24 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
Pflanzen mit Faserstoff. V Baumwolle, Flachs, Hanf, Maul- beerbaum mit dem Seidenwurm.
Gewürze.
Pfeifer, Ingwer, Zimmt, Muscat- nuss, Gewürznelken, Zuckerrohr.
Vanille, Spanischer Pfeffer (Cap- sicum annuum).
Narkotische Genussmittel. Thee, Kaffee, Mohn (Opium), Hanf I Paraguay-Thee , Cacao , Tabak, (Hadschisch). | Coca.
Aber wenn wir bei den Pflanzen stehen bleiben, so unterliegt es gar keinem Zweifel, dass für den Nutzen des Menschen mit der Zeit noch manche wildwachsende Erzeugnisse des Pflanzenreiches Verwerthung finden können, welche gegenwärtig nur in geringem Masse benutzt werden, und es wird sich leicht zeigen lassen, dass die Peschel'sche Aufzählung Amerika zu karg bedenkt. Die Wurzeln von Lewisia rcdiviva, Apios tuberosa, Lupinus littoralis, mehrere Oenothera- Arten werden von den Indianern und den ihnen nachahmenden Waldläufern gegessen. Die erstere soll getrocknet wie Salep zu geniessen sein und eine besonders grosse Nahr- haftigkeit besitzen. Ausser dem Wasserreis*) sind von Körnern besonders die Samen des Lupinus biennis gegessen worden. Als Salat und Gemüse werden die Blätter von verschiedenen Arten Leontodon, von Chenopodien, . Phytolacca decandria und Caltha palustris gegessen. Die erfrischende Frucht von Podophyllum callicarpum (Mandrake, wilde Citrone) wird ge- gessen. Die von Diospyros virginiana (Persimon) gilt für vortrefflich. Der Damascenerpflaume gleicht die Icacopflaume von Chrysobalanus icaco. Der wildwachsende Pawpaw oder Melonenbaum (Papaya vulgaris) liefert melonenartige Früchte, die man eingemacht isst. Wilde Pflaumen- und Kirschenarten sind in mehrfacher Zahl verbreitet. Die Früchte des wilden Apfelbaumes sind nicht geniessbar, aber Pyrus coronaria (Grab -Apple)
1) Der Wasserreis, Zizania aquatica L. (Pshu bei den Sioux, Manomin bei den Chippeways) ist im N. der V. St. überall nicht selten, erreicht aber besonders im NW. eine ökonomische Wichtigkeit, die hinter keiner der übrigen wildwachsenden Pflanzen zurücksteht. Er bietet das einzige Beispiel eines ein- heimischen Getreides, das in einer Menge wächst, die genügend ist, den Bedarf der gewöhnlichen Verzehrung zu decken. Er ist besonders häufig in den see- artigen Ausbreitungen der Flüsse des oberen Mississippi- und des Seengebietes und zwar in den unteren Abschnitten derselben, wo er Ueberschwemmung in hinreichendem Masse, daneben schlammigen, lockeren Schwemmboden findet. Selten findet er sich in den abflusslosen Seen. Als Speise wird er sogar dem ächten Reis vorgezogen. Man erntet ihn im September, indem man mit niederen Booten durch das Röhricht eines Beissees fährt und die Aehren in das Boot ausklopft. — Der Indianeragent von Leech Lake Minn. gibt für 1876/77 die Menge des von seinen Indianern gesammelten wilden Reises auf 35000 Pfd. an.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 25
trägt sehr wohlschmeckende Früchte. Dagegen gibt es zwei Kastanien- arten, deren Früchte genossen werden: Castanea americana in den mittleren und C. pumila (Chinquapin) in den Südstaaten. Im N. tragen zwei Haselnuss- Arten (Corylus), im S. einige Hamamelis- Arten (Witch- Hazel) essbare Nüsse. Süsse Eicheln werden von Quercus castanea (bis 43" vorkommend) und alba und von der Lebenseiche geerntet. Die Nüsse von Juglans nigra, cinerea (Butter-Nuss) und fraxinifolia, von Carya olivae- formis (Pekan-Nuss) und andere Hikory- Arten vertreten unsere Walnüsse, haben aber dickere Schalen und minder ausgiebige Kerne. Eine essbare Nuss trägt auch Hamiltonia oleifera. Der Palmetto (Chamaerops Palmetto) liefert in seinen Blattknospen einen Palmkohl. Die Blätter von Agave americana sollen abgekocht ein schmackhaftes Gericht geben. Im SW. werden die Früchte einiger Cactusarten, vorzüglich von Opuntien (Tunas) und vom Riesencactus oder Saguarro (Cereus giganteus) gegessen. Eben- dort spielen die ölig-harzigen Fruchtkerne einiger Föhren, Pinons(Pinus edulis und monophylla) als Nahrungsmittel bei den Indianern eine Rolle. Unter den essbaren Pilzen , deren Zahl sehr gross ist •) , ist die sog. Indianische Kartoffel oder das Indianerbrot oder Tuckahoe (Lycoperdon solidum), ein bis zu 30 Pfd. schwer werdender Pilz, hervorzuheben, der in den Südstaaten wächst und oft die einzige Nahrung der entflohenen Sklaven gebildet haben soll. Die meisten in Mittel-Europa vorhandenen essbaren Beeren sind auch in Nord- Amerika und oft in mehrfacher Zahl vertreten. Endlich sind die Weinreben nicht zu vergessen, von denen verschiedene Arten in den V. St. wild wachsen^). Darunter sind sehr fruchtreiche und wohlschmeckende Arten, welche theilweise bereits in erheblicher Ausdehnung angebaut werden.
Als ein für den Haushalt der Landbevölkerung im N. wichtiges Er- zeugniss wildwachsender Pflanzen werden wir den Ahorn-Zucker noch
1) Schwämme werden in den V. St. bis jetzt wenig gesammelt und ver- zehrt, es scheint sogar, da&s die Indianer die Essbarkeit von einer grossen An- zahl derselben nicht kannten, und doch sind essbare Schwämme in (Ter Wald- region des 0. sehr häufig. Im Staat New York sammelte Prof. Peck allein 80 verschiedene Arten. Dr. Curtis zählt (im Rep. Agr. Dep. 1876 S. 79) allein aus N. Carolina 108 essbare Schwämme auf.
2) Selbst in den Steppen des oberen Red. R.-Gebiets findet man zahlreiche wilde Reben, die im Flugsande halb vergraben, aber vielleicht gerade durch diese wärmebergende Sandhülle um so fruchtreicher sind. Sie bedecken Hunderte von Acres, die wie Weinfelder erscheinen. Long beschreibt sie als „so mit Früchten beladen, dass jeder Theil des Stammes verhüllt ist" und die Früchte „unvergleichlich feiner als irgend eine andere einheimische oder fremde Traube". Acc. of an Exp. to the Rocky Mts. 1823. II. 126. Man hat in den V. St. vorgeschlagen, diese Sandumhüllung künstlich zur Beförderung der Reife der Trauben zu bewerkstelligen.
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Verlag von R. Oklenbourg in München und Leipzig,
Die
Vereinigten Staaten
von
Nord -Amerika.
Von
Dr. Friedrich Ratzel,
0. ö. Profes.sor dor Erdloinde an der teclniisclifii Hoclisrlmle zu Mi'mclien.
2 Bände.
I. Band : Physikalische Geographie und Naturcharakter der Vereinigten Staaten
von Nord-Amerika. 1878. Lex. 8". XIV und 667 Seiten. Mit 12 Holz- schnitten und 5 Karten in Farbendruck, Preis geheftet 14 Mark.
„ in elegantem Original-Leinwandband 16 Mark.
II. Band (soeben erschienen): Culturgeographie der Vereinigten Staaten von
Nord-Amerika unter besonderer Berücksichtigung der wirthschaftlichon < Verhältnisse. 1880. Lex. 8« XVI und 762 Seiten.
Preis geheftet 18 Mark.
„ in elegantem Original-Lein wandband 20 Mark.
'■■^-H"^ Jeder Band ist auch einzeln käuflich. "— ":
Prospect.
Die Arbeiten der Forscher und Sammler in den geographischen Wissenschaften und die Theilnahme des Publikums an demselben gehen launenhafte Wege. Manchmal leiden ganze Länder, selbst Erdtheile, unter einer Vernachlässigung, für welche man keinen thatsächlichen Grund findet, während die Theilnahme sich nach anderen Seiten hin aus Motiven con- centrirt, welche man ebenso schwer erkennt. Es liegt darin etwas, das an die Unberechenbarkeit der Moden erinnert. Wenn Nord- Amerika und beson- ders derjenige Theil desselben, welcher von den Vereinigten Staaten einge- nommen wird, zu den von der wissenschaftlichen Erdbeschreibung vernachläs- sigten Gegenden der Erde gehört, so kann nur in dieser Willkür eine Erklärung dafür gesucht werden. Man schütze nicht die Schwierigkeiten vor, welche durch die reissend schnelle und an tausend Punkten zugleich fortschrei- tende Entwickelung seiner Culturverhältnisse der Fixirung eines Gesammt- bildes sich entgegenstellen! Diese müssen Ja überall überwunden werden, wenn wir nicht von vornherein auf die Beschreibung dessen verzichten
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wollen, was nicht starr, nicht* völlig unbeweglich ist. Man begreift es, wenn der Bildhauer vor einem jugendlichen Körper endlich den über- genauen Meissel sinken lässt, dessen langsamer Nachahmung die Natur mit der Raschheit ihres Wachsthums voraneilt ; aber in der Wissenschaft muss man sich immer entschliessen können, die Bilanz zu ziehen, wenn es nothwendig ist.
Es ist kein Zweifel, dass der Mangel einer gründlichen Beschreibung der Vereinigten Staaten von Nord- Amerika eine der auffallendsten Lücken in unserer geographischen Literatur bildet. Weder in Deutschland, noch in England oder Frankreich, und was noch mehr heisst, selbst nicht in den Vereinigten Staaten ist in neuerer Zeit der Versuch gemacht worden, uns das Bild des hochwichtigen Landes nach den neuen Forschungen und Entdeckungen, die sich seit drei Jahrzehnten wahrhaft gedrängt haben, in vertrauenswürdigen Zügen zu zeichnen. Der praktische Bedarf hat einige Versuche erzeugt, die in manchen Beziehungen nützlich gewesen sind, an die es aber ungerecht wäre, den Massstab wahrhaft wissenschaft- licher Leistungen anzulegen. Wir in Deutschland haben seit Jahren auf Wappäus' Handbuch der Geographie und Statistik von Nord-Amerika zurückgreifen müssen, das 1855 und seitdem nicht mehr erschienen ist; wir haben daneben an minder eingehenden Arbeiten Karl Andree's Nord- Amerika gehabt, das nun (1855 in zweiter Auflage erschienen) ebenfalls über zwanzig Jahre alt. Es genügt aber, daran zu erinnern, dass man die eingehendere Erforschung der ganzen westlichen Hälfte des weiten Gebietes, die in geographischer Hinsicht die wichtigste genannt werden darf, erst vcn dem Beginne der grossen Wanderungen nach dem Far West, d. h. nach den Steppen und Gebirgen des Westens und nach Californien, an datirt, um sich klar zu machen, wie unvollständig in den wichtigsten Abschnitten gegenwärtig diese zu ihrer Zeit vortrefflichen Arbeiten sein müssen. Ohne im mindesten die Pflicht der Dankbarkeit zu verletzen, welche wir ihren Verfassern schulden, dürfen wir diese unsere deutschen Grundwerke über die Vereinigten Staaten als für unser heutiges Bedürfniss durchaus ungenügend erklären.
Bedarf es unter solchen Umständen des Hinweises auf die hervor- ragende Stellung, welche die junge germanische Republik des Westens unter den Ländern der Erde einnimmt, um das Erscheinen einer neuen Geographie der Vereinigten Staaten zu begründen? Sollen wir erst her- vorheben, dass in erster Reihe die physikalische Geographie ein hohes Interesse an der Schilderung eines Landes haben muss, das, während es nicht viel kleiner als Europa selbst, das einzige aussereuropäische Land genannt werden kann, das nach Oberflächengestalt, Bewässerung, geo- logischem Bau, Pflanzen- und Thierwelt genügend genau bekannt ist, um zu Vergleichen mit unserem Erdtheil herangezogen werden zu können? Bei einem grossen Ueberblick der Thatsachen der vergleichenden Erd- kunde darf man wohl sagen, dass Europa und Nord-Amerika zusammen mindestens vier Fünftel der Thatsachen liefern, auf welche diese Wissen- schaft ihre Schlüsse gründet. Die beiden bestdurchforschten Erdtheile, sind sie es auch, die es am meisten zu kennen lohnt. Geht man gar in die Geschichte der Erde ein, so ist es nur von ihnen möglich, ein all- gemeines Bild der geologischen Entwickelung und der Entwickelung ihrer Lebewelt zu entwerfen.
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Sollen wir fernerhin daran erinnern, dass die Gulturgeographie sich ausser mit Russland mit keinem gleichgrossen Staate civilisirter Völker zu beschäftigen hat? Dass die Vereinigten Staaten mit ihren nahezu 10 Millionen Q.Kil., ihren 45 Millionen Einwohnern, ihrem Handelsverkehr von 4 Milliarden, ihren Eisenbahnen von 120 000 Kil., ihren Telegraphen, Dampferlinien , Häfen , Grossstädten ; ihrem Rassen- und Völkergemisch, welches Staats- und Gesellschaftsformen erzeugt, die wir in der Alten Welt nicht kennen ; ihrer Verpflanzung altweltlicher Culturproducte in den jungen Boden, der bald zur Versuchsstation aller hohen und niedern Erfindungen des Menschengeistes geworden scheint — dass dieses seltsame, gährende, nervöse Volk, das dem Ethnographen das nie gesehene Schauspiel eines aus bekannten Elementen zu einem vorher unbekannten Typus erwach- senden Volkes bietet, dass dieser Staat, der grösste Freistaat der Neuzeit, der in 100 Jahren zu einer achtunggebietenden Weltmacht erwachsen ist, gekannt werden muss, und nicht oberflächlich, von Jedem, der überhaupt die moderne Welt verstehen will? Wir wollen uns hüten, die hundertmal gehörten Gemeinplätze von der ausserordentlichen Bedeutung und der ge- waltigen Zukunft Amerikas neuerdings hier auszubreiten; wir wiederholen nur, dass, angesichts der vielseitigen Wichtigkeit dieses Staates und Volkes, das Unternehmen einer eingehenden Darstellung desselben nicht allein berechtigt, sondern vom wissenschaftlichen wie praktichen Standpunkt un- zweifelhaft nothwendig ist. Es ist möglich, dass wir unsere Kräfte über- schätzen, aber es ist nicht möglich, dasselbe mit der Bedeutung der Aufgabe zu thun, die wir uns gestellt haben.
In der Behandlung des Stoffes war der Verfasser bestrebt, die wissenschaftliche Gründlichkeit mit allgemeiner Verständlichkeit und das rein geographische und völkerkundliche Interesse mit der praktischen Benützbarkeit zu verbinden. Der Geschäftsmann, der Auswanderer, der Zeitungsleser, jeder Freund der Erdkunde wird sich, wie wir hoffen, ebensowenig vergeblich an dieses Buch um Auskunft wenden, wie der Gelehrte, und man hat eingedenk der Erfahrung, dass es oft weniger die Art des Inhalts von einem Buche als die unklare Disposition und schwierige Erreichbarkeit desselben ist, welche den praktischen Gebrauch, besonders bei geographischen Werken, erschweren, der Anordnung des Stoffes nach seinen natürlichen Abschnitten, der Druckökonomie, der graphischen Veranschaulichung, dem Inhaltsverzeichniss und dem Register die grösste Aufmerksamkeit zugewendet.
Die Gliederung des Stoffes ergibt sich aus den nachstehenden Inhaltsverzeichnissen der beiden Bände des Werkes. In dem ersten Bande, welcher die physikalische Geographie und den Naturcharakter der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika behandelt, ist zunächst die wissen- schaftliche Beschreibung und Zusammenfassung streng getrennt gehalten von der Schilderung; die erstere nimmt den Allgemeinen, die letztere den , Schildernden Theil' ein. Während in diesem durch die Aneinander- reihung einer Reihe von Naturbildern, theils nach eigener Anschauung des Verfassers, theils nach den zuverlässigsten Gewährsmännern, wie Agassiz, Bartram, Cooper, Dodge, James, Norwood, B. Taylor, Pr. von Wied u. A. der Versuch gemacht wird, ein Naturgemälde der Vereinigten Staaten in den grössten Zügen zu entwerfen, das Treue mit künstlerischer Be- schränkung auf das Charakteristische verbinde, ging im Allgemeinen
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Theil das Bestreben dahin, die verschiedenen natürlichen Gruppen der geographischen Erscheinungen streng gesondert zu halten, dieselben erst unter allgemeinen Gesichtspunkten zu betrachten, dann in ihre Theile zu zerlegen \nd jeden von diesen mit demjenigen Mass von Eingehen auf das Detail zu behandeln, welches nöthig erscheint, um dem Buche den Charakter eines praktischen Nachschlagebuches neben dem eines wissen- schaftlichen Handbuches zu verleihen.
, Der zweite Band des Werkes schildert die culturgeographischen Ver- hältnisse der Vereinigten Staaten. /Dieselben sind zwar in möglichster Vollständigkeit dargestellt, immerhin aber waltete dabei die Rücksicht auf ihre allgenieinen -Eigenschaften, ihre Beziehungen zu den natürlichen Daseins- bedingungen, zum Leben und zur Zukunft des nordamerikanischen Volkes, endlich ihre geschichtliche Entwickelung mehr vor als das Streben nach Darbietung von möglichst vielen Einzelheiten. So wie im ersten Band die Naturverhältnisse, so sollten hier die Culturzustände des grossen Reiches zu einem Gesammtbilde vereinigt werden, und in demselben sollten die grossen Züge nicht durch unnöthige oder gar ungeordnete Anhäufung von minder wichtigen Thatsachen ihrer natürlichen Deutlichkeit beraubt werden. Jede Seite des Culturlebens der Nordamerikaner sollte aber eingehende Behandlung finden und jede einzelne auch nach dem Masse der Wichtigkeit, welche sie für uns Aussenstehende besitzt. Selbstverständlich ergab sich dabei eine vorwiegende Berücksichtigung der wirthschaftlichen Zustände und Ent Wickelungen, welche ja in jedem Volke als breites Fundament dem ganzen übrigen Culturbaue zu Grunde liegen, eine besondere Beachtung aber verdienen bei einem so jungen und daher so sehr noch mit der Entfaltung dei materiellen Möglichkeiten seines Landes beschäftigten Volke, wie den Nordamerikanem. Voraussichtlich werden die Nordamerikaner fortfahren, in den nächsten Jahrzehnten ihre Stellung als das in allen wirthschaftlichen Beziehungen hervorragendste Volk der aussereuropäischen Länder immer mehr auszudehnen und zu verstärken, und ihr Wirthschafts- leben wird von immer grösserer praktischer Bedeutung für alle anderen Völker werden. Es schien daher sowohl aus wissenschaftlichen als aus praktischen Gründen wünschenswerth zu sein, dasselbe ausführlich darzustellen. Die beigegebenen Karten und Figuren werden zur Ver- ständlichkeit der einschlägigen Verhältnisse sich dienlich erweisen.
In den allgemeinen Abschnitten beider Bände ist dem genetischen und vergleichenden Element jene Beachtung gewidmet, welche die moderne Erdkunde erheischt; die Betonung der geologischen und erdgeschichtlichen Verhältnisse im ersten, der ethnographischen und geschichtlichen im zweiten Bande prägt diese genetische Auffassung aus, welche dazu dienen wird, die Erfassung mancher fremdartigen Erscheinung der amerikanischen Natur und' des amerikanischen Lebens zu vertiefen, hoffentlich auch in einigen Fällen zu erleichtern.
Von Gesinnung, die politische oder religiöse Schriften dictiren mag, hat man bei einer wissenschaftlichen Arbeit kein Recht zu sprechen; die Gesinnung des Naturforschers — und der Geograph i s t Naturforscher — ist in der Liebe zur Wahrheit vollständig umschlossen. Man wird den Verfasser überall ganz von derselben geleitet finden. Auch in jenen schwierigen Fragen der Culturgeographie, in denen kein Schluss nach naturwissenschaftlicher Methode gezogen, sondern zunächst nur eine
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möglichst breit basirte Meinung ausgesprochen werden kann (Beurtheilung des Volkscharakters, der politischen und socialen Verhältnisse und ähnl.) ist der Verfasser mit Erfolg bestrebt, auf dem Grunde jener Methode in kühler neid- und neigungsloser Unbefangenheit zu verharren.
InüaltsTerzeicliiüss äes I. Baiiies,
Einleitung. Der westliche Erdtheil gegenüber dem östlichen. Gemein- same Grmidzüge im Aufbau Nord- und Süd- Amerikas. Nord-Amerika als geographische Individualität. Gliederung der Umrisse. Innere Gliederung durch die Stromsysteme. Klimatische Verhältnisse. Die Organismen.
Allgemeiner Theil.
I. Begrenzung und ümriss. Die natürlichen Grenzen der Vereinigten Staaten. Politische Grenzlinien. Die Küstenlinie. Ihre Gliederung. Inseln. Halb- inseln. Vorgebirge. Buchten. Münduugsbuchten. Allgemeine Form der Küstenlinie.
IL Geologischer Bau. — Anhang: Geologische Entwickelung desContinents. '
III. Oberflächengestaltung. Ihre Grundzüge. — Die Alleghanies. — Das Gebirgsland des Westens. — Die Hochebene im Norden. — Das Flaphland des Inneren. — Anhang I. Der Meeresboden an den Küsten der Vereinigten Staaten, Anhang II. Jüngere Veränderungen der Oberflächengestalt.
IV. Ströme, Flüsse und Seen. — Anhang!. Quellen und Höhlen Anhang II. Zur Gescliichte der Ströme und Seen in Nord-Amerika.
V. Das Klima. Verbreitung der Niederschläge. — Die Luft- strömungen. — Die Stürme. — Die Jahreszeiten. — Die extremen Schwankungen, — Wald- und Schneelinie. — Anhang I, Die Meeres- strömungen an den nord amerikanischen Küsten. Anhang II. Ver- schiedene atmosphärische Erscheinungen.
VI. Die Pflanzenwelt. Das Waldgebiet, — Das Prärien- und Steppengebiet. — D i c W ü s t e n. — D i e c a 1 i f o r n i s c h e F 1 o r a. — Anhang I. Die Entstehung der Prärien. Anhang II. Die Vertretung der wich- tigsten Pflanzenfamilien in der Flora der Vereinigten Staaten.
VII. Die Thierwelt. — Anhang: Geschichte des organischen Lebens in Nord-Amerika.
Schildernder Theil.
I. Amerikanische Landschaft. — II. Wald und Urwald in den atlan- tischen Staaten. Herbstfärbung. — IIL Der HudsonÜuss. — IV. Gebirgsscenerie der Nord-Alleghanies. — V. Neu-England. — VI. Durch die Alleghanies von Penn- sylvanien. -^ VII. Allgemeiner Naturcharakter des Südens. — VIII. Die Küsten- landschaft von Virginien bis Süd-Carolina. Die Pine- Barrens. — IX, Oasen der Pine-Barrens. — X. Die Sumpfcypresse, — XI. Die Keys von Florida. — XII. Flussscenerie (Mississippi, Alabama, Ohio). — XIII. Die Seeregion. — XIV. Niagara. — XV, Seen und Flüsse des Nordwestens, — XVI Die Prärie. — XVII, Die Piains. — XVIII. Den Missouri hinauf. — XIX. Das Felsengebirge. — XX. Quer durch das Grosse Becken. — XXI. Der Colorado. — XXII. Aus der Sierra Nevada. — XXIII. Die Riesencedern. — XXIV. Californische Natur.
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Einige ümeile üDer Jett I. BaM äes Wertes:
Jedem Geograplien, jedem ferner der die Seele der Neuen Welt nicht nur aus Tagesblättern und Touristenliteratur kennen lernen will, wird das oben genannte Werk eine höchst willkommene Er- scheinung sein, zumal da es einen schon rühmlichst bekannten Gelehrten und Weltreiseuden zum Verfasser hat, der einen grossen Theil des zu behandelnden Gebietes aus eigener Anschauung kennt. Der vorliegende erste Band zerfallt in einen allgemeinen Theil (Begrenzung und Umriss, geolo- gischer Bau, Oberflächengestaltung, Ströme, Flüsse und Seen, Klima, Pflanzenwelt, Thierwelt) und einen schildernden Theil; letzterer bringt eine Keihe von wohl abgerundeten und anziehend geschrie- benen landschaftlichen Schilderungen, denen theils eigene Erfahrungen und Beobachtungen, theils Be- richte anderer Reisenden zu Grunde liegen. Die Ausstattung des Werkes ist vorzüglich.
„Aus allen Welttheilen." (Leipzig, 0. Mutze.)
Die strengere wissenschaftliche Darstellung des Ganzen wird aufs glücklichste ergänzt durch eine Keihe von glänzenden Naturbildern nach berühmten Forschern und Schriftstellern. Wir begrtissen die Inangriffnahme dieses so gewaltigen wie wichtigen Stoffes auf das freudigste.
* 6 s 6 ^j^.^ Heimat" I. Band Nr. 8.
Vortrefflich ist der ein sehr reiches Programm gewährende schildernde Theil. Wir finden da ein vom Geiste eines vielseitig gebildeten Forschers durchdrungenes Naturgemälde des merkwürdigen Landes, in welchem trotz der von Jahr zu Jahr sich mehrenden riesigen Kulturfortschritte noch weite Gebiete voll wildpoetischen, urwüchsigen Wald- und Prairienlebens sich erstrecken. Wir erinnern uns nicht, seit dem bekannten Handbuche von Karl Andree über Nordamerika, das trotz aller seiner vor- züglichen Eigenschaften nunmehr veraltet erschien, ein Werk von ähnlicher Tüchtigkeit über den be- treffenden Gegenstand in die Hände bekommen zu haben. Die berühmte Verlagsfirma hat auch hier für vortreffliche Ausstattung gesorgt. „Zeitschrift für Ethnologie" 1878 Heft V.
Dieses grosse Werk zeichnet sich glcichmässig aus durch Gehalt wie durch Form. Es macht von vorn herein einen imposanten Eindruck, und dieser wird durch eingehendes Studium nicht geschwächt. Der Verfasser beherrscht offenbar ein grosses Material ; dazu kommt, dass er aus eigener Erfahrung das Land genau kennt: er hat es nicht flüchtig und durch nebensächliche Zwecke beschränkt durchwandert, sondern unbehelligt von Nebenrücksichten sehen und studireii können. Und so nehmen wir denn mit Dank die herrliche Gabe an, die er uns nun als reife Frucht seiner Studien bietet, doppelt -danTcbar weil ein so köstliches wissenschaftliches Geschenk, getragen vom rechten Verständnisse der Verlagshandlung, in angemessenem Gewände auftritt. Möge das Buch den verdienten Beifall reichlich finden!
„Gaea" 1878 S. 432.
... Es ist daher höchst erfreulich, dass die auffallende Lücke in unserer Literatur endlich ausgefüllt wird, und zwar von der bewährten Hand KatzeTs und in so vortrefflicher Weise, wie der vorliegende erste Band des Werkes dies verspricht. Wenn der Verfasser dem Buche den Charakter eines praktischen Nachschlagebuches neben dem eines wissenschaftlichen Handbuches gewahrt wissen wollte, wie er dies in der Vorrede betont, so ist ihm dies vollständig gelungen.
Wiener „Neue Freie Presse" 16. Juni 1878.
Wie man sieht, ist das Werk gross angelegt. Es enthält einen ausserordentlichen Reich thura bisher noch wenig bekannter und in vergleichender Ztisammenstellung höchst werthvoller Thatsachen. Die Combination eines wissenschaftlichen Hahdbuches mit einer Schilderung von Land und Volk ist in der gewählten Form eine neue und, wie uns scheint, eine sehr glückliche. Im ersteren Theile geht der Verfasser u. A. in den geologischen Bau und die Entwickelung des Landes, die neueren Veränderungen durch Erdbeben, Erosionen, Hebungen und Senkungen, in die Beschaffenheit des Meeresbodens, die Strömungen, Gezeiten, sodann in die Verbreitungsverhältnisse der Thiere und Pflanzen näher ein, als es sonst bei Länderbeschreibungen zu geschehen pflegt. Der schildernde Theil bewährt in glänzender Weise das grosse Talent Ratzel's in der Beobachtung der Charakterzüge der Landschaften und ihrer Bewohner. Wenn wir den Werth dieses Theiles besonders betonen, die geistreiche Auffassung, die Feinheit und Treue der Beobachtung hervorheben, so dürfen wir dabei auf Grund der eigenen persön- lichen Erinnerung sprechen. Ratael's Werk ist jedenfalls eine bedeutende Bereicherung unserer j- geographischen Literatur, und ohne Zweifel wird man es in Amerika selbst freudig begrüssen.
„Weser Zeitung" 28. April 1878.
Da der Verfasser die Union aus eigener Anschauung kennt und mit ausserordentlichem Fleiss die einschlägigen Quellenwerke zu Rathe gezogen hat, so bietet er ein sehr verlässliches und eindrucksvolles Gesammtbild dieses gewaltigsten Staatsgebietes der Neuen Welt. — Am genussreichsten wirkt die zweite, schildernde Abtheilung. In ihr geleitet uns der Verfasser an der Hand der selbstempfangenen Reise- eindrücke, mit denen er diejenigen Anderer frei verwebt, durch alle Hauptformen der so mannigfaltigen Landschaft von Sabalpalmen und Cypressen des schon fast tropischen Südens nach der bunten Wälder- pracht des Nordostens von mehr deutscher Art, dann wieder in die offenen Grasfluren jenseit des Mississippi mit ihren galoppirenden Büffelheerden und über die öde starrenden Zinnen des Felsen- j gebirges in die wüstenartigen Bocken des fernen Westens, endlich auf die von Riesencedern bewachsene I „Schneekette" und zur pacifischen Küste. Eben weil auch in diesen Landschaftshildern kein süsslich empfindsamer Missklang stört, sondern allein zu möglichst malerischer Veranschaulichung des Wirklichen die Sprache lebendig sich hebt, vollendet sich in ihnen die wohlgelungene Lösung der Aufgabe, die sich der Verfasser gestellt : das Land der grössten Zukunft jenseit des Weltmeeres, die Stätte einer schon 80 vielseitig uns im alten Europa berührenden hohen Machtentfaltung, die neue Heimat so vieler Tausende deutscher Auszüglinge uns so eingehend und umfassend zu verdeutlichen, wie es vorher noch nie geschehen war. „Die Gegenwart" Band XV Nr, 14.
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iiifiii!|i|iiiiiiiiiiiiiiiiiiimiliiiliilinihiOiiiiiii!!i!iiliii'!:"""M'!"'in::!":h:i;!!'!!" 'm-' ^v-- : i,'!!ii^i . - -' m/. ::!!ii:ii|i!iiiB:ii!:i)i|:;iiji|iiiii[iiiiii'ii:i|iiiiiiiimii;iii!iii iiiH'ii'.iui;iiii!iiHiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiMiiliinliiiii!
Nur Weniges haben wir aus dem in dem Buche aufgehäuften, kolossalen Material hervorgehoben, und auch das konnten wir nur zu kurz u,nd flüchtig berühren ; wir hoffen jedoch, genug gesagt zu haben, um jeden Freund einer feinen, wissenschaftlich gründlichen Schilderung eines schönen Landes in dem Gewände einer formvollendet-künstlerischen, abei einfachen Sprache zur Lektüre dieser kostbaren Be- reicherung unserer Literatur zu veranlassen.
„Magazin für Literatur des Auslandes" 1878 Nr. 35.
This is a beautiful volume, well printed, with large, clear type, on fine paper, and with neatly- executed maps. Altogether it is a good piece of work, and one which will be useful to Americans as well as to Germans and others wlio are in the habit of adding to their stock of knowledge through the medium of the German language.
Dr. Ratzel's work is divided into two parts, the first of which is called general; the second, descriptive. In these descriptive sketches Dr. Ratzel gives ua the impressions made on his own mind by some of the prominent scenic features of tlie country, quoting freely at the same time frora American authors, such as Fenimore Cooper, Thoreau, and Wilson Flagg.
The most valuable park of Dr. Ratzel's volume is the so-called „Allgemeine Theil", divided into seven sections, as follows : L Bonndaries and Outline; II. Geological Structure; III. Topography (Ober- flächengestaltung); IV. Rivers and Lakes ; V. Climate; VI. Flora: VII. Fauna. In regard to sections iii. to vii. of this division of Dr. Ratzel's book we have no words bute those of praise, since they seem to have been compiled from the best authoritios with the utmost care and with a clear understanding of the nature of the problems involved. The cliapter on climate offers decidedly the best resume of the subject which has yet been furnished. „The Nation" 21/11. 78 Nr, C99.
Um es vorweg zu nehmen, gehörten schon damals, wo sie (in der Köln. Ztg.) erschienen, diese Natur- malereien zu dem Besten, was die deutsche Literatur auf dem betreffenden Gebiete aufzuweisen hatte, und noch heute nehmen sie diesen Rang ein. Es gehörte dazu nicht nur ein scharfer Blick für das Besondere, Eigenthümliche und Allgemeine einer Landschaft, sondern auch ein geistiger Aufbau derselben auf geologischem, botanischem, zoologischem und kosmischem Grunde, verbunden mit einer Herrschaft über die Sprache, die uns gerade wegen ihrer Einfachheit und Ursprünglichkeit anmuthet. Ueberhaupt bedurfte es dazu eines generalisirenden Kopfes bei genügender Einsicht in die wissenschaftliche Natur der betreffenden Baumaterialien. . . . Von der Absicht ausgehend, ein Nadischlagebuch über die Geo- graphie der V. St. zu liefern, das zugleich den Charakter eines wissenschaftlichen Handbuches in sich trage, hat der Vf. damit auch ein lesbares Lehrbuch geschrieben. Mit dem letzten Attribute wollen wir ihm ohne Weiteres das höchste Lob ertheilt haben; so sollten wissenschaftliche Gründlichkeit stets mit allgemeiner Verständlichkeit verschmolzen sein. Denn auf diese Weise hat der Vf. Allen genützt: der Geographie, indem er ein unendliches Material zu einem klaren, durchsichtigen Baue zusammenfügte, jedem Laien, indem er über Alles genügende Auskunft in ansprechender Darstellungs- weise praktisch gab. . . . „Die Natur" 1878 Nr. 21.
. . . Hätte der Gedanke des Ratze l'schen Buches daher einer speciellen Motivirung kaum bedurft, so können wir auch mit gutem Gewissen versichern , dass der Autor im Grossen und Ganzen sich seiner Leistung aufrichtig freuen darf, um so mehr als diese die erheblichsten Schwierigkeiten zu überwinden hatte und nur aus den wcitestverzweigten Studien physikalischer und geologischer, ©ro- und hydrographischer, botanischer und zoologischer, klimatologischer und meteorologischer Art erwachsen konnte. Alle diese verschiedenen Momente liat Prof. Ratzel mit dem anerkennenswerthesten Fleis.se, in einzelnen Partien mit fast erschöpfender Vollständigkeit, in Betracht gezogen und mit einander in Parallelen und Verbindung gebracht, um uns ein möglichst concretes Bild der physikalisch-geographischen Beschaffenheit der Vereinigten Staaten Nordamerikas zu zeichnen. „Das Ausland."
. . . It treats at great length of the natural characteristics of the country, geology, soil, rivers, lakes, climate, plänts and animals, giving descriptions of the woods and their autumn colors : of the Hudson river scenery, and thafc of the Alleghanies ; of the pine banens and cedar swamps of the South; of the prairies and plains of the West, and of the leading features of each section, with meteorological studies and tables — in short, a geographical encyclopedia of this country. ... He has aimed at Alling a want feit by many men of science, an exhaustive geography of the United States, and to do this by collecting and arranging in scientific order the facts that make a complete sketch of the physical geography and natural features of the United States, and the data that will fully supply the polilical and social geography of the great republic, and serve both for practical and scientic reference as well at home as abroad. The plan of the book is to avoid merely theoretical discussion, to give the actual state of the physical geography, with a comprehensive sketch of each of its leading characteristics, climate, water, surface, geology, the results and changes produced by eartliquakes, erosion, and other influences, either continuous or irregulär, and an account of the distribution of animals and vegetables, and thus to furnish the natural history of the country, and to give sketches of special regions remarkable for picturesqueness or for other qualities of particular interest peculiar to such scenes as Niagara, the Yo-semite, and other American wonders. ... Of such subjects as have hither to been little studied here, the effect of cutting down forests, the changes in the natural history of a whole region produced by this and other artificial causes, this new American Geography gives the latest results, and it is another evidence of the abiding interest with which the United States and all our leading interests are thoroughly examined by the painstaking authors of Germany in their steady pursuit of knowledge. „Public Ledger" Philadelphia 1878 Nr. 141.
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Maltsyerzeicliiiiss des IL BaMes.
I. Abschnitt. Zur Einleitung.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. I. Lage und Umriss. — IL Innere politische Wirkungen der Lage und Gestalt — III. Das Klima. — IV. Die n utzbaren Pflanzen und Thiere.
— V. Mineralschätze. — VI. Naturbedingungen der Industrie. —
VII. Die natürlichen Verkehrswege. — VIII. Geographische Ver- theilung der Wirthschaft. — IX. Unmittelbare Wirkungen der Natur auf den Geist des Volkes. — II. Geschichtlicher Ueberblick.
IL Abschnitt Die Bevölkerung.
III. Die Indianer. I. Die Rassenzugehörigkeit. — IL Physische Merkmale der Indianer. — III. Psychische Eigenschaften und Ent- wickelungen. — IV. Die äussere Ausstattung des Lebens. — V. Die Sprache. — VI. Die Zahl der Indianer. — VII. Beziehungen zwischen Indianern und Weissen. — IV. Die Einwanderung. — V, Statistik der weissen Bevölkerung. VI. Die Neger und ihre Sklaverei. — Die Chinesen. Die chinesische Einwanderung.
iii. Abschnitt. Die wirthschaftüchen Verhältnisse.
VII. Die Landwirthschaft. I. Boden und Klima in Bezug auf die Landwirthschaft. — IL Natürliche Verbreitungsgrenzen einiger wichtigeren C ulturgewächse und Waldbäume. — III. Amerika- nische Meth öden des Ackerbaues. — IV. Farmer und Landarbeiter.
— V. Geschichtliche Entwickelung der Landwirthschaft in den V. St. — VI. Die wichtigsten Erzeugnisse des Ackerbaues. 1. Ge- treide. 2. Andere Nahrungsgewächse. 3. Han delsge wachse. 4. Obst. 5. Weinbau. 6. Beerenfrüchte. 7. Wiesenbau. — VIL Die Viehzucht. —
VIII. Die Wälder und ihre Ausbeutung. — IX. Mineralreichthum und Bergbau. Eisen. Steinkohlen. Gold. Silber. Quecksilber. Kupfer. Blei. Zink und andere Metalle. Edelsteine. Salz. Bausteine. Steinöl.— X. Die Gewerbthätigkeit. I. Geschichtliche Entwickelung. — IL Die Art des Betriebes. — IILDie Hauptzweige der Gewerbthätigkeit.— XL Verkehrswege und Verkehrsmittel. L Geschichtliche Entwicke- lung. — II. Die natürlichen Grundlinien des Verkehres. — JIL Die schiffbaren Flüsse. — IV. DieCanäle. — V. Die Eisenbahnen. — VL Strassen und Brücken. — VIL Rhederei und Schiffsverkehr. — VIII. Post und Telegraphen. — XiL Der HandeL L Allgemeines. — II.Die Zölle. — IIL Der innere Handel. — IV. Der Aussenhandel.
IV. Abschnitt. Staat Und Gemeinden. Kirche und Schule; Das geistige Leben. Die Gesellschaft.
XIII. Der Staat. Die Gemeinden. Das politische Leben. L D as S taats - gebiet. — IL Die Verfassung. — III. Die Verwaltung. — IV. Die Ein- zelstaaten. — V. Gemeinden. — VLDas politischeLeben. — XIV. Die Kirche. — XV. Die Schule. Das geistige Leben. L Hemmungen und Forderungen. — II. Die Unterrichtsanstalten. — III. Die Wissen- schaftspflege. — IV. Literatur. — V. Kunst. — VL Die Presse. — XVI. Das Volk und die Gesellschaft. I. Das Volk. — IL Der Einzel- mensch. — IIL Die Gesellschaft. — IV. Die Physiognomie des äusseren Lebens.
V. Abschnitt. Einzelbßschreibung der Staaten und Territorien.
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Druck von R. Oldenbourg in München.
Die
Vereinigten Staaten
von
Nord-Amerika.
Die
Vereinigten Staaten
von
Nord -Amerika
Von
Dr. Friedrich Ratzel,
Professor der Erdkunde an der technischen Hochschule zu München.
Zweiter Band.
CnltnrgeoiraDliie unter tesoiiierer Berllcblclitignng fier wlrtlisclailMeii
VerMltnisse,
Mit 2 Holzschnitten und 9 Karten in Farbendruck.
München.
Druck und Verlag von E. Oldenbourg. 1880.
Culturgeographie
der
Vereinigten Staaten von Nord -Amerika
unter
Desonflerer Berlicksiclitlgnng äer wlrt]iscliaftllcli6ii Verraltnisse.
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Von
Dr. Friedrich Ratze!,
Professor der Erdkunde an der technischen Hochschule in München.
WX 2 Holzsehnitten und 9 Karten in Farhendruek
München.
Druck und Verlag von R Oldenbourg. 1880.
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Vorwort.
Bezüglich Zweck und Grundplan dieses Werkes gilt für den vorliegenden IL Band dasselbe, was in dem Prospekte und der Vorrede des I. Bandes gesagt wurde. Hier möge nur so viel her- vorgehoben sein, dass zwar die culturgeographischen Verhältnisse der Vereinigten Staaten, die den Gegenstand dieses Bandes hier ausmachen, in möglichster Vollständigkeit dargestellt wurden, dass aber dabei die Rücksicht auf ihre allgemeinen Eigenschaften, ihre Beziehungen zu den natürlichen Daseinsbedingungen, zum Leben und zur Zukunft des nordamerikanischen Volkes, endlich ihre ge- schichtliche Entwickelung mehr vorwaltete als das Streben nach Darbietung von möglichst vielen Einzelheiten. So wie im L Band die Naturverhältnisse, so sollten hier die Culturzustände des grossen Reiches zu einem Gesammtbilde vereinigt werden, und in demselben sollten die grossen Züge nicht durch unnöthige oder gar ungeordnete Anhäufung von minder wichtigen Thatsachen ihrer natür- lichen Deutlichkeit beraubt werden. Jede Seite des Culturlebens der Nordamerikaner sollte aber eingehende Behandlung finden und jede einzelne auch nach dem Masse der Wichtigkeit, welche sie für uns Aussenstehende besitzt. Selbstverständlich ergab sich dabei eine vorwiegende Berücksichtigung der wirthschaftlichen Zustände und Entwickelungen, welche ja in jedem Volke als breites Fundament dem ganzen übrigen Culturbaue zu Grunde liegen, eine besondere Beachtung aber verdienen bei einem so -jungen und daher so sehr noch mit der Entfaltung der materiellen Möglichkeiten seines Landes beschäftigten Volke, wie den Nordamerikanern. Voraussichtlich werden die Nordamerikaner fortfahren, in den nächsten Jahrzehnten ihre Stellung als das in allen wirthschaftlichen Beziehungen hervor- ragendste Volk der aussereuropäischen Länder immer mehr aus-
188
VTTT Vorwort.
zudehnen und zu verstärken, und ihr Wirthschaftslehen wird von immer grösserer praktischer Bedeutung für alle anderen Völker werden. Es schien mir daher sowohl aus wissenschaftlichen als aus praktischen Gründen wünschenswerth zu sein, dasselbe ausführlich darzustellen. Die beigegebenen Karten und Figuren werden zur Verständlichkeit der einschlägigen Verhältnisse sich dienlich erweisen.
Den Dank, den ich im I. Bande den Förderern des Werkes aussprach, kann ich hier nur wiederholen. Einigen amerikanischen Freunden, die sich denselben noch gesellten, vorzüglich den Herren E. Preetorius in S. Louis, Prof. Werner und Sam. G. JeUiffe in New York, sowie den Blättern, die in ihren Spalten meinen Aufruf um Mittheilung von Material aufnahmen, fühle ich mich besonders ver- pflichtet. Einige Zusendungen kamen mir zu spät zu, um noch in den betreffenden Abschnitten Verwendung zu finden. Besonders bedauerlich war es mir, G. Gerland' s Arbeiten über den heutigen Zustand der Indianer der V. St. (Globus Bd. XXXV u. XXXVI) nicht mehr benützen zu können; aber es gereichte mir wenigstens zur Befriedigung, dass meine nothwendigerweise auf viel engerem Baume sich bewegende Darstellung zu ähnlichen Schlüssen gelangte wie jene werthvolle Monographie.
Manche Leser werden ein Literatur- Verzeichniss vermissen, wie sie es an der Spitze vieler geographischen Werke zu finden gewohnt sind. Mir blieb leider für ein solches von hinreichender Ausführlich- keit hier kein Kaum. Uebrigens würde dasselbe den Gegenstand einer eigenen Arbeit bilden müssen. Doch kann ich für die Nennung vieler Hauptwerke auf die Anmerkungen verweisen. — Da die An- lage des Ganzen der Einzelbeschreibung der Staaten und Territorien viel weniger Gewicht zuerkennen Hess als den allgemeinen Ab- schnitten, so waren die Staaten, Städte u. s. f. sehr häufig schon in den letzteren zu berühren. Mit Hülfe des möglichst ausführ- lichen Registers wird es nicht allzu schwer sein, die zerstreuten Erwähnungen zu einem Gesammtbilde zu vereinigen.
München im December 1879.
Friedrich Ratzel.
Inhaltsverzeichniss.
I. Abschnitt.
Zur Einleitung.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
I. Lage und Umriss. Räumliche Weite des Gebietes 3. Umrissgestalt und Gliederung 4. Bedeutung derselben für die Culturstellung 6. Hafenreich- thum 7. Küstenformen 8, Wege nach Europa 8, nach Asien 9. Beherr- schende Lage der V. St. am Stillen Ocean 10, am Golf von Mexico 10. Sicherheit der Grenzen 10. — IL Innere politische Wirkungen der Lage und Gestalt 11. Naturgebiete 12. Hindernisse der politischen Ein- heit 12. Räumliche Entlegenheit der verschiedenen Gebiete 13. Die natürliche Hauptstadt 13. Welche Rolle kann in der Entwickelung der V. St. den Natur- bedingungen zufallen? 16. — HL Das Klima 17. Mittelbare Wirkungen, Klima- gebiete 18. Einfluss der Vertheilung der Niederschläge 18, der Wärme 18. Die Getreidezone 18. Unmittelbare Wirkungen des Klimas auf den Menschen 19. Endemische Krankheiten 20. Arbeitsfähigkeit 21. Unterschied des Charakters zwischen Nord- und Südländern in den V. St. 22. — IV. Die nutzbaren Pflanzen und Thiere. Vergleich der Ausstattung der Alten und der Neuen Welt mit nutzbaren Pflanzen und Thieren 23. Einige bemerkenswerthe Nutz- pflanzen 24. Giftpflanzen 26. Nutzthiere der Alten und Neuen Welt 26. Zähmung des Büifels und anderer nordamerikanischer Säugethiere 27. Aufzählung be- merkenswerther nützlicher oder schädlicher Thiere 28. (Der Indianerhund 30.) Vögel 31. (Herkunft des Truthahns 32.) Reptilien 33. Amphibien 33. Fische 33. Muscheln 34. Insekten 34. — V. Mineralschätze. Ihre Vertheilung 35. Sind nicht unerschöpflich 37. Raubbau 38. — VI. Naturbedingungen der In- dustrie. Erzeugung der Rohstoffe im Lande selbst 39. Wasserkräfte 39. Hauptförderer ist die glückliche Anlage der Bevölkerung für dieselbe 39. — VII. Die natürlichen Verkehrswege. Die günstige Beanlagung des 0. für Schiffahrt und Eisenbahnbau 40. Die schiffbaren Flüsse 40. Verkehrs- schwierigkeiten im W. 41. — VIH. Geographische Vertheilung der Wirthschaft 43. Natürliche Wirthschaftsgebiete 43. —IX. Unmittelbare Wirkungen der Natur auf den Geist des Volkes 45. Schranken- losigkeit des Charakters 46. Jugendfrische 46. Sind die Nordamerikaner zur Einförmigkeit bestimmt? 47. Mangel der phantasieaufregenden Scenen 48. Die V. St. ein Land der glücklichen Mitte 48. Entwickelung des Naturgefühls 49.
X Inhaltsverzeichniss.
II. Geschichtlicher Ueherblick.
Erste Ansiedelungen 52. Allgemeiner Charakter der Geschichte der 13 alten Colonien 64. England und Frankreich in Nord-Amerika 66. Kämpfe um die wirthschaftliche Freiheit 69. Der Unabhängigkeitskrieg 74. Die Zeit von
1783 1817 77. Der Gegensatz von Nord und Süd in der Sklavenfrage 82.
Derselbe in den wirthschaftlichen Fragen 85. Die Annexionspolitik 87. Vor- bereitung des Bürgerkriegs 90. Der Bürgerkrieg 94. Die Reconstruktion 99. Die Präsidentschaft Grant's 101.
IL Abschnitt.
Die Bevölkerung.
III. Die Indianer.
I. Die Rassenzugehörigkeit 107. Einheitlichkeit der Rasse 108. Die Mongoloiden 108. Die Indianer und die Nordasiaten 108. Woher kam die Einwan- derung? 109. — II. Physische Merkmale der Indianer 110. Schwierigkeit allgemeiner Definitionen 110. Der Schädel 111. Weitere Merkmale 111. Die Haut- farbe 112. Der Gesichtsausdruck 112, — III. Psychische Eigenschaften und Ent Wickelungen 113. Grundstimmung 114. Verschlossenheit 114. Sitt- liche Begrifi'e 114. Recht und Unrecht 114. Wahrheitsliebe 115. Indianische Uebertreibungen 116. Der Grundzug der Kraft und seine Schattenseite 116. Das Weib und seine Stellung 117. Auffassung der Familie 118. Rechts- und Eigenthumsverhältnisse 119. Regierung 120. Die Beziehungen zwischen den Stämmen 120. Krieg und Friede 120. Cannibalismus 121. Religiöse Vorstel- lungen und Cultus 121. Die Zauberer 121. Geistige Begabung 122. Ihr Kampf mit der Sinnlichkeit 123. Phantasie 124. Beredsamkeit 124. Poesie 124. Keime von Wissenschaft 125. Erfindungen 126. — IV. Die äussere Aus- stattung des Lebens 126. Jagd 126. Fischfang 127. Canoes 127. Waffen 127. Kleidung 130. Tättowirung 130. Schmuck, Haus, Dörfer, Geräthe 131. Die Speisen 132. Ackerbau 133. — V. Die Sprache 133. Allgemeiner Charakter der Indianersprachen 134. Die Eintheilung der nordamerikanischen Stämme in Sprachgruppen 135. — VL Die Zahl der Indianer 139. Ihre gegenwärtige Zahl und Vertheilung 139, Schätzungen ihrer Zahl aus der Zeit der ersten Entdecker und Ansiedler 141. Ihr Rückgang 145. Gehen sie dem Aussterben entgegen? 145. — VII. Beziehungen zwischen Indianern und Weissen 146. Die unvereinbaren Verschiedenheiten beider 147. Erster Verkehr 147. Ur- sachen der Conflikte 148. Die Indianerkriege 150. Zurückdrängung der Indianer nach W. 152. Die Indianerpolitik der V. St. 154. Die Reservationen 156. Mischlinge 159.
IV. Die Einwanderung.
Statistik derselben seit 1819 und Schätzung bis zu diesem Zeitpunkte 161. Fördernde und hemmende Einflüsse 162. Statistik der Einwanderer nach Her- kunft, Geschlecht, Alter und Stand 163. Die deutsche Einwanderung 163. Verschiedener Werth der Elemente, aus denen die Einwanderung sich zu- sammensetzt, und ihr Einfluss auf den Charakter der Gesammtbevölkerung 167.
Inhalts verzeichniss. XI
Schätzung des Geldwerthes eines Einwanderers 170. Verschiedene Richtungen des Einwandererstromes 171. Das Wandern innerhalb der V. St. 172.
V. Statistik de.r weissen Bevölkerung.
Die Bevölkerungszahlen vom Anfang des 17. Jahrhunderts bis 1870 176. Das natürliche Wachsthum 178. Die Zahl der Geburten 179. Ursachen der langsamen Zunahme in den alten Staaten 182. Sterblichkeit 184. Verhältniss der Geschlechter 185. Dichtigkeit der Bevölkerung 186. Zunahme des be- siedelten Gebietes und der Dichtigkeit der Bevölkerung 189. Der Bevölkerungs- Mittelpunkt 191. Städtische und ländliche Bevölkerung 192. Schwierigkeit, beide von einander zu sondern 192.
VI. Die Neger und ihre Sklaverei. — Die Chinesen.
Entwickelung der Sklaverei von 1620 — 1862 195. Uebergang zur freien Arbeit und zur Gleichbereclitigung 203. Statistik der Neger seit 1776 206. Zahl der Mischlinge 209. Wirthschaftliche Entwickelung 210. — Die chine- sische Einwanderung 215.
III. Abschnitt.
Die wirthschaftlichen Verhältnisse.
VII. Die Landwirthschaft.
I. Boden und Klima in Bezug auf die Landwirthschaft. Ab- hängigkeit der letzteren von der Vertheilung der Niederschläge 222, und der Wärme 223. Bodenbeschaffenheit 224. Vergleich der Fruchtbarkeit der V. St. mit der Europas und Abnahme derselben 225. Ackerbauliche Möglichkeiten in der Osthälfte 227, und in der Steppenregion 228. — II. NatürlicheVer- breitungsgrenzen einiger wichtigeren CulturgewächseundWald- bäume. Aus welchen Quellen erhielten die V. St. ihre Culturgewächse ? 234. Verbreitung der Getreidearten 234, der Wiesengräser 235, des Wein- und Obst- baues 236, der subtropischen Culturpflanzen 238. — III. Amerikanische Methoden des Ackerbaues. Der Baumwuchs als Massstab der Frucht- barkeit 240. Urbarmachung 241. Die amerikanische Axt 241. Urwald- und Prärie-Ansiedler 242. Das Präriebrennen 242. Die ersten Gebäude 243. Leben des Ansiedlers 244. Ausnützung der natürlichen Fruchtbarkeit und Abnahme derselben 245, Wandern des Ackerbaues nach W. 247. Düngung 250. Guano- gewinnung 251. Theoretische Förderungen 252. Acclimatisation 253. Vereins- leben 254. — IV. Farmer und Landarbeiter. Bauer, Farmer und Pflanzer 255. Grösse der Farmen 258. Die Richtung auf die Grosswirthschaft 260. Die Landpreise 261. Ileimstättegesetz 263. Arbeiterverhältnisse 264. — V. Ge- schichtliche Entwickelung der Landwirthschaft in denV.St. Die Ackerbau- und Viehzucht - Colonien 265. Einführung der Hausthiere 266. Ent- wickelung im 17. Jahrhundert 267. Die Plantagenwirthschaft 267. Vorwiegen der Landwirthschaft im W. 268. Verbesserung landw. Geräthe 269. Zustand am Ende des vorigen Jahrhunderts 270. Einfluss der Canäle und Eisenbahnen 271. Hervorragender Platz der nordamerikanischen Landwirthschaft im heutigen Welt- handel 272. — VI. Die wichtigsten Erzeugnisse des Ackerbaues
XII Inhaltsverzeichniss.
1. Getreide. Mais 274. Weizen 276. Roggen 277. Gerste, Hafer, Buch- weizen 278. 2. AndereNahrungsgewächse. Hülsenfrüchte, Kartoifeln 278. Bataten. Rüben u. a. Wurzeln und Gemüse 279. 3. Handelsgewächse. Baumwolle 280. Flachs 281. Hanf, Zuckerrohr 282. Sorghum 283. Zucker- rüben, Ahornzucker 284. Tabak, Hopfen 285. Indigo, Reis 286. 4. Obst. Aepfel und Birnen, Pfirsiche 287. Andere Obstarten, Apfelsinen 288. 5. Wein- bau 289. 6. Beerenfrüchte 290. 7. Wiesenbau 291. — VII. D ie Vieh - zu cht. Rindvieh 292. Fleischausfuhr 294. Pferde 295. Schafe 297. Schweine 298. Der Maisbau und die Schweinszucht 299. Hunde 301. Seidenzucht 301. Bienen- zucht 302.
VIII. Die Wälder und ihre Ausbeutung.
Verbreitung der Wälder in dem Gebiete der V. St. 303. Ihre Vertheilung über die einzelnen Staaten 304. Neuanpflanzungen von Wäldern 305. Anfänge von Forstschutz und Wald wirth seh aft 306. Waldverwüstung und Waldbrände 307. Der Holzverbrauch und Holzhandel 307. Die wichtigsten Nutzhölzer 308.
IX. Mineralreichtlium und Bergbau.
Verbreitung und Entwickelung 309. Geschichtliches 311. Das Recht auf die Mineral seh ätze und die Gesetzgebung 313. Rückwirkung auf die Bevölke- rung, die Miners 315. Ihr Wandertrieb 316. Die Prospectors 317. Mining Excitements 319. Betrieb des Bergbaues 320. — Eisen 321. Die hauptsäch- lichsten Erze 321. Die grossen Eisenerz -Regionen 322. Die Roheisen -Er- zeugung 224. Die Hauptgebiete der Eisenindustrie 325. Steinkohlen 327. Verbreitung 327. Geologische Verhältnisse 328. Die hauptsächlichsten Kohlen- felder und -becken, Anthracit 329. Bituminöse Kohlen 330. Braunkohlen 334. Gold 336. Statistik der Goldgewinnung in den V. St 336. Die Goldlager von Californien, von Colorado und den übrigen Goldgebieten des W. 337. Gold in den Alleghanies 341. Silber 342. Statistik der Silbergewinnung in den V. St. 342. Silbergebiet von Nevada, Comstock Lode 343. Andere Silbergebiete 344. Quecksilber 345. Kupfer 346. Blei 347. Zink und andere Metalle 348. Edelsteine. Salz 349. Bausteine und andere Mineralien 350. Steinöl351. Vorkommen 351. Gewinnung und Verfrachtung 353.
X. Die Gewerbthätigkeit.
I. Geschichtliche Entwickelung. Die Anfänge 355. Zurückdrängung durch das Mutterland 358. Aufschwung seit der politischen Selbständigkeit 359. Heutiger Stand 362. — II. Die Art des Betriebes. Mangel an Arbeits- kräften 362. Maschinenarbeit 363. Werkzeuge, der Erfindungs- und Unternehmungsgeist 364. Patente 365. Credit 366. Die Arbeitslöhne 369. Das Leben der Arbeiter 371. — IH. Die Hauptzweige der Gewerb- thätigkeit. Textilindustrien 373. Metallindustrien 375. Maschinenbau 377. Landwirthschaftliche Geräthe 379. Lederverarbeitung 381. Waffen 382. Uhren 383. Chemische Industrien 384. Brauereien, Keramik 385. Vervielfältigende In- dustrien 386.
XI. Verkehrswege und Verkehrsmittel.
I. Geschichtliche Entwickelung. Anfänge 387. Periode der Canal- bauten 388. Gallatin's Entwurf 389. Erie-Canal 390. Die Eisenbahn-Aera 392.
Inhaltsverzeichniss. XIII
Wettkampf zwischen Canäleii und Eisenbahnen 393. Eisenbahnmonopole 395. — U. Die natürlichen Grundlinien des Verkehres. Die Verkehrs- gebiete 396. Die Naturstrassen des Inneren 397. Die Stromwege 398. Um- gehung derselben durch die Eisenbahnen 399. — in. Die schiffbaren Flüsse. Aufzählung 401. Mississippi 401. Ohio, S. Lorenz 404. Hudson 405. Kleinere schiffbare Flüsse von Bedeutung 406. Die Binnenseen 407. — IV. Die Canäle. Canäle und Eisenbahnen 408. Das Canalsystem des Staates New York, von Pennsylvanien, New Jersey, des Ohio und Mississippi 411. Illinois- und Michigan- Canal 416. Weitere Canäle in den Süd- und Weststaaten 417. — V. Die Eisenbahnen. Statistik 419. Begünstigung durch die Naturverhältnisse 420. Besonderheiten im Bau und Betrieb 421. Aufzählung der grossen Linien und Complexe 425. — VI. Strassen und Brücken 430. Strasseneisenbahnen 432. — VII. Rhederei und Schiffsverkehr. Zahl der Schiffe 434. Der Schiffsbau 438. Abnahme der Kauffahrteiflotte und ihre Ursachen 440. Die Fischerflotte 441. Schiffsverkehr in den Häfen der V. St. 441. — VIII. Post und Telegraphen 447.
XII. Der Handel.
I. Allgemeines. Geschichtliche Notizen 450. Streben nach Ausdehnung des Ausfuhrhandels 452. Verbreitung des kaufmännischen Sinnes 454. Der Store- keeper 455. Rückwirkung des Handels auf die Bevölkerung 457. Bankerotte 458. Handelskammern 459. Banken 460. Versicherungswesen 460. — II. Die Zölle 461. — III. Der innere Handel. Grösse desselben 463. Haupt- punkte 463. Die Zufuhr von Getreide und Baumwolle nach den Haupthafen- plätzen 464. Der Durchverkehr und der direkte Handel der Binnenplätze 465. — IV. Der Aussenhandel. Hauptgegenstände der Einfuhr und der Ausfuhr 467, nach Handelsgebieten und nach dem Werthe geordnet 469. Betrag des Gesammt- handels der Haupthandelsgebiete mit den V. St. 468. Der canadische Durchgangs- handel 473. Der mexikanische Landhandel 474.
IV. Abschnitt.
Staat und Gemeinden. Kirche und Schule. Das geistige Leben. Die Gesellschaft.
XIII. Der Staat. Die Gemeinden. Das politische Leben.
I. Das Staatsgebiet. Seine Entwickelung und Grenzen 477. — IL Die Verfassung. Union und Einzelstaaten 481. Der Congress 484. Der Präsi- dent484. Die Bundesgerichte 486. — HL Die Verwaltung. A. Staatsamt 486. Consulatswesen 487. B. Inlandamt 488. C. Schatzamt 489. Zölle und Steuern 489. Oeffentliche Schuld, Geld, Masse und Gewichte 490. Leuchtthürme und Ret- tung Schiffbrüchiger 493. Finanzlage der Union in 1877/78 493. D. Das Kriegs- amt 493. Armee 494. Miliz 498. E. Marineamt 498. Flotte und Küsten- vertheidigung 499. — IV. Die Einzelstaaten 500. Gruppirung 503. Po- litische Rolle 504. Partikularismus 506. Ihre Gesetzgebung und Verwaltung 506. Territorien 509. V. Gemeinden. Town und County. Die Städte 509. Ihre Finanzen 511. Wachsthum 513. — VI. Das politische Leben 513. Der Geist desselben 514. Die Parteien 517. Die Wahlen 520. Corruption 524. — Flagge und Wappen 527.
XIV Inhaltsverzeichniss.
XIV. Die Kirche.
Religiöse Anlagen 528. Kirche und Staat 529. Eigenthümlichkeiten des religiösen Lebens in den V. St. 530. Wohlthätigkeit, Temperenz 533. Statistik der Religionsgesellschaften 536. Die Hochkirche, die Congregationalisten 536. Die Presbyterianer 537. Die Methodisten 538. Die Baptisten, die Lutheraner und Deutsch-Reformirten, die Römisch-Katholischen 539. Die Juden 541.
XV. Die Schule. Das geistige Leben.
L Hemmungen und Förderungen. Der coloniale Typus des geistigen Lebens 542. Nothwendige Mängel 543. Vorzüge 545. Begabung 546. — H. Die Unterrichtsanstalten. Der Lern trieb bezeichnend für die Nord- amerikaner 546. Aufwand für die Schulen 548. Staatliche Fürsorge 550. Die Volksschule 551. Der Lehrerstand 553. Die Mittelschulen und Colleges 554. Die Fachschulen 557. Die Bibliotheken, öffentliche Vorträge 559. — HI. Die Wissenschaftspflege. Werth der amerikanischen Wissenschaft 561. Ihre Entwickelung 562. B. Franklin, Rittenhaus 563. Die Surveys 565. Die Natur- wissenschaften 567. Die Medicin 568. Andere Wissenschaften 568. Wissen- schaftliche Körperschaften 569. — IV. Literatur. Abhängigkeit von der englischen 572. Eigenthümlichkeiten 573. Dichter 574. Geschichtschreiber u. a. 575. — V. Kunst. Malerei 580. Baukunst 582. Bildhauerei, Musik, Theater 583. — VL Die Presse 584.
XVI. Das Volk und die Gesellschaft.
L Das Volk. Schwierigkeit, den Begriff Nordamerikaner zu bestimmen 591. Die zwei historischen Schichten 592. Die Zusammensetzung des Volkes der V. St. 592. Aneignung und Aufsaugung der fremden Elemente 595. Stellung der Deutschen 596. Volkstypen 598. — II. Der Einzelmensch. Anthro- pologische Merkmale 600. Körperlicher Verfall 601. Geistige Merkmale 603. Die Frühreife und das frühe Altern 604. Freier und gebundener Geist 605. Volksstimmung 606. Geistige Bereitschaft, Beweglichkeit, Reiselust, Liebe zum eigenen Herd 606. Die Ermüdung im Aeusseren. Die Höflichkeit und Frauen- verehrung 607. Die Frau 608. Sittlichkeit 610. Familie 612. — III. Die Gesellschaft. Die 3 Culturzonen 614. Die Gesellschaft des W. 615. Die gesellschaftliche Gleichheit 617. Die Aristokratie 621. Die Gleichartigkeit der Sitten 622. Einfluss von New York 622. — IV. Die Physiognomie des äusseren Lebens. Zerstreutheit der Culturmerkmale 622. Rascher Wechsel 623. Schönheit 624. Charakter der Städte und des städtischen Lebens 625. Das flache Land 629. Ruinen 630. Die Neigung zum Grossartigen 630.
V. Abschnitt.
Einzelbeschreibung der Staaten und Territorien.
Erste Gruppe. Die Neuengland-Staaten. 1. Maine 633. 2. New Hampshire 635. 3. Vermont 636. 4. Massachusetts 637. 5. Connecticut 639. 6. Rhode Island 641. — Zweite Gruppe. Die atlantischen Mittel- staaten. 7. New York 642. 8. New Jersey 645. 9. Pennsylvanien 647.
Inhaltsverzeicliniss. XV"
10. Delaware 650. 11. Maryland 651. — Dritte Gruppe. Die atlanti- schen Südstaaten. 12. Virginia 653. 13. N. Carolina 655. 14. S. Carolina 657. 15. Georgia 658. 16. Florida 660. — Vierte Gruppe. Die Golfstaaten. 17. Alabama 662. 18. Mississippi 663. 19. Louisiana 665. 20. Texas 667. — Fünfte Gruppe. Staaten des Mississippi- und Ohio-Beckens. A. Südliche. 21. Tennessee 670. 22. Kentucky 671. 23. West -Virginia 673. 24. Arkansas 674. 25. Missouri 675. B. Nördliche. 26. Ohio 680. 27. Indiana 684.
28. Illinois 686. — Sechste Gruppe. Staaten des Nordwestens,
29. Michigan 694. 30. Wisconsin 697. 31. Minnesota 699. 32. Iowa 701. — Siebente Gruppe. Staaten und Territorien der Prärie- und Steppenregion. 33. Dakota 703. 34. Nebraska 704. 35. Kansas 706. 36. Indianer -Territorium 707. — Achte Gruppe. Staaten und Terri- torien der Westgebirge. 37. Montana 710. 38. Wyoming 711. 39. Colo- rado 712. 40. Neu-Mexico 714. 41. Arizona 715. 42. Nevada 716. 43. Utah 717. 44. Idaho 719. — Neunte Gruppe. Pacifische Staaten und Terri- torien. 45. Californien 720, 46. Oregon 724. 47. Washington-Territorium 726.— Zehnte Gruppe. Besondere Staatsgebilde. 48. District of Colum- bia 728. 49. Alaska 728.
Geld, Masse und Gewichte der Vereinigten Staaten.
1 Dollar zu 100 Cts. = 4,19 R. M.
1 Hundredweight zu 112 Pfd. = 101,6 Kilogr.
1 Bushel zu 4 Pecks = 35,23 Liter.
1 Gallon zu 8 Pints = 3,78 Liter. (Neue G. = 4,54 L.)
1 Yard zu 3 Fuss = 0,91 Meter.
1 Statute Mile zu 1760 Yards = 1,61 Kilometer.
1 Square Mile zu 640 Acres = 2,59 Quadrat-Kilometer.
I. Abschnitt. Zur Kinleitung.
E a t z e 1 , Amerika II.
I. Die natürliclieii Becliiigningen der Ciiltur- entwickeliing.
I. Lage und Umriss. Räumliche Weite des Gebietes 3. Umrissgestalt und Gliederung 4. Bedeutung derselben für die Culturstellung 6. Hafenreicli- thum 7. Küstenformen 8. Wege nach Europa 8, nach Asien 9. Beherr- schende Lage der V. St. am Stillen Ocean 10, am Golf von Mexico 10. Sicherheit der Grenzen 10. — II. Innere politische Wirkungen der Lage und Gestalt 11. Naturgebiete 12. Hindernisse der politisch'en Ein- heit 12. Räumliche Entlegenheit der verschiedenen Gebiete 13. Die natürliche Hauptstadt 13. Welche Rolle kann in der Entwickelung der V. St. den Natur- bedingungen zufallen ? 16. —III. DasKlimalT. Mittelbare Wirkungen, Klima- gebiete 18. Einfluss der Vertheilung der Niederschläge 18, der Wärme 18. Die Getreidezone 18. Unmittelbare Wirkungen des Klimas auf den Menschen 19. Endemische Krankheiten 20. Arbeitsfähigkeit 21. Unterschied des Charakters zwischen Nord- und Südländern in den V. St. 22. — IV. Die nutzbaren Pflanzen und Thiere. Vergleich der Ausstattung der Alten und der Neuen Welt mit nutzbaren Pflanzen und Thieren 23. Einige bemerkenswerthe Nutz- pflanzen 24. Giftpflanzen 26. Nutzthiere der Alten und Neuen Welt 26. Zähmung des Büffels und anderer nordamerikanischer Säugethiere 27. Aufzählung be- merkenswerther nützlicher oder schädlicher Thiere 28. (Der Indianerhund 30.) Vögel 31. (Herkunft des Truthahns 32.) Reptilien 33. Amphibien 33. Fische 33- Muscheln 34. Insekten 34. — V. Mineralschätze. Ihre Vertheilung 35. Sind nicht unerschöpflich 37. Raubbau 38. — VI, Naturbedingungen der In- dustrie. Erzeugung der Rohstoffe im Lande selbst 39. Wasserkräfte 39. Hauptförderer ist die glückliche Anlage der Bevölkerung für dieselbe 39. — VII. Die natürlichen Verkehrswege. Die günstige Beanlagung des 0. für Schiffahrt und Eisenbahnbau 40. Die schiffbaren Flüsse 40. Verkehrs- schwierigkeiten im W. 41. — VIII. Geographische Vertheilung der Wirthschaft 43. Natürliche Wirthschaftsgebiete 43. — IX. Unmittelbare Wirkungen der Natur auf den Geist des Volkes 45. Schranken- losigkeit des Charakters 46. Jugendfrische 46. Sind die Nordamerikaner zur Einförmigkeit bestimmt? 47. Mangel der phantasieaufregenden Scenen 48. Die V. St. ein Land der glücklichen Mitte 48. Entwickelung des Naturgefühls 49.
I. Die erste Grundlage der Entwickelung der Hülfsquellen der V. St. ist die räumliche Weite des Gebietes, auf dem sich dieselbe vollzieht. Die V. St. ohne Alaska nehmen 142 352. mit
4 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
Alaska annähernd 169 509 g. Q.M. (7,8 bezw. 9,9 Mill. Q.Km.) ein, also nicht viel weniger als ganz Europa. Diese gewaltige Ausdehnung muss von vornherein von jeder allzuraschen Parallelisirung mit europäischen Verhältnissen zurückhalten, lieber dieses weite Ge- biet ist eine Bevölkerung verbreitet, die an Zahl ungefähr der gleicht, welche im deutschen Reiche auf einem 15 mal so kleinen Räume wohnt. Das schafft eine Ungleichheit der Lebens- und Wirkungs- bedingungen, welche bis auf den Grund geht. In allen Beziehungen, in denen die Menschen beeinflusst sind, von der Spielweite, die ihnen, rein räumlich genommen, gewährt ist, sind die Bewohner der V. St. uns Europäern gerade entgegengesetzt bedacht. Man realisirt nicht oft klar genug die tiefe Bedeutung dieses Unter- schiedes. Nord-Amerika ist dünn bevölkert, Europa ist übervölkert ; dieses gibt von seinem Ueberflusse ab, sendet Auswanderer aus, jenes nimmt denselben auf, empfängt Einwanderung. Europas Bevölkerung ist alt in ihrer Sonderung nach Rassen, Sprachen, Staaten, Culturen ; Nord-Amerikas Bevölkerung ist erst im Werden. Dieselbe scheint in ihren Werdeprocessen in hohem Grade beeinflusst durch die Beweg- lichkeit, welche das Bewusstsein des grossen Spielraumes und die Noth- wendigkeit, denselben zu überwinden, im Einzelnen erzeugen. Die Unterschiede der Rassen, Sprachen, Herkunft etc. werden abgeschliffen, während in Europa trotz der Vervollkommnung der Verkehrsmittel die Absonderung der Völker von einander im Ganzen und Grossen ge- wiss nicht geringer geworden ist. Das dichte Beisammenwohnen der letzteren scheint durch die Reibungen, welche es hervorbringt, eher verschärfend als mildernd auf diese Unterschiede einzuwirken. Die Bevölkerung, welche die V. St. ihrer räumlichen Ausdehnung ent- sprechend einst umschliessen werden, hat für lange hinaus noch Raum und Zeit genug, in ihrem allmählichen Werden sich zu einer Gleichförmigkeit zu entwickeln, welche man in Europa höchst wahr- scheinlich für immer zu den Dingen der Unmögliclikeit wird rechnen müssen.
In der Umrissgestalt des Gebietes der V. St. tritt vor allem bedeutsam hervor die Begrenzung durch drei Meere: den Atlantischen Ocean, den Golf von Mexico und das Stille Meer. Es kann dieses Gebiet bezeichnet werden als ein Streifen von ungefähr
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 5
dreimal so grosser Breite als Länge, welcher die südliche Hälfte des Halbcontinentes Nord-Amerika einnimmt, im Osten und Westen und im grössten Theile des Südens vom Meere, im Norden und auf einer verhältnissmässig schmalen Strecke des Südens vom Lande begrenzt. Indessen wird auch ein erheblicher Theil der Nordgrenze zur Wassergrenze durch die fünffach gegliederte Gruppe der cana- dischen Seen, deren Verbindung mit dem nordatlantischen Ocean durch künstliche Wasserbauten zu einer so leichten und ausgiebigen geworden ist, dass man, soweit die Verkehrsmöglichkeiten in Be- tracht kommen, dieselben fast als Meereseinschnitt betrachten könnte. Von Duluth am Oberen See bis Belle Isle an der Labrador-Küste zieht eine 4000 km lange, durchaus schiffbare Linie von Flüssen und Seen an der Nordgrenze der V. St. hin. An Meereseinschnitten fehlt es nicht an der Ostküste, die dem Atlantischen Meere zu- gewandt ist. Es spricht sich das in der Länge der Grenzen aus, von denen drei Viertel Wassergrenzen sind, und der Küstenlänge, welche insgesammt 7064 km beträgt und von welcher auf die atlantische Küste 3036, auf die des Golfes von Mexico 2162 und auf die pacifische 1866 kommen. Die Ostküste Nord- Amerikas ist überhaupt die gegliedertste des ganzen Erdtheiles, der in Bezug auf Küsten- gliederung sonst hinter Europa und Asien weit zurücksteht. Einige der hervortretendsten Gliederungen dieser Küste fallen in das Ge- biet der V. St., nämlich von grösseren die Halbinseln Delaware und Florida und die Insel Long Island, von kleineren die zahllosen Einschnitte, Canäle, Halbinseln und Küsteninseln, welche der Fjord- Region von Maine angehören, dann der vorgestreckte schmale Halb- inselarm des Cape Cod und die in der Nähe gelegenen kleinen Inseln von Massachusetts, dann die Hudson-Mündung mit den Welt- stadtinseln Manhattan und Staten Island, die Delaware-Mündung, die Chesapeake Bay, die zahlreichen niedrigen Küsteninseln von Cap Hatteras südwärts und die Keys von Florida. An der Golfküste sind breite Flussmündungen wie die des Appalachicola, Mobile und vor allem des Mississippi R., dann die Lagunen zwischen Mississippi und Rio Grande zu nennen. Die Küste des Stillen Meeres hat im NW. Fjorde, Canäle und Küsteninseln von mächtigerer Entfaltung, als man sie an der atlantischen im NO. findet, reicht aber im
6 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
S. nur eben noch an den Anfang der Abgliederung der Halb- insel Californien und nicht ganz zum oberen Ende des cali- fornischen Meerbusens. Auf der langen Strecke zwischen dem 49. und 33. Grade ist nur die Bucht von S. Francisco als ein be- merkenswertherer Meereseinschnitt hervorzuheben. Von Inseln, an denen die gesammte Westküste des Erdtheiles südlich von Vancouvers Island arm ist, gehören zu den V. St. nur wenige kleine vul- kanische, welche der südcalifornischen Küste vorgelagert sind. Man kann also zusammenfassend sagen, dass die Zugänglichkeit der V. St., soweit sie von der Umrissgliederung abhängt, sehr bedeutend an der atlantischen, minder an der Golf- und gering an der pacifischen Küste ist.
Indessen ist die Bedeutung dieser grossen Gliederung für die Culturstellung eines Landes von geringerer Wichtigkeit, als sie es für die Culturentwickelung desselben ist^). Man hat mit Kecht die günstigen Folgen betont, welche die reiche Insel- und Halbinselbildung an der mittelmeerischen Seite Europas für die Entfaltung einer höheren Cultur unter den umwohnenden Völkern haben musste, welche durch dieselbe zu regerem Verkehr sich er- muntert und ermuthigt fühlten. Aber in einem Lande wie die V. St., welches von Völkern besiedelt wurde, die eine in materieller Be- ziehung eben so hohe Cultur wie die griechische von Anfang an mitbrachten, fällt diese grosse Gliederung nicht ins Gewicht. Die Spanier, Franzosen und Engländer, welche hier sich niederliessen, bedurften nicht der Aufforderung zur Schiffahrt, sie wären nicht
1) Es ist hier an den dauernden Charakter der Culturstelhmg gedacht und nicht an die vorübergehende und zwar schon jetzt stark im Vorübergehen be- findliche Erscheinungsform derselben, die man als oceanisch bezeichnet hat. Indem die Cultur in dieses weite Gebiet auf allen Seiten von der See her vor- drang, hat sie allerdings anfänglich einen mehr littoralen als continentalen Charakter gehabt. „Hier wie im Orient und in Rom haben die Wassermächte der Natur kolossale Schöpfungen zum Theil hervorgerufen, zum Theil be- günstigt. Dort waren es die grossen abgeschlossenen Stromthäler und ein .Mittelmeer, hier oceanische Berührungen . . . Die grosse Republik ist ein y oceanisches Fahrzeug ohne historischen Baiast." Ernst Kapp, Vergl. AUg. Erd- kunde 1868 S. 601.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 7
an diese Küsten gekommen, wenn sie nicht von vornlierein vollendete Seefahrer gewesen wären. Das Einzige, was sie brauchten, waren möglichst sichere Häfen, und die fanden sie, denn die atlantische oder Ostküste gehört zu den hafenreichsten, die man kennt, und zwar vorzüglich in ihrem nördlichsten Theil bis herunter zum Cap Hatteras. Portland, Boston und New York sind von Natur gross- artige Häfen, und so zahlreich sind die kleineren, dass an für den grossen Verkehr in Betracht kommenden Hafenplätzen die atlantische Küste 55, die des Golfes 11 und die pacifische 6 zählen. Mit den mehr von der Küstenschiffahrt und Fischerei benützten wird die Gesammtzahl auf mehr als 500 geschätzt.
Der grösste Hafenreichthum reicht so weit, als die Felsengrund- lage der nördlichen Alleghanies unmittelbar an das Meer herantritt. Als das südlichste von den in dieselbe gehöhlten Felsenbecken kann der Hafen von New York bezw. die Hudson-Mündung betrachtet werden. Südlich von hier wird durch immer stärkeres Hervor- treten des Flachlandes die Hafenbildung nur an jenen Punkten unter günstigen Bedingungen möglich, an denen grössere Flüsse in das Meer münden. Man findet daher die nennenswerthen Häfen dieser Region in den Flussmündungen, und es theilen dieselben mit den Flusshäfen die Schwierigkeiten, welche durch Veränderlichkeit des Wasserstandes, Schlamm- und Sandabsätze u. dergl. erzeugt werden. Philadelphia am Delaware, Baltimore am Potomac, Norfolk am James R., Charleston am Cooper und Ashley R., Savannah am gleichnamigen Fluss und Jacksonville am St. Johns R. sind die bedeutendsten unter ihnen. An der Golfküste hat man gleichfalls nur Fluss- und Lagunenhäfen, aber dieselben sind durch die grösseren Schlammabsätze, welche in diesen wie in allen mehr abgeschlossenen Meerestheilen statthaben, viel weniger sicher als die Flusshäfen der atlantischen Küste. New Orleans am Mississippi mit seiner durch beständig wechselnde Schlammbänke verbarrikadirten Ein- fahrt ist ein gutes Bild der Golfhäfen. Die ganze texanische Küste hat mit all ihren zahlreichen Flussmündungen und Lagunen keinen einzigen guten Hafen. Oestlich vom Mississippi gilt Pensacola für den besten von allen nordamerikanischen Golfhäfen. Die paci- tische Küste hat entsprechend ihrer vorwiegend felsigen Beschaffen-
8 L Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
heit einige treffliche Naturhäfen. In erster Linie die Bucht von S. Francisco, welche für diesen Theil der Küste der V. St. un- gefähr dasselbe bedeutet wie die von New York für den atlantischen. Es ist der grösste, beste und bestgelegene, von der Natur zum Sitz des Emporium bestimmte Hafen. Nördlich und südlich von hier gibt es noch eine ganze Anzahl von kleineren natürlichen Felsen- becken, welche vorzügliche Häfen darstellen. An der Oregon-Küste treten dieselben bei flacherem Charakter des Strandes zurück. Die Columbia-Mündung ist für grosse Seeschiffe unzugänglich. Dagegen bietet der vielzerklüftete Pudget Sound im äussersten Nordwesten genug günstige Oertlichkeiten für gute Häfen, denen zunächst nur die Bevölkerung und die Produktenmasse fehlt.
Da der wichtigste Verkehr, den die V. St. über See betreiben, nach Europa geht, so ist in der Gestalt der Küste, welche Europa zugewandt ist, von besonderer Bedeutung, dass dieselbe von SW. nach NO. stufenweise gegen unseren Erdtheil hin vorspringt. Der nördlichste Punkt der V. St. an dieser Küste liegt in Folge dessen 15 Längegrade näher gegen Europa zu als der südlichste, die Süd- spitze von Florida. Das macht einen Unterschied von gegen 800 km. Dementsprechend sind auch die Fahrzeiten der Dampfer, die zwischen Europa und den atlantischen Häfen der V. St. gehen, verschieden je nach der Lage der letzteren. Man fährt z. B. von Liverpool nach Portland Me. fast regelmässig einen Tag weniger als von Liverpool nach Philadelphia oder Baltimore. Indessen ist es nicht bloss die räumliche Annäherung an Europa, welche diesem Aus- laden der Küste nach NO. hin einen so bedeutenden Einfluss ver- leiht, sondern mehr noch die Thatsache, dass alle Schiffe, welche von Europa nach der Ostküste Nord- Amerikas fahren, sich je nach der Jahreszeit nördlich vom 46. bis 55. Breitegrad halten, um den Atlantischen Ocean in möglichst hoher Breite zu schneiden und erst bei der Annäherung an die Küste wieder einen südwestlicheren Curs einzuschlagen. Aus beiden Gründen liegen die nördlichen Häfen der atlantischen Küste der V. St. besser für den Verkehr mit Europa als die südlicheren und ist die atlantische Küste von Nord- Amerika überhaupt für diesen Verkehr vor allen anderen Theilen der Neuen Welt in hohem Grade begünstigt.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 9
An der pacifisclien Küste iiiramt der Strich von 16 Breitegraden, mit dem die V. St. sich dort hinlagern, aus anderen Gründen eine ebenfalls hervorragende Stellung ein. Er bezeichnet nämlich den culturfähigsten Abschnitt der ganzen pacifischen Küste von Nord-Amerika. Er liegt zwischen 33 und 49^ n. Br. Südlich davon macht die Regenarmuth der Passatregion bis zum Wendekreis des Krebses aus der Küste von Unter- Californien und Sonora eine Oede, die ^/lo ihrer Bevölkerung einbüssen würde, von dem Augen- blick an, dass ihre Bergwerke und Perlenfischereien unergiebig würden. Nördlich aber von der Grenze der V. St. sind am paci- fischen Ufer Britisli Columbia und Alaska unter den Einflüssen eines rauhen und gleichzeitig übermässig feuchten Klimas aller jener Vor- bedingungen eines ergiebigen Ackerbaues beraubt, welcher einer dichten Bevölkerung das Leben zu fristen vermöchte. Eingeschaltet in die Mitte zwischen diesen beiden Extremen' sind zwar die pacifischen Ufer- staaten Californien, Oregon und Washington Territory weit entfernt i^ davon, die Canaane zu sein, als welche sie von interessirter oder kurzsichtiger Seite dargestellt werden, aber sie heben sich immer- hin glänzend von ihren Nachbarn im Norden und Süden ab. Nur Californien, das in jeder Beziehung ergiebigste von ihnen, war im Stand, eine Weltstadt wie S. Francisco zu erzeugen und zu nähren. Aber auch aus socialen und politischen Gründen ist überhaupt im ganzen nördlichen Theil des Stillen Oceans eine ähnliche Ent- v^ Wickelung zum zweiten Mal nicht mehr möglich. Auf amerikanischer Seite vermögen die Hispano- Amerikaner, die von der Südgrenze Californiens ununterbrochen bis zum Cap Hoorn hinunter die Küsten innehaben, den Anglo-Amerikanern weder im Handel, noch im Acker- bau, noch in der Industrie, noch auf politischem Gebiet Concurrenz zu machen. Im Norden sind die Russen durch den Ankauf Alaskas von dieser Seite verdrängt; die Engländer aber haben in British Columbia und im Stikin-Territorium einen so wenig begünstigten Strich inne, dass ihre Bevölkerung in 100 Jahren trotz verschiedener Gold- Excitements nicht über 80000 gewachsen ist und noch immer bedeutende Bruchtheile an die V. St. abgibt.
Was die asiatische Seite anbetriff't, so sind Japan und China bis jetzt keine Mächte, welche ein Gegengewicht gegen diese auf-
10 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
strebende pacifische Macht zu bilden vermöchten, und wahrscheinlich werden sie dazu auch in den nächsten Jahrzehnten ebensowenig im Stande sein. Vor den europäischen Mächten aber, die Einfluss auf die ostasiatischen Angelegenheiten zu nehmen vermögen, England in erster Reihe, haben die V. St. ihre Nachbarschaft als Anwohner desselben Meeres voraus. Dieselbe ist zwar eine entfernte, aber der Seeweg von S. Francisco nach Yokohama ist um 30 Tage kürzer als der von London. Grund genug, um das Ueberwiegen des amerikanischen Einflusses in Japan begreiflich zu finden und um der hervorragenden Stellung, welche die Amerikaner in China ein- nehmen, eine Entwickelung zu noch viel bestimmenderem Einfluss zuzutrauen. Wenn am Atlantischen Ocean die V. St. als Handels- macht eine der ersten Rollen spielen, so sind sie am pacifischen viel mehr als das, nämlich die erste Cul türm acht und voraussichtlich unter allen den zahlreichen Uferstaaten dieses grossen Meeres der wirksamste politische Faktor. Aehnlich stehen auch an der Golf- küste die Nord-Amerikaner den Mexikanern, Mittel- Amerikanern und West-Indiern weit überlegen gegenüber. Der Strich, mit dem ihr Land an diesen Meerestheil grenzt, ist ausserdem schon dadurch, dass er die Mündung des grössten nordamerikanischen Stromes, des Mississippi, umschliesst, und dass das ganze Innere des Halbcontinentes überhaupt nach dieser Seite sich öfi'net, von überwiegender Be- deutung. Der Einfluss der V. St. auf die wirthschaftlichen und wohl auch die politischen Entwickelungen im Umkreis dieses Meeres- theiles wird nach der Natur dieser Lage immer ein bedeutender sein und ist als solcher seit dem Zuge nach Mexico (1848) deutlich zu erkennen. Dem Handel und Verkehr mit ausserhalb dieses Kreises gelegenen Ländern ist dagegen die eingeschlossene Lage dieses Golfes weniger günstig und die unmittelbar vom Inneren nach der atlan- tischen Küste führenden Eisenbahnlinien führen einen grossen Theil der Waaren, für welche der Mississippi die natürliche Strasse zu sein scheint, den atlantischen Häfen zu.
Die Sicherheit der Lage, welche bei der geographischen Betrachtung eines jeden europäischen Staates immer mit in erster Linie ins Auge gefasst werden muss, kann, für jetzt wenigstens, bei den V. St. nur Gegenstand einer nebensächlichen Erwähnung sein.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 11
Die Landgrenzen der V. St. sind 7860 km lang. Vom rein politischen Standpunkte aus sind es gute Grenzen mit Ausnahme weniger Strecken, weil sie grossentheils durch menschenleere Gegenden führen oder doch durch Gegenden, welche voraussichtlich niemals eine dichte Bevölkerung haben werden. Auch liegen nicht an diesen Landgrenzen die festen Plätze, von denen bei einem Angriff von aussen her am meisten zu fürchten wäre. Die V. St. würden nur zur See in gefährlicher Weise angegriffen werden können, und in dieser Beziehung ist es interessant, dass ein neuerer Bericht (für 1876/77) des Chief of Engineers über Küstenvertheidigung hervor- hebt, dass eine feindliche Flotte die Küste der V. St. von Halifax aus in 36, von Havana in 6 und von Victoria (Vancouver) in 69 Stunden zu erreichen vermöchte. Aber die Sicherheit der V. St. braucht nicht in schützenden Grenzen gesucht zu werden, sondern sie liegt in dem Uebergewicht ihrer Gebietsausdehnung, ihrer Be- völkerungszahl, der Intelligenz, Tüchtigkeit und Wohlhabenheit ihrer Bevölkerung. Durch diese besitzen sie ein moralisches Gewicht in Amerika, wie es in Europa keinem einzelnen Staate vor allen anderen zukommt. Die Grenzfrage ist von Wichtigkeit nur in der Richtung, dass von einer weiteren Ausdehnung der heutigen Grenzen eine Schädigung des inneren Zusammenhanges der V. St. befürchtet werden müsste. Das Machtübergewicht der V. St. gegenüber ihren Nachbarn ist geeignet, eine Neigung zu noch weiterer Aus- breitung zu begünstigen, und diese Neigung ist sowohl Canada als Mexico und Cuba gegenüber ohne Zweifel bei einem grossen, aber politisch nicht weitsichtigen Theile der Bevölkerung verbreitet. Es ist aber zu erwarten, dass die viel näherliegenden und ohne Zweifel immer brennender werdenden Fragen des inneren Zusammenhanges die Gefahr einer Hinausrückung der jetzigen im Ganzen so natür- lichen Grenzen zur Genüge erkennen lassen werden.
IL Auf die Frage nach den inneren politischen Wir- kungen, welche von Lage und Gestalt der V. St. ausgeübt wird, muss die Antwort immer schwer sein, solange nur ein verhältniss- mässig kleiner Theil des Landes diejenige Bevölkerungszahl aufweist, welche zu einer selbständigen politischen Existenz nothwendig ist. Einstweilen haben wir kein Recht anzunehmen, dass die V. St.,
12 I Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
dem Beispiel Alt-Europas folgend, notliwendig einmal in eine An- zahl von grösseren und kleineren selbständigen politischen' Exi- stenzen zerfallen müssten, die theilweise von der Bodengestaltung, den grossen Flussläufen, dem Klima und anderen natürlichen Fak- toren bestimmt würden ^). Die Neue Welt ist in so vielen Beziehungen mit Erfolg neuernd aufgetreten, dass vielleicht auch das vermeint- liche Gesetz der nothwendigen Zerfällung grosser Völker auf einer gewissen Stufe ihres Wachsthums von ihnen nicht erfüllt wird. Völker, deren Jugend in die Zeit des Verkehres mit Dampf und Elektricität fällt, geniessen jedenfalls eine einigendere Erziehung, als es die unserer europäischen Staatengründer sein konnte. Jeden- falls entsprangen die bisherigen Secessionsversuche nicht der Boden- gestaltung oder anderen Naturverhältnissen, sondern nur den Inter- essengegensätzen der verschiedenen Theile der Union, und gerade die tiefstgehende Spaltung, die innerhalb des Bundes je bestand, die zwischen Nord und Süd, war in keiner Weise geographisch begrün- det'). Es ist im Gegentheil ein bemerkenswerther Umstand, dass
1) Jener Zweig der Erdkunde, dem neuere Methodiker wie Marthe und Hermann Wagner die Aufgabe zuweisen, Choren oder geographische Provinzen der Erdoberfläche abzugrenzen, die Geosophie oder Chorosophie, dürfte gerade in dem Gebiete der V. St. eine besonders schwierige Aufgabe vorfinden. Oro- graphische und hydrographische Grenzen von genügender Schärfe gibt es liier wenig, sondernde Culturmomente sind nicht vorhanden, es bleiben nur die klima- tischen Unterschiede und die Grenzen der Pflanzen- und Thierverbreitung. Allem Anschein nach wird man über die sechs schon früher erkannten geo- graphischen Provinzen der beiden Waldgebiete (nord- und südatlantisches), der Prärien, der Steppen, der Steppengebirge und Californiens nicht hinauskommen. Die natürlichen Wirth Schaftsgebiete, die ich im Folgenden fs. u. S. 43) zu unter- scheiden versuche, schliessen sich im Allgemeinen an diese sechs Choren an. Beiden Sonderungen liegen offenbar dieselben klimatischen Momente in erster Reihe zu Grunde. Die Frage nach den inneren Naturgrenzen, die ich vorwiegend im Hinblick auf die Wirkungen der Naturumgebungen auf den Menschen und die möglichen Staats- oder selbst Völkerentwickelungen im Rahmen der heutigen V. St. aufwerfe, ist wieder eine andere, denn ein wohlumgrenztes politisches und Culturgebiet braucht nicht mit einer wohlbegründeten geographischen Provinz zusammenfallen; im Gegentheil hat es in den V. St. den Anschein, als werde es mehrere von den letzteren umfassen können.
2) „Bei all seiner Mannigfaltigkeit des Bodens und Klimas stellt einer poli- tischen Vereinigung das Land kein Hinderniss entgegen. In dem ganzen Ge- biete der alten Ansiedelungen, die von New Hampshire bis Georgia sich er-
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 13
Nord und Süd in Nord-Amerika viel mehr durch Uebergänge ver- mittelt sind als in Europa. Bei uns liegt nordisches und mittel- ländisches Klima, Culturgebiet u. s. f. scharf nebeneinander, dort hat man das breite Band der sog. nördlichen Südstaaten, wie Vir- ginien, Kentucky und Tennessee, die die Eigenschaften beider Theile in sich vereinigen. Auch die Alleghanies werden nie eine Natur- grenze auch nur von der Schärfe des Jura oder Apennin bilden. Das Mississippi-Becken ist kein bestimmt umgrenztes Naturgebict wie etwa das des Nil, sondern ein bereits nach allen Seiten hin offenes Tiefland, dessen Ränder so sanft nach den Gebirgen zu ansteigen, dass kaum eine Grenze gezogen werden kann. Dasselbe gilt von der Umgebung der Grossen Seen, welche besonders aus dem Gesichtspunkte der Verkehrsinteressen immer mehr als ein schwach abgegliederter Abschnitt des Mississippi-Tieflandes erscheinen werden. Die erste und eigentliche Naturgrenze findet man nicht eher, als bis man in der Nähe des 98. Längegrades die Steppen- region betritt, in welcher Dürre, Baumlosigkeit und extreme Temperaturvertheilung das entschiedenst gestempelte Naturgebiet Nord-Amerikas hervorbringen^). Die bis nahe an 5000m hohen
streckten und einerseits vom Meer, andererseits von der östlichen Gebirgskette begrenzt waren, gab es keine natürliche Grenze. Flüsse, die nordsüdlich fliessen, hat man für besonders wichtige Faktoren der Civilisation betrachtet, vielleicht weil sie Boden und Klima verischiedener Breiten vermitteln. Der Mississippi ist dazu gemacht, der grosse Handelsweg Eines Volkes zu werden und dessen Theile immer zusammenzuketten. Die anderen Flüsse wie Delaware, Susquehanna, Hudson, Connecticut erleichterten den Verkehr der alten Colonien, indem sie jeweils die Gebiete von einigen derselben bewässerten. Unsere Gebirge, die grossen wie die kleinen, erstrecken sich in nordsüdlichen Richtungen, keines aber in jener Richtung, die (man denke an Alpen, Pyrenäen, Balkan) die Macht zu haben scheint, eine unüberwindliche Grenzschranke zwischen Völkern zu bilden.« (Prof. H. Reed in 9 th. Ann. Rep. Smithson Inst. 1855, 170.)
1) Mit der Ausdehnung der Union über die Westhälfte des südlichen Nord- Amerika sind daher alle jene von der grossartigen Einfachheit der Gliederung der Osthälfte hergenommenen Bilder zu eng geworden, in denen man die grossen Züge dieser Gliederung zusammenzufassen liebte. (Vgl. Bd. I. 43.) Noch 1835 konnte M. Chevalier aus wirthschaftlichem Gesichtspunkte die V. St. mit einem zwei- lungigen Organismus vergleichen (Lettres II. 32), dessen Wirbelsäule die Alle- ghanies, dessen Haupteontouren Mississippi und Atlantischer Ocean und dessen Athemöffnungen New York und New Orleans seien. Heute könnte man sie nur noch etwa unter dem Bilde eines zusammengesetzten Organismus auffassen.
14 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwiekelung. ,4 "*
Gebirgszüge der Cordilleren , welche in der Breite von 15 Länge- graden dies ganze Gebiet von der Nord- bis zur Südgrenze durch- ziehen, bilden nur Oasen, aber keine Naturgrenzen. Vor wie hinter ihren schneegekrönten Mauern dehnt die Steppe sich aus und nur die Höhen zwischen 2500 und 3000m sind der Cultur zugänglich. Sie gehören mit hinein in die Steppenregion, deren traurige Lebens- bedingungen sie nur in den schmalen Bändern jenes Gürtels von 500m unterbrechen. Hervorhebung verdient es jedoch, dass der Flussreichthum der nordamerikanischen Steppen, der dieselben zu ihrem Vortheil unterscheidet von anderen Landschaften ähnlichen Charakters, auf diese Gebirge zurückzuführen ist. (Vgl. Bd. I. 9.) Erst westlich von der Westmauer der Cordilleren dehnt sich in Gestalt des zwischen Gebirge und Meer liegenden Landstreifens, den die Amerikaner ,^ Pacific Slope'-^, Pacifischer Abhang, nennen, ein drittes wohlumgrenztes und scharf charakterisirtes Naturgebiet aus, welches an weitgehender Individualisirung nicht seines Gleichen mehr in Nord-Amerika findet. Dies ist der einzige natürliche Ab- schnitt dieser Erdtheilhälfte , von dem man sagen kann, dass er einen bedeutenden absondernden und individualisirenden Einfluss auf seine Bewohner zu üben vermöchte, wenn anders diese einem solchen entgegenkommen möchten. Gegenwärtig, wo die Bevölke- rungszahl dieses zukunftreichen Gebietes noch nicht einmal auf 1 Mill. veranschlagt werden kann, kann natürlich davon noch nicht praktisch die Rede sein. Immerhin hat schon jetzt der Kern der pacifischen Gruppe, Californien, mehr von den übrigen Staaten Ab- weichendes aufzuweisen als irgend ein anderer Theil der Union ^). Auch die räumlicheEntlegenheit der verschiedenen Theile der Union ist als eine der Thatsachen aufgeführt worden, welche
1) Die Ursache davon liegt ausser im Klima vorzüglich in der Asien zu- gewandten Lage (chinesische Einwanderung, Verkehr mit Ostasien), in dem Gold- reichthum des Landes, der die Bewohner so sehr bereichert hat, dass S. Fran- cisco trotz ihrer Jugend als eine der reichsten Städte der Union gilt und nur allein hier das Gold nie vom Papiergeld verdrängt worden ist; in den Rest.en spanischer Bevölkerung; in der raschen Entwickelung des grossen Grundbesit^^es theilweis in Anlehnung an das spanische Haciendasystem ; in dem geringen Ein- fluss der neuengländischen Traditionen; in dem Weinreichthum des Landes. Kleinere sociale Eigenthümlichkeiteu sind daher bereits in grosser Zahl entwickelt.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 15
absondernd auf dieselbe wirken müsste. Allerdings ist gegenwärtig Washington mehr als 7 Tagreisen von S. Francisco und noch erheblich weiter von Oregon und den Territorien des Nordwestens entlegen. Aber diese excentrische Lage ist eine Abnormität, die kaum sehr lange Zeit noch sich halten dürfte. Eine grosse Stadt des Westens, vielleicht das so sehr günstig gelegene S. Louis, das fast gleichweit von der Nord- und Südgrenze und wenig mehr als um die Hälfte weiter von der West- als der Ostküste "entfernt ist, scheint diese wichtige Erbschaft antreten zu sollen. Uebrigens hat bis jetzt der Mangel eines Culturmittelpunktes, der zusammen- fiele mit dem politischen Mittelpunkt, jedenfalls in grösserem Masse mitgewirkt zu der Langsamkeit des engeren Zusammenschlusses der V. St. als die excentrische Lage von Washington. In der Politik der V. St. war die Bundeshauptstadt Washington der ideale Punkt, der gedacht und genannt wird, aber nicht ist. Wenn man diesen idealen Mittelpunkt einst durch einen materiellen wird ersetzen wollen, wird freilich eine mit der räumlichen Weite des Gebietes ebenfalls zusammenhängende Thatsache zu Schwierigkeiten führen, nämlich die Mehrzahl von Grossstädten, von denen einige mit der Zeit eine ziemlich gleichartige Stufe nach Bevölkerungszahl und allgemeiner Wichtigkeit erreichen dürften. Die V. St. besassen schon 1870 fünf Städte mit mehr als 250 000 Einwohnern, während Deutschland bei etwas grösserer Bevölkerungszahl deren nur zwei besass. Im Osten sind New York und Philadelphia, im Inneren Cin- cinnati, Chicago und S. Louis, am Stillen Meer S. Francisco entweder bereits so gross oder doch von so gewaltigem und regelmässigem Wachsthum, dass man sie allesammt als Weltstädte und als würdige Hauptstädte der V. St. bezeichnen könnte. Auch rivalisiren sie bereits in der lebhaftesten Weise im Hinblick auf die hohe Stellung, die sie einst einnehmen könnten. Aber noch immer hat New York die Führung, die es schon zu jener Zeit erwarb, da die Bevölkerung noch fast ganz auf den atlantischen Saum zusammengedrängt wohnte, und es ist noch nicht abzusehen, welche von den Grossstäden des Inneren ihr Erbe einst antreten werden. Einstweilen ist aber weder in dieser noch in irgend einer anderen Richtung die Weite des Gebietes hemmend der einheitlichen Entwickelung der V. St. entgegen-
16 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
getreten. Es ist optimistisch, wenn ein geistvoller Amerikaner ^) sagt, dass die Erfindung der Eisenbahnen England auf ein Drittel seiner Grösse verkleinert habe, indem dieselben die Menschen einander um so viel näher bringen, während in den V. St., deren Tage schon gezählt schienen, in Folge der Schwierigkeiten, Volksvertreter, Richter, Officiere über so weite Strecken weg zu befördern, durch dieselben die zerstreute Bevölkerung in ein einziges Netz zusammengewoben und beständig einander assimilirt werde, so dass keine Gefahr mehr bestehe, dass örtliche Besonderheiten und Gegensätze sich erhalten. Aber es ist jedenfalls so viel daran wahr, dass es nicht richtig ist, bei einer noch so jungen und beweglichen, im vollen Bewusstsein ihrer Kraft stehenden, im Anstreben grosser materieller Ziele absorbirten Bevölkerung dieselbe Bildsamkeit gegenüber dem Einfluss der Natur des Landes vorauszusetzen, die bei älteren, passiver gewordenen Völkern gefunden wird. Es dürfte im Gegen- theil kein Volk der Erde eine solche Energie in der Ueberwindung und Dienstbarmachung der Natur seines Landes aufzuweisen ver- mögen wie eben das nordamerikanische ^). Gerade dies ist viel- mehr einer seiner hervortretendsten Char akter züge.
in. Dieses Ueberwinden und Dienstbarmachen hat freilich seine Grenze. Es gibt Naturbedingungen, denen gegenüber der Mensch nahezu ohnmächtig ist, und zu ihnen gehört in erster Linie das
1) Ralph W. Emerson in seinem Vortrag j,The Young American" (Works. Bohn Ed. II. 293).
2) In einer früheren Zeit, wo die übrigen Naturverhältnisse des Landes, vorzüglich der Bodenreichthum , durch Dünne der Bevölkerung und Mangel an Verkehrswegen und Verkehrsanregungen an der energischen Entfaltung ihrer Wirkungen verhindert waren, kam freilich der geographischen Lage eine viel grössere Bedeutung zu. „Die Solidarität der Interessen, sagt Von Holst, und — was zur Zeit von noch grösserem Belang war — die klare Erkenntniss, dass eine Solidarität der Interessen obwalte, beruhte daher vorwiegend auf der geo- graphischen Lage der Colonien. Durch den Ocean nicht nur von dem Mutter- lande, sondern von der ganzen alten Culturwelt getrennt, und auf einen Con- tinent mit noch ungemessenen Grenzen gestellt, den die Natur in jeder Be- ziehung auf das verschwenderischste ausgestattet, musste ihnen der Gedanke frühe nahetreten, dass sie berufen seien, hier in der That eine Neue Welt zu schaffen." Verfassung und Demokratie der V. St. 1873 I. 3.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 17
Klima. Seine Wirkungen sind wahrscheinlich in dem Gebiete, das wir betrachten, einschneidender als in vielen anderen. Mittel- bar hat es den grössten Einfluss auf das Leben des Menschen durch die Abhängigkeit, in der ihm gegenüber eine ganze Reihe von Er- werbsthätigkeiten stehen, in erster Linie Ackerbau, Viehzucht, Forstwirth Schaft und in manchen Beziehungen auch der Ver- kehr. Hinsichtlich der Abhängigkeit jener drei innig mit einander verbundenen Wirthschaftszweige vom Klima sei aber hier nur das Allgemeinste hervorgehoben, da dieser wichtige Punkt theils schon im 1 . Bande dieses Werkes berührt ist (vorz. S. 365), theils im Fol- genden noch öfters auf ihn zurückzukommen sein wird. Das Gebiet der V. St. kann nach der Abhängigkeit des Pflanzenwuchses vom Klima in zwei Hauptabschnitte getheilt werden : In einen östlichen, der vom Atlantischen Ocean und dem Golf von Mexico bis zur Nordgrenze und im Inneren sich bis zu einer Linie erstreckt, welche im Allgemeinen mit dem 98. — 100. Längegrad zusammenfällt^). Oest- lich dieser Grenze sind die Niederschläge reichlich genug, um das Wachsthum der Culturgewächse und Waldbäume so weit zu fördern, dass der Ackerbau ohne künstliche Bewässerung möglich wird und ein Baumwuchs sich entwickelt, welcher, wenn auch nicht überall dichte Wälder, so doch ausgedehnte Haine zu bilden vermag ; west- lich davon ist, mit Ausnahme kleinerer Gebiete, unter denen die ans Meer grenzenden Theile 'von Oregon und Washington Terr. die hervorragendsten sind, der Wassermangel so gross, dass der Ackerbau ohne Anwendung künstlicher Bewässerung nicht möglich ist und ein Waldwuchs sich nur in unmittelbarster Nähe der Ge- wässer in schmalen Streifen oder auf den Bergen jenseits 2000 bis 2500 m entwickelt. Den grossen Unterschied zwischen den beiden Hälften bewirkt die Verschiedenheit der Niederschlagsmengen, doch kommt hinzu, dass der niederschlagsarme Westen ausserdem auch durch seine bedeutende Gesammterhebung und seine vorwaltend gebirgige oder hochebenenhafte Bodengestaltung dem Ackerbau weniger günstige Bedingungen bietet als der mildere Osten. Grosse Ausnahmen hievon bilden nur Californien und Oregon. Aber im
1) S. die Angabe dieser Linie auf der Karte der Vegetationsgrenzen. (Tafel I.
Ratze l, Amerika n. 2
18 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickehmg.
Allgemeinen kann man sagen, dass das Klima des Ostens der Union dem Ackerbau und Waldwuclis und mittelbar damit auch der Viehzucht entweder günstig oder wenigstens nicht hinderlich sei, während der Westen durch sein Klima für dieselben grösstentheils unmöglich wird. Neben den Niederschlägen ist die Wärme natür- lich auch hier ein hochwichtiger Faktor des Ackerbaues. Sie lässt im Süden den Anbau subtropischer Handelsgewächse, wie der Baumwolle; des Zuckerrohres und des Reises zu und als die Nord- grenze dieser Culturen kann im Allgemeinen eine Linie bezeichnet werden, welche die Mündung des James R. mit der des Ohio und des Pecos verbindet. Nördlich von derselben liegt das Gebiet des Getreidebaues und überhaupt derjenigen Culturen, welche mit denen der mittel- und nordeuropäischen Getreideländer überein- stimmen. Man kann auch hier wieder eine südliche und nördliche Zone unterscheiden, aber die letztere ist von geringer Ausdehnung. In der ersteren ist Mais, in dieser Weizen das Hauptgetreide. Die Gegend des intensivsten und ergiebigsten Ackerbaues liegt dort, wo das mittlere Mississippi-Gebiet nahe an das Gebiet der Grossen Seen herantritt. Illinois, Ohio, Indiana, Minnesota, Wisconsin, Iowa, Missouri nebst Stücken von Kansas und Nebraska, zusammen ein Gebiet von 20000 g. Q.M., bilden dort die Getreidekammern Nord- Amerikas, die alljährlich wachsende Mengen ihrer Erzeugnisse an das Ausland abzugeben vermag. Hier vereinigen sich offenbar alle Bedingungen eines sehr ertragreichen Ackerbaues: Fruchtbarer Boden, mehr als hinreichende Sommerwärme, massige aber gut vertheilte Niederschläge, ziemlich gleichmässiger Verlauf der Witte- rungserscheinungen. — In klimatischer Beziehung ist der Osten der V. St. in grosser Ausdehnung ähnlich beschaffen wie Europa. Demnach gedeihen hier auch so ziemlich alle Culturgewächse unseres Erdtheils, wenn auch manche Eigenschaften derselben sich durch Anpassung verändert haben. Die ackerbauliche Produktion trägt deshalb in beiden Gebieten im Grossen und Ganzen denselben Charakter, mit der einzigen Ausnahme, dass in den V. St. der Mais in viel nördlicheren Produktionsgebieten als bei uns noch die Hauptfrucht bildet. Unter den bedeutenderen europäischen Cultur- gewächsQn ist dort bis jetzt nur die Rebe nicht mit vollem Erfolge
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 19
einzubürgern gewesen. Unter diesen Verhältnissen hat die Frage, ob Nord-Amerika ursprünglich von der Natur hinreichend günstig mit Culturgewächsen und Hausthieren ausgestattet gewesen sei, keine praktische Bedeutung mehr. (Vgl. u. S. 22 f.) Ganz eigen ist der klimatische Charakter des Südens, wo die Wärme unserer Mittel- meerländer verbunden ist mit Niederschlagsmengen, die bereits an tropische Verhältnisse erinnern und in der That auch eine tropisch- üppige Vegetation erzeugen. Die Küstenländer der südatlantischen und Golfstaaten und das mit ihnen zusammenhängende untere Mississippi-Tiefland gehören zweifellos zu den fruchtbarsten Gegenden der Erde. — Es wird im Verfolg unserer Betrachtungen auch ein Ein- fluss des Klimas auf den Verkehr einerseits durch verschiedenen Wasserreichthum der Flüsse und Canäle, andererseits durch Zu- frieren derselben und der Seehäfen festzustellen sein, und das scharfe Hervortreten des Winters in den nördlichen und mittleren Staaten wird als eine in dieser Beziehung ungünstige Folge des zu Extremen neigenden Klimas der V. St. zu erkennen sein.
Was die unmittelbaren Wirkungen des Klimas in diesem Gebiete auf den Menschen anbetrifft, so scheinen die Physiologen, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, nicht zu zweifeln, dass ein grosser und vielleicht ein Haup tantheil an der eigenthümlich raschen Umbildung, welche die Menschen kaukasischer Rasse in ^ Nord-Amerika erfahren, dem Klima zuzuschreiben sei. Diese Um- bildung geht sehr weit, doch ist es übertrieben, wenn man von der herannahenden Bildung einer neuen Menschenrasse der weissen Nord-Amerikaner spricht. Welcher Eigenthümlichkeit des Klimas die Abänderungen des Nord - Amerikaners in Körperbau zuzu- schreiben sind, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Man macht gewöhnlich die starke Veränderlichkeit der Witterung und die, trotz reicher Niederschläge, grosse Trockenheit der Luft da- für verantwortlich. Die letztere ändert wenigstens manche Lebens- bedingungen in auffallender Weise. Ich erinnere an das rasche Aus- trocknen der neugebauten Häuser der Lebensmittel, des Heues u. s. f. ; aber es wäre sehr grob aufgefasst, wenn man die körperlichen Eigen- thümlichkeiten der weissen Nord-Amerikaner auf Austrocknung zurückführen wollte. Ob die Trockenheit der Luft einen Reiz auf
2*
20 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
die Nerven ausübe, wie oft behauptet wird, welcher das nervöse, rastlose Temperament vorzüglich der Neu - Engländer verursache, muss ebenfalls dahingestellt bleiben. Thatsächlich ist der Einfluss ein sehr grosser und macht sich so deutlich bemerkbar, dass man z. B. in ein und derselben Familie die in Europa und in Nord-
\/Amerika geborenen Kinder leicht von einander unterscheiden kann. Die letzteren sind immer zu schmalem und schlankem Körperbau, zu feinerer Gesichtsbildung, hellerem Blick, lebhaftem Gesichtsaus- druck und allgemein grösserer Aufgewecktheit geneigt. Es würde von hohem Interesse sein, zu wissen, ob an der geringeren Frucht- barkeit, die bei den in Amerika geborenen weissen Frauen con- statirt ist, dieselben Einflüsse schuld sind. Jedenfalls ist die weisse
^Nord-Amerikanerin schon im Aeusseren zarter und erfahrungsgemäss minder wiederstandsfähig als ihre europäische Schwester.
Mit grösserer Sicherheit sind die durch Klima-Eigenthümlich- keiten hervorgerufenen krankmachenden Einflüsse nachzuweisen. In dieser Richtung ist eine der ausgeprägtesten Erscheinungen das
/gelbe Fieber, welches, allgemein gesprochen, auf die Baumwoll- staaten beschränkt ist und nur sporadisch über dieselben hinaus- geht, wobei indessen der 40. Breitegrad nicht überschritten wird.
^Die Abhängigkeit der Verbreitung der Schwindsucht von der vor- waltenden Feuchtigkeit lässt gleichfalls eine unmittelbare Beziehung zwischen Klima und Lebensbedingungen wahrnehmen. Höher ge- legene Theile der Prärieregion von Minnesota und Iowa westwärts gehören zu den von dieser Krankheit freiesten Gebieten der Erde, und manche Punkte dort sind schon zu klimatischen Kurorten ge- worden. Dagegen gehören Neu-England, die Mittelstaaten und das Mississippi-Tiefland zu den schwindsuchtreichsten Gegenden der Erde. Die auf Neuland und besonders im Inneren ungemein
N^ häufigen Fieber sind jedenfalls nicht durch das Klima, sondern durch Lage und Bodenbeschaffenheit des betreffenden Ortes, bezw. durch störende Eingriffe in die letztere, verursacht. Ihre Zahl und Heftigkeit vermindert sich mit zunehmender Cultur des Bodens^).
1) Die scharfen N.- und NW.-Winde, welche dem Klima der V. St. bis zur Golfküste hinab eigen sind, sind von anerkannt günstiger Wirkung auf die
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 21
Früher wurde das fieberreiche Klima des Südens auch für die Sklaverei verantwortlich gemacht. Man behauptete nämlich, dass wegen des Klimas für die weissen Arbeiter die Landarbeit in den Süd- staaten ungesund sei. Es gilt dies in der That von den Reis- und einem Theil der Zuckerrohrpflanzungen. Aber ^/lo alles Baum- wollenlandes ist gesunder, trockener Boden und von der Mehrzahl der Maispflanzungen gilt dasselbe. Früher nahm man an, dass % der Baumwolle von Weissen erzeugt werde. Es war dies vor der Aufhebung der Sklaverei. Seitdem hat sich dieses Verhältniss stark geändert. In Texas und Arkansas wird die von Weissen erzeugte Baumwolle zu 62 bezw. 60 X geschätzt, und in den übrigen Baum- wollenstaaten beträgt sie 23 — 417o der Gesammterzeugung^). Weisse Arbeit ist überall im Fortschreiten und dürfte gegenwärtig in keinem Zweige des südlichen Ackerbaues mit weniger als V* an der Ge- sammterzeugung sich betheiligen.
Dass innerhalb der V. St. selbst genug äussere Bedingungen vorhanden sind, um mit der Zeit bestimmte Bevölkerungstypen in landschaftlicher Begrenztheit zu erzeugen, unterliegt keinem Zweifel. Norden, Süden und pacifisches Gebiet sind in dieser Hin- sicht ganz sicher prädestinirt, denn sie haben nicht bloss die ver- schiedensten Lebens- und Wirkensbedingungen, sondern auch die Anlage zu weit auseinandergehenden Völkermischungen. Der Nor- den ist am germanischsten, vorwiegend englisch, der Süden mit romanischem Blut gemischt und von einer gewaltigen Menge von Negern durchsetzt, der pacifische Westen umschliesst die Reste der früheren spanischen Herren und ihre Mischlinge, daneben die meisten Indianer und Chinesen, während die eingewanderten Weissen weniger englisch, mehr mit deutschem und irischem Blute versetzt sind als in irgend einem anderen Theile der Union. Was den Unterschied zwischen Nord- und Südländern betrifft, so hat dieser bereits Zeit
Gesundheitsverhältnisse in den Fieberregionen. Die berühmte Gesundheit des NW. wird den dort vorherrschenden Präriewinden zugeschrieben, und im Süden sollen die Fälle nicht selten sein, in denen der Norte das gelbe Fieber vertrieb. Lyell (Second Visit II. 87) führt solche Fälle an, die übrigens auch in Texas und Mexico bekannt sind.
1) Schätzung in Cotton Investigation. Rep. Dep. of Agric. 1876. 136. ^
22 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
gehabt, sich zur Geltung zu bringen, und er ist als hinreichend scharf ausgeprägt anerkannt^).
IV. Die nutzbaren Pflanzen und Thiere. Während die Länder der Alten Welt und vor allen Europa, das den Vortheil seiner Lage am gründUchsten ausgenützt, ihre Culturpflanzen und Hausthiere aus drei
1) „Im N. theilt der Wechsel von Winter und Sommer dem Leben der Menschen seine gesonderten und verschiedenen Pflichten zu. Der Sommer ist die Zeit der Arbeit im Freien, der Winter wird in den Häusern zugebracht. Im S. kann die Arbeit ohne Unterbrechung fortgehen, wenn sie schon ver- schieden ist. Der Bewohner des N. muss heute vollbringen, was der des S. bis morgen aufschieben kann. Aus diesem Grunde muss der N. arbeitsam sein, während der S. träger sein darf und weniger Neigung zur Vorsicht und zu geregelten Gewohnheiten haben kann. Die Kälte, welche eine zeitweise Unter- brechung der Arbeit mit sich bringt, gibt damit auch die Gelegenheit zum Nach- denken, und darum gewöhnt sich der Nordländer, nicht ohne Ueberlegung zu handeln und ist langsamer in seinem Beginnen und seinen Bewegungen. Der Südländer ist geneigt ohne Ueberlegung zu handeln und erwägt nie die letzte Folge von dem, was er zu thun im Begriff ist. Der Eine ist vorsichtig, der Andere impulsiv. Der Winter mit seinem Mangel an Freude und Behag-
ylichkeit wird dem Nordländer zum grössten Segen, denn er lehrt ihn, sich an den häuslichen Herd und seine Familie anschliessen. In Kriegszeiten zwar er- weist dieser Segen sich als seine Schwäche, er ist besiegt, wenn seine Wohn- stätte genommen wird. Der Südländer fragt nichts danach. Abgeschnitten von den Anregungen der Natur während einer so langen Zeit des Jahres, wird das Gemüth im N. mit sich selbst mehr beschäftigt; es begnügt sich mit nur wenigen Ideen, die es von den verschiedensten Gesichtspunkten betrachtet. Es ist fähig, sich innig an etwas zu heften und es mit der fanatischsten Aus- dauer zu verfolgen. Ein südliches Volk, das beständig unter den Einflüssen des freien Himmels lebt, welches beständig den verschiedensten Gedanken zu- gänglich, wird sich in einem Ueberfluss von Ideen gehen lassen und sie alle
^ oberflächhch behandeln; mehr flüchtig als nachdenkend, wird es nie beständige Liebe zu einer festen Einrichtung fassen. Ist der Nordländer einmal entschlossen zu handeln, so wird ein Entschluss, der nur auf die Vernunft gegründet ist, die Begeisterung des Südländers überdauern. Im physischen Muth sind sich Beide gleich, aber der Nordländer wird überlegen sein durch das Gewohntsein an Arbeit und Methode und seine unerschöpfliche Ausdauer. Um den unter Dach lebenden Menschen zu überzeugen, muss man an seinen Verstand appelliren ; um dasselbe bei dem zu bewirken, der unter freiem Himmel lebt, muss man sich an seine Gefühle wenden." (J. W. Draper, Hist. of the American Civil War. 1867
V I. 100.) Diese Schilderung bezieht sich auf die vorwiegend durch klimatische Einflüsse erzeugten Verschiedenheiten und könnte auch auf andere Völker in ähnlicher Lage Anwendung finden. Es kommen aber auch Unterschiede der Blutmischung und der geschichtlichen Entwickelung hinzu, welche sich in den Gegensätzen des YanTcee und des Virginian zuspitzen. Auf diese werden wir erst später zurückkommen können.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 23
Erdtheilen nehmen konnten, deren Flächenraum ^U alles Landes auf der Erdoberfläche in sich fasst, ist Amerika in dieser Beziehung auf sich allein angewiesen bis zu der Zeit, wo es durch die Europäer in Ver- bindung trat mit der übrigen , der Alten "Welt. Es ist also nicht er- staunlich, wenn die Zahl derjenigen Pflanzen und Thiere, die der Mensch zu dauerndem Nutzen sich aneignete, vergleichsweise gering ist. Doch darf dabei allerdings nicht vergessen werden, dass Amerika nicht der Schauplatz der Entwickelung grosser Culturvölker war, wie die Alte Welt, und dass in Folge dessen der Antrieb zur Züchtung von Pflanzen und Thieren hier geringer sein musste. Es ist voreilig, zu behaupten, dass Amerika in jeder Hinsicht ungünstiger für die Erziehung des Menschen zur Cultur ausgestattet gewesen sei als die Alte Welt, denn der amerikanische Mensch hatte vor der Berührung mit den Europäern nicht Zeit gehabt, alle Schätze der Natur zu heben, die ihn umgab. In Bezug auf das Pflanzenreich ist diese Behauptung nicht richtig für die Mehl- und Knollen- früchte, die Gewürze und Genussmittel und die holzgebenden Waldbäume, in Bezug auf das Thierreich kann sie für das Geflügel nicht mit vollem Rechte ausgesprochen werden.
Buö'on erregte im vorigen Jahrhundert einen heftigen Streit durch seine Behauptung, dass alles organische Leben in der Neuen Welt weniger entwickelt sei als in der Alten, wobei er als Gründe die Artarmuth der ersteren, die Kleinheit ihrer Thierformen und die Entartung der Haus- thiere anführte. Die Schriften über Amerika aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sind angefüllt mit Wiederlegungen dieser Behauptung. Am ausführlichsten haben Clavigero und Winterbotham darüber sich aus- gelassen. Letzterer gibt in Bd..I seiner „View of the American U. S." (1795) sogar eine Reihe von Tabellen, in denen die Gewichte von über 100 amerikanischen und europäischen Thieren vergleichend neben einander gestellt sind!
0. Peschel stellt in seiner Völkerkunde •) folgende Vergleichsliste alt- und neuweltlicher Culturpflanzen auf:
Alte Welt. Neue Welt.
Mehl- und Hülsenfrüchte. Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, Mandiokka, Kartoffel, Cheno-
Hirse , Negerhirse , Buchweizen, Kafirkorn, Reis, Linsen, Erbsen, Wicken, Bohnen, Igname.
Obstsorten der gemässigten Zone,
podium Quinoa, Batate, Mezquite, Igname (?).
Rebstock, Aepfel, Birnen, Pflau- men, Kirschen, Aprikosen, Pfirsiche, Orangenarten, Feigen, Datteln.
Catawbatraube.
^'
1) Dritte Auflage 1876. 439.
24 I. Die natürlichen Bedingungen der Ciilturentwickelung.
Pflanzen mit Faserstoff. V Baumwolle, Flachs, Hanf, Maul- beerbaum mit dem Seidenwurm.
Gewürze. Pfeffer, Ingwer, Zimmt, Muscat- 1 Vanille, Spanischer Pfeffer (Cap- nuss, Gewürznelken, Zuckerrohr. | sicum annuum).
Narkotische Genussmittel.
Thee, Kaffee, Mohn (Opium), Hanf (Hadschisch).
Paraguay-Thee , Cacao , Tabak, Coca.
Aber wenn wir bei den Pflanzen stehen bleiben, so unterliegt es gar keinem Zweifel, dass für den Nutzen des Menschen mit der Zeit noch manche wildwachsende Erzeugnisse des Pflanzenreiches Verwerthung finden können, welche gegenwärtig nur in geringem Masse benutzt werden, und es wird sich leicht zeigen lassen, dass die Peschel'sche Aufzählung Amerika zu karg bedenkt. Die Wurzeln von Lewisia rcdiviva, Apios tuberosa, Lupinus littoralis, mehrere Oenothera-Arten werden von den Indianern und den ihnen nachahmenden Waldläufern gegessen. Die erstere soll getrocknet wie Salep zu geniessen sein und eine besonders grosse Nahr- haftigkeit besitzen. Ausser dem Wasserreis*) sind von Körnern besonders die Samen des Lupinus biennis gegessen worden. Als Salat und Gemüse werden die Blätter von verschiedenen Arten Leontodon, von Chenopodien, Phytolacca decandria und Caltha palustris gegessen. Die erfrischende Frucht von Podophyllum callicarpum (Mandrake, wilde Citrone) wird ge- gessen. Die von Diospyros virginiana (Persimon) gilt für vortrefflich. Der Damascenerpflaume gleicht die Icacopflaume von Chrysobalanus icaco. Der wildwachsende Pawpaw oder Melonenbaum (Papaya vulgaris) liefert melonenartige Früchte, die man eingemacht isst. Wilde Pflaumen- und Kirschenarten sind in mehrfacher Zahl verbreitet. Die Früchte des wilden Apfelbaumes sind nicht geniessbar, aber Pyrus coronaria (Grab -Apple)
1) Der Wasserreis, Zizania aquatica L. (Pshu bei den Sioux, Manomin bei den Chippeways) ist im N. der V. St. überall nicht selten, erreicht aber besonders im NW. eine ökonomische Wichtigkeit, die hinter keiner der übrigen wildwachsenden Pflanzen zurücksteht. Er bietet das einzige Beispiel eines ein- heimischen Getreides, das in einer Menge wächst, die genügend ist, den Bedarf der gewöhnlichen Verzehrung zu decken. Er ist besonders häufig in den see- artigen Ausbreitungen der Flüsse des oberen Mississippi- und des Seengebietes und zwar in den unteren Abschnitten derselben, wo er Ueberschwemmung in hinreichendem Masse, daneben schlammigen, lockeren Schwemmboden findet. Selten findet er sich in den abflusslosen Seen. Als Speise wird er sogar dem ächten Reis vorgezogen. Man erntet ihn im September, indem man mit niederen Booten durch das Röhricht eines Beissees fährt und die Aehren in das Boot ausklopft. — Der Indianeragent von Leech Lake Minn. gibt für 1876/77 die Menge des von seinen Indianern gesammelten wilden Reises auf 35000 Pfd. an.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 25
trägt sehr wohlschmeckende Früchte. Dagegen gibt es zwei Kastanien- arten, deren Früchte genossen werden: Castanea americana in den mittleren und C. pumila (Chinquapin) in den Südstaaten. Im N. tragen zwei Haselnuss-Arten (Corylus), im S. einige Hamamelis- Arten (Witch- Hazel) essbare Nüsse. Süsse Eicheln werden von Quercus castanea (bis 43" vorkommend) und alba und von der Lebenseiche geerntet. Die Nüsse von Juglans nigra, cinerea (Butter-Nuss) und fraxinifolia, von Carya olivae- formis (Pekan-Nuss) und andere Hikory-Arten vertreten unsere Walnüsse, haben aber dickere Schalen und minder ausgiebige Kerne. Eine essbare Nuss trägt auch Hamiltonia oleifera. Der Palmetto (Chamaerops Palmetto) liefert in seinen Blattknospen einen Palmkohl. Die Blätter von Agave americana sollen abgekocht ein schmackhaftes Gericht geben. Im SW. werden die Früchte einiger Cactusarten, vorzüglich von Opuntien (Tunas) und vom Riesencactus oder Saguarro (Cereus giganteus) gegessen. Eben- dort spielen die ölig-harzigen Fruchtkerne einiger Föhren, Pinons(Pinus edulis und monophylla) als Nahrungsmittel bei den Indianern eine Rolle. Unter den essbaren Pilzen , deren Zahl sehr gross ist *) , ist die sog. Indianische Kartoffel oder das Indianerbrot oder Tuckahoe (Lycoperdon solidum), ein bis zu 30 Pfd. schwer werdender Pilz, hervorzuheben, der in den Südstaaten wächst und oft die einzige Nahrung der entflohenen Sklaven gebildet haben soll. Die meisten in Mittel-Europa vorhandenen essbaren Beeren sind auch in Nord- Amerika und oft in mehrfacher Zahl vertreten. Endlich sind die Weinreben nicht zu vergessen, von denen verschiedene Arten in den V. St. wild wachsen^). Darunter sind sehr fruchtreiche und wohlschmeckende Arten, welche theilweise bereits in erheblicher Ausdehnung angebaut werden.
Als ein für den Haushalt der Landbevölkerung im N. wichtiges Er- zeugniss wildwachsender Pflanzen werden wir den Ahorn-Zucker noch
1) Schwämme werden in den V, St. bis jetzt wenig gesammelt und ver- zehrt, es scheint sogar, dass die Indianer die Essbarkeit von einer grossen An- zahl derselben nicht kannten, und doch sind essbare Schwämme in (fer Wald- region des 0. sehr häufig. Im Staat New York sammelte Prof. Peck allein 80 verschiedene Arten. Dr. Curtis zählt (im Rep. Agr. Dep. 1876 S. 79) allein aus N. Carolina 108 essbare Schwämme auf.
2) Selbst in den Steppen des oberen Red. R.-Gebiets findet man zahlreiche wilde Reben, die im Flugsande halb vergraben, aber vielleicht gerade durch diese wärmebergende Sandhülle um so fruchtreicher sind. Sie bedecken Hunderte von Acres, die wie Weinfelder erscheinen. Long beschreibt sie als „so mit Früchten beladen, dass jeder Theil des Stammes verhüllt ist" und die Früchte „unvergleichlich feiner als irgend eine andere einheimische oder fremde Traube". Acc. of an Exp. to the Rocky Mts. 1823. H. 126. Man hat in den V. St. vorgeschlagen, diese Sandumhüllung künstlich zur Beförderung der Reife der Trauben zu bewerkstelligen.
26 I. Die natürlichen Bedingungen der Ciüturentwickelung.
kennen zu lernen haben, welcher aus Acer saccharinura gewonnen wird. Die californischen Indianer benützen unter dem Namen Panoche einen Zucker, der durch Blattläuse an Schilfblättern erzeugt wird, also ein mannaartiges Gebilde. Ferner den mehr nach Harz als Zucker schmeckenden, aber immerhin süsslichen Ausfluss aus der Zuckerföhre (Pinus Lambertiana), welcher äusserlich ganz mannaartig ist und auch von den in der Sierra lebenden Weissen nicht ungern genossen wird.
Auch der ferne W. ist trotz seiner Steppennatur nicht arm an essbaren Früchten. Von wildwachsenden Früchten in der Felsengebirgs-Region und dem Grossen Becken werden hervorgehoben die verschiedenen Arten von Pflaumen (besonders Prunus chicasa), vier Arten von Kirschen (die niedrige buschige Cerasus prostrata trägt vortreffliche Früchte), Himbeeren und Brombeeren (Rubus deliciosus und triflorus) und Johannis- und Stachelbeeren (R. aureum und floridum). In Neu-Mexico und W. Texas kommen zwei Maulbeerbäume (Morus rubra und M. nigra) und mehrere Weinreben vor.
Einige Ericaceen liefern in ihren Blättern einen Thee, der bei den Yoyageurs und Waldläufern des NW. sehr beliebt ist. So GauUheria procumhens (Wintergrün), Ardostapliylus Uva Ural (Bärentraube), Lcäum latifoUum (Marschthee genannt). Diese Leute haben überhaupt gezeigt, wie man die Gaben der Natur ausnützen kann. Sie haben eine Menge Dinge gegessen oder sonst benützt, an denen der culturbeflissene Mensch achtlos vorübergeht. So erzählt z. B. Prinz von Wied (Reisen in das Innere von Nord-Amerika 1838.471): „Zur Erfrischung brachten die Canadier eine Menge des Pappelsplintes mit, welchen sie La Sevre nennen, sehr gerne abschaben und aussaugen. Der Saft desselben hat einen angenehm süsslichen Geschmack, etwa wie Wassermelonen, und ist höchst erfrischend." Uebrigens hat sich auch bei Gelegenheit des Bürgerkrieges, als die Südstaaten von der übrigen Welt fast abgeschnitten waren, gezeigt, welche Schätze in dieser reichen Natur zu heben waren. Ein Charlestoner Arzt, Dr. Porcher, v/gab damals ein Buch heraus, in welchem alle nutzbaren Pflanzen des S. aufgezählt sind. Wenn auch derartige Werke in der Regel reich an UebertrÄbungen und unpraktischen Vorschlägen", so ist 'doch bemerkens- werth, dass 14 Kaffee- und mehr als 20 Theesurrogate , 15 Brot- und 13 Faserpflanzen, 50 die Brechmittel, 100 die Farbstoffe liefern und 57 Narkotika aufgeführt werden*).
Um auch das dem Menschen Schädliche nicht zu vergessen, seien von den Giftpflanzen der V. St. die gefährlichsten hervorgehoben: Rhus
1) Unglücklicherweise sind nur oft, wie C. Parry in Owens Geol. Report on Wisconsin (1852. I. 607) hervorhebt, gerade die nutzbarsten Pflanzen auf die für Menschen am wenigsten bewohnbaren Plätze beschränkt, so der Wasserreis, die Cranberrys, die in Sümpfen, und die Huckleberries, die auf den unfrucht- baren Drifthöhenzügen des NW. wachsen.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 27
toxicodendron, Poison Jvy; R. venenata, Dog-Wood (nicht mit dem gleichnamigen prächtigen Strauch Cornus florida zu verwechseln); Cicuta maculata, Water Hemlock; Veratrum viride, IndianPoke; Symplo- carpus foetidus, Skunk Cabbage; Lobelia cardinalis, Indian Tobacco. Unter den eingeführten Pflanzen finden sich unsere wohlbekannten weit- verbreiteten altweltlichcn Giftpflanzen Schierling, Stechapfel, Bilsenkraut, Nachtschatten, Taumellolch.
Peschel vergleicht auch') die Hausthiere „d. h. Thiere, die wirk- lich gezähmt worden sind, und solche, von denen man vermuthen darf, dass sie hätten gezähmt werden können":
Alte Welt. Neue Welt.
Renthier, Rinderarten, Kamel, Dromedar, Schwein, Elephant, Hund, Katze, Schaf, Ziege Ross, Esel. — Haushuhn, Gans, Ente.
Renthier, Lama, Vicuna, Nabel- schwein, Wasserschwein, Tapir, Hund. — Truthahn, Hoccoshühner, -Moschusente.
Auch diese Liste lässt Vervollständigung zu, wiewohl beim Mangel wilder Pferde, Rinder, Kamele, Ziegen, Elephanten kein Zweifel sein kann, dass in Bezug auf nutzbare Thiere Amerika sehr weit hinter der Alten Welt zurücksteht. Man hat zwar vielerlei Züchtungsversuche gemacht, aber über Hund und Truthahn ist man in Nord-Amerika nicht hinaus- gekommen. Von Interesse wegen Erfolgen, die möglich gewesen zu sein scheinen, sind jedoch noch immer die Versuche, den Büö'el zu zähmen.
Die Zähmung des amerikanischen Büffels (Bison americanus) ist näm- lich erfahrungsgemäss möglich, scheint aber in neuerer Zeit nicht mehr mit derselben Aufmerksamkeit betrachtet worden zu sein wie in früheren Jahren, wo die Einfuhr europäischen Rindviehs nicht so leicht und der Sinn überhaupt mehr auf die Ausbeutung der dem Lande ursprünglich eigenen Schätze gerichtet war als heute. Allen hat in seiner Monographie „The American Bisons" (Cambridge 1876) zahlreiche Beispiele von Zähmung dieser Thiere gegeben. Einzelne Versuche in dieser Richtung waren schon von Indianern gemacht worden , so nach Woodhouse von den Creeks, und von Zähmung zum Zweck sei es der Ackerarbeit und Milchgewinnung oder der Mischung mit zahmen Rindern liegen besonders aus der Zeit der ersten Besiedelung sichere Nachrichten vor, die grossentheils nicht ungünstig lauten und sogar den ungemischten Büffeln als Zugthieren wegen grösserer Kraft den Vorzug vor den Rindern geben und besonders beim Pflügen; als Milchvieh scheinen sie sich weniger bewährt zu haben und ihr Fleisch steht im Ganzen zurück hinter dem des zahmen Rindes. Die Halbblut-Milchrasse stand an Grösse und Kraft weit vor den allerdings meist sehr verwahrlosten Rinderrassen der westlichen Farmer. Ueber die Fortpflanzungsfähigkeit dieser Mischlinge gehen die Meinungen auseinander,
1) Völkerkunde. 3. Aufl. 1876. 442.
28 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
während ihre Fähigkeit mit zahmen Rindern fruchtbare Nachkommenschaft zu erzielen nicht angezweifelt wird; die Fruchtbarkeit der Halbblutkuh wird von der besten Autorität behauptet*), während die des Halbblut- stieres angezweifelt wird. Jedenfalls vermischen sich die Büffelstiere ohne Schwierigkeit mit zahmen Kühen, während die zahmen Stiere die Büffel- kühe zu vermeiden scheinen. Als ein weiterer Vortheil der Büffel er- scheint ihre grössere Schnelligkeit und die Fähigkeit Hitze zu ertragen, welche die zahmen Rinder nicht besitzen. In neuerer Zeit scheinen die Versuche Büffel zu viehzüchterischen Zwecken zu zähmen in demselben Masse seltener geworden zu sein, als die Heerden immer weiter nach W. gedrängt wurden. Mit dem Elenthier, hier Moose genannt (Alces americanus) sind gleichfalls Zähmungsversuche gemacht, aber doch mehr nur in spielender Weise. Man hat einzelne so weit gebracht, dass man mit ihnen fahren konnte, aber als Hausthier lassen sie sich nicht benützen. Bemerkenswerth ist, dass die nordamerikanischen Hyperboräer das Ren- thier (Tarandus rangifer), wiewohl von gleichen Eigenschaften wie das europäische, nicht gezähmt haben.
Der Edelhirsch oder Elk (Cervus canadensis) ist mit Erfolg ge- zähmt worden wie das Elenthier. Eine Zeit lang wurde die Idee be- sprochen, öde Stellen, wie sie z. B. im n. New York vorkommen und welche beim heutigen Stande der Cultur selbst noch nicht mit Vortheil zur Viehzucht verwandt werden können, mit Edelhirschen zu besetzen, und ein gewisser Lorenzo Stratton, der mit Erfolg sich der Hirschzähmung gewidmet hatte, wies in einem Briefe nach, der 1859 durch die Blätter ging, dass New York allein mindestens 100000 Elks auf ödem, unbenutztem Lande ernähren könnte. Die Anregung hat aber keine Nachwirkung gehabt.
Der kleinere Hirsch (C. virginiana) ist in allen den Gegenden noch häufig, die erst im Anfang der Besiedelung stehen. Vermehrt sich aber mit der Bevölkerung das Holzfällen, Schiessen, die Hunde u. dgl, dann ziehen sie sich nach ungestörteren Gegenden zurück. Nicht selten weiden sie den jungen Hafer des Ansiedlers ab oder leisten seinen Kühen Ge- sellschaft, wenn diese im Walde grasen. Wenn im Winter das Reisig auf den Klärungen angesteckt wird, ziehen sie sich oft in grossen Rudeln wärmesuchend herbei und fressen das Moos und die Knospen des Ge- strüppes ab.
Von den Wiederkäuern der Gebirge und Steppen des W., den Antilopen und Bergschafen (Antilocapra, Aplocerus, Ovis) sind nur die Antilopen
^ 1) Wickliffe in brieflichen Mittheilungen an Audubon and Bachmann s. deren Quadrupeds of N. Am. II. 52. Auf seine Angaben führt fast alles zurück, was seither in dieser Sache berichtet wird. Die ausführlichste Zusammenstellung alter und neuer Nachrichten über Zähmung des Bison americanus hat Allen in seinem obenerwähnten Werke 215—221 gegeben.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 29
wegen ihrer Häufigkeit in nahrungsarmen Steppen von Bedeutung für den Menschen. Das wilde Schaf der Felsengebirge ist kein Wollträger.
Von anderen durch Nutzen oder Schädlichkeit für den Menschen be- deutsamen Thieren seien noch folgende genannt:
Hasen sind vorzüglich in zwei Arten häufig. Der nördliche Hase (Lepus americanus) lebt zwischen dem 40. und 60. Breitegrad. Im Sommer röthlichbraun, wird er im "Winter fast weiss. Er ist der grössere von beiden, wird bis V2 m lang, ist ein Waldbewohner und hält sich am liebsten im jungen Tannengebüsch auf. Der kleinere graue Hase (L. sylvaticus) ist im Gegensatz zum vorigen am häufigsten in Gegenden, wo Lichtungen und dünner Wald mit einander wechseln, und soll mit den Farmern sich sogar über die Prärien verbreitet haben. Das Thier ist unserem Kaninchen ähnlich und richtet gleich diesem manchmal Schaden in den Anpflanzungen der Farmer an. In den sumpfigen Gegenden des unteren Mississippi-Gebietes kommt eine Art vor, welche Wasserhase ge- nannt wird, Florida hat seinen Sumpf hasen, und in den Steppen und Gebirgen des W. gibt es noch eine ganze Reihe von Hasen, welche meist ziemlich häufig sind.
Von anderen grösseren Nagethieren sind die Biber (Castor fiber) aus den bewohnten Theilen der V. St. längst verschwunden. Als kost- bares Pelzthier ersetzt ihn die Moschusratte (Fiber zibethicus), welche gleich ihm ein Wasserthier ist, aber in Höhlen des Ufers wohnt.
Eichhörnchen sind in einer grossen Anzahl von Arten vorhanden. Vom Fuchseichhorn, dem schwarzen und dem grauen, welche grösser sind als unsere mitteleuropäischen Arten, ist das Fell von erheblichem Werth und sie werden auch des Fleisches wegen gejagd. Die Grundhörnchen (Tamias) und Gophers oder Taschenmäuse (Saccomys) thun den Feld- früchten Schaden ähnlich wie bei uns die Hamster. Dasselbe gilt von dem murmelthierähnlichen Woodchuck. Vom Stachelschwein (Erethizon dorsatus) wird das Fleisch gegessen. Ebenso vom Opossum (Didelphys virginiana). Vom Stinkthier (Mephitis virginiana) und von dem auf den Prärien zwischen 35 und 58 " n. Br. häufigen Dachs (Taxidea americana), dem Wappenthier Wisconsins, wird das Fell geschätzt. Dasselbe gilt von dem Waschbär oder Raccoon (Procyon lotor), welcher zu den ver- breitetsten unter den grösseren und jagdbaren Säugethieren der V. St. gehört; er ist indessen gleichzeitig einer der schädlichsten durch seine Vorliebe für den Mais. In den jungen noch thierreichen Gegenden des W. haben kleine Farmer den Maisbau geradezu seinetwegen aufgeben müssen.
Von grossen Raub thieren ist der Schwarze Bär (Ursus americanus) in erster Linie zu nennen, welcher noch heute im W., vorzüglich in der oberen Mississippi- und Missouri-Region, nicht selten ist. Noch vor 10 Jahren y wurden seine Felle zu .3 — 10 D. verkauft, ein Beweis, dass er noch nicht allzuselten geworden war. Es beruht wahrscheinlich auf der Ver-
30 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
wer.hselung mit einer helleren Art, dem sog. Cinnamom Bear (var. isahelliiius), wenn man sogar den Eisbär in Wisconsin gesehen haben will. Der Grizzly (U. ferox) der Sierra Nevada und des Küstengebirges gilt für das stärkste und gefährlichste von den nordamerikanischen Raubthieren. Der Vielfrass (Gulo luscus) kommt von Canada über die Nordgrenze, ist indessen selbst in den nördlichsten Staaten, wie Michigan, das einst nach ihm genannt wurde, selten. Er gehört nicht zu den angreifenden oder zu den reissenden Raubthieren, vertheidigt sich aber, wenn angegriffen, mit Wildheit. Vom Wolf gibt es den grösseren, dunkelgefärbten Wald- wolf oder Black Wolf (C. lupus) in der Wald- und den Präriewolf oder Coyote (C. latrans) in der Steppenregion*). Nur der crstere greift den Menschen an, wenn er vom Hunger dazu getrieben wird, was nur in den bevölkerteren Gegenden und im Winter geschieht. Dagegen sind beide den Heerden gefährlich und in einigen der n. Staaten sind Preise von 3 — 5 D. auf die ersteren gesetzt. Der Fuchs der ö. Staaten (Vulpes fulvus) ist dem unseren ähnlich, doch etwas kleiner, aber reich- lich ebenso schlau. Dem Federvieh der Farmer stellt er eifrig nach und wird mit Leidenschaft gejagt. Es gibt ausserdem noch sechs Arten im W. und S. Die Otter (Lutra canadensis), die bis zur Schwanzspitze reichlich 1 m lang wird, ist in Gestalt, Färbung und Sitten der unseren ganz ähnlich, ebenfalls Pelzthier.
Aus der Familie der Katzen ist der Panther (F. concolor), der von dem Farmer als Painter angesprochen, das gefährlichste; im S. und SW. heimisch, streift er in den zusammenhängenden Wäldern, vorzüglich ^er Gebirge, so weit nach N., dass er z. B. selbst in den Adirondacks ein nicht seltenes Jagdthier darstellt. Seine Nordgrenze ist bei 55" n. Br. Der Puma oder amerikanische Löwe (F. concolor) gehört dem SW. an. Die Wildkatzen, wie verschiedene kleine, kurzschwänzige Luchse ge- nannt werden, gehen als nicht eben häufige Raubthiere durch die ganze Waldregion. Von grösserer Bedeutung sind indessen durch Nutzen und Schaden, die siebringen, die wie sei- und mar derartigen Raubthiere. Der Mink (Putorius vison), der bis V2 m lang wird, gehört zu den blut- gierigsten Wieseln ; er greift seine Beute auch im Wasser an, in welchem er sich vermöge seiner Schwimmhäute nicht weniger geschickt bewegt als auf dem Lande. Sein Winterpelz wird mit bis zu 5 D. bezahlt. Das Hermelin (P. noveboracensis) hat die Lebensweise unseres Wiesels, seih
1) lieber die Abstammung des Indianerhundes von einheimischen Wolfs- arten kann kein Zweifel sein. „Ich habe, sagt Richardson (Fauna Bor. Am. 182J) S. 64), mehr als einmal eine Bande von Wölfen für die Hunde einer Indianerschaar angesehen, und das Geheul beider ist so genau in derselben Tonart hinausgezogen, dass selbst das geübte Ohr des Indianers es nicht zu unter- scheiden vermag." Weitere Beweise bei Darwin, Animals and Plants under Domestication 18G8. I. 21.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 31
Pelz ist nicht viel werth. Das letztere gilt auch vom Fischer (Mustela Pernantii), der seinen Namen wahrscheinlich mit Unrecht führt. Dagegen ist der Fichtenmarder oder amerikanische Zobel (Mustela americana), der etwa so gross wie unser Marder, neben der Moschusratte das geschätzteste Pelzthier. Er kommt nur in den n. Staaten vor und ist ausschliesslich Waldthier. Deshalb zieht er sich vor den Ansiedelungen zurück, während die anderen mit der Zahl der Hühnerhöfe und Ententeiche zunehmen.
Vögel. Von den Vögeln berührt nur eine geringe Zahl die wirth- schaftlichen Interessenkreise des Menschen, wogegen viele bedeutend mehr als die Säugethiere zu den Eindrücken beitragen, welche die umgebende Natur auf ihn macht. Man kann ilinen eine (im weitesten Sinn) mehr ästhetische Rolle zuschreiben. Von den Raubvögeln nährt sich der grösste, der weissköpfige Seeadler (Haliaetus leuocephalus) vorwiegend nur von Fischen. Seine Spannweite beträgt 2 m. Er ist das Wappenthier der Union*). Sperber, Bussarte, Falken fügen höchstens, wie bei uns, den Hühnerhöfen Schaden zu. Von den zahlreichen Eulen ist die grösste und kräftigste die Ohreule (Otus vulgaris), welche sogar ausgewachsene Truthähne raubt. Aasgeier (Cathartes atratus) kommen nur im S. vor, wo sie wegen ihres vermeintlichen Nutzens durch die Aufzehrung des Aases vom Gesetze geschützt werden. Es wäre wahrscheinlich besser, diese unreinlichen Vögel zu schiessen und das Aas dafür zu begraben. Den Saaten schädlich sind vorzüglich die Häher (Jay, Arten von Cyanurus und Iphelocoma), von welchen einige sehr schönes himmelblaues Gefieder haben, die glänzend schwarzen Dohlen oder Saatkrähen, die Black Birds der Amerikaner (Corvus americanus), der Crossbill oder Kernbeisser (Loxia curvirostra) und der Seidenschwanz. Dagegen gehören zu den nützlichen, als Insekten- und Würmervertilger, die Singdrossel oder der Robin (Turdus migratorius) und andere Drosselarten, der Blau vogel, Blue Bird der Amerikaner (Siala- Arten), der King Bird (Tyrannus carolinensis), die zahlreichen Spechte, von denen der grösste der Schwarzspecht (Hylotomus pileatus) fast so gross wie eine Krähe ist. Durch ihren Gesang