzogin von Orleans, Charlotte Eli- sabeth von der Pfalz und der Biographie universelle t. 32, p. 105, unter Philippe d Orleans. —
Sehr nahe hiemit verwandt ist ein andrer Schwank: ein Mann vertraut während einer Reise seine Frau ihrer Mutter: diese begünstigt die Liebschaft ihrer Tochter, und als der heimkehrende Mann sie über- rascht, holt sie eine Webe Leinwand von der Tochter und ihren Händen, um sie ihm zu zeigen, und beide breiten sie ihm so weit vor den Augen aus, dafs der Buler entschlüpft.
1 Celio Malespini ducento novelle (Venedig 1609) ent- halten so sämintliche Cent nouv. nouv., wie Dunlop hist. of fict. II, 473 einzeln nachgewiesen hat.
2 Bei Legrand p. 131 dieser nicht nährr angegehenen Sammlung lustiger Geschichten, die in Eheris hihi. Lex. fehlt, und von welcher V. Schmidt 125 eine spätere Ausgahe he- nui/te: V Arcadia in Brenta, overo la melanconia sbandita, di Ginnesio Gavardo Vacalerio (Bologna 1673, 12), welcher Name, laut der Zueignung des Verlegers, einen sehr vornehmen Mann maskirt.
t&tty'ufyU tur einzelnen <tBr.\äl)lun0en. xxxi
So erzahlt Petrus Alfonsus (XI, 1 — 4), unmit- telbar auf den vorigen Schwank; und ebenso folgt er dicht auf diesen, mit fast wörtlicher Aufnahme, in den Gesta Romanoruin (c. 123); in den Alt- französischen Reimen des Castoiement ' (wo der Ritter zu St. Peter in Rom wallfahrtet und die Leinewand zu Samt wird); in Legrands Auszug;2 und in Steinhövels Verdeutschung nach Alfonsus:3 während der Altdeutsche Druck der Gesta Romanorum ihn übergangen hat, 4 wol eben der grofsen Aehnlich- keit wegen. Das Unterscheidende, zugleich Mildernde ist, dafs hier ein altes Weib, Schwiegermutter (noch sprichwörtlich »des Teufels Unterfutter«), die Hände im Spiele hat; noch mehr, dafs hier der Mann nicht Ein Auge zudrücken mufs, sondern beide ihm ver- schleiert werden. Alfonsus allein fügt auf die Be- merkung der Schwieger, dafs ihre und ihrer Tochter Hand das Linnen gewoben, hinzu: Cui maritus: Et tu, domina , scis tale linteum pra>parare? — Et illa: O fili, multa hujusmodi prwparavi. — Im Widerspruche des gleichwol am Ende bewährten Sprichworts: »Es ist nichts so fein gesponnen, Kömmt doch endlich an die Sonnen.« —
Lange vor Alfonsus waren aber diese Weiber- Schwänke und Ränke schon im alten Griechenland
1 Baibazan-Meon II. 85: Conte VIII. autre de la male dame. 40 Reimzeilcn.
2 IV, 160. In der Ausg. von 1829. IV, 188 auch ohne Urschrift.
3 Minier dem Aesop Bl. 104. .Die xiiij. fabel von dem allen "Weib n»ii dem Linlaehen. Die alten weib seind schnel- ler böfslist , des hör ein argument. Do ein kaufTmann vf<*- fur" u. s. w.
4 In Gräfse's Anmerkung zu seiner Vcrdeulschung II, 271 ist die Hinweisung auf den Griechischen Synlipas sammt Loi- seleur p. 77. 100 zu streichen, die sich auf die folgende ver- wandle Krzahlung beziehen.
xxxn <£efd)id)te ber einzelnen €r$äl)lun0en.
bekannt, und in des Aristophanes Thesmophoria- zusen (v. 498 fT.) kömmt, neben den mancherlei an- stöfsigen und ausschweifenden Streichen der Weiber, auch vor, wie eine dem Manne durch Vorzeigen eines Gewandes das Auge verhüllt, und den Buler ent- schlüpfen läfst. '
So hat denn auch die neuere Zeit diesen Schwank selbst auf die Bühne gebracht. Die Englischen Komödien und Tragödien haben im ersten Theil vom J. 1624 ein »Lustiges Pickelherings-Spiel von der schönen Maria und alten Hanrey,« worin ein Laken, das die Mäuse sollen zerfrefsen haben, diese Rolle spielt. Dafselbe hat L. A. v. Arnim verarbeitet in seiner Schaubühne (Berlin 1813): »Herr Hanrei und Maria vom langen Markte.« 2
Eine dritte Erzählung dieser Gruppe von Weiber- listen, welche sich dadurch von den beiden vorigen sondert, dafs hier nicht Verblendung, sondern Spie- gelfechterei im Spiele ist, verhält sich in ihrer Ge- schichte auch ganz ähnlich.
Im Altindischen Hitopadesa, wo die obige Fabel als die Grundlage der beiden vorigen Schwanke zu betrachten ist, findet auch dieser dritte sich zuerst: 3 Eine Pächtersfrau verkehrt zugleich mit einem Richter und dessen Sohne. Mit diesem vom Vater überrascht, verbirgt sie den Sohn auf dem Kornboden, und em- pfängt den Vater. Da sieht sie auch ihren Mann kommen, und heifst den Richter mit einem Stock wie in grofsem Zorne hinaustreten. Dem darüber verwunderten Manne sagt sie, der Sohn des Richters
1 Die ganze Stelle gibt Schmidt 126. Vgl. zu LVII.
2 In der neuen Ausgabe seiner Werke Bd. 5. 6.
3 B. 2, Fab. 9. Bei Scblegel-Lassen S. 66; bei Wilkins S. 136. Tgl. Loiseleur 77.
®efrl)td)te tJer nnaelnen <&t$ä\)[\\n$zn. xxxui
habe sich vor dessen Zorn in ihr Haus geflüchtet, wo sie ihn verborgen, sodafs der Vater ihn nicht ge- funden habe. Der Jüngling wird hierauf vom Korn- boden geholt und freundlich aufgenommen.
Zunächst ist diese Weiberlist in die sieben wei- sen Meister übergegangen, welche dergleichen, einem gefährlichen Weibe gegenüber, erzählen. In der Grie- chischen Uebertragung aus dem Syrischen, wo der zweite Weise diefs vorträgt, vertritt den Richter und seinen Sohn ein königlicher Kriegsmann und sein junger Sklave, der als Bote dient, und im Innern des Hauses versteckt wird. Der Kriegsmann mufs sein Schwert ziehen und sich auch zornig als Verfolger stel- len. Das Uebrige stimmt. '
Ebenso erzählen die Hebräische Uebertragung,2 und die Arabischen sieben Visire iwo der Diener unter einem Korbe verborgen wird, und die Frau >agt, sie sei gerade beim Waschen gewesen), - nicht auch die Abendländischen Darstellungen.
Gleich der vorigen, zweiten Erzählung ist diese eben>o unmittelbar die dritte:
Bei Alfonsus (XII, 1 — 4). Die Anlage ist ganz wie die vorige, und eine Schwiegermutter dabei thätig, mich nur Ein Liebhaber, dem sie ein Schwert in die Hand gibt, ihn an der Thi'irc stehn heifst, und dem eintretenden Manne sagt, jener habe im Hause vor drei Mördern Zuflucht gefunden: worauf der Mann ihn bis zur Nacht dort behält und bewirthet.
Im Castoiement , mit derselben Ueberschrift, wie
1 Synlipus ed. Boissotiade p. 1\). Aus der Wiener Hds. 120 und Parter Hds. 2919 hei V. Schmidt zu Alfonsi disct/jl. clenc. S. 127. DflCier'S AaSMIg [JMtm. de litt, de l'acad. loyale
/ u, /}. .'i.'ii, wiederhol! LoiMleur 100.
2 Misehle [Parabeln) Sendabar.
1 Bei Ion. Scott s. 07. in 1001 Naebl, meiner mit Ha- bicht und Bcnall unieriioiiimciicn Verdtutschaog und Ergän- zung aus der Ttineelteben Hdl durch Habicht, Nacht 98 'i.
- d Ha. II Hl
xxxiv <$c j'd)id)t? tJcr einzelnen ^rjählunflen.
die beiden vorigen Weiberlisten, nur mit zwei Mör- dern. '
In Steinhöwels Verdeutschung des Alfonsus, steht diese »Fabel« vor den beiden vorigen. 2
Die Gesta Romanorum haben sie übergangen. 3
Dagegen läfst Adolfus sie dicht auf die erste folgen, noch mehr mythologisch zugerichtet, und über- geht die zweite.4
Boccaccio (VII, 6) steht in näherer Berührung mit den weisen Meistern, und hat keine Schwieger- mutter, dagegen zwei Buler der Isabella sind zwei Edelleute, Lionetto und Lambertuccio. Der Mann wohnt in Florenz, wo diefs wirklich geschehen sein, also sich wiederholt haben soll. 5 — Bei Sansovino III, 10.
Poggius, auch aus Florenz, hat Boccaccio's No- velle Lateinisch kurz zusammengezogen. 6
Legrand (IV, 161) führt noch folgende Bearbei- tungen auf:
Ruses d'Amour.
Bandello t. 2 , nov. ii ( Una donna si trova in un tempo acer tre inamorali in casa, e venendo ü marilo quello mirabilmenle beffa; ist verwandten Inhalts).
1 Barbazan-Meon II, 85: Conle IX. Aulre de la male ferne. Legrand IV, 160 (Ausgabe von 1829, IV, 189} nennt irrig auch den Dolopatos
2 Hinler Aesop, Bl. 101: „Die X Fabel von einem KauiTman, seinem Weib, Bulen, vnd Sehwiger."
a Sie soll in der Züricher Hds. der Deutschen Gesta Ro manorum stehn, laut Kellers Einl. zum Büheler S. 46, wo aber die Angabe, sie sei auch in die Lateinischen Gesta Ro- manorum übergegangen, unbelegt ist.
4 Bei Leyser poet. med. aevi p. 2013 : Fabula IV. Vir lu- cri cupidus longinquos currit ad fndos.
b Einen Auszug gibt Legrand IV, 161. Ausg. v. 1829. IV, 190. Vgl. zu dieser Novelle V.Schmidts Beilr. 69. Manni hält sie Cur geschichtlich.
6 Poggii opera (Basel 1538) p. 489: Callida consilia Flo- i entinae fucinore deprehcnsae.
<*Md)id)tc Tun- einjelnen €rjäl)lumjni. xxxv
(Gast) Convivales sermones (Basel 1545) t. I, p. 27. Etienne) Apologie pour Herodote.
Ottomari Luscinii joci ac sales.
Contes du sieur d'Ouville IL 204.
Les face'tieuses joume'es p. 251. — Les amans heu- reux p. 135. — Le printemps de l'amour.
Dunlop (hist. of fict.J nennt (mit Lagrand) als Nach- ahmung noch Parabosco's Nov. 16 (I diporti di Para- bosco. Lond. 1795. p. 226 J, die nur entfernt hieher gehört.
Unser Hagedorn hat frei nach Boccaccio ge- dichtet (II, 154), und führt dazu aufser Gast, noch als Nachbildung an le Misanlhrope 1 , 14.
Auch für die Bühne ist diese weitverbreitete Er- zählung verarbeitet. Hans Sachs hat im Jahr 1552 ein Fastnachtspiel «die listig Bulerin« daraus gemacht. '
Von Beaumont und Fletcher ist die Novelle Boccaccio's mit einer darauf folgenden (VII, 8. unser XLIII in ihr Lustspiel Women pleased , auf welches schon Shakspeare's l^aming of the shrew (vgl. zu II) anspielt,3 verwoben; im zweiten Aufzuge spielt der verkleidete Bruder der Frau Lionetto\s Holle, nur um seine Schwester zu versuchen, und diese wird nicht wirklich verführt, sondern mit ihrem geizigen Marine gebefsert. 3 Dancour l comcdie La Parisiennc mit drei Liebhabern, wie bei Bandello.
XI j Die Meier in mit der fieifs.
Abermals eine Weiberlist, einer Jungen mit einer Alten, den eifersüchtigen Mann durch (ieifsgeschrei selber zum gehörnten I liiere zu äffen und die Meierin
' B. IV, Th. :j, W. Ü. Den Schlufs wiederholt Schmidt 70.
3 In dein Vorspiele. Näfeeref darüber gibt Tieck zu sei- ner UftbertetZUng Shaksp'-are's Th. 7 (1832); S. 349. Sehmidi 71 läftt si<h noch über die beiden vereinigten Dichter aus.
6 The vwrks of /' /'■■ Pitnwni and Flttchvr (Lond. 17«>0. v. H, p 2ß.
beritten zu machen. Das von dein Kitter vorgeschla- gene verblümte Zeichen zur Vereinigung im Walde (Z. 73 ff.) ist bedeutsam aus Tristan und Isolde, in Obergs Gedicht und der daraus gebildeten Prosa. *
Den Inhalt unsers in drei (eigentlich nur zwei) Handschriften übrigen Gedichtes weifs ich sonst nicht nachzuweisen.
XLI, Der Ritter unterm Zuber. Ion Jakob Appet.
Diese Weiberlist, mit Hülfe einer treuen Magd, wie die folgende Niederdeutsche Bearbeitung desselben Stoffes sich selber nennt, ist dagegen desto weiter verbreitet, obgleich Hochdeutsch nur in zwei Hand- schriften (Quellenverzeichnis 4. 11) übrig, neben wel- chen noch eine mit Gemälden erwähnt wird,2 und von einem sonst nicht bekannten Dichter, der dies- seits des Rheines zu Hause war (Z. 143). Dieser hat, wie er eingangs sagt, das Abenteuer mündlich von dem Ritter vernommen, dem es selber begegnet war. Es ist aber früher, wie später, auch schriftlich im Aus- lande manigfaltig vorhanden, und mag sich wirklich wiederholt haben.
Zunächst verwandt ist das Al.tfranzösische Ge- dicht von der Kufe: eine Kaufmannsfrau badet sich mit ihrem Liebhaber, einem Schreiber fclercj, als ihr Mann plötzlich mit drei andern Kaufleuten von Pro- vins heimkömmt. Beide kleiden sich schnell an. Sie giefst das Bad aus, und der Buler versteckt sich unter der umgestürzten Kufe. Der Mann deckt selber ein Tischtuch darüber, und läfst schleunig Efsen auf-
1 Im allen und neuen Buch der Liebe Kap. 40. 2 In dem Verzeichnis eines Handschriftenmalers vor der Berliner Hds. der H. 3 Könige, wo, unter den 35 Büchern, 25: Item d. Ritter unter dem Zuber; und 19: Item von einem ge- treuen ritler der sin eigen hertz gab umb einer schönen frowen willen. Zu XI gehörig.
<Öe|d)td)U t>er eiujflneit dBrjäljlungeit. xxxvu
tragen, weil er mit den drei Gästen gleich weiter will. Da läfst die Nachbarin durch ihre Magd die geborgte Kufe zurückfordern, und der Mann will sie schon hingeben, die Frau hält sie aber fest, und läfst der Nachbarin antworten, sie rnüfse ja wifsen, was Noth fbesoingj sei. Die Nachbarin kannte auch wol solche Noth, rief einen Bummler fribaut) von der Strafse, und gab ihm Geld, dafs er laut »Feuer!« schrie. Als- bald stürzten die Kaufleute aus dem Hause, und der Versteckte entrann. '
Man sieht, die Verschiedenheit betrifft meist nur Nebenumstände: die bedeutendste Abweichung ist, dafs der Mann nicht eifersüchtig mit seinen Brüdern heim- kömmt, und die Frau sie nicht so keck herausfordert.
Verschiedener ist die Erzählung der Delices de Verboqttet le genereux (Paris 1623. p. 83), welche dem Legrand aus dem Fabliau herzurühren scheint: Die vorn Mann überraschte Frau fürchtet, ihren ver- steckten Liebhaber durch ein anbellendes Hündlein verrathen zu sehen, tritt vor die Thüre, und kömmt mit zerraufter Haube zurück, und ruft um Hülfe ge- gen zwei Buben; der Mann eilt hinaus, und der Buler entwischt.
Die hier fehlende Kufe spielt dagegen auch in Boccaccio's Novelle (VII, 2) die Hauptrolle, nur mit andrer Kntwickelung, und als Fafs, während sie im Altfranzösischen Gedicht als Badewanne, für Zwei, am pafsendsten erscheint (vgl. LXi). Doch kömmt hier auch das Fafs tx poit noch zu Ehren. Nämlich, Pero- nella, eines Maurers Frau zu Neapel, läfst ihren Liebha- ber Gianello in das Fafs steigen, als ihr Mann heimkömmt mit einem Andern, dem er das Fafs verkauft hat.
Barbazan M6on IM. W: />« cuvier. Ajus der Hds. 7218. 150 r. »in / iicn. Legrandfl Aufzug (III. W.\} lüfol <Jic Frau selber die letzte Lid anwenden. Anag, v. 1829, IV. M. Deul IV 120
xxxvih <&f|d)td)ti> "ber einjelnen törsiityluitflcn.
Die Frau schilt, dafs er zu wojfeil verkauft, während sie es theurer verhandelt habe an einen , der es eben inwendig besehe. Zugleich springt Gianello heraus, und bestätigt den Handel, wenn es gehörig gereinigt werde. Nun steigt der Mann hinein, und während er damit beschäftigt ist, schaut die Frau mit Gianello über den Rand hinein, und beide machen es, wie gli sfrenati cavalli
So erzählt schon A pul ejus im neunten Buche seiner Metamorphosen,1 woraus Boccaccio frei über- tragen hat.
Aber nicht nur in das antike Frauenzimmer (Gy- näceum) , sondern sogar in den Morgenländischen Ha- rem ist diese Weiberlist eingedrungen, nur mit ört- lichen Aenderungen.
In 1001 Nacht ist es selbst die Favoritin des Schachs von Persien zu Ispahan, die, in einen jungen Seidenhändler verliebt, durch Vermittehing ihrer Amme, ihn in einer von mehren grofsen Kisten voll Seiden- waaren in ihr Zimmer bringen läfst, jedoch vom Sultan überrascht, den kaum daraus hefreiten Lieb- haber wieder darin verbergen mufs. Der Sultan ist neugierig die Seidenzeuche zu sehen, die Favoritin aber weigert sich, weil ihr Liebhaber sich in einer Kiste befinde; und als der Sultan darob in Wuth geräth, lacht sie ihn aus, dafs er den Scherz für Ernst halte, und reicht ihm die Schlüfsel, will aber nicht länger bei ihm bleiben, weil sie sein Vertrauen verloren habe. Dadurch kleinlaut gemacht, hat er genug zu thun, ihren Zorn zu besänftigen.2
Diese mit unserm alten Gedichte stimmende
1 Der Pariser Ausgabe von 1688 S. 269. Bemerkte schon PW. Beroafdus im Commentar dazu: transposuit commodissimc, non at interpresy sed ut conditor.
3 In meiner Verdeutschung Nacht 539. IM. XII, S. 201. Dazu \in, 375. Vgl. die Kiste LXVIII
(Öefd)id)te tjer ^itt^elnen (fcrjäljlungen. xxxix
Geistesgegenwart und Kühnheit der Frau ist auch auf die Bühne gebracht, in einem Französischen Lustspiele la Gageure imprevue.
Entfernter steht, als Gegenstück, in den sieben Visiren der 1001 Nacht die sechste Erzählung der Frau: des Sultans Sohn wird in einem Kasten, wel- chen der Visir, als wäre er voll Kostbarkeiten, einem Kaufmann zu Verwahrung gibt, zu dessen schöner Frau gebracht, mit der er sich sechs Tage lang ver- gnügt, bis der Vater nach ihm verlangt, und er so schleunig abgeholt wird, dafs der Kasten, nicht fest verschlofsen, sich öffnet, und den Prinzen entdeckt, worauf der Mann die Frau verstöfst. '
Diese Erzählung findet sich auch schon in einer alten Französischen Sammlung les Comptes du monde avantureur , contenant liiij discours (Paris 1582) , die zweite: La facon qu'une Juifce fut convertie ä la foi de Jesus Christ par la poursuite d'un jeune Romain. — Dann auch in les delices de Verboquet le gener eux (Paris 1623) p. 325. 2
Früher hat sie auch St raparola (IV, 2) verarbei- tet: in Athen versperrt der eifersüchtige alteErminione sein schönes Weib Filenia auf einem Thurm, und ein Schüler (Student) Hippolito aus Kreta, der sie früher schon liebte, gibt selber ihm einen von zwei gleichen Kasten, mit Kostbarkeiten, in Verwahrung, wird in
1 Khcnda Nacht 993. Bd. XV, S. 163. Habirhis Krjian - Kling aus der Tunesischen Handschrift. Hei Jon. Scott 131. — Dei eifersüchtige Mann hält die schöne Frau in einem festen Srhlofse verwahrt, der Prinz schiefst Briefe und den Kasten- RCblüfoel am Pfeile zu ihr hinauf: wie auf dem Bilde zu un- serem Minnesinger Rubin (bei den Abhandlungen der Berliner Akademie der Wi fsenschafien, 1H'i8 Taf. VII, und schon in dem Grieche Ged. de amori/ms Lybisln et Bhodamnes bei Fa hricit tibi. 0r. <<l Hartes VIII, 1*8.
3 Beides nach Loiseleur 139.
xl <&efd)td)tf fccr etnjelnen «Erklungen.
dem andern, durch Vermittelung seines Dieners, hin- auf getragen, vergnügt sich mit der Frau, und läfst sich vor Heimkehr des Mannes wieder wegtragen. Dieser argwöhnt aber aus gewissen Spuckflecken an der Decke des Schlafgemachs, die er nicht errei- chen kann, den Betrug, und verklagt die Frau des Ehebruchs. Sie soll öffentlich ihre Unschuld beschwö- ren, und da stellt Hippolito sich als ein Wahnwitziger und umarmt sie auf der Strafse, so dafs sie getrost den Eid leistet: ganz wie Tristan und Isolde. Auch mufs sie (anstatt des glühenden Eisens, im Tristan) der (ehernen) Schlange auf der rothen Säule die Hand m den Rachen stecken, der ihr nicht schadet, zum Zeugnisse der Wahrheit: ähnlich der steinernen bocca (U veritä Virgils, die noch in Rom gezeigt wird. ' Der Ankläger sollte nun selber verbrannt werden, ward je- doch zum Gefängnis begnadigt, worin er bald starb, so- dafs die beiden Jungen sich ehlichen konnten.
Aehnliche Züge hat eine andre Novelle ßoccac- cio's (V, 10): In Perugia wird Pietro's Frau mit ihrem Liebhaber überrascht, und versteckt ihn unter einen Hühnerkorb; ein Esel tritt ihn aber auf den Finger, sodafs er entdeckt wird. Die Frau beschwichtigt jedoch den Mann, und alle Drei verzehren das für Zwei bereitete Abendefsen. - —
Auch diese Novelle ist aus Apulejus Metamor- phosen (1. IX. p. 291) übertragen. Manni und Dunlop vergleichen damit noch Girol. Morlini's Nov. 31 und 33: von welchen jedoch die letzte nicht hieher gehört. Schmidt (Beitr. 61) fügt »wegen des allge- meinen« hinzu: Dante Inf. canto 15 und 16, und Bandello I, 6.
1 Vgl. meine Briefe in die Heimat aus Deutschland, der Schweiz und Italien (1816—17) IV, 106. 120. Eine Schlange auf einer Säule steht noch vor S. Ambrogio in Mailand. Ebd. I. 286. Vgl. XCII.
<Öefri)id)te t»er ettt3elnctt <#r$äh,luit0m. xli
XLH. Die treue Magd
ist eine Niederdeutsche, nur in Einer Handschrift (Quellenverz. 31) übrige Darstellung des vorigen Aben- teuers, unabhängig von dem Hochdeutschen, aus ge- meinsamer Ueberlieferung, dabei sichtlich mit eigen- thümlicher Ausführung. Es ist ein liebliches Bild eines damaligen Schülers (Studenten), der nach Paris reitet, wie andere nach Padua,1 zugleich der freien Künste und des ritterlichen Frauendienstes beflifsen, ein fahrender Schüler im edlen Sinne. Sein allabend- liches Gebet zu St. Gertrud (170. 502) hat hier so kräftige Wirkung, dafs er im einsamen Landhause des Waldes die reizendste Herberge in den Armen der schönen Wirthin findet. Wie beide so innig ver- schlungen, nur Eins scheinend, im Schlafe liegen zu Angesicht des Mannes und ihrer beiden Brüder, über- bietet glänzend den Versteck unter Zuber oder Bade- kufe, wie die Uebertragung der Rettung von der Nachbarin auf die zuvor schon die Entdeckung sorg- lich verhütende Magd, deren Treue selig gepriesen, und nach ihr die ganze Erzählung benannt wird.
