WILHELM 1. EREIGNISSE UND
GESTALTEN 1878-1918
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Siosela Co, G M. b. H, Leipzig. Hofphet. J. 4 Volgt, Bad Homburg v..
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Kaiſer Wilhelm II.
Ereigniſſe und Geſtalten aus den Jahren 1878 1918
1922
Verlag von K. F. Koehler in Leipzig und Berlin
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Gedächtnis der Kaiſerin, deren Anregung dieſe Aufzeichnungen
ihre Entſtehung verdanken
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II.
III.
Inhalts verzeichnis
Bismarck ee Mein inneres Verhältnis zu Bismarck 35.
Als Prinz Wilhelm im Auswärtigen Amt 6/7 — Bismarcks Stellung zur Kolonial- und Flottenfrage 7/8 — Seine äußere Politik, der Berliner Kongreß 8/10 — Meine Miffionen nach Petersburg und Breſt, Bismarcks Politik gegenüber Rußland 11/15 — Zar Alexander III. über Bismarck 15/16 — Während der 99 Tage 17/18.
Regierungsübernahme 19/21 — Erſte Antrittsreiſe nach Peters⸗ burg trotz Einſpruch der Königin von England 21/23 — Meine Stellung zu den Parteien 23/27.
Meine ſoziale Fürſorge und die Trennung von Bis— marck. Mein Intereſſe für die wirtſchaftliche Entwicklung 27/8 — Meine Minifter ganz in Bismarcks Hand 28/9 — Der Bergarbeiterſtreik veranlaßt zur Prüfung der Arbeiter frage 29/30 — Bismarcks Gegenſatz zu meiner Stellung zur fozialen Frage 31/3 — Die Arbeiterſchutz-Geſetzgebung 33/6 — Soziale Ge— ſichtspunkte auch im Kleinen 36/7 — Mein erfter Lorbeer von den Arbeitern des Stettiner „Vulkan“ 37/9.
Caprivi h
Caprivi als Chef der Admiralität 4374 — Er Berling als Reichskanzler 44/5 — Die Fronde 45/6 — Die Erwerbung Helgolands 46/7.
Hohenlohe 8
Hohenlohes Berufung un Berfönlicheit 1/2 — Die euſſiſch⸗ franzöſiſche Verbrüderung ſchafft eine geſpannte Lage 52/4 — Die Beſetzung Kiautſchou's unter Rußlands Zuſtimmung 54/8 — Verhandlungen mit England über Kohlenſtationen 58/60 — Das Gentleman's agreement 60/3 — Das Auswärtige Amt 63/5 — Die Bedeutung Tſingtau's 65/6 — Die, Gelbe Gefahr“
Sei —3 41-4 49-7
66/7 — Japan und der Weltkrieg 67/8 — Shimonoſeki 68 — Die Krügerdepefhe 68/71 — Ein ruſſiſch-franzöſiſches Angebot gegen England 71/2 — Cecil Rhodes 72/4 — Reife nach England (1899) 74/6 — Ausſöhnung mit Bismarck 76 — Hohenlohes Rücktritt 76/7.
IV. Bülow
V. Bethmann Meine Beziehungen zu Ba 105% — Die abe
VI.
VII.
Der erſte „junge Kanzler 81½ - — Verhalten gegen Bg
83 - Herr von Holftein 83/6 — Bei dem Tode der Königin Victoria in London 86/8 — Chamberlain's Bündnis— angebot gegen Rußland 88/9 — Die Tangerfahrt und ihre Folgen 90/2 — Verſuch eines Rapprochements mit Frankreich 92/3 — Bülow bringt den „Block“ zuſtande, mein Verhältnis zu den Konſervativen 93/5 — Die Unterredung zwiſchen Eduard VII. und Bülow 96/7 — Mein Beſuch in England (1907) 97/8 — Das „Interview“ und feine Folgen 98/ö101.
politiſche Lage bei feiner Berufung 106/7 — Eduards VII. Beſuch in Berlin 107 — Meine Reife nach London zu feiner Beiſetzung 108/10 — Charakteriſtik Bethmanns 111/3 — Die Reform des preußtſchen Wahlrechts 113/6 — Das verfaſſungsmäßige Verhältnis des deutſchen Kaiſers zum Reichskanzler 116/8 — Beſuch des Zaren 118 — Zur Ent— hüllung des Standbildes der Königin Victoria in London 119/20 — Die Marokkofrage und Agadir 121/2 — Lord Haldane's Neutralitätsangebot und die Kämpfe um die Flottennovelle (1912) 122/33 — Lord Haldane's Berliner Aufenthalt (1906) 133/4 — Die albaniſche Fürſtenwahl und Prinz Wied 134/9 — Letzte Zuſammenkunft mit dem Zaren 139/40.
Meine Mitarbeiter 5 dem Gebiet der Ver—
waltung e Stephan 143/5 — Miquel 145/6 — Der Ausbau des Eiſenbahn⸗
netzes und die Kanalbauten: Thielen, Budde, Breitenbach 146/51 — Das Kultusminiſterium, Erziehungs und Schul— reform 151/5 — Die Juſtiz 155/6 — Sinanzminifter Scholz 156 — Land- und Forſtwirtſchaft, Schorlemer und Podbielski 157/60 — Möller 160.
Wiſſenſchaft und Kunſt ... Die Techniſchen Hochſchulen und Slaby 163/4 — Die Kaser
Seite
79-102
103-140
141-160
161-171
Wilhelm-Geſellſchaft 164/5 — Harnack und Erich Schmidt 165 — Schiemann 165 // — Bauten 167/8 — Die Deutſche Orientgeſellſchaft, die Aſſyriologie und Prof. Delitzſch 168/9 — Archäologiſche Funde und Studien mit Dörpfeld auf Korfu 169/71.
VIII. Mein Verhältnis zur Kirche 8
Nach dem Kulturkampfe 175 — Mein Verhältnis zum Neher Epiſkopat 175/6 — Beſuche bei Papſt Leo XIII. 176 /8 — Der Zuſammenſchluß der evangeliſchen Kirchen 179 — Gegen Dogmatismus und Orthodoxie: Dryander und Hinzpeter 179/81 — Die Dormition 181 — Bei den Benediktinern in Maria Laach und Mte. Caſſino 181/2 — Mein Brief an Admiral Hollmann 183/86.
ode und Flotte
Meine Armee 189/92 — Admiral Hellmann 193 — Tupig: der Widerſtand gegen den Ausbau der Flotte wird über— wunden 193% — Zweck und Weſen des Flottengeſetzes 195/6 — Unbeabſichtigte engliſche Hilfe zu feiner Annahme 1960/8 — Das neue Reglement 199/200 — Ausbau Helgo— lands und des Kaiſer Wilhelm-Kanals 200 / 1 — Dread—⸗ noughts 202/3 — U⸗-bootbau 203/4 — Tirpitz 204/5.
X. Kriegsausbruch 11%
Rückkehr von der nur gezwungen gert tenen Nordlandreife 209/10 — Keine Kriegs vorbereitungen. Der Kanzler und Auswärtiges Amt glauben nicht an den Krieg 210/2 — Zeugniſſe für die Kriegsvorbereitung der Feinde 212/90 — Die Großorient-Loge als Kriegshetzer 219/20 — Helden= mut und ⸗kraft im Kriege 220/1 — Deutſcher Schutz der Kunſtdenkmäler und des Privatbeſitzes in Frankreich 221/2.
XI. Der Papſt und der Frieden. > Unterredung mit dem Nuntius Pacelli über das "Eintreten und die Vermittlung des Papſtes für den Frieden.
XII. Kriegsende und Abdankung. 5
Die Lage nach dem 8. Auguſt und Ende S 1918: 233/6 — Meine Rückkehr zur Front 236/8 — Verſuche der Regierung, mich zur Abdankung zu bewegen 239/40 — Die Regierung des Prinzen Max läßt ſich der Revolution ent— gegentreiben 241 — Der 9. November 42/4 — Prinz Max von Baden 244 — Mein Entſchluß, ins Ausland zu gehen 245/6.
Seite
173-186
187-205
223-230
231-246
Seite
XIII. Der feindliche und der neutrale Gerichtshof 247-258
Warum ih mich einem Gerichtshof nicht ſtellen durfte 249/51 — Nur eine unparteiifche internationale Inſtanz könnte ein gerechtes Urteil fällen 250/1 — Brief des Feldmarſchalls
v. Hindenburg an mich 252/73 — Meine Antwort an Hindenburg 254/8. XIV. Die Schuldfrage . 259-284 Was England, Frankreich und Rußland gegen Deutſchland 9
zuſammenführte 261/4 — Die Ziele Deutſchlands konnten nur ohne einen Krieg, die Ziele der Entente nur durch einen Krieg erreicht werden 265 — Wir haben England, Frank— reich und Rußland gegenüber entſprechend unſerer Friedens— politik gehandelt 265/70 — Die Haltung Amerikas 270/1 — Wilſons 14 Punkte und feine Forderung meines Rücktritts 27/4 — Deutſchlands offenbarer Friedenswille 274/6 — Ein franzöſiſches Zeugnis für Frankreichs Kriegswillen 276/8 — Deutſchland hat politiſche Fehler gemacht, aber Fehler find keine Schuld 278/80 — Meine Friedensliebe 280 — Der Irrglaube an Deutſchlands Schuld durch die engliſche Propaganda gezüchtet 281/2 — Der auf die Schuld Deutſch— lands gegründete Verſailler Vertrag ein Fehlſpruch und undurchführbar 282/4.
XV. Der Umſturz und Deutſchlands Zukunft . 285-290
Mein Schickſal 287/85 — Die Katferin 288 — Die Schuld am Umſturz 288/ — Mein Glaube an Deutſchlands Zu— kunft 289/90.
Anmerkungen und Negiſ tte Raean
Bismarck
1 Kaiſer Wilhelm IL,
FIR
ey ſtaatsmänniſche Größe des Fürften Bismarck und feine un- vergänglichen Verdienſte um Preußen und Deutſchland find hiſtoriſche Tatſachen von ſo gewaltiger Bedeutung, daß es wohl in keinem politiſchen Lager einen Menſchen gibt, der es wagen könnte, ſie anzuzweifeln. Deshalb ſchon iſt es eine törichte Legende, daß ich die Größe Bismarcks nicht anerkannt hätte. Das Gegenteil iſt richtig. Ich verehrte und vergötterte ihn. Das konnte nicht anders ſein. Man bedenke, mit welcher Generation ich groß geworden bin. Es war die Generation der Bismarckverehrer. Er war der Schöpfer des deutſchen Reiches, der Paladin meines Großvaters, wir alle hielten ihn für den größten Staatsmann ſeiner Zeit und waren ſtolz darauf, daß er ein Deutſcher war. Bismarck war der Götze in meinem Tempel, den ich anbetete. Aber Monarchen ſind eben auch Menſchen aus Fleiſch und Blut, deshalb ſind auch ſie den Wirkungen ausgeſetzt, die ſich aus den Handlungen Anderer ergeben. So wird man wohl menſchlich verſtehen können, daß Fürſt Bismarck durch ſeinen Kampf gegen mich mit wuchtigen Schlägen ſelbſt den Götzen zertrümmert hat, von dem ich vorher ſprach. Meine Verehrung für den großen Staatsmann Bismarck iſt davon unberührt geblieben.
Als ich noch Prinz von Preußen war, habe ich oft gedacht: Hoffentlich lebt der große Kanzler noch recht lange, denn ich wäre geborgen, wenn ich mit ihm zuſammen regieren könnte. Meine Ver⸗
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ehrung für den großen Staatsmann konnte mich indeſſen nicht ver— anlaſſen, als ich Kaiſer geworden war, politiſche Pläne oder Hand— lungen des Fürſten, die ich für Fehler hielt, mir zu eigen zu machen. Schon der Berliner Kongreß 1878 war meines Erachtens ein Fehler, ebenſo der Kulturkampf. Außerdem war die Reichsver— faſſung auf Bismarcks ungewöhnliche Maße zugeſchnitten, die großen Küraſſierſtiefel paßten nicht ſedem andern. Dann kam die Arbeiter— ſchutzgeſetzgebung. Ich habe den daraus zwiſchen uns entſtandenen Konflikt aufs tiefſte bedauert, aber ich mußte damals den Weg des Ausgleichs gehen, der überhaupt in der inneren wie in der äußeren Politik mein Weg geweſen iſt. Deshalb konnte ich den offenen Kampf gegen die Sozialdemokratie, den der Fürſt wollte, nicht führen. Dieſe Differenz über politiſche Maß— nahmen kann aber meine Bewunderung der ſtaatsmänniſchen Größe Bismarcks nicht ſchmälern. Er bleibt der Schöpfer des Deutſchen Reiches, mehr braucht wahrlich ein Mann ſeinem Lande nicht ge— leiſtet zu haben.
Weil mir die große Tat der Reichseinigung immer vor Augen ſtand, habe ich mich durch Hetzereien, die damals an der Tages— ordnung waren, nicht beeinfluſſen laſſen. Auch daß man Bismarck als den Hausmeier der Hohenzollern bezeichnete, hat mein Vertrauen zum Fürſten nicht erſchüttern können, obwohl er an eine politiſche Tradition ſeines Hauſes vielleicht gedacht hat. Er war z. B. un— glücklich darüber, daß ſein Sohn Bill kein Intereſſe für Politik hatte, und wollte ſeine Macht auf Herbert überleiten.
Meine Tragik im Falle Bismarck liegt darin, daß ich der Nach— folger meines Großvaters wurde, alſo gewiſſermaßen eine Generation überſprang. Das iſt ſchwer. Man hat immer mit alten verdienten Männern zu tun, die mehr in der Vergangenheit als in der Gegen— wart leben und in die Zukunft nicht hineinwachſen können. Wenn der Enkel auf den Großvater folgt und einen von ihm verehrten,
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aber alten Staatsmann von der Größe Bismarcks vorfindet, fo ift das nicht ein Glück, wie es ſcheinen könnte und wie ich gedacht hatte. Bismarck ſelbſt deutet das in ſeinem dritten Bande (S. 40) an, als er im Kapitel über Bötticher von der greiſenhaften Vorſicht des Kanzlers und dem jugendlichen Kaiſer ſpricht. Und der Fürſt hat, als Ballin ihn einen Blick auf den neuen Hamburger Hafen werfen ließ, ſelbſt empfunden, daß eine neue Zeit herangebrochen war, die er nicht mehr völlig verſtand, der Fürſt ſagte damals ſtaunend: „Eine andere Welt, eine neue Welt!“ In ähnlicher Weiſe zeigte ſich dieſe Erſcheinung bei dem Beſuche des Admirals v. Tirpitz in Friedrichsruh, als dieſer den Altreichskanzler für die erſte Flotten— vorlage gewinnen wollte.
Ich perſönlich habe die Genugtuung, daß Bismarck mir 1886 die recht delikate Miſſion nach Breſt anvertraute und von mir ge— ſagt hat: „Der wird einmal ſein eigener Kanzler ſein.“ Der Fürſt muß alſo etwas von mir gehalten haben. Ich bin ihm wegen des dritten Bandes ſeiner Erinnerungen nicht gram, ich habe dieſen frei— gegeben, nachdem ich mein Recht geſucht und gefunden hatte. Die weitere Zurückhaltung des Bandes hatte keinen Zweck, weil der Hauptinhalt durch Indiskretionen ſchon bekannt geworden war. Sonſt hätte man über die Zweckmäßigkeit der Erſcheinungszeit wohl ver— ſchiedener Meinung ſein können. Bismarck würde ſich im Grabe umdrehen, wenn er wiſſen könnte, zu welchem Zeitpunkte der dritte Band herausgekommen iſt und welche Wirkung er ausgelöſt hat. Ich würde es aufrichtig bedauern, wenn der dritte Band dem An— denken des großen Kanzlers geſchadet haben ſollte, denn Bismarck iſt eine der Heroengeſtalten, die das deutſche Volk zu ſeiner Aufrichtung braucht. Meine Dankbarkeit und Verehrung für den großen Kanzler kann weder durch den dritten Band noch durch irgendetwas anderes angefochten oder ausgelöſcht werden.
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In der erften Hälfte der 8Oer Jahre war ich auf Antrag des Fürſten Bismarck in das Auswärtige Amt kommandiert worden, das vom Grafen Herbert Bismarck geleitet wurde. Der Fürſt gab mir bei meiner Meldung bei ihm eine kurze Skizze der Perſönlichkeiten im Amt. Als er dabei Herrn v. Holſtein nannte, der damals einer der hervorragendſten Mitarbeiter des Fürſten war, klang es mir durch die Worte des Fürſten wie eine Warnung vor dieſem Manne.
Ich erhielt ein eigenes Zimmer und zum Studium die ganzen Akten über die Vorgeſchichte, die Entſtehung und den Abſchluß des Bündniſſes mit Oſterreich (Andraſſy). Ich verkehrte viel im Hauſe des Fürſten und bei dem Grafen Herbert. Als ich in dem Bismarck— ſchen Kreiſe vertrauter geworden war, wurde über Herrn v. Holſtein offener geſprochen. Er ſei ſehr geſcheut, eine gute Arbeitskraft, maßlos eitel, ein Sonderling, der ſich niemals irgendwo zeige und keinerlei geſellſchaftlichen Verkehr habe, voller Mißtrauen und ſehr von Schrullen beherrſcht, dabei ein guter Haſſer, alſo gefährlich. Der Fürſt nannte ihn den „Mann mit den Hyänenaugen“, von dem mich fern zu halten ich gut tun würde. Offenbar reifte ſchon damals die herbe Kritik, mit der der Fürſt fpäter feinen früheren Mitarbeiter bedacht hat.
Das Auswärtige Amt war äußerlich diſziplinariſch durch Graf Herbert, deſſen Grobheit gegen ſeine Beamten mir auffiel, ſehr ſcharf aufgezogen. Die Herren flogen, wenn ſie gerufen oder entlaſſen wurden, vor dem Grafen fo, daß, wie man damals ſcherzhaͤft ſagte, „ihnen die Rockſchöße wagerecht vom Körper ſtanden“. Die aus— wärtige Politik wurde ganz allein vom Fürſten geleitet und diktiert, nach Rückſprache mit dem Grafen Herbert, der die Befehle des Kanzlers weitergab und in Inſtruktionen umredigieren ließ. So war das Auswärtige Amt nur ein Büro des großen Kanzlers, in dem auf deſſen Weiſung gearbeitet wurde. Hervorragende Männer mit ſelbſtändigen Ideen wurden in ihm nicht geſchult und ausgebildet. Im Gegenſatz zum Generalſtab unter Moltke. Hier wurde nach Grund—
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ſätzen, die ſich bewährt hatten, unter Wahrung alter Traditionen und unter Berückſichtigung aller Erfahrungen der Neuzeit der Nachwuchs ſorgfältig ausgebildet und zu ſelbſtändigem Denken und Handeln erzogen. Im Auswärtigen Amt hingegen befanden ſich nur aus⸗ führende Organe eines Willens, die, über die großen Zuſammen⸗ hänge der ihnen zur Bearbeitung überwieſenen Fragen nicht orientiert, keine ſelbſttätige Mitarbeit leiſten konnten. Der Fürſt lagerte wie ein mächtiger Granitfindling auf der Wieſe: wälzt man ihn fort, ſo findet man hauptſächlich Gewürm und abgeſtorbene Wurzeln darunter.
Ich gewann mir das Vertrauen des Fürſten, der vieles mit mir beſprach. Als z. B. der Fürſt die erſten Kolonialerwerbungen (Groß- und Klein⸗Popo, Togo uſw.) veranlaßte, orientierte ich ihn auf ſeinen Wunſch über die Stimmung, die im Publikum und in der Marine dadurch ausgelöſt wurde, und ſchilderte die Begeiſterung, mit der das deutſche Volk die neue Bahn begrüßte. Der Fürſt meinte, das ſei die Sache wohl nicht wert.
Späterhin habe ich noch öfters über die Kolonialfrage mit dem Fürſten geſprochen und ſtets mehr die Abſicht vorgefunden, die Kolo⸗ nien als Handels- oder Zaufchobjefte zu benutzen, als fie für das Vaterland nutzbringend zu verwerten oder zur Rohſtofflieferung zu gebrauchen. Ich machte pflichtgemäß den Fürſten darauf aufmerkſam, daß der Kaufmann und der Rapitalift energiſch anfingen, die Kolonien zu entwickeln, und demgemäß — wie ich aus Hanſakreiſen wußte — auf Schutz durch eine Flotte rechneten. Daher müſſe man für den rechtzeitigen Ausbau einer Flotte ſorgen, damit deutſche Werte im Auslande nicht ſchutzlos blieben. Die deutſche Flagge habe der Fürſt nun mal in der Fremde entfaltet, hinter ihr ſtehe das Volk, es müſſe aber auch eine Flotte dahinter ſtehen. Allein der Fürſt machte taube Ohren und gebrauchte ſein beliebtes Motto: „Wenn die Engländer bei uns landen ſollten, würde ich ſie arretieren laſſen“, die Kolonien würden zu Haus verteidigt. Der Fürſt legte keinen
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Wert darauf, daß ſchon die bloße Annahme, die Engländer könnten in Deutſchland ungehindert landen — Helgoland war engliſch —, für Deutſchland unerträglich war, und daß wir, um eine Landung von vornherein auszuſchließen, eine genügend ſtarke Flotte und Helgo— land brauchten.
Das politiſche Intereſſe des Fürſten konzentrierte ſich eben im weſentlichen auf den Kontinent Europa. England lag etwas abſeits ſeiner täglichen Sorgen, um ſo mehr als Salisbury mit dem Fürſten gut ſtand und namens Englands ſeinerzeit den Zwei- bzw. Drei— bund bei ſeiner Schöpfung begrüßt hatte. Der Fürſt arbeitete vor— wiegend mit Rußland, Oſterreich, Italien und Rumänien, deren Be— ziehungen zu Deutſchland und untereinander er andauernd kontrollierte. Über die Umſicht und Kunſt, mit der er operierte, machte Kaiſer Wilhelm der Große einmal ſeinem Kabinettschef v. Albedyll gegen— über eine treffende Bemerkung. Der General fand Seine Majeftat nach einem Vortrage Bismarcks ſehr erregt, ſo daß er für die Ge— ſundheit des alten Kaiſers fürchtete. Er bemerkte daher, der Kaiſer möge ſich doch den weiteren Ärger erſparen, wenn der Fürft nicht wie Seine Majeſtät wolle, möge man ihn gehen laſſen. Darauf er— widerte der Kaiſer: Trotz ſeiner Bewunderung und Dankbarkeit für den großen Staatsmann habe auch er ſchon daran gedacht, da das ſelbſtbewußte Weſen des Fürſten manchmal allzu drückend werde. Aber er und das Vaterland brauchten ihn zu nötig, da der Fürſt der einzige Mann ſei, der mit fünf Kugeln jonglieren könne, von denen mindeſtens zwei immer in der Luft ſeien, das könne er, der Kaiſer, nicht.
Daß der Fürſt durch den Erwerb von Kolonien ſeinen Blick über Europa hinaus zu richten hatte und mit England in beſonderem Maße große Politik zu führen automatiſch gezwungen war, das ſah er nicht. England war wohl eine der fünf Kugeln in ſeinem diplomatiſch-ſtaatsmänniſchen Spiel, aber nur eine unter den fünf,
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und ihr wurde die beſondere Bedeutung, die ihr zukam, nicht zu— gebilligt.
Deshalb war auch das Auswärtige Amt ganz auf die Kon— tinentalkonſtellation eingeſpielt und hatte für Kolonien, Flotte oder England nicht das erforderliche Intereſſe und keine Erfahrung in Weltpolitik. Die engliſche Pſyche und Mentalität in der reſtloſen, wenn auch durch allerhand Mäntelchen verhüllten Verfolgung des Planes der Welthegemonie war dem Auswärtigen Amt ein Buch mit ſieben Siegeln. Der Fürſt fagte mir einmal, fein Hauptaugen— merk ſei, Rußland und England nicht zu einem Einverſtändnis kom— men zu laſſen. Darauf erlaubte ich mir zu antworten: Der Moment, dies in weite Ferne zu rücken, wäre ja beinahe gegeben geweſen, wenn man 1877/78 die Ruſſen nach Stambul gelaſſen hätte, dann wäre die engliſche Flotte ohne weiteres zur Verteidigung Stambuls eingefahren und der Konflikt wäre dageweſen. Statt deſſen habe man den Ruſſen den Vertrag von San Stefano aufgenötigt, fie vor den Toren der Stadt, die ſie nach furchtbaren Kämpfen und Mühen erreicht hatten und vor ſich ſahen, zur Umkehr gezwungen. Das habe in der ruſſiſchen Armee einen unauslöſchlichen Haß gegen uns entfeſſelt (Mitteilung preußiſcher Offiziere im ruſſiſchen Heer, welche den Feldzug mitgemacht hatten, insbeſondere des Grafen Pfeil). Obendrein habe man dann den Vertrag umgeſtoßen und durch den Berliner Kongreß erſetzt, der uns in den Augen der Ruſſen noch mehr als Feinde ihrer „berechtigten Intereſſen im Orient“ belaſtet habe. Auf dieſe Weiſe ſei der vom Fürſten erhoffte Konflikt zwiſchen Rußland und England in weite Fernen gerückt.
Der Fürſt teilte dieſe Beurteilung „ſeines“ Kongreſſes, auf deſſen Ergebnis er als „ehrlicher Makler“ ſo ſtolz war, nicht, und bemerkte ernſt, er habe einer allgemeinen Konflagration vorbeugen und ſeine guten Dienſte zur Vermittlung anbieten müſſen. Als ich ſpäter einem Herrn des Auswärtigen Amts dieſe Unterredung mitteilte, erwiderte
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diefer, er ſei damals dabeigeweſen, als der Fürſt nach Unterzeichnung des Berliner Vertrages in das Auswärtige Amt gekommen und von den dort verſammelten Beamten die Glückwünſche entgegengenommen habe. Darauf habe der Fürſt ſich emporgereckt und geantwortet: „Jetzt fahre ich Europa vierelang vom Bock!“ Der Herr bemerkte dazu: da habe der Fürſt ſich geirrt, denn damals drohte ſchon an Stelle der ruſſo-preußiſchen Freundſchaft die ruſſo-franzöſiſche zu ent⸗ ſtehen, alſo zwei Pferde waren aus dem Viererzug ſchon heraus. Disraeli's Staatskunſt hatte aus Bismarcks ehrlichem Maklertum in den Augen Rußlands die Vermittelung eines anglosöfterreichifchen Sieges über Rußland gemacht.
Trotz mancher Verſchiedenheit unſerer Auffaſſungen blieb der Fürſt mir freundlich und gewogen, und trotz dem großen Altersunterſchiede bildete ſich ein angenehmes Verhältnis zwiſchen uns, da ich, wie die ganze Generation, ein glühender Bewunderer des Fürſten war und durch meinen Eifer und meine Offenheit ſein Vertrauen gewonnen hatte und es niemals getäuſcht habe.
Während des Kommandos zum Auswärtigen Amt hielt mir u. a. Geheimrat Raſchdau Vorträge über Handelspolitik, Kolonien uſw. Dabei wurde ich ſchon damals auf unſere Abhängigkeit von England aufmerkſam, die darauf beruhte, daß uns eine Flotte fehlte und Helgo— land in engliſchen Händen war. Man beabſichtigte zwar unter dem Druck der Notwendigkeit eine Erweiterung der kolonialen Erwer— bungen, aber alles konnte nur mit Erlaubnis Englands geſchehen. Das war ſchwierig und für uns eigentlich unwürdig.
Das Kommando zum Auswärtigen Amt hatte für mich eine große Unannehmlichkeit gezeitigt. Meine Eltern ſtanden dem Fürſten Bismarck nicht ſehr freundlich gegenüber und verdachten es dem Sohne, in ſeine Kreiſe eingetreten zu ſein. Man befürchtete Be— einfluſſung gegen die Eltern, Hyperkonſervativismus und wie die Ge— fahren alle hießen, die von Ohrenbläſern aller Art aus England wie
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aus „liberalen Kreiſen“, welche im Vater ihren Hort erblickten, gegen mich angeführt wurden. Ich habe mich niemals auf ſolche Dinge eingelaſſen. Aber die Stellung im Elternhauſe iſt mir dadurch recht erſchwert und manchmal peinlich geſtaltet worden. Ich habe wegen meines Arbeitens unter dem Fürſten und meiner oft auf die ſchwerſten Proben geſtellten Diskretion für den Kanzler in der Stille recht Schweres zu tragen gehabt, der Fürſt fand das anſcheinend ganz ſelbſtverſtändlich.
Zum Grafen Herbert habe ich gute Beziehungen gehabt. Er konnte ein luſtiger Geſellſchafter ſein und verſtand es, intereſſante Männer um feinen Tiſch zu ſammeln, die zum Teil aus dem Aus⸗ wärtigen Amt, zum Teil aus anderen Kreiſen ſtammten. Aber zu einem wirklichen Freundſchaftsverhältnis iſt es zwiſchen uns nicht ge⸗ kommen. Das zeigte ſich beſonders, als beim Ausſcheiden ſeines Vaters auch der Graf ſeinen Abſchied forderte. Meine Bitte, er möge doch bei mir bleiben und mir helfen, die Tradition in der Politik fortzuführen, erfuhr die ſcharfe Erwiderung: Er ſei nun einmal ge— wöhnt, nur ſeinem Vater vorzutragen und Dienſte zu leiſten, man könne unmöglich von ihm verlangen, daß er mit der Mappe unter dem Arme bei jemand anders zum Vortrage antrete als bei ſeinem Vater.
Als der nun ermordete Zar Nikolaus II. großjährig wurde, er⸗ hielt ich auf Antrag des Fürſten Bismarck den Auftrag, dem Groß— fürſten Thronfolger in Petersburg den Schwarzen Adlerorden zu überreichen. Sowohl der Kaiſer wie der Fürſt belehrten mich über die Beziehungen der Länder und Häuſer zu einander, wie über Sitten, Perſonen etc. Der Kaiſer bemerkte zum Schluß, er gebe ſeinem Enkel denſelben Rat mit, den ihm als jungem Mann ſeiner⸗ zeit bei ſeinem erſten Beſuche in Rußland Graf Adlerberg gegeben habe: „Im übrigen liebt man auch hier wie anderswo das Lob mehr als den Tadel.“ Der Fürſt endigte ſeine Informationen mit der
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Bemerkung: „Im Orient find alle Leute, die das Hemd außerhalb der Hoſe tragen, anſtändige Menſchen, ſobald ſie es hineinſtecken und noch einen Halsorden dazu haben, ſind es Schweinehunde.“
Von Petersburg aus habe ich wiederholt meinem Großvater wie dem Fürſten Bericht erſtattet. Selbſtverſtändlich ſchilderte ich nach beſtem Wiſſen die Eindrücke, die ich empfing. Es war mir vor allem klar geworden, daß die alten ruſſo-preußiſchen Beziehungen und Ge— fühle doch ſtark erkaltet und nicht mehr in dem Maße vorhanden waren, wie der Kaiſer und der Fürſt in ihren Geſprächen es voraus— geſetzt hatten. Nach meiner Rückkehr bin ich von meinem Großvater und auch vom Fürſten für meine ſchlichte, klare Berichterſtattung belobt worden, was um ſo erfreulicher für mich war, als mich das Gefühl be— drückte, daß ich in manchem die hohen Herren hatte enttäuſchen müſſen.
Im Jahre 1886, Ende Auguſt, Anfang September, nach der letzten Gaſteiner Zuſammenkunft Kaiſer Wilhelms des Großen und Bismarcks mit Kaiſer Franz Joſeph, bei der ich auf Befehl meines Großvaters zugegen war, wurde mir der Auftrag zuteil, dem Kaiſer Alexander III. perſönlich Mitteilung von den Abſprachen in Gaſtein zu machen und mit dem Zaren die das Mittelmeer und die Türkei betreffenden Fragen zu behandeln. Der Fürſt gab mir feine Inftruf= tionen, die vom Kaiſer Wilhelm ſanktioniert waren. Sie betrafen be— ſonders den Wunſch Rußlands, nach Stambul zu gehen, dem der Fürſt keine Schwierigkeiten bereiten werde, ich erhielt im Gegenteil den direkten Auftrag, Konſtantinopel und die Dardanellen anzubieten (San Stefano, Berliner Kongreß alſo fallen gelaffen!). Es war beabſichtigt, die Türkei freundſchaftlich davon zu überzeugen, daß eine Verſtändigung mit Rußland auch für ſie wünſchenswert ſei.
Ich fand freundliche Aufnahme beim Zaren in Breſt-Litowsk und nahm an den dortigen Truppenſchauen, Armierungs- und Verteidigungs⸗ übungen uſw. teil, die ſchon unzweifelhaft ein antideutſches Geſicht trugen.
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Als Ergebnis der Geſpräche mit dem Zaren ift die Bemerkung des letzteren von Bedeutung: „Wenn er Stambul haben wolle, werde er es ſich nehmen, wann es ihm paſſe, der Erlaubnis oder Zu— ſtimmung des Fürſten Bismarck bedürfe er dazu nicht.“ Nach dieſer ſchroffen Ablehnung des Bismarckſchen Angebotes von Stambul ſah ich meine Miſſion als geſcheitert an. Ich faßte meinen Bericht an den Fürſten entſprechend ab.
Der Fürſt muß, als er ſich zu dem Angebot an den Zaren ent— ſchloß, ſeine politiſche Auffaſſung, die zu San Stefano und zum Berliner Kongreß geführt hatte, geändert haben, oder er hielt, durch die Entwicklung der allgemeinen politiſchen Lage in Europa veran— laßt, den Zeitpunkt für gekommen, die politiſchen Karten anders zu miſchen, oder, wie mein Großvater geſagt hätte, anders zu „jonglieren“. Das konnte ſich nur ein Mann von der Weltgeltung und von den ſtaatsmänniſchen und diplomatiſchen Maßen des Fürſten Bismarck erlauben. Ob der Fürſt gar fein großes politiſches Spiel mit Ruß land von vornherein ſo angelegt hatte, daß er mit dem Berliner Kongreß zunächſt einmal einen allgemeinen Krieg verhindern und England ſtreicheln wollte und zu dieſem Zwecke die ruſſiſchen Orient— aſpirationen erſt einmal behinderte mit dem genialen Vorſatz, ſie ſpäter um ſo augenfälliger herbeiführen zu helfen, vermag ich nicht zu entſcheiden, denn ſeine großen politiſchen Konſtruktionen gab der Fürſt niemandem preis. Dann hätte er in dem ſtarken Selbſtver— trauen auf ſeine Staatskunſt darauf gerechnet, uns bei Rußland um ſo beliebter zu machen, weil die ruſſiſchen Aſpirationen allein von Deutſchland erfüllt würden, und zwar zu einem Zeitpunkte, in dem die allgemeine politiſche Situation in Europa weniger geſpannt war als 1877/78. Wenn dem fo wäre, fo hätte niemand außer dem Fürſten Bismarck ſelbſt dieſes großartige Spiel erfolgreich zu Ende ſpielen können. Darin liegt die Schwäche der Vorzüge großer Männer. Hatte er auch England über ſein Angebot an den Zaren
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informiert? Dieſes mußte dagegen fein wie anno 1878. Jeden— falls nahm der Fürſt nunmehr die Politik auf, die mir ſchon damals vorgeſchwebt hatte, als ich die Enttäuſchung der Ruſſen, die vor Stambul fanden und nicht hineingelaſſen wurden, erfahren hatte.
Ich konnte in Breſt-Litowsk bei den andauernden militäriſchen Veranſtaltungen aller Art ſehr wohl beobachten, daß das Verhalten der ruſſiſchen Offiziere mir gegenüber weſentlich kühler und hoch— mütiger war als bei meinem erſten Beſuch in Petersburg. Nur die kleine Zahl alter Generale, zumal bei Hofe, welche noch aus Alexanders II. Zeit ſtammten und mit Kaiſer Wilhelm dem Großen bekannt und ihm zugetan waren, trugen ihre Ehrfurcht für ihn und ihre Deutſchfreundlichkeit noch zur Schau. Bei einem Geſpräch mit einem von ihnen über die Beziehungen der beiden Höfe, Armeen und Länder zu einander, die ich als in Anderung gegen früher be— griffen fand, ſagte der alte General: „Oest ce vilain Congres de Berlin! Une grave faute du Chancelier. Il a detruit !ancienne amitiè entre nous, plante la mefiance dans les cœurs de la Cour et du Gouvernement, et fourni le sentiment d'un tort grave fait à larmèe russe apres sa campagne sanglante de 1877, pour lequel elle veut sa revanche. Et nous voilà ensemble avec cette maudite Republique Frangaise, pleine de haine contre vous et remplie d’id&es subversives, qui en cas de guerre avec vous, nous coüteront notre dynastie.”*) Eine prophetiſche Vorausſage des Unterganges des ruſſiſchen Herrſcherhauſes!
*) „Daran iſt dieſer abſcheuliche Berliner Kongreß ſchuld! Der war ein ſchwerer Fehler des Kanzlers. Er hat die alte Freundſchaft zwiſchen uns zerſtört, Mißtrauen in die Herzen des Hofes und der Regierung gepflanzt und die Überzeugung ausgelöſt, daß man der ruſſiſchen Armee nach dem blutigen Feldzug von 1877 ein ſchweres Unrecht zugefügt hat, für das ſie nun Vergeltung will. Und nun halten wir mit dieſer verwünſchten franzöſiſchen Republik zuſammen, die voller Haß gegen Deutſch— land iſt und erfüllt von Umſturzideen, die uns im Falle eines Krieges mit Ihnen unfere Dynaſtie koſten werden.“
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Von Breſt begab ich mich nach Straßburg, wo mein Großvater zum Kaiſermanöver weilte. Trotz dem Scheitern meiner Wiſſion fand ich eine ruhige Beurteilung der politiſchen Lage vor. Mein Großvater freute ſich über die herzlichen Grüße des Zaren, die wenigſtens im perſönlichen Verhältnis der beiden Herrſcher keine Veränderung zeigten. Zu meiner Überraſchung erhielt ich auch vom Fürſten Bismarck ein Schreiben, in welchem er mir Dank und An— erkennung für meine Tätigkeit und meinen Bericht ausſprach. Dies bedeutete um ſo mehr, als meine Ausführungen meinem Großvater und dem Kanzler nicht angenehm ſein konnten. Der Berliner Kongreß hatte, zumal in den ruſſiſchen Militärkreiſen, die Reſte der bei uns noch gepflegten Waffenbrüderſchaft beſeitigt und einen durch den Verkehr mit dem franzöſiſchen Offizierkorps geſchürten Haß gegen alles Preußiſch-Deutſche erzeugt, der von den Franzoſen zu dem Wunſche nach Rache durch die Waffen geſteigert wurde. Das war der Boden, auf dem ſpäter der Weltkriegsgedanke unſerer Gegner Nahrung finden konnte: „Revanche pour Sedan“ vereint mit „Revanche pour San Stefano.“ Die Worte des alten Generals in Breſt ſind mir unvergeßlich geblieben und haben mich zu den vielen Zuſammen— künften mit Alexander III. und Nikolaus II. veranlaßt, bei denen
ir die von meinem Großvater auf dem Sterbebette mir ans Herz gelegte Pflege der Beziehungen zu Rußland ſtets als Leitmotiv vor Augen ſtand.
Im Jahre 1890 bei den Manövern in Narwa mußte ich dem Zaren die Geſchichte des Abganges des Fürſten Bismarck genau ſchildern. Der Zar hörte mir aufmerkſam zu. Als ich geendigt hatte, ergriff der ſonſt ſehr kühle und zurückhaltende Herrſcher, der ſelten über Politik ſprach, ganz ſpontan meine Hand, dankte mir für den Beweis meines Vertrauens, bedauerte, daß ich in ſolche Lage gebracht worden ſei und fügte wörtlich hinzu: „Je comprends parfaite- ment ta ligne d’action. Le Prince avec toute sa grandeur n’etait
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apres tout rien d’autre que ton employ& ou fonctionnaire. Le moment od il refusait d’agir selon tes ordres, il fallait le renvoyer. Moi, pour ma part, je me suis toujours méſié de lui, et je nal jamais cru un mot de ce qu'il me faisait savoir ou me disait, car jetais sür et je savais qu'il me blaguait tout le temps. Pour les rapports entre nous deux, mon cher Guillaume — es war das erſte Mal, daß mich der Zar fo nannte — la chute du Prince aura les meilleures consequences. La méfiance disparaitra. Jai confiance en toi, tu peux te fier a moi.“ ) Ich habe mir ſeiner— zeit dieſes wichtige Geſpräch ſofort aufgezeichnet. Ich bin objektiv genug, mich zu fragen, in wie weit die Courtoiſie von Herrſcher zu Herrſcher und darüber hinaus vielleicht die Genugtuung über die Ausſchaltung eines Staatsmannes von Bismarcks Bedeutung für die vorſtehende Außerung des Zaren bewußt oder unbewußt mitbeſtimmend war. Der Glaube des Fürſten Bismarck an das Vertrauen des Zaren war ſubjektiv zweifellos echt. Außer allem Zweifel ſteht auch die Achtung, die Alexander III. vor dem ſtaats— männiſchen Können Bismarcks hatte.
Jedenfalls hat der Zar bis zu ſeinem Tode zu ſeinem Worte gehalten. An der allgemeinen Politik Rußlands hat das zwar nicht viel geändert, aber vor einem Überfall von dort war Deutſchland wenigſtens ſicher. Der gerade Charakter Alexanders III. bürgte da— für — bei ſeinem ſchwachen Sohne wurde es anders.
) „Ich verſtehe vollkommen Deine Handlungsweiſe. Der Fürſt war trotz all ſeiner Größe ſchließlich doch nichts anderes, als Dein Beamter oder Beauftragter. In dem Augenblick, wo er ſich weigerte, nach Deinen Befehlen zu handeln, mußte er entlaſſen werden. Ich meinerſeits habe immer Mißtrauen gegen ihn gehegt und ihm niemals ein Wort von dem, was er mich wiſſen ließ oder ſelbſt mir ſagte, ge— glaubt, denn ich wußte genau, daß er mich immer anführte. Für die Beziehungen zwiſchen uns beiden, mein lieber Wilhelm, wird der Sturz des Fürſten die beſten Folgen haben. Das Wißtrauen wird ſchwinden. Ich habe Vertrauen zu Dir. Du kannſt Dich auf mich verlaſſen.“
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Mag man fih nun zu Bismarcks Ruſſenpolitik ftellen wie man will, das eine muß geſagt werden, nämlich, daß der Fürſt es trotz dem Berliner Kongreſſe und der Annäherung Frankreichs an Ruß land verſtanden hat, Reibungen ernſter Art zu vermeiden. Das be⸗ deutet vom Berliner Kongreß ab gerechnet ein überlegenes diplomatiſches und ſtaatsmänniſches Spiel über 12 Jahre (1878 - 1890). Man wird auch hervorheben müſſen, daß es ein deutſcher Staatsmann war, der 1878 einen allgemeinen Krieg verhinderte und dafür ſogar die Beziehungen Deutſchlands zu Rußland ſchwächte im berechtigten Vertrauen darauf, daß es ſeiner genialen zielſicheren Staatskunſt gelingen würde, ſie nach Überwindung der allgemeinen Kriſis wieder zu ſtärken oder wenigſtens Konflikte zu vermeiden. Das iſt ihm 12 Jahre lang und ſeinen Nachfolgern am Staatsruder weitere 24 Jahre gelungen. —
Von der Parteipolitik habe ich als Prinz mich abſichtlich fern gehalten und mich ganz auf meinen Dienſt in den verſchiedenen Waffen, denen ich zugeteilt wurde, konzentriert. Dieſer gewährte mir Befriedigung und füllte mein Leben aus. Deshalb ging ich als Prinz von Preußen allen Bemühungen aus dem Wege, mich in das politiſche Parteigetriebe zu zerren. Häufig genug wurde es verſucht, mich unter dem Deckmantel harmloſer Veranſtaltungen, Tees u. dgl. für politiſche Zirkel oder für Wahlzwecke einzufangen. Ich habe mich immer zurückgehalten.
Der Verlauf der tückiſchen Krankheit, die den Kaiſer Friedrich III. dahinraffte, war mir von deutſchen Arzten, die als Experten von Sir Worell Mackenzie, dem engliſchen Arzt, hinzugezogen worden waren, ganz offen vorausgeſagt worden. Mein tiefer Schmerz und Kummer waren um ſo größer, als es mir faſt unmöglich war, meinen heißgeliebten Vater allein zu ſprechen. Er wurde von den engliſchen Arzten wie ein Gefangener bewacht, und, während Re— porter aus allen Ländern vom Arztezimmer aus den armen Kranken
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beobachten durften, wurden mir alle möglichen Schwierigkeiten in den Weg gelegt, an meinen Vater heranzukommen oder mit ihm auch nur ſchriftlich in dauernder Verbindung zu bleiben, meine Briefe wurden oft aufgefangen und nicht abgegeben. Außerdem wurde aus dem Bewachungskreiſe eine infame, regelrechte Ver— leumdungskampagne gegen mich in der Preſſe geführt. Beſonders taten ſich zwei Journaliſten hierbei hervor: ein Herr Schnidrowitz und Monſieur Jaques St. Cere vom „Figaro“ — ein deutſcher Jude —, der den ſpäteren Kaiſer jahrelang in giftigſter Weiſe in Frankreich verleumdete, bis ihm der Prozeß des „Petit Sucrier“ den Hals brach.
Die letzte Freude, die der ſterbende Kaiſer erlebte, konnte ich ihm durch den Vorbeimarſch der von mir perſönlich dem Vater vor— geführten 2. Garde-Infanterie-Brigade bereiten. Es waren die erſten und letzten Truppen, welche Friedrich III. als Kaiſer ſah. Auf einem kleinen Zettel ſchrieb er ſeinem dadurch beglückten Sohne auf: Er ſei dankbar für die Freude, dieſe Truppen zu ſehen, und ſtolz darauf, ſie die ſeinigen nennen zu können. Dieſes Ereignis war ein Lichtblick in den ſchweren 99 Tagen, die auch für mich als Kronprinzen viel Kummer, Demütigungen und Verdächtigungen brachten. Ich beobachtete während dieſer Kriſe pflichtgemäß wach— ſamen Auges alle Vorkommniſſe in militäriſchen, Beamten- und Geſellſchaftskreiſen und war innerlich empört über die Zeichen der Lockerung, die ich überall wahrnahm, vor allem aber über die ſich mehr und mehr bemerkbar machende Feindſchaft gegen meine Mutter. Auf der anderen Seite mußte mich die andauernd gegen mich ge— richtete Verleumdungskampagne, die mich als mit meinem Vater im Zwieſpalt befindlich ſchilderte, tief verletzen.
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Nachdem Kaiſer Friedrich III. die Augen für immer geſchloſſen hatte, fiel die ſchwere Bürde der Regierung des Reiches auf meine jungen Schultern. Ich ſtand zunächſt vor der Notwendigkeit, in vielen Stellen einen Perſonenwechſel eintreten zu laſſen. Die mili— täriſche Umgebung der beiden Kaiſer ſowie das Beamtentum waren überaltert. Die ſogenannte „Maison militaire“ Kaiſer Wilhelms des Großen war durch Kaiſer Friedrich III. im ganzen beibehalten worden, ohne zum Dienſt herangezogen zu werden. Dazu trat nun noch die Umgebung Kaiſer Friedrichs III. Ich entließ in freund— lichſter Weiſe die Herren, welche in den Ruheſtand treten wollten, einige erhielten Anſtellung in der Armee, einzelne jüngere Herren blieben für die Zeit des Überganges noch in meinem Dienſt.
Als Kronprinz hatte ich mich in den 99 Tagen ſchon im ſtillen mit den Perſönlichkeiten beſchäftigt, die ich ſpäter anzuſtellen gedachte, weil mir die Arzte keinen Zweifel darüber gelaſſen hatten, daß mein Vater nur noch kurze Zeit leben würde. Ich ſah von höfiſchen Rückſichten oder Außerlichkeiten ab, nur die Leiſtungen und der Cha— rakter waren maßgebend. Ich ſchaffte das Wort „Maison militaire“ ab und verwandelte es in „Hauptquartier Seiner Majeſtät“. Als Ratgeber bei der Auswahl der Umgebung befragte ich nur einen Mann, auf den ich beſonderes Vertrauen ſetzte. Es war mein früherer Vorgeſetzter und Brigadekommandeur General — ſpäter Generaladjutant — v. Verſen, ein gerader, ritterlicher, etwas ſchroffer Charakter, ein altpreußiſcher Offizier von echtem Schrot und Korn. Dieſer hatte, in Linie und Garde dienend, mit ſcharfem Auge die höfiſchen Einflüſſe und Strömungen beobachtet, welche oft zum Nachteil des Offizierkorps in der alten „Maison militaire“ ſich fühlbar machten. Auch die höhere Damenwelt, welche ihres Alters wegen im Kameradenkreiſe ſpottend „trente et quarante“ genannt wurde, ſpielte dabei eine Rolle. Solche Einflüſſe wollte ich beſeitigen.
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Als meinen erſten Generaladjutanten wählte ich den General v. Wittich, als meinen erften Chef des Militärfabinettd den Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Diviſion General v. Hahnke, letzterer war ein Freund Kaiſer Friedrichs III., und, als ich noch beim 1. Garde-Regiment zu Fuß ſtand, mein Brigadekommandeur geweſen: zwei Männer von militäriſcher Erfahrung und eiſernen Grundſätzen, die ganz den Gedankengang ihres Herrn teilten und mir bis zu ihrem Lebensende mit vorbildlicher Mannentreue ver— bunden geblieben ſind.
Als Chef des Hofes wählte ich den mir von meiner Jugend her bekannten früheren Hofmarſchall meines Vaters, den Grafen Auguſt Eulenburg, der noch 82jährig bis zu ſeinem im Juni 1921 erfolgten Tode das Ninifterium des Königlichen Hauſes geleitet hat. Ein Mann von feinem Takt, ungewöhnlicher Begabung, klarem Blick auf höfiſchem, wie politiſchem Gebiete, von lauterem Charakter und goldener Treue zu ſeinem König und deſſen Hauſe. Seine vielſeitige Begabung hätte ihm geſtattet, ebenſo wie er als „der“ Hofmarſchall in ganz Europa bekannt war, mit demſelben Geſchick eine Botſchaft oder den Reichskanzlerpoſten zu verſehen. Von nie erlahmender Arbeitskraft, mit gewinnender Höflichkeit ausgeſtattet, hat er mir auf manchem Gebiet, dem des Hauſes, der Familie, des höfiſchen und öffentlichen Lebens mit Rat zur Seite und mit vielen Männern aller Schichten und Berufe im Verkehr geſtanden, von allen verehrt und geachtet, von mir mit Freundſchaft und Dankbar— keit umgeben.
Als Chef des Zivilkabinetts wurde nach Rückſprache mit dem Fürſten Bismarck Herr v. Lucanus, aus dem Kultusminiſterium, gewählt. Fürſt Bismarck bemerkte ſcherzend, er freue ſich über dieſe Wahl, da Lucanus ihm als guter und paſſionierter Jäger bekannt ſei. Das ſei ſtets eine gute Empfehlung für einen Ziwilbeamten, ein guter Jäger ſei auch ein ordentlicher braver Kerl. Herr v. Lucanus über-
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nahm fein Amt aus den Händen Exzellenz v. Wilmowski's. Er hat es glänzend geführt und iſt mir, auf allen Gebieten der Kunſt, Technik, Wiſſenſchaft und Politik wohlbewandert, ein Ratgeber, vaft- loſer Mitarbeiter und Freund geweſen. Mit geſundem NMenfchen- verſtand verband er eine gute Doſis feinen Humors, der ja den Germanen oft fehlt. —
Mit dem Fürſten Bismarck ſtand ich mich aus der Zeit meines Kommandos zum Auswärtigen Amt her ſehr gut und vertrauens⸗ voll. Ich verehrte nach wie vor den gewaltigen Kanzler mit allem Feuer meiner Jugend, ſtolz darauf, unter ihm gedient zu haben und nunmehr mit ihm als meinem Kanzler gemeinſam arbeiten zu können.
Der Fürſt, der bei den letzten Stunden des alten Kaiſers an⸗ weſend war und deſſen „ politiſches Teſtament“ an feinen Enkel, nämlich die beſondere Pflege der Beziehungen zu Rußland, mit an⸗ gehört hatte, veranlaßte die Sommerreiſe nach Petersburg als erſte politiſche Aktion vor der Welt, um nach dem letzten Willen des ſterbenden Großvaters das Verhältnis zu Rußland zu unterſtreichen. Er ließ auch „Reiſedispoſitionen“ für mich aufſtellen.
Der Ausführung dieſes Projektes trat eine Schwierigkeit ent⸗ gegen durch einen Brief der Königin Victoria von England, welche, auf die Nachricht von dem beabſichtigten Beſuch in Petersburg, in großmütterlichem, aber zugleich autoritärem Tone an ihren älteſten Enkel ihre Mißbilligung über die geplante Reiſe ſchrieb. Erſt müſſe ein Trauerjahr verſtreichen und dann gebühre ſelbſtverſtändlich ihr als der Großmutter und England als dem Vaterlande meiner Mutter der erſte Beſuch, ehe andere Länder berückſichtigt würden. Als ich dieſes Schreiben dem Fürſten vorlegte, bekam er einen hef— tigen Zornanfall. Er ſprach das Wort von der „Onkelei in Eng⸗ land“ und dem „Dreinreden“ von dort, die aufhören müßten, aus dem Tone des Briefes könne man ermeſſen, in welcher Weiſe der Kronprinz und Kaiſer Friedrich beordert und bearbeitet worden ſei
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von Schwiegermutter und Frau uſw. Der Fürſt wollte nun den Text eines Antwortſchreibens an die Königin entwerfen. Ich bemerkte, ich würde ſchon die paſſende Antwort aufſetzen, in der die Mittel- linie zwiſchen Enkel und Kaiſer richtig eingehalten werden würde. Sie werde dem Fürſten vor der Abſendung erſt vorgelegt werden.
Die Antwort wahrte die äußere Form der engen Verwandtſchaft des Enkels ſeiner Großmutter gegenüber — die ihn als Baby auf ihren Armen getragen und ſchon durch ihr Alter ehrfurchtgebietend war —, betonte aber im Kern die Stellung und Verpflichtung des Deutſchen Kaiſers, der einen die vitalſten Intereſſen Deutſchlands betreffenden Befehl ſeines ſterbenden Großvaters unbedingt auszu— führen habe. Dieſen Befehl des Großvaters müſſe der Enkel reſpektieren im Intereſſe des Landes, deſſen Vertretung ihm durch Gottes Willen nunmehr übertragen ſei. Wie er das tue, müſſe die Königliche Großmutter ihm überlaſſen. Im übrigen ſei ich der ihr in Liebe anhängende Enkel und werde ſtets dankbar für jeden Nat der durch ihre lange Regierung erfahrenen Großmutter ſein. Aber in deutſchen Angelegenheiten müſſe ich mir freies Handeln vindi— zieren. Der Beſuch in Petersburg ſei politiſch notwendig, der Be— fehl meines Kaiſerlichen Großvaters entſpräche den engen Familien— beziehungen mit dem ruſſiſchen Kaiſerhauſe und werde daher aus— geführt.
Der Fürſt war mit dem Briefe einverſtanden. Die nach einiger Zeit einlaufende Antwort war überraſchend. Die Königin gab ihrem Enkel recht, er müſſe tun, was im Intereſſe ſeines Landes ſei, ſie werde ſich freuen, ihn ſpäter auch bei ſich zu ſehen. Von dem Tage an iſt mein Verhältnis zu der ſelbſt von ihren eigenen Kindern gefürchteten Königin das denkbar beſte geweſen. Sie hat ihren Enkel nur noch wie einen gleichgeſtellten Souverain behandelt. —
Bei den Antrittsreiſen wurde ich vom Grafen Herbert als Ver— treter des Auswärtigen Amtes begleitet. Er redigierte die Reden und
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führte die politiſchen Unterhaltungen, ſoweit fie geſchäftlicher Natur waren, nach den Anweiſungen ſeines Vaters.
Nach meiner Rückkehr aus Stambul 1889 ſchilderte ich dem Fürſten auf ſeinen Wunſch meine Eindrücke in Griechenland, wo meine Schweſter Sophie mit dem Thronfolger Kronprinz Konſtantin verheiratet war, und in Stambul. Dabei fiel mir auf, daß der Fürſt recht wegwerfend von der Türkei, den Männern in maßgebenden Stellungen und den dortigen Verhältniſſen überhaupt ſprach. Als ich zum Teil weſentlich günſtigere Momente hervorheben zu können glaubte, half das nicht viel. Auf meine Frage, worauf der Fürſt ſein ſo ungünſtiges Urteil gründe, erwiderte er: Graf Herbert habe ſehr abfällig über die Türkei berichtet. Der Fürſt und Graf Her— bert ſind der Türkei nicht hold geweſen und haben meiner Türken— politik — der alten Politik Friedrichs des Großen — nicht beige— pflichtet.
Während der letzten Zeit ſeiner Kanzlerſchaft bezeichnete Bismarck die Erhaltung der guten Beziehungen zu Rußland, deſſen Zar ihm ſein beſonderes Vertrauen ſchenke, als den hauptſächlichſten Grund feines Verbleibens im Amte. In dieſem Zuſammenhange machte er mir die erſten Andeutungen über den geheimen Rückverſicherungs— vertrag mit Rußland. Bisher war ich weder vom Fürſten noch vom Auswärtigen Amt von dieſem Vertrage unterrichtet worden, obwohl ich mich gerade mit den ruſſiſchen Angelegenheiten befaßt hatte. —
Als ich durch den frühen Tod meines Vaters zur Regierung kam, folgte damit, wie ich ſchon früher hervorhob, die Generation des Enkels auf die des Großvaters. Es wurde dadurch die ganze Generation Kaiſer Friedrichs überſprungen. Dieſe war durch den Verkehr mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm mit vielen libe— ralen Ideen und Reformprojekten gerüſtet, die unter ihm als Kaiſer Friedrich ins Werk geſetzt werden ſollten. Durch ſein Hinſcheiden
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ſah ſich dieſe ganze Generation, zumal die Politiker, in ihrer Hoff— nung, zu Einfluß zu gelangen, getäuſcht, fie fühlte ſich gewiſſer— maßen verwaiſt. Dieſe Kreiſe ſtanden mir, obwohl ſie mich und meine inneren Gedanken und Ziele gar nicht kannten, mißtrauiſch und zurückhaltend gegenüber, anſtatt ihr Intereſſe vom Vater auf den Sohn zum Vorteil des Vaterlandes zu übertragen.
Ein Vertreter der Nationalliberalen machte eine Ausnahme: der vornehme, noch ſugendfriſche Herr v. Benda. Schon als Prinz war ich mit ihm auf den großen Haſenjagden beim Amtsrat Dietze in Barby bekannt geworden. Dort hatte er meine Zuneigung und mein Vertrauen gewonnen, wenn ich als Zuhörer in dem Kreiſe der älteren Männer den Diskuſſionen über politiſche, landwirtfchaft- liche und nationalökonomiſche Fragen beiwohnte, bei denen Herr v. Benda durch ſein freies, intereſſantes Urteil meine Aufmerkſam— keit feſſelte. Einer Einladung auf den Landſitz Bendas, Rudow bei Berlin, bin ich gern gefolgt. Daraus entſtand ein regelmäßiger Beſuch einmal im Jahre. Die Stunden im Rudower Familienkreiſe, in dem von den talentierten Töchtern die Muſik eifrig gepflegt wurde, ſind mir in guter Erinnerung geblieben. Die politiſchen Geſpräche zeigten, daß Herr v. Benda einen weiten Blick beſaß, der, frei von aller Parteiſchablone, eine ſo klare Auffaſſung über die allgemeinen Staatsnotwendigkeiten offenbarte, wie ſie bei Parteimännern ſelten zu finden iſt. Er hat mir aus treuem altpreußiſchen Herzen, das feſt an ſeinem Königshauſe hing, unter weitgehender Toleranz an— deren Parteien gegenüber, manchen wertvollen Rat für die Zukunft erteilt.
Daß ich in keiner Weiſe gegen irgendeine Partei — abgeſehen von den Ultra-Sozialiſten — ablehnend geſinnt, auch nicht antiliberal war, hat meine ſpätere Regierungszeit bewieſen. Mein bedeutendſter Finanzminiſter war der Liberale Miquel, mein Handelsminiſter der Liberale Moeller, der Führer der Liberalen, Herr v. Bennigſen,
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war Oberpräſident von Hannover. Mit einem älteren liberalen Ab- geordneten, den ich durch Herrn v. Miquel kennen lernte, habe ich beſonders während der zweiten Hälfte meiner Regierungszeit nahe Beziehungen gepflogen, es war Herr Seydel (Chelchen), Beſitzer eines Landgutes im Oſten, ein Kopf, dem ein paar kluge Augen aus dem glattraſierten Geſicht ſchauten. Er war Mitarbeiter Miquels in Eiſenbahn- und Kanalfragen, ein grundgeſcheiter, einfacher, prafti- ſcher Mann, Liberaler mit konſervativem Einſchlag.
Mit der konſervativen Partei beſtanden naturgemäß zahlreiche Be— ziehungen und Berührungspunkte, da die Herren vom Landadel auf Hof⸗ und anderen Jagden viel mit mir zuſammentrafen oder zu Hofe kamen, auch in Hofſtellungen Dienſt taten. Durch ſie konnte ich ausgiebige Orientierung über alle Agrarfragen erhalten und hören, wo den Landmann der Schuh drückte.
Die Freiſinnigen unter ihrem „unentwegten Führer“ haben keine Beziehung zu mir aufgenommen, fie beſchränkten ſich auf die Oppo— ſition.
In den Geſprächen mit Benda und Bennigſen wurde oft über die Zukunft des Liberalismus geſprochen. Dabei tat Benda einmal den intereſſanten Ausſpruch: „Es iſt nicht nötig und auch nicht gut, wenn der Thronfolger in Preußen in Liberalismus macht, das können wir nicht brauchen. Er muß in larger und nicht beengter Weiſe ohne Voreingenommenheit gegen andere Parteien doch im Grunde genommen konſervativ fein.”
Als ich mit Bennigſen die Notwendigkeit erörterte, daß die Nationalliberalen ihr Programm, das urſprünglich unter der Deviſe: „Aufrichtung des Deutſchen Reiches und Preſſefreiheit“ die Mit- glieder um die liberale Fahne geſchart habe — was nun lange ſchon erreicht ſei —, revidieren müßten, damit die werbende Kraft des alten preußiſchen Liberalismus beim Volke nicht verloren gehe, gab Bennigſen das zu. Die preußiſchen Liberalen wie Konſervativen,
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fuhr ich fort, machten beide den Fehler, daß fie noch zu viel Er— innerungen an die alte Konfliktszeit von 1861 — 1866 bewahrten und bei Wahl- oder anderen politiſchen Kämpfen in Gewohnheiten von damals zurückfielen. Jene Zeit ſei für unſere Generation bereits Ge— ſchichte geworden und erledigt. Für uns fange die Jetztzeit mit dem Jahre 1870, dem neuen Reiche, an, unter 1866 hätten wir einen Strich gemacht. Man müſſe auf dem Boden des Reiches neu bauen, auch die Parteien müßten ſich in ihren Zielen danach einrichten, aber nicht altes Vergangenes, noch dazu Trennendes, mit herübernehmen. Das iſt leider nicht geſchehen. Bennigſen machte eine ſehr treffende Bemerkung, indem er ſagte: „Wehe den norddeutſchen Liberalen, falls ſie unter die Führung der ſüddeutſchen Demokraten kommen ſollten, dann iſt es mit dem wirklichen, echten Liberalismus zu Ende. Dann kriegen wir die verkappte Demokratie von da unten, die können wir hier nicht brauchen.“
Die ehrenwerte und königstreue konſervative Partei hat leider nicht immer überragende Parteiführer hervorgebracht, die zugleich ge— ſchickte, taktiſch geſchulte Politiker waren. Der agrariſche Flügel war zeitweiſe zu ausgeprägt und bedeutete eine Belaſtung der Partei. Auch waren die Erinnerungen an die Konfliktszeit noch zu ſtark. Ich riet zu dem Zuſammenſchluß mit den Nationalliberalen, fand aber wenig Gegenliebe. Ich habe oft darauf hingewieſen, daß die Nationalliberalen reichstreu und daher kaiſerlich geſinnt, alſo durch— aus als Bundesgenoſſen für die Konſervativen zu begrüßen ſeien. Ich könne und wolle im Reiche nicht ohne ſie, keinesfalls gegen ſie regieren, der norddeutſche Konſervativismus werde in manchen Teilen des Reiches nicht verſtanden, eine Folge der anders gearteten hiſto— riſchen Entwicklung, deshalb ſeien die Nationalliberalen der natür— liche Bundesgenoſſe. Aus dieſem Grunde habe ich z. B. auch den Hofprediger Stöcker — einen auf ſozialem Gebiete in feiner Miſſions— tätigkeit glänzend bewährten Mann — aus ſeinem Amte entfernt,
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weil er in Süddeutſchland eine demagogiſche Hetzrede gegen die dor— tigen Liberalen gehalten hatte.
Das Zentrum war durch den Kulturkampf zuſammengeſchweißt und ſtark antiproteſtantiſch, dem Reiche nicht hold. Trotzdem habe ich mit vielen bedeutenden Männern der Partei Beziehungen ge— pflogen und ſie zum Nutzen des Ganzen für praktiſche Mitarbeit intereſſieren können. Beſonders Schorlemer (der Vater) half mir dabei. Er hat nie ein Hehl aus ſeiner preußiſchen Königstreue ge— macht. Sein Sohn, der bekannte Landwirtſchaftsminiſter, hat ſich ſogar der konſervativen Partei angeſchloſſen. Bei vielen Vorlagen hat das Zentrum mitgearbeitet, das in ſeinem alten Führer Windt— horſt einſtmals den ſchärfſten politiſchen Kopf im Parlament beſitzen durfte. Aber bei allem war doch der Unterton nicht zu verkennen, daß das Intereſſe der Kirche Roms ſtets gewahrt ſein müſſe und nicht zu kurz kommen dürfe.
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Als Prinz Wilhelm war ich des längeren zum Oberpräſidenten der Provinz Brandenburg v. Achenbach kommandiert, um in die innere Verwaltung eingeführt und in wirtſchaftlichen Fragen orien— tiert zu werden, auch praktiſch tätigen Anteil an den Arbeiten zu nehmen. Aus dieſer Zeit habe ich mir, durch die feſſelnden Vor— träge Achenbachs angeregt, beſonderes Intereſſe für die wirtſchaftliche Seite der inneren Entwicklung des Landes bewahrt, während die rein jſuriſtiſche Seite der Verwaltung mich weniger feſſelte. Melio— rationen, Kanalbauten, Chauſſee-Anlagen, Waldwirtſchaft, Hebung aller Arten der Verkehrsverbindungen, Wohnungsverbeſſerung, Ein— führung der Maſchinen in die Landwirtſchaft und deren genoſſen— ſchaftliche Entwicklung waren Fragen, die mich auch ſpäter andauernd beſchäftigt haben, in ganz beſonderem Maße der Waſſerbau und die
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Entwicklung des Eiſenbahnnetzes, zumal in dem ſehr vernachläſſigten Oſten.
Alle dieſe Fragen wurden, nachdem ich den Thron beſtiegen hatte, mit den Miniſtern beſprochen. Ich hatte ihnen zur Aneiferung freies Arbeiten in ihren Reſſorts zugeſagt. Das ſtellte ſich aber, ſolange Fürſt Bismarck im Amte war, als kaum möglich heraus, da der Fürſt ſich in allen Angelegenheiten die Hauptentſcheidung vorbehielt und dadurch die Selbſtändigkeit ſeiner Mitarbeiter lähmte. Es zeigte ſich mir bald, daß die Miniſter, ganz in Bismarcks Hand befindlich, ſich zu „Neuerungen“ oder Ideen des „jungen Herrn“, die Bis— marck ablehnte, nicht bekennen konnten. Das NMinifterium war in der Tat ausſchließlich ein Inſtrument in Bismarcks Hand und handelte nur nach ſeinem Befehl. Dieſer Zuſtand war an ſich natür⸗ lich, denn ein ſo überragender Miniſterpräſident, der für Preußen und Deutſchland ſo große politiſche Erfolge errungen hatte, beherrſchte eben ſein Miniſterium und leitete es autoritativ. Ich befand mich dadurch aber in einer ſchwierigen Lage, denn bei meinen Anregungen wurden mir die typiſchen Antworten zuteil: „Das will der Fürſt Bismarck nicht, das iſt nicht bei ihm zu erreichen, das würde Kaifer Wilhelm J. nicht verlangt haben, das verſtößt gegen die Tradition“ uſw. Ich erkannte mehr und mehr, daß ich eigentlich kein Staats— miniſterium zur Verfügung hatte, ſondern daß ſich die Herren — aus langer alter Gewohnheit — als die Beamten des Für— ſten Bismarck anſahen.
Ein Beiſpiel möge erläutern, wie das Miniſterium in jener Big- marckſchen Zeit zu mir ſtand. Es handelte ſich um die Erneuerung des Sozialiſtengeſetzes, einer politiſchen Maßregel des Fürſten Bis⸗ marck, um den Sozialismus zu bekämpfen. Ein beſtimmter Para⸗ graph ſollte gemildert werden, um das Geſetz zu retten. Bismarck wollte nicht. Es kam zu ſcharfen Auseinanderſetzungen. Ich befahl einen Kronrat. Bismarck ſprach im Vorzimmer mit meinem Ad—
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jutanten und erklärte: Seine Majeſtät vergeffe ganz, daß er Offizier ſei und ein Portepee trage, er müſſe auf die Armee zurückgreifen und fie gegen die Sozialiſten führen, falls dieſe zu revolutionären Taten ſchreiten ſollten: der Kaiſer ſolle ihm freie Hand laſſen, dann werde man endlich Ruhe haben. Im Kronrat blieb Bismarck bei ſeinem Standpunkt. Die einzelnen Miniſter, zur Meinungsäußerung aufgefordert, ſprachen ſich lau aus. Es kam zur Abſtimmung, und das ganze Minifterium ſtimmte gegen mich.
Dieſe Abſtimmung zeigte mir wiederum die abſolute Herrſchaft, die der Kanzler über ſeine Miniſter ausübte. In tiefem Unmut beſprach ich den Vorfall mit Exzellenz v. Lucanus, der ebenſo betroffen über dieſe Erſcheinung war. Lucanus ſuchte einige von den Herren auf und ſtellte ſie über ihr Verhalten zur Rede. Die Herren machten geltend, ſie ſeien „nicht in der Lage“, gegen den Fürſten Stellung zu nehmen, und erklärten, man könne ihnen doch unmöglich zumuten, gegen den Fürſten zu ſtimmen.
Der große weſtfäliſche Bergarbeiterſtreik im Frühjahr 1889 traf die Zivilverwaltung überraſchend. Eine dementſprechende Kopf- und Ratloſigkeit trat zumal bei der Provinzialverwaltung Weſtfalens in die Erſcheinung. Alles rief nach Truppen, ein jeder Gruben— beſitzer wollte womöglich Poſten vor ſeinem Zimmer ſtehen haben. Die Kommandeure der requirierten Truppen meldeten immediat über die vorgefundene Lage an mich, darunter einer meiner früheren Regimentskameraden aus dem Garde-Huſarenregiment, v. Michaelis, der feines Witzes halber berühmt war. Er war zwifchen den ftreifen- den Arbeitermaſſen, die in dem ungewöhnlich warmen Vorfrühling auf den Halden herum lagerten, allein und unbewaffnet umhergeritten und hatte es bald verſtanden, durch ſein vertrauenerweckendes joviales Weſen einen harmloſen Verkehr mit den Leuten herzuſtellen. Durch Frage und Antwort gelangte er in den Beſitz vieler wertvoller In— formationen über das, wodurch ſich die Arbeiter — mit Recht oder
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Unrecht — bedrückt fühlten, ſowie über ihre Abſichten, Hoffnungen und Wünſche für die Zukunft. Er erwarb ſich bald allgemeine An— erkennung und Beliebtheit bei den Arbeitern und wußte ſie ſo richtig zu behandeln, daß in ſeinem Rayon abſolute Ruhe herrſchte. Durch nervöſe und beſorgte Telegramme der Großinduſtriellen und Behör— den, die auch beim Reichskanzler einliefen, veranlaßt, fragte ich bei Michaelis an, wie die Lage aufzufaſſen ſei. Als Antwort traf folgen— des Telegramm ein: „Alles ruhig, mit Ausnahme der Behörden.“
Auf Grund aller im Laufe des Frühjahres und Sommers ein— laufenden Meldungen und Berichte ſammelte ſich ein Material an, das klar erkennen ließ, daß in der Induſtrie nicht alles in Ordnung war. Mancher Wunſch der Arbeiter hatte ſeine Berechtigung und hätte zum mindeſten wohlwollender Prüfung unterzogen werden ſollen, ſowohl ſeitens der Arbeitgeber, wie der Behörden. Dieſe Erkenntnis, welche auch von meinem von mir befragten, in den ſozialen Er— ſcheinungen beſonders ſeiner Provinz gut orientierten früheren Er— zieher, Geheimrat Dr. Hinzpeter, beſtätigt wurde, ließ in mir den Entſchluß reifen, den Staatsrat zuſammenzuberufen, zu den Ver— handlungen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hinzuzuziehen und unter meinem perſönlichen Vorſitz eine eingehende Beleuchtung der Arbeiter— frage zu veranlaſſen. Es ſollten dabei leitende Grundſätze und Material gewonnen werden, die dann dem Kanzler und der preußi— ſchen Staatsregierung als Unterlagen für die Ausarbeitung dem— entſprechender Geſetzesvorlagen dienen ſollten.
Mit dieſem Gedanken trat ich an Exzellenz v. Bötticher heran, der ſofort den Widerſtand des Kanzlers gegen ſolches Verfahren in Ausſicht ſtellte und dringend davon abriet. Ich beſtand auf meinem Vorſatz, den Grundſatz Friedrichs des Großen anführend: „Je veux etre un roi des gueux“ ), es fei meine Pflicht, für die von der
) „Ich will ein König der Armen fein.”
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Induſtrie aufgebrauchten Landeskinder zu forgen, ihre Kräfte zu ſchützen und ihre Exiſtenzmöglichkeiten zu verbeſſern.
Der vorhergeſagte Widerſtand des Fürſten ließ nicht lange auf ſich warten. Es koſtete, da die Großinduſtrie ſich zum Teil hinter den Kanzler ſcharte, viel Mühe und Kämpfe, bis meine Abſicht durch— geſetzt war. Der Staatsrat trat unter meinem Vorſitz zuſammen. In der Eröffnungsſitzung erſchien unerwartet auch der Kanzler. Er hielt eine Anſprache, in der er das ganze von mir ins Werk geſetzte Unternehmen mit Ironie kritiſterte und mißbilligte und feine Nit- wirkung verſagte. Dann verließ er den Saal.
Nach dem Fortgang des Kanzlers ſtand die Verſammlung unter dem Eindruck dieſer eigenartigen Szene. Die Wucht und Rückſichts— loſigkeit, mit der der große Kanzler für ſeine und gegen meine Politik eintrat, weil er von der Richtigkeit ſeiner Auffaſſung durchdrungen war, machte auf mich und alle Anweſenden einen imponierenden Eindruck. Trotzdem mußte mich der Vorfall tief verletzen. Die Verſammlung nahm dann ihre Arbeiten wieder auf und lieferte reiches Material zur Weiterbildung der von Kaiſer Wilhelm dem Großen ins Leben gerufenen ſozialen Geſetzgebung, die den Stolz Deutſchlands bildet und eine Fürſorge für das arbeitende Volk dar— ſtellt, wie ſie in keinem Lande der Welt zu finden iſt.
Daraufhin beſchloß ich, einen allgemeinen Sozialkongreß ein— zuberufen. Auch dem widerſetzte ſich Fürſt Bismarck. Die Schweiz hegte einen ähnlichen Gedanken und beabſichtigte, einen Kongreß nach Bern zu berufen. Der ſchweizeriſche Geſandte Roth erfuhr von meiner Abſicht und empfahl die Einſtellung der Einladungen nach Bern und die Annahme einer ſolchen nach Berlin. So ge— ſchah es. Dank der Loyalität des Herrn Roth konnte der Kongreß nach Berlin einberufen werden. Das aus ihm reſultierende Material iſt zu Geſetzen verarbeitet und ausgenutzt worden, allerdings nur in Deutſchland.
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Späterhin habe ich mit Bismarck über fein Anſinnen, die Sozia— liſten im Falle revolutionärer Betätigung durch Kanonen und Baſo— nette zu bekämpfen, geſprochen und verſucht, ihn davon zu über— zeugen, daß ich, kaum daß Kaiſer Wilhelm der Große nach geſeg— neter Regierung die Augen geſchloſſen, doch unmöglich meine erſten Regierungsjahre mit dem Blut meiner eigenen Landeskinder beflecken könne. Bismarck blieb dabei und erklärte, er werde das auf ſeine Kappe nehmen, ich ſollte ihm die Sache nur überlaſſen. Ich er— widerte, daß ich das mit meinem Gewiſſen und meiner Verant⸗ wortung vor Gott nicht vereinbaren könnte, um ſo weniger, als ich genau wüßte, daß die Arbeiterwelt in einer ſchlechten Lage ſei, die unbedingt gebeſſert werden müßte.
Der Gegenſatz der Anſchauungen des Kaiſers und des Kanzlers über die ſoziale Frage, d. h. die Förderung des Wohles der Ar- beiterbevölferung unter Anteilnahme des Staates, iſt der eigentliche Grund zum Bruche zwiſchen uns geweſen und hat mir die Feind⸗ ſchaft Bismarcks und damit die eines großen Teiles des ihm er= gebenen deutſchen Volkes und beſonders des Beamtentums auf Jahre hinaus eingetragen.
Dieſer Gegenſatz zwiſchen dem Kanzler und mir entſtand durch ſeine Meinung, daß die ſoziale Frage mit ſcharfen Maßregeln und eventuell mit der Truppe gelöſt werden könne, nicht aber mit Grund— ſätzen allgemeiner Menſchenliebe oder Humanitätsduſelei, die er bei mir annehmen zu müſſen glaubte. Bismarck war — das möchte ich nach dem Geſagten betonen — nicht etwa arbeiterfeindlich. Im Gegenteil! Er war ein viel zu großer Staatsmann, um die Wich— tigkeit der Arbeiterfrage für den Staat zu verkennen. Er faßte dieſe ganze Angelegenheit aber rein vom ſtaatlichen Zweckmäßigkeitsſtand⸗ punkte auf. Der Staat ſollte für die Arbeiter ſorgen, ſoweit und wie dies der Regierung gut ſchien. Von einer Mitwirkung der Arbeiter bei dieſem Werke war kaum die Rede. Verhetzungen und
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Auflehnungen follten ſcharf, nötigenfalls mit Waffengewalt, unter- drückt werden. Fürſorge auf der einen, die Panzerfauſt auf der anderen Seite, das war die Bismarckſche Sozialpolitik. Ich aber wollte die Seele des deutſchen Arbeiters gewinnen und habe um dieſes Ziel heiß gerungen. Ich war von einem klaren Pflicht- und Verantwortlichkeitsbewußtſein meinem ganzen Volke, alſo auch den arbeitenden Klaſſen gegenüber, erfüllt. Was dieſen von Rechts wegen und billigerweiſe zukam, ſollte ihnen werden, und zwar, ſoweit es angängig oder notwendig war, wo der Wille und das Vermögen der Arbeitgeber aufhörten, von ſeiten des Landesherrn und ſeiner Regierung. Sobald ich erkannt hatte, daß Verbeſſerungen notwendig waren, zu denen ſich die Induſtrie zum Teil nicht verſtehen wollte, griff ich aus Rechtsgefühl für die Arbeiterſchaft ein.
Ich hatte genügend in der Geſchichte ſtudiert, um nicht den Illu— ſionen allgemeiner Volksbeglückungsmöglichkeit zum Opfer zu fallen. Daß es einem Menfhen nicht möglich iſt, ein Volk „glücklich“ zu machen, war mir klar. Schließlich iſt nur das Volk glücklich, das zufrieden iſt oder wenigſtens ſein will, ein Wille, der allerdings ein gewiſſes Maß an Erkenntnis des Möglichen, alſo Sachlichkeit, vor— ausſetzt. Leider gebricht es daran recht oft!
Ich wußte genau, daß bei den maßloſen Forderungen der ſozia— liſtiſchen Führer die unberechtigte Begehrlichkeit ſtets neu entfacht werden würde. Aber gerade um den unberechtigten Aſpirationen mit reinem Gewiſſen und überzeugend entgegentreten zu können, durfte den berechtigten die Anerkennung und Förderung nicht verſagt werden.
Die das Wohl der Arbeiter ins Auge faſſende Politik hat zweifel- los den geſamten Induſtriellen Deutſchlands durch die bekannten Geſetze für den Arbeiterſchutz ſchwere Laſten in der Konkurrenz auf dem Weltmarkt auferlegt — zumal einer Induſtrie gegenüber wie der belgiſchen, die ungehindert die Menſchenreſerven Belgiens mit billigen Löhnen bis zum letzten Tropfen ausquetſchen konnte, ohne Gewiſſens⸗
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biſſe darüber zu empfinden und ohne Mitgefühl für die finfende Moral des ausgeſchöpften, ungeſchützten Volkes. Solche Zuſtände habe ich für Deutſchland unmöglich gemacht durch meine ſoziale Ge— ſetzgebung, deren Einführung ich auch in Belgien während des Krieges durch Generaloberſt Freiherrn v. Biſſing zum Wohl der belgiſchen Arbeiter veranlaßte. Dieſe Geſetzgebung iſt aber zunächſt, um einen ſportlichen Ausdruck zu gebrauchen, ein Handicap auf der deutſchen Induſtrie im Weltkonkurrenzkampf geweſen und verſtimmte viele Großinduſtrielle, was von ihrem Standpunkte verſtändlich war. Der Landesherr muß aber ſtets das Geſamtwohl im Auge haben, und deshalb bin ich meinen Weg unbeirrt weitergegangen.
Diejenigen Arbeiter andererſeits, die blindlings den ſozialiſtiſchen Führern folgten, haben mir keinen Dank für den ihnen geſchaffenen Schutz und für meine Arbeit gezollt. Uns trennt der Wahlſpruch der Hohenzollern: „Suum cuique“. Das heißt: „Jedem das Seine“, aber nicht, wie die Sozialdemokraten wollen: „Allen dasſelbe“!
Auch der Gedanke beſchäftigte mich, wenigſtens der kontinentalen Induſtrie Europas durch eine Art von Kontingentierung des Abſatzes im Auslande einen Teil des Konkurrenzkampfes zu erſparen und da— durch eine Erleichterung der Produktion zu ſchaffen, die wiederum eine gefündere Lebensweiſe der arbeitenden Klaſſen ermöglichen ſollte.
Sehr bezeichnend iſt der Eindruck, den fremde Arbeiter beim Studium der ſozialen Geſetzgebung in Deutſchland gewannen. Wenige Jahre vor dem Kriege erwachte man in England unter dem Druck der Arbeiterbewegungen zu der Überzeugung, daß es geboten ſei, für die Arbeiter beſſer zu ſorgen. Es kamen Kommiſſionen nach Deutſchland, auch ſolche von Arbeitern. Sie beſuchten unter Füh— rung von deutſchen Vertretern, auch von Sozialiſten, die Induſtrie— gebiete, Fabriken, Wohltätigkeitsanlagen, Heilſtätten der Verſicherungs— geſellſchaften ufw. und waren überraſcht von allem, was fie ſahen. Bei dem Abſchiedsmahl, das ihnen gegeben wurde, wandte ſich der
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engliſche Führer der Arbeiterdeputationen an Bebel mit der Schluß— bemerkung: „Nach dem, was wir alles geſehen haben, was in Deutſchland für die Arbeiterwelt geſchieht, frage ich Sie: da ſind Sie auch noch Sozialiſten?!“ Einem Gewährsmann gegenüber be— merkten die Engländer, wenn es ihnen gelänge, nach langen Kämpfen in ihrem Parlament den zehnten Teil von dem durchzuſetzen, was in Deutſchland ſchon ſeit Jahren für die Arbeiter geſchähe, dann würden ſie ſehr zufrieden ſein.
Ich hatte dieſe Beſuche der engliſchen Deputationen mit Inter— eſſe verfolgt und wunderte mich über deren Unkenntnis der deutſchen Verhältniſſe. Noch mehr aber über die durch die engliſche Botſchaft übermittelten Fragen der engliſchen Regierung zu demſelben Thema, die eine geradezu erſtaunliche Unkenntnis der in Deutſchland auf dem Gebiet ſozialer Reformen erfolgten Entwicklung verrieten. Ich befragte den engliſchen Botſchafter und bemerkte, England ſei 1890 auf dem Berliner Sozialkongreß vertreten geweſen und habe doch gewiß, wenigſtens durch die Botſchaft, Kenntnis erhalten von den Reichstagsdebatten, die über die einzelnen ſozialen Maßnahmen in breiter Weiſe ſtattgefunden hatten. Der Botſchafter erwiderte: Er habe denſelben Gedanken gehabt, daher habe er die früheren Akten der Botſchaft nachſehen laſſen. Dabei ſei konſtatiert worden, daß ſeitens der Botſchaft auf das genaueſte nach London Bericht erſtattet worden und daß über jedes wichtige Stadium der fortſchreitenden ſozialen Reformen umfangreiche Berichte nach Hauſe geſandt worden ſeien, allein „because they came from Germany, nobody ever read them, they were simply »pigeonholed«, and remained there ever since, it is a downright shame! Germany does not interest people at home“. “) So fügte der Brite achſelzuckend hinzu. Weder König
*) „Weil fie aus Deutſchland kamen, wurden fie von niemand gelefen, man packte ſie einfach in die Aktenſchränke, und dort ſind ſie ſeitdem geblieben. Es iſt eine wahre Schande! Deutſchland intereſſiert die Leute zu Hauſe nicht.“
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noch Parlament beſaßen das Gewiſſen oder Zeit oder Luft, fich mit der Hebung der Arbeiterklaſſe zu beſchäftigen. Die „Einkreiſungs— politik“ zur Vernichtung Deutſchlands, vor allem ſeiner Induſtrie und damit ſeiner Arbeiterbevölkerung, war ihnen viel wichtiger und lohnender. Am 9. November 1918 ſchloſſen ſich die radikalen deutſchen Sozialiſtenführer mit ihrer gleichgearteten Gefolgſchaft dieſem briti— ſchen Vernichtungswerke an. —
Auch im Kleinen habe ich auf Gebieten, die meinem Einfluß zugänglich waren, z. B. in der Verwaltung meines Hofes, im Kaifer- lichen Automobil-Club u. dgl., den ſozialen Geſichtspunkten zur Gel— tung verholfen. So habe ich u. a. aus den Geldern, die bei der Beſichtigung der Schlöſſer den Dienern gegeben wurden, einen Fonds errichten laſſen, der als lediglich der Dienerſchaft gehörend ange— ſehen wurde und im Laufe der Zeit eine ſtattliche Summe erreicht hat. Aus feinen Mitteln erhielten die Diener und ihre Familien Badereiſezulagen, Kurkoſten, Begräbniskoſten, Ausſteuern für Kinder, Konfirmationszulagen und ähnliche Zuwendungen.
Als ich auf die Bitte des neugeſchaffenen „Kaiſerlichen Auto— mobil⸗Clubs“ das Protektorat über ihn angenommen hatte, folgte ich einer Einladung zu einem Frühſtück in den ſchönen Räumen des von Ihne gebauten Hauſes. Hier fand ich außer Magnaten, wie den Herzögen von Ratibor, von Ujeſt u. a., eine Menge Herren aus der Berliner haute finance und Induſtrie vor, die ſich teilweiſe recht „hermelintoll' gebärdeten. Als das Geſpräch auf die Wagenführer kam, ſchlug ich vor, einen Fonds zu begründen, der dieſen bei Un— glücksfällen eine Beihilfe für die Krankheitsbehandlung, bei Todes— fällen eine Sicherſtellung ihrer Hinterbliebenen gewähren ſollte. Der Vorſchlag fand allgemeinen Beifall, und der Fonds hat dann ſehr ſegensreich gewirkt. Eine ähnliche Einrichtung habe ich ſpäterhin auch für die Kapitäne und Erſten Steuerleute im „Kaiſerlichen Vacht-Club“ in Kiel geſchaffen.
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Beſondere Freude bereitete mir das von mir begründete „Kaiſer Wilhelm⸗Kinderheim“ in Ahlbeck, in dem im Frieden alljährlich von Mai bis Ende September, abteilungsweiſe alle vier Wochen wech— ſelnd, eine große Anzahl von Kindern aus den ärmſten Berliner Arbeitervierteln untergebracht wurden. Das Heim ſteht heute noch unter der bewährten Leitung der hervorragenden Oberin Fräulein Kirſchner, der Tochter des früheren Oberbürgermeiſters von Berlin, und hat ſowohl phyſiſch wie pſychiſch ein glänzendes Reſultat erzielt. Aus abgehärmten, blaſſen, dürftigen Großſtadtkindern wurden friſche, blühende, lebensfreudige kleine Weſen, von deren Gedeihen ich mich des öfteren perſönlich freudebewegt überzeugt habe. —
Ich möchte, gerade weil ich von meinem Zerwürfnis mit Bis— marck wegen der Arbeiterfrage geſprochen habe, — außer dem vor— hin über ſeine grundſätzliche Stellung Geſagten — ein Beiſpiel da— für anfügen, wie glänzend ſich der Fürſt in einer Angelegenheit be— nahm, die die Arbeiterſchaft anging. Dabei haben ihn gewiß auch nationale Motive geleitet, aber er erkannte doch ſofort, daß es galt, eine große Belegſchaft vor Arbeitsloſigkeit zu ſchützen, und griff mit feiner ganzen Autorität durch. Ich hatte — noch als Prinz Wilhelm — in Stettin etwa 1886 in Erfahrung gebracht, daß die große Schiffs- bauwerft „Vulkan“ aus Mangel an Beſtellungen vor dem Konkurs und damit die ganze mehrtauſendköpfige Arbeiterſchaft vor der Brot— loſigkeit ſtand. Dies war auch für die Stadt Stettin kataſtrophal. Die Werft konnte nur durch eine Beſtellung auf ein großes Schiff über Waſſer gehalten werden. Sie war, durch Admiral v. Stoſch ſeinerzeit aufgefordert — um uns vom engliſchen Schiffbau endlich loszumachen —, mutig darangegangen und hatte das erſte deutſche Panzerſchiff gebaut, deſſen Taufe Anno 1874 meine Mutter an ihrem Geburtstag vollzog, wobei ich zugegen geweſen bin. Seither hatten ihre Schiffe ſtets die Zufriedenheit der Kriegsmarine erworben, doch dieſe baute nur ſelten. Die Handelsmarine aber hatte nicht gewagt,
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den kühnen Schritt Admirals v. Stoſch nachzutun. Nun ftand
dieſe tapfere deutſche Werft vor dem Ruin, denn der Bremer Lloyd
hatte ihr Angebot auf einen Paſſagierdampfer abgelehnt mit dem Bemerken, das könnten die Engländer beſſer à conto ihrer lang— jährigen Tradition. Die Not war groß. Ich eilte zum Fürſten Bismarck und legte ihm die oben geſchilderten Vorgänge dar. Ein heller Zorn ergriff den Kanzler, und blitzenden Auges ſchlug er mit der Fauſt auf den Tiſch. „Was? Dieſe Pfefferſäcke wollen lieber ihre Kähne in England als bei uns bauen? Das iſt ja ganz un— erhört! Dabei ſoll eine gute deutſche Werft zugrunde gehen? Der Deibel ſoll dieſe Kaufmänner beim Kanthaken kriegen!!“ Er klingelte, ein Diener trat ein. „Geheimrat X. aus dem Auswärtigen Amt ſofort hierher!“ Nach wenigen Minuten, während deren der Fürſt auf- und abſtampfte, erſchien der Gerufene. „Telegramm nach Ham— burg an den Geſandten: der Lloyd in Bremen hat ſein neueſtes Schiff in Stettin beim Vulkan bauen zu laſſen!“ Der Geheimrat verſchwand eiligſt mit „wagerecht abſtehenden Rockſchößen um die offene Tür herumwalzend“. Der Fürſt wandte ſich zu mir und ſagte: „Ich bin Ihnen zu beſonderem Danke verpflichtet. Sie haben dem Vaterland und auch mir einen wichtigen Dienſt erwieſen. Fortan wird nur noch bei uns gebaut. Das werde ich den Hanſeaten ſchon klar machen. Sie können an den Vulkan telegraphieren, daß der Kanzler ſich für den Bau auf der Vulkanwerft verbürgt, möge es der Anfang einer langen Reihe ſein! Die Arbeiter aber, die Sie auf dieſe Weiſe vor Arbeitsloſigkeit geſchützt haben, mögen ſich bei Ihnen bedanken!“ Ich benachrichtigte Geheimrat Schlutow in Stettin, die Freude war groß. Es war der Anfang, der zu dem Bau der herrlichen Schnelldampfer führen ſollte.
Als ich im Dezember 1888 nach meinem Regierungsantritt nach Stettin fuhr, um meinen pommerſchen Grenadieren die Erinnerungs— bänder an ihre Fahnen zu verleihen, beſuchte ich auf Bitten des Vor—
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ſtandes auch den Vulkan. Nach Empfang durch den Vorſtand außer— halb der Werft taten ſich die großen Flügeltore auf, und ich ſchritt hinein. Aber ſtatt Arbeit und dröhnender Hämmer empfing mich tiefe Stille. Die geſamte Arbeiterſchaft ſtand im offenen Halbkreis verſammelt und entblößte ihre Häupter. In ihrer Witte ſtand der älteſte Arbeiter mit ſchneeweißem Bart, einen Lorbeerkranz in der Hand. Ich war ergriffen. Schlutow flüſterte mir zu: „Eine kleine Freude, die die Arbeiter ſich ſelbſt ausgedacht haben.“ Der alte Schmied trat vor, und in kernigen ſchlichten Worten ſprach er mir den Dank der Arbeiter dafür aus, daß ich ſie und vor allem ihre Frauen und Kinder durch meine Verwendung bei Bismarck für das Schiff vor Not und Hunger bewahrt hatte. Als Zeichen der Dank— barkeit der Arbeiterſchaft bat er, den Lorbeerkranz überreichen zu dürfen. Auf das tiefſte bewegt nahm ich den Kranz entgegen und verlieh der Freude darüber Ausdruck, daß ich im Frieden ohne einen Tropfen Blut meinen erſten Lorbeer aus der Hand braver deutſcher Arbeiter empfinge. Das war Anno 1888! Damals wußte die deutſche Arbeiterſchaft den Segen der Arbeit zu ſchätzen.
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Gad e yo
Gan v. Caprivi war bei meinem Regierungsantritt Chef der Admiralität. Er war der letzte General in dieſem Amt. Ich nahm den Aufbau und die Reform, ja man kann ſagen die Neu— gründung der Kaiſerlich Deutſchen Marine auf Grund meiner Vor— ſtudien in England und daheim ſofort energiſch in die Hand. Das paßte dem tüchtigen, aber etwas eigenſinnigen und von Eitelkeit nicht ganz freien General nicht.
Er hatte ſich unzweifelhaft große Verdienſte um die Mobil— machung, die Hebung des Offizierkorps und die Förderung und Entwicklung des Torpedobootweſens erworben. Dagegen lag der Schiffbau, der Erſatz altwerdenden Materials, ganz darnieder, zum Schaden für die Flotte und zum Kummer der aufblühenden, nach Beſchäftigung verlangenden Schiffbauinduſtrie. Caprivi war als alter preußiſcher General der Anſicht ſeiner Zeit- und Altersgenoſſen von 1864, 1866 und 1870/71: die Armee habe immer alles gemacht und ſo werde es weiter bleiben. Daher dürften für die Marine keine großen Geldforderungen an das Land geſtellt werden, weil ſonſt die Gefahr beſtände, daß die Armee um die andern— falls ihr zufließenden Mittel gekürzt und dadurch ihre Entwicklung gehemmt würde. Dieſe Vorſtellung, von der Caprivi nicht abzu— bringen war, war falſch. Der bewilligte Betrag floß nicht in ein Reſervoir, aus dem man durch Umſtellung einer Klappe den Geld—
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ftrom bald in den Armee-, bald in den Marinekanal leiten konnte. Wenn Caprivi für Marinebauten nichts fordern wollte, um da— durch der Armee mehr zuzuwenden, ſo war das alſo verkehrt. Die Armee bekam deswegen nicht einen Maravedi mehr, ſondern auch nur das, was der Kriegsminiſter nach dem Etat für ſie anforderte und erhielt. Das zu ſchaffende Staatsſekretariat für die Marine mußte ganz unabhängig vom Kriegsminifterium ſoviel für die Flotte fordern und durchſetzen, wie für den Schutz unſeres Handels und unſerer Kolonien erforderlich war. So iſt es ſpäter auch geſchehen.
Caprivi trat bald mit der Bitte an mich heran, ihn von ſeinem Poſten abzulöſen. Dieſer befriedige ihn an ſich ſchon nicht; dann aber hätte ich allerhand Zukunftspläne mit der Marine, die er ſchon des— halb für unrealiſierbar halte, weil der Nachwuchs der prima plana (Offiziere) fehle — damals Zugang 60 bis 80 Kadetten im Jahr — und eine große Marine ohne ein großes Offizierkorps undenkbar ſei. Zudem habe er bei den Inſpizierungen Seiner Majeſtät ſehr bald geſehen, daß der Kaiſer von Marineangelegenheiten mehr ver— ſtünde als er, der General, und das bringe ihn ſeinen Untergebenen gegenüber in eine unmögliche Lage.
Unter dieſen Umſtänden trennte ich mich von ihm unter Ver— leihung des Kommandos eines Armeekorps. Nach dem Spruch: „Die Marine den Seeleuten!“ beſtimmte ich zum erſtenmal einen Admiral zu ihrem Leiter, was von den Seeleuten mit großer Freude begrüßt wurde. Es war Admiral Graf Monts.
Als nun der Abgang des Fürſten Bismarck für mich doch ziem— lich unerwartet eintrat, war die Wahl des Nachfolgers ſchwer. Wer es auch ſein mochte — den Nachfolger dieſes gewaltigen Kanzlers erwartete von vornherein ein ſchweres Opfer ohne Ausſicht auf An— erkennung, er würde als Uſurpator auf einem ihm nicht gebühren— den Platz gelten, den auszufüllen er doch nicht imſtande ſei. Kritik, Kritik und nichts als Kritik war das tägliche Brot, auf das der
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neue Kanzler rechnen mußte, und die Feindſchaft aller derer, die zum Fürſten hielten, einſchließlich der vielen, die ſich früher in Oppo— ſition gegen ihn nicht genug hatten tun können. Eine ſtarke Strö— mung würde dem neuen Kanzler Widerſtand bereiten, nicht zum mindeſten der alte Fürſt ſelbſt.
Aus ſolchen Überlegungen heraus wurde beſchloſſen, einen Mann aus der Generation des Fürſten zu wählen, der während der Kriege eine leitende Stellung bekleidet und bereits ein Staatsamt unter dem Fürſten geführt hatte. So kam Caprivi. Sein Alter verbürgte, daß er einen überlegten und ruhigen Ratgeber für den „verwaiſten“ jungen Kaiſer abgeben werde.
Sehr bald kam die Frage der Verlängerung des Rückver— ſicherungsvertrages mit Rußland. Caprivi erklärte, ihn ſchon in Rückſicht auf Oſterreich nicht mehr erneuern zu können, da die darin enthaltene Spitze gegen Oſterreich bei ſeinem kaum vermeidbaren Bekanntwerden in Wien zu recht unangenehmen Konſequenzen zu führen geeignet ſei. So wurde der Vertrag hinfällig. Meiner An— ſicht nach hatte er ſeinen Hauptwert damals ſchon verloren, da die Ruſſen doch nicht mehr mit dem Herzen dahinter ſtanden. In dieſer Auffaſſung beſtärkte mich eine Denkſchrift des Unterſtaatsſekretärs Grafen Berchem, eines Mitarbeiters des Fürſten Bismarck.
Die Agrarkonſervativen machten Front gegen Caprivi als „Mann ohne Ar und Halm“, und ein heftiger Kampf tobte um die Handels⸗ verträge. Dieſe Schwierigkeiten wurden noch weſentlich dadurch vermehrt, daß Fürſt Bismarck, unter Fallenlaſſen ſeiner früheren Grundſätze, ſich an dem Kampf gegen ſeinen Nachfolger mit der ihm innewohnenden Energie beteiligte. So begann die Fronde der Konſervativen gegen Regierung und Krone, und der Fürſt ſäte perſön— lich die Saat, aus der ſpäter der „mißverſtandene Bismarck“ und die ſo oft in der Preſſe angeführte „Reichsverdroſſenheit“ erwuchs. Der „mißverſtandene Bismarck“ hat meine ganze Regierungszeit
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hindurch in Zitaten, Wort und Schrift, ſowie durch paſſive Reſiſtenz und gedankenloſe Kritik meinen Anregungen und Zielen permanenten Widerſtand geſchaffen. Alles, was geſchah, wurde von der ſich dem Fürſten bereitwilligſt zur Verfügung ſtellenden und ſich oft noch bismärckiſcher als Bismarck ſelbſt gebärdenden Preſſe ſchlecht ge— macht, lächerlich gefunden und unterſchiedslos in Grund und Boden kritiſiert.
Beſonders markant zeigte ſich dieſe Erſcheinung bei der Erwerbung von Helgoland. Dieſes Eiland, den großen Waſſerſtraßen, die zu den Haupthandelsplätzen der Hanſa führen, dicht vorgelagert, war in der Hand der Briten eine beſtändige Drohung gegen Ham— burg und Bremen und machte jeden Gedanken an einen Flotten— ausbau unmöglich. Ich hatte daher den feſten Entſchluß gefaßt, dieſes alte deutſche Eiland ſeinem Vaterland wieder zu gewinnen.
Auf dem Kolonialgebiet fand ſich der Weg, um England zur Aufgabe des roten Felſens zu veranlaſſen. Lord Salisbury zeigte ſich geneigt, den „unfruchtbaren Felſen“ für Zanzibar und Witu in Oſtafrika herzugeben. Durch Handelskreiſe und die Meldungen der Kommandanten der deutſchen Kreuzer und Kanonenboote, die dort lagen und an der Küſte der neuerworbenen deutſchen oſtafrikaniſchen Kolonie kreuzten, wußte ich, daß mit dem Aufblühen von Tanga, Dar— es⸗Salam uſw. an der Küſte Afrikas der Wert Zanzibars — als Haupt— umſchlagshafen — dahin fein würde. Denn, ſobald dieſe Plätze ge— nügenden Tiefgang und Ladeeinrichtung für Handels dampfer erhalten haben würden, brauchten die aus dem Inneren an die Küſte kommen— den Güter nicht mehr mit Dhaws nach Zanzibar hinübergebracht und dort nochmals umgeladen zu werden, ſondern man konnte ſie aus den neuen Hafenplätzen der Küſte direkt verfrachten.
So war ich der Überzeugung, daß wir einmal ein annehmbares Tauſchobjekt, zum anderen eine gute Gelegenheit hatten, um kolo— nialen Reibungen mit England aus dem Wege zu gehen und uns
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à lamiable mit ihm zu arrangieren. Caprivi ſtimmte zu, die Ver— handlungen wurden zum Abſchluß gebracht, und eines Abends kurz vor Tiſch konnte ich der Kaiſerin und einigen Vertrauten die hoch— erfreuliche Mitteilung machen, daß Helgoland deutſch geworden war. Eine wichtige — unblutige — Mehrung des Reiches war gelungen, die erſte Bedingung für den Ausbau der Flotte war erfüllt, ein jahrhundertelanger Wunſch der Hanſen und Norddeutſchen in Er— füllung gegangen. Ein bedeutendes Ereignis hatte ſich in der Stille vollzogen.
Wenn die Erwerbung Helgolands unter des Fürſten Bismarck Kanzlerſchaft erfolgt wäre, dann wäre ſie wahrſcheinlich mit Jubel begrüßt worden. Unter Caprivi ſetzte die Kritik ein. Es waren ja bloß der Uſurpator Caprivi, der ſich erkühnte, auf des Fürſten Stuhl zu ſitzen, und der „unberechenbare“, „undankbare“, „impulſive“ junge Herr geweſen, die das gemacht hatten! Wenn Bismarck nur ge— wollt hätte, den „ollen Felſen“ konnte er alle Tage haben, aber die vielverſprechenden afrikaniſchen Beſitzungen den Engländern dafür preiszugeben, ſo ungeſchickt hätte er nie gehandelt und ſich nie ſo übers Ohr hauen laſſen: ſo lautete es faſt von allen Seiten. Des Fürſten Blätter ſtimmten laut in dieſe Kritik mit ein, allerdings ſehr zum Kummer der Hanſen.
Merkwürdig nahmen ſich die Vorwürfe wegen des Austauſches von Zanzibar und Witu in der Preſſe des Fürſten aus, der mir früher, als ich unter ihm arbeitete, immer wieder geſagt hatte, daß er an und für ſich von Kolonien nicht viel halte und ſie hauptſächlich als gelegentliche Tauſchobjekte betrachte, um ſich mit den Engländern aus— einanderzuſetzen. Sein Nachfolger handelte im Falle Helgoland da— nach und wurde dafür auf das heftigſte kritiſiert und angegriffen. Erſt im Laufe des Weltkrieges ſind mir Aufſätze in deutſchen Zeitungen zu Geſicht gekommen, die rückhaltlos den Erwerb von Helgoland als Tat vorausſchauender Politik anerkannten und Betrachtungen daran
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knüpften, was wohl gefchehen fein würde, wenn Helgoland nicht deutſch geworden wäre.
Das deutſche Volk hat allen Grund dazu, dem Grafen Caprivi für dieſe Tat Dank zu wiſſen, denn durch ſie iſt ſeine Flotte und der Sieg am Skagerrak ermöglicht worden. Die deutſche Marine hatte das ſchon längſt erkannt.
Das Schulgeſetz des Grafen Zedlitz brachte neue heftige Kon— flikte. Als fie zu Zedlitz“ Rücktritt führten, wurde aus den Reihen ſeiner Anhänger bereits der Ruf laut: „Geht der Graf, muß der Kanzler auch gehen.“
Caprivi ging in ſtiller, vornehmer Weiſe. Er hat redlich nach ſeinen Kräften und ſeinem Können verſucht, die Traditionen des Fürſten Bismarck fortzuführen. Er hat dabei wenig Unterſtützung ſeitens der Parteien gefunden, dafür um ſo mehr Kritik und Befehdung im Publikum und von denen, die von Rechts wegen und aus Staatsintereſſe ihm hätten zur Seite ſtehen ſollen. Ohne ein Wort der Rechtfertigung hat Caprivi vornehm ſchweigend den Reſt feiner Tage in einſamer Zurückgezogenheit verlebt.
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Hohen lo he
4 Kaiſer Wilhelm II.
2 ftand ich vor der ſchwierigen Aufgabe, einen Kanzler
wählen zu müſſen. Seine Stellung und ſein Wirken würden
ungefähr unter denſelben Auſpizien und Bedingungen ſtehen wie die feines Vorgängers. Nur daß jetzt mehr der Wunſch in die Er— ſcheinung trat, es müſſe ein Staatsmann ſein, natürlich ein älterer, der dem Fürſten Bismarck mehr Vertrauen einflöße, als ein ein— facher General. Ein Staatsmann werde es beſſer verſtehen, in den politiſchen Fußtapfen des Fürſten zu ſchreiten, und dieſem weniger Flächen zur Kritik und zu Angriffen bieten. Letztere hatten allgemach angefangen, in der ganzen Beamtenſchaft, die meiſt noch aus der Zeit des Fürſten ſtammte, eine nicht zu verkennende Nervoſität und Unzufriedenheit auszulöſen, durch welche die Arbeit des ganzen Regierungsmechanismus nicht unerheblich beeinträchtigt wurde, wie auch im Parlament die Oppoſition immer neue Verſtärkung aus bis dahin regierungstreuen Kreiſen erhielt und ſich lähmend fühlbar machte. Namentlich im Auswärtigen Amt begann ſich der Geiſt Holſteins, des vermeintlichen Vertreters der „alten bewährten Bis— marck⸗Traditionen“, ſtark zu regen und machte ſich die Unluſt an der Mitarbeit mit dem Kaiſer beſonders bemerkbar, man glaubte dort offenbar, ſelbſtändig die Politik Bismarcks fortführen zu müſſen. Nach reiflichen Erwägungen entſchloß ich mich, den Fürſten Hohenlohe, der damals Statthalter der Reichslande war, mit der
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Kanzlerſchaft zu betrauen. Er hatte beim Ausbruch des Krieges 1870 als bayeriſcher Miniſter durchgeſetzt, daß Bayern an Preußens Seite trat. Seitdem wurde er vom Fürſten Bismarck wegen ſeiner Reichstreue hochgeſchäzt. Man konnte erwarten, daß dieſem Nach— folger gegenüber des Fürſten Gegnerſchaft nachlaſſen werde. Dieſe Kanzlerwahl war alſo ſtark beeinflußt durch die Rückſicht auf die Perſon des Fürſten Bismarck und die von ihm inſpirierte öffentliche Meinung.
Fürſt Hohenlohe war der Typus des alten vornehmen Grand— ſeigneurs. Sehr urban in ſeinem ganzen Weſen und in ſeinen Umgangsformen, von feinem Geiſt, der einen leichten Beigeſchmack von feiner Ironie zuweilen durchblicken ließ, durch ſein Alter ab— geklärt, ein kühler Beobachter und Beurteiler der Menſchen. Trotz unſerem großen Altersunterſchiede hat er ſich ſehr gut mit mir ein— gelebt. Das wurde auch äußerlich dadurch betont, daß er ſowohl von der Kaiſerin wie von mir als Oheim behandelt und angeredet wurde, wodurch ſich eine gewiſſe Atmoſphäre von familiärer Ver— traulichkeit beim Beiſammenſein um uns wob. In ſeinen Geſprächen mit mir, beſonders bei Beurteilung von Beamten für die Stellen— beſetzungen, gab er ſehr charakteriſtiſche Schilderungen der betreffen— den Herren, oft mit philoſophiſchen Betrachtungen verbunden, die eine tiefe Reflexion über das Leben als ſolches und über die Men— ſchen in ihm verrieten und die auf Lebenserfahrung begründete Reife und Weisheit des höheren Alters zeigten.
In die erſte Zeit der Kanzlerſchaft Hohenlohes fällt ein Vorfall, der auf die Beziehungen zu Frankreich und Rußland ein inter— eſſantes Licht wirft. Als ich zur Zeit der ruſſo-franzöſiſchen Ver— brüderungen durch den Generalſtab wie durch die Botſchaft in Paris ſichere Nachrichten erhalten hatte, daß Frankreich beabſichtige, ſeine Truppen aus Algier zum Teil zurückzuziehen, um ſie in Südfrankreich entweder gegen Italien oder gegen das Elſaß zu dislozieren, machte
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ich dem Zaren Nikolaus II. davon Mitteilung mit der Bemerkung, ich würde zu Gegenmaßregeln ſchreiten müſſen, wenn der Zar ſeine Verbündeten nicht von ſo provozierenden Schritten abhalte. Ruſ— ſiſcher Miniſter des Auswärtigen war damals Fürſt Lobanow, früher Botſchafter in Wien, wegen ſeiner Francophilie bekannt. Er weilte im Sommer 1895 in Frankreich und war dort ſehr gefeiert worden. Im Herbſt, als ich gerade im Jagdſchloß Hubertusſtock in der Schorfheide bei Eberswalde weilte, meldete ſich Fürſt Lobanow auf der Rückreiſe von Paris im Auftrage des Zaren zur Audienz bei mir an. Bei ſeinem Empfang ſchilderte er die ruhige und vernünftige Stimmung, die er in Paris konſtatiert habe, und ſuchte mich auch über die oben erwähnten Truppendislokationen zu beruhigen, die nur leeres Gerücht und Gerede ohne jeden poſitiven Anhalt ſeien. Er bringe die beruhigendſten Verſicherungen mit, ich brauche gar keine Angſt zu haben. Ich erwiderte ihm mit beſtem Dank für die Mit- teilung: Das Wort „Angft” käme im Wörterbuch des deutſchen Offiziers nicht vor. Wenn Frankreich und Rußland Krieg machen wollten, könnte ich es nicht hindern. Worauf der Fürſt mit frommem Augenaufſchlag gen Himmel blickend das Kreuz ſchlug und ſagte: „Oh la guerre? quelle idee, qui y pense, celà ne doit pas èëtre!“ Ich ſagte darauf: Ich denke gewiß nicht daran, aber für einen Be— obachter, der nicht einmal ſehr ſcharfſinnig zu ſein brauche, böten die andauernden Feiern und Reden, ſowie offiziellen und inoffiziellen Beſuche zwiſchen Paris und Petersburg doch gewiſſe Symptome, die nicht unbeachtet bleiben könnten und in Deutſchland ſehr ver— ſtimmten. Sollte es gegen meinen und meines Volkes Willen zum Kriege kommen, ſo hätte ich das Vertrauen zu meinem Gott, wie zum deutſchen Heer und Volk, daß Deutſchland mit beiden Gegnern fertig werden würde.
*) „Oh, Krieg? Welche Vorſtellung! Wer denkt denn daran! Das darf nicht fein!”
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Ich fügte noch einen mir aus Paris gemeldeten Ausſpruch hin— zu, den ein ruſſiſcher Offizier, der als Mitglied einer Offiziers deputation in Frankreich weilte, geäußert hatte. Auf die Frage eines franzöſiſchen Kameraden, ob die Ruſſen ſich auch getrauten, die Deutſchen zu ſchlagen, antwortete der brave Slawe: „Non, mon ami, nous serons battus à plate couture, mais qu’est-ce que ga fait? Nous aurons alors aussi la republique.”*) Der Fürſt ſah mich erſt wortlos an, dann zuckte er mit den Achſeln: „Oh la guerre, il ne faut pas mème y penser.“ **) Der Offizier hatte nur das geſagt, was die allgemeine Anſicht der ruſſiſchen Intelligenz und Geſellſchaft war. Schon bei meinem erſten Aufenthalt in Peters— burg im Anfang der 8Oer Jahre ſagte mir eine Großfürſtin bei Tiſch in aller Gemütsruhe: „Man ſitzt hier permanent auf einem Vulkan, man erwartet die Revolution jeden Tag! Die Slawen ſind nicht treu und keine Monarchiſten, ſie ſind alle Republikaner im Innern und verſtellen ſich und lügen alle und immer.“
Drei größere Ereigniſſe, die mit der äußeren Politik zuſammen— hingen, fielen in die Zeit des Fürſten Hohenlohe: 1895 die Eröff— nung des unter Kaiſer Wilhelm dem Großen begonnenen Kaiſer Wilhelm-Kanals (Nord-Oſtſee-Kanal), zu der als Vertreter Ge— ſchwader oder Schiffe der ganzen Welt geladen wurden, 1897 die Erwerbung von Tſingtau, zum dritten die vielumſtrittene Krüger— depeſche.
Bei der Erwerbung von Tſingtau hat Fürſt Hohenlohe be— ſonderen Anteil genommen. Auch er war der Anſicht, daß Deutſch— land für ſeine Schiffe notwendig eigene Kohlenſtationen brauche, und daß das Drängen der Handelskreiſe, die Gelegenheit der Auf— ſchließung Chinas für den internationalen Handel nicht vorübergehen
*) „Nein, mein Freund, wir werden gänzlich geſchlagen werden, aber was
macht das? Wir werden dann auch die Republik bekommen.“ *) „Oh, Krieg! Daran darf man nicht einmal denken!“
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zu laſſen, berechtigt ſei. Es follte unter Wahrung der chineſiſchen Reichshoheit und Bezahlung des Likins ein Handelsplatz mit mari⸗ timer Kohlenſtation als Schutz gegründet werden, wobei China die größtmögliche Mitwirkung zugedacht war. Die Station ſollte vor allem dem Handel zugute kommen, der militäriſche Teil nur den Schutz für die Entwicklung der Handelsſtadt gewähren, nicht aber Selbſtzweck oder Baſis für weitergehende militäriſche Unternehmungen werden. ö
Es waren ſchon verſchiedene Plätze ins Auge gefaßt worden, die ſich aber bei näherer Betrachtung als nicht geeignet erwieſen, zu⸗ meiſt, weil ſie ſchlechte oder gar keine Verbindung mit dem Hinter⸗ land beſaßen, handelspolitiſch nicht ausſichtsreich oder nicht frei von fremden Vorrechten waren. Auf Grund der Berichte des Admirals Tirpitz, der damals Chef der oſtaſiatiſchen Kreuzerdiviſion war, und des Urteils des Geographen Freiherrn v. Richthofen, der auf eine Anfrage hin ein vielverſprechendes Bild der Entwicklungsmöglichkeit in Shantung gegeben hatte, einigte man ſich ſchließlich auf die Grün— dung einer Niederlaſſung in der Bucht von Kiau-Tſchou.
Es wurden nun ſeitens des Kanzlers Orientierungen eingezogen über die politiſchen Fragen, die dabei auftauchten und zu berück— ſichtigen waren. Insbeſondere galt es, Rußland nicht in die Quere zu kommen oder zu ſtören. Auch bei unſerer oſtaſiatiſchen Divifion wurden weitere Erkundigungen angeordnet. Von ihr liefen gute Meldungen ein über Ankergrund und Eisfreiheit der Bucht von Kiau⸗Tſchou und über die Ausſichten eines etwa dort zu gründenden Hafenplatzes. Bei dem Verkehr mit der ruſſiſchen Chinadiviſion war aus Geſprächen der Führer miteinander bekannt geworden, daß der ruſſiſche Admiral auf Befehl ſeiner Regierung einen Winter in der Bucht geankert, dieſe aber ſo öde und entſetzlich einſam gefunden habe — es gab keine Teehäuſer mit japaniſchen Geiſhas, die von den Ruſſen als für den Winteraufenthalt unbedingt nötig angeſehen
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wurden —, daß das ruſſiſche Geſchwader niemals wieder dorthin gehen werde. Auch habe der ruſſiſche Admiral ſeiner Regierung auf das dringendſte abgeraten, die Idee, ſich in dieſer Bucht feſtzuſetzen, weiter zu verfolgen, weil dort abſolut nichts zu holen ſei. Alſo die Ruſſen hätten dort keine Abſichten.
Dieſe letzte Auskunft traf ziemlich gleichzeitig mit der Antwort des ruſſiſchen Außenminiſters Grafen Muraview an den deutſchen Botſchafter auf die vom Kanzler veranlaßten Sondierungen ein. Muraview ließ wiſſen, Rußland habe zwar keine direkten vertrag— lichen Anſprüche auf die Bucht durch Abkommen mit China, es erhebe jedoch Beſitzanſpruch auf Grund des „droit du premier mouillage“ (Recht der erſten Ankerung), weil die ruſſiſchen Schiffe dort zu allererſt vor anderen Flotten geankert hätten. Dieſe Antwort ſtand alſo im Gegenſatz zu dem Bericht unſerer oſtaſiatiſchen Diviſion über die Außerungen des ruſſiſchen Admirals.
Als ich mit Hollmann beim Kanzler zuſammen kam, um dieſe Antwort zu diskutieren, begleitete der Fürſt deren Verleſung mit feinem feinen ironifchen Lächeln und fügte ſodann hinzu, er habe im Auswärtigen Amt keinen Juriſten finden können, der ihm über dieſe wunderliche Behauptung hätte Auskunft erteilen können, ob die Marine vielleicht dazu in der Lage ſei? Admiral Hollmann erklärte auf Grund ſeiner Erfahrung im Auslandsdienſt, daß er niemals etwas davon gehört habe, das ſei Unſinn und eine Erfindung Mura— view's, der nur nicht wolle, daß ein anderes Volk ſich dort etabliere. Ich empfahl, um die Frage zu klären, den damals noch lebenden berühmteſten Kenner des internationalen Seerechts, Geheimen Ad— miralitätsrat Perels, eine anerkannte Autorität auf dieſem Gebiet, zu einem Gutachten aufzufordern. Das geſchah. Das Gutachten lautete vernichtend für Muraview's Anſicht, beſtätigte die Hollmanns und räumte mit der Legende vom „droit du premier mouillage“ gründlich auf.
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So gingen die Monate hin, und mein Beſuch in Peterhof im Auguſt 1897 ſtand bevor. In Übereinſtimmung mit dem fürſtlichen Oheim beſchloß ich, mit dem Zaren perſönlich und offen die ganze Frage zu beſprechen, und wenn möglich den Muraviewſchen Noten und Ausflüchten ein Ende zu bereiten. Die Ausſprache fand in Peterhof ſtatt. Der Zar erklärte, er habe an den Landesteilen ſüd— lich der Linie Tientſin-Peking kein Intereſſe, alſo ſei kein Grund für ihn vorhanden, uns in Shantung Hinderniſſe zu bereiten. Sein Intereſſe konzentriere ſich auf die Landesteile am Balu, Port Arthur ufw., nachdem die Engländer ihm in Mokpo Schwierigkeiten ge— macht hätten. Er werde ſich ſogar freuen, wenn Deutſchland in Zukunft auf der andern Seite des Golfes von Tſchili als Ruß— lands gern geſehener Nachbar erſcheine. Nachher hatte ich ein Ge— ſpräch mit Muraview. Er wandte alle ſeine Tricks an, drehte und wendete ſich und brachte endlich fein berühmtes „droit du premier mouillage“ vor. Ich hatte bloß auf dieſen Augenblick gewartet und ging nun meinerſeits zur Offenſive über, indem ich ihm gründlich mit dem Perelsſchen Gutachten zu Leibe rückte. Als ich ihm ſchließ— lich, wie der Zar es gewünſcht hatte, das Ergebnis des Geſprächs der beiden Souveräne mitteilte, wurde der Diplomat noch mehr be— treten, verlor ſeine gekünſtelte Ruhe und kapitulierte.
So war der Boden politiſch vorbereitet. Im Herbſt kam die Nachricht des Biſchofs Anzer über die Ermordung der beiden deut— ſchen katholiſchen Miſſionare in Shantung. Die ganze deutſche katholiſche Welt, beſonders die „Kolonialen“ in der Zentrumspartei, verlangte energiſche Maßnahmen. Der Kanzler ſchlug mir ſofortiges Einſchreiten vor. Auf der Winterjagd in Letzlingen beriet ich in einem der kleinen Türme des Schloſſes mit ihm die zu ergreifenden Schritte. Der Fürſt machte den Vorſchlag, den anweſenden Prinzen Heinrich von Preußen mit dem Kommando des zur Verſtärkung der oſtaſiatiſchen Diviſion hinauszuſendenden Geſchwaders zu betrauen.
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Ich machte meinem Bruder hiervon in Gegenwart des Kanzlers Mitteilung. Der Prinz und die anweſenden Herren waren hoch— erfreut. Der Kanzler ſandte die Mitteilung an das Auswärtige Amt und an den auf Reiſen befindlichen neuen Staatsſekretär des Außeren, Herrn v. Bülow.
Im November 1897 wurde Kiau-Tſchou beſetzt. Im Dezember des Jahres ging Prinz Heinrich mit ſeiner Diviſion an Bord der „Deutſchland“ nach Oſtaſien hinaus, wo er ſpäter das Kommando über das geſamte oſtaſiatiſche Geſchwader übernahm. Am 6. März 1898 wurde der Pachtvertrag über Kiau-Tſchou mit China unterzeichnet. Zur ſelben Zeit regte Mr. Chamberlain in London beim japanifchen Geſandten Baron Kato den Gedanken des Abſchluſſes eines engliſch— japaniſchen Bündniſſes an, um dem Vordringen Rußlands im Oſten einen Riegel vorzuſchieben.
Man wird naturgemäß fragen, warum bei unſerem kühnen Vor— gehen nicht auch von England die Rede iſt, das doch weſentlich daran intereſſiert war. Aber ein Vorſpiel mit England war bereits vor— ausgegangen. Ich hatte, um dem Mangel an deutſchen Kohlen— ſtationen abzuhelfen, die Abſicht gehabt, ſolche möglichſt im Einver— ſtändnis mit England zu gründen, zu pachten oder käuflich zu er— werben. Da mein Oheim der Kanzler, als Hohenlohe ein Ver— wandter der Königin Victoria, Ihrer Majeſtät von früher her perſönlich bekannt und von ihr ſehr geſchätzt war, ſo erhoffte ich hier— von einige Erleichterung in den Verhandlungen, die zu dem er— wähnten Zweck mit der engliſchen Regierung geführt wurden. Dieſe Hoffnung erwies ſich als trügeriſch. Die Verhandlungen zogen ſich in die Länge, ohne Ausſicht auf erfolgreichen Abſchluß zu bieten.
Ich nahm daher auf Wunſch des Kanzlers Veranlaſſung, die Angelegenheit mit dem engliſchen Botſchafter in Berlin durchzu— ſprechen. Ich beklagte mich über die Behandlung ſeitens der eng— liſchen Regierung, die ſich überall ſelbſt den berechtigtſten deutſchen
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Wünſchen entgegenftellte. Der Botſchafter gab dies unumwunden zu und äußerte ſein Erſtaunen darüber, daß man in England ſo wenig entgegenkommend und ſo kurzſichtig ſei. Denn wenn eine junge aufſtrebende Nation wie Deutſchland, deren Entwicklung doch nicht aufzuhalten ſei, ſtatt friſchweg zuzugreifen oder ſich mit andern Nationen zu verbinden, ſich direkt an England wende, um mit deſſen Einverſtändnis Erwerbungen vorzunehmen, ſo ſei das eigentlich ſchon mehr, als England verlangen könne. Und, da England faſt ſchon die ganze Welt gehöre, könne es doch wohl eine Stelle finden, wo es Deutſchland geſtatte, ſich eine Station zu etablieren. Er verſtehe die Herren in Downingſtreet nicht. Wenn Deutſchland die Anlagen nicht mit Englands Beiſtand erhalte, werde es ſich vorausſichtlich ſelbſtändig geeignete Stellen nehmen, denn irgendein Recht, es daran zu hindern, gäbe es ſchließlich nicht.
Ich betonte, daß dies durchaus meine Auffaſſung ſei, und faßte zum Schluß dem Botſchafter gegenüber meinen Standpunkt noch— mals dahin zuſammen: Deutſchland ſei das einzige Land der Welt, das trotz feinem Kolonialbeſitz und feinem ſich raſch ausdehnenden Handel noch keine Kohlenſtationen habe. Wir wollten ſolche gern im Einvernehmen mit England erwerben. Weigere ſich England, Verſtändnis für unſere Lage und Entgegenkommen zu zeigen, ſo müßten wir uns an eine andere Großmacht wenden, um mit deren Hilfe Niederlaſſungen zu gründen. Auch dieſes Geſpräch nutzte nichts. Schließlich wurden die Verhandlungen von England in ziemlich unhöflicher Form ohne Reſultat abgebrochen. Daraufhin entſchloſſen ſich der Kanzler und ich, uns an Rußland zu wenden.
Die Beſetzung von Kiau-Tſchou löſte bei der engliſchen Regie— rung Überraſchung und Ärger aus. Sie hatte bei ihrer Ablehnung beſtimmt darauf gerechnet, daß niemand Deutſchland zum Ziele helfen werde. Nun war es anders gekommen, und Rekriminationen aus London blieben nicht aus. Als der engliſche Botfchafter dieſen Aus—
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druck verlieh, wurde er auf das Geſpräch mit mir hingewieſen, und es wurde ihm klar gemacht, daß es allein die Schuld ſeiner Regie— rung war, wenn es zu keinem Arrangement mit Deutſchland ge— kommen ſei. —
Die ablehnende Haltung Englands hat uns damals befremdet. Ein Vorgang, der mir zu jener Zeit noch nicht bekannt geweſen iſt, dürfte geeignet ſein, jetzt Licht in die Angelegenheit zu bringen. In einer Publikation „The Problem of Japan“ ), die im Jahre 1918 anonym im Haag erſchienen iſt und von einem „Exdiplomaten aus dem fernen Oſten“ geſchrieben ſein ſoll, wird ein Auszug aus einem Werke des Profeſſors der Geſchichte an der Waſhington Univerſität in St. Louis, Roland Uſher, veröffentlicht. Uſher iſt, ebenſo wie fein früherer Kollege, Profeſſor John Baſſett Moore von der Columbia— Univerſität in New Vork, des öfteren vom State Department in Waſhington als Ratgeber auf dem Gebiete auswärtiger Beziehungen herangezogen worden, da er wie wenige Männer in Amerika eine eingehende Kenntnis der internationalen Fragen, die auf die Ver— einigten Staaten Bezug haben, beſitzt. Profeſſor Uſher hat in ſeinem 1913 erſchienenen Werke zum erſten Male das Vorhandenſein und den Inhalt eines „Agreement“ oder „Treaty“ (Abkommen oder Vertrag) geheimer Natur zwiſchen England, Amerika und Frank— reich aus dem Frühjahr 1897 bekannt gegeben. In dieſem Agree— ment war vereinbart, daß, falls Deutſchland oder Oſterreich oder beide einen Krieg um des „Pangermanismus“ (Alldeutſchtums) willen beginnen würden, die Vereinigten Staaten ſich ſofort für Eng— land und Frankreich erklären und alle Kräfte aufbieten ſollten, dieſen beiden Mächten beizuſtehen. Profeſſor Uſher führt des längeren alle Gründe, auch kolonialer Natur an, die es für die Vereinigten Staaten zwingend machten, ſich unbedingt auf ſeiten Englands und Frank—
*) Deutſche Ausgabe: „Das Problem Japans“. Leipzig 1920 (K. F. Koehler). 60
reichs an einem Kriege gegen Deutſchland zu beteiligen, den Profeſſor Uſher 1913 als bald bevorſtehend vorausſagt!!
Der ungenannte Verfaſſer von „The Problem of Japan“ hat ſich der Mühe unterzogen, die Abmachungen zwiſchen England, Frankreich und Amerika von 1897 tabellarifch zu rubrizieren und dadurch das Maß der gegenſeitigen Verpflichtungen in greifbarer Geſtalt darzu— legen. Das Kapitel“) iſt außerordentlich leſenswert und gibt einen guten Einblick in die Vorgeſchichte und die Vorbereitung des Weltkrieges ſeitens der „Entente“, die ſich damals ſchon gegen Deutſchland vereinigte, wenn fie auch noch nicht unter dem Namen Entente cordiale auftrat. Der Exdiplomat bemerkt hierzu: „Hier hat man einen Vertrag, von dem Profeſſor Uſher behauptet, er fei ſchon Anno 1897 geſchloſſen worden, in welchem jede Phaſe der An— teilnahme und Betätigung Englands, Frankreichs und Amerikas bei zukünftigen Ereigniſſen ſchon vorgeſehen iſt, einſchließlich der Er— oberung der ſpaniſchen Kolonien, der Kontrolle über Mexiko und Zentralamerika, der Offnung Chinas und der Annexion von Kohlen— ſtationen. Profeſſor Uſher will uns nun glauben machen, daß alle dieſe Maßnahmen getroffen wurden, um die Welt vor dem Pan— germanismus’ zu ſchützen.“
„Es iſt überflüſſig,“ fährt der Exdiplomat fort, „Profeſſor Uſher daran zu erinnern, daß, wenn wir wirklich annehmen wollen, daß das Geſpenſt des „Pangermanismus“ überhaupt exiſtiert, doch 1897 beſtimmt noch niemand etwas davon gehört hatte — denn zu dieſer Zeit hatte Deutſchland noch nicht einmal ſein großes Flottenprogramm aufgeſtellt, das überhaupt erſt 1898 verlautbart wurde. Wenn es alſo wahr iſt, daß England, Frankreich und die Vereinigten Staaten die gemeinſamen Pläne hegten, die Profeſſor Uſher ihnen nachſagt, und daß ſie ein Bündnis zu deren Durchführung ſchloſſen, ſo wird
) In der deutſchen Ausgabe S. 91-106. 61
es kaum angehen, die Konzeption zu dieſem Gedanken und den An— trieb zu ſeiner Durchführung einem ſo ſchwachen Vorwand wie dem Aufkommen des ‚Pangermanismus“ zuzuſchreiben.“ Soweit der Exdiplomat.
Man muß ſtaunen. Ein direkter Aufteilungsvertrag gegen Spanien, Deutſchland uſw. wird von Galliern und Angelſachſen im tiefſten Frieden bis in die Details geregelt, abgeſchloſſen, ohne jede Gewiſſensbiſſe, zum Zwecke Deutſchland-Oſterreich zu zertrümmern und ihre Konkurrenz vom Weltmarkt auszuſchließen! 17 Jahre vor Beginn des Weltkrieges iſt dieſer Vertrag von den vereinigten Gallo-Angelſachſen geſchloſſen und ſein Ziel ſyſtematiſch durch dieſe ganze Zeitperiode hindurch vorbereitet worden! Nun begreift man auch die Leichtigkeit, mit der König Eduard VII. feine Einkreiſungs— politik betreiben konnte, die Hauptakteure waren ſchon lange einig und bereit. Als er den Pakt „Entente cordiale“ taufte, war dieſe Erſcheinung für die Welt, zumal für die deutſche, ein unangenehmes Novum, für drüben war es nur die offizielle Anerkennung der dort längſt bekannten Tatſachen.
Angeſichts dieſes Agreements verſteht man nun auch den Wider— ſtand Englands im Jahre 1897 gegen ein Abkommen mit Deutſch— land über Kohlenſtationen und den Ärger darüber, daß es Deutſch— land mit ruſſiſchem Einverſtändnis gelungen war, feſten Fuß in China zu faſſen, über deſſen Ausnutzung ohne Deutſchlands Wit— wirkung man ſich eben zu dritt geeinigt hatte. Uſher hat aus der Schule geplaudert und ſchlagend bewieſen, bei wem die Schuld am Weltkrieg wirklich liegt. Es iſt der gegen Deutſchland ge— richtete Vertrag — „Gentleman's agreement“ zuweilen genannt — vom Frühjahr 1897, der die Grundlage, den Ausgangspunkt bildet und von den Ententeländern durch 17 Jahre ſyſtematiſch ausgebildet wurde. Als es ihnen gelungen war, auch Rußland und Japan für ſich zu gewinnen, ſchlugen ſie los, nachdem Serbien den Mord von
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Seraſewo infzeniert und damit die Lunte in das ſorgfältig gefüllte Pulverfaß geſchleudert hatte.
Profeſſor Uſher's Mitteilungen bedeuten aber auch eine glatte Ab— fertigung für alle die Leute, die während des Krieges in einzelnen militäriſchen Handlungen ſeitens Deutſchlands, wie z. B. dem Luſitaniafall, der Verſchärfung des U-Bootkrieges uſw., den Grund für die Teilnahme der Vereinigten Staaten am Kriege ſuchen zu müſſen glaubten. Nichts von alledem iſt richtig. Das füngſt er— ſchienene vortreffliche Buch von John Kenneth Turner „Shall it be again?“ weiſt auf Grund überzeugenden Beweismaterials nach, daß Wilſons angebliche Kriegsgründe und Ziele nicht die wirklichen ge— weſen ſind. Amerika — oder richtiger ſein Präſident Wilſon — war wohl von Anfang an, jedenfalls ſeit 1915, entſchloſſen, gegen Deutſch— land Stellung zu nehmen und zu fechten. Das letztere tat es unter dem Vorwand des U-Bootkrieges, in Wirklichkeit unter dem Einfluß mächtiger Finanzgruppen und auf das Drängen und Bitten ſeines Partners Frankreich, deſſen Menſchenmaterial ſich mehr und mehr erſchöpfte. Amerika wollte das geſchwächte Frankreich nicht allein mit England laſſen, deſſen Annexionsgelüſte auf Calais, Dünkirchen uſw. ihm wohlbekannt waren. —
Für Deutſchland iſt es verhängnisvoll geweſen — das ſei hier im allgemeinen eingeſchaltet —, daß unſer Auswärtiges Amt der großzügigen Einkreiſungspolitik Englands und der Verſchlagenheit Rußlands und Frankreichs keine ebenbürtige diplomatiſche Kunſt ent— gegen zu ſtellen verſtanden hat. Zum Teil war das eine Folge da— von, daß es unter Fürſt Bismarck nicht eigentlich geſchult worden und infolgedeſſen, als nach des Fürſten und Graf Herberts Abgang der alles beherrſchende Wille und Geiſt fehlte, der Aufgabe, nun ſelbſtändig die äußere Politik zu führen, nicht recht gewachſen war. Es iſt aber in Deutfchland überhaupt ſchwer, einen guten diplo— matiſchen Nachwuchs heranzuziehen. Denn es fehlt unſerem Volk
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der Sinn und die Begabung für Diplomatie, die fih nur in ein- zelnen Geiſtern, wie Friedrich dem Großen und Bismarck, glänzend gezeigt hat. Ungünſtig für das Auswärtige Amt war auch der im Laufe der Jahre reichlich häufige Wechſel der Staatsſekretäre. Die jeweiligen Reichskanzler behielten, nach dem Muſter Bismarcks, die Einwirkung auf das Auswärtige Amt und ſchlugen die Staats— ſekretäre vor, die es leiten ſollten. Ich habe den hierauf bezüglichen Anträgen der Reichskanzler Rechnung getragen, da ich ihnen das Recht zuerkannte, ihre erſten Mitarbeiter auf dem Gebiete der aus— wärtigen Politik ſelbſt zu wählen. Daß der hiermit verbundene häufige Wechſel für die Kontinuität in der Politik nicht förderlich ſein konnte, war ein Nachteil, der in Kauf genommen werden mußte.
Im Auswärtigen Amt herrſchte vielfach der Grundſatz „nur keine unliebſamen Störungen mit anderen Mächten!“, „surtout pas d'histoires!“ ), wie der franzöſiſche General einer Kompagnie ſagte, von der ihm gemeldet wurde, ſie habe meutern wollen. Einer der Staatsſekretäre ſagte mir einmal bei einem Vortrage, als er auf die ſcheinbar bedenkliche Lage in einer äußeren Frage von mir hin— gewieſen wurde: Das müſſe ſich wieder zurecht ziehen, für das Auswärtige Amt komme vor allem der Grundſatz in Betracht: „Nur Ruhe!“ Aus dieſer Anſchauung iſt auch die Antwort zu verſtehen, die der deutſche Vertreter in einer ſüdamerikaniſchen Republik einem deutſchen Kaufmann erteilte, der ſich bei ihm Hilfe und Fürſprache erbat, weil ihm ſein Laden geplündert und ſein Vermögen geſtohlen worden ſei: „Ach laſſen Sie mich doch mit dieſen Sachen ungeſchoren. Wir haben eben ſo gute Beziehungen mit der Republik etabliert, die werden ja durch eine Aktion für Sie nur geſtört.“ Es bedarf kaum der Erwähnung, daß ich — wo immer mir eine derartige Auffaſſung zur Kenntnis gekommen iſt — den Betreffenden aus ſeiner Stellung entfernt habe. ö
*) ‚Nur keine Geſchichten!“
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Das Auswärtige Amt hat fih im Volke wie im Heere all— gemeiner Unbeliebtheit erfreut. Ich habe wiederholt bei verſchiedenen Kanzlern eine gründliche Reform angeregt. Aber vergebens. Jeder neue Kanzler, zumal wenn er nicht ſelbſt aus dem Auswärtigen Dienſte kam, brauchte das Auswärtige Amt, um ſich in die äußere Politik einzuarbeiten. Das erforderte erſt einmal Zeit. Hatte er ſich aber eingearbeitet, dann war er der Behörde zu Dank verpflichtet Ind ſcheute ſich, mit anderen Arbeiten überbürdet und auch aus Mangel an eingehender Perſonalkenntnis, durchgreifende Verände— rungen vorzunehmen, zumal er doch immer noch des Rates der „Orientierten“ zu bedürfen glaubte. _
Doch kehren wir noch einmal zu Tſingtau zurück. Hier war alles auf die Belebung von Handel und Induſtrie zugeſchnitten, und alles wurde gemeinſam mit den Chineſen geſchaffen, wie auch die Flagge des chineſiſchen Reiches über der Zollbehörde in Tſingtau wehte. Die Entwicklung war derart, daß der Ort in den letzten Jahren vor dem Kriege im Handelsregiſter der großen chineſiſchen Kaufmanns⸗ und der Handelsgilde gleich hinter Tientſin an ſechſter Stelle unter allen chineſiſchen Handelsplätzen ſtand. Tſingtau war eine aufblühende deutſche Handelskolonie, von den Chineſen geſchätzt und bewundert, und viele Chineſen wirkten in ihr mit. Es war gewiſſermaßen ein großes Muſterlager deutſchen Könnens und deutſcher Leiſtungen zur Auswahl und Nacheiferung für die Chineſen, die Deutſchland, feine Leiſtungsfähigkeit und Produkte vorher nicht ge— kannt hatten, ein Gegenſatz zu den rein militäriſchen, auf Beherrſchung und Eroberung gerichteten Flottenbaſen Rußlands und Englands.
Das ſchnelle Aufblühen Tſingtaus als Handelsplatz hat den Neid der Japaner und Engländer erregt, wenn letztere es ſich auch nicht nehmen ließen, in Scharen mit ihren Familien den herrlichen Strand, die kühle Luft und das ſchöne Strandhotel der Kolonie aufzuſuchen und ſich hier dem Polo und Lawntennis zu widmen, nachdem fie
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der Hitze Hongkongs, Kantons und Shanghais entflohen waren. Aus Neid verlangte England 1914, Japan ſolle Tſingtau nehmen — obgleich es de facto chineſiſch war. Japan tat es mit Freuden unter dem Verſprechen der Rückgabe an China. Aber dieſe iſt erſt nach langem Drängen Anfang 1922 erfolgt, trotzdem Japan mit Amerika vereinbart hatte, daß es, ohne Waſhington vorher zu kon— ſultieren, keine territorialen Veränderungen in China vornehmen dürfe. Damit iſt ein großes deutſches Kulturwerk im Ausland, das vorbildlich für die Art und Weiſe war, wie ein Kulturland einer anderen Nation die Vorteile ſeiner Kultur zeigen und mitteilen kann, durch engliſchen Handelsneid vernichtet worden. England wird es einſtmals, wenn Hongkong denſelben Weg gegangen ſein wird, be— reuen und ſich bittere Vorwürfe machen, daß es ſeinen alten Grund— ſatz, nach dem es ſo lange mit Vorteil gehandelt hat, verließ: „White man together against coloured man!“ “) Wenn Japan erſt ſeine Parole „Aſien für die Aſiaten“ verwirklicht und China und Indien unter ſeine Botmäßigkeit gebracht haben wird, dann wird England ſich noch nach Deutſchland und ſeiner Flotte umſehen. Über die „Gelbe Gefahr' iſt es ſpäter, nach dem ruſſiſch-ja— paniſchen Kriege, bei einer Begegnung mit dem Zaren zu folgen— der Unterhaltung gekommen. Der Zar ſtand damals ſichtlich unter dem Eindruck der wachſenden japaniſchen Macht und der von ihr ausgehenden Bedrohung Rußlands und Europas, und bat mich um meine Meinung darüber. Ich antwortete ihm: Wenn die Ruſſen ſich zu den kultivierten Mächten Europas zählten, müßten ſie auch deren Schutz gegen die „Gelbe Gefahr“ zu übernehmen bereit fein und für und mit Europa fechten für ihre und ſeine Exiſtenz und Kultur. Fühlten ſich dagegen die Ruſſen als Aſiaten, ſo würden ſie ſich mit der „Gelben Gefahr“ verbinden und gemeinſam mit ihr über Europa
*) „Die weißen Völker immer zuſammen gegenüber den farbigen!”
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herfallen. Danach müſſe der Zar feine Landesverteidigung und fein Heerweſen einrichten. Auf die Frage des Zaren, was ich denn er— warte, daß die Ruſſen tun würden, erwiderte ich: „Das zweite.“ Der Zar war entrüſtet und wünſchte ſofort zu wiſſen, auf welche Tatſachen ſich dieſes Urteil gründe. Meine Antwort lautete: Auf die Tatſachen des Eiſenbahnbaues und des Aufmarſches des ruſſiſchen Heeres an der preußiſch-öſterreichiſchen Grenze. Darauf proteſtierte der Zar: Er und ſein Haus ſeien Europäer, und ſein Land und ſeine Ruſſen würden gewiß zu Europa halten, und es werde ihm eine Ehrenpflicht ſein, dieſes vor den „Gelben“ zu beſchirmen. Ich be— merkte darauf, wenn er ſo ſtände, dann müſſe er ungeſäumt ſeine militäriſchen Vorbereitungen dementſprechend treffen. Dazu ſchwieg der Zar.
Jedenfalls habe ich die Beſorgniſſe des Zaren Nikolaus II. vor der wachſenden japaniſchen Macht für Deutſchland und für die ge— ſamte europäiſche Kultur auszuwerten geſucht. Rußland iſt trotz dem Zuſammengehen mit Japan als erſter der am Kriege beteiligten Staaten niedergebrochen.
Die klugen Staatsmänner in Japan, deren es gar manche gibt, werden inzwiſchen wohl in einigem Zweifel darüber ſein, ob ſie ihr Land im Weltkriege auf die richtige Seite geſtellt hatten. Ja, ſie werden ſich vielleicht fragen, ob es für Japan nicht vorteilhafter ge— weſen wäre, wenn es den Weltkrieg verhindert hätte. Das hätte in ſeiner Macht gelegen, wenn es ſich ſtark und eindeutig auf die Seite der Mittelmächte geſtellt hätte, von denen es in vergangener Zeit ſo gern und viel gelernt hat. Hätte Japan rechtzeitig eine der— artige Orientierung ſeiner Außenpolitik vorgenommen und ähnlich wie Deutſchland mit friedlichen Mitteln um ſeinen Anteil an Handel und Wandel in der Welt geworben, ſo hätte ich mit Freuden die „Gelbe Gefahr“ in die Ecke geſtellt und die aufſtrebende Nation, „die Preußen des Oſtens“, im Kreiſe aller friedfertigen Völker begrüßt.
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Niemand bedauert mehr als ich, daß die „Gelbe Gefahr“ nicht ſchon ihren Sinn verloren hatte, als die Kriſe von 1914 anbrach. Die Erfahrungen des Weltkrieges können dieſen Wandel noch bringen.
Daß Deutſchland den Schritt Frankreichs und Rußlands in Shimonoſeki mitgemacht hat, war durch die politiſche Lage Deutfch- lands in Europa begründet. Eingekeilt zwiſchen dem aufmarſchie⸗ renden, Preußens Grenze bedrohenden Rußland und dem ſeine Grenzen mit Forts und Feſtungsgruppen neuſtärkenden Frankreich, die eine bündnisartige Freundſchaft gegen Deutſchland verband, ſah man in Berlin mit Sorge der Zukunft entgegen. Die Rüſtungen der beiden Mächte waren uns weit voraus und ihre Flotten viel moderner und ſtärker, als die aus ein paar alten, kaum einen Ge— fechtswert beſitzenden Schiffen beſtehende Deutſchlands. Somit ſchien es uns ein Gebot der Klugheit, dem Vorſchlage dieſer ftarfen Gruppe Folge zu leiſten, damit fie ſich nicht — im Falle unferer Ablehnung — ſofort an England wandte und deſſen Zutritt erzielte. Das hätte ſchon damals die Kombination von 1914 ergeben, der gegenüber Deutſchland einen ſchweren Stand gehabt hätte. Japan hingegen ſtand ſowieſo ſchon im Begriff, mit ſeinen Sympathien nach Eng⸗ land überzuſchwenken. Außerdem bot das Mitgehen Deutſchlands mit der franco-ruſſiſchen Gruppe immerhin die Möglichkeit, infolge der im fernen Oſten gemeinſam vertretenen Politik allmählich auch in Europa zu einem vertrauensvolleren und weniger geſpannten Verhältnis und Nebeneinanderleben mit den beiden Nachbarn zu kommen. Unſere hier eingeſchlagene Politik bewegte ſich mithin auch hier folgerichtig auf der Linie der Erhaltung des Weltfriedens. —
In der ganzen Frage von Kiau-Tſchou hat Fürſt Hohenlohe trotz ſeinem hohen Alter eine Zielbewußtheit und eine Entſchlußkraft an den Tag gelegt, die ihm hoch angerechnet werden müſſen. Leider bat ihn feine Umſicht und fein ſonſt fo klarer Blick in der Angelegen— heit der Krügerdepeſche im Stich gelaſſen, anders iſt ſein ſtarres
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Feſthalten an ihrer Abſendung nicht zu verſtehen. Der Einfluß einer fo energiſchen, der Rede mächtigen Perfonlichfeit, wie Herr v. Mar⸗ ſchall, der ehemalige Staatsanwalt, es war, mag wohl ein fo prä⸗ ponderanter, und die Sirenenklänge Herrn v. Holſteins mögen ſo überzeugend geweſen ſein, daß der Fürſt ſich ihnen gefügt hat. Immer⸗ hin hat er ſeinem Lande einen ſchlechten Dienſt damit erwieſen und mir ſowohl in England als auch im Inlande ſehr ſchweren Schaden getan.
Da die ſogenannte Krügerdepeſche viel Aufſehen erregt und ſtarke politiſche Nachwirkungen verurſacht hat, will ich ihre Geſchichte ein— gehend ſchildern.
Der Jameſon-Einfall hatte in Deutſchland eine große, ſich ftet- gernde Erregung ausgelöſt. Das deutſche Volk empörte ſich über dieſen Verſuch der Vergewaltigung einer kleinen Nation, deren Ur⸗ ſprung niederländiſch, alſo auch niederſächſiſch⸗deutſch iſt, und die aus völkiſch⸗verwandtſchaftlichen Gründen Sympathie bei uns genoß. Mir machte dieſe heftige Erregung, die auch die höheren Kreiſe der Geſellſchaft ergriff, wegen etwaiger Verwicklungen mit England große Sorge. Ich war der Anſicht, daß man England, wenn es die Burenſtaaten erobern wollte, daran nicht hindern könnte, obwohl auch ich der Überzeugung war, daß dieſe Eroberung zu Unrecht ge⸗ ſchehe. Aber ich vermochte gegen jene Stimmung nicht aufzukommen und wurde ſogar in meinem näheren Bekanntenkreiſe wegen meiner Stellungnahme recht ablehnend beurteilt.
Als ich mich eines Tages zu einer Beſprechung bei meinem Oheim dem Reichskanzler befand, bei der der Staatsſekretär des Reichsmarineamts Admiral Hollmann zugegen war, erſchien plötzlich in erregter Stimmung der Staatsſekretär Freiherr Marſchall mit einem Blatt Papier in der Hand. Er erklärte, die Erregung im Volke, ja auch im Reichstag ſei ſo gewachſen, daß es unumgäng⸗ lich nötig ſei, ihr nach außen hin Ausdruck zu geben. Das geſchehe
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am beiten durch ein Telegramm an Krüger, zu dem er den Entwurf in der Hand hielt. Ich ſprach mich dagegen aus und wurde darin von Admiral Hollmann unterſtützt. Der Reichskanzler verhielt ſich bei dieſer Debatte zunächſt paſſiv. Da ich die Unkenntnis der eng— liſchen Volkspſyche ſeitens des Auswärtigen Amtes und des Frei— herrn Marſchall kannte, verſuchte ich, dieſem die Folgen, die ein ſolcher Schritt im engliſchen Volk auslöſen werde, klar zu machen, auch hierbei ſekundierte mir Admiral Hollmann. Marſchall war aber nicht zu überzeugen.
Da endlich ergriff der Reichskanzler das Wort und bemerkte, daß ich mich als konſtitutioneller Herrſcher nicht in Gegenſatz zum Volksbewußtſein und zu meinen verfaſſungsmäßigen Ratgebern ſtellen dürfe. Sonſt drohe die Gefahr, daß die ſehr erregte Stimmung des in ſeinem Gerechtigkeitsgefühl — auch ſeinem Witgefühl für die Niederlande — ſtark getroffenen deutſchen Volkes über die Ufer ſchlagen und ſich auch gegen mich perſönlich wenden werde. Schon ſetzt ſeien Bemerkungen im Volke im Umlauf: Der Kaiſer ſei ja doch ein halber Engländer und habe heimliche engliſche Sympathien, er ſtehe ganz unter dem Einfluß ſeiner Großmutter, der Königin Victoria, die „Onfelei” aus England müſſe endlich aufhören, der Kaiſer müßte aus der engliſchen Vormundſchaft heraus uſw. Da— her müſſe er, der Reichskanzler, wenn er auch die Berechtigung meiner Einwürfe nicht verkenne, aus allgemeinem politiſchen Inter— eſſe, wie vor allem im Intereſſe meines Verhältniſſes zu meinem Volk, darauf beſtehen, daß ich das Telegramm unterzeichne. Er wie Herr v. Marſchall als meine verfaſſungsmäßigen Berater über— nähmen für das Telegramm und ſeine Konſequenzen die volle Ver— antwortung.
Admiral Hollmann, vom Reichskanzler erſucht, ſeinen Standpunkt zu teilen und auch ſeinerſeits mir gegenüber zu vertreten, lehnte dies mit dem Bemerken ab, daß die angelſächſiſche Welt unbedingt den
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Kaiſer mit dem Telegramm belaften werde, da man Seiner Maſe— ſtät älterem Ratgeber eine ſolche Provokation niemals zutrauen, ſondern fie als eine „impulfive” Handlung des „jugendlichen“ Kaiſers deuten werde.
Darauf verſuchte auch ich nochmals, die Herren von ihrem Plan abzubringen. Der Reichskanzler und Marfchall beſtanden aber dar— auf, daß ich unterzeichne, unter Betonung ihrer Verantwortlichkeit für die Folgen. Dieſen Vorſtellungen glaubte ich mich nicht ver— ſagen zu ſollen. Ich unterſchrieb.
Den ganzen Vorgang hat mir Admiral Hollmann nicht lange vor ſeinem Tode noch einmal mit allen Details, wie er hier ge— ſchildert iſt, ins Gedächtnis zurückgerufen.
In einer Veröffentlichung des damaligen Vertreters der Times Sir Valentine Chirol in den Times vom 11. Sept. 1920 erzählt dieſer, daß Herr v. Marſchall ihm unmittelbar nach Abſendung der Depeſche erklärt habe, die Depeſche gäbe nicht die perſönliche Auf— faſſung des Kaiſers wieder, ſie ſei eine „Staats-Aktion“, für die der Kanzler und er ſelbſt die volle Verantwortung trügen.
Nach der Veröffentlichung der Krügerdepeſche ging der Sturm in England los, wie ich es vorausgeſagt hatte. Ich erhielt aus allen Kreiſen Englands, zumal aus ariſtokratiſchen, auch von mir unbe— kannten Damen der Geſellſchaft, eine wahre Flut von Briefen mit allen denkbaren Vorwürfen, die ſogar vor perſönlichen Schmähungen und Beleidigungen nicht halt machten. Angriffe und Verleumdungen ſeitens der Preſſe ſetzten ein, und bald war die Legende von der Entſtehung der Depeſche ſo feſtſtehend wie das Amen in der Kirche. Hätte Marſchall ſeine zu Chirol geäußerte Darlegung des wirklichen Sachverhalts auch im Reichstage kundgegeben, dann wäre ich perſönlich nicht in ſolchem Maße in die Sache hineingezogen worden. —
Im Februar 1900, als der Burenkrieg im Gange war, erhielt ich, während ich mich gerade nach der Vereidigung der Rekruten in
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Wilhelmshaven mit der Flotte bei Helgoland zu Exerzitien der Linienſchiffe befand, aus der Wilhelmſtraße via Helgoland die tele— graphiſche Meldung, daß Rußland und Frankreich an Deutſchland den Vorſchlag gerichtet hätten, jetzt, wo England engagiert ſei, ihm gemeinſam in den Arm zu fallen und ſeinen Seeverkehr lahmzulegen. Ich ſprach mich dagegen aus und befahl Ablehnung des Angebots.
Da ich annahm, daß Paris und Petersburg die Sache in Lon— don ſo darſtellen würden, als ob Berlin den beiden Stellen jenen Vorſchlag gemacht habe, telegraphierte ich ſofort von Helgoland aus an die Königin Victoria und an den Prinzen von Wales (Edward) das Faktum des franco-ruſſiſchen Angebots und feiner Ablehnung durch mich. Die Königin erwiderte mit herzlichem Dank, der Prinz von Wales mit dem Ausdruck ſeines Erſtaunens. Späterhin ließ Ihre Majeſtät mich unter der Hand wiſſen, daß kurze Zeit nach Eintreffen meines Helgoländer Telegramms über das Angebot von Paris und Petersburg auch die von mir vorausgeſehene umgekehrte Darſtellung in London wirklich eingetroffen war, und daß ſie froh geweſen wäre, auf Grund meiner Mitteilung ihrer Regierung die Intrigen aufdecken und ſie über die Loyalität der Haltung Deutſch— lands beruhigen zu können, ſie werde mir den treuen Freundſchafts— dienſt für England in ſchwerer Zeit nicht vergeſſen! —
Als Cecil Rhodes bei mir vorſprach, um die Durchführung der Cape-to-Cairo-Railway and Telegraph-Line durch das Hinter— land von Deutſch-Oſtafrika zu erwirken, wurden ſeine Wünſche, im Einverſtändnis mit dem Auswärtigen Amt und dem Reichskanzler, von mir bewilligt unter der Bedingung der Heranführung einer Stichbahn über Tabora und des Gebrauchs deutſchen Materials im deutſchen Gebiet. Beides wurde von Rhodes bereitwilligſt zugeſagt. Er war dankbar für die Erfüllung ſeines Lieblingswunſches durch Deutſchland, nachdem kurz zuvor König Leopold von Belgien ihn mit ſeinem Geſuch abgewieſen hatte.
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Rhodes war voller Bewunderung für Berlin und die gewaltigen deutſchen Induſtrieanlagen, die er täglich beſuchte. Schließlich fagte er: Er bedauere, nicht ſchon früher in Berlin geweſen zu ſein, um die Kraft und Leiſtungsfähigkeit Deutſchlands kennen zu lernen und Fühlung mit der Deutſchen Regierung und führenden Männern aus den Handelskreiſen zu nehmen. Er habe bereits vor dem Jameſon— Zuge nach Berlin kommen wollen, ſei aber damals in London daran gehindert worden. Hätte er uns früher über ſeine Abſicht, die Er— laubnis zur Durchführung der Cape: to-Cairo-Line ſowohl durchs Burenland wie durch unſere Kolonien zu erwirken, orientieren können, dann würde ihm die deutſche Regierung wahrſcheinlich durch Zureden bei Krüger, der ſich nicht zur Erteilung jener Erlaubnis verſtehen wollte, haben helfen können. Der „stupid Jameson -raid’ wäre dann niemals gemacht, die Krügerdepeſche niemals geſchrieben wor- den. Im übrigen ſetzte er hinzu: Die Krügerdepeſche ſei ganz be— rechtigt geweſen! Er habe ſie mir gar nicht übel genommen. Da man bei uns ja über den Zweck und die wirklichen Abſichten nicht orientiert fein konnte, fo habe jener Vorſtoß wohl wie ein „act of piracy“ ) ausgeſehen, und fo etwas hätte die Deutſchen natürlich ganz mit Recht aufgeregt. Er habe nur den Geländeſtreifen für ſeinen Schienenweg haben wollen — wie Deutſchland ihn eben in ſeinem Hinterland konzediert habe —, dieſes Verlangen ſei nicht unbillig geweſen und wäre ſicher von uns unterſtützt worden. Ich ſolle mir übrigens über die Depeſche keine grauen Haare wachſen laſſen und mich um das Geſchrei der engliſchen Preſſe nicht weiter kümmern. — Rhodes kannte die Entſtehung der Krügerdepeſche nicht und wollte mich als deren vermeintlichen Urheber tröſten.
Darauf empfahl mir Rhodes noch, die Bagdadbahn zu bauen und Meſopotamien unter gleichzeitiger Bewäſſerung zu erſchließen.
*) „Naubzug,.
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Das ſei Deutſchlands Aufgabe, fo wie die feinige die „Cape-to- Cairo-Line“. Da die Durchführung der Linie durch unſer Gebiet auch von der Überlaſſung der Samoa-Inſeln an uns abhängig gemacht worden war, hat ſich Rhodes für deren Abtretung an uns in London lebhaft eingeſetzt. —
In der inneren Politik hat Fürſt Hohenlohe als Kanzler eine milde Hand walten laſſen, was dem allgemeinen Gefüge nicht dien— lich geweſen iſt. Zum Vatikan hat er infolge feiner alten Bekannt— ſchaft mit Herrn v. Hertling gute Beziehungen zu etablieren ver— ſtanden. Seine Milde und Nachſicht wurde auch auf die Reichs— lande, für die er als Sachverſtändiger von früher her beſonderes Intereſſe hatte, übertragen. Es wurde ihm aber ſchlecht dafür ge— dankt, denn das Franzoſentum, dadurch indirekt begünſtigt, gebärdete ſich dort immer anmaßender. Fürſt Hohenlohe liebte Vermittlung, Ausgleich und Verſöhnung als Wittel anzuwenden, auch den Sozia— liſten gegenüber, oft bei Gelegenheiten, wo energiſches Eingreifen beſſer am Platze geweſen wäre.
Meine Orientreiſe nach Stambul und Jeruſalem hat er lebhaft begrüßt. Er war erfreut über die Feſtigung der Beziehungen zu der Türkei und betrachtete das daraus reſultierende Projekt der Bagdadbahn als ein Deutſchlands würdiges großes Kulturwerk.
Die Reiſe nach England 1899, die ich mit meiner Frau und zwei Söhnen auf Wunſch der Königlichen Großmutter unternahm, die bei ihrer zunehmenden Altersſchwäche ihren älteſten Enkel noch einmal ſehen wollte, fand beim Kanzler die wärmſte Unterſtützung. Er erhoffte von dieſer Reiſe einmal eine Abſchwächung der Folgen des ſeinerzeit von ihm lanzierten Krügertelegramms, andererſeits die Klärung wichtiger Fragen durch meine Ausſprache mit engliſchen Staatsmännern. Die Königin hatte, um irgendwelchen Ungehörig— keiten ſeitens der engliſchen Preſſe vorzubeugen, die durch den Buren— krieg und die zum Teil unberechtigten Angriffe gewiſſer deutſcher
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Blätter gereizt dementſprechend antwortete, den Verfaſſer des „Life of Prince Consort“, Sir Theodore Martin, beauftragt, die eng- liſche Preſſe von dem Wunſche Ihrer Majeftät zu unterrichten, daß dem Kaiſerlichen Enkel ein würdiger und freundlicher Empfang zu— teil werde. Das iſt auch geſchehen. Der Beſuch verlief harmoniſch und befriedigte nach jeder Richtung. Ich hatte mit den verſchiedenen führenden Männern wichtige Ausſprachen.
Die Krügerdepeſche iſt in der ganzen Zeit des Beſuches nicht einmal zur Erwähnung gekommen. Hingegen hat die Königliche Großmutter ihrem Enkel nicht verſchwiegen, wie unſympathiſch ihr der Burenkrieg geweſen iſt. Sie machte aus ihrer Mißbilligung und Abneigung gegen Mr. Chamberlain und ſein ganzes Weſen kein Hehl und dankte mir noch für meine ſchnelle ſcharfe Ablehnung des ruſſo⸗franzöſiſchen Einmiſchungsangebots und die ſofortige Benach— richtigung darüber. Es war klar zu erkennen, wie ſehr die Königin ihre ſchöne Armee liebte und wie ſie daher ſchmerzlich von deren an— fänglichen Rückſchlägen betroffen war, die zu nicht unerheblichen Verluſten geführt hatten. Der greiſe Feldmarſchall Herzog von Cambridge prägte darüber das hübſche Wort: „The British noble= man and officer have shown that they can die bravely as gentlemen.“ )
Bei der Abreiſe entließ die Königin ihren Enkel mit herzlichen und anerkennenden Empfehlungen an ihren ſehr verehrten Vetter — much cherished cousin —, den Reichskanzler, von deſſen Klug— heit und Erfahrung ſie hoffe, daß zwiſchen unſeren beiden Ländern fernerhin ein gutes Verhältnis beſtehen möge.
Meine Berichterſtattung befriedigte den Fürſten Hohenlohe in jeder Hinſicht über den Erfolg der Reiſe, während ich von einer ge— wiſſen Preſſe und vielen aufgeregten „Burenfreunden“ die heftigſten
) „Der britiſche Adel und Offizier hat bewiefen, daß er als Edelmann tapfer zu ſterben weiß.“
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Angriffe erfahren habe. Dem Deutſchen fehlt eben das, was dem engliſchen Volk eingeimpft und durch lange politiſche Selbſtzucht an— erzogen iſt: Wenn ein Kampf im Gange iſt, ſei es auch nur auf dem Felde der Diplomatie, ſo folgt der Engländer implicite der Fahne. Er handelt nach dem Worte: „Vou can't change the jokey while running.“ “) —
Im Herbſt 1900 trat Fürſt Hohenlohe vom Kanglge pe zurück, da die Arbeitslaſt dem hochbetagten Herrn doch zu ſchwer wurde. Auch war ihm der ewige Zank und Streit der Parteien unterein— ander unſympathiſch. Das Reden vor ihnen im Reichstag wider— ſtrebte ihm. Ebenſo unſympathiſch war ihm die zum Teil zügelloſe Preſſe, die, mit Bismarckſchen Zitaten arbeitend, vermeintliche Bis— marckſche Traditionen zu wahren dachte und beſonders im Buren— kriege das Verhältnis zu England ſtark gefährdet hat.
Die bei des Fürſten Hohenlohe Wahl und Antritt gehegte Hoff— nung, daß Fürſt Bismarck ihm weniger Schwierigkeiten bereiten werde, hatte ſich nur teilweiſe erfüllt. Durch meine Ausſöhnung mit Bismarck, die durch ſeinen feierlichen Einzug in Berlin und fein Abſteigen im alten Hohenzollernſchloß zum äußeren Ausdruck kam, war die Atmoſphäre ja weſentlich entſpannt und der Fürſt milder geſtimmt worden, aber ſeine Anhänger und die aus Fronde zu ihm Haltenden vermochten von ihrem Treiben immer noch nicht zu laſſen. Andererſeits brachte es, während ich zur Feier des 80. Geburtstages Bismarcks nach Friedrichsruh reiſte, die politiſche Vertretung des Volkes fertig, dem Altreichskanzler die Huldigung zu verweigern. Das mußte den feinbeſaiteten Fürſten Hohenlohe tief verletzen und mit Unwillen erfüllen. Der Tod ſeines großen Vorgängers hat ihn wie mich tief bewegt, und wir haben mit dem deutſchen Volke den Fürſten Bismarck als einen der größten Söhne
*) „Man kann den Jokei während des Rennens nicht wechſeln.“ 76
Preußens und Deutſchlands aufrichtig betrauert, wenn er uns auch unſere Arbeit nicht immer leicht gemacht hat. Ich ließ es mir nicht nehmen, von meiner Nordlandreiſe herbeizueilen, um den zu ehren, der als treuer Diener ſeines alten Herrn dem deutſchen Volk zur Einigkeit verholfen hat und unter dem ich einſt als Prinz mit Stolz hatte arbeiten dürfen.
Den Fürſten Hohenlohe ſoll unter anderem auch ſein Sohn Alexander zum Rücktritt bewogen haben, der viel im Hauſe ſeines Vaters an— weſend war — er hieß in der Geſellſchaft der „Kronprinz“ — und ſich weſentlich von ſeinem liebenswürdigen Vater unterſchied.
Fürſt Hohenlohe konnte als Reichskanzler auf eine Reihe von Erfolgen blicken: Die Überwindung der Kämpfe um das „Bürger- liche Geſetzbuch“, die Reform des Wilitärſtrafverfahrens, das Flotten— geſetz, Samoa, das Oberkommando Walderſees in China bei den Borerkämpfen, Tſingtau und den Vangtſe-Vertrag.
Am 15. Oktober 1900 verabſchiedete er ſich von mir. Wir waren beide recht bewegt. Denn nicht nur der Kanzler, der treue Mitarbeiter ſchied von ſeinem Kaiſer, ſondern auch der Oheim vom Neffen, der voll dankbarer Hochachtung zu dem Greis emporſah, der im Alter von 75 Jahren — einem Alter, in dem andere längſt ſich zur Ruhe und Beſchaulichkeit zurückzuziehen pflegen, — nicht ge- zögert hatte, dem Rufe des Kaiſers zu folgen, um ſich noch ange— ſtrengter Arbeit zu unterziehen und ſeine Zeit und Kraft dem deutſchen Vaterlande zu widmen. Als er ſchon mein Zimmer verlaſſen wollte, faßte er noch einmal meine Hand mit der Bitte, ich möchte ihm in den Jahren, die er noch zu leben habe und die er in Berlin zu verbringen gedenke, dieſelbe ſchlichte treue Freundſchaft ſchenken, wie er ſie zwiſchen Admiral Hollmann und mir ſo lange habe beobachten und bewundern können. Ich werde ihm ſtets ein treues Andenken bewahren.
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> Tage nach dem Abſchiede des Fürſten Hohenlohe traf der von mir zu feinem Nachfolger berufene Staatsſekretär des Aus⸗
wärtigen Amtes Graf Bülow ein. Seine Wahl lag nahe, da er die vielen Fragen der immer lebhafter und verwickelter werdenden äußeren Politik, zumal die Beziehungen zu England, völlig beherrſchte und ſich auch bereits als geſchickter Redner und ſchlagfertiger Debatter im Reichstage erwieſen hatte. Daß die zuletzt genannte Eigenſchaft ſeinem Vorgänger fehlte, hatte ſich des öfteren recht fühlbar gemacht. Als die Rücktrittsabſichten des Fürſten Hohenlohe im Bundesrat bekannt wurden, hatte mir der bayeriſche Geſandte in Berlin, Graf Lerchenfeld, ſehr pointiert geſagt, ich möge nur um Himmelswillen nicht wieder einen Süddeutſchen nehmen. Dieſe ſeien für die leitende Stelle in Berlin nicht geeignet, hier wüßten ſich die Norddeutſchen naturgemäß beſſer durchzuſetzen: es ſei alſo für das Reich beſſer, einen Norddeutſchen zu wählen.
Perſönlich war mir Bülow ſchon ſeit langem ſowohl aus ſeiner Botſchafterzeit in Rom, wie aus der Zeit ſeines Wirkens als Staats⸗ ſekretär bekannt, ich hatte ihn ſchon damals oft in feinem Haufe be= ſucht und manche Unterredung mit ihm in ſeinem Garten gehabt. Er war mir näher getreten, als er mich auf der Orientreiſe be— gleitete und dort unter der Mitwirkung des Botſchafters Freiherrn Marſchall meine perſönliche Fühlungnahme mit den führenden
6 Kaiſer Wilhelm II. 81
Männern der türfifchen Regierung vermitteln konnte. Das Ver— hältnis des neuen Kanzlers zu mir war alſo bereits fundiert und, da wir uns ſchon ſeit Jahren über alle politiſchen Probleme und Gebiete ausgeſprochen hatten, gewiſſermaßen geklärt. Zudem ſtand er mir im Alter doch weit näher, als ſeine Vorgänger, die meiſt meine Großväter hätten ſein können. Er war der erſte „junge Kanzler“, den das Deutſche Reich ſah. Das erleichterte uns beiden die gemeinſame Arbeit.
Es iſt, wenn ich in Berlin war, kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht mit Bülow einen längeren Morgengang im Garten des Reichskanzlerpalais unternommen habe, während deſſen die Vor— träge erledigt und die aktuellen Fragen berührt wurden. Oftmals ſagte ich mich bei ihm zu Tiſch an. Stets fand ich dort, vom Grafen und ſeiner liebenswürdigen Gemahlin auf das gaſtlichſte empfangen, eine Reihe intereſſanter Männer, in deren geſchickter Auswahl der Graf ein Meiſter war. Ebenſo war er unübertrefflich in der gewandten Führung der Konverſation und geiſtvollen Be— handlung der verſchiedenen auftauchenden Themata. Es war für mich immer ein Genuß, im Beiſein der von ſprudelndem Geiſt beſeelten Perſönlichkeit des Kanzlers mit vielen Profeſſoren, Ge— lehrten und Künſtlern ſowie Staatsbeamten aller Art in unge— zwungenen, außerdienſtlichen Verkehr und anregenden Meinungs- austauſch treten zu können. Der Graf war auch ein vortrefflicher Erzähler von Anekdoten, die er, ſowohl geleſene wie ſelbſterlebte, in verſchiedenen Sprachen vorbrachte. Er erzählte gern aus ſeiner Diplomatenzeit, beſonders aus der Zeit ſeines Aufenthaltes in Petersburg. |
Der Vater des Grafen war Intimus des Fürſten Bismarck und einer der ihm am nächſten ſtehenden Mitarbeiter geweſen. Auch der junge Bülow hatte ſeine Laufbahn unter dem großen Kanzler begonnen. Er war in Bismarckſchen Ideen und Traditionen groß
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geworden und von ihnen ſtark beeinflußt, ohne jedoch unſelbſtändig an ihnen zu kleben.
In einem der erſten Geſpräche, die ich mit Bülow als Reichs— kanzler führte, erkundigte er ſich nach meiner Anſicht darüber, wie man am beſten die Engländer zu behandeln und mit ihnen zu ver— kehren habe. Ich ſagte ihm, daß meines Erachtens rückhaltloſe Offenheit die Hauptſache im Verkehr mit ihnen ſei. Der Eng— länder ſei in Vertretung ſeines Standpunktes und ſeiner Intereſſen rückſichtslos bis zur Brutalität, er verſtehe es daher ſehr gut, wenn man ihm gegenüber dasſelbe tue. Diplomatiſieren oder gar „finaf- ſieren“ dürfe man dem Engländer gegenüber nicht — das gehe nur bei lateiniſchen und flawifchen Völkern —, weil er dann mißtrauiſch werde und den Verdacht hege, man ſei nicht ehrlich und wolle ihn heimlich übers Ohr hauen. Habe der Engländer erſt einmal Ver— dacht gefaßt, dann ſei trotz den ſchönſten Worten oder bereitwilligem Nachgeben nichts mehr zu machen. Ich könne daher dem Kanzler nur den Rat geben, ſich in der Politik mit England nur der Ge— radheit zu befleißigen. Ich ſagte das mit beſonderem Nachdruck, weil gerade der geſchmeidigen Diplomatennatur des Grafen Bülow das „Finaſſieren“ ſehr lag und ihm zur zweiten Natur geworden war.
Bei dieſem Geſpräch nahm ich auch die Gelegenheit wahr, den Kanzler vor der Perſon Holſteins zu warnen. Trotz meiner War— nung — die nur eine Wiederholung der mir ſeinerzeit von Bismarck gegebenen war — hat Bülow viel mit Holſtein gearbeitet oder ar— beiten müſſen. Dieſer merkwürdige Mann hatte ſich allmählich, beſonders ſeit der Zeit, in der das Auswärtige Amt nach Bismarcks Abgang gewiſſermaßen verwaiſt war, eine immer einflußreichere Stellung zu verſchaffen gewußt, die er unter drei Kanzlern derart behauptet hat, daß er als unentbehrlich galt. Holſtein war zweifellos mit großer Klugheit, die von einem phänomenalen Gedächtnis unter— ſtützt wurde, und einer gewiſſen politiſchen Kombinationsgabe aus—
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geftattet, die ſich bei ihm freilich öfters bis zur Marotte ſteigerte. Zum guten Teil beruhte ſein Anſehen auch darauf, daß er in weiten Kreiſen, beſonders bei den älteren Beamten, als der „Träger der Bismarckſchen Traditionen“ galt, der dieſe dem „jungen Herrn“ gegenüber hochhielt. Seine Bedeutung lag vor allem in ſeiner weit— reichenden Perſonalkenntnis im ganzen Bereich des auswärtigen Dienſtes. Da er infolgedeſſen einen maßgebenden Einfluß auf alle Perſonalvorſchläge beſaß und damit die Karriere der jüngeren Beamten in der Hand hatte, erklärt es ſich leicht, daß er nach und nach eine beherrſchende Stellung im Auswärtigen Amt erlangt hat. Er ſtrebte aber immer mehr danach, zugleich einen beſtimmenden Einfluß auf die Leitung der auswärtigen Politik zu erlangen. Tatſächlich war er zeitweilig zum spiritus rector ſowohl des Auswärtigen Amtes wie der auswärtigen Politik geworden.
Das Bedenkliche dabei war, daß er ſeinen weitreichenden Ein— fluß immer nur hinter den Kuliſſen ausübte und jeder offiziellen Verantwortlichkeit als Ratgeber aus dem Wege ging. Er zog es vor, im Dunkeln zu bleiben und zu wirken. Jeden verantwortlichen Poſten — viele ſtanden ihm offen —, jeden Titel, jede Beförderung ſchlug er aus. Er lebte ganz zurückgezogen. Lange Zeit habe ich vergeblich geſucht, ihn perſönlich kennen zu lernen, ich verſuchte es durch Einladungen zu Tiſche, aber Holſtein lehnte jedesmal ab. Ein einziges Mal im Laufe vieler Jahre hat er ſich herbeigelaſſen, im Auswärtigen Amt mit mir zu ſpeiſen. Charakteriſtiſch für ihn iſt, daß er dabei, während alle anderen Herren im Frack waren, im Gehrock erſchien und ſich damit entſchuldigte, daß „er keinen Frack beſitze“. Die Heimlichkeit, mit der er ſein Wirken ſo umgab, daß er nicht dafür verantwortlich erſchien, zeigte ſich zuweilen auch in der Art ſeiner Denkſchriften. Sie waren zweifellos geiſtreich und beſtechend, aber oft ſo verklauſuliert und zweideutig wie die Orakel der Pythia zu Delphi. Es kam vor, daß, wenn man auf Grund ihres Inhaltes
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einen Entſchluß gefaßt hatte, Herr v. Holſtein haarſcharf nachwies, daß er genau das Gegenteil von dem gemeint habe, was man her— ausgeleſen hatte.
Mir erſchien jener ſtarke Einfluß, den ein unverantwortlicher Ratgeber hinter den Kuliſſen, z. T. unter Umgehung der dafür be— rufenen und verantwortlichen Stellen, ausübte, bedenklich. Mehr— mals iſt es mir — beſonders in der Ara Richthofen — widerfahren, daß mir ein fremder Botſchafter, dem ich bei der Erörterung einer politiſchen Frage vorſchlug, er möchte ſie mit dem Staatsſekretär beſprechen, antwortete: „Jen parlerai avec mon ami Holstein.“ ) Schon, daß ein Beamter des Auswärtigen Amtes unter Umgehung ſeines Vorgeſetzten mit fremden Botſchaftern verhandelte, fand ich nicht richtig, aber daß er von dieſen kurzweg per „ami“ bezeichnet wurde, überſchritt doch das Maß des mir nützlich Scheinenden.
Die Dinge hatten ſich allmählich dahin entwickelt, daß Holſtein tatſächlich ein gut Teil der äußeren Politik machte. Er hörte dabei allenfalls noch den Kanzler, was der Kaiſer darüber dachte oder ſagte, war für ihn ziemlich belanglos. Wurden Erfolge erzielt, ſo heimſte ſie das Auswärtige Amt ein, ging die Sache nicht nach Wunſch, dann war es die Schuld des „impulſiven jungen Herrn“.
Trotz alledem ſchien auch Bülow den Herrn v. Holſtein zunächſt für unentbehrlich zu halten. Er hat lange mit ihm zuſammen ge— arbeitet, bis auch für ihn der Druck, den dieſer unheimliche Mann auf jeden ausübte, unerträglich wurde. Herr v. Tſchirſchky als Staatsſekretär hat das Verdienſt, die unhaltbaren Zuſtände endlich zum Bruch gebracht zu haben. Auf mein Befragen erklärte er mir, daß er Herrn v. Holſteins ferneres Bleiben für unmöglich halte, da dieſer das ganze Auswärtige Amt durcheinander bringe, ihn ſelbſt, den Staatsſekretär, ganz auszuſchalten ſuche und auch dem
*) „Ich werde das mit meinem Freunde Holſtein beſprechen.“ 85
Kanzler viel Schwierigkeiten bereite. Daraufhin befahl ich Herrn v. Tſchirſchky, die Verabſchiedung Holſteins einzuleiten, die dann, nach— dem ſich der Kanzler von ſeinem inzwiſchen eingetretenen ſchweren geſundheitlichen Zuſammenbruch erholt hatte, mit deſſen Zuſtimmung erfolgte. Herr v. Holſtein hat ſich ſelbſt dadurch charakteriſiert, daß er ſich, gleich nachdem er ſeinen Abſchied erhalten, zu Herrn Harden begab und ſich ihm für die Kampagne gegen den Kaiſer zur Ver— fügung ſtellte. —
Das Jahr 1901 gab dem Grafen Bülow reichlich Gelegenheit, ſich im Verhandeln mit England zu zeigen und zu bewähren. Graf Bülow ſelbſt huldigte noch vielfach der Bismarckſchen „Zwei Eiſen im Feuer“-Theorie, d. h. mit einem anderen Lande ſich freundlich zu arrangieren, aber immer mit Rußland gut zu ſtehen, und wurde darin von den vielen Pſeudo-Bismarckianern unterſtützt.
Mitten aus der Jubiläumsfeier des 200 jährigen Krönungs— tages rief mich eine den bedenklichen Zuſtand der greiſen Königin Victoria meldende Nachricht an das Sterbelager meiner Großmutter. Ich reiſte mit meinem Oheim, dem Herzog von Connaught, der als Vertreter der Königin bei den Feierlichkeiten in Berlin weilte — er war der Lieblingsſohn der Königin und mein beſonderer Freund, ein Schwiegerſohn des Prinzen Friedrich Carl —, mit Beſchleunigung ab und wurde von dem damaligen Prinzen von Wales und der Königlichen Familie in London herzlich empfangen. Als mein Wagen aus dem Stationsgebäude im Schritt herausfuhr, trat aus der in lautloſer Stille dicht gedrängt ſtehenden Menſchenmenge ein ſchlichter Mann an den Wagenſchlag heran, entblößte ſein Haupt und fagte: „Thank you Kaiser!“ “) Der Prinz von Wales, der ſpätere König Eduard VII., ſagte dazu: „That is what they all think, every one of them, and they will never forget this
*) „Dank Dir, Kaiſer!“ 86
coming of yours.“ “) Das iſt trotzdem geſchehen und noch dazu recht ſchnell.
Nachdem die Königin in meinen Armen ſanft hinübergeſchlum— mert, war für mich der Vorhang über viele Jugenderinnerungen ge— fallen. Ihr Tod bedeutete einen Abſchnitt in der engliſchen Geſchichte und in Englands Beziehungen zu Deutſchland. Ich nahm nun, ſoweit als angängig, Fühlung mit den maßgebenden Perſönlichkeiten und erkannte überall eine durchaus ſympathiſche, freundſchaftlich— Stimmung, die kein Hehl aus dem Wunſch nach guten Beziehungen mit Deutſchland machte. Beim Abſchiedsbankett wurden von König Eduard VII. und mir unvorbereitete, in Ton und Inhalt herzliche Reden gehalten, die auf die Zuhörer ihren Eindruck nicht verfehlten. Nach der Tafel drückte der engliſche Botſchafter in Berlin mir die Hand und ſagte: Meine Rede ſei allen ſeinen Landsleuten zu Herzen gegangen, denn die Worte ſeien aufrichtig und ſchlicht geweſen, wie fie fich für die Engländer eigneten. Die Rede müſſe ſofort veröffent⸗ licht werden, denn ſie werde im ganzen Lande, das mein Kommen dankbar empfinde, Widerhall erwecken. Das werde für die Beziehungen beider Länder von Nutzen ſein. Ich erwiderte, es ſei Sache der britiſchen Regierung und des Königs, darüber zu entſcheiden, ich perſönlich hätte nichts gegen eine Veröffentlichung einzuwenden. Dieſe iſt jedoch nicht erfolgt. Das britiſche Volk hat meine Worte, die der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle und Gedanken waren, nie er— fahren. In einem ſpäteren Geſpräch mit mir in Berlin hat der— ſelbe Botſchafter das lebhaft beklagt, ohne den Grund des Unter— bleibens angeben zu können.
Am Schluſſe dieſer Betrachtungen über meinen Aufenthalt in England darf die Tatſache nicht unerwähnt gelaſſen werden, daß ein Teil der deutſchen Preſſe es leider an taktvoller Würdigung ſowohl
*) „Das iſt es, was fie alle hier denken, jeder im Volk, man wird es Dir niemals vergeſſen, daß Du gekommen biſt.“
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des Schmerzes des engliſchen Königshauſes und Volkes wie auch der Verpflichtungen fehlen ließ, die mir politiſche Rückſichten wie verwandtſchaftliche Beziehungen auferlegten.
Nach meiner Heimkehr konnte ich dem Kanzler über meine guten Eindrücke berichten, insbeſondere, daß die Stimmung in England für Annäherung und Verſtändigung anſcheinend günſtig ſei. Bülow war, als wir in Homburg eingehend darüber und über die Aus— wertung der durch die Reiſe geſchaffenen Situation konferierten, mit dem Ergebnis der Reiſe zufrieden. Ich vertrat die Anſicht, man ſolle unbedingt zu einem guten „Agreement“ zu kommen ſuchen, wenn eine Allianz, die ich noch vorzöge, nicht zuſtande zu bringen ſei. Ein feſtes Agreement genüge auch und läge den Engländern, ſchließlich könne ſich daraus immer noch eine Allianz entwickeln.
Die Gelegenheit dazu bot ſich unerwartet raſch. Als ich mich im Frühjahr 1901 in Homburg v. d. Höhe befand, trug mir Graf Metternich, der als Vertreter des Auswärtigen Amtes bei mir war, eines Tages eine Meldung aus Berlin vor, daß Mr. Chamber— lain dort angefragt habe, ob Deutſchland bereit ſei, eine Allianz mit England einzugehen. Ich fragte ſofort: „Gegen wen?“, denn wenn England ſo plötzlich mitten im Frieden eine Allianz anböte, dann brauche es offenbar die deutſche Armee. Da ſei es doch wichtig, zu erfahren, gegen wen und wofür deutſche Truppen auf Englands Geheiß an ſeiner Seite fechten ſollten. Daraufhin kam aus London die Antwort: Gegen Rußland, weil es für Indien und Stambul bedrohlich werde.
Ich ließ zunächſt in London auf die alte traditionelle Waffen— brüderſchaft zwiſchen der deutſchen und ruſſiſchen Armee und auf die engen verwandtſchaftlichen Bande zwiſchen den beiden Herrſcher— häuſern aufmerkſam machen. Ferner wies ich auf die Gefahr eines Zwei-Fronten-Krieges beim Eingreifen Frankreichs an Rußlands Seite hin ſowie auf die Tatſache, daß wir im fernen Oſten mit
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Frankreich und Rußland (1895 Shimonoſeki) zuſammengegangen feien, und daß jeder Grund fehle, jetzt mitten im Frieden einer Konflikt mit Rußland vom Zaun zu brechen. Die Überzahl der ruſſiſchen Friedensformationen ſei ſehr groß und die Oſtgrenze Preußens ſei durch die ruſſiſchen Dislokationen ſtark bedroht, unſere Oſtmark vor dem ruſſiſchen Einfall zu bewahren, werde England nicht in der Lage ſein, da ſeine Flotte in der Oſtſee wenig aus— richten und ins Schwarze Meer nicht einfahren könne. Within ſei bei einem gemeinſamen Waffengange mit Rußland Deutſchland der allein und recht ſtark gefährdete Teil, ganz abgeſehen von der Ge— fahr des Eingreifens Frankreichs. Chamberlain ließ daraufhin wiſſen, es ſolle ein feſtes Bündnis geſchloſſen werden, bei dem England ſich natürlich zur Hilfeleiſtung verpflichten werde.
Ich hatte auch darauf hingewieſen, daß die Validität eines Bünd— niſſes erſt dann ſichergeſtellt ſei, wenn das engliſche Parlament ſein Placet dazu gegeben habe. Denn das Winiſterium könne durch den im Parlament ausgedrückten Volkswillen beſeitigt und dadurch ſeine Unterſchrift aufgehoben und das Bündnis hinfällig werden. Wir könnten den Chamberlainſchen Vorſchlag zunächſt nur als ſeine rein perſönliche Idee anſehen.
Chamberlain erwiderte darauf, daß er die parlamentariſche Deckung ſchon erreichen werde, die Unioniſten werde er dafür zu ge— winnen wiſſen, man ſolle in Berlin nur erſt einmal zeichnen. Es kam nicht dazu, da das Parlament nicht dafür zu haben war. So verlief der „Plan“ im Sande. Bald darauf hat England das Bündnis mit Japan (Hayaſhi) geſchloſſen. Der ruſſiſch-japaniſche Krieg entbrannte, in dem Japan — weil es in ſeine eigenen Pläne paßte — die zuerſt Deutſchland zugedachte Rolle des Landsknechts für Englands Intereſſen ſpielte. Rußland iſt dadurch vom Oſten auf den Weſten zurückgeworfen worden, wo es ſich nun, ſtatt mit China und Pacific, wieder mit Balkan, Stambul, Indien nützlich
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beſchäftigen konnte und Japan freie Hand in Korea und China laſſen mußte. —
In das Jahr 1905 fällt die von mir ſehr contre cœur unter— nommene Tangerreiſe, zu der es folgendermaßen gekommen iſt. Ende März beabſichtigte ich, wie im Vorfahre, zur Erholung eine Wittelmeerreiſe zu unternehmen und dazu einen von Cuxhaven leer nach Neapel laufenden Dampfer zu benutzen. Die „Hamburg“ wurde von Ballin dazu beſtimmt. Auf ſeine Aufforderung, noch eine Anzahl von Gäſten mitzunehmen, da der Dampfer ganz leer ſei, lud ich eine Reihe von Herren ein, darunter Geheimrat Althoff, Admiral Menſing, Graf Pückler, den Geſandten v. Varnbüler, Profeſſor Schiemann, Admiral Hollmann u. a.
Bald nach dem Bekanntwerden des Reiſeprojekts teilte mir Bülow mit, man habe in Liſſabon den lebhaften Wunſch, ich möchte dort Aufenthalt nehmen und dem Hof einen Beſuch machen. Ich war damit einverſtanden. Als der Zeitpunkt der Abreiſe ſich näherte, trat Bülow mit dem weiteren Wunſche hervor, ich möchte auch Tanger anlaufen und durch den Beſuch des marokkaniſchen Hafens die Stellung des Sultans den Franzoſen gegenüber ſtärken. Ich lehnte das ab, weil mir die Marokkofrage zu viel Zündſtoff zu enthalten ſchien und weil ich fürchtete, daß mein Beſuch eher ſchädlich als nütz— lich wirken würde. Bülow aber kam immer wieder darauf zurück, ohne mich von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit des Beſuches überzeugen zu können.
Auf der Fahrt hatte ich mit Freiherrn v. Schoen, der mich als Vertreter des Auswärtigen Amtes begleitete, mehrere Beſprechungen über die Opportunität des Beſuches. Wir kamen dahin überein, daß es beſſer ſei, ihn zu unterlaſſen. Von Liſſabon aus teilte ich dieſen Entſchluß dem Kanzler telegraphiſch mit. Bülow antwortete mit der nachdrücklichen Forderung, daß ich der Meinung des deut- ſchen Volkes und des Reichstages, die ſich nun einmal für einen
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ſolchen Schritt erwärmt hätten, Rechnung tragen müſſe, es ſei not— wendig, daß ich nach Tanger führe.
Schweren Herzens gab ich nach, denn ich befürchtete, daß dieſer Beſuch bei der Lage der Dinge in Paris als Provokation aufge— faßt werden könnte und in London die Geneigtheit zur Unter— ſtützung Frankreichs im Kriegsfalle bewirken würde. Da ich Del— cafje im Verdacht hatte, daß er Marokko zum Kriegsgrund machen wollte, fürchtete ich, daß er den Tangerbeſuch dazu benutzen könnte.
Der Beſuch fand unter großen Schwierigkeiten auf der Reede von Tanger ſtatt — nicht ohne freundliche Beteiligung von italieni— ſchen und ſüdfranzöſiſchen Anarchiſten, Gaunern und Abenteurern. Auf einem kleinen Platz ſtand eine Menge von Spaniern mit Fahnen und großem Geſchrei, das waren nach Ausſage eines be— gleitenden Sicherheitsbeamten die verſammelten ſpaniſchen Anarchiſten.
Den erſten Beweis für die Wirkung des Beſuches in Tanger erfuhr ich, als ich in Gibraltar ankam und von den Engländern ſehr förmlich und froſtig empfangen wurde, im Gegenſatz zu der herzlichen Aufnahme im Vorjahre. Was ich vorausgeſehen, wurde durch die Tatſachen beſtätigt. In Paris herrſchte Erbitterung und Wut, Delcaſſé verſuchte zum Kriege zu hetzen, er drang nur des— halb nicht durch, weil ſowohl der Marineminiſter wie der Kriegs- miniſter erklärten, Frankreich ſei noch nicht bereit. Die Richtigkeit meiner Befürchtungen iſt ſpäterhin auch durch das Geſpräch Del— caſſe's mit dem Redakteur des „Gaulois“ beſtätigt worden, in dem der Miniſter der erſtaunten Welt mitteilte, daß im Kriegsfalle Eng— land auf Frankreichs Seite getreten ſein würde. So wäre ich durch den mir aufgenötigten Beſuch in Tanger ſchon damals beinahe in die Lage gekommen, der Entfeſſelung eines Weltkrieges beſchuldigt werden zu können. Konſtitutionelles Denken und Handeln iſt für den Fürſten, dem ſchließlich immer die Verantwortung aufgebürdet wird, oft eine harte Aufgabe. |
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Im Oktober 1905 hat der Pariſer „Matin“ mitgeteilt, daß Delcaſſé im Winiſterrat erklärt habe, England habe für den Kriegs— fall angeboten, 100000 Mann in Holſtein zu landen und den Kaiſer Wilhelm-Kanal zu beſetzen. Dieſes engliſche Angebot iſt nachher noch einmal wiederholt worden mit dem Vorſchlag, es in ſchriftlicher Form feſtzulegen. Auch der bekannte Abgeordnete Jaureg, der bei Kriegsausbruch 1914 im Sinne Iſwolſkiſcher Politik er— mordet wurde, hat den Inhalt der im „Matin“ veröffentlichten Mit— teilungen Delcaſſé's ſchon vorher gekannt.
Der Sturz Delcaſſé's und feine Erſetzung durch Rouvier iſt zum Teil dem Einfluß des Fürſten von Monako zuzuſchreiben. Der Fürſt hatte ſich während der Kieler Woche durch Unterhaltungen mit mir, mit dem Reichskanzler und Regierungsbeamten von der Aufrichtig— keit unſeres Wunſches überzeugt, mit Frankreich zu einem Ausgleich zu gelangen, um ein friedliches Nebeneinanderleben zu ermöglichen. Er ſtand in guten Beziehungen zum Botſchafter Fürſten Radolin und bemühte ſich eifrig für eine Annäherung zwiſchen den beiden Ländern. Der Fürſt von Monako war ſelbſt der Meinung, Del— caffe ſei eine Gefahr für die Aufrechterhaltung des Friedens, er werde hoffentlich bald ſtürzen und durch Rouvier erſetzt werden, der ein beſonnener Politiker und durchaus geneigt ſei, ſich mit Deutſch— land zu verſtändigen. Er ſtehe Rouvier perſönlich nahe und ſtelle ſich dem deutſchen Botſchafter gern als Vermittler zur Verfügung.
Der Sturz Delcaſſé's trat ein, und Rouvier wurde Miniſter. Ich ließ nun ſofort die Aktion einleiten, bei der ich auf des Fürſten von Monako Unterſtützung rechnen durfte. Der Kanzler wurde an— gewieſen, ein „Rapprochement“ mit Frankreich vorzubereiten. Den Fürſten Radolin, der ſeine Inſtruktionen in Berlin perſönlich erhielt, wies ich noch beſonders darauf hin, die Konſtellation Rouvier gut auszunutzen, um alle Konfliktsmöglichkeiten zwiſchen den beiden Ländern zu beſeitigen. Für das Verhältnis zu Rouvier würden ihm die
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Informationen ſeitens des Fürſten von Monako, den er ja gut kenne, von Nutzen ſein. Fürſt Radolin ging mit Eifer und Freude an die lohnende Aufgabe.
Anfangs nahmen die Verhandlungen guten Fortgang, ſo daß ich ſchon die Hoffnung hegte, das wichtige Ziel werde erreicht und der üble Eindruck des Tangerbeſuches durch eine Verſtändigung wieder verwiſcht werden können. Inzwiſchen wurden die Verhand— lungen über Marokko weitergeführt und endigten nach unendlichen Mühen in der Berufung der Algeciras-Konferenz auf Grund des Rundſchreibens des Fürſten Bülow, das betonte, daß der Meiſtbegün— ſtigungsartikel Nr. 17 der Madrider Konvention maßgebend bleiben ſolle, und daß die von Frankreich allein angeſtrebten Reformen in Marokko, ſoweit ſolche nötig wären, nur im Einverſtändnis mit den Signatarmächten der Madrider Konferenz zuläſſig ſeien. Dieſe Vor— gänge, die die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen, ließen dann die Spezialaftion mit Rouvier in den Hintergrund treten. —
Hinſichtlich der inneren Politik hatte ich mich mit dem Kanzler dahin geeinigt, daß es deſſen Hauptaufgabe ſei, die unter Hohenlohe ſehr zerfahrenen Parteiverhältniſſe im Reichstag wieder zu ordnen und vor allem die durch die Nach-Bismarckianer oppoſitionell ge— wordenen Konſervativen wieder hinter die Regierung zu ſcharen. Der Kanzler hat dieſe Aufgabe mit großer Geduld und Zähigkeit durchgeführt. Er brachte ſchließlich den berühmten „Block“ zuſtande, der aus der großen Wahlniederlage der Sozialiſten hervorging.
Die konſervative Partei beſaß viele Mitglieder, die direkte Be— ziehungen zum Hofe und auch zu mir perſönlich hatten. Es war für dieſe Partei alſo leichter als für jede andere, ſich über meine Pläne auf politiſchen und anderen Gebieten zu unterrichten und, be— vor es zu Geſetzvorlagen kam, meine Vorſchläge mit mir zu dis— kutieren. Ich habe nicht den Eindruck, daß dies in dem Maße, wie es möglich war, geſchehen iſt. In ungezwungenen Vorbeſprechungen
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hätte ich mich wahrſcheinlich ſowohl in der Frage des Mittelland- Kanals, deſſen Bau bekanntlich von den Konſervativen bekämpft wurde, wie über die minder wichtigen Fragen des Dombaus und des Berliner Opernhauſes, die mir um der Kirche und der Kunſt willen am Herzen lagen, mit den Herren geeinigt.
Nun iſt es ja nichts Neues, wenn ich erwähne, daß es gar nicht ſo leicht war, mit den konſervativen Herren umzugehen. Sie hatten auf Grund ihrer traditionellen Dienſte im Staate große Erfahrungen und ein eigenes Urteil und waren ſo zu einer feſtgefügten ſtaats— politiſchen Überzeugung gekommen, an der ſie in Treue und echt konſervativ feſthielten. Sie hatten große Staatsmänner, hervor— ragende Miniſter, ein glänzendes Offizierkorps, ein vorbildliches Be— amtentum vorwiegend aus ihren Reihen geliefert, ihr Selbſtbewußt— ſein war alſo nicht unbegründet. Dazu kam, daß ihre Königs— treue unerſchütterlich war. König und Vaterland waren ihnen zu Dank verpflichtet. Ihre Schwäche beſtand darin, daß ſie manchmal zu konſervativ waren, d. h. die Forderungen der Zeit zu ſpät er— kannten, Fortſchritte zunächſt bekämpften, obwohl es ſich auch um Fortſchritte für ſie ſelbſt handelte. Das mag man aus ihrer Ver— gangenheit verſtehen, aber es behinderte gerade in meiner Regierungs— zeit, während der die Entwicklung des Reiches, insbeſondere die In— duſtrialiſierung und der Handel rapide vorwärts drängten, den inneren Konnex mit mir, der ich jene Entwicklung nicht nur nicht eindämmen, ſondern fördern wollte und mußte. Wenn ich ſagte, daß es aus den angeführten Gründen nicht immer leicht war, mit den Konſer— vativen zu verhandeln, ſo weiß ich ſehr wohl, daß dasſelbe von mir behauptet wird. Vielleicht liegt das daran, daß ich zwar meiner Tradition nach den Konſervativen nahe ſtand, aber nicht parteipolitiſch konſervativ war. Ich war und bin für einen fortſchreitenden Konſer— vativismus, der das Lebensfähige konſerviert, das Überalterte abftreift und das brauchbare Neue annimmt. Im übrigen habe ich, wo Vor—
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beſprechungen ftattgefunden haben, die Wahrheit, und auch die un— bequeme und bittere, wenn ſie mir in taktvoller Form gebracht wurde, beſſer vertragen und beachtet, als man weiß.
Wenn alſo von mir und den Konſervativen behauptet wird, beide wären ſchwierig in Verhandlungen geweſen, fo hat dieſe Schwierig- keit denſelben Urſprung. Es wäre mir gegenüber nur richtiger ge— weſen, den Weg zur Ausſprache unter vier Augen öfters zu betreten. Ich war ſtets dafür zu haben. Und wenn wir uns bei der Kanal— frage nicht einigen konnten, ſo müßten gerade die Konſervativen am beſten verſtehen und es achten, daß ich mich nicht zu dem ſchönen Vers bekannt habe: „Unſer König abſolut, wenn er unſern Willen tut.“ Wenn ich nämlich dieſem für mich recht bequemen Grund— ſatz gehuldigt hätte, ſo hätten die Konſervativen bei ihrer Auffaſſung vom ſtarken, wirklich regierenden Königtum mich logiſcherweiſe be— kämpfen müſſen. Sicherlich haben die Konſervativen es auch ge— würdigt, daß ich ihrem ehrenwerten Grundſatz vom Männerſtolz vor Königsthronen meinen Grundſatz vom Königsſtolz vor dem konſer— vativen Parteithron gegenüberſtellte, wie ich das auch bei allen anderen Parteien getan habe. Die gelegentlichen Differenzen mit der kon— ſervativen Partei und mit einzelnen Konſervativen können mich die Dienſte nicht vergeſſen laſſen, die gerade von Männern aus dieſen Reihen dem Hauſe Hohenzollern, dem preußiſchen Staate und dem Deutſchen Reiche geleiſtet worden ſind.
Nun, Bülow iſt ſchließlich das große Kunſtſtück, die Konfer- vativen und Liberalen zuſammenzubringen und dadurch den hinter der Regierung ſtehenden Parteien eine große Mehrheit zu verſchaffen, doch gelungen. Seine großen Fähigkeiten, die Gewandtheit, Staats- kunſt und kluge Menſchenkenntnis des Kanzlers haben ſich dabei im glänzendſten Lichte gezeigt. Das große Verdienſt, das er ſich mit dieſem Erfolge erworben hat, gewann ihm des Vaterlandes und meine volle Anerkennung und Dankbarkeit, dazu mein erhöhtes Ver—
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trauen. Der grenzenlofe Jubel der Berliner über die Wahlnieder— lage der Sozialdemokraten führte zu der mir unvergeßlichen nächt— lichen Demonſtration vor dem Schloſſe, bei der ſich mein Auto, von vielen Tauſenden jubelnder Menſchen umbrauſt, im Schritt langſam den Weg bahnen mußte. Der Luſtgarten füllte ſich mit großen Volks— maſſen, auf deren ſtürmiſches Verlangen die Kaiſerin und ich auf dem Balkon erſcheinen mußten, um die Huldigungen entgegen zu nehmen. —
Bei dem Beſuche König Eduards VII. in Kiel (1904) war der Kanzler zugegen. Unter den vielen Gäſten befand ſich auch der frühere Oberhofmeiſter der Kaiſerin Friedrich, Graf Seckendorff, ein von ſeinen vielen Beſuchen in England her langjähriger Bekannter Eduards VII., der dem Grafen großes Vertrauen ſchenkte. Dieſer vermittelte im Auftrage Bülows, mit dem er befreundet war, ein Geſpräch des Königs mit dem Kanzler.
Es fand an Bord der engliſchen Königsyacht nach einem Früh— ſtück ſtatt, zu dem ich und der Kanzler geladen waren. Die beiden Herren ſaßen lange allein bei der Zigarre. Nachher berichtete mir Bülow den Inhalt des Geſpräches. Bei der Erörterung des even— tuellen Abſchluſſes eines Bündniſſes zwiſchen Deutſchland und Eng— land habe der König erklärt, daß das bei unſeren beiden Ländern gar nicht nötig ſei, weil kein wirklicher Grund zu Feindſchaft oder Zerwürfniſſen zwiſchen ihnen beſtände. — Dieſe Ablehnung war ein offenbares Zeichen für die engliſche Einkreiſungspolitik, die ſich bald beſonders deutlich und unangenehm auf der Algeciras-Konferenz geltend machte. Das hier offen zutage tretende pro-franzöſiſche und Deutſchland feindſelige Wirken Englands erfolgte auf beſonderen Befehl König Eduards VII., der als ſeinen „kontrollierenden Ver— treter“ den mit perſönlichen Inſtruktionen verſehenen Sir D. Mackenzie Wallace nach Algeciras delegiert hatte.
Aus Andeutungen, die der letztere ſeinen Bekannten gegeben hat, ging hervor, daß es des Königs Wille war, Deutſchland ſcharfen
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Widerſtand zu leiſten und Frankreich bei jeder Gelegenheit zu unter- ſtützen. Als er darauf aufmerkſam gemacht wurde, man könne ja nachher ſich doch auch mit Deutſchland über dieſe oder jene Frage auseinanderſetzen und vielleicht einigen, erwiderte er, erſt käme das anglo⸗ruſſiſche Agreement: ſei das unter Dach, dann werde man ſich auch mit Deutſchland „arrangieren“. Das engliſche, Arrangieren“ beſtand in der Einkreiſung Deutſchlands. —
Das Verhältnis zwiſchen mir und dem Kanzler iſt in dieſer ganzen Zeit vertrauensvoll und freundſchaftlich geweſen. Auch zur Kieler Woche kam der Kanzler wiederholt. Hier fand er unter an⸗ derem Gelegenheit, ſich mit dem Fürſten von Monako und manchen auf deſſen Vacht anweſenden einflußreichen Franzoſen ausſprechen zu können, unter denen wohl Monſieur Jules Roche der hervor— ragendſte war, der beſte Kenner aller europäiſchen Budgets und ein großer Goetheverehrer, der den „Fauſt“ ſtets bei ſich in der Taſche trug.
Im April 1906 erfolgte der bedauerliche Zuſammenbruch des überarbeiteten Kanzlers im Reichstag. Ich eilte, ſobald ich die Nach— richt bekam, fofort dorthin und war froh, daß mir Geheimrat Renvers beruhigende Auskunft über den Zuſtand Bülows geben konnte. Als ſich der Fürſt im Sommer zu ſeiner Erholung in Norderney auf— hielt, fuhr ich von Helgoland, wo ich inſpiziert hatte, auf einem Torpedoboot nach der Inſel und überraſchte das Kanzlerpaar in ſeiner Villa. Ich brachte den Tag bei dem bereits in erfreulichem Maße wiederhergeſtellten und von der Seeluft und Sonne gebräunten Kanzler plaudernd zu. —
Im Spätherbſt 1907 fuhren die Kaiſerin und ich, einer Einladung König Eduards VII. entſprechend, nach Windſor zum Beſuch, der bei ſehr liebenswürdiger Aufnahme ſeitens der engliſchen Königs⸗ familie harmoniſch verlief. Nach Abſchluß des Beſuches begab ich mich zu einem Erholungsaufenthalt auf das dem General Stuart-
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Wortley gehörige Schloß Highecliffe, das an der Südküſte Englands den Needles gegenüber gelegen iſt.
Vor meiner Abreiſe nach England hatte der Kanzler, der ſehr befriedigt über die engliſche Einladung war, längere Geſpräche mit mir über die Mittel, mit England auf einen beſſeren „Grüßfuß“ zu kommen, gehabt und mir verſchiedene Wünſche und Vorſchläge als Richtlinien mitgegeben, die ich in den Geſprächen mit Engländern innehalten möchte. Ich hatte im Laufe meines Aufenthaltes mehr— fach Gelegenheit gehabt, die verabredeten Themata zu erörtern und die mitgegebenen Wünſche an den Mann zu bringen. Chiffretelegramme mit meinen Berichten über dieſe Geſpräche gingen regelmäßig nach Berlin. Wiederholt erhielt ich vom Kanzler zuſtimmende Telegramme. Ich habe fie abends nach Tiſch den Vertrauten, die meinen Aufent- halt teilten, gezeigt, ſo haben ſie z. B. der Oberhofmarſchall Graf Eulenburg und Fürſt Max Egon Fürſtenberg geleſen und ſich mit mir über das Einverſtändnis des Kanzlers gefreut. Nach meiner Rückkehr aus England habe ich dem Kanzler ein Generalreferat er— ſtattet, worauf er mir ſeinen Dank dafür ausſprach, daß ich mich um die Verbeſſerung der Beziehungen der beiden Länder perſönlich ſo bemüht und betätigt hätte.
Ein Jahr ſpäter erfolgte der Zwiſchenfall mit dem ſogenannten „Interview“, das im Daily Telegraph veröffentlicht wurde. Sein Zweck war die Beſſerung der deutſch-engliſchen Beziehungen. Ich hatte den mir vorgelegten Entwurf durch den Vertreter des Auswärtigen Amtes, Herrn v. Jeniſch, dem Kanzler zur Prüfung übergeben laſſen. Durch Anmerkungen hatte ich auf einige Stellen hingewieſen, die meiner Anſicht nach nicht hineingehörten und zu ſtreichen ſeien. Das iſt infolge mehrerer Verſehen, die ſeitens des Auswärtigen Amtes bei der inſtanzmäßigen Behandlung gemacht wurden, nicht geſchehen. Der Sturm in der Preſſe brach los. Der Kanzler ſprach im Reichstag, verteidigte aber den angegriffenen Kaiſer
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nicht in dem Maße, wie ich es erwartet hatte, ſondern erklärte, die in den letzten Jahren vorgekommenen Neigungen zur perſönlichen Politik für die Zukunft verhindern zu wollen. Die konſervative Partei unternahm es, in der Preſſe an den König einen offenen Brief zu richten, deſſen Inhalt bekannt iſt.
Ich weilte während dieſer Vorgänge erſt in Eckartsau bei dem öſterreichiſchen Thronfolger Franz Ferdinand, dann beim Kaiſer Franz Joſeph in Wien. Beide mißbilligten das Verhalten des Kanzlers. Von Wien begab ich mich nach Donaueſchingen zum Beſuche des Fürſten Fürſtenberg. Die Preſſe hielt es für ange- meſſen, an ihn die Aufforderung zu richten, er ſolle als ehrlicher auf— rechter Mann dem Kaiſer doch mal ordentlich die Wahrheit ſagen. Als wir den ganzen Vorfall beſprachen, riet mir der Fürſt, ich möchte den Depeſchenwechſel von 1907 aus Higheliffe im Aus- wärtigen Amt zuſammenſtellen und dem Reichstag zugehen laſſen.
Ich habe unter dieſer ganzen Angelegenheit ſeeliſch ſchwer ge— litten. Hinzu kam, daß gerade damals ein jäher Tod meinen Ver— trauten und Jugendfreund, den Chef des Wilitär-Kabinetts Grafen Hülſen⸗Haeſeler vor meinen Augen dahinraffte. Die treue, auf- opfernde Freundſchaft und Pflege ſeitens des Fürſten Fürſtenberg und der Seinen habe ich in dieſen ſchweren Tagen wohltuend empfunden. Auch Briefe und Kundgebungen aus dem Reich, die ſich zum Teil unter ſcharfer Verurteilung des Kanzlers auf meine Seite ſtellten, waren mir ein Troſt.
Nach meiner Rückkehr erſchien der Kanzler, hielt mir eine Vor— leſung über meine politiſchen Sünden und verlangte die Unterzeichnung des bekannten Aktenſtücks, das nachher der Preſſe mitgeteilt wurde. Ich unterſchrieb das Aktenſtück ſchweigend, wie ich auch ſchweigend die Preſſeangriffe über mich und die Krone habe ergehen laſſen.
Der Kanzler hat durch ſein Verhalten dem feſten Vertrauen und der aufrichtigen Freundſchaft, die mich bis dahin mit ihm ver—
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banden, einen ſchweren Stoß verſetzt. Fürſt Bülow felbjt iſt gewiß der Meinung geweſen, mit ſeiner Art, die Angelegenheit ſowohl im Reichstage wie mir perſönlich gegenüber zu behandeln, mir und der Sache am beſten zu dienen, beſonders weil die Wogen der öffentlichen Erregung damals ſehr hoch gingen. Ich habe ihm darin nicht beipflichten können, um ſo weniger, als ſein Auftreten mir gegenüber in der Daily-Telegraph-Sache in zu ſchroffem Gegen— ſatze ſtand zu der Zuvorkommenheit und Anerkennung, die Bülow mir ſonſt bekundet hatte. Ich hatte mich an die liebenswürdigen Formen des Fürſten ſo gewöhnt, daß die mir jetzt zuteil gewordene Behandlung mir unverſtändlich war. Das bis dahin ausgezeichnete und freundſchaftliche Verhältnis zwiſchen Kaiſer und Kanzler war jedenfalls getrübt. Ich ſtellte den perſönlichen Verkehr mit dem Kanzler ein und beſchränkte mich auf den amtlichen und offiziellen. Nach Beratung mit dem Hausminifter und dem Kabinettschef be— ſchloß ich, den Vorſchlag des Fürſten Fürſtenberg, den Schriftwechſel aus Higheliffe zuſammenſtellen zu laſſen, in die Tat umzuſetzen und beauftragte das Auswärtige Amt damit. Die Ausführung ſcheiterte daran, daß das betreffende Material unauffindbar war.
Gegen Ausgang des Winters erbat ſich der Kanzler eine Audienz. Ich ging mit ihm in der Bildergalerie des Schloſſes auf und ab, zwiſchen den Bildern meiner Ahnen, der Schlachten des Siebenjährigen Krieges ſowie der Kaiſerproklamation in Verſailles, und war erſtaunt, als der Kanzler auf die Vorgänge vom Herbſt 1908 zurückkam und fein Verhalten zu erklären unternahm. Dar- auf nahm ich Gelegenheit, die ganze Vergangenheit mit ihm durch— zuſprechen. Die offene Ausſprache und die mich befriedigenden Erklä— rungen des Fürſten beſeitigten die Spannung. Das Ergebnis war ſein Verbleiben im Amte. Der Kanzler bat mich, ich möchte am Abend dieſes Tages, um auch der Außenwelt zu dokumentieren, daß wieder alles in Ordnung ſei, wie früher ſo oft das Eſſen bei ihm
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einnehmen. Ich tat das. Ein angeregter Abend, von der ſichtlich erfreuten Fürſtin mit reizvoller Liebenswürdigkeit, vom Fürſten mit der gewohnten lebhaften, geiſtvollen Konverſation getragen, beſchloß den denkwürdigen Tag. Ein Spaßvogel hat nachher in einer Zeitung über die Audienz nach berühmtem Muſter den Vers gedichtet: „Die Träne quillt, Germania hat mich wieder.“
Mit dieſer Ausſöhnung habe ich auch zu erkennen geben wollen, daß ich die Sache über perſönliche Empfindlichkeit zu ſtellen gewohnt bin. Trotz der mich ſchmerzenden Haltung des Fürſten Bülow im Reichstage habe ich ſelbſtverſtändlich niemals feine hervorragen— den ſtaatsmänniſchen Qualitäten und die ausgezeichneten Dienſte vergeſſen, die er dem Vaterlande geleiſtet hat. Seinem Geſchick iſt es gelungen, den Weltkrieg trotz mancherlei Kriſen zu vermeiden, und zwar während der Zeit, in der ich mit Tirpitz unſere Schutz flotte baute. Das war eine große Leiſtung. |
Ein ernſtes Nachſpiel zu der erwähnten Audienz folgte noch mit den Konſervativen. Das Zivilkabinett machte dem Vorſtand der Partei Mitteilung von der Audienz und ihrem Verlauf, mit dem Erſuchen, daß nun auch die Partei ihren „Offenen Brief“ zurück— nehmen möchte. Dieſes Erſuchen, das lediglich im Intereſſe des Anſehens der Krone — nicht meiner Perſon — geſtellt war, wurde von der Partei abgelehnt. Erſt im Laufe des Krieges (1916) iſt es durch einen Abgeſandten der Partei im Großen Hauptquartier wieder zu einer Fühlungnahme gekommen.
Wenn ſchon die Konſervativen nicht hinreichend für die Krone eingetreten waren, ſo hatten ſich die Linksliberalen, Demokraten, Sozialiſten erſt recht durch einen Entrüſtungsſturm hervorgetan, der in ihren Parteipreſſen wahre Orgien feierte und laut nach Einſchränkung der autokratiſch-ſelbſtherrlichen Gelüſte uſw. rief. Dieſes Treiben dauerte den ganzen Winter an, ohne ſeitens der höheren Regierungskreiſe gehindert zu werden oder Wider—
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ſpruch zu finden. Erſt nach der Kanzleraudienz verſtummte es wieder.
Später bildete ſich nach und nach eine Abkühlung zwiſchen dem Kanzler und den Parteien heraus. Die Konſerpativen rückten von den Liberalen ab, der Block bekam Riſſe, Zentrum und Sozialiſten brachten ſchließlich ihn, vor allem aber auch den Kanzler ſelbſt zu Fall, wie es mir ſpäterhin Graf Hertling wiederholt — noch zuletzt in Spa — geſchildert hat. Er war ſtolz darauf, am Sturze Bülows tatkräftig mitgewirkt zu haben.
Als es nicht mehr gehen wollte, zog der Kanzler die Folgerung und empfahl mir die Wahl des Herrn v. Bethmann als fünften Kanzler des Reiches. Nach eingehenden Beratungen entſchloß ich mich, dem Wunſche des Fürſten Bülow zu entſprechen und ſein Ent— laſſungsgeſuch zu bewilligen unter Berufung des von ihm em— pfohlenen Nachfolgers.
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Der bumsen
9: v. Bethmann Hollweg war mir ſchon aus meiner Jugend- zeit wohlbekannt. Als ich im Jahre 1877 meine erſte aktive Dienſtzeit als Leutnant bei der 6. Kompagnie 1. Garde-Regiments z. F. abſolvierte, lag dieſe einmal in Hohenfinow bei dem alten Herrn v. Bethmann, dem Vater des Kanzlers, einquartiert. Ich fühlte mich hingezogen zu dem ſympathiſchen Familienkreiſe, dem die verehrungs— würdige Frau v. Bethmann, eine geborene Schweizerin, mit Liebens— würdigkeit und feinem Geiſte vorſtand. Oft bin ich dann als Prinz und ſpäter als Kaiſer nach Hohenfinow gekommen, um den alten Herrn zu beſuchen. Dabei empfing mich ſedesmal der junge Landrat des Kreiſes, wir ahnten damals beide nicht, daß er einſt unter mir der Kanzler des Reiches werden ſollte. Aus dieſen Beziehungen hat ſich nach und nach ein reger Verkehr entwickelt, durch den ſich meine Wertſchätzung der Arbeitskraft, der Fähigkeiten und des mir fpm- pathiſchen vornehmen Charakters Bethmanns ſtetig geſteigert hat, ſie hat ihn auf ſeiner ganzen Beamtenlaufbahn begleitet.
Bethmann hatte ſich als Oberpräſident und als Staatsſekretär des Reichsamts des Innern gut bewährt und war in letzterer Stellung auch bereits im Reichstag geſchickt aufgetreten.
Das Einarbeiten des Kanzlers mit mir ging leicht vonſtatten. Ich ſetzte auch bei Bethmann die Gewohnheit fort, ihn möglichſt täglich zu beſuchen und beim Umhergehen im Garten des Kanzler—
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palais mit ihm die Politik, Tagesereigniſſe, beſondere Vorlagen und Vorkommniſſe eingehend zu erörtern und mir von ihm Vortrag halten zu laſſen. Auch in des Kanzlers Hauſe verkehrte ich gern, war doch die Lebensgefährtin Bethmanns das Urbild einer echten deutſchen Frau, deren ſchlichte Vornehmheit einem jeden Beſucher Verehrung abgewann, während ihre gewinnende Herzensgüte eine warme Atmoſphäre um ſie verbreitete. Die vom Fürſten Bülow be— gonnene und von mir beſonders geſchätzte Gepflogenheit der kleinen Abendgeſellſchaften wurde von Bethmann fortgefegt und ermöglichte mir auch weiterhin, mit Männern aus allen Kreiſen und Berufsarten ungezwungen zu verkehren.
Bei den Reiſen, die der Kanzler, um ſich vorzuſtellen, machen mußte, gewann er ſich durch ſeine vornehme Ruhe und ſeine gediegene Ausdrucksweiſe überall Sympathie. Das uns nicht feindlich geſinnte Ausland betrachtete ihn als einen Faktor politiſcher Stetigkeit und des Friedens, den aufrecht zu erhalten und zu ſtärken, ganz in meinem Sinne, ſein eifrigſtes Beſtreben war.
In der auswärtigen Politik beſchäftigte ihn von Anfang an die Stellung Englands zu Deutſchland und die ſich ſeit Reval immer mehr fühlbar machende Politik der „Einkreiſung“ König Eduards VII., die ihm ebenſo Sorge bereitete wie die ſteigende Revancheluſt und Feindſchaft in Frankreich und die Unzuverläſſigkeit Rußlands. Daß auf Italien militäriſch nicht mehr zu rechnen war, wurde unter ſeiner Kanzlerſchaft klar, die Bearbeitung durch Barrère machte dort die „Extratouren“ chroniſch.
Bei ſeinem Antritt fand Herr v. Bethmann die Situation mit Frankreich inſofern geklärt, als am 9. Februar 1909 das deutſch— franzöſiſche Marokko-Abkommen unterzeichnet worden war. Fürſt Bülow hatte damit unter Anerkennung der politiſchen Vorherrſchaft Frankreichs den Rückzug der deutſchen Politik aus Marokko be— ſiegelt. Der Standpunkt, der für die Reiſe nach Tanger und noch
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für die Algeciras-Konferenz maßgebend geweſen war, wurde damit endgültig verlaſſen. Die hohe Befriedigung der franzöſiſchen Re— gierung über dieſen Erfolg kam in der Verleihung des Großkreuzes der Ehrenlegion an Fürſt Radolin und Herrn v. Schoen zu einem für uns unerfreulichen Ausdruck.
Am ſelben Tage ſtattete König Eduard VII. mit der Königin Alexandra dem deutſchen Kaiſerpaar ſeinen erſten offiziellen Beſuch in der Hauptftadt Berlin ab, 8 Jahre nach feiner Thronbeſteigung! Berlin empfing den hohen Herrn mit Jubel (II) und trug in keiner Weiſe Mißſtimmung über ſeine unfreundliche Politik zur Schau. Der König machte geſundheitlich keinen günſtigen Eindruck. Er war abgeſpannt, gealtert und litt obendrein an einem heftigen Katarrh. Der Einladung der ſtädtiſchen Körperſchaften Berlins zum zwang— loſen Tee im Rathaus entſprach er trotzdem. Nach ſeinen Schil— derungen, die auch von Berliner Herren beſtätigt wurden, ſoll das Zuſammenſein in jeder Hinſicht zur beiderſeitigen Befriedigung verlaufen ſein. Ich teilte meinem Oheim die Unterzeichnung des deutſch-franzöſiſchen Marokko-Abkommens mit, er nahm die Nach— richt ſcheinbar mit Freude auf. Als ich hinzufügte: „I hope this agreement will be a steppingstone to a better understanding between the two countries“ ), nickte der König beifällig mit dem Kopfe und ſagte: „May that be so!“) Hätte der König hieran mitgearbeitet, dann wäre meine Hoffnung wahrſcheinlich nicht ge— ſcheitert. Für den Augenblick hatte der Beſuch der engliſchen Maje— ſtäten aber immerhin eine freundlichere Atmoſphäre erzeugt, die Herr v. Bethmann bei ſeinem Amtsantritt vorfand.
Während ſeiner Kanzlerſchaft hat Herr v. Bethmann reichlich auswärtige Fragen zu behandeln gehabt, entſprechend den bekannten
*) „Ich hoffe, dieſes Abkommen wird ein Schritt zu einer beſſeren Verſtän— digung zwiſchen den beiden Ländern ſein.“ **) „Möchte es fo fein!”
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Ereigniffen der Jahre 1909/14. Über dieſe Zeit ift bereits ein reichhaltiges Material von verſchiedenen Seiten veröffentlicht worden, namentlich in dem Buche des Staatsſekretärs v. Jagow: „Urfachen des Weltkrieges’. In den „Belgiſchen Aktenſtücken“ tft von neu⸗ tralem Standpunkte das Verhalten der deutſchen Regierung in den verſchiedenen Verwicklungen geſchildert. Als Richtlinien für dieſes Verhalten hatte ich feſtgelegt: „Zurückhaltung einerſeits, andererſeits Unterſtützung des öſterreichiſch-ungariſchen Bundesgenoſſen, wo es ſich um offenſichtliche Bedrohung ſeiner Großmachtſtellung handelt, unter Ratſchlägen zur Mäßigung im Verfahren. »Ehrliche Maklere— Arbeit in vermittelnder Tätigkeit überall, wo der Friede gefährdet erſcheint. Feſtes Eintreten für die eigenen Intereſſen.“ Daß an— geſichts der Einkreiſungsgelüſte der Gegner zielbewußter Ausbau der Armee und Marine als Verteidigungsmaßnahme nebenher ging, war bei der zentralen Lage Deutſchlands mit ſeinen offenen, unge— ſchützten Grenzen ein pflichtmäßiges Gebot der Selbſterhaltung. Dieſe Geſchichtsperiode iſt auch in dem Buche von Stegemann gut be— handelt. Ebenſo ſchildern Friedjung, Helfferich u. a. die Vorkriegs— zeit intereſſant.
Der Tod des „Einkreiſers“ Eduard VII., von dem der belgiſche Geſandtſchaftsbericht aus Berlin einſt ſagte, „der Friede Europas ſei niemals mehr gefährdet, als wenn der König von England ſich mit ſeiner Sicherung befaſſe“, rief mich nach London, wo ich mit dem engverwandten Königshauſe die Trauer teilte, in die das Hin— ſcheiden des Königs Dynaſtie und Nation verſetzt hatte. Die ganze Königliche Familie empfing mich am Bahnhof, ein Zeichen ihrer Dankbarkeit für die durch mein Kommen bewieſene verwandtfchaft- liche Geſinnung. König Georg fuhr mit mir nach Weſtminſter Hall, wo auf hochragendem Katafalk der koſtbar geſchmückte Sarg ruhte, bewacht von Haustruppen, Linienſoldaten und Mannſchaften aus den indiſchen und Kolonial-Kontingenten, alle in der charakteriſtiſchen
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Trauerhaltung, d. h. mit geſenkten Häuptern, die Hände gekreuzt auf den Kolben und Degengriffen der nach unten gekehrten Waffen. Mächtig ragte die alte graue Halle, von dem gewaltigen gotiſchen Holzdach überwölbt, über dem Katafalk empor, nur ſpärlich von einigen Sonnenſtrahlen erhellt, die durch die ſchmalen Fenſter fielen. Ein Strahl umflutete des Königs mit der engliſchen Krone gezierten Prunkſarg und lockte ein wunderbares Spiel der Farben aus den Edelſteinen hervor. An dem Katafalk zogen lautlos unabſehbare Mengen von Männern, Frauen und Kindern aus allen Ständen und Schichten des Volkes, viele mit gefalteten Händen, vorüber, um dem ſo populären Herrſcher ehrfurchtsvollen Abſchiedsgruß zu weihen. Ein in ſeinem wunderbaren mittelalterlichen Rahmen tief ergreifendes Bild!
Ich trat mit dem König Georg an den Katafalk heran, legte einen Kranz nieder und ſprach ein ſtilles Gebet, nach dem ſich meine Rechte und die meines Königlichen Vetters ganz von ſelbſt fanden und ſich feſt ineinander ſchloſſen. Dies hat auf die Anweſenden einen tiefen Eindruck gemacht, ſo daß mir am Abend einer meiner Verwandten darüber ſagte: „Your handshake with our King is all over London, the people are deeply impressed by it and take it as a good omen for the future.“ — „That is the sincerest wish of my heart“) war meine Antwort.
Bei dem Ritt durch London hinter meines Oheims Sarg war ich Zeuge der gewaltigen, ergreifenden Trauerkundgebung, die trotz der ungeheuren Scharen — man ſchätzte ſie auf mehrere Millionen — auf Straßen, Balkonen und Dächern nur Menſchen in Schwarz und die Männer entblößten Hauptes zeigte, alles in muſterhafter
*) „Der Händedruck, den Sie mit unſerem König ausgetauſcht haben, wird in ganz London beſprochen, er hat auf das Volk einen tiefen Eindruck gemacht, und es betrachtet ihn als ein gutes Vorzeſchen für die Zukunft.“ — „Das fft der auf— richtigſte Wunſch meines Herzens.“
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Ordnung und lautlofer Stille. Auf dieſem dunklen feierlichen Hinter— grund hob ſich das Spalier der britiſchen Truppen um ſo farben— reicher ab. Prachtvoll nahmen ſich die Bataillone der engliſchen Garde aus: Grenadiere, Scotsguards, Coldſtreamguards und Irifh- guards in ihren vorzüglich ſitzenden roten Röcken, weißem Lederzeug und ſchwarzen Bärenmützen. Alles ausgeſuchter Erſatz von vor— trefflichem Ausſehen und ausgezeichneter militäriſcher Haltung, eine Freude für jedes ſoldatiſch empfindende Herz. Das ganze Spalier ſtand ebenfalls in der oben ſchon befchriebenen Trauerhaltung.
Während der Tage meines Aufenthalts wohnte ich auf beſonderen Wunſch König Georgs bei ihm in Buckingham Palace. Des ver— ewigten Königs Witwe, die Königin Alexandra, hat mich mit rührender, liebenswürdiger Güte empfangen und viel mit mir über vergangene Zeiten geplaudert, meine Erinnerungen reichten bis in die Kinder— jahre zurück, da ich ſchon als kleiner Knabe die Hochzeit meines ver— ewigten Oheims miterlebt hatte.
Für die vielen fürſtlichen Gäſte und ihre Gefolge ſowie für die Vertreter fremder Nationen wurde vom König ein Bankett gegeben, bei dem unter anderen auch Herr Pichon erſchien. Er wurde mir vorgeſtellt. In dem Geſpräch mit ihm konnte ich ihm die mir vom Reichskanzler mitgegebenen Wünſche übermitteln, die unſere Intereſſen in Marokko und einige andere politiſche Fragen betrafen, deren Er— füllung Herr Pichon bereitwillig zuſagte. Alle ſonſtigen Kombinationen, die von verſchiedenen Seiten an dieſes Geſpräch geknüpft worden ſind, gehören in das Gebiet der Phantaſie. —
Obwohl die Jahre 1909/14 außerordentliche Aufmerkſamkeit auf die auswärtigen Ereigniſſe beanſpruchten, wurde in ihnen doch auch der Ausbau im Innern nach Kräften gefördert und den Anſprüchen des ſchnell aufblühenden Handels, Verkehrs, der Landwirtſchaft und In— duſtrie Rechnung zu tragen verſucht. Leider wurden die Arbeiten hierfür durch die arge Zerklüftung unter den Parteien ſehr erſchwert.
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Der Kanzler hatte das Beſtreben, alles, was erfüllbar war, auch durchzuführen. Aber ſeine Veranlagung zur Ergründung der Probleme und ſein Wunſch, nur das vorzubringen, was er in ſeiner peinlichen Bedenklichkeit für völlig ausgereift hielt, wirkten im Laufe der Zeit doch recht hemmend. Es war ſchwer, ihn zu Entſchlüſſen zu bringen, ſolange er nicht von ihrer abſoluten Einwandfreiheit überzeugt war. Das machte das Arbeiten mit ihm mühſam und erweckte bei Ferner- ſtehenden den Eindruck der Unentſchloſſenheit, während es im Grunde mehr übergroße, zu weitgehende Gewiſſenhaftigkeit war. Dazu ent— wickelte ſich mit der Zeit bei dem Kanzler eine ſtarke und zunehmende Neigung zur Präponderanz, die ſich bei Diskuſſionen öfters zu einer eigenſinnigen, faſt ſchulmeiſterlichen Rechthaberei und Belehrung der Andersdenkenden ſteigerte. Das hat ihm viel Feinde geſchaffen und mir das Leben oft ſchwer gemacht. Ein Jugendbekannter des Kanz— lers, zu dem ich gelegentlich über dieſe Eigenſchaft ſprach, erwiderte lachend, das ſei ſchon auf der Schule ſo geweſen. Da habe Herr v. Bethmann feine Witſchüler in der Klaſſe, zu denen auch mein Gewährsmann gehörte, unaufhörlich belehrt und geſchulmeiſtert, ſo daß die Klaſſe ihm den Beinamen „die Gouvernante“ gegeben habe. Dieſe Eigenſchaft ſei ein Unglück für ihn, da die meiſten Menſchen keine Gouvernante mehr haben wollten, aber ſie ſei ihm nun einmal in Fleiſch und Blut übergegangen, und ablegen werde er ſie nicht mehr.
Ein Beiſpiel dafür iſt Bethmanns Verhältnis zu Herrn v. Kiderlen, den er trotz meinem energiſchen Abraten durchaus als Staatsſekretär haben wollte. Herr v. Kiderlen war ein tüchtiger Arbeiter und ein ſtarker Charakter, der ſich ſtets ſeine Selbſtändigkeit zu wahren ſuchte. Er war etwa ein Jahr im Amte, als Herr v. Bethmann eines Tages zu mir kam, ſich über Kiderlens Eigenſinn und Un— botmäßigkeit beſchwerte und bat, ich möchte ihm doch einmal ins Gewiſſen reden. Ich lehnte dieſes Anſinnen mit dem Hinweis ab, daß der Kanzler Kiderlen gegen meinen Wunſch gewählt habe und
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nun auch mit ihm auskommen müſſe, die Aufrechterhaltung der Diſ— ziplin im Auswärtigen Amt ſei Sache des Kanzlers: ich hätte keine Neigung, mich einzumiſchen.
Bethmanns Unzulänglichkeit als Kanzler iſt inzwiſchen erwieſen. Er war im Grunde ſeines Weſens Pazifiſt und hatte ſich in den Gedanken verrannt, mit England zu einer Verſtändigung zu kommen, koſte es was es wolle. Ich verſtehe durchaus, daß ein Mann von pazifiſtiſcher Grundrichtung ſo handelt, in der Hoffnung, auf dieſe Weiſe einen Krieg zu vermeiden. Sein Ziel entſprach durchaus meiner Politik. Die Art und Weiſe, auf die Bethmann es zu er— reichen ſuchte, hielt ich für ungeeignet. Gleichwohl habe ich ſeine Bemühungen unterſtützt. An einen wirklichen Erfolg habe ich aller— dings nicht geglaubt. Im Laufe ſeiner Kanzlerſchaft ſtellte ſich ſchließlich immer mehr heraus, daß die Realitäten der Politik ihm recht fern lagen. Er wußte aber immer alles beſſer als alle anderen. Auch mich belehrte er ſtändig. Er hielt in dieſer Selbſtüberſchätzung an ſeinen Gedankengängen unverrückbar feſt, ſelbſt wenn alles anders kam, als er es ſich gedacht hatte.
Seine Vorträge waren ſtets ausgezeichnet vorbereitet, in der Form glänzend, daher eindrucksvoll und beſtechend. Darin lag eine gewiſſe Gefahr. Seiner Meinung nach gab es immer nur die eine Löſung, die er vorſchlug. Die ſcheinbare Gediegenheit und Gründ— lichkeit ſeiner Vorträge und Vorſchläge, die Beleuchtung der Vor— tragsgegenſtände von allen Seiten, die Berufung auf Experten, auf ausländiſche und inländiſche Staatsmänner und Diplomaten uſw. er- weckten leicht den Eindruck, als käme einzig und allein die Beth— mannſche Löſung in Betracht. Trotz dieſer gründlichen Vorbereitungen machte er Fehler über Fehler.
So hat er in der Tat unſer Unglück mit verſchuldet. Als ich 1914 von der Nordlandreiſe kam, hat er mir zwar nicht fein Porte⸗ feuille zur Verfügung geſtellt, aber er hat zugegeben, daß allerdings
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alle feine politiſchen Berechnungen fehlgeſchlagen waren. Gleichwohl beließ ich ihn auch nach ſeiner Reichstagsrede und der engliſchen Kriegserklärung am 4. Auguſt 1914 im Amt, weil ich es für äußerſt bedenklich hielt, im kritiſchſten Augenblick der deutſchen Geſchichte den oberſten Reichsbeamten zu wechſeln. Die geſchloſſene Stimmung des Volkes, die wir gegenüber der Herausforderung der Entente brauchten, hätte dadurch geſtört werden können. Zudem behaupteten ſowohl der Kanzler ſelbſt wie auch der Chef des Zivilkabinetts, daß Bethmann die Arbeiterſchaft hinter ſich hätte. Ich wollte der Arbeiterſchaft, die ſich 1914 tadellos benahm, nicht den Staats⸗ mann nehmen, zu dem ſie — wie mir geſagt wurde — Vertrauen hatte.
Die mir immer wieder vom Chef des Zivilkabinetts und dem Vertreter des Auswärtigen Amtes gemeldete Theſe, daß nur Beth- mann die Arbeiterſchaft hinter ſich hätte, wurde ſchließlich noch ergänzt durch an mich erſtattete Meldungen, nach denen der Kanzler auch das für den Friedensſchluß erforderliche Vertrauen im Ausland be- ſäßſe. So kam es, daß Bethmann immer wieder im Amte blieb, bis ſchließlich der Kronprinz die bekannte Feſtſtellung bei den Partei⸗ führern machte, aus der ſich ergab, daß die erwähnte Theſe ein Irr— tum war. Dieſer Irrtum wurde um ſo deutlicher für mich, als ich bei Bethmanns Abgange, bei dem noch andere Einwirkungen mit⸗ ſpielten, gerade in der Preſſe der Sozialdemokratie und der Demo⸗ kratie die abträglichſten Urteile über ihn las.
Ich wünſche mit dieſen offenen Bemerkungen Bethmann nicht zu belaſten und andere zu entlaſten, wenn aber über ſo wichtige Dinge geſprochen wird, ſo müſſen perſönliche Rückſichten ſchweigen. An Bethmanns vornehmer Geſinnung habe ich nie gezweifelt.
Es ſeien hier noch ein paar Worte über die Reform des preu— ßiſchen Wahlrechts eingeſchaltet, weil deren Behandlung durch Herrn v. Bethmann für ſeine Zauderpolitik kennzeichnend iſt. Im
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Laufe des Winters 1914/15, als nach dem glänzenden Sommer— feldzug der harte ſchwere Winter- und Grabenkampf die ſtehende Kriegführung brachte, machten die großartigen Leiſtungen der ge— ſamten Truppen und der Geiſt, den ich bei Offizieren wie Nlann- ſchaften im Felde wie im Lazarett gefunden hatte, auf mich einen ſo tiefen Eindruck, daß ich bei mir beſchloß, dem bewährten herrlichen „Volk in Waffen“ bei der Heimkehr auch auf politiſchem Gebiete eine Freude und Anerkennung zu bereiten. Ich habe des öfteren in Ge— ſprächen dieſes Thema behandelt und dabei auf die Reform des preußiſchen Wahlrechts hingewieſen. Der Mann, der mit dem Eiſernen Kreuz, vielleicht beider Klaſſen, heimkehre nach ſolchem Kampf, der dürfe bei der Wahl nicht mehr „klaſſifiziert“ werden.
In dieſe Überlegung traf eine mir von Herrn v. Loebell unter— breitete Denkſchrift hinein, in der aus ähnlichen Gründen eine Reform des preußiſchen Wahlrechts angeregt wurde. Die knappe, klare und überzeugende Darlegung gefiel mir ſo ſehr, daß ich die Denkſchrift, die zunächſt nur allgemeine Geſichtspunkte, noch keine Details enthielt, verſchiedenen Herren zu leſen gab. Ich freute mich, daß ſie bei allen Befragten volle Anerkennung fand.
Ich ließ Herrn v. Loebell durch den Chef des Zivilkabinetts v. Valentini meinen Dank ausſprechen und ihn veranlaſſen, eine detaillierte Ausarbeitung mit Vorſchlägen einzureichen. Dies erfolgte im Frühjahr 1915. Die Denkſchrift war ſehr eingehend und be— handelte verſchiedene Möglichkeiten des Wahlmodus, ohne ein be— ſtimmtes Syſtem vorzuſchlagen. Sie wurde von mir gebilligt und durch den Kabinettschef dem Reichskanzler zugeſchickt mit dem Be— fehl, fie im Laufe des Jahres durch das Staatsminiſterium durch⸗ beraten und deſſen Votum bzw. eventuelle Vorſchläge und die Aus⸗ arbeitung einer Geſetzesvorlage mir vorlegen zu laſſen. Natürlich ſollte das Geſetz erſt nach dem Friedensſchluß eingebracht werden.
Gleich darauf begab ich mich nach Pleß. Die Schlacht von
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Gorlice⸗Tarnow mit ihrem den Feind niederſchmetternden Sieg leitete den galiziſch⸗polniſchen Feldzug ein, der zur Wiedereroberung von Lemberg, Przemysl, zur Einnahme von Warſchau, Iwangorod, Modlin, Breſt⸗Litowsk ufw. führte und mich voll in Anſpruch nahm. Auch der „Luſitania“⸗Fall warf feine Schatten, und Italien brach das Bündnis — es iſt daher nicht zu verwundern, daß die Denk⸗ ſchrift bei mir ins Hintertreffen geriet.
Auch der Winter und der Sommer 1916 mit ihren Kämpfen an allen Fronten, der furchtbaren Sommeſchlacht und der glänzenden rumäniſchen Herbft- und Winterkampagne führten mich auf alle möglichen Punkte der Weft- und Oſtfront bis nach Niſch, wo die erſte denkwürdige Zuſammenkunft mit dem Zaren der Bulgaren er— folgte, und nach Orſova, ſo daß ich zu ſo eingehender Beſchäftigung mit der Reform, wie deren Wichtigkeit erforderte, nicht kommen konnte.
Im Frühjahr 1917 wandte ich mich an den Kanzler mit der Aufforderung, zu Oſtern eine Ankündigung der Reform an das Volk zu entwerfen, da ich vorausſetzte, daß das Staatsminiſterium die Denkſchrift längſt beraten habe. Der Kanzler vereinbarte in Hom— burg mit dem Kabinettschef und mir den Text des Erlaffes, in dem er die Wahlform noch offen zu laſſen vorſchlug, da er damit noch nicht ganz im reinen ſei. Es erſchien der Oſtererlaß, dem nach wie vor der Gedanke zugrunde lag, daß die Reform erſt nach dem Friedensſchluß Platz greifen ſolle, da ja der größte Teil der Wähler vor dem Feinde ſtand.
Parteien und Preſſe haben das ihrige dazu getan, meine urſprüng⸗ liche Abſicht durch Zank und Streit, durch das Aufwerfen der Frage des Reichstagswahlrechts für Preußen und durch das Verlangen nach Einbringung der Vorlage ſchon während des Krieges, zu ver— ſchieben. So nahm die Frage ihren bekannten, wenig erfreulichen Verlauf, der ſich durch die endloſen Verhandlungen im Landtage recht langwierig geſtaltete. Erſt nach dem Abgange des Herrn
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v. Bethmann erfuhr ich durch Loebell, daß die Denkſchrift vom Jahre 1915 dem Miniſterium gar nicht vorgelegt worden war, ſondern anderthalb Jahre unerledigt im Tiſchkaſten gelegen hatte. Der Kanzler habe unter dem Eindruck der Wünſche aus dem Lande die verſchiedenen vorgeſchlagenen Formen fallen laſſen und ſich direkt auf das allgemeine (Reichstags-) Wahlrecht konzentriert, von deſſen Kommen er wohl ſchon innerlich überzeugt geweſen fein werde.
Jedenfalls iſt der urſprüngliche Grundgedanke durch Bethmanns Verſchleppung und durch das Parteigezänk gründlich verhunzt worden. Ich hatte meinem ſiegreich heimkehrenden Heer, dem „Volk in Waffen“, meinen tapferen Preußen, mit denen ich vor dem Feinde geſtanden hatte, aus freier Entſchließung eine Ehrengabe entgegen— bringen wollen. —
Es war ein Ausfluß der ſtarken Neigung Bethmanns zur Prä— ponderanz, daß der Staatsſekretär des Auswärtigen unter ihm bloßer Hilfsarbeiter blieb, ſo daß das Auswärtige Amt dem Reichskanzler— amt quafi affiliiert war, was in der Benutzung der Preſſeabteilung beſonders fühlbar wurde. Auch mir gegenüber nahm Bethmann eine ſtarke Selbſtändigkeit für ſich in Anſpruch. Geſtützt darauf, daß der Kanzler nach der Verfaſſung allein die Verantwortung für die auswärtige Politik zu tragen hat, ſchaltete und waltete er frei nach Belieben. Das Auswärtige Amt durfte mir nur mitteilen, was dem Kanzler paßte, ſo daß ich oft über wichtige Angelegenheiten nicht informiert worden bin.
Daß das überhaupt möglich war, liegt an der Neichsverfaſſung. Es iſt hier wohl der Platz, ein Wort über das Verhältnis von Kaiſer und Kanzler im allgemeinen einzufügen. Ich ſpreche im fol— genden alſo nicht über mein Verhältnis zu Herrn v. Bethmann, ſondern ganz unperſönlich über die Schwierigkeiten in dem Ver— hältnis des deutſchen Kaiſers zu den Reichskanzlern, die ihren Grund in der Reichsverfaſſung hatten.
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Ich hebe folgende Punkte hervor:
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Nach der Reichsverfaſſung iſt der Kanzler der Leiter und Vertreter der auswärtigen Politik des Reiches, er trägt für dieſe die volle Verantworlichkeit und läßt ſie durch das ihm unterſtehende Auswärtige Amt ausführen, nachdem er dem Kaiſer Vortrag gehalten hat.
Der Kaiſer hat auf die auswärtige Politik nur inſoweit
Einfluß, als der Kanzler ihn einräumt.
Der Kaiſer kann ſeinen Einfluß geltend machen im Wege
der Diskuſſion, Information, Anregung, durch Vorſchläge und die Berichterſtattung über ſeine auf Reiſen empfangenen Eindrücke, die dann als Ergänzung zu den politiſchen Be— richten der Botſchafter oder Geſandten der Länder, die er perſönlich beſuchte, gilt.
Der Kanzler kann auf ſolche Einwirkung des Kaiſers ein⸗
gehen, ſie zur Grundlage ſeiner Entſchlüſſe machen, wenn er mit der Auffaſſung des Kaiſers übereinſtimmt. Im andern Falle bleibt er bei ſeiner Auffaſſung und führt ſie durch (Krügerdepeſche).
Verfaſſungsmäßig hat der Kaiſer kein Mittel, den
Kanzler und das Auswärtige Amt zur Annahme ſeiner Anſicht zu zwingen. Er kann den Kanzler nicht zu einer Politik veranlaſſen, die dieſer nicht verantworten zu können glaubt. Beſteht der Kaiſer auf ſeiner Auffaſſung, ſo kann der Kanzler ſeinen Abſchied anbieten oder fordern.
Auf der andern Seite beſitzt der Kaiſer kein verfaſſungs—
mäßiges Mittel, den Kanzler und das Auswärtige Amt an einer Politik zu hindern, die er für bedenklich oder falſch hält. Es bleibt ihm, wenn der Kanzler auf ſeiner Auffaſſung beſteht, nur übrig, zum Kanzlerwechſel zu ſchreiten. — Jeder Kanzlerwechſel iſt aber eine ſchwierige,
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in das Leben der Nation tief eingreifende Prozedur und deg- halb in Zeiten politiſcher Verwicklungen und Hochſpannung äußerſt bedenklich, eine ultima ratio, die um ſo gewagter iſt, als die Zahl der für dieſen anormal ausgewachſenen Poſten geeigneten Männer ſehr gering iſt.
Die Stellung des Reichskanzlers, die auf die überragende Perſön— Nchkeit des Fürſten Bismarck zugeſchnitten war, hatte durch die ſich immer mehr vergrößernden Reichsämter, deren aller Chef und verant— wortlicher Vorgeſetzter der Kanzler war, ein bedenkliches Übergewicht gewonnen. Beachtet man dieſe Tatſache, dann geht es ſchlechterdings nicht an, hinterher, wie es ſchon früher und beſonders gegen Ende des Krieges und nach dem Kriege ſeitens kritiſcher Beſſerwiſſer und nörgelnder Umſtürzler zu Haus wie ſeitens der Entente geſchehen iſt, den Kaiſer kurzweg für alles allein verantwortlich zu machen. Das iſt, ganz abgeſehen von allem Perſönlichen, ein Beweis völliger Un— kenntnis der früheren deutſchen Reichsverfaſſung. —
Der Beſuch des Zaren in Potsdam im November 1910 ver⸗ lief zur Zufriedenheit aller Beteiligten und wurde vom Kanzler und Herrn v. Kiderlen benutzt, mit dem neu ins Amt getretenen Herrn Saſonow Fühlung zu nehmen, den der Zar dazu mitgebracht hatte. Der ruſſiſche Herrſcher fühlte ſich bei uns anſcheinend wohl und nahm an der zu ſeinen Ehren veranſtalteten Jagd, bei der er ſich als paſſionierter Waidmann zeigte, lebhaften Anteil. Der Erfolg der Beſprechungen der beiderſeitigen Staatsmänner bot anſcheinend gute Ausſichten für die Zukunft, fo daß beide Seiten, nachdem fie über- einander orientiert waren, beruhigt auf eine günſtige Geſtaltung unſerer Beziehungen hofften.
Während meines Frühjahraufenthaltes auf Korfu begannen die Unruhen der Waliſſoren, die auch das Intereſſe der Griechen fehr in Anſpruch nahmen. Man war in Korfu über den andauernden Waffenſchmuggel, der von Italien über Valona nach Albanien ging,
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gut orientiert und neigte in griechiſchen Kreiſen der Anſicht zu, daß Machinationen von jenſeits der Adria wie auch aus Montenegro an den Ereigniſſen nicht unbeteiligt ſeien. Auch habe das neue türkiſche Regime keine glückliche Hand in der Behandlung der Albaneſen ge— habt, die recht empfindlich und mißtrauiſch ſeien. Der frühere Sultan Abdul Hamid habe das ſehr wohl erkannt und es trefflich verſtanden, ſich gut mit den Albaneſen zu ſtellen und fie in Ruhe zu halten. Man befürchtete aber keine weitergehenden Komplikationen aus den Ereigniſſen.
Zu Anfang 1911 erhielt ich eine ſehr herzlich gehaltene ſchriftliche Einladung des Königs Georg von England, mit der Kaiſerin der Enthüllung des Standbildes der Königin Victoria, unſerer gemeinſamen Großmutter, beizuwohnen. Infolgedeſſen begab ich mich Mitte Mai mit der Kaiſerin und unſerer Tochter nach London. Der Empfang ſeitens der engliſchen Königsfamilie ſowie der Be— wohner Londons war herzlich. Die Enthüllungsfeier war geſchickt inſzeniert und ſehr großartig. Der weite kreisrunde Platz vor Buckingham Palace war von Tribünen umgeben, die von eingelade— nem Publikum überfüllt waren. Davor ſtand ein Truppenſpalier aller Waffengattungen und Regimenter der britiſchen Armee in Paradeausrüſtung, die Kavallerie und Artillerie zu Fuß. Am Denk- mal waren ſämtliche Fahnen der Truppen zuſammengezogen. Die Königliche Familie mit ihren Gäſten und den Gefolgen gruppierte ſich vor dem Denkmal. König Georg hielt eine weihevolle Anſprache von guter Wirkung, in der er auch des deutſchen Kaiſerpaares Er— wähnung tat. Die Hülle fiel unter Salut und Gruß. Die Kö— nigin in Marmor, auf einem Thron ſitzend, von einer goldenen Vic— toria überragt, wurde ſichtbar, ein Augenblick von packender Wirkung. Danach folgte der Vorbeimarſch der in der Parade ſtehenden Truppen, die Garden voraus, dann Hochländer, die in ihrer kleidſamen farbigen Tracht eine beſonders maleriſche Note in das militäriſche Schauſpiel
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brachten, dann die übrigen Truppen. Der Vorbeimarſch vollzog ſich auf dem kreisrunden Platze in einer andauernden Schwenkung, die äußeren Flügel mußten ausſchreiten, die inneren verhalten, eine ſchwierige Aufgabe für die Truppe. Sie wurde glänzend gelöſt, kein Mann kam aus der Richtung. Der Herzog von Connaught, welcher die ganzen militärifhen Anordnungen getroffen hatte, erntete mit Recht ungeteilten Beifall. Die übrigen Tage des Aufenthaltes wurden zu Ausflügen benutzt, auch genoſſen wir die Gaſtfreundſchaft hoher engliſcher Familien, wobei ſich Gelegenheit bot, mit vielen Mitgliedern der Geſellſchaft in Verkehr zu treten.
Einen beſonderen Kunſtgenuß bot der König ſeinen Gäſten durch eine Theatervorſtellung in Drury Lane. Es wurde ein bekanntes engliſches Schauſpiel „Money“ gegeben von einer beſonders dazu zuſammengeſtellten Truppe, die aus den erſten Schauſpielern und Schauſpielerinnen Londons beſtand. Als Überraſchung fiel im Zwiſchenakt ein von einer Dame ad hoc gemalter Vorhang, der in Lebensgröße den König Georg und mich zu Pferde darſtellte, wie wir militäriſch ſalutierend aufeinander zureiten. Das Bild war mit viel Schwung gemalt und wurde vom Publikum lebhaft akklamiert. Das Spiel der Herren und Damen in „Money“ war geradezu muſtergültig, da ein jeder ſeine Rolle, auch die kleinſte, in der Voll— endung gab. Es war eine wirklich klaſſiſche Aufführung. An einem anderen Tage wurden in der Olympiabahn die Sportturniere der britiſchen Armee und Marine befichtigt, die ſowohl hervorragende Einzelleiſtungen zu Fuß und zu Pferde, wie auch ſolche von ge— ſchloſſenen Truppenteilen zur Darſtellung brachten.
Ich habe mich hier bei der Schilderung der Denkmalsenthüllung wie auch der Beerdigung König Eduards VII. abſichtlich mit den Außerlichkeiten und dem Pomp beſchäftigt, die bei derartigen Ge— legenheiten in England üblich ſind. Aus ihnen erſieht man, daß in einem parlamentariſch regierten, ſogenannten demokratiſchen Lande
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auf faſt mittelalterliche Prachtentfaltung mehr Wert gelegt wurde, als im deutſchen Kaiſerreiche.
Das franzöſiſche Verhalten in Marokko, das mit der Algecfras— akte nicht mehr recht in Einklang zu bringen war, hatte wiederum die Aufmerkſamkeit der Diplomaten auf ſich gelenkt. Der Kanzler hatte mich daher gebeten, wenn ſich Gelegenheit dazu böte, die An— ſicht des Königs Georg über die Marokkaniſche Frage zu hören. Ich fragte ihn, ob er der Anſicht ſei, daß die franzöſiſche Handlungsweiſe ſich noch mit der Algecirasakte vertrage. Der König meinte, eigent— lich beſtehe die Akte nicht mehr, und man tue wohl am beſten, ſie der Vergeſſenheit anheimzugeben. Die Franzoſen machten ja im Grunde in Marokko nichts anderes, als was die Engländer ſeiner— zeit in Agypten auch getan hätten. England werde deshalb den Franzoſen keine Schwierigkeiten in den Weg legen, ſondern ſie ge— währen laſſen, man ſolle ſich mit dem fait accompli der Beſetzung abfinden und ſich wegen kommerzieller Sicherungen mit Frank- reich arrangieren. — Der Beſuch verlief bis zuletzt harmoniſch, und die Einwohner aus allen Schichten Londons gaben ihrer Sympathie Ausdruck, fobald fie der Gäſte ihres Königs anſichtig wurden.
So konnte das deutſche Kaiſerpaar mit den beſten Eindrücken heimkehren. Als ich dieſe dem Kanzler mitteilte, äußerte er große Zufriedenheit. Aus den Bemerkungen des Königs Georg entnahm er, daß England die Algecirasakte als nicht mehr beſtehend betrachte und auch der Beſetzung Marokkos keine Schwierigkeiten bereiten werde. Daraus entwickelte ſich die von ihm und dem Auswärtigen Amte befolgte Linie, welche zum Agadirfall führte, dem letzten ebenfalls mißglückten Verſuch, Einfluß in Marokko zu behalten. Die Lage ſpitzte ſich zu während der Kieler Woche. Das Aus- wärtige Amt unterbreitete mir ſeine Abſicht, den „Panther“ nach Marokko zu ſchicken. Ich habe ſtarke Bedenken gegen dieſe Maß—
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regel geltend gemacht, mußte fie aber angeſichts der dringlichen Vor— ſtellungen des Auswärtigen Amtes zurückſtellen. —
Das Jahr 1912 brachte in ſeiner erſten Hälfte die Sendung Sir Erneſt Caſſel's mit einer Verbalnote, in welcher England ſeine Neutralität im Falle eines auf Deutſchland erfolgenden „un— provozierten“ Angriffes anbot, falls Deutſchland auf eine Beſchrän— kung ſeines Kriegsſchiffbaues und das verſteckt angedeutete Fallen— laſſen ſeiner neueſten Marinevorlage eingehen würde. Infolge unſerer entgegenkommenden Antwort wurde Lord Haldane mit den Ver— handlungen betraut und nach Berlin entſandt. Die Verhandlungen ſcheiterten ſchließlich an der immer intranſigenter werdenden Haltung Englands (Sir E. Grey), das zuletzt Lord Haldane desavouierte und ſeine eigene Verbalnote zurückzog, weil Grey befürchtete, durch ein deutſch-engliſches Abkommen die Franzoſen zu verletzen und das engliſch-franzöſiſch-ruſſiſche Einvernehmen zu gefährden.
Im einzelnen war der Verlauf folgender: Am Vormittag des 29. Januar 1912 ließ ſich im Schloß zu Berlin Herr Ballin bei mir anmelden und um Audienz bitten. Ich nahm an, daß es ſich um eine nachträgliche Geburtstagsgratulation handeln werde. Ich war daher nicht wenig erſtaunt, als Ballin nach kurzem Glückwunſch
mir meldete, daß er als Abgeſandter von Sir Erneſt Caſſel er—
ſchienen ſei, der in beſonderer Miſſion ſoeben in Berlin eingetroffen ſei und um Empfang bäte. Ich fragte, ob es ſich um eine politiſche Sendung handle, und, wenn das der Fall ſei, warum nicht der engliſche Botſchafter die Audienz vermittle. Aus Ballins Antwort ging hervor, daß die Angelegenheit nach Andeutungen Caſſel's ſehr wichtig zu ſein ſcheine, die Umgehung des Botſchafters aber dadurch zu erklären ſei, daß man in London den beſonderen Wunſch aus⸗ geſprochen habe, die amtlichen diplomatiſchen Stellen mit der Ans gelegenheit nicht zu befaſſen, weder die engliſchen noch die deutſchen. Ich erklärte mich zum ſofortigen Empfang bereit, fügte aber hinzu,
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daß ich, falls Caſſel's Auftrag auf Fragen der Politik Bezug haben ſollte, als konſtitutioneller Herrſcher ſogleich den Kanzler hinzuziehen würde, da ich nicht in der Lage ſei, allein ohne den Kanzler mit dem Vertreter einer fremden Macht zu verhandeln.
Ballin holte Caſſel herbei, der mir ein Schriftſtück überreichte, das mit „Billigung und Kenntnis der engliſchen Regierung“ auf⸗ geſetzt worden ſei. Ich las den kleinen Bogen durch und erſtaunte nicht wenig, als ich ein formelles Neutralitätsangebot für den Fall künftiger kriegeriſcher Verwicklungen Deutſchlands in den Händen hielt, abhängig gemacht von gewiſſen Beſchränkungen auf dem Ge— biete des Flottenbaues, die Gegenſtand von gegenſeitigen Be— ſprechungen und Vereinbarungen bilden ſollten. Ich ging mit Ballin ins Nebenzimmer (Adjutantenzimmer) und gab ihm das Schriftſtück zu leſen. Nachdem er das getan hatte, fagten wir a tempo: „Eine Verbalnote!“
Es war offenbar, daß ſich dieſe „Verbalnote“ auf die vorliegende Novelle zu unſerem Flottengeſetz bezog und beſtimmt war, fie auf irgendeine Weiſe zu verzögern oder zu hintertreiben. Jedenfalls be— fand ich mich vor einer eigentümlichen Situation, die auch Ballins Verwunderung erregte. Sie erinnerte mich an die Lage in Cron⸗ berg⸗Friedrichshof 1908, als ich das an mich perſönlich gerichtete An— ſinnen des engliſchen Unterſtaatsſekretärs Hardinge, unſeren Flotten⸗ bau einzuſtellen, zurückweiſen mußte. Jetzt erſchien ein intimer Geſchäftsfreund Eduards VII. — ohne vorherige Anmeldung auf amtlichem diplomatiſchen Wege — beim deutſchen Kaiſer mit einer von der engliſchen Regierung inſpirierten „Verbalnote“, mit der aus⸗ drücklichen Inſtruktion, ſämtliche diplomatiſchen Inſtanzen beider Länder zu umgehen. Er überreichte ein Angebot der engliſchen Regierung, in kommenden kriegeriſchen Verwicklungen ihre Neutralität zu wahren gegen Abmachungen über Beſchränkungen in unſerem Schiffbau. Und dies geſchah ſeitens Englands, des Mutterlandes des „Kon⸗
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ſtitutionalismus“! Ballin fagte, als ich ihn hierauf hinwies: „Hei- liger Konſtitutionalismus! Wo biſt du hin? Das tft ja »personal politics, with a vengeance sl“) Ich einigte mich mit Ballin dahin, daß Herr v. Bethmann ſofort zitiert werden müſſe, um ſeinerſeits ſich zu informieren und zu dieſer eigentümlichen Lage Stellung zu nehmen.
Telephoniſch gerufen war Bethmann bald zur Stelle. Auch ihm verurſachte die Situation zunächſt ein gewiſſes Erſtaunen, es war intereſſant, ſein Mienenſpiel zu beobachten, als er orientiert wurde. Der Kanzler ſchlug vor, zur reſſortmäßigen Erledigung auch den Staatsſekretär des Reichsmarineamts Admiral v. Tirpitz hinzuzu⸗ ziehen, und empfahl, in derſelben Art und Form, wie die von Caſſel überreichte Note, eine Antwort in engliſcher Sprache aufzuſetzen und ſie Sir Erneſt mitzugeben, der abends wieder reiſen wollte. (Engliſch wurde gewählt, weil man Unklarheiten und Wißverſtändniſſe bei einer Überſetzung in London befürchtete.) Der Kanzler bat mich, da ich am beſten Engliſch verſtände, die Note aufzuſetzen, nach einigem Sträuben mußte ich mich dazu entſchließen, das Schreiberhandwerk ſelbſt zu verſehen. 5
Nun ergab ſich folgendes Bild: Ich ſaß am Schreibtiſch im Adjutantenzimmer, die Herren ſtanden um mich herum. Ich las einen Satz aus der Note vor und entwarf eine Antwort, die wieder verleſen wurde. Darauf ſetzte die Kritik von rechts und von links ein. Dem einen war es zu entgegenkommend, dem andern zu ſchroff; es wurde gemodelt, umgegoſſen, verbeſſert und gedrechſelt. Beſonders der Kanzler mit ſeiner philoſophiſch prüfenden, tief for— ſchenden Gründlichkeit, die ſedes Wort auf die Goldwage legte, da— mit es von allen Seiten beleuchtet nachher niemandem einen Anlaß zur Kritik bieten könnte, bereitete mir manche grammatikaliſche und
*) „Das iſt ja perſönliche Politik in höchſter Potenz!“ 124
ſtiliſtiſche Pein. Nach ſtundenlanger Arbeit war der Guß endlich gelungen und wurde, nachdem die Note ein paarmal von Hand zu Hand gegangen und dann noch ein halbes Dutzend Mal von mir verleſen worden war, unterſchrieben.
Beim Auseinandergehen fragte der Kanzler Sir Erneſt noch, wer von England aus zu den Verhandlungen zu erwarten ſei. Caſſel erwiderte, es werde ſedenfalls ein Minifter geſandt werden, welcher, ſei ihm nicht bekannt, vielleicht Mr. Winſton Churchill, der jetzige Marineminiſter, da es ſich ja um eine Marineangelegenheit handle. Dann vereinbarte der Kanzler noch mit ihm, daß der in— offizielle Weg beibehalten werden und Ballin die Übermittlung aller die Angelegenheit betreffenden Nachrichten aus England übernehmen ſolle. Sir Erneſt drückte ſeinen lebhaften Dank für liebenswürdigen Empfang und feine Zufriedenheit mit dem Tenor unſerer Antwort— note aus. Später teilte mir Ballin noch einmal vom Hotel aus mit, daß Caſſel ſich in jeder Beziehung befriedigt über den Erfolg ſeiner Miſſion ausgeſprochen habe und über den guten Eindruck, den er empfangen hätte, auch ſeiner Regierung berichten werde.
Als ich dann die Angelegenheit mit Admiral v. Tirpitz beſprach, waren wir beide uns darüber einig, daß die Novelle in Gefahr komme, alſo ſcharf aufgepaßt werden müßte. Es wurde nun in aller Stille das Material geordnet, das Admiral v. Tirpitz bei den Ver— handlungen vorzulegen haben würde: ein kleiner hiſtoriſcher Überblick über die Entwicklung der Flotte und deren ſich erweiternde Aufgaben, das Flottengeſetz in feinen Zielen, feinem Weſen ſowie feine Durch— führung und ſeine Erweiterung, ſchließlich die vorliegende Novelle, ihre Bedeutung und die Art ihrer Ausführung. Vom Kanzler wurde erbeten, daß die Hauptverhandlung im Schloß in meiner Gegenwart ſtattfinden ſolle. Mit Tirpitz verabredete ich noch, daß er, ſoweit er könne, engliſch ſprechen ſolle, bei ſchwierigen Ausdrücken würde ich eventuell dolmetſchen.
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Bis zur Bekanntgabe des Unterhändlers feitend Englands er- ging man ſich in Vermutungen, und Ballin berichtete über Kombi— nationen, bei denen verſchiedene Namen, ſogar der Grey's, genannt wurden. Endlich kam durch Ballin die Nachricht, daß Haldane — ausgerechnet der Kriegsminiſter, früher Advokat — mit der Verhandlung betraut worden ſei und demnächſt eintreffen werde. Allgemeines Erſtaunen! Man denke ſich mutatis mutandis, daß Deutſchland an Stelle von Admiral v. Tirpitz den Kriegsminiſter (v. Heeringen damals) zur Beſprechung einer Flottenfrage nach London geſchickt hätte! Bei der Beſprechung dieſes Punktes mit Bethmann und Tirpitz wurden verſchiedene Mutmaßungen laut. Der Kanzler meinte, Haldane ſei in England als Goetheforſcher und Kenner der deutſchen Philoſophie, auch als des Deutſchen mächtig bekannt, es ſei alſo wohl eine Höflichkeit gegen uns, die ſich in ſeiner Wahl kund tue. Tirpitz bemerkte, daß Haldane ja früher einige Zeit in Berlin geweſen ſei und bei General v. Einem im Kriegsminiſterium gearbeitet, alſo die hieſigen Verhältniſſe kennen gelernt habe. Ich wies darauf hin, daß das alles wohl in Betracht komme, daß aber durch Haldane's Wahl, da er die Marine doch nur oberflächlich kennen könne, die Angelegenheit zu einer für Eng— land rein politiſchen geſtempelt ſei. Sehr wahrſcheinlich richte ſich das Ganze gegen die Varinepolitik Deutſchlands überhaupt und gegen die Novelle im beſonderen. Man werde deshalb gut tun, dieſen Punkt nicht aus den Augen zu laſſen, damit ſich nicht unverſehens ein fremder Eingriff in unſer Selbſtbeſtimmungsrecht hinſichtlich der Stärke unſerer Wehrkraft aus der ganzen Affäre herauskriſtalliſiere.
Haldane kam an. Er wurde als Kaiſerlicher Gaſt aufgenommen. Ballin, der ihn begleitete, löſte nun auch das Rätſel von Haldane's Wahl auf Grund von Nachrichten, die ihm aus England zugegangen waren. Als Caſſel, nach London heimgekehrt, der Regierung über ſeinen Empfang berichtet und die Antwortnote übergeben hätte, wäre
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der Eindruck fo günſtig geweſen, daß dort an dem befriedigenden Verlauf und Abſchluß des Abkommens nicht mehr gezweifelt wurde. Es habe ſich nunmehr zwiſchen den Miniſtern, zumal zwiſchen Churchill und Grey, ein edler Wettſtreit darüber entſponnen, wer nach Berlin ſolle, um ſeinen Namen unter dieſes große hiſtoriſche Dokument zu ſetzen — wenn es nämlich gelungen wäre, Deutſchland zur voll— ſtändigen Preisgabe der weiteren Ausgeſtaltung feiner Flotte zu be— ſtimmen. Churchill habe gemeint, er ſei der gegebene Mann, da er die Marine habe. Aber Grey und Asquith gönnten dem Kollegen den Ruhm nicht. Daher ſtand eine Zeitlang Grey im Vordergrunde — wieder ein Beweis, daß die Politik und nicht ſo ſehr die Zahl der Schiffe dabei die Hauptrolle ſpielen ſollte. Nach einiger Zeit aber beſchloß man, daß es Grey's ganzer Perſon und Stellung doch würdiger ſei, erſt zum Schluß der Verhandlungen zu erſcheinen und ſeinen Namen unter das Abkommen zu ſetzen und — wie es in Ballins engliſchen Informationen lautete — „to get his dinner from the Emperor and to come in for his part of festivities and fire- works“ *), auf gut Deutſch: die „bengaliſche Beleuchtung“ einzu⸗ heimſen. Da nun Churchill dieſe keinesfalls bekommen ſollte, ſo mußte für die Verhandlungen eine Perſönlichkeit gewählt werden, die Asquith und Grey naheſtand und, deren volles Vertrauen be— ſitzend, bereit war, die Verhandlungsarbeit bis zum Beginn der „bengaliſchen Beleuchtung“ auf ſich zu nehmen, und die außerdem in Berlin ſchon bekannt und in Deutſchland nicht fremd war. Churchill war das freilich auch nicht, denn er war einige Male bei den Kaifer- manövern in Schleſien und Württemberg als Kaiſerlicher Gaſt zu— gegen geweſen. Ballin verbürgte ſich für die Zuverläſſigkeit ſeiner Londoner Quelle
) „fein Feſteſſen vom Kaffer zu bekommen und bei den Feſtlichketten und Feuerwerken auf ſeine Rechnung zu kommen“
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Ehe die Verhandlungen begannen, machte ich den Staatsſekretär v. Tirpitz noch darauf aufmerkſam, daß Haldane, obgleich augen— blicklich Kriegsminiſter, ſich wohl vorbereitet haben werde und ſicher— lich von der engliſchen Admiralität, in der der Geiſt Fiſher's walte, eingehend inſtruiert worden ſei. Fiſher hatte in ſein Handbuch für engliſche Seeoffiziere neben anderen beherzigenswerten Vorſchriften einen Satz aufgenommen, der für den Admiral, ſeine Behörde und ihren Geiſt charakteriſtiſch iſt und wörtlich lautet: „If you tell a lie, stick to it.“*) Außerdem, ſagte ich zu Tirpitz, dürfe man nicht vergeſſen, welch fabelhaftes Anpaſſungsvermögen die Angelſachſen be— ſäßen; es befähige fie zur Übernahme von Poſten, die ihrem ſon— ſtigen Lebens- und Bildungsgange fern lägen. Auch ſei in England das Intereſſe für die Marine allgemein ſo intenſiv, daß faſt jeder Gebildete bis zu gewiſſem Grade für Marinefragen ſachverſtändig ſei.
Bei den Verhandlungen zeigte ſich Haldane vortrefflich informiert und als geſchickter, zäher Debatter, wobei feine brillanten Advokaten— eigenſchaften in die Erſcheinung traten. Das Geſpräch dauerte mehrere Stunden und führte zu einer generellen Klärung ſowie zu einer vor— läufigen Einigung über Verſchiebung von Bauterminen uſw. Die Einzelheiten ſeines Verlaufs ſind im Reichsmarineamt in den Akten niedergelegt. Tirpitz war hervorragend.
Nachdem noch einige Beſprechungen — auch unter Teilnahme Ballins — ſtattgefunden hatten, reiſte Haldane zurück. Ballin mel— dete mir, Haldane habe ſich ihm gegenüber in jeder Hinſicht befriedigt über den Ausgang ſeiner Wiſſion ausgeſprochen und der Meinung Ausdruck verliehen, daß in etwa 8-14 Tagen das Konzept zu dem Abkommen an uns werde überſandt werden können.
Die Zeit verſtrich. Der Zeitpunkt für das Einbringen der No⸗ velle rückte näher. Tirpitz ſchlug vor, falls das Abkommen vor-
) „Wenn Du lügſt, dann bleib” auch feſt dabei.“ 128
her zum Abſchluß käme, die Novelle entfprechend zu ändern, andern— falls ſie unverändert einzubringen. Endlich traf, zwar nicht der Entwurf zum Abkommen, aber eine allerhand Fragen und Orien— tierungswünſche enthaltende Schrift ein, deren Beantwortung viele Beſprechungen und Erwägungen erforderte. Allmählich befeſtigte ſich in mir der Verdacht, daß es den Engländern mit dem Abkommen nicht ernſt ſei. Denn Rückfrage reihte ſich an Rückfrage, Details wurden hervorgeſucht, die mit dem Abkommen direkt nichts zu tun hatten. England nahm allmählich von ſeinen Angeboten und Zuſagen mehr und mehr zurück, und ein Entwurf zum Abkommen kam nicht.
In Berlin ſetzte nun vom Auswärtigen Amt und von berufener und unberufener Seite ein Keſſeltreiben gegen die Novelle, gegen Tirpitz und gegen mich ein. Auch der Kanzler, der in der Hoffnung lebte, das Abkommen zuſtande zu bringen und ſeinen Namen unter ein Inſtrument ſetzen zu können, das Deutſchland aus der „Einkreiſung“ befreien und mit England in ein geregeltes beſſeres Verhältnis bringen ſollte, trat für das Fallenlaſſen der Novelle ein. Das hätte aber nichts anderes bedeutet, als einer auswärtigen Macht eine un⸗ geheure Einflußnahme auf Fragen der deutſchen Landes verteidigung einzuräumen und dadurch das Selbſtbeſtimmungsrecht der Nation und unſere Schlagfertigkeit für den Fall eines uns aufgezwungenen Krieges zu gefährden. Deutſchland hätte ſich damit, ohne irgend— eine Gegenleiſtung garantiert zu erhalten, von ſeinem ſchärfſten Geg— ner vorſchreiben laſſen, was dieſer — in ſeinem eigenen Intereſſe — für gut befinden würde, uns noch eben zuzubilligen.
Bei dieſer unklaren Lage entſtanden Meinungsverſchiedenheiten und heftige Kämpfe, die gerade von den Kreiſen, die von der Marine de facto wenig verftanden, recht ſcharf und nicht immer ganz ſach— lich geführt worden ſind. Admiral v. Tirpitz hat in dieſem für ihn und mich ſo ſchweren Winter, mit klarem Blick die Lage und den Gegner durchſchauend, als ein echter, vaterlandsliebender Offizier
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im Kampfe feinen Mann geftanden, von mir aus voller Überzeugung nach beſten Kräften geſtützt. Alle Inſtanzen ſtimmten darin über— ein, daß kein fremdes Land darüber mitzubeſtimmen haben dürfe, was wir für unſeren Schutz zu tun hätten oder nicht.
Die Hoffnung auf das Zuſtandekommen des Abkommens ſchrumpfte mehr und mehr zuſammen. England zeigte immer weniger Intereſſe und bröckelte wichtige Beſtandteile ſeiner erſten Verbalnote ab. So erkannten Admiral v. Tirpitz und ich, daß der ganze Vorſchlag nur ein „Manöver“ geweſen war.
Der Kampf um die Novelle wurde immer heißer. Da traf es ſich, daß ich in Cuxhaven Dr. Burchard, dem Präſidenten des Se— nats von Hamburg, begegnete, der von mir als Urbild des ariſto— kratiſchen Bürgers einer Hanſaſtadt verehrt und auch über politiſche Fragen öfters zu Rate gezogen wurde. Ich ſchilderte ihm den ganzen Verlauf der Angelegenheit und die Kämpfe in Berlin um die Ein— bringung oder Nichteinbringung der Novelle. Dann bat ich ihn, mir ſo rückhaltlos wie ſtets ſeine Anſicht zu ſagen, was er im Inter— eſſe des Staatswohls für das Richtige halte, da mir daran liege, ein objektives, von den in Berlin kämpfenden Gegenſätzen unbeein— flußtes Urteil zu hören.
Dr. Burchard antwortete in ſeiner klaren, ſcharf pointierten, über— zeugenden Art: Das Feſthalten an der Vovelle ſei einfach meine Pflicht gegen Volk und Vaterland. Wer gegen ihre Einbringung ſpräche, verſündige ſich an ihnen. Was wir für unſere Verteidigung für nötig hielten, müſſe unbedingt geſchaffen werden. Vor allem aber dürfe niemals geduldet werden, daß ein fremder Staat ſich erdreiſte, bei uns hineinreden zu wollen. Das engliſche Angebot ſei eine „Finte“, um uns zu veranlaſſen, die Novelle fallen zu laſſen. Das dürfe unter keinen Umſtänden geſchehen. Das deutſche Volk würde es nicht verſtehen, wenn man ſein Selbſtbeſtimmungsrecht preisgebe. Die Novelle müſſe unbedingt eingebracht werden. Er werde im Bundesrat
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für ihre Annahme eintreten (das ift in einer glänzenden, fortreißenden Rede geſchehen) und auch ſonſt in Berlin dafür wirken. Die Eng— länder würden zwar ſchimpfen, das ſei aber egal, das täten ſie doch ſchon ſeit langem, einen Krieg würden ſie deswegen gewiß nicht an— fangen. Admiral v. Tirpitz tue nur ſeine Pflicht und Schuldig— keit, ich möchte ihn nach jeder Richtung fügen. Der Kanzler müſſe ſeinen Widerſtand aufgeben, er riskiere ſonſt, daß man ihm wegen „Engländerei“ zuletzt noch die Fenſter einwerfen werde. — So der Vertreter der großen Handelsſtadt, die bei einem Kriege mit England zuerſt bedroht war. Aus ihm ſprach echter Hanſeaten— geiſt.
Merkwürdigerweiſe iſt mir dieſes Urteil Dr. Burchards über das engliſche Angebot neuerdings in Holland von einem Holländer be— ſtätigt worden, dem Engländer ſeinerzeit die engliſche Abſicht mit— geteilt haben. Tirpitz und ich hatten es richtig erkannt: das Neu— tralitätsangebot war ein politiſches Manöver.
Bald kamen nun auch Nachrichten von Ballin, daß die Sache in England nicht zum Beſten ſtehe. Nach eingelaufenen Informa— tionen ſei ein Streit über das Abkommen entſtanden, man ſei mit Haldane nicht zufrieden und behaupte, daß er ſich von Tirpitz habe übertölpeln laſſen! Das verriet deutlich den Arger darüber, daß Tirpitz nicht auf den Leim kroch und die Novelle einfach fallen ließ, und daß Haldane nicht die Novelle auf dem Teebrett zum after- noontea dem Ninifterium hatte ſervieren können. Von einem „Über— tölpeln“ ſeitens Deutſchlands kann nicht die Rede ſein. Aber der Vorwurf gegen Haldane berechtigt zu dem Verdacht, daß deſſen Inſtruktionen dahin gingen, er ſolle die Deutſchen „übertölpeln”. Wenn ſeine Landsleute der Anſicht waren, das Umgekehrte ſei ein— getreten, dann kann man Admiral v. Tirpitz nur wärmſten Dank dafür zollen, daß er den deutſchen Standpunkt richtig gewahrt hat, zum Heile unſeres Vaterlandes.
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Gegen Ende März ſpitzten fih die Kämpfe um die Novelle derart zu, daß der Kanzler ſchließlich am 22., als ich aus der Charlottenburger Gruft trat, im Park um ſeine Entlaſſung bat. Nach eingehender Ausſprache und nachdem ich ihm Dr. Burchards Urteil mitgeteilt hatte, zog der Kanzler ſein Abſchiedsgeſuch zurück.
Als ich einige Zeit danach Herrn v. Bethmann in ſeinem Garten beſuchte, fand ich ihn ganz gebrochen mit einer Depeſche aus London in der Hand. Sie enthielt die glatte Desavouierung der von Caſſel überreichten Verbalnote, die Zurücknahme ſowohl des Neutralitäts- wie jedes anderen Angebots und am Schluſſe noch die Admonition an mich, Herrn v. Bethmann als Reichskanzler zu belaſſen, da er in be— ſonderem Maße das Vertrauen der britiſchen Regierung beſitze! Tränen der Empörung ſchimmerten in den Augen des in ſeinen Hoffnungen ſchwer enttäuſchten Kanzlers. Das ihm von einer fremden Regierung, mit der Deutſchland und er ſoeben ſchmerzliche Erfahrungen gemacht hatten, geſpendete Lob kränkte ihn tief. Er bot zum zweiten Male ſeine Entlaſſung an, ich nahm ſie nicht an, ſondern verſuchte, ihn zu tröſten. Sodann befahl ich, dem Botſchafter in London die Frage zu ſtellen, wie er ein ſolches Schreiben überhaupt habe ent— gegennehmen und weiter befördern können.
Mit der Novelle war der Kanzler nunmehr einverſtanden. Lopaler Weiſe wurde ſie aber mit der Einſchränkung gebracht, wie ſie für den Fall des Abſchluſſes des Abkommens beabſichtigt war. In Eng- land hingegen baute man das volle Programm.
Dieſe „Epiſode Haldane“ iſt bezeichnend für die Politik Englands. Dieſes ganze großangelegte Manöver wurde veranſtaltet, lediglich um die Entwicklung der deutſchen Flotte zu verhindern, während gleichzeitig in Amerika, das eine kaum nennenswerte Handelsflotte beſaß, in Frankreich, deſſen Kriegsflotte der deutſchen an Zahl überlegen war, in Italien, in Rußland, das auch im Ausland bauen ließ, großartige Bauprogramme ausgeführt wurden, ohne
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daß dies den geringften Proteſt ſeitens Englands hervorrief. Und Deutſchland, das zwiſchen Frankreich und Rußland eingekeilt war, mußte zum mindeſten doch ſo gerüſtet ſein, daß es zur See in der Verteidigung gegen jene das Meer halten konnte. Zu dieſem Zwecke war unſer Flottenbau unbedingt nötig. Er war niemals gegen die 4—5fach ſtärkere engliſche Flotte gerichtet, die Englands Überlegen- heit und Sicherheit garantierte, und deren Stärke zu erreichen kein vernünftiger Menſch in Deutſchland je geträumt hat. Die Flotte war für uns nötig zur Küſtenverteidigung und zum Schutze unſeres Handels. Dazu reichen die kleinen Mittel, wie U-Boote, Torpedo— boote und Minen nicht aus. Zudem waren an der Oſtſee die Küften- batterien ſo veraltet und miſerabel beſtückt, daß ſie durch das Maſſen— feuer ſchwerer Artillerie moderner Großkampfſchiffe in 48 Stunden raſiert worden wären. So war unſere Küſte an der Oſtſee eigentlich wehrlos. Zu ihrem Schutze war die Flotte nötig. Skagerrak hat es bewieſen, was ſie bedeutete und wert war. Die Schlacht wäre für England vernichtend geworden, wenn nicht bis 1900 der Reichs— tag alle Anträge auf Verſtärkung der Flotte abgekehnt hätte. Dieſe 12 verlorenen Jahre ſind nicht wieder einzuholen geweſen.
Ehe wir von Haldane ſcheiden, ſei noch auf eine andere Epiſode feines Wirkens hingewieſen. Im Jahre 1906 kam er mit Erlaub- nis der deutſchen Regierung nach Berlin, um ſich über die preußiſche Wehrverfaſſung, Rekrutierung, den Generalſtab uſw. zu unterrichten. Er wurde im Kriegsminiſterium beſchäftigt, wo ihn der Miniſter, General v. Einem, perſönlich orientierte. Nachdem er etwa 2-3 Wochen dort gearbeitet hatte, kehrte er ſehr befriedigt nach England zurück.
Als nach dem Ausbruch des Weltkrieges der Goethefreund Hal— dane als „Prodeutſcher“ boykottiert und ſo feindſelig behandelt wurde, daß er ſich öffentlich nicht mehr ſehen laſſen durfte, ließ er zu ſeiner Verteidigung durch den bekannten Literaten und Journaliſten Mr.
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Begbie eine Apologie feiner Amtszeit