Die H. Gertrud aber, welche auch XXXI, 380. LI, 620 so vorkömmt, wie bei Boccaccio und Lafontaine II, 22 der H. Julian als Schutzheiliger der Reisenden,2 hatte sich in ein Kloster begeben, obschon ein Rit- ter sie liebte und dennoch in ihrer Nähe blieb (wie der Ritter von Toggenburg). Dieser verschrieb sogar Bein« Seele nach sieben Jahren dem Teufel, der ihm jedoch nicht zu helfen vermochte. Da erschien St. Johannes Gertruden im Traum und mahnte sie, den Ritter zu retten. Sie trat, als Aebtin, mit ihren
L. I0»J. Vgl. XIV. XVI. 70. 2 Auch in einem Fahliau hei Legrtod IM. 41<>: Lhölel de S. Julien. Ebd. 4'24. Auch Vkötel S Martin komm! eh.l. 418 M \oi. Vgl. zu L
xi.ii <&efd)td)te fcer einzelnen (ßrjctylunijeiu
Nonnen vor das Klosterthor, als eben der Teufel mit dem Ritter vorüber fuhr, und bot dem Ritter einen Recher Weins, ihn auf St. Johannes Schutz zu leeren. Er that's, und beim letzten Tropfen flog unter (reheul des Teufels die Verschreibung zerril'sen zu seinen Füfsen. Daher malt man St. Gertruden mit dem Hirtenstab in der einen Hand , und dem Kelch in der andern, und trinkt man auf »Sinte Geerte- minne.« • —
Neben diesem halbheidnischen Minne (Gedächtnis)- Trinken , welches noch allgemeiner mit S. Johannes ver- bunden ist, erscheinen hier auch der ganz heidnische Nie- derdeutsche Ausruf »Jodute« (519), und der geheimnis- volle märchenhafte Ausdruck: »die Sonne geht zu Golde.« 2
XLIII. Der verkehrte Wirth. Von Herrand von
Wildonie.
Die Grundlage dieser Erzählung ist das zweite Beispiel des Altindischen Fabelbuchs Pantschatan- tra, und fast aller Uebertragungen und Bearbeitungen desselben: eine Schusterfrau mit ihrem Buler von ihrem Mann überrascht, wird von diesem an eine Säule gebunden und gezüchtigt, bis er müde zu Bette geht. Eine Badersfrau, die als Kupplerin diente, und sie jetzt zu ihrem Buler abruft, läfst sich an ihrer Statt binden. Der aufwachende Mann, dem sie nicht ant- wortet, springt wüthend auf, schneidet ihr die Nase
1 J. W. Wolf Niederländische Sagen (Leipz. 1843) Nr. 350, aus Willem van Hildegaerdsborgh (1356), in Clignetts Bydragen, und De Reiß'enberg Nouvelles archives historiques 1827. Nach (v. Radowiiz, Ikonographie der Heiligen (Berlin 1834] S. 28 wird Si. Gertrud von Eisleben mit den Zeichen (Krumm- stabj der Aebiissin abgebildet, St. Gertrud von Nivelle mir ganz anderen Abzeichen.
3 Vgl zu 168 die Lesaricn.
ab, und gibt sie ihr in die Hand, sie ihrem Liebhaber zu schenken, und geht wieder schlafen. Die Frau kömmt zurück, tröstet die Unglückliche und löst sie ab. Am Morgen ruft sie aus, zum Zeichen ihrer Un- schuld möge ihr die Nase wieder wachsen; so ge- schieht's, und der Mann nimmt es reuig als ein Wun- der an. Die Badersfrau verbirgt ihren Schaden, und als ihr Mann befiehlt , ihm sein Besteck zu geben, bringt sie ihm dreimal das Scheermefser, worauf er zornig es nach ihr wirft, und sie aufschreit, dafs er ihr die Nase getrofTen habe. Nun entsteht ein Zusam- menlauf, der Bader wird vor Gericht geschleppt, und soll durch die Strafsen gestäupt werden, als der Ein- siedler Dewasarma, den der Schuster beherbergt, und der Alles beobachtet hat, die Wahrheit offenbart. '
Da« Altfranzösische Gedicht von Guerin nähert sich schon mehr den Deutschen und übrigen Abend- ländischen Darstellungen: ein Ritter, der mit der Frau eines andern Ritters bei seiner Schwester heimliche Zusammenkünfte hat, schleicht nachts in ihr Zimmer, geräth aber an den Mann, der ihn, als einen Räuber, ergreift, in einen Zuber stürzt, und nach Licht ruft. Die Frau erbietet sich, den Räuber so lange zu halten,
1 Wilsons Uebersieht des Panischatanlra (XLIII) nach drei Handschriften erwähnt dies Heispiel nicht. Loiseleur, der in Pa- ris nur eine abgekürzte TaJingas-Handschrift halte, gibt nicht an. woher er seinen Auszug (S 34) genommen. Hei Dubois fehlt diefs Heispiel auch. Es findet sich dagegen: im Hitopa- desa fbei Wilkins 431); in Simeon Sethi's Griech. Uebers. ( specim. sap. Ind. Berlin 1697;; in Joels Hebr. Uebers. (aus dem Arabischen Kaiila und Dimna), die nur noch aus Doni's llal. Bearbeitung ( la filosofia morale. Vened. 1600) bekannt Itt, und daraus in der La». Uebers. Johanns von Capua, wo- durch es in alle Abendl. Sprachen übergegangen ist; ebenso auch in Galland's und Cardonnc's Franz. l>bcrs. aus dem Tür- kfMhen (17S4). V. Schmidt zu Boccaccio's Novelle, Beitr. 75 übersetzt das Lateinische, Lc-grand II. 584 u'iht einen Auszug nach Galland - Cardonne
xliv ®cfrf)td)te tJfr einzelnen €r3ti Ölungen.
und der Mann gibt ihr dessen Haare in die Hand, bis er Licht und Degen geholt. Sie aber läfst ihren Buler entwischen, holt das Maulthier herein an den Zuber, und hält es bei den Ohren. Der Mann erkennt den Betrug, und weist sie aus dem Hause, dem Ent- lafsenen nach, und will nichts mehr mit ihr zu schaf- fen haben. Sie geht auch zu diesem bei dessen Schwester, und beredet eine Freundin, bei ihrem Mann ihre Stelle einzunehmen. Der Mann, von den Wehklagen der vermeintlichen Frau aufgeweckt, züch- tigt sie mit Stöfsen und Schlägen, und schneidet ihr mit dem Mefser die Zöpfe ab. So kömmt sie zu der wirklichen Frau, welche ihr reichen Lohn und auch die Haare wieder verspricht, sich zu ihrem schlafen- den Mann begibt, die Zöpfe unter seinem Kopfkissen findet und einen abgeschnittenen Pferdeschwanz dafür hinlegt. Am andern Morgen bewährt sie durch ihren fleckenlosen Leib und lange Locken ihre Unschuld, und räth dem Manne, der sich für berauscht oder verblendet hält, zur Augenstärkung nach Vevdosme und ä la seinte Lerme zu gehen. Er widerspricht fortan der Frau nicht, und hält alles was ihm anders vor- kömmt für Täuschung oder Traum. !
Die Hauptänderungen sind hier die Locken an- statt der Nase. Nase- und Ohren-Abschneiden sind
1 Barbazan-Meon IV, 393: Des tresces. Par Guerin (des- sen Name im Gedichte selber nicht vorkömmt). Ans Hands. 1830 von St. Germain. 434 Reimzeilen. Legrand II. 280: De la Dame qui fit aecroire ä son mari quil avait reve. Alias Les cheveux coupes. Hier wird Guerin (von dem Legrand noch drei andere Erzählungen hat. Vgl. I, exiv). im Eingange ge- nannt. Der Auszug weicht auch sonst in Einzelheilen ab: es ist ein Kalb anstatt des Maulfhiers und Pferdes, und die Lei- dende ist die Magd der Frau (wie bei Boccaccio), Legrand er- wähnt auch eine andre „Version," worin der Mann ein Bauer ist, das Uebrige jedoch wenig abweicht. Die Ausg. von 1829 II, 340 mit der Urschrift. Deut. Uebers. II, 230
#*fdnd)U *« einjflimi <£rjäj)lunöen. xLv
zwar alte schimpfliche Leibesstrafen: aber das Haar- Abscheeren war schon hei den Germanen des Tacitus ^Germ. c. 19] vornämlich Strafe des seltenen Ehe- bruchs, und kömmt so im Mittelalter öfter vor; l wäh- rend das lange, zumal blondlockige Haar und das Nichtbescheeren desselben (schon im alten und neuen Testament) eine Auszeichnung, nicht nur der Frauen (mit langem Haar und kurzem Sinn) war, sondern auch der edlen Männer, 2 und der alten Königsge- schlechter, vornämlich der Franken- Burgunden, wo das Abscheeren des Haares zur Thronfolge unfähig machte. Es geschah mit goldener Scheere (wie noch in Vitets Barricaden gedroht wird); zum leidigen Vorrechte, wie das Enthaupten des Kaisers mit golde- nem Beile laut des alten Weichbilds (Kap. 8). Leih- eigene und Knechte waren geschoren; wie die Geist- lichen aus Demuth, als Gottesknechte, zugleich im Bilde der Dornenkrone. —
Unser altes, nur in einer Jüngern Abschrift vor- handenes Gedicht stimmt in diesem Haarabschneiden, wie alle folgende Darstellungen überein mit dem Fran- zösischen und auch sonst in den Hauptzügen. Es fügt aber zuerst die S c h n u r an der Fufszehe hinzu, und erweckt dadurch sogleich die Eifersucht des »alten« Hitters, der aus gleichem Grunde, aber minder glaub- lich, die Frau den Ertappten halten läfst. Der Esel
1 Bei Legrand II, 259. Im Heptameron IV, 2 (Stollbergs Hülsende vgl. XIj. Le^rand bemerkt aus allen Handschriften, dafs Kupplerinnen der Khefrauen an den Schandpfahl (pilori) gebun- den, ihnen die Haar«' abgeschnitten und vor ihnen verbrannt, sie selb«r verbannt wurden. Dieselbe Strafe litten Mutier, die ihre Tochter verkuppelten, und vor etlichen Jahren noch (vor 1781 wurden offen Hielte Weiber mit Haarabschneideu be- straft.
2 Der zu den kahlköpfigen Volkern gehörige Pascha von Janina »m kannte den Lord liyron für einen vornehmen Mann, weil der lo^ki^-s Haar, kleine Ohren und kleine Hände halle.
xlvi tÖc[d)id)U t>« eiwjfliifu (tfr^ttljluinjen.
stimmt zum obigen Maulthier, führt aber weiter in die Irre. Die dort schon von der Leidenden getrennte Gelegenheitsmacherin fehlt hier ganz, obwol die Ge- vatterin auch dafür gelten kann, welche das Aben- teuer aber nicht verschweigt. — Von dem Dichter Herrand von Wildonie und seinem Gewährsmann Ulrich von Liechtenstein ist schon bei seiner Erzählung von der schönen Frau, die dagegen ihren unschönen Mann lieber hat, als ihren Augapfel (XII), das Nöthige gesagt. Die Oertlichkeit des Abenteuers im Wälschen Friaul weiset auf gemeinsame Quelle mit den fol- genden Italienischen Novellen.
Bei Boccaccio (VII, 8) ist es ein reicher Kauf- mann Arriguccio Berlinghieri, der eine adlige junge Frau Monna Sismunda geheiratet, und von dem jungen Buberto gekrönt und gehörnt wird. Kein andres Thier ist im Spiele. Während beide Männer auf der Strafse fechten, beredet die Frau ihre Magd, ihre Stelle einzunehmen. Der Mann, durch die vom Lärm erwachenden Bürger vom unbekannten Nebenbuler geschieden, holt am Morgen ihre drei Brüder und Mutter herbei, die ihn aber heftig schelten und be- drohen, als die unschuldig erscheinende Frau ihn an- klagt, dafs er berauscht wol eine der Bulerinnen, mit denen er verkehre, so behandelt habe: sodafs er ver- stummt und sich ihr völlig unterwirft. •
Die der Ehebrecherin gebürende Strafe des Haar- abschneidens haben wir schon in dem Hahn -Reiher- Abenteuer (XXXI) gesehen, aber als unschicklich angewendet für einen dem Mann abgeläugneten und von der Frau selber verzehrten Braten. Die Gevatte- rin, die mitgegeisen hat, mufs dort auch aushelfen, und zwar aus dem eigenthümlichen Vorwande, weil der Mann so ungenügsam im Bettspiele sei, dafs die
1 Auszug bei Legrauü II, 286.
Frau, überdiefs unwol, es nicht ertragen könne; und als die abermals leckere Gevatterin, mit ihren abge- schnittenen Zöpfen in der Hand, wehklagend heim- geht, wird sie von der Frau noch verhöhnt. —
Die Vermischung jenes in dem entlaufenen Ha- senbraten (XXX) und anderen entsprechenden Erzäh- lungen sich angemefsen harmlos abschliefsenden Aben- teuers mit den blutigen Züchtigungen findet sich auch in den Cent nouvelles noavelles: ' Ein Kaufmann in Tours bringt seiner Frau eine Lamprete, den Pfarrer und einige andere Gäste damit zu bewir- then. Sie behauptet, nur andere Fische empfangen zu haben, und bittet unter dem erwähnten Ver- wand eine Freundin- Witwe, ihre Stelle einzunehmen, auf welche der Mann ein Bündel Ruthen zerschlägt. Jedoch schneidet er ihr nicht die Haare ab, weil er keinen Ehebruch zu strafen im Sinne hat, obgleich die Frau wirklich diese Strafe verdiente; denn wäh- rend ihre Stellvertreterin gezüchtigt wird, läfst sie die lecker zugerichtete Lamprete zu ihrem Franziskaner- bruder Bernard tragen, bringt die Nacht bei ihm zu, und kömmt erst am Morgen heim, den Mann dumm zu machen, und ihm zu beweisen, dafs er ihr ebenso die Lamprete übergeben, als sie geschlagen habe.
Mit der ganzen Sammlung ist auch diese Novelle von Malefpini übersetzt.3
Hans Sachs hat sie zu einem Schwanke, »der Bauer mit dem Zopf,« verarbeitet. l
Nach Boccaccio ist die dritte Erzählung in Lafon- ta ine's (iagvure des troii commeres. (I, 31). —
Der Erzählung des Indischen Fabelbuchs stehn
1 Nouv. XXXVIII. Um verge pour lautre. Aus/ im bei
LtgraiMl ii. -iHVy
4 Dncento nooeUt n. \\{). ■■ Ii II. II.. 4, Hl 138.
XLViii $ffd)id)U Tier etnjelimi QEr^äljlungeii.
nahe: die Persischen Papageimärchen Tutinameh,' und das Persische Märchenbuch Bahar-Danusch, Garten der Erkenntnis,2 worin die Weiberlist sogar den Braminen, der den fünften Veda unter den besten Lehrerinnen studirt hat, besiegt.
Mit dem Indischen Buche stimmt auch: unter den Novelle amorose de gli Incognüi die 23ste, und die erste der beiden Novellen des Annibal Gampeggi, zu Anfang des 17ten Jahrhunderts. 3 Sie spielt in Neapel und ist mythologisch ausstafhrt: der Eifer- süchtige träumt, er sei in einen Satyr verwandelt, worauf er dem Weibe die Nase abschneidet.
Die Englischen Bühnendichter haben auch dieser Erzählung sich bemächtigt. Massinger, Shakspeare's älterer Zeitgenofse, läfst in seinem Lustspiele The Guardian, ebenfalls der an die Säule gebundenen ver- meintlichen Frau die Nase abschneiden. 4
Dagegen ist ein Theil des schon zu XXXIX ge- dachten Lustspiels Women pleased von Beaumont und Fletcher aus Boccaccio genommen, und nament- lich der Faden , welchen der Mann , aber am Finger der in ihren Kleidern entschlafenen Frau entdeckt. s
Die in den meisten neueren Bearbeitungen aus- gelafsene Einmischung eines Thieres tritt dagegen anderweitig in ähnlicher Verbindung auf.
1 Vgl. zu IX. LXVIII. Loiseleur35 führt die Englische Uebers. p. 98, und die Französische von Marie d'Heures (Paris 1826, aus dem Engl.) p. 95 an: in der Deutschen finde ich jedoch diese Erzählung nicht.
2 Ins Englische übersetzt von Jon. Scott (Shrewsbury 1799) Bd. 2, S 82.
3 Novelle due esposte nello stile di M. Giov. Boccaccio dair Academico Oscuro (Venedig 1630 4). Beide wiederholt im Novellier o Ital. IV, 273.
4 The plays of Ph. Massinger (Lond. 1813) v. 4, p. 185. Diese Stelle daraus hat Schmidt (Beitr. 79) übersetzt. Vgl. Dun- lop. hist. of ßction II, 315.
3 Auch diese Stelle gibt Schmidt (Beitr. 80) Deutsch.
<£*fd)t4)te t«er nn^lnen (ßrjatylunflen. xlix
In den Cent nouvelles nouvelles (61) wird ein Ritter beim Nachtbesuch einer Kaufmannsfrau in ein dunk- les Zimmer versperrt: aber während der Mann die Verwandten der Frau herbeiholt, befreit sie den Ge- liebten, und sperrt dafür einen Esel ein, der beim Oeflhen der Thür Allen entgegenbrüllt.
Uebersetzt in Malefpini's Sammlung Nov. 61.
Ebenso erzählen:
(Gast) Convivales sermones t. 2 , p. 99.
Die Novelle di Domenichi p. 71 ; und
Melandri Joco-seria t. 2, p. 41, mit einigen Veränderungen.
Legrand II, 288 fügt diesen Anführungen hinzu:
In Arislaeneti epist. wird eine Frau mit ihrem Buler von ihrem Manne nachts überrascht und einge- sperrt: sie bindet nun ihrem Geliebten die Hände und überliefert ihn als einen Räuber ihrem Mann. Dieser will ihn tödten, sie aber räth, ihn am Tage der Ge- rechtigkeit zu übergeben, und erbietet sich, ihn zu bewachen. Sobald der Mann entschlafen ist, läfst sie den Minnedieb entwischen.
XLIV. Die Beichte. Für diese Erzählung, die nur in Fliner Abschrift vorhanden, und nicht mit einer manigfaltig verbreiteten ihnlichei zu vorwechseln ist, wo ein Mann in Verklei- dung des Beichtvaters die Beichte der Frau hört, habe ich keine anderweitige Nachweisung. Sie bietet ein ländlich-sittliches Gemälde in Wintereinsamkeit.
XLV. Der begrabene Ehemann. Das entsprechende AIHranzösische Gedicht von .1 « ,. ii de Boves beginnt, ohne die vorbereitende Abrichtung (des Mannes, damit, dafs die Frau', in ihrer Vertraulkhkeil mit dem Pfarre*, ihrem Mann, einem Bauer zu Bailleul in der IVanlio. ontaeL'enoilt und
l (£efd)td)te ber einzelnen <&x?,a\)ii\n#e\i.
ihm Krankheit und endlich den Tod einbildet, ihn auf dem Stroh im Stalle mit einem Leichentuche be- deckt, und wehklagt. Der Pfarrer kömmt auch zur Todtenfeier, singt seine Orenuts, und geht dann mit der Witwe in die Stube. Der Scheintodte hebt auf ein Geräusch in der Stube das Tuch auf, und ruft dem Pfaffen zu, wenn er nicht todt wäre, würde er ihn todtpriigeln. '
Das läfst noch einen minder grausamen Ausgang zu, als das Deutsche Gedicht. Andere Erzählungen machen wirklich nur einen Scherz daraus, und lafsen auch den anstöfsigen Ehebruch mit dem Pfaffen weg. 2
In Des Periers Erzählungen fnouv. LXX) dient ein maitre Berthaud in Rouen zur allgemeinen Belusti- gung, und wie er in allerlei Verkleidung auftrat, Narrenteiding trieb, und sich viel darauf einbildete, dafs man ihn Meister nannte, ward er völlig zum Narren. Lustige Vögel redeten ihm ein, er sei krank, und endlich gar todt, und führten ihn so mit Libera me, Domine! durch die Strafsen, wobeier sogar man- chen Nadelstich in die Lenden aushielt, bis er Einem, der es zu scharf gemacht, zornig zurief: »wäre ich nicht todt, ich würde dich sogleich todtschlagen.« Bei dem fortgesetzten Leichenbegängnis und Klage: »Berthaud ist todt I« ohne ihn Meister zu nennen, erhob er sich und rief: »Ihr lügt, noch lebt euer Meister I«
Ebenso erzählen: Poggii faceliae, 3 wo der Zuruf »Narrl« dieselbe Wirkung thut; und
Les illustres proverbes ;>. 10.
Boccaccio's Novelle (III, 3) bringt dagegen die
1 Logrand IV, 192: Le villain de Bailleul. Alias La femme qui fit croire ä son mari qu'il etuit mort. Die Ausg. von 1829 hat zu dem Auszug IV, 218 nicht das alte Gedicht, welches in der Herner Perg. Handschrift 354. 4 sieht. J. R. Sinner catah codd.bibl Bernens. III (1772). 377.
2 Auszug gibt Legrund III 193.
8 Poggii Florentini opera (Basel 1538) p. 489. V. Schmidt
<Def4)id)te ber einzelnen ^rjaljluttgen. u
Geistlichkeit viel ärger ins Spiel: einem, bis auf die Weiber, ganz heiligen Abt, in einer einsamen Gegend Toscana's, gefällt die schöne Frau eines reichen eifer- süchtigen Bauern dermafsen, dafs er sie mit einem Ringe beschenkt und beredet, ihm während ihr Mann im Fegefeuer sei, dessen Stelle vertreten zu lafsen. Ein Pulver, durch welches der Alte vom Berge seine Jünger (die nach solchem berauschenden Hanfsafte genannten Assassinen) in sein Paradies verzückt, ver- senkt den Ferondo in dreitägigen Schlaf, sodafs er für todt eingesargt, dann aber heimlich durch Hülfe eines ßolognesischen Mönchs wieder herausgenommen, in das dunkle Klostergefängnis gesetzt, und dem Erwachenden eingebildet wird, er sei im Fegefeuer, wo er für seine Eifersucht büfsen müfse, und auch täglich zweimal stark mit Ruthen gestrichen wird. Unterdes vergnügt sich der Abt mit Ferondo's Witwe, und benutzt dazu dessen Kleider, sodafs er als Ge- spenst erscheint. Nach zehn Monaten aber fühlt die Witwe sich schwanger, und Ferondo wird wieder in Schlaf versenkt, in den Sarg gelegt, erwacht und er- steht vom Tode, unter feierlichem Gepränge des Klosters. Anfangs für ein Gespenst gehalten, kömmt er heim, ist nicht mehr eifersüchtig, und nimmt den im Fegefeuer ihm mit der Urstände verkündigten Sohn, den er zum Danke nach dem Heiligen Benedict nennen soll, als den seinen an. Der Abt aber, dessen Heiligkeit durch diefs Wunder noch vermehrt worden, fetzt den heimlichen Umgang mit seinem Weibe fort. ■ Diese gottlose Einmischung der Geistlichkeit ist
zu seiner tfeberselzung des Biraparoiä S. 309. — Anderweitige verabredete Einbildungen (Mystiflcaiionen) sind zu XXIV ongeföferl.
1 Schmidt (Beitr. 24J rührt hinzu eine Novelle Bondello's (II, 17, an : eines Hresci.ni' ts trunksüchtiges Weih füllt in einen Mehlka*ten, und heuchelt, auch vom Mehfstatibe , wtihnl
ui ®cfd)td)te tor finjelnrn törjcitylungen.
wieder durch einen andern Hintergrund ersetzt in einer Novelle von Grazzini, genannt Lasca, der von 1503 bis 1583 lebte: Manente, ein Arzt in Florenz, ward dem Lorenz Medici, benannt der Prächtige, so über- lästig, dafs er ihn in der Trunkenheit in ein dunkles Gemach bringen, und darin ein Jahr lang von Masken in langen weifsen Mönchskleidern mit blofsem Schwert in der Hand bedienen läfst, sodafs er sich einbildet, in einem Zauberpalast zu sein und guter Dinge ist. Unterdessen wird ein Leichnam an seiner Statt be- graben, und seine Witwe heiratet wieder. Hierauf wird er in einem abgelegenen Thale ausgesetzt, und bei der Heimkehr für ein Gespenst gehalten: alles zu grofser Ergetzlichkeit Lorenzo's, der ihn auch nie erfahren läfst, was mit ihm geschehen ist. ' — Hier ist der alte Schwank zur Belustigung des Hofes erneuet.
Fernere Bearbeitungen sind: in Doni lettere (Flo- renz 1547) l. 2, p. 14; oder Novelle di Doni (ed. Zamba 1815) nov. 5. — Von Lafontaine (II, 91) nach Boccaccio. — Im Almanach des Muses par Har- douin 1778: Le morl parlani. —
Nach dem Altfranzösischen Gedicht hat Imbert, in seinen Nouvelles historiettes en vers III, I dieses Abenteuer gereimt.
XL Fl. Das heifse Eisen. fis gibt zwar alte Geschichten genug von Gottes- urteilen der Keuschheit, für welche besonders die Feuerprobe gehörte : jedoch kenne ich keine Ueber- lieferung, welche auf ähnliche abenteuerliche Weise von der treulosen Frau herausgefordert, sie so hart
sie sich in jener Well, beichtet ihre Sünden, ohne sonderliche Reue, und setzt dann auch ihre Völlerei fort. — Nur als eine wol kaum absichtliche Umkehrung gehört diefs hieher.
1 Novelle di Grazzini, delto il Lasca (Lond. 1793) t. 2, p. 117. Einen Auszug gibt Schmidt 25.
<0efd)id)U "Der ttttjeltmt ^rjctylutigcn. jlih
gestraft hätte, zumal da der Mann durch den Betrug keineswegs seine Unschuld bewährt hat. Auf ähnliche Weise ward Isolde gegen die Feuerprobe bewahrt, ' obgleich sie durch den Minnezaubertrank mit ihrem enzigen Tristan entschuldigt war.
XL VII Das Schneekind.
Ein sehr altes, oft erneutes Märe, in alten und neuen Sprachen.
Das Lateinische Gedicht um Anfang des Uten Jahrhunderts, nach der eigenen, zwar nicht aufgezeich- neten Sangweise, Modus Liebinc benannt, ist in den Nachträgen (Bd. 3, S. 728) gegeben.2 Das kurze La- teinische Gedicht, welches neulich wieder herausge- geben,* und von Geoffrey de V ine sauf, einem Normannisch-Englischen Dichter um 1200 verfafst ist, lautet so:
Rebus in agendis longe remorantc marito, Uxor moecha parit puerum: post multa reuer so, De nive conceptum fingit: fraus mutua: caute Sustulit, asportat, vendil , matrique reportans Hidiculum similc , liquefactum sole re fingit.
Das Altfranzösische Gedicht hat dagegen noch einige nähere Bestimmungen : der Mann bleibt zwei Jahre aus, und die Frau vergeht sich mit einem
1 Gottfrieds von Strafsburg Tristan und Isolde, in meiner Ausg. seiner Werke (1824j Z. 15,738 IT.
2 Die Zpü bestimmt sich dadurch, dafs in dem Modus Ollinc (vgl. zu IV) auch K. Otto III gepriesen wird.
■ Durch Thomas Wright essays on subjects connected with Ihe UUeratttre, populär tuptrsiitian» and Inslory of England in Ihr nuddle agcs (Lond. 1840, t. % p. 180. Dafsolbc hat schon Ltysrr (potf. med. aevi p. 901) lO Galfridi de Vinofalvo Lehr- »ed. I'oetna novo, vom .1. 121(>, aus h lldss. . wo es als liei- Ipiel bändiget Kürze dient, (ialfrid b«klagt unter andern auch den Tod Ki<li.irds l.owcnlierz. Lesarten: OgundtS diiUntc %. Sustinet re portal.
i.iv <&efd)iri)ti? ^** tin&kntn <tBr3ät)iuii^eti.
bacheler (Jüngling). Als der Schneeknabe fünfzehn- jährig ist, führt der Kaufmann ihn durch die Lom- bardei nach Genua, und verkauft ihn an einen Händler, der ihn nach Alexandrien führt zum weitern Verkauf. Es schliefst mit einem ähnlichen Spruche, wie das in den Nachträgen stehende Altdeutsche Gedicht: Bien l'en avint qu' avenir dat, Qu'elle brassa ce qu'ele but. '
Unser in der Reihe stehendes Altdeutsches Ge- dicht ist das ältere, aus welchem das nur in einer spätem Abschrift vorhandene Gedicht des Nachtrages noch einzelne Anklänge behalten hat, und gehört in der Würzburg -Münchner Handschrift zu Strickers »Welt«, dem es auch wol zuzuschreiben ist. Eigen ist ihm der spöttische Trost des Mannes: weil alles Wafser binnen Jahresfrist zu seinem Ursprünge zurück- kehre, werde der geschmolzene Schneesohn ihr auch wieder zufiiefsen.
Italienisch findet sich dieser Schwank in Doni Filosofia morale (Venedig 1552) t. 2, p. III ; und als eine der hundert Novellen bei Francesco Sanso- vino, eigentlich Fr. Tatti geheifsen. 2
Ferner Französisch, in den Facetieuses jour- ne'es p. 303.
In den -Cent Nouvelles nouvelles fn. 49) ist der Kauf- mann erst drei, dann zehn Jahre abwesend, und fin- det einen siebenjährigen Knaben; und die Frau meint, sie sei länger mit diesem Kinde gegangen, als ge- wöhnlich; oder als sie im Garten ein vom Schnee be- decktes Blatt ( feuille dosille ) gesucht, habe sie nur
1 barbazan-Meon 111, 216: De lenfant qui fut remis au soleä. Aus Hds. 7218. 148 Zeilen. — Legrand III, 86: De Venfant qui fondit au soleil. In der Ausg. von 1829 III, 81 auch ohne Urschrift. Deut. Uebers. III, 63.
2 Cento novelle scelte (Venedig 1598) giom. 9, nov. 6. Vgl. über diese Sammlung und ihr Verhältnis zum Deearrie- rone. Schmidt Iteitr 103.
<$*fd)td)te l»et ein3elneii (2Br3äl)lun^en. lv
ein Stück Schnee genofsen, und sei davon schwanger geworden: kurz, es sei ein Wunder. Der Mann ver- kauft den Schneesohn selber in Alexandrien.
In Malespini's zweihundert Novellen übersetzt, mit allen übrigen dieser Sammlung (Nov. 38)
Contes de Grecourt t. 5, p. 67. • —
Deutsch findet sich diese Erzählung auch schon in der alten Sammlung »Ernst mit der Wahrheit« (Frankfurt durch Egenolf) Bl. 38 a.
Endlich, lebt sie noch in Deutscher Mundart, namentlich in der Fränkischen um Miltenberg am Maine, woher sie Jos. v. Schmeller in den »Mund- arten Baierns grammatisch dargestellt« (München 1821) S. 149 aufgenommen hat. Hier ist es ein Kaufmann aus Frankfurt, welcher den aus einem Eiszapfen ent- standenen und so genannten Knaben einem Holländi- schen Seelenverkäufer verhandelt.
XL VIII. Die halbe Decke.
Diese und die folgende Einschärfung des vierten Gebotes durch bedeutsame Beispiele gehören auch zu den weitverbreiteten manigfaltig dargestellten und noch lebenden Geschichten.
Das Altfranzösische Gedicht, die getheilte Decke, von Bernier, hat manches Eigene, und stimmt zum 1 heil mehr mit dem Gedichte des Hufferers, im Nachtrage, als mit dem hier aus vier (eigentlich nur zwei, Handschriften1 in der Reihe stehenden, auch hinsichts der Ausführlichkeit. Der sonst nicht be- kannte Dichter, der sich am Ende nennt, beschwert sich eingangs, dafs die Hofdichter ( ' Menelricra =F Mini- fteriaUi; immer nur ihre alten Geschichten wieder- holen, wahrend man doch in den Schlöfsern , WO viel lebhafter Verkehr ist, und alle Well, ans- und ein- geht, tausend neue schöne Geschichten vernimmt,
1 AtiL'"(ini(kt im Efoloesati Cod« 8. i-'t'.i-
lvi <$?fd)id)tf fcer etn$elnm (tfrjätylungen.
welche man benutzen solle, wie die Vorfahren gethan haben. Er wolle nun eine solche erzählen, welche vor etwa 20 Jahren einein Bürger von Abbeville begegnet sei. Dieser Mann, wolbegütert, begab sich wegen Feindschaft einer mächtigen Familie nach Paris und ward des Königs Lehnsmann. Als seine Frau starb, vermalte er seinen Sohn mit einem edeln Fräulein, deren Brüder nur einwilligten, wenn er sein Vermö- gen völlig dem Sohne übergäbe, weil er sonst noch weifser oder schwarzer Mönch oder Tempelherr werden und ihm dadurch alles entziehen könnte. Bald mochte die hochmüthige Frau den Alten nicht mehr leiden, und drang auf seine Entfernung. Der Sohn folgte , und vergeblich flehte der Vater bei der Verstofsung aus dem Hause we- nigstens um einen befsern Rock gegen die Kälte, und be- gnügte sich endlich mit einer Rossdecke. Der sieben- jährige Enkel zerschneidet die Decke, und sagt den kindlich-herben Spruch. l
Die Geschichte ist hier weit härter durch die Ausstofsung des alten Vaters, im Winter, ohne war- mes Kleid, obgleich etwas gemildert durch die Ein- wirkung des Weibes auf den Sohn, welche in unsers sonst nicht bekannten Hufferers Gedicht von einem Ritter und seinem Sohne, noch mehr allmälig gestei- gert ist. Unsere beiden Gedichte heben auch die unbefangene Rede des Kindes als Gottes Stimme des vierten Gebotes hervor: während in dem Französischen Gedichte der Knabe, um die halbe Decke zankend, seinem Vater droht; wie der Dichter am Ende nur davor warnt, von der Kinder Gnade zu leben.
Dem näher steht die Italienische Novelle des
1 Baibazan-Meon JV, 472: La houce partie. Par Bernier. Aus Hds. 7218. 416 Zeilen. Legrand IV, 74: Le Bourgeois $ Abbeville . Alias La hoiisse coupee en deux. Die Ausg. von 1829 IV, 117 hat auch die Urschrift. Deut. Üebers. IV, 197. — Houce, housse ist dafselbe Wort mit unserm Koizen.
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Mailändischen Arztes Ortensio Lando um Mitte des 16ten Jahrhunderts, der Luthers Lehre nach Deutsch- land folgte. Der Vater ist dort ein reicher Florenzer Kaufmann Riccardo Capponi, der seinem Sohne Vin- centi, einem ebenso eifrigen und geizigen Kaufmann, durch Alter und Wafsersucht so überlästig ward , dafs dieser ihn in ein Krankenhaus verstiefs. Dorthin sandte der Sohn ihm zwei Hemden durch den sechs- jährigen Enkel, der eins davon behielt, und seinem Vater ganz gleiche Behandlung drohte, mit dem Spruche Chi la fa, Vaspetta, ' welcher seitdem sprich- wörtlich durch ganz Italien geworden. 2
Denselben Gegenstand behandelten noch wenig >päter die Novellisten: NiccolöGranucci von Lucca: s und Sercambi fnov. 5).
Auf ähnliche Weise wie Lando erzählt der Abbe Le Monnier: 4 der Sohn sendet seinem ins Kranken- haus verwiesenen Vater von Zeit zu Zeit etwas Suppe in einem Zinngefäfse. Als der Alte gestorben, will der Enkel den Napf behalten, um ihn auch seinem Vater ins Spital zu senden.
Das Altfranzösische Gedicht hat Imbert neu gereimt
Auch in alten, und noch lebenden Deutschen Volks 8 1 i in m e n ertönt diese Gottesstimme: » das
1 Altdeutsch selbe tcete, selbe habe.
2 Lando's vierzehn Novellen stehn in seinem farj compo- ninunti (Venedig \'.Y'ylr Diese dreizehnte Novelle ist unter den vier in den NovtlHero Italiano (Vened. 1784) Aufgenommenen Norellen, Bd. '-\, S. 180: Nella teguerrfe nooetta narrasi wi mi- i ctcoloso acr.idente ; e imparast quanto sia abbominevol cosa la crudelta de' ßgluoli verso i padri loro. \fi\. die Vorrede K III.
La fjiacevol notte e lielo giorno, opera morale (Venedig I .7» /. % p. 100. Vpl. Novelliert) Italiano Hrl. *, Von. S. VI
ßranuecl Übertrag aaeh Boceaccio'i Tescide .-ms den Ollaren
in PrOM.
1 In v.incii Fable*. /, 66. 4tiesug gtbl Legrand IV. H\\.
Lvni <&*fd)trf)te tJ« einzelnen QBr^ci^lun^en.
vierte Gebot«, ein Lied von einem alten Könige von Frankreich, l und eine Erzählung in der Mundart um Simmern: dem alten kranken Vater wird an- statt des irdenen Napfes, der ihm entfallen und zer- brochen ist, ein hölzerner zu seiner schlechten Kost an der Thüre gegeben, und der vierjährige Enkel will nun auch einen solchen hölzernen Napf für sei- nen Vater schnitzen.2
XLIX. Der Schlägel. Von Rüdiger dem Hunthover.
Nicht so verbreitet, als das vorige Beispiel von dem unnatürlichen Sohne, dem der Enkel gleiches Schicksal verkündet, wenigstens nicht bei den Roma- nischen Völkern, wo sonst, namentlich in Frankreich, ziemlich allgemein der erwachsene Sohn sich durch den alten Vater im Besitz und Genufs des Vermögens für beeinträchtigt hält. Fast weniger grausam, als die Verstofsung vom Besitz ist bei heidnischen Stäm- men, auch der Germanen, das Tödten der schwachen Greise.3 Hier erscheint nun auch der kindliche Un- dank der 2 Töchter, sowie der 3 Söhne, zugleich noch verstärkt durch ihre Männer und Weiber. Früh und manigfaltig ist dieser Stoff dargestellt, wenn auch sonst nicht in so vollem Chore der Familie, zumeist in England, vor und nach Shakspeare's Lear;4 er
1 In O. L. 1$. Wolfs Hausschalz der Volkspoesie (Leipzig 1846) S. 191.
2 J. M. Firmenich: Germaniens Völkerstimmen Bd. I (Ber- lin 1843-46), S. 532.
3 Von den Herulern meldet es Prokop Goth. \\, 14. An- dere Altnordische, mehr Slavische, AHpreufsische, Nordameri- kanische, Römische Zeugnisse bei J. Grimm Rechtsalterth. S. 486. Auch Zigeuner.
4 Von den verschiedenen Darstellungen handeln die Aus- leger Shakspeare's zum Lear, bei uns: Kschenburg zu seiner Uebersetzung (n. A. 1777) Bd. 11, S. 547-80; Simrock Quellen Shakspeare's Th. 3 (1831), S. 269-74- Gräfse Lilt.
®efd)id)te fcer einjelnen €rjät)lun0*n. ux
bewegt sich ursprünglich dort, wie Cymbeline (vgl. zu LXVII1), im königlichen Kreise der Brittischen Sagen- geschichte.
Galfrid von Monmoruh, im 12ten Jahrhundert, soll bei König Leir wirklich ältere Walisische Quellen haben, in der Königskronik Tysilio's, Bischofs von Wales gegen Ende des 7ten Jahrhunderts, welche nur in wenigen Abschriften vorhanden ist. Hier ist Llyr, Bleidduds Sohn, der eilfte Brittische König, und wird seine Geschichte aus mündlicher Ueberlieferung er- zählt:2 ohne Sohn will er seinen Töchtern nach dem Maafs ihrer Liebe das Erbe geben. Goronilla und Regan schwören bei Himmel und Erde, dafs die erste ihn mehr liebt als ihre Seele, die andre unaussprech- lich; worauf er sie mit den Fürsten Magion von Corn- wall und Henwyn von Alban (Schottland) vermalt und ihnen die Hälfte des Reiches gibt. Gordeilla, die nur sagt, sie liebe ihn wie ihren Vater, und verkündet, er werde nicht mehr geachtet als er Macht und Muth habe, geht leer aus, und wird dem König Aganip- pus von Frankreich ohne Erbe gegeben. Als Llyr alt wird , bemächtigen sich die beiden ersten Schwie- gersöhne des ganzen Reichs, und Llyr wohnt ab- wechselnd bei ihnen, wird aber seines Gefolges von 40 Rittern allmälig so beraubt und von den Töchtern so schnöde behandelt, während er zweimal von einer zur andern geht, dafs er wüthend und klagend über die Bewährung der Worte Cordeilla's, mit Einem Ritter zu ihr flieht, die ihn in Amiad (Amiens) so ausrüstet, dafs er mit Gefolge in Paris einzieht. Er erhält von Aganip- pus ein Kriegsheer, Gordeilla allein begleitet ihn, er
<!<•>( Ii. II, '.], W) — 100 und 8. Uebers. der Gesta Romanor
II, 263.
1 Original story of hing Lear, ans dem C'/iromcle of the Kings, im Edinb. Journul. Deutsch im tili IJiitrrh.-lil. 1842,
ni 811 Weitere Nechweinmg fehl!
lx <&ef4)td)t* &** «tnjelittn Crjaljlunge«.
erobert sein Land wieder, und verjagt die bösen Schwiegersöhne von der Insel. Unterdes stirbt Aga- nippus, und Cordeilla bleibt bei dem Vater, und re- giert mit ihm bis zu seinem Tode. Llyr wird in dem von ihm erbauten Tempel des Janus bifrons bei seiner Stadt Caer Llyr (Leicester) am Soramflufse begraben, und sein Jahresfest gefeiert. Cordeilla regiert allein noch fünf Jahre, bis ihre Schwestersöhne Margan und Cunedda sie bekriegen, das Reich erobern, und sie ins Gefängnis werfen, in welchem sie sich ersticht: 1500 Jahre nach der Sündflut.
Galfrid, und nach ihm Hol ins he d, dessen Geschichte Shakspeare zunächst, und oft wörtlich folgte, weichen nur in einzelnen Umständen und Na- men hievon ab:1 Cordeilla ist eigentlich Leirs liebste Tochter; wie sich zuletzt auch bewährt. Die schnöde Behandlung durch die beiden bösen Töch- ter und deren Männer wird nur allgemein angegeben. Aganippus zieht mit nach Britannien. Maglanus und Henninus fallen im Treffen, Leir wird wieder König, und liegt bei Leicester unter der Wafserleitung des Doreflufses begraben.
Cordeilla's Schicksale fehlen hier, finden sich je- doch ebenso in Spensers Feenkönigin (II, 10, 27 — 33), nur dafs sie sich nicht ersticht, sondern er- hängt; welche Todesart sie auch bei Shakspeare er- leidet.2
Die Altenglische Ballade von König Lear und seinen Töchtern,3 deren Zeit nicht genau bestimmt
1 Holinsheds Erzählung verdeutscht Eschenburg zum Lear S. 548-52.
2 Steevens bemerkt zum Schlufse des Lear, Shakspeare habe diefs Schicksal Cordeilla's so in der Geschichte gefunden, und erzählt diese ganz wie Tysilio. Etwa nach Tyrrel general history of England (Lond. 1700)?
■ Hei Percy reliq. I , 228 aus der Sammlung The golden
(Örf'djidjU tJfr einzelnen €rjäl)lunfleii. lxi
ist, erzählt im Ganzen ebenso: Lear schenkt so- gleich beiden Töchtern sein ganzes Reich. Cordelia irrt verlafsen im Lande umher, bis der König von Frankreich sie findet. Leirs Behandlung wird um- ständlich geschildert: bei der Wiederkehr zu den bei- den Töchtern erhält er den Abfall der Speisen von der Küchenmagd, und wird zuletzt hinausgestofsen. Er irrt wahnsinnig umher. Cordelia allein hilft ihm sein Reich wiedergewinnen, kömmt aber im Treffen um. — Die nur trocken darstellende Ballade könnte die nähere Aehnlichkeit mit Shakspeare, z. B. Lears Wahnsinn, erst aus ihm selber haben: aber Andeu- trng desselben enthält schon Tysilio's Geschichtbuch, und Johnson bemerkt richtig, der Balladenschreiber würde mehr dergleichen entlehnt haben, wenn er Shakspeare's Lear vor sich gehabt hätte.
Das ältere Schauspiel König Lear, welches schon 1605 in London gedruckt,1 zuvor manchmal aufgeführt, und von Tieck als Shakspeare's eigenes früheres Werk verdeutscht ist.2 hat den Wahnsinn noch nicht, und endet mit Lears Wiedereinsetzung durch Cordelia und ihren Gemal. Auch sind Gloster, Edgar und Edmund nicht eingeflochten, welche die Ballade zwar absichtlich absondern mochte.-
Die Geschichte dieser drei ist aus Sidney's Ar- kadia ' genommen; ihre Verbindung mit der Brittischen
Garland. Deutsch von Ksrhe-nburj? 552 — 58. 25 Stanzen. Wiederholt O. L. B. Wolf Hausschalz der Volkspoesic.
1 The true chronicle history of hing JLeir and his l/iree danishthers fJonord, Rugun and Cordella, as it has ben diuers and HUldfy times lalely acled. h. Wiederholt in den Six old piays und bei Steevens iAüSg. von 20 Stücken Shakspeare's
l.ond. IHM \ lide., Bd. 4.
2 Aitor.pl. Theater n IH11;, 2o:s. Vgl Torr. X-Xiv. Kineo AatMfl |Hm Baetrenbtrrg 509~66.
- Der Ausgabe von 1590. h. p. \h1. Shaksp. ithatr. III, 1\)\
i.Mi <&cfd)id)U Ucr nn$rtnm (Jrrjul)! unweit.
Sagengeschichte, auf ähnliche Weise wie im Cymbe- line (s. zu LXVIII), und wie sie Shakspeare auch sonst liebt, ist in dem vollendeten Werke der reifsten Zeit des grofsen Dichters von tiefer Bedeutung, als Seitenbild zu Lear und seinen Töchtern, durch den Vater mit seinem natürlichen und unnatürlichen Sohne, welches das erschütternde Zusammentreffen des ver- stellten mit dem wirklichen Wahnsinn und dem Nar- ren herbeiführt — Spätere Bühnenbearbeitungen von Shakspeare's Lear durch Nahum Täte und Colman haben den glücklichen Schlufs des älteren Lear herge- stellt, Colman bat jedoch die von Täte hinzugedichtete Liebe zwischen Edgar und Gordelia wieder entfernt. '
Auf gleicher Grundlage beruht die Erzählung C a m- den's2 von dem West sächsischen König Ina, der auch die Liebe seiner drei Töchter erforschte, und nach den übertriebenen Betheurungen der beiden äl- teren, von der jüngsten vernimmt, sie liebe ihn, wie sein Kind, werde jedoch einst jemand noch mehr lie- ben. Shakspeare läfst dafselbe Gordelien ausdrücklich in Bezug auf ihren künftigen Mann sagen.
Eine entsprechende Erzählung der Gesla Roma- norum findet sich auch nur in der Englischen Ueber- tragung derselben,3 obgleich es hier der Kömische Kaiser Theodosius ist, dem die jüngste der drei
1 The hislory of king Lear by N. Tale. Lond. 1(581. 4. 1729. 8. - The hislory of king Lear. Lond. 1769 In der Vorr. nennt sich Colman.
2 Remains {ed. 1674) p. 306.
3 Ch. Swan's Ausgabe (Lond. 1829) c. 21. Douce's Auszug in s. illustrat. of Shakespeare II, 171. Deutsch bei Gräfse II, 227 — 30. Auszug bei Si in rock 272-73, der bei dem Verhältnis beider Schwestern mit Edmund noch an die beiden Töchter des Servius Tuilius und deren Männer (in Li- vius) erinnert, wo die Bösen mit den Guten gepaart, diese weggeschafft werden und Jene sich verbinden, in völliger Wahlverwandtschaft.
Töchter sagt, sie liebe ihn nur soviel als er verdiene (wie bei Holinshed, und Galfrid : quanlum habes, tantum vales, tantumque te diligo); worauf er diese nur einem Grafen gibt, jene dagegen einem Herzog und König. Dem vom Könige von Aegypten besiegten Vater er- bietet die älteste Tochter nur fünf Ritter, die zweite nur Unterhalt: die jüngste dagegen mit ihrem Manne stellt ihn her, und erbt das Reich. — Man erkennt hier wol die unbestimmte Fafsung für den lehrhaften Zweck dieses Buches.
Wie sich hiezu die Italienischen Novellen des Marco Cadomosto von Lodi1 undSercambi fnov. 42) verhalten, weifs ich nicht, weil mir diese Bücher fehlen.
Unser altes Gedicht erscheint sehr eigenthüm- lich in seiner bürgerlich -heimischen Darstellung und umständlichen Entwicklung des Verhaltens der fünf Kinder und ihrer Gatten, sowie der sinnreichen Er- findung des von der Kreuzfahrt heimgekehrten Freun- des für das gemächliche Leben des Alten bis ans Ende, befser als wenn er, nach noch fortwährendem Deut- schen Recht, »auf den alten Theil« gesetzt wäre; und zwar auf Kosten der undankbaren Kinder, die durch sein Vermächtnis tief beschämt und gerecht bestraft werden.
Diese sonst nicht vorkommende Wendung ist aber durchgängig in den Deutschen Darstellungen dieses Stoffes, und noch gegenwärtig lebendig in mündlicher, ja in bildlicher Ueberlieferung.
Luther hat in seinen Tischreden sich in be- stimmter Beziehung auf dieselben geäufsert. 2
Die vierte seiner sieben Novellen bei s. Sonetti e altre nme. Rom 1844. Yy>\. Novellier o Ital. II, Vorr. S. XXII- IV. Dunlop hisl. of fict. nennt unrichtig hier den Giovanni Brcvio. Nov. |.
2 K.ip 90 Her Leipziger Aüfg. von 1021, III. 445.
i \i\ (ßtfA)\A)U fcer etit^elnen (tBr3ot)luu^eit.
Hans Sachs hat diesen Stoff vermuthlich auch aus lebendiger Sage und Anschauung gedichtet,' und drückt den Spruch, welcher in dem altern Gedichte das Vermächtnis des Schlägels enthält, in folgenden Reimen aus:
Wer sein kinden bei seinem leben Sein hob und gut thut übergeben Den sol man denn zu schand und Spott Mit dem kolben schlagen zu todt.
Diefs nähert sich sehr dem noch gangbaren , in seinen drei bedeutungsschweren Keimen noch kräftiger lautenden Volksspruche:
»Wer seinen Kindern gibt das Brod,
Und leidet selber dabei Noth,
Den soll man schlagen mit dieser Keule todt.« So deutete dieser, auch wol daneben stehende Spruch die an manchem Stadtthore aufgehängte Keule, wie solche namentlich in Schlesien zu sehen waren, und wol noch sind, obschon dergleichen immer mehr verschwindet: weil die heutige hohe Erleuchtung sich solcher Zeugnifse finsterer Jahrhunderte schämt: zu- letzt (1824) habe ich sie noch in Krossen am Thore nach Berlin gesehen.
In England hing, und hängt vielleicht noch, hin- ter dem Kirchthore the holy mawle, womit der Sohn den 70jährigen untüchtigen Vater erschlagen mochte. 2 Dieser Widerspruch mit unserm Spruch ist nur schein- bar, weil jener die unzeitige und völlige Gutsverthei- lung an die Kinder meint: die Englische Erlaubnis dagegen in Bezug auf das hohe untüchtige Alter und biblische Lebensziel von 70 — 80 einen auch bei uns
1 Der Nürnberger Ausgabe von seinem Gedichte von 1560 B. JI, Th. 2, Bl. 105.
2 Anecdotcs and traditions derived front ms. sources, edited by W. ./. Thoms (JLond. J839. 4. für die Camden society) p. 8*.
(ftefdjtdjte tier einzelnen ^r^ÖljluKge«. lxv
nicht fremden Sinn ausdrückt. ' Den letzten hält J. Grimm2 für den älteren, und den heiligen »Ham- mer oder Schlägel« ursprünglich für den Hammer des Gottes Donar, Nordisch Thor, welcher etwa am Ein- gange seines Tempels gehangen oder bildlich ausge- hauen war. Man kann hinzufügen, dafs die schon im Namen dem Gotte gewidmeten Orte und Städte 3 sol- ches auch in Christlicher Zeit als Warzeichen behal- ten mochten. Die Gestalt der Keule oder Kolbe, an- statt des Hammers, macht keine Schwierigkeit, da Thors Blitzhammer auch eine Streitaxt ist, und er in den noch vorhandenen zahlreichen Bildern des gemein- samen Germanischen Donnergottes, auch im Norden, mehr mit der Keule, als mit dem Hammer gebildet ist. * Unser Schlägel befafst beides: wie das Alteng- lische maule , jetzt mauL Franz. maiU Kolbe, von mallem kömmt. Indessen ist kein rechter Grund, in vorliegender Verbindung des Schlägels, auch des Eng- lischen heiligen, an Thor zu denken. Ihn durch die Stelle am Thor mit Thor- Donar zu verknüpfen, wäre eben auch nur ein thörichter Einfall, wie die Berliner Thorstrafse vom Gotte Thor herzuleiten. — Wir wifsen wol, dafs man im Norden sich im Alter vom Felsen ins Meer stürzte, um zu Odhin zu fahren, weil nur gewaltsamer Tod zu ihm nach Walhall führte, wäh- rend di<" von Alter und Siechthum Sterbenden ins
hm l.i.mr handmann meines GeburlMlorfes in solchem zui lariggewohuten Arbeit untüchtigen Alter pllcgie unmtithig.
nur balb scherzweise ZU Saget!* Sun olltn AJinschcn ih- niisrht mer Sticht , miitten dot schlan."
2 In M. Baupti Zeitschrift V [1848 72- Vi.
1 Donnersberg, Dornbarg, Drfrsfad, Therm? Wie im Nor- den Thorbiai g . T/iorbiörg, Thorsnces.
* Unter dttl röti BÜSChing anfangs für Tyi liiMer erklärten Krzblldern Thors, rfeVerl wol urarrzlg zum Theil In den fern- sten Germanischer! Lindem gefanden sind, habe Ich nur eins 'bei Gral Kenn«, in Koblenz 1X2:* mit hiihii Hammer Besehen.
" li Hmf ■ <in»in .. ■ ■ II \
lxvi <&*fd)td)U fcer einjeltmi (JErjätylungen.
traurige Haus der Hei (Helle, Hölle) kamen. Diese Vorstellung lag auch wol dem Tödten der Greise durchs Schwert (bei den vom Norden kommenden Herulern) mit zum Grunde. Es bliebe nun anzuneh- men, dafs hier der Donar-Thor, im Mittellatein meist Jupiter (TonansJ genannt, als höchster Himmels-Gott, selbst über Wodan-Odhin (Mercurius), angesehen ward ; wovon sich allerdings Spuren im Norden zeigen, wie in Bezug auf Tyr (Ty, Tiu , Ziu), auch bei uns.1 Auf jeden Fall sind uns hier uralte Sinnbilder, Sprüche und Beispiele bewahrt und aufgegeben.
h. Martinsfest. Von dem Stricker.
Unter den sechs Handschriften dieses Schwankes ist auch die Wiener gröste Sammlung Strickerscher Gedichte, 2 und ihm derselbe auch ohnediefs wol zuzuschreiben. Der Inhalt ist mir sonst noch nicht vorgekommen. Den Heiligen Martin haben wir schon als Verleiher der drei Wünsche an seine Verehrer gesehen, zu XXXVII. Vgl. auch zu LV.
LI. Der Wiener Meerfahrt. Von dem Freuden- leeren.
Nur in zwei Handschriften vorliegend , welche überdiefs nur als Eine gelten, ist dieser schon der antiken Welt angehörige grofsartige Schwank ebenso- wenig durch frühere mittelalterliche Darstellungen be- kannt, als der aus Z. 45 namhaft gemachte Dichter, der Freudenleere: ein angenommener bedeutsamer Name, wie dergleichen damals schon, im 13ten Jahr-
1 Vgl. Germania \, 366 IT.
2 Quellenverz. 16. Die Zahl 2885 bei den Lesarten ist ir- rtg, anstatt 2705 (darin dieses das 63ste Gedicht ist), und gehört der Wiener Papierhandschrift, Quellenverzeichnis 6. — Ausg. dieses Gedichis von Hahn 20. Darnach in Prosa von Genlhe II, 105. Aus der Kolocz. Hds. erneut von Mailath 253.
®e|d)id)te tor einzelnen (lErjäljluitflen. lxvii
hundert, aufkamen. ' Der Dichter rühmt den Burg- grafen Herman von D e v i n , von welchem er das Abenteuer in Wien vernommen, wie derselbe es von guten Leuten gehört habe. Devin scheint hienach das alte Ungarisch-Slavische Devin (Davena , Dovina) 2 unterhalb Wien am Zusammenflufse der March und Donau, das zu Deven und Theben geworden; wie der Pfaffe von Kaienberg ( bei Wien ) eigentlich Weigand von Theben hiefs. 3 Burggrafen von Devin sind zwar besonders nur von dem Sächsisch-Slavischen Devin, jetzo Deben, bei Grimma, bekannt, obgleich kein Herman. Aber auch von dem Donau-Devin gab es damals Burggrafen, namentlich: Heinrich 1260 und 1269, der die Witwe des Grafen Otto von Hardeck heiratete, und seitdem auch von Hardeck heifst; und ein jüngerer Heinrich von Devin 1312: sodafs der auch hier fehlende Herman doch wol hieher gehört. 4 Der mit ihm befreundete Dichter beschreibt zugleich noch das Leben zu »Wien in Oesterreich« : dort gebe es eine Art Bad, wo man des Silbers und der Kleider völlig blofs und baar gemacht werde. Er meint wol ein Frauenhaus, vielleicht zugleich ein wirkliches Bad mit ins Wafser gehenden Frauen; und der Dichter kannte diefs wol nicht blofs von Hörensagen, sondern
1 Vgl. Minnesinger IV, 710.
2 Civitas quae lingua gentis illius Dowi na, id est puella dicitur. Rudolfi annal. Fuldens. ct. 864 bei Pertz mon. hist. Germ. I, 378, wozu der Her. bemerkt, dafs er 1821 die Trüm- mer von Thürmen und Mauern auf steilem Felsen an der Donau gesehen habe, wie es 864 schon eine Feste war.
3 Vgl. Grundrifs S. 357.
4 Wilken Geschichte der Kreuzzügc lfd. 4 (1826), Beilagen S. 54 ei wähnt aus dein Gedichte von des Landgrafen Ludwig des Frommen Kreuzfahrt den Burggrafen Heinrich v. D. , und aus Sagittarius (Nachr. von den Burggrafen und Herren zu Devin, in der Sammlung verm. Nachr. zur Sachs. Geschichlc Bd. 9, S. 357) auch die älteren Burggrafen, Konrad 1185, Erkcn- bert 1198. 1210.
aus Erfahrung, sodafs er daher etwa sich den Freu- denleeren nannte. Das gab dann auch nächsten Anlafs zur umständlichen Dichtung dieses ungeheuerlichen Abenteuers in einem Wiener Weinhause.
Aufserdem gibt er der Stadt Wien das schönste Lob: man lebt dort, freilich für Geld (»wer ein Geld hat«), in Herrlichkeit, Freuden und Fülle, bei köstli- chen Fischen und Wein, und schönen Fräulein, Rossen und allerlei (ritterlicher) Kurzweil, Sagen, Singen und Saitenspiel : eine Schilderung der fröhlichen Zeiten Wiens vor dem Falle des letzten Babenbergers, Fried- richs des Streitbaren (in der Ungarnschlacht 1246), der selber den Tanzreigen anführte und vorsang,3 worauf die trüben freudenleeren und gesanglosen Zei- ten Oesterreichs folgten, welche Ulrich von Liechten- stein und der Stricker beklagen. 2
Wenngleich der Freudenleere dieses Abenteuer aus mündlicher und örtlicher Sage dichtete, so sind die Grundzüge desselben doch uralt, und gehören schon der Griechenzeit. < Athenäus 3 erzählt aus dem altern Sicilischen Geschichtschreiber Tim aus von Taor- mina, weshalb ein Haus in Agrigent das Schiff ge- nannt werde: eine taumelnde Trinkgesellschaft darin bildete sich ein, zu Schiffe im Sturme zu sein, so dafs sie Tische, Stühle, Bänke und andres Hausge- räth über Bord warfen und tobten, bis am Morgen die Obrigkeit erschien, dem Unfuge zu steuern: einer der Trunkenen hielt die Beamten für Meergötter, und begrüfste sie als ihre Retter; diese hiefsen alle heimgehn, und die noch Taumelnden gelobten, wenn sie glücklich aus dem Sturme kämen, ihnen daheim bei den andern Seegöttern Bildsäulen zu errichten.
1 VjLil. Minnesinger IV, 422. a Minnesinger IV. 381. Germania II, 91. 3 Deipnosophist. 1. 2, c. 5. Uebersetzt in Schadeis Ausg. der Meeilahrt S. 3.
<&efd)td)U "Der einteilten (ßr^ä Ölungen. lxix
Durch unbekannte Vermittelung zeigt unser Ge- dicht diesen antiken Schwank in der Tracht des Mittel- alters. Die Seereise und Verehrung der Seegötter sind hier eine Kreuzfahrt nach dem heiligen Lande. Als weite Entfernung werden Akers und Prag zu- sammen genannt (136). Akers vAkkon, St. Jean d'Acre = Ptolemais), von Saladin 1187 erobert, von Richard Löwenherz 1191 wiedergewonnen, Sitz der Johanniter- Kitter, war gewöhnlich Landungsort der Kreuzfahrer, bis 1291 der Aegyptische Sultan es einnahm, und da- mit die Christen ganz aus Palästina vertrieb. Dadurch bestimmt sich die Zeit des Dichters, der ohne Zwei- fel noch während solcher Meerfahrten lebte. Diese gingen über Brandeis (360), was nicht dieser Ort unweit Prag, sondern nur Brundusium, jetzo Brindisi an der Italischen Ostküste sein kann, sodafs die Fahrt von dem Wien zunächst liegenden Adriatischen Meer ausging. In Prag aber, wo damals, vornämlich unter dem König und Minnesinger Wenzel Deutsche Dichtkunst blühte, mochte der Dichter wirklich be- kannt sein. Als andere damals gangbare Wallfahrten und Kreuzfahrten gedenkt er auch St. Jakobs Weg
nach Compostella in Spanien) und der Preufsen- fahrt 115. 117 , d. i. der Heerfahrten gegen die heidnischen Preufsen, auch Litauer genannt, welche seit dem Uebergange des Deutschordens aus Palästina
1230; auch von Oesterreich und Böhmen aus sich vielfältig bewegten. ' Der Freudenleere zeigt sich auch >on>t als ein kundiger Dichter, der (iertrudens gute Herberge (vgl. zu XLII) der Kriemhilden
.Nibelungen Noth gegenüberstellt (624. 629). Sein Gedicht ist <\u<\\ cigenthumJich ausgebildet durch die nicht häufigefl dreireiroig gescblofsenea Sätze (Bei, I. 8. MI , und dem eemäfs isl die mit Fleifs ausgeführte Darstellung anschaulich und lebendig.
1 Vgl. Minnefcingei iv 13. 290 50fl Gnindr isc,
lxx <&efcl)td)te toer eti^elnctt <CBr3Ctt)luit0ett.
Der Inhalt dieses Gedichts ist seitdem zwar öfter Deutsch wiederholt, jedoch aus anderweitigen Ver- mittelungen.
Nicht lange darnach erzählt Hugo von Trim- berg, in seinem 1300 begonnenen Renner kürzlich diesen Schwank: in einer Stadt entschliefen Baiern nachts vom starken süfsen Moste; da riefen zween im Traume: »Wolauf, über Meer, mit des Königs Heer!« und Viele erhüben sich; einer der gestreckt da lag, wurde für todt und dem Schiffe gefährlich, hinab- geworfen von der hohen Laube, so dafs er Arm und Bein brach, und laut schrie; worauf die droben erst nüchtern wurden. '
Stadt und Völkchen sind hier anders; die Baiern, jetzo mehr ein Biervolk, pafsen nicht so gut zum Most- rausch, als die Wiener; und die Meerfahrt erst nach dem Aufruf im Traum ist auch keine glückliche Aen- derung. Der Auswurf des Leichnams vom Söller und dessen Unheil stimmt zu dem Gedichte; das Uebrige ist verkürzt.
Weit ab, in aller Hinsicht, steht, was in Mitte des 17ten Jahrhunderts Hans Mich. Moscherosch, in seinen wunderlichen und wahrhaften Gesichten Philanders von Sittewald, als Erlebnis erzählt (st. 1669). Philander und seine beiden Freunde Exper- tus Robertus und Thurnmeyr haben in der Herberge bei einer Burg an der Saar mit einem Saufbruder Lälius und einigen Schweizern und Franzosen gezecht, und ergeh n sich im Freien, während die übrigen sechs oder sieben mit Lälius fort saufen, von Hollän- dern und Meerfahrten schwatzen, und sich einbilden im Schiffe zu sein und Sturm zu leiden, alles Geräth und ihre Kleider aus dem Fenster werfen, sich dabei
1 Renner: in der Ausg. von 1549 Bl. 53*>; in der Ham- berger Ausg. 1834 Z. 10,208-35: wiederholt von Lütcke in Germania V. 139.
<$?fd)id)U tier einzelnen (ßrjätylunflen. lxxi
so lange zutrinken, bis sie niedersinken. Einer der sich auf die obere Kammer verkrochen hat, vom Lär- men unten aufgeweckt, stürzt die Treppe hinab. Die aus dem Freien in die Herberge Zurückkehrenden fin- den alle am Boden im Unflat liegen und schlafen. — Sehr umständlich ist alles ausgemalt, und gute Lehre beigefügt. *
Bald darauf erzählt Ulrich Megerle, der unter dem Namen Abraham a Santa Clara bekannte burleske Wiener Kanzelredner (st. 1704), denselben Schwank von den Strafsburgern. 2
Die letzte bekannte Darstellung, welche ebenfalls unabhängig von den drei vorigen ist, enthält das sel- tene Buch «Neu eröffnete lustige Schaubühne Mensch- licher Gewon- und Thorheiten« (o. J. und O. 12) S. 120: »Biere-Logia«, wo, aus Wirkung des alten Bieres, Saufbrüder sich einbilden, im Schiffe auf stürmischem Meere zu sein, und alles vom Verdecke werfen, bis die Wache kömmt, welche sie für Tritonen oder Meergötter fufsfällig anbeten und ihnen daheim Opfer geloben. Das Haus wurde seitdem »Triremis oder die Galeere« genannt. a
Hiemit kehrt diese Erzählung zu ihrem antiken Ursprünge zurück, wenn auch nicht unmittelbar.
Wie dieselbe manigfaltig, fast für alle Deutsche Stämme, wiederholt worden, ist auch unser altes Ge- dicht davon besonders fleifsig bearbeitet worden. Zu- erst hat es Büsching in Prosa erneuet, aus Glöckle's Abschrift der Heidelberger (damals noch Vatikanischen)
Nach der Sträfaburger Aasgab« 1606 Thi 2, 8. 227, bei Sehadel O wiederholt Eli gebort zum neunten Gesicht ,, Hanfs bi näher, Gaob herüber; J.ukel bieoaus, Jockei herein; (ians vberi Heer, und wider herüber." welches gegen die Ausländerei gerfehtei Ist; wie wir noch sagen: ,,es flog ein dänslein über den Rhein, und kam eine 6 am wieder heim."
2 in dem Beaehefdefeen 1836. s. S84. 1 tfitgetnelli rotl f. r, SoKati In NomVi Anzeiger de- M A. 1834. 8p. 46. Darani wiederhol! ron Lütcke 142.
i xxu t£e|d)ict)te \>tx einzelnen <tfr3öl)lun0en.
Handschrift, in den Erzählungen u. s. w. des Mittelalters H. 1 (Breslau 1814), S. 214 — 31. Dann ist es aus der Koloczaer Anschrift mit 14 andern Gedichten durch Mailath und Köffinger (Pesth 1817) S. 55 — 74 abgedruckt.' Diesen Abdruck hat Genthe in den Dichtungen des Mittelalters II (Eisleben 1841), S. 224 — 35 nochmals in Prosa übersetzt.2 Ferner, hat Schä- del aus demselben Abdrucke, mit Vergleichung eini- ger Stellen der Heidelberger Urschrift durch Hahn, eine Ausgabe, als Programm des Gymnasiums zu Klausthal, 1842 besorgt. Endlich, hat Lütcke in der Berliner Deut- schen Gesellschaft einen Vortrag über dieses Gedicht gehalten, welcher im Jahrbuche derselben oder Ger- mania Bd. 5 (1843), S. 122—42 gedruckt ist.3
Es bewährt sich in solcher vielfachen und viel- seitigen Erneuung dieses Abenteuers ausschliefslich bei den Deutschen die eigenthümliche Anziehung des Stoffes für sie, und dafs mit Becht von jeher ihre Gründlichkeit auch in dieser Hinsicht berühmt ist. Zu verwundern ist daher, dafs der Bheinländische Gervinus ein solches Missfallen an diesem Gedichte hat und es so unbarmherzig verurteilt,4 ungeachtet des klassischen Ursprunges, welchen er wol noch nicht kannte. Der Schwank ist hier freilich nicht harmlos, man darf ihn jedoch den freudigen Wiehern wol zu- trauen, die im 14ten Jahrhundert noch heftiger Ernst machten aus dem Spafs, als im Jahre 1848, laut Be- heims Buch von den Wienern.
1 Vgl. das Quellenvcrzeichnis 2 (S. 757).
2 Den Irrthum, welchen er aus dem >origen Buch über- kommen, hat schon Schädel 5 berichtigt.
3 Kr ist, mit Schädel, geneigt, den Stricker für den Ver • fafser zu halten: dem widerspricht aber, aufser dem Namen, auch Darstellung und Sprache.
4 Geschichte der poetischen Nationallitteralur der Deutschen Th. I (1835), S. 300, wonach dieses Gedicht noch in Lafs- bergs Liedersaal stehn soll.
Inhalt.
Seite
XXI. Das Häselein k506 Reime 1
XXII. Der Sperber 370 R.) . 19
XXIII. Das Gänselein 272 R., 37
XXIV Der schwangere Mönch Von dem Zwingäuer 544 R. 49
XXV. Die Nachtigall 264 R.) 71
XXVI. Frauenlist '618 R 83
XXVII. Frauenbeständigkeil 468 K. 105
\WIII. Die Teufelsacht 324 R 123
XXIX. Der wahrsagende Baum 132 R . . 137
XXX. Der entlaufene Hasenbraten. Von dem Vri olsb ei raer
130 R. 145
XXXI. Der Reiher 430 R 153
XXXII. Ehestand, Tod und Hochzeit 644 R.) 171
XX XIII. Ehe im Leben und Tode 246 R.) 193
\\\|\ Scheidung und Sühne 132 R 205
XXXV. Ehefrau und Buhlerin. Von Hermann Frefsant
776 R 215
XXXM. Dm »arme Almosen 130 R., 241
WXVII. Die drei Wünsche 228 R ) 249
XXXWIL Weiberli^t MI 261
WXIX. Der Ritter und die .N'üfse 1% IL. 273
XL Die Meierin mit der Geifs 164R 183
XLI D«-r Ritter unterm Zuber. Von J a k ob A p pet (395 R 293
Xi.ll. Die treue lUgd Mi I ... 300
XI. III Der v.rk.hrt- Wirib Von IL rrand von Wildonie
■I R
xi. iv Dfa leiefcH 84 R MO
\l V DM MMMMM Ehemann 256. R.J
XJ \ I l>.~ heiTse Eisen 198 R. .... :m
xi Ml Dm MMikM DO R 919
XLVIll Di- tat* I). ,.. 304 R. . :W7
lxxiv 3nh,alt.
Seit»
XLIX. Der Schlägel. Von Rüdiger dem Hunthovcr
(1200 K.) 501
L. Martinsfest. Von dem Stricker 214 R.) 653
LI. Der Wiener Meerfahrt. Von dem Freudenleeren
(706 R.) 463
Anbang. Aus Jansen Enenkels Wellbuche 487
i. XCI. Achilles und Deidamia (586 R.) 489
2. XC1I. Der Zauberer Virgilius (530 R.) 509
3. XCI1I. Eraklius (530 R.) 529
4. XCIV. Der Teufels -Papst (356 R.) 549
3. XCV. Kaiser Dagobert (248 R.) 563
6. XCVI. Constantin (388 R.) 575
7. XCVII. Des Reufsenkönigs Tochter (680 R.) 591
8. Karl der Grofse:
I. XCV1II. Liebeszauber (580 R.) 617
II. XCIX. Naturrecht (168 R.) 635
9. C. Saladin 128 R.) 643
CLXV1I. Herr Friedrich von Auchenfurt. Von Jansen Enen-
kel (388 R.) 337
Lesarten, Anmerkungen, Rerichtigungen und Nachträge .... 651
A.^LA.
Pas gSfeletn.
«mml»l,»nlr„,, II
Der Dichter, von Gottes Gnaden, will seine Zeil nicht verlieren, sondern, den Neidern zu Leide, ein Abendmärlein Deutsch reimen, den Edlen zu Liebe, und diese mit Hülfe der Frau Venus im Minne- dienste bestärken.
Ein edler Ritter ritt zur Ärntezeit mit zweien Hunden und einem Sperber auf die Jagd: ein Häslein entrann ihm in das Korn, wo ein Schnitter es Gng und dem Jäger gab. Dieser streichelte es, und ge- dachte, es einem Fraulein zu bringen, um deren Minne er lange schon vergeblich warb, und nun durch diefs Spielwerk versuchen wollte. Sein Weg führte ihn durch ein' Dorf, wo ein edles schönes Jungfräulein, noch voll kindlicher Einfalt, in einer Laube an der Strafse stand, und auf seinen Grufs sich das Häselein wünschte, wenn es ihm feil wäre. Er wollte es um ihre Minne geben. Sie fragte, was das wäre, und bot ihm drei Pfund Fingerlein (Ringe), zehn Bickelsleine und einen Gürtel mit Gold und Perlen. Der Ritter verlangte jedoch nur ihre Minne; sie wollte sie gerne geben, wenn sie sie nur halte; und da ihre Mutter und Gesinde in der Kirche war. stieg er rasch ab. setzte den Sperber ab, band das Ross an, und ging in die Laube: die Holdselige empfing freudig das Häfelein, und liefs ihn gerne die Minne suchen, die er auch glücklich fand, zu beider Wonne, so dafs sie ihn nicht übervoriheilen wollte, und nochmals suchen liefs, und als er beim dritten Nachsuchen Überraschung fürchtete, ihm nachrief wiederzu- kommen; sie wolle nicht seinen Schaden.
Als ihr Müllerlein heimkam, zeigte sie fröhlich ihr Häselein, und erzählte ihr Alles; da wurden aber ihre gelben Locken zerrauft und ihre ilrahJenden Wangen gezwickt, so dafs sie huriig entsprang. Sie trauerte weniger um die Minne, als über die Schläge, und schaute \on der Laube nach dem Ritter ans um den Handel zurück zu tliun.
\rn dritten läge kam er wieder, und schon von ferne forderte sie ihre .Minne zurück und klagte ihm ihr Leid. Er war SOgieicfa hereil;
sie liel herab mit dem Häfelein, nahm mit Freuden ihre. Minne wieder und wähnte ans einem Weibe wieder Magd geworden zu lein, sah Jedoch traurig auf dai Häfelein; der Ritter Hefa es ihr gern obenein, und sie freute lieb, ihn 10 nbervortbeill zu haben.
He eilte, es ihrem MQuerlein zu rerkünden, als die heimkam
wurde aber wieder gerann und gescholten wegen dei doppelten Un-
nei i>ie Mattet gib sich lelber Schuld, and wehklagte. Die
lochtet jedoch blieb gCtrOfl sic wolle ihre Schuld tragen, und zum
Geschehenen müfse man sich des Besten versehen. So tröstete sie selbst ihre Mutter, die sie schweigen und fröhlich den Jungfernkranz tragen hiefs.
Darnach über ein Jahr verlobte der Ritter sich mit einem schönen und reichen Fräulein, und lud zu seiner Hochzeit viele Freunde. Da gedachte er auch des Mägdleins mit dem Häselein , ritt hin, und lud die Mutter mit ihr und ihrem Häselein zu seinem Ehrentage. Die Mutler liefs sich nichts merken, und willigte, obwohl mit schwerem Herzen, ein.
Am Hochzeittage safs der Ritter neben seiner Braut, und als das Mägdlein mit dem Häselein daher ritt, lachte er, eingedenk des ganzen Handels, so laut auf und so anhaltend, dafs Alle ihn deshalb fragten. Vor Allen auch die Braut, deren Fürwilz durch sein Versagen so gereizt ward, dafs sie ihm keine guten Tage verhiefs, wenn er nicht Bescheid gäbe. Nun erzählte er ihr Alles, und sie erwiederte, jene sei eine rechte Thörin gewesen: ihr (der Braut] habe der Kaplan wohl hundert- mal dafselbe gethan , ohne dafs sie es je ihrer Mutter gesagt habe. Da erschrack der Bräutigam, wechselte die Farbe, entschlofs sich jedoch rasch, sprang auf und führte die Schöne mit dem Häselein zum Sitz an seine Seile. Darnach, als alle Gäste beisammen waren, erhub er sich, und erzählte laut die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende. Dann bal er seine Freunde um Ralh und Wahl zwischen den beiden Bräuten. Alle entschieden einstimmig für das Mägdlein mit dem Häselein. Jene ward also ihrem Kaplan heimgesandt, und diese dem Bräutigam angetraut. So bewährte sich: was sein soll, mufs geschehen.
XXI
Da3 heselin.
^Xribe ich die zit vergebene hin,'«
sit ich von Gotes genauen bin
Genemmet in der mäzen,
man solle mich verwäzen: 5 Ich wil durch kurze wile,
den nidaeren ze bile
Ein abent mserlin welzen ,
unt Tiutschlichen velzen
Dise rimes ende. 10 und waer' ich so behende,
Da3 ich so reine worhte,
da3 ich mir niht cnvorhte
Der losen nidaere schimpf,
die dö zehant ungelimpf 15 LT ander liute haut getan,
und doch nihl eren mag an in stau.
Nu wolt' ich han der edeln gunst.
und gli vrou[we] Venus mir vernunsl
So iprenge ich rif h zuoversfbl , H) die man nach minnen ringen siht. Ein rittci . urol gebarende,
(Jci weite günsle v/irendc
Mii mute und mich mit vrumekeit •
leii . <io neogeltch sin körn sneil . 25 Ze reUlc ui stnen akkei
mi /wrin hundrii w ;iUK<i
6 XXI. 5>a9 $äfdetn.
Und mit eime sperwaere;
der selbe bei3aere
Ersach ein junge3 heselin. 30 da jaget' er zuo die hunde sin.
Ouch jaget' er ime selber nach;
ze vlühte was dem hasen gäch.
Und entran hin in da3 körn:
des wart siniu vriheit verlorn, 35 Wan e3 gevieng ein snitter,
und gab e3 dem selben ritter.
Da3 was ouch reht, da3 wi33e Gut.
wan er het 63 gejagöt.
Des vrou[we]te sich der ritter do. 40 und gedähte in sinem muot also:
»Diz ist rehte ein äventiure.«
nu betrahte[te] der gehiure,
Wa3 er hie mite taete:
dö riet sin herze ime staete, 45 Er solt' e3 bringen einre maget,
diu ime lange was versaget.
Nach der sin minne tragender muot
gluejel' in der senede gluot,
Als in der essen tuot da3 golt. 50 des wart sin muot in ein geholt;1
Wan man kumetL> geringe
mit solichem dinge
Ze vriunde (wol) gewinnet;
ein kint den apfel minnet 55 Und naeme ein ei für des riches laut.
alsus reit er al ze hant
Gegen eime dorfe hin,
als in bewisete sin sin.
Da siniu strafe durch gie; HO sin heselin er streichet' ie. Nu lag ein junkvröuweün.
edel, schoene unde fin .
1 geholt.'
2 kinl?
XXI. jPaö gäftletn.
Der järe ein kint, und ouch einvalt,
an einre louben, diu gestalt 65 Was en gegen der strä3en hin;
und als er kam geriten in
Mit dem tierlin wilder art
vür die junkvrouwe(n) zart,
Da3 ersach diu junge magt. 70 er gruo3te si; siu sprach: »herfre], sagt.
Wannan kam iu da3 heselin?
wan wolte Got, und weer' e3 min!
Oder waer' e3 iu aber veile?«
er sprach: »e3 mak ze teile 75 lu vil wol werden, schoene3 kint,
ob ir des koufes vli3ik sint« —
»Ja, vil lieber herre min,
vil gerne het' ich da3 heselin;
Nu sagent mir, wes ist e3 wert? 80 und hän ich den iht des ir gert,
Damit ich iuch geweren mak,
ich engelebete nie so lieben tak.«
Er sprach vil balde: »ich gib' e3 iu
umbe iuwer minne.« dö sprach siu: 85 »Minne, herre, wa3 ist da3?
ir vordernt, Got wei3, ich(n) wei3, wa3;
Nemet da3 ich geleisten müge;
ob iu der muot ze koufe züge,
Herre, ich hän in mime schrin 90 beslo33en driu pfunt vingerlin.
Und zehen bikkel steine,
und einen borten kleine,
Sldin, mit golde wol durch slagen.
darüf berlln sint getragen, ?>ö Gemischet rot unde WI3,
daran min muotcr leite irn vil.5
Und aller meisterschefte list:
den Demet, ob iu ernest ist,
l ikI länl den kouf nü vür sich gän j HM» wan ict] M nu niht be33cr hau.«
8 XXI. 2>as gäfcUiu.
Der ritter der sprach aber dö:
»der kouf mag niht ergän also.
Ich enwil weder golt, noch steine.
wan iuwer minne reine.« -r- 105 »Der hän ich nihl.« — »Ich vinde si w -l
bi iu, ob ich si suochen sol.« —
»So nement si hin; wes beitent ir?
und gent den jungen hasen mir.
Und hänt ir iuwer minne.« 10 er sprach: »ist ieman hinne,
Der uns hoeret oder siht,
so mag ich ir genemen niht:
Ir mue3ent sin aleine.«
dö sprach diu maget reine, 15 Da3 linde turteltiubelin:
»ze kirchen ist min mueterlin.
Und alle3 da3 gesinde.«
do erbeiset' er geswindc,
Den spcrwer säst' er von der hanl 20 und als er do sin pfert gebant,
Do huob er sich ze der louben in
und gap da3 junge heselin
Der jungen maget, da siu sa^
an der niht des Got verga3, 25 Da3 schoeniu wip erzöugen sol;
sin meisterschaft schein an ir wol,
Ir forme was versniten niht,
engelvar was ir gesiht,
Ir wonten wibes site bi, 30 diu mäse lie si wandeis vri;
Ir was wol so rehtc geschehen,
Got möhte selber gerne sehen
Die selbe junkvrouwen
in sime himel schouwen. 35 Und dö da3 selbe megetin
enpfangen hete ir heselin,
Siu sprach: »herre, ich bin geweit,
nemel selber, des ir da gert.«
XXI. 3>ao ilßüUin. 0
Der rittet tet. als irae gelank. HO da3 junge kint er zuo(z')ime twank.
L'nt kuste ir mündelin rosenrot.
als im sin wille dö gebot.
Herre, wie gewarp er dö,
sit ime diu State wart also, iö Da lag er sanfte, äne vluoch.
nider üf da3 hungertuoch.
Und betwang in kündekliche ir wer .
diu betwungen hat vil manik her
Unde alle künige twinget ; •50 der durch liebe ringet,
Swa3 lebelichen lebende ist.
Minne und minneklicher list
Hat noch der weite gesiget an,
die vant ouch hie der junge man 55 Und nÖ3 ir jungen sue3en lip .
bi5 da3 diu maget wart ein wlp.
Da3 dunket, üf minen orden. mich
U3ermä3en wunderlich.
Und do diu junkvrouwe zart 60 der sumerzite ginre(t) wart,
Siu sprach: »suochel [her wider], tiurre hell.
nie zorn, swic vil ir weit,
B15 ir die minne vunden haut ;
sint tuwers heselins gemant.«
EM flocht' er aber viirba3;
li; lic diu junk vrniiw' Arie ha,}.
Dar nach duht' in rarndes /it;
diu junk vrouwr tw.mu in aber s!l
Mit us beraen gelöste ;<► vil liepltch ao k brüsh Und bat in tertltchd,
d;«3 er niht entwiche,
1 u.i'i' im ander* ittnde, 1 die minne runde,
h.i BOGD Diwan] /<• riiicm mal*
<!<• rorbt' 1 m , Im iw.il>
10 XXI. Uta» «afeletn.
Vreisen waere swanger.
do enbeitet' er niht langer.
Do rief [im] diu junk vrouwe aber nach:
180 »herre, war ist iu so gäch?
Wes nemet ir niht die minne gar? ich wirde, wei3 Got, wol gewar, Da3 ir si gar niht hänt genomen; wellent ir niht her wider komen,
85 So ist mir iuwer schade leit.« der ritter lachende dannan reit.
Nu hat' ir mueterlin vernomen messe, und was her wider komen, Und als[e] diu tohter si ersach.
90 siu lief en gegen ir, und sprach: »Luoge, liebe muoter, sich, zarte muoter, wa3 hän ich, Ein also hübesche3 heselin!« siu sprach: »sage, kint min,
95 Wer gap dir da3 hübesche lierlin?« siu beschiet vil eben ir den sin. Wie siu den hasen hete kouft. des wart ir gelwe3 har zerrouft, Darnach ir[e] liehten wangen 200 begunde diu muoter zwangen Mit irm[e] vil leiden vinger. diu tohter wart geringer. In Sprüngen siu von dannan vloch, irs zornes siu sich sus enzöch. 5 Der jungen tet ir schade we: doch muoten si die siege me. Dan der minnefn] Verluste; kein trüren an ir brüste Kam nach der verlornen minne.
10 sus gie siu in dem sinne Ie tages an die louben, und wartet' in dem glouben Des ritters, ob er kaeme, da3 siu ir minne wider naeme.
XXL Da* gafeletn. 11
215 Unde ir taete , als er ir e tet,
da3 siu ir minne wider het'.
Als obe der koufschaz waere verlorn,
des hete siu do wol gesworn. Nu kam er ouch geriten sider 20 an dem dritten tage wider,
Und als siu in von erst an sach,
vil lüte rief siu unde sprach,
Alse siu niht hete sinne:
»herre, mine minne 25 Süllent ir mir her wider geben,
ich hän ein martelliche3 leben
Und jaemerliche hochgezit
gehabet von minre muoter sit,
Siu hat mir Ü3 min har gerouft; 30 ich hän niht wol umbe iuch gckouft:
Gent mir wider die minne min,
und nement ir iuwer heselin;
Wir süln des koufes wider komen.
ich hän sin schaden gnuog genomen, 35 Sit ich die minne hän verlorn. «
dö sprach der rittcr wolgeborn:
»Müget ir da mite ze hulden komen,
die minne, die ich hän genomen,
Waer* ich eine, die leite ich wider.« 40 nü lief diu schoene hin nider,
Und brähte mit ir da3 heselin.
siu sprach: »zarter herre min.
Sit ich 1111 aber eine bin, Dement iuwern hasen hin. iö Und gent mir mine minne.«
der rltter guotei sinne
Ervnlte dö der jungen bet'j
(U3 er oucfa an' daj gerne tet,
!)<"> 1k'3 er llhte lieb erbiten. 50 m;m pfliget noch der selben siteu.
Swarzuo dem manne rial sin muot.
d«5 er das durch kleine bete tuot.
12 XXI: 0as i)o|elnu
Sus wart von eime wtbe magel ,
da,3 ist doch selten nie gesaget; 2.35 Ich mein'3 alsus, nü merkent da3",
siu wände sin, als[e] sin 6 des was,
Ein maget wider worden,
an[e] megetlichen orden;
Wer zwivclt nü dem ma;iv 60 dem guoten rilter waere
Mit irre reiner minne wol?
nie man da3 unbilden sol.
Noch was der aventiure geschihl .
als uns das maere hie verjiht, 65 Der minnen Überguide.
nü wer behuop ir hulde?
Der ritter saelden riche .
da3 diu minnekliche
Wände ein maget sin, als <•. 70 da3 siu verworht habe e. (?)
Und do disiu aventiure ergie,
diu junkvrouwe [dikke] blikket' ie
An ir vil liebe3 heselin;
ouch tet er sine tugent schin , 75 Und lie3 ir ire minne wider,
und gap ir ouch den hasen sider,
Der bleip ir zuo gewinne;
si dühte in irme sinne,
Siu lief 03 wol geschattet, SO und er waer[e] gar veraffet. Nü da3 der ritler wol bedaln
sin pfert ze vclde hatc brahL
Do was ouch komen ir mneterlin;
da3 kinl tet ir aber schin, 85 Und lief vil balde gegen ir,
und rief vil lüle. me den zwir:
(Nü, rnuoter, mag ich noch genesen.
der rilter der ist hie gewesen.
Und hat mir mlne minne wider 00 und ouch den hasen 'ge) geben ^ider.
XXI. jDao 9«ftUt«. 13
Den hau ich vor ze teiles.« »
siu sprach: »we mir dins heiles,
Und owe dem gewinne!«
siu kripfte in irme sinne 295 Ir schcene tohter in da3 här,
siu sprach: »nü \vei3 ich wol vür war.
So da3 ich din muoter bin,
er hat dinen magetuom dahin.
Des muo3 ich iemer trürik sin; 300 und ow6, kint, der eren din!
Ich solte*din ba3 war han genomen.
so waere ich nihl ze leide komen,
In dem min herze muo5 sin begraben
die wile wir da3 leben haben.« — 5 »Nu gehabe dich wol, diz ist geschehen.
man sol ze dem besten sich versehen.«
Sprach da3 wenige kint .
»min leit da3 wert ane under bint ,
l'nd wiset an min ende mich.« — 10 »liebe muoter, nü trceste dich.
Ich tel e3, und sol '3 ouch gerne tragen.
swig und lä din jämer klagen.«
Des kintles tröst der alten wak .
sin sprach: »noch mue3' ich lieben tak 15 An dir geleben und sanlikeil!
vröude dir ist unverseit,
[i sin. sez üf den borten stolz;
i din sezzen ist noch niht ze holz.
Swig, und la dich \nHirhc sehen,
•20 dir mag noch wunde 1 wol besehenen
hai 11 'ich wart über ein jar,
du wart dem rilter offen |>;u
Kinrc junk viouwcn 11p
• I >«-t vür ein cllch wip,
SS Diu «rat ichoen e) unde kluoh , irolgevriunt und rieh genuok, im nroog der meide BchappeUn,
durch d.-r, siu ein magel jolte iln,
14 XXL jDae $nfdein.
Der borte ist der megede reht. 330 der eren ein getriuwer kneht
[Und] versach sieb niht wan guotes;
des was er hohes muotes
Und bewak sich kosten unde schaden;
vrouwen unde herren laden, 35 Die er ze vriunt bekande,
begunde er in dem lande
Ze sinre eren hoch gezit.
nü pruevet, wä min wän an lit:
Swa3 geschehen sol, da3 gesohiht, 40 also waene ich, und anders niht.
Da3 wart an disen dingen schin:
e3 ergieng, als e3 solte sin. Der werde junge ritter fin
gedäht' ouch an sin heselin* 45 Unde an da3 kint gehiure,
und aller [der] aventiure,
Wie e3 umbe den kouf ergie;
sin edel -herze niht enlie,
Siu mueste da ze hove sin: 50 sin junkvrouwe und ir heselin,
Wie het* er si gelten da!
hie mite reit er hin iesä,
Da ime der liebe kouf geschach.
diu junkvrouwe von erst ersach 55 Ir vriunt, ze dem ir herze truog,
siu sprach; »liebe muoter, luog',
Der ist, der die minne nam.«
davon diu muoter sere erkam.
»Ach, kint, wes hästu mich ermant!« tiO nü was ouch er hinzuo gerant,
Unde bat ir [vrouwe ir] mueterlin,
da3 siu iemer durch den willen sin
Ze sinre eren kaeme,
und da3 siu mit ir naeme 65 Die junkvrouwe und ir heselin.
siu gedäht': »owe der eren min!
XXI. Pas gäfelein. 15
Kum ich zuo des höchgezit,
der mine tohter hat gevrit
Ze kebse, wan ich den sihe an, 370 wie lüzzel ich dan vröuden hän!
Sit er des hoves solte
billich, ob er wolte,
Pflegen mit der tohter din.
ouch vürht' ich sere. und lä^ ich sin. 75 Da3 er offene die geschiht.«
siu wolt' e3 im eht versagen niht. »Herre, gerne,« sprach siu dö,
»ich bin iuwerre eren vrö.
Wir stillen beide gerne komen.« 80 dö sprach der ritter Ü3 genomen :
»Genäde und dank habent iemer.
der tugende vergi3 ich niemer.«
Er schiet von dannan heim vil vro.
nü sich diu zit getruog also, 85 Da3 er an sinre vröuden tak.
an dem sin höchgezit gelak,
Durch kosen bi ir slten sa3,
diu ime gelobet ze wibe was,
Ein wunder dö kam in geriten, 90 da3 kint mit kintllchen siten.
Von dem ich e hän geseit,
und brähte sin heselin gemeit
Mit ime, an' arge liste.
der wirt. der da wol wiste, 95 Wie der hase wart gekouft,
und wie diu tohter wart zcrrouf'i.
Und wie der wehsei kouf geschach.
der lachete, unt tet einen kach.
Und began so sere lachen 400 von den selben sachen.
Und mohle sich des niht cnthabcii.
da3 man in ieze wolte laben,
Und wider käme kam ze sich.
<lö woll»* vrägen mengellch.
IG XXI. Pas $afclctn.
405 Wes er gelachet haete.
des cnlhuop sich wol der staete;
Ich waene, [da3] er sine heinlikeii
vil ungernc ieman haete geseit.
Nu begunde in ouch da.3 vröuwelin. 10 diu sin gemahcl solte sin.
Mit ernstes vrage understan.
durch wa3 er haete getan
So herzekliche3 lachen.
dö wolt' er die Sachen 15 Niht entslie3en. und bat si,
da3 siu in der vrage lie3e vri.
Der vür wiz rei3ete si dö me .
wan ir bef starker wart , dan e .
Siu wolte wi33en dö binamen. 20 wävon kaeme dirre gamen.
Dö werf er: »[s]ich entuon sin niht.«
siu sprach: »ir sagent mir dise geschihl .
Samir leben unde lip.
oder ir gewinnet niefmer] guot wip 25 An mir. unde lieben tak.«
der vrouwen krieg dö nider wak .
Da3 er der jungen briute zart
ires willen volgende wart .
Unde si dö gewerte 30 der rede, der siu gerte.
Und seif ir von des hasen vart.
wie er in dem körne ersuchen warl ,
Und wie er darnach wart verkoufl,
und wie diu tohter wart zerrouft. 35 Da5 siu die minne verlos.
und wie er si aber wider nö,5.
Do er ir die minne wider gap.
siu sprach: »samir da3 heilige grap.
Diu was ein rehte tierin: 40 hete siu gehabet den willen min.
Siu enhef es, wei3 Got. niht geseit;
e3 was ein gro3e tumpheit.
XXI. 2Da* fi&Uitw. 17
Ina! joch het mir unser kappelän
wol hundert stunt also getan, 445 Und wser* mir, wei3Got, [noch] hiute leit,
würde e3 der muoter min geseit.
Ina! wa3 seit' siu rehte3 tcerlin,
wan lie siu niht ir klaffen sin!« Do der ritter diz vernam, 50 ein schrekke Im an sin herze kam,
Sin varwe so verwandelt was,
da3 er küme (da) gesa,5,
leze bleich und denne rot,
als im der schrekke dö gebot. 55 Und dö er wider sich versan,
ze hant er trahten began.
Wie der rede waere dö;
er gedähte: »ist disem dinge also,
So wirt min brütluft vol bräht 60 anders, dan ich hän gedäht.«
Sin sizzen was niht langer,
in eime zorne uf sprang er,
Er lie hin gen dem kinde trasen,
da3 dö was komen mit dem hasen, 65 ßi sine site sat er die,
die er von erst mit spotte enpfie.
Sw»3 durch in dar komen was,
dö sich da3 alle3 zesamen gelas,
Beide, vrouwen unde man, 70 si Wanten eine brut h;m
An der gemahelten maget:
ii f stuont der wirt, so man saget,
Und hie.-; sich hoeren liberal
und seite von oben ze tal 75 Nil eben, wie eg ergangen was,
mibe <ii/ unde urnbe da3,
Wie könfltch er da$ kint gewan,
und wie er ir mirirx- ruorte <i;m.
1 nd wie er 11 ir gap hin wider: so dar nach seit' er .'«Ixt lidei
• J Hafn f>»i*mfat»l>«nt*nrr II ~
18 XXI. 33a* $äfelein.
Wie e3 umbe die brüt was getan,
und ouch umbe iren kappelän. Unde alse er volle seite,
dö bat er gereite, 185 Die sine vriunde wären da,
das si ime durch liebe Seiten sa ,
Unde des würden in ein,
welhiu im geviele under den zwein,
Da3 er die sime Übe 90 behuebe ze einem wibe.
Dö rieten s' an der stunde
alle mit einem munde,
Da3 er die junge fine
miLdem heseline 95 Ze rehte wiben solte,
ob er gedenken wolte,
Wa3 billich waere und ere.
do enbeitet' er niht mere,
Er nam si mit des pfaffen hant. 500 diu ander wider heim wart gesant
Ze irme kappeläne.
Noch bin ich in dem wane,
Und gloub' e3, und wil es ie mer jehen
da3 sin sol, da3 muo3 geschehen. 5 Als an disen selben zwein
geschach, und ofl'enlich erschein.
XXII.
Per Sperber.
In einem stattlichen Frauenkloster, wie man sagt, wetteiferten Alte und Junge im Gottesdienst, und waren aufserdem nie müfsig, sondern webten und wirkten, zeichneten und schrieben. Kein Mann durfte das Kloster betreten, und nur die Nonnen im Amte kamen her- für: die jungen unerfahrenen blieben stets drinnen, und die Schul- meisterin lehrte sie singen und lesen, sprechen und gehen, und im Chore stehen und sich verneigen , dem Orden gemäfs. Sie waren so lieblich , \lafs Gott ihren rosenrothen Münden keine Bitte versagen konnte.
Unter ihnen war ein so schönes Jungfräulein, dafs sie untadlich erschien, und ihr durchaus nichts gebrach, als dafs sie gar nichts von der Welt aufserhalb des Klosters kannte, in welchem sie schon 15 Jahre gelebt halte. In dieser klösterlichen Einfalt stand sie einst an der Ringmauer des Klosters, unweit der Thüre an der Landstrafse. Da kam ein Ritter daher, zu Rosse, einen Sperber auf der Hand. Sie grüfste ihn, und fragte, ob er das Vöglein weit her führe; und als er verneinte, fand sie es wnnderschön, es singe gewis auch süfs , und die Frau, der er es bringe, müfse ihm immer hold sein. Der Ritter, ihre gute Einfalt erkennend, sagte, es sei ein Sperber, und ihm wohl feil. Die Jungfrau beklagte, dafs sie kein Geld habe; jedoch wolle sie gern sonst etwas dafür geben. Da erbot ihn der Ritter für ihre Minne. Diese war ihr unbekannt: sie habe in ihrem Schrein nur zwei Bilder, drei Nadeln, eine Scheere, zwei neue Haarbänder, ihr feiertäglich Gewand und ihren Psalter ; darunter gebe sie ihm die Wahl. Der Ritler bestand jedoch sof ihre Minne, die er bald bei ihr finden würde. Sie wollte ihn gern weben lafsen, er hub sie von der Mauer, führte sie in einen Baumgarten, band das Ross und den Sperber an einen Ast, safs mit bdnen in den Klee, und fand bald dieMinne, zu beider Freuden, so dafs sie sich nicht durch Kargheit vorsünden wollte, sondern ihn aufforderte, sich nach Herzenslust bezahlt zu machen. Darnach hob er sie wieder auf die Mauer, und ritt W(
Dal I raulcin ging fröhlich mit dem Sperber zu ihrer Lehrmeisterin, erzählte ihr den wohlfeilen Mandel, und beklagte, dafs das Kloster kfint-n Solchen Minnesncher bebe, für den sie- Alle ihre Pfründe hcr-
geben solltes Die Mir schall sie, dafs sie ein Weih geworden, raufte und schlug iie /wmt zu Boden, so dafs sie fasi lodi lag, Die Junge gedachte, ei wieder mit zo machen, und wartete frühmorgens heimlich auf der Mauei ins dei Ritter wiederkam, sogleich forderte sie Ihre Minne und Magdthum für dei ^i»«i i»<-r zurück, Der Ritter war bereit,
er that ihr abermals, wie zuvor, und sie hielt genau darauf, dafs er ihr die Minne so dreifach wiedergab, wie er sie genommen. Dann eilte sie vergnügt zur alten Nonne, verkündigte ihr den glücklichen Tausch, und rühmte den ehrlichen Mann , der dem Kloster sehr zu wünschen wäre. Die Alte rügte die überschwängliche Einfalt der Jungen, die Übel ärger gemacht; warf sich selber jedoch vor, dafs sie nicht befser vorgesehen hatte, und liefs ihren Zorn über das Unwiederbringliche.
XXII.
Der Sperwsere,
Mfrr ist ein msere geseit
vil gar vür eine wärheit,
Niht vür ein lug, noch vür ein spei,
e3 ist hübesch unde snel; 5 Ich sage iu'3, man seite mir'3:
als ir'3 gelernt, so sagt ouch ir'3. E3 was hie vor, als man seit,
ein klöster guot und wol bereit,
Erbouwen schön unde wol, 10 als man von reht ein kloster sol;
Da wären vrouwen inne,
die dienten Got mit sinne:
Die alten und die jungen
läsen unde sungen 15 Ze ieslicher ir tagezit,
si dienten (iote ze wider strlt, l
So si allerbeste künden,
und muosten under stunden.
So si niht solden singen, 20 naen oder borten dringen, ;
Oder würken an der ram;
iegUchiu wold' des haben schäm,
Diu iI.j inut'3ik waere belibcn.
si entwarfen oder gchriben,
1 /.. |:t 16 fUdtA 1: (lingen /'.
24 XXII. Per S^rber.
25 leglichiu nach ir ahte worhte, swa3 si gemähte. * Nu was e3, als mir ist geseit, ir reht und ir gewonheit, Da3 nimmer dehein man
30 in ir klöster getorste gän Durch deheine sache; si wären mit gemache Inner halp des klösters tür; ir deheiniu kom hervür,
35 Wan die der amt(e) pflägen: an den die wizze niht lägen, Die muosten innerthalben sin. e3 lert' diu schuole mcisterin Die jungen singen undc lesen,
40 wie si mit zühten solden wesen, Beide, sprechen unde gen, ze köre nigen unde sten , Als in der orden da gebot. in wären die münde also rot,
45 Swes si Got gebäten, ob si e3 mit vli3e täten, Da3 er niht enkunde so rösen rotem munde Werlichiu dink 2 versagen.
50 Nu was bi den selben tagen Ein schoeniu junkvrouwe da; waer* si gewesen anders \vä , Da man si mohte hän gesehen, so rnuesten ir die liute jenen,
55 Da3 si be namen waere gar unwandelbaere Libes unde muotes, da bl alles guotes
1 erdähte. B. Die folgenden Zeilen 27—36 fehlen ebd.
J Belelicher dinge. «■
XXII. jPer £p*rber. 25
Waere volliklich gewert, 60 des man an schoenen vrouwen gert:
Wan da3 ir des einen gebrast,
da3 si den liulen was ein gast,
Und da3 si in dem lande
weder liut noch site erkande . 65 Der man 113er halben pflak;
wan si was vil manigen tak
Da ze klöster beliben
und het ir zit da vertriben
Vil nähen üf funfzehen * jär; 70 si ahte niht als umb ein här
Uf der werlt üppikeit,
si lebet' in einvaltikeit
Lnde reht nach klöster site,
da si was erzogen mite. 75 Diu selbe junkvrouwe
eines tages durch schouwe
l'f die rink müre gie,
diu da3 klöster umbe vie,
Unverre 2 von der klöster tür, 80 da gie diu lantsträ3e vür;
Do kom ein ritter 3 dar geriten,
dem stuont wol nach ritters siten
Sin lip unde sin gewant;
ein sperwer vuort' er üf der haut; So Do er kom ir so nähen,
ir gruo3 und ir enpfähen
Bot si im, du si in sach,
da3 si also zuo im sprach:
»Ich wil iuch gerne vrägen, (M) des lät iuch niht betragen. '
1 M«;r tmi zweinzik n.
m n
u tu [bei . /'. i" tiittn, ,
• / H'.t M !■>>'■" ■
26 XXII. Wtx tyktitf.
Min vil lieber beere, habet ir iht verre Diz vogelin gevueret her?« — »nein ich, vrouwe. « so sprach er. 95 Si sprach: »so tuot mir bekant. wie iu wer vogel si genant: Im sint sin vue3e also gel, siniu ougen schoen' und sinewel, Sin gevider vech l und sieht; 100 waere im sin snabel gereht, Sone waer' kein gebrest' daran; vil wol ich mich des entsiän, Da3 es vil suo3e singet, swelher vroufwejn ir'3 bringet, 5 Diu muo3 iu immer holt sin; ('3 ist ein schoene3 vogelin.«
Der ritter vil wol hörte an der junk vrouwen worte, Da3 si l)e namen waere 10 guot und alwacre; 2 Er tet ir also bekant, e3 waer' ein sperweer' genant. »Und ist mir, vrouwe, veile; 03 wirt iu wol ze teile, 15 Und weit ir e3 mir gelten.« si sprach: »man git mir selten Ze pfruende 8 pfenninge; kumt ir an ein gedinge, Da3 ich selber mak gehän, 20 ich lä.3* des koufes niht zergän, So gern het' ich da3 vogelin.« er sprach: »vil liebe vrouwe min. Sit ir koufes an mich gert, so nim ich gern iuwern wert:
' eben. n.
2 Z. 107-110 f*Uen. lt.
3 ze miner provenden. n.
XXII. Per Sperber. 27
125 Ich wil'3 umb iuwer minne geben;
da sult ir niht wider streben.«
Sprach diu junkvrouwe dö:
»da3 taet' ich gerne und waer' sin vrö ;
Nun' wei,5 ich leider, wa3 ir weit, 30 da3 ir mir habt vür gezelt
Und e3 minne habt genant.
das ist mir leider unbekant,
Ich wei3 niht, was e3 muge gesin:
ich han niht in minem schrin, Mo Denne zwen bildaere, '
dri nädel' und ein schaere,
Unt zwei niuwe harbant,
und mtn virteglich gewant, 2
Darzuo minen salter, 40 ich gewan bi minem alter
Niht mer guotes bi der zal:
darunder lä3' ich iu die wal;5
Unt zürnet dan min muemelin,
so hän ich doch da3 vogelin.« Y6 Er sprach: »vrouwe minneklich,
iuwer lip ist minne rieh, 4
Die wold' ich balde vinden,
solt' ich mich under winden,
Da3 ich bi iu solt' suochen; 50 und wolt ir sin geruochen,
Ich hueb' iueh von der mür' her nidrr.« —
»wie keem' ich daone herüf wider '{«
Sprach diu junk vrouwe do.
der ritter wart der rede vrö: )> l>;»3 gevueg' ich, vrouwe, wol.«
iln herze da,3 wart vrüudcnvol, i
1 Den nuonen biedere. h
i / 187-138 l-h/rn II
— gnotef 'null ein hii M den iH'iini ein An' rAi n
• füberlk b stalten B
'>■/.. I >•!.„ b
28 XXII. 3tx Sperber.
Der lieben er sich under want . er vuorte si dar bl ze hant In einen boum garten; 160 er begund' mit \li3e warten, Da3 e3 nie man gesaehe, wa3 von in beiden geschehe; Sin pfert bant er vaste ze eines boumes * aste
65 Und sinen sperwsere;
sin herz' wart vröudenbaere ,
Er sa3 zuo (z')ir an den kle,
der lieben tet er sanfte we,
Er suocht' die minne, unz er si vant;
70 diu sue3e minne si beide bant; Er hiels si unde kuste, als vil in des gelüste, Und suocht' die minne aber dö. dö sprach diu junkvrouwe so: -
75 »Herre, nemt iuwer minne gar, da3 ich iu rehte mite var, Da3 ich mich iht versünde; und merket, wa3 ich iu künde: Swer ein dink gewinnet,
80 und sich des niht versinnet, Da3 er e3 gar vergolden hat., da3 ist ein grÖ3e missetät. Nu nemt hin iuwer minne, und suochet si mit sinne,
85 Nemt ir, swie vil ir nü weit; ich hän da3 rehte wol gezelt, Da3 ich iueh niht han gar gewert, im nemet ir, swie vil ir gert; ' Sit ich mit minne gelten sol,
90 so getriuwe ich iu vergelten wol;
1 einer linden. B.
> 7,. 171 -17i fehlen. B
* Z. 181 — 1H8 fehlen. H.
XXII. Per Sperber. 29
Geltes bin ich iu bereit.«
der ritter hübsch und wolgemeit.
Suocht' aber dö die minne,
unz in düht' in sim' sinne, 195 Da3 im sin sperwsere
vil wol vergolten waere.
Im sagte ouch da3 herze sin,
da3 im dehein vogelin
Würd* ba3 vergolten, vor, noch sider. 200 er half ir üf die müre wider,
Und nam urloup zuo (z')ir sä;
dö reit er hin, und lie si da. Nu hoaret, wie e3 ir ergie
und wie si ir dink ane vie: 5 Si gie und gähete zehant,
da si ir meisterinne vant;
Si sprach: »vil liebe3 muemelin ,
dizze schoene vogelin
Hän ich gekoufet ringe, 10 an' alle pfenninge,
Ein herre hat mir e3 gegeben:
da3 er mit saelden muese leben!
Also wil ich im vluochen;
ich lie3 in dar umbe suochen 15 Eine3, da3 ist minne genant,
und ist mir worden wol bekant,
Also da3 ich cnruoche,
wie oft er si bi mir suoche;
Er ist reht ein meister daran. 20 da3 diz klöster nie gewan
Ein solhen suochgere, 1
da3 ist mir immer swaere;
Wir sin doch guotes wol so rieh,
e3 ist harte unbillich, 2
1 fchuolaere. H.
:H) XXII. ü>er Sperber.
2*25 Da5 man uns iht gebresten Inf;
sint man minne veile hat. '
Waer' uns guot so tiure,
so solten wir ze stiure
Unser pfruende geben dar au ; ' 30 so liebes ich nie niht gewan.
Ich cnhelfe es da mit gelten.«
diu alte begunde schelten,
Si rouft' si sere unde sluok;
da3 si des koufes ie gewuok, 35 Da3 mohte si wol Gote klagen;
si het' si nach ze töde erslagon,
Ir zornes si lange pflak,
unz si zwir üf der erde lak:
»Nu bistu worden ein wlp, 40 din vil sinne loser lip
Hat dir benomen din ere,
des gewinstu nimmer mere
Wider junk vrouwen namen,
vürwär, du mäht dich immer schämen.« 45 Ir zorn was unma3en grÖ3,
manigen zwik u unde stÖ3
Het diu guot' enpfangen. Do da3 was ergangen,
Des vröute sich diu guote, 50 und gedähte in ir muote,5
Wie si nach ir schulde
koBm' ze ir muomen hulde,
i des man irgen veile hat. B.
3 R. erweitert:
Unse halbe provende geben , umbe ein so kurzewile3 leben , Da3 also kan der sue.^e man.
3 Z. '2M-'2U fehlen. B.
* flak. B.
S Z. 249-250 fehlen. B.
XXII. 3D« gerbet. 31
Der gedank' ir an dem herzen lak
bi3 an den dritten tak, 255 Do begund' si heiraelichen
wider üf die müre suchen, l
Ob ir da3 heil geschaehe,
da3 si den ritter saehe,
Dar nach stuont aller ir gedank. 60 du wart dar nach unlank ,
Da3 er kom dort her geriten ;
si sprach im zuo mit unsilen:
»Hebet mich von der müre nider,
und gebet mir min minne wider, 65 Und nemet ir iuwer vogelin;
wan e3 hat min muemelin
Mit mir gezürnet sere,
und jiht, ich hab' min ere
Durch den sperwer verkorn 70 und min magetuom verlorn:
Hebet mich ze der erde,
da3 mir wider werde
Min minne, und iu da3 vogelin.'< :
der ritter sprach: »vrou, da3 sol sin.« 7ö Er huop si nider in den kle.
unt tet ir rehte alsam e,
Und suocht' aber ir minne,
als er von sinem sinne
Allerbeste künde. 80 si sprach : »der mir des gundo ■
Ich koaft' al tag zwei vogelin;
nü jiht aber min muemelin.
i W, füiii Umui
91 M] ■■ n '-tat hin wider, und lnoget' \>\ der müre nider.
/ M6— 179 ftkltm, f.
/ -jTT-^HO f,hi,„, ti., wo ±H\ k> ImuUt.
In' ireij *a7, ninoe müge itn
32 XXII. JPer Syerbrr.
Ich hab' sin grÖ3C3 laster;
nü muet iuch dester 1 vaster, 285 Da3 ir mich machet magt, als e;
ir wsenet liht, e3 tuo mir we,
Und weit mir lihte 2 borgen:
darumb sult ir niht sorgen;
Machet ir mich wider magt, 90 so sit ir von mir unbeklagt, 3
Ich hän e3 alle3 w°l verguot,
so wa3 ir mit mir nü tuot;
Wan su muo3 min muemelin
ir grÖ3e3 zürnen lä3en sin, 4 95 So ir diu maere werdent kunt.«
dö galt er ir dö ander 5 stunl,
Und sprach: »liebiu vrouwe min,
ich tar niht lenger hie gesin, 6
Wan ich muo3 von hinne varn: 300 Got mue3' iuwer er' 7 und lib bewarn !«
Si sprach: »ir vart also niht hin;
durch da3 ich so einvaltik 8 bin ,
So weit ir mich betriegen ;
sich hueb' ein lange3 kriegen, 5 E da3 ir vueret so von mir:
ir habt mir vergolten niht wan zwir,
i mtiedet iuch de. B. 1 weit die minne. B.
3 Z. 289—290 lauten in B.:
Ich dulde gerne disen pin;
mich sluok so sere min muemelin
* Z. 293—294 fehlen , B. ; und 295 lautet t
er kuste si an iren munt. J da ze. B.
6 Z. 397-398 fehlen. B.
i in sele. B. s ich alwaere. B.
XXII. JUct Berber. 33
Und namet min minne dristunt;
e3 waer* ein ungetriuwor vunt.
Welt ir mir so entwichen : i 310 ir mue3et mir nemlichen
Die dritten minne wider geben;
und weit ir iht dawider streben.
Des habt ir immer minen ha3.ee —
»vil gerne, vrouwe, tuon ich da3.ee 15 Sprach der ritter tugentlich,
diu rede düht' in gemelich,
Er galt ir guetllch unde gar;
er sprach: »Got gebe, da3 ich wol govar.ee
Er half ir hin wider2 in; 20 so reit dö der ritter hin. 3
Diu junkvrou was ir wehsels vrö.
ze ir meisterinne sprach si dö:
»Nu, vil liebe3 muemelin.
lä din grÖ3e3 zürnen sin 25 Und lä mich dine hulde hän;
ich hän e3 alle3 wider tän,
Darumbe du mich hast geslagen,
ich wil dir liebiu ma^re sagen,
Jch hän wider min minne, 30 dö ir alle sliefet hinnc,
Hiute vor der nöne,
dö galt er mir vil schöne,
Der ritter, dem ich min minne gap;
ungehalten und äne stap 35 über gen ich noch wol witen rink;4
e3 was ein seltsaene3 dink.
• Z. 30Ü-309 fehlen, und «»/ 310 [pemelicbe] folgt
sA mir (ie>t der rlche ß.
J ir ür die müre H.
3 er reit in wek , ^i Rwnk in. L
* Gieng' ich wol umbe einen rink B
d Haft- lniloimnLlnNun II
34 XXII. Der Sperber.
Da3 du zürntest so sere und sprachst, mir waer' min ere Mit der minne gar benomen; 3K) und waer' er niht her wider komen, Dannoch muest' ich sin genesen: ich wil im immer holt wesen, Wan er ist ein getriuwer man, des versten ich mich wol daran, i
ii Wan er galt mir guetlichen 2 gar; Got gebe, da.5 er wol gevar! Des wünsch' ich im, als ich sol; er zaeme hie ze klöster wol, Wan waer' er hie, des waer' ich vro.«
50 diu alte diu sprach aber do: Swa3 ieman seit oder tuot, so hästu alwaeren muot; Waere der schade nü einer, so waer' er dester kleiner:
55 Nü ist es zwirnt geschehen; des solt' ich e hän under sehen: 3 Sint ich des niht hän getan, so muo3 ich minen zorn lan.a Swer da3 viur erkenne,
00 der huet', da3 in iht brenne: Swer sich aber übersiht, da3 im solher schade geschiht, Den nie man erwenden kan, e3 s! wib oder man,
65 Der sol in guetlich la^en varn , alder sol in e bewarn.
« da slän ich mit allon sinnen an. B.
2 guetlich unde. B.
3 Z. 355—356 lauten in ß.:
Ich solde dich ba3 hän behuot, da3 waere uns beiden gewest guol.
XXII. jDer ^petber. 35
Da3 ist wiser liute site. hie st iu bescheiden mite Diz vil hübsche msere 370 von dem sperwaere. 4
» In B. ist dieser Schlusssate , Z. 3S9 — 370, verändert vnd lautet buchstäblich :
We dese mere gehört hayt De mirke desen körten rayt Inde behalde dese lere Id vromet eme vmmermere Werne so gedane schade weder uert Dat hc den nor neyt erwert x De lais id geueitlichen uaren
Of he sals uan eirste bewaren Dat is wiser lüde sede Hey endit sich dese mere roede Oyg heissit dese mere Der vrauwen sperwere.
XXIII.
Pos ©on feiet ti.
Ein stattliches Kloster stand in grofsen Ehren, sein Gastbaus be- wirtbete jeden, der es betrat: wenn aber das Klosterthor geschlofsen war, durfte bei Leibesstrafe kein Weib eingelafsen werden. So lebten darin mehrere Mönche, die nie aus dem Kloster kamen, darunter auch ein junger Mönch, der von Kindheit an drinnen war, und gar nichts von der Welt wüste, und Rosse und Reiter nur von Hörensagen kannte. Der bat den Abt, als dieser die Güter des Klosters besuchen wollte, ihn mitzunehmen; der Abt gewährte, um ihn mit Land und Leuten bekannt zu machen, damit er einst dem Kloster nützlich werde. So ritten beide über Feld, und der Abt nannte dem jungen Mönch alles Gethier, das ihnen begegnete. So kamen sie zu einem Maier des Klosters, dort zu übernachten, und safsen, wohlaufgenommen , beim Feuer. Das Weib und die Tochter des Maiers, ein wohlgestaltes acht- zehnjähriges Mägdlein, muslen sich, auf Geheifs des Abtes, zu ihnen setzen, und der Mönch fragte, was das für Creaturen wären. Der Abt sagte ihm, sie hiefsen Gänse. Dem Mönche geGelen sie, und er be- dauerte, dafs das Kloster nicht solche Gänse hätte, wo sie doch Weide genug fanden. Reide lachten, und wunderten sich über des Mönchs Lnwifsenheit, und der Abt erklärte sie ihnen. Der Tochter aber geüel der junge Mönch, und sie nahm sich im Stillen vor, die Wahrheit zu versuchen. Um Schlafens Zeit fügte sie es so . dafs dem Abte , seines Gemaches wegen, fernab von dem Mönche gebettet wurde. Alle gingen hierauf zurRuhe; der.Mönch aber konnte nicht einschlafen, und dachte über die zum erstenmal gesehenen mannigfaltigen Geschöpfe und ihre >'amen nach; auch die Maierstochter lag ohne zu schlafen, und sann auf die Vollbringung ihres Willens. Sie stand leise auf, und schlich zum Rette des Mönchs, und als dieser fragte, was da wäre, nannte sie -ii h das Gänselein, und bat ihn, weil es kalt sei, sie nicht erfrieren zu Jafsen , sondern unter seine Decke zu nehmen. Der gute Mönch lhat es gern, und es bewährte sich , daü er gar nichts von dem Belt- ipielfl verstand: sie aber konnte es etwas befser, und gab ihm ipie- lendei (nterricht, s.> dafs er es alsbald begriff; und mit Freuden so lange trieb, bi- h Tag ward. Sie icMrfte ihm ahn beim Beneiden strenge Vereebwiegeaheil ein: der Abt isdtc lie sonst beide.
Am Morgen besorgte der Abt die Geschäfte des Klosters, und ntl mit dt-m Mouche heim. |i getzte die KlOflterieute durch die
KrzlMoag von der Heise rertenwieg jedoch sein Abenteaei nii des •lein
Vor Weihnachten hiefs der Abt den Koch und Kellner der Kloster- leute wegen des vielen Singens und Lesens reichlich p liegen. Da rieth der junge Mönch, zur vollständigen Bewirlhung, jedem Bruder auch eine Gans zu geben. Der Abt verwies ihm zornig die Rede , weil sie ja kein Fleisch äfsen , und drohte ihm Bufse. Der Mönch muste weichen, erklärte jedoch allewege Gänse und Gänselein für gute Speise. Der Abt nahm ihn hierauf beiseite und gebot ihm ernstlich, zu sagen, warum ihn denn nach Gänsen so gelüste. Da beichtete der junge Mönch alles; und der Abt legte ihm zwar Bufse auf, gab sich aber selber die Schuld, weil er ihn getäuscht, und sagte ihm nun, dafs er ein Weib erkannt habe. — Lug und Trug frommt nimmer. Genug: zu Drahov sind wohl zwei, drei Mönche, die befser ein Weib erkennen; denen falbe ich, sich die Huld ihres Abtes zu erwerben.
XXIII.
D a 3 g e n s e 1 i n.
Du maere hei3et da5 genfelin,
und fagt von einem münche und von einem magedin
Ich wil iu sagen ein maere, da3 [hie bevor] ein klöster w#rc Schoene und erbouwen wol, als noch von rehte ein klöster sol. 5 Ir gasthüs unde ir spital da5 was gesezzet in sulhen wah In swelhen ziten das der man geriten oder gegangen kwam . ^33 e33en vand er ie bereit,
10 minnenkllch unde unverseit
Gäben si im, swa3 si mohten hau; also solten noch diu klöster stau; Ir spisc wart vor nie man verspart: und wen da3 tör vcrslo33en wart.
15 So was geboten in den lip. da3 man keiner slahte wtp Immer 1 i e,5c darin; ««i sa/.ten nifit wan iien sin, D;»5 si behielten gar) ir leben,
20 als in /<• rehte was gegeben.
Ich hört' ouch maSTC von in lagen
da.5 ir klöster war' anderslagen,
42 XXIU. 5>a0 eanfelnn.
Da3 die münche und iren gemach ze rehte vremdes nie man gach.
25 Ich sag' iu selbe ein ma3re, da3 manger münch da wsere, Der nimmer Ü3 dem klöster kwam. da was euch inne ein junger man^ Der het sin jär also vertriben,
30 da3 er darinne was beliben Von einem kleinen kindelin; des muost' im unerkennik sin . Wa3 lebt' in dem lande, wan da3 er ros [nach sag'] erkande ,
35 Da3 man diu solde riten. da3 was bi den ziten, Da3 der apte riten wolde , und niht beliben solde, Uihten umb sines klösters dink.
40 in bat der selbe jungelink,
Da3 er in vuert' mit im in diu lant, dar umb da3 im würden erkant Diu reht von dem lande, der er niht erkande.
45 Der apte da gewerle. des der münche gerte ; In einem sinne da3 geschach, er gedäht' und wider sich selben sprach: »Und werdent im diu reht bekant,
50 beide, liut und ouch diu lant. So mag man im enpfelhen wol , wes ein man (hie) pflegen sol, Und wirt ein vil nüzzer man.« also vuort' er in mit im dan ;
55 Si sä3en üf unde riten,
die klöster Hute niht vermiten. Do si kwamen üf da3 velt, ir pfert giengen schöne cnzelt; Swa3 in viehes wider gie, 60 der münche des niht verlie,
XXJII. 2>as £anftUin. 43
Er vrägte, wie e3 wser" genant,
da3 e3 im würde bekant,
Oder wie sin name solde sin,
e3 wseren schäf, rind[er] oder swki4 65 Da3 macht' im der apte kunt.
si körnen z'einer kurzen stunt
Ze ei[ne]m meyer, da si wolden
beliben unde solden.
Der meyer des niht verlie. 70 sinen herren er enpfie.
Er sprach: »wilkomen, herre min,
und alle die mit iu komen sin.«
AI da man in diu ros enpfie;
der münche und der apte gie 75 Ze einem viu[we]r an ir gemach,
bi einer wile da3 geschach. Der meyer het ein wip
und eine tohter, der lip
Was ze wünsche wolgestalt 80 und was ahzehen jar alt;
Der apte bat si sizzen nider;
seht, des wären si niht wider,
Si sa3en an derselben stat.
der münch dö den apte bat, 85 Da3 er in wi33en lie3e,
wie diu creatüre hie3e.
Do sprach der apt säzehant.
»da3 sint gense genant.« —
»Crede mich!« sprach der miinicli 90 »so sint die gense siuherlich.
Wie kumt, da3 wir niht gense hau V
nü mohtcn si sich wol begän
An unser klöster weide. a
des lachten si dö beide, 05 Des wirtes tohter und sin wip.
wunder nam (si), daj sin lip
Waer* so rehle ininnenklich,
und dag er niht verstuende sich
. XXIII. $ae ttänftUtn.
Wie da wip waer' genant. 100 den apte vrägten si zehant,
Ob er sinnik waere.
dö sagt' er in diu maere
Vil rehte, wie er dar was bekomen,
als ir e habt vernomen, 5 Wie er erwahsen weere.
dö dizze selbe meere
Des wirtes tohter (wart) bekant,
si gedähte ir zehant:
»Diz ist ein siuberlicher man; 10 da3 ist war, ob ich'3 gevuegen kan,
Ich versuoche noch hint, ob sin lip
erkennen kan, wie man diu wip
An dem bette handeln sol.«
er geviel ir harte wol, 15 Der rede si stille gedagte,
ir gedank si nie man sagte,
Unz man släfen solde gän,
der wirt der wolde niht enlän,
Er hie3 in betten nach ir site; 20 da was ouch sin tohter mite,
Si schuof, da3 dem jungen man
wart gebettet wol hindan
Von dem apte verre,
darumbe da3 der herre 25 Sinen gemach het dester ba3:
nach ir willen geschach da3-
Dö sich die herren [döj geleiten,
der wirt hfes aldä gereiten
Die liut' alle släfen gän, 30 die herren iren gemach hän.
Der münch niht släfen mähte,
er het in slner ahte,
Wie ein ieslich dink wser' genant
als e3 im vor was genant. 35 Diu junkvrouw' unsläfende lak,
vil manger gedank(e) si dö pflak,
XXIII. jDa* «ünfeUiit. 45
Wie ir wille würde volbräht.
als si ir e het gedäht. Diu junkvrouwe sich dö stal, 140 si kom dar an' allen schal
Und gienk hin vür sin bette dar.
als ir der münche wart gewar,
Er sprach zehant: »wa3 mak hie sin?«
[si sprach:] »ich bin'3, da3 junge genselln, 45 Und hän hie vrostes vil geliten,
und wolde iuch, herre, gerne biten,
Da3 ir hinunder lie3et mich
in der minne, (so) da3 ich
Iht ervries', e3 ist hie kalt.« 50 dö was der münch als einvalt.
Da3 er si hinunder lie,
in der minne das ergie.
Do si da hinunder kwam,
do enkund' der selbe junge man 55 Weder wenik, noch vil,
da3 man hei3el bette spil:
Doch künde si e3 ein wenik ba3,
mit guoten vuogen schuof si da3,
Da3 er in kurzer stunde 60 des selben spils begunde;
Der münch da3 gensei brüchte
mit vli3e, in des düchte,
Im waere wol und dennoch ba3;
also lange triben si da3, 65 Da3 si des duhf, C3 waere tak,
(diu maget da niht lenger lak,)
Si stuont üf unde sprach:
»weit ir haben mer sulhen gemach,
So sull ir nimmer man verjehen, 70 wa3 under uns beiden ist geschehen;
Und wurde e3 dem apt bekant,
er taßt* uns beiden sä zehant
Niht wan den grimmigen tot.«
vil liuw<;r si im da3 verbot,
46 XXIII. £a* (ßänfelctn.
175 (Da3 er sagte sinen gemach.) nie so schiere da3 geschach. Under des gie üf der tak, der apt ouch niht lenger lak, Er stuond üf und schuof sines klösters dink, 80 er und der selbe jungelink. Darumbe si körnen dar; dö si da5 geschuofen gar, Si sä,3en üf unde riten; die klösterliute niht vermiten, 85 Dö si heim wären komen,
der junge münch wart vernomen, Si begunden in vragen vil; sin rede was ir aller spil, Idoch pflag er der kündikeit, 90 da3 er nie man niht enseit, Wie im des nahtes üf der vart diu junge gans ze teile wart.
Diz geschach vor einer höchzit. diu noch in dem winder lit 95 Und die winahte ist genant der apte sich (dö) besant', Beide, keiner unt koche, er sprach: »uns näht ein woche, Da3 wir mue3en vil singen und lesen. 200 nu sult ir alle vli3ik wesen
Und sult uns eine Wirtschaft geben, die wile die liute in arbeit leben, Da3 man ir pflege dester ba3.cc die herren lobten alle da3. 5 Der junge münch stuond ouch däbi, er sprach: »sit iuwer wille si, Da3 ir volle3 ampt wellet hän, so sult ir nimmer verlän, Mug* e3 an iuwern staten sin, 10 ir schaft, lieber herre min,
Da3 ie dem manne ein gans werde; so geschach üf dirre erde
XXIII. }Dn9 OänffUin. 47
Nie deheinen liulen ba3.cc
der rede gevie der apte ha5: 215 »Eijä, bruoder, tuot die rede hin;
we, war habt ir iuwern sin
Oder iuwer wizze hin getan?
selber mugt ir iuch verstän,
Da3 wir niht vleisch(es) e33en; 20 ich wil mich des verme33en,
Ir mue3et buo3' darnmbe bestän.cc
er hie3 in balde gen hindan,
Des torst' er verläsen niht,
idoch sprach er: »swa3 mir geschiht, 25 Gense, wer die möhte hän.
die waeren minnenklich getan,
Gense und junge genselin
mugen wol guotiu spise sin.«
Der junge münch wart dö vertriben, 30 die alten alle da beliben,
Si schuofen umb ir lipnar.
dar umb si waren komen dar,
Und umb ir singen unde fumb ir] lesen,
wer des meister solde wesen. 35 Do da3 allesamt geschach,
der apt ze einem münche sprach:
»Bringet mir den jungen man.«
den vuort' er verre hindan
An sine heimliche, 40 er beswert' in tougenliche,
Er sprach (zuoim); »nü sag(e)t an,
von wem diu rede kvvam,
Da 3 du der gense hast gegert?«
der junge münch in do gewert, 45 D6 er so tiawer wart gcmant,
flo verjach er im zehant,
Wie im des nahte* uf der vart
diu junge gans /.<• teile wart.
Als c- dem apfe wart bekanl, 50 Iruriklich sprach er zehant:
48 XXIII. Pas (ßtönfeUtn.
»Leider mir, du bist betrogen,
ich hän dich selber über logen:
Crede mich, e,3 was ein wip;
din vil sinne löser lip 255 Der ist wiben bi gelegen.
ich solt' din ba,5 han gepflegen,
So het' ich rehte getan.«
buo3e hie,3 er in bestän,
Die leist' er nach sinem gebot, 60 e.3 ensolt' im doch sin kein spot;
Wan het' er im die warheit
reht und äne spot geseit.
So het' er sich ba3 behuot.
liegen unt triegen ist selten guot. 65 E3 ist sündc und unerc.
wa3 mag ich iu sagen mere,
Da3 noch ze Drahov si
zwene münche oder dri,
Die ouch wib erkennent ba3- 70 verdienent die irs aptes ha3,
Die werben umb sin hulde, da3 ist min rät
hie mit da3 maer' ein ende hat.
XXIV.
Dev fd)toonflere JHmtd)-
Von
dem Zwingäuer.
v d. Haft flliwlllilllmn II
Ein junger Mönch war seit dem siebenten Jahre tri einem Wald- kloster und wüste nichts von der Welt. Da las er eines Tages in einem Buche die Worte „der Minne Band," und ward von Stund an nach- denklich über ihre Bedeutung. Er schlich zu einem Knechte, der släts mit dem Abte ausritt, und befragte ihn um die Minne. Der Knecht rühmte ihm die Macht der Frau Minne und ihr wonnevolles Haus. Der Mönch wollte dahin, und auf des Knechts Rath bat er den Abt um Pferd und Knecht zu einer Reise in Angelegenheiten seiner Verwandten. Der Abt gewährte, und gab ihm auch Reisegeld. So ritt der junge Mönch, der selber zehn Pfund dazu sparte, hinweg mit dem Knechte, und dieser brachte ihn in einer Stadt zu Herberge bei einer Frau in ihren besten Jahren, deren Mann über See war. Sie bewirlhete den Gast köstlich mit Speisen und Wein, so dafs er sich diesen Minnehof auch im Kloster wünschte. Der Knecht forderte sie auf, dem Mönch auch ein Fräulein zur Minne zu verschaffen; und da sie für sechs Pfund selber dazu bereit war, löste sie ihre Pfänder ein, schmückte sich, und setzte sich zu dem Mönche: ihre strahlenden Augen, Rosenwangen, hermelinweifse Brust, zarten Finger, runden Arme und ansehnliche Gestalt behagten dem Mönche gar sehr. Der Knecht rieth ihm , alles zu thun, was sie ihn hiefse, und sie dreist anzugreifen: sie werde ihm die Minne zeigen. Bald brachte sie den Mönch zu Belle, zog ihm den Rock ab, den er anbehalten wollte, löschte das Licht, legte sich zu ihm, und drückte ihn an sich; er aber, der Minne ganz unkundig, lag wie ein Stock. Da gedachte sie im Aerger, ihn zu äffen: sie stiefs ihn mit den FüJsen, dafs er an die Wand rollte, rückte ihm nah auf den Leib, knätele ihn mit ihren Knieen und trat ihn mit Füfsen ; zuletzt gab sie ihm einen Schlag, dafs er stille lag, und sagle, das sende ihm Frau Minne. Der Mönch empfand die Minne zu schmerzlich, und regte lieb riichi. Dm Mitternacht wandle die Frau sich um, und streckte unwillkürlich die Hände nach Minne aus: sie ergriff abermals den Honen, schlug ihn derb, und sagle, das sei der andere Denkzellel der Frau Minne. DaÜelbfl th.it sie zum drillen Male gegen den Morgen, und entlieft den schlaflosen .Mönch , der nun zornig dem Knechte rief,
tun schlennigfl zu entrinnen« Der Knecht erschrak, im Wahne, der Hanswfrth sei beimgekefrt, und beide ritten eiligst querfeldein, Dbei
drei Meilen: dl Stiegen sie ab, und der Knecht (ragte den Mönch um
die Minne dlCM! wollte jedoch Qicbtl davon nilniien.
All beide wieder daheim im Klosler waren, gerietO der Mönch in
Borge negeo <ie<, Kindes welches wie er «n gehört, *on der Minne
komme, und fragte den Knecht, wer von beiden es trage. Dieser ant- wortete: der unten liege. Da fiel es ihm schwer aufs Herz, dafs er diefs gewesen , und nun durch Geburt eines Kindes seine Ehre und Pfründe verlieren werde. Wohl 12 Wochen ging er so zerschlagen und schweigend umher: da klagte ein Bauer dem Able, ein Hofmann des Klosters, der Witwensohn oben im Dorfe , habe ihm eine Kuh so ge- schlagen, dafs es ein Kalb verworfen', und der Abt entschied sogleich auf Schadenersatz. Der Mönch merkte sich diesen Handel, und bat heimlich den Witwensohn, ihn auch so zu schlagen, dafs das Kind von ihm gehe. Der Schalk, nachdem er ihn gefragt, ob der Abt oder Kellner an dem Kinde Schuld sei, und alles vernommen hatte, war bereit zu dem Dienste, für welchen er drei Pfund erhielt. Morgens früh liefs er ihn in das Gehölz heim Kloster kommen, nahm drei derbe eichene Knüttel, rog ihn aus bis auf den Bock, warf ihn nieder und zerblaute ihn der- maafsen , dafs ihm wohl sieben Kinder abgegangen wären. Beim Zer- schlügen des drillen Knüttels sprang von dem Geräusch ein Base aus dem Gebüsche : da liefs der .Mönch innehalten , und lief seinem Kindlein nach, um es einer Amme zu bringen. Als es so schnell vorauslief, pries er es, dafs es zum fürstlichen Briefbolen gut wäre, so wie seine Löffel (Ohren) einen guten Koch verkündigten. Bald aber entschwand es ihm, und er lief wehklagend und sich raufend im Walde umher. Da kam ein andrer Mönch geritten, und hielt ihn für wahnsinnig, gab ihm einen Kolben- schlag, und da jener bei seiner Bede verharrte , band er ihm die Hände, und lührte ihn so unter Streichen ins Kloster zurück. Dort vor dem Abt und allen Brüdern wiederholte der Unglückliche seine Wehklage, dafs sein Kindlein unge lauft bleute, bei dem der Prior und Kellner Gevattern sein sollten. Sic sahen seinen zerschlagenen Leib, hielten ihn für besefsen, und wollten durch den Psalter und andere Bücher und Beschwörungen den bösen Geist austreiben: es half aber nicht, und eben so wenig, dafs sie ihn mit Wcihwafscr besprengten und ihm die Stole umhängten. Da wurde er, als wahnsinnig, in den Kerker geworfen, bei Wafser und Brod, wo er noch immer Gott um sein Kind- lein bat, dafs es doch ein Christ würde. Endlich, am 15ten Tage, in der Beichte, offenbarte er Alles dem Able, wurde sogleich frei gelafsen, losgesprochen, und wieder als guler Bruder aufgenommen, in dessen Gebet der Abt sich befahl.
XXIV.
Der swanger iniin eh.
Diz ift ein fchoenes raaere gnuok, Wie ein münch ein kint truok.
Mch seit1 ia gern ets\va3,
das iu luste dester ba^.
So ich bi iu wsere:
nü haeret disiu maere, 5 Diu sint seltsaen(e) gnuok,
wie ein münch ein kint truok.
l'nde wie er e$ gewan;
da sult ir wunder prueven an. Ein kleine3 kint wart gegeben l!» m einem münch in ein reine3 leben
Im was diu werlt unbekant. wart c'5 anders wä gesamt
/.<• einem klöster in einen walt;
eg was wan sibeo jar alt; \6 Lj lernt' die schritt und wlsheit,
diu kunst wart im ilsö bereit,
I » | <•-, alle- da,5 WOl las.
da.-, vor im geschriben was.
D.|-; kint nain an der lengf /.uo. jn im i den ej an der gftB^e luo.
I!i , wart ein jnngeÜDl .
dei ipi kameren eopfienk.
54 XXIV. Wet fdjnmnöCK Jttoud).
Eines morgens nach mettin
s;i3 er vor sinem bettlin 25 Und las, wa3 er geschribcn vant:
da sach er »der Minne bant«
Geschribcn an einem bletlelin:
er dahl', \va3 C3 möhte gesin,
Oder wa3 e3 bediute, 30 da3 e3 bünde die liute.
Zehant tcl er da3 buoch hin
und leit(e) dar üf sinen sin,
Da3 im wurde bekant
welhe3 waer* der Minne bant. 35 Der münch bcgunde suchen
ze einem knehtfe] heimlichen.
Der pflak ze allen ziten
mit dem apt(e) riten;
Er düht' in vil gewaere, 40 und vrag[e]t* in, wa3 Minne waere,
Und wä man si möhte vinden,
bi alten oder bi kinden,
lud ob si het' iht grÖ3e kraft,
oder ob si bünde von meisterschall 45 Der kneht antwurt' im des:
»ir wi33et selbe niht, wes
Ir mich da habt gevraget:
ob ir skch laeget,
Vroufwe] Minne machet' iuch gesunl; 50 si bindet niht ze aller stunt,
Swem si gibt iren tröst,
der wirt von allem leide erlöst;
Ir hüs ist gezierel wol,
guoter spise und wines vol.« 55 Der münch sprach: »so wil ich dar.
e da3 werde ein halbe3 jar.a
Der kneht gab im die raete,
da3 er den apt baetc
Umb(e) kneht und umb ein pfaert; 60 sine vriunt waeren beswaert
"flott fcem 3tDtn0ttuer. o5
Mit vil swaeren Sachen:
da3 wolte er ze guote machen.
Der apt gewert in siner bet',
kneht unde pfaert an der stet', 65 Und dazuo Silbers genuok.
er was ouch selber so kluok,
Da3 er in einer kurzen stunt
gesam(ne)t het wol zehen pfunt. Als in der kneht lerte, 70 von hüs er dö kerte;
Der kneht reit alle3 vor,
der münch volgte sinem spor,
Wan er was nie mer Ü3 komen;
da3 hete der kneht wol vernomen. 75 Si kämen in ein guote stat,
der kneht herberge bat
Ze einer vrouwen, diu was balt,
weder ze junk, noch ze alt,
Ir man was über se gevarn, 80 si solt' da heim da3 hüs bewarn.
Der kneht hie3 bereiten gnuok,
der vrouwen er die malhen [zuo] truok.
Vil gern(e) si diu vrouw* enpfienk,
vil vaste si da umb(e) gienk 85 Und hete grÖ3e arbeit,
wie sin gemach wart bereit,
Heim(e)lich(e) , von dem wege,
da si des münches wol pflege.
Do bräht' man spise manikvalt, 00 beide, warm unde kalt,
Dar zuo edeln kuelen wln.
der miinch sprach: »hie mag wol sin
Der Minne[n] hof und ir gewalt;
e3 dunket mich so wol gestalt, 96 Waer* 03 in minem kloster so.
<lic rniinche waeren alle vr6.« Der kneht sprach zuo der wirtin:
K>wi55el ir ein rröowelln,
56 XXIV. "ßtx fd)u>angere JHünd).
Da3 minem herren gezeeme 100 und guot darumb(e) nseme?«
Diu vrouwe sprach: »wie stet sin leben?
mag er geleisten und gegeben
Zehen pfunt an lieber stat?« l
der kneht die vrouwen vaste bat, 5 Da3 si den miinch ze ir lie3e;
des möht' si wol genie3en.
Diu vrouwe sprach alzehant:
»ich hän versezzet miniu pfant:
Werdent diu mir gelöst, 10 so wirt der junge münch getrost,
Und ich tuon alle3, da3 ich sol.«
der kneht sprach: »so tuot ir wol;
Da3 guot habt ir beslo33en,
nu nemet unverdro33en, 15 Swie vil ir selbe wolt;
er ist iu von herzen holt,
Wan er sere nach iu tobt.«
dö wurden sehs pfunt gelobt
Unt ze hant da gezalt; 20 also der kneht die minne galt.
Diu vrouwe ervolte sin gebet.
diu besten kleider si an tet,
Zuo dem münche si gesa3,
ir munt was niht an \v0rten-la5, *25 [r ougen als der stern(e) schin .
rösen var ir wengelin,
Ir kel W13 als ein härm,
ir vinger klein, sinewel ir arm,
Si was ze guoler mä3e grÖ3 30 den münch des dinges niht verdi'63:
1 Die andre Handschrift liest hui
Sehs pfunt an dirre stal.
si wöll' in luon der minne sat.
Der kneht die Yrouwen vürba} bat,
dö si sust geredet hat.
Das s» u- 8- w-
Von tJem 3unii{jttuer. 57
Anders kund' er niht mere:
der kneht gab im die lere,
Swa3 in diu vrouwe hie3e.
da3 er des niht enlie3e; 135 Er sprach: »si sol iu zeigen
die Minne ist iuwer eigen:
Nu grifet si vrilichen an,
wan ich si wol verlönet hän.«
Der münch wart der maere vrö. 40 er sprach: »ich wil e3 vuegen so,
Da3 diu Minne mit mir vert
und dem apte vröude mert,
Dar zuo der samenunge,
alt' unde junge.« 4-5 Der töre wänt(e) des vürwär,
der apt und der münche schar
Waeren sunder minne erzogen:
da was er sere an betrogen. Ze hant diu wirtinne kwam, 50 den münch si bi der hant nam;
Eijä, wie schiere er wart braht.
da si hin het gedäht!
Da stuont ein bette wol bereit,
da wart der münch üf geleit. * 55 Sinen rok behielt er an.
dö sprach diu vrouwe wol getan:
»\v sit in iuwerm klöster niht,
tuot ab den rok.a dö lasch da3 Lieht.
Niht lenger si dö heile. 60 ze dem münche si sich leite.
Der töre lag, als ein stok ;
diu vrouwe zöch im ab den rok,
1 in it. i andei n Himdttfu i / 1 laute» 'iicti- 4 Zeiten
i);i was oucii bereit
"in bell e irol bekleit
DI iran dei mfineta in cel< il
riiil tllei siha'iilM'il
.58 XXIV. jDer fcbuattgere Jttimtt).
Hin näher si ze im rukte.
sere si in zuo ir drukte; 165 Si hete gerne gesehen,
da3 ir ein guot waer' gesehen. l
Er lak stille, als ein ron,
wanne ern' weste niht davon.
Wa3 er da solde triben; 70 er was vor allen wiben
Von kintheit sicher gewesen;
er künde singen unde lesen
Vil ba3, denne minnen.
diu vrouwe in irn sinnen 75 Mit liste des gedähte,
wie si in ze tören mähte,
Wan si des muo3 ligens verdrÖ3 :
si gab dem münch einen stÖ3
Mit den vue3en alzehant, 80 da3 er wielz an die want;
Der vrouwen was ze dem münehe gäclu
vil vaste si im rukte nach .
Mit iren knien si in knat,
mit iren vue3en si in trat; 85 An rükke und an herzen
begund' e3 in sere smerzen.
Als er verbrant waere;
er däht' im vil unmaere
Alliu wip ze minnen; 90 vil gern wolt' er entrinnen;
Da3 er die minne het' erkorn,
des het' er wol gesworn.
Im gab diu vrouw* einen slak,
da3 er (aber) stille lak, 95 Si sprach: »nü liget, ir boes(e)wiht,
iu geschiht an dem Übe niht,
Ua3 hat iu vrouw(c) Minne gesant,
nach der ir vart in diu laut.«
1 Eb<l. fehlen dtese 6 Zmlen.
Von fcem ^nungäutfr. 59
Des slahens wart du wol geswigen. 200 der münch beleip da stille liger Do e.5 mittiu naht wart,
diu vrouwe tet nach ir art.
Si begund' sich umbe wenden.
113 warf si die hende 5 Nach minne, so diu natüre tuot.
so si ze schänden hat den muot.
Den münch si aber an gewant.
mit grÖ3en siegen al zehant
Kürzet' si im die wile. 10 er waer* über hundert mile
Gewesen lieber, danne da;
in düht', im wsere diu Minne ze na.
Owe , wie wenik er da slief !
si sprach: »da3 ist der ander briet. 15 Den iu vrou Minne hat gegeben:
nü mugt ir wol mit vröuden leben.«
Er sweik vil stille, und gedäht(e) doch:
»waer> ich in minem klöster noch,
Und sa33[e] vrou Minne vor dem tör. 20 ich enkoem' nimmer dar vor.a
Dar nach ein wenik vor dem lag(e)
huop sich der vrouwen dritte klag(^),
Da.5 si von im versümct was;
eine[nj lezzen si im dö las 25 Mit siegen, da3 was diu dritte not.
do sach si den morgen rot.
( 'rloup <:;il> si dem münche d<>.
des was er von herzen vrö,
Ungesegenl <t von danne lief; JO dem kneht er do mit zorne riei .
Da3 ef <lin pl.f.'ii brffihte na,
er wolt' niht lenger beltben da.
Der kneht erschrak der maere,
er w.irii'. [das] ^(:r w'rl kotnen wa;r< 35 In w;i> beiden vil gach,
dei müm h ruor dem kneble nach
60 XXIV. ßtx fd)ioantjere Mond),
Si riten ba3, den enzcll. alle3 tw erlies über velt Mer den guoter mile dri; 240 ir 'tweder was da sorgen vri, B13 ze einer gruencn heide; da erbei,3ten si beide.
Der kneht sach den herren an, er düht' in missevar getan.
45 Bleich gar an den wangen,
er vrägt' , wie e$ im [waer'] ergangen (Waere) mit der Minne. l der münch sprach mit sinne: »Ob e3 mir ist ergangen wol,
50 da von ich mich niht ruemen sol ; Wen ruemen da3 ist Got(e) leit, des sag' ich dir die wärheit.« Der kneht wägt' in niht mere. der münch ilte sere
55 Heim ze sinem klöster wider; zuo dem knehte sprach er sider: »Ich hän vil dikke (wol) vernomen, da3 davon kint sint komen, Wä zwei bi einander sin:
60 nü sag' mir, üf die triuwe din, Wer sol da3 kint tragen?« — »da5 wil ich rchte sagen:« 2 Sprach der kneht, »der under lit.« — »owe der jämmerlichen zit!«
65 Gedäht' der münch alzehaht, alrest wart im leit erkant;
; hi. \.< Retinpaai fehlt der andern Handschrift. ■ Dient lieimpuar vermehrt die andre Handschrift.
Wedrc3 (reit daj kindelin? < >'da3 sog' ich üf die triuwe min.« Sprach der kneht dö ilisi'in ding ist also. Weders under lit.
Von fcem 3nungäu*r. 61
Er gedäht': »owe. wes sol ich pflegen?
nü bin ich armer under gelegen,
Nu wirt ein kint von mir geborn; 270 so hab' ich min ere gar verlorn;
Darzuo verliuse ich min pfruend(e) gar,
ob sin der apt wirt gewar,
Und die münche gemeine
werdent mich von in scheiden; * 75 So waer' mir lieber der tot,
e ich lide iren spot.« Darnach wol zwelf wochen
dö gienk der münch sochen;
So hete si in zestÖ3en. 80 in vrägeten sin genesen
Wie er weere so gar dürre,
und ouch, wa3 im würre.
Er woir e.5 keinem verjehen,
\va.5 im von [der] Minne waer* gesehen ; 85 Wan er wol hete gesworn,
e,5 wurde ein kint von im geborn. Darnach an einem tag(e)
kom dem apt ein grÖ3iu klag(e)
Von einem sinem hofman; 90 da,5 hört' der tragent münch an;
Der man sprach: »ich muo3 iu klagen,
der witwen sun hat mir geslagen
Dort oben in dem dorfe,
ein riiit. da3 e3 hat verworfen 95 Ein vil schoßne3 kelbelin.« —
»ich wil guot rihter stn,a
Sprach der apt ze dem hofman,
»er ist mir so under tan.
Da£ ich in wol betwinge, 300 und er mit dir dinge,
Und vergilt dir diu Kalp wol ,
als er'3 cc rcht <■ gelten so!.«
l Li ii- i nud-in llanJithitft I
die icbönent min kleine
62 XXIV. Wet fdjumnjjere Mona).
Der tragent münch het wol gehört vil eben des hove mannes wort; 305 Nach der witwen sun er sant(e) wan er in wol erkant(e) , Da3 er heimlich zuo im kwaeme und sin wort vernaeme. Der witwen sun in da3 klöster gienk;
10 der münch in lieplichen enpfienk,
Und vuort' in heimlich) enj an sin gemach; nü hcer(e)t, wie der münch sprach: »Ich hurt' hiut' über dich klagen, da3 du ein rint betest gesiagen,
15 Da3 C3 ein kalp verwürfe:
mich dünkt, wie ich ouch wol bedürfe Sulher siege von diner haut; wan mir ist leider wol bekant, Da3 ich (ein) lebende3 kint trage;
20 nü vürht' ich, ob ich'3 ie man sage, Da3 ich (gar) werd(e) geschant.« der witwen sun sprach sä ze hant : f »We , wä von ist iu komen da3 ? nü dunket mich der prior ze 133,
25 So ist der apt gar ze alt:
wer hat da3 wunder an iu gestalt?
Hat e3 der keiner getan,
so ist er ein vrevellicher man.«
Der münch sprach: »waerlich, nein er,
30 der münch(e) ist keiner Schuldig an minem übe: ich trag' C3 von einem wibe, Mit der han ich minne getriben, da3 mir da3 kint ist beliben.«
' Die folgenden 4 Zeilen erweitert die andre Handschrift •
Wä von ist da3 bekomen ,
da3 iu ein kint ist zuo benomen?
Nü dunkel mich der priol la3,
so mag der apt borvil ba3;
Wer hat diz wunder an iu gestalt?
was er jung oder alt ?
Von fc*m Jtamtgäuer. 63
335 Do sprach aber der witweo sun :
»herre, ich wil gerne tuon
Alles, da3 iu liep ist:
idoch wenik liute genist,
Die ir Lint (niht) mugen getragen 40 volle zit ze iren tagen.«
Der münch sprach : »ich wil e$ wägen ,
nü IÄ5 dich's niht betragen:
Slach mich sere, des ist mir not, - niht gedenke an minen tot; 45 Ich vergib' liuterlichen dir,
swa3 du Sünden begest an mir.
Da3 ich des slahens gewis si,
ich gib' dir guoter pfunde dri.«
Der witwen sun was des gemeit, 50 niht lenger er dö beit', ■
[Er sprach:] »da3 holz da3 bi dem klöster IU,
Darin kumt morgen ze primezit,
So wil ich iu helfen, ob ich mak,
e da3 werde mitter tak.« 55 [Der münch sprach:] »ich wil volgen dinem rät,2
kum ouch du niht ze spät.«
Der witwen sun was ein schalk,
er macht(e) üf des münches balk
Dri knütel eichin, 60 die bräht' er mit im darin.
Der münch was vruo komen dar;
du er des knehtes wart gewar,
Er gab im driu pfunt unde sprach :
»unverdro33en(lichen) slach, 3
• In der andern Handichrifl :
Da3 im der raüncli also seil'.
- Ihr andre Handtchrift lieft.
DeK niurnli sprach: ich volg' dir dräl < ' Hirt* 4 Zeilen lauten in dar andern Handtchi if't
M et im knehfei irarl ^"w.ir
do gafc et nn aas *-ii h«-r dar ,
i.r jawaafc: »wnbedrossenltcben ilach.
da} nieinl' BT, do er die knijli-l fach
64 XXIV. 23er fd)roati(jere Jttcind).
365 Du solt min niht schonen,
ich wil dir('3iioch) ba3 Ionen. «
Darzuo sprach der witwen sun:
)>ir sult ab iu die kappen tuon.«
Da3 was vil schiere getan, 70 im beleip niht dan ein rok an ;
Er warf in nider, als ein rint,
und sluog in, [und] wseren siben kint
In sinem libe gewesen,
ir waer(e) keine3 genesen; 75 Alle sine knochen
wurden im zebrochen l
Und(er) mangen herten slak.
da bi in einer (vurhen) lak
[Lag] mit vorhten ein junger hase, 80 der was bedekket mit dem grase,
Der torste sich niht geregen
vor den engestlichen siegen:
Do der dritte knütel brach,
der münch den hasen loufensach, 85 Er sprach: »lä die siege sin,
ich wil [loufen] nach dem kinde min.
Owe, möht' ich e3 gevän,
ich wold' e3 einer ammen lan,
Da3 si e3 ernerte.« 90 der hase gegen walde kerte;
Der münch sach im alle3 nach,
vil jaemerlichen er dö sprach:
»Owe, min vil liebe3 kint,
wie snel dir diu bein sint! 95 Da3 muo3 ich immer klagen;
du soldest [eines] vürsten brief tragen,
Wan in einer kurzen wil'
liefest du manik mir,
1 Dieses Reimpaar fehlt in der andern Handschrift , die <**tch für die beiden folgenden nur liest :
Mit vorhlen was ein kleiner has' verborgen in dem gras.
■ t> Dil $fcm J>iöin{jauer. 65
Oder soldest worden sin ein koch, 100 wan du treist die löffel noch
Bereit, als ein ander man.
der wol z'e33en machen kau.« Nu pruevet an dem tören:
er meint' des hasen ören, o Diu er üf gerekket sach.
gegen walde wart dem münche gacfa ,
Er wolt' da3 leit niht lenger doln ,
er wolt(e) sin kint wider holn,
Er lief, als ein tobender hunt, 10 sin herze sluog er tüsentstunt,
Sin hende er jaemerlichen want;
sin kint er do(ch) niht envant;
Von leide rouft' er Ü3 sin här. Des wart ein alter münch gewar. 15 Der kam [von] unwi33en(d') dar geriten.
er sprach: »wa3 mein(e)t ir hiemiten?
Oder wes ist diu schulde,
da3 ir hapt so grÖ3' undulde?
Oder meint 03 unsers herren zorn?« ' 20 er sprach: amin kint hab' ich verlorn.
Da3 ich selbe hab' getragen;
d;«3 muo3 ich von schulden klagen. <
Der ritende münch mit zorne spracht
»Got veig wol, da3 ich nie gesach ■2.i Münch kint mer getragen;
ich wil e3 dem apt(e) sagen.
Dar zuo der samenunge.«
des antwurt' im der junge: ;
' In du andern Hr:nd$chrift
Weder meinet *j UQgiB oder zorn I ilieiet Reimpaar lieit die andre Handichnft
Des .intwnrt' in der jung«
| nur rin geldkgC , Daj nur min kint Vttrdfl
sA \\;i\ ich Inf bürde.
t ' d Hmf" f'ifunmx l.»nl#n#r II
06 W1V. U*er fdjuiattgere Jttönri).
»Ich enruechtc, wer 05 wesle. 430 der bopsest' oder der beste,
Het' ich wan min killt wider,
hie lit min vröude gar dernidcr.«1
Er gab im einen kolben slak,
da,5 er vor im nider lak. 35 [Er sprach:] »ir sit unsinnik worden
und schendet uns den orden
Und alle die da inne sint.«
er sprach: »hef ich min kint
Noch z' ei(nemymäl gesehen, 40 ichn' mochte, wflfl mir [noch] möht' gesehen.«
»In nomine!« sprach der aide
»da3 ir in disem walde
Eid kint woldet vinden.«
er begunde im serc binden \o Die hende. als einem diebe;
er sprach: »sint iu so liebe
Ist ze vremden kinden,
ir sült e3 wol ervinden.
Wie mir dar umbe ist ze muote.« 50 vil lüzzel er dö ruote,
Er sluog in mit der kiule
vil manik grÖ3e biulc.
Was der alte münch gereit,
der junge alles neben im schreit, 55 Gebunden an ei[ne]m strikke;
vil hei3(e) weint' er dikke,
Sin[e]s kindes er gedäht(e).
do er in in das kloster bräht(e).
Die münchc namen sin al[le] war. (>0 unt kamen mit der menige dar. Do in der apt an gesach,
vil lougenlichen er do sprach :
1 I. nuttt rlxndasellisl i
Hcl' ich nü min kint.«
er sprach: »dri liuvcl in iu sini.
tJon fccm 3toin0ttUfr. 67
»Sag' an, liebe, wie ist dir gesehen ?«
er sprach: »hef ir min kint gesehen. 465 E3 muest iu wol behagen;
ich kan iu niht mer gesagen.
Wan, möht' ich e^ erloufen,
ich wolt' e3 läsen toufen,
Und wold' iueh ze gevatern biten. 70 und den prior dämiten.
Dazuo den kelnaere.«
den münchen disiu maere
Wunderlich(e) dühten;
den rok si im üf lühten. 75 Do si die siege sähen.
mit alle si da jähen.
Da3 er waere behaft
von der boesen geist(e) kraft.
Der apt hie3 dö suochen
SO den salter mit andern buochen,
l nd hie3 beswern den boesen geist
mit aller siner volleist,
Da3 der münch erlöst würde
von siner swaeren bürde. Ko Des aples gebot si [dö] täten.
über den münch si [dö] träten .
Guote segen si [dö] läsen.
der münch begunde rasen.
In disem grÖ3en leide W) [sprach der münch:] »min kint ist noch beiden); l
Mit' f'5 cnpfangen die Kristenheit.
so waer' zergangen min leit«
f)cr apt sprach: »nti, hoereJ .
wie uns der tiuvel teeret! K Siniu wort sint [so] spaehe,
da3 bannen ist im smaehe.
Kr k.in b<M€r liste genuok.«
den wih branoen man dar truok .
1 h.'.rn all 'rlhtl
C)S XXIV. Hier fdjtuttuflm JWouft).
Und begund' in mit sprengen. 500 mit der stol' umb hengen.
Swa3 si im taten,
si dröten oder bäten,
Da3 was alle3 ein wint;
er sprach: »het' ich min liebe3 kint. 5 Da3 ich wol zwelf wochen truok,
su het' ich aller vröuden genuok.« Do wart den münchen allen zorn ,
si heten alle des gesworn,
Da3 er unsinnik waere. 10 in einen karkaere
Sazten si in mit grimme.
da was der arme inne l
Vierzehen tag* unde naht,
da3 im e33ens niht wart bräht, 15 Wan itel wa33er unde bröt.
ze allen ziten bat er Got,
Da3 er sin kint dar sante,
da3 e3 Kristen nara(en) erkante.
An dem vunf zehenden tage
20 der münch begunde dem apt sagen
In siner bihte rehte
von der minne und von dem knehte
Und von der vrouwen , diu in da sluok ,
von der er da3 kint truok, 25 Und wie er under ir lak,
dö si der minne mit im pflak,
Und sagt' von ende, wie C3 geschach.
dö sprach der apt: »din ungemach
Sol hiute (hie ein) ende nemen; 30 du darft dich nimmer(me) Schemen
Vor mir, noch vor dem prlöre,
du solt gen ze köre,
1 Kbtndaielb§t i
Slii33Cn si in dö.
des was der arm' unvrö.
DA was er vierzehen naht.
Von ticm JNiiitgäuti. 69
k t
l'nt soll singen unde lesen, unde solt ein guot kint wesen. 535 Als du gewonheit vor tet;
und hab' mich in dinera gebet! Din sünde sint dir vergeben: nü wirb umb da3 ewige leben.« 1 Hie endet sich diz maere: 40 da3 macht' der Zwinge(u)wsere, Und hat geseit des münches not. nü biten wir den selben Got, Da3 er uns an dem jüngsten tag(e) sin himel rlch(e) niht versag(e).
1 Di f im Schlau hat allein die andre Bandtvhrift
XXV.
jPte HadjtijjaU.
oHan sagt, in einem Gau safs ein Ritler auf einem hoben festen Hause, der hatte reiches Gut und eine Tochter, sein einziges Kind und weit und breit das schönste Fräulein. Da safs in der Nachbarschaft ein andrer reicher Ritter, der hatte einen schönen Sohn , auch sein einziges Kind, den er sorgfältig erzog, bis er seinen Sinn auf Minne richtete. Die beiden Jungen waren zwanzig Jahre alt, und der Jüngling warb mit stätiger Liebe um die Gunst der Schönen, die ihn auch lieber hatte, als alles Silber und Gold. Sie war aber in ihrem Hause so versperrt, dafs beide nicht zu einander kommen konnten.
Vor dem Hause lag ein fest eingehegter Garten, unter dessen Bäumen und Blumen die Luft befser und süfser war als anderswo, und in welchen ein enges Thürlein aus dem Hause führte. Drinnen stand ein hohes laubiges Sommerhaus, in welchem gespeiset wurde. Nun sandte das Fräulein ihrem Geliebten einen Boten, dafs er Nachts heim- lich in den Baumgarten käme, wo sie ihn erwarte. Er sagte mit Freu- den zu, und sie legte sich zu Bette und klagte sehr über Weh am Haupte, Herzen und allenthalben. Der Vater rieth zu einer guten Salbe, die Tochter wüste aber ein befseres Mittel: wenn sie die Nacht auf der Laube schliefe , wo die Luft so gewürzig sei , und ihr vielleicht auch ein Vöglein so nahe käme, dafs sie es fienge und sich erfreue. Die Muller liefs sogleich ein frisches Bette auf der Laube bereiten, und dem Gesinde wurde alles Geräusch verboten , um das liebe Kind nicht zu wecken , die sich beim Schlafengehen noch ein Glas gulen Weins vor das Bette stellen liefs. Die Mutter sperrte die 'Ihüre zu, und liefs das Töchlerlein allein. In der Nacht schlich der Jungherr herbei , slic^ an einem Schaft in den Garten . und kam in das Luslhaus zu der Jungfrau, die ihn lieblich empfing, und mit ihm bald im süfsen Minne- spiel nicht auf den Vogelgesang achtele, so dafs der Morgen der zu kurzen Nacht sie noch darin fand. Sie verschliefen dann aber beide du- Zeit, so dafs die Sonne sie übersclnen
MC .Mutier war besorgt darüber, und der Vater sland auf. ging bin und sah durch ein kleines Fenster in dai Gemach des Töchterleini da lagen die Geliebten, ohne Gewand und Decke, die hinabgesunken vwir
inmn' in einander gesehrniegl. Der \aler ging leise zurück , und rei
kundeie der Müller« wie das l o< iblerlein wirklich einen Vogel gefangen und ihn lest beim Kragen balle. Die Mutter nahm et ffir Spott; dei
Vater beschrieb ihr aber die Pracht des Tbieres; und lie, das Vöglei r beklagend, Iral selber an «las PenSterietn Bjej dem Anblicke ichlog lil
die Hände zusammen Eerraufte lieh, und erhob ein Wehgesebrei
Davon erwachte der Jüngling, erschrak, und wehklagte, dafs der helle Sonnenschein sie beide überrascht habe. Da trat der Vater zur Thüre herein, und freute sich, dafs die Tochter das Vöglein gefangen habe und genesen sei, rieth ihr aber es nicht entrinnen zu lafsen. Der Jüng- ling bat um sein Leben, und der Vater versicherte es ihm, wenn er die Geminneie zum Weibe nehme. Er war gerne bereit dazu, und von beiden Aeltern wurden die Gelieben einander zur Ehe gegeben , und reichlich ausgestattet, so dafs sie in Freuden und Ehren lebten.
XXV.
Diu nahtigal.
Swa3 ein iegelich hübisch man
aventiure \vei3 oder kan.
Von gemellichen dingen ,
die sol er vür bringen; ö Wan gevellet e$ einem niht,
ist e3 seltsaene geschiht,
So behaget si dem andern wol ;
da von man des niht heln sol.
Da Von kan ich niht geladen da.3, 10 ich muo3 iu sagen ctwa3;
Man saget, e3 waer* gese33en
ein rilter, wol verme33en,
l f einem göuw(e) hie vor,
der het ein hus, da3 stuont eriboi . 15 L)a3 was erbüwen veste,
darinne was kein gebreslc.
1 1 was des guotes ein richer man .
und hete ein tohter wol getan,
Und hete ouch niht mer kinde. 20 all ich (-3 hfe bovindc.
Schon' und wol gestatl wai If llp
daj man weder magt, noch \\i|»
In der gegene, noch über laut. choonea niergenl bHi( envant,
76 XXV. Wit Dtad)ttflaU.
25 Und was däbi gese33en ein ritter, gar verme33en. Des guotes ouch gar riche . der sa3 gar weideliche ; Einen schoenen sun hete der,
30 unde ouch kindes niht mer,
Den zöch er [schön bi3] an die stunde da3 der sun trahten begunde Und war ze nemene umb ein wip; er hete einen schoenen lip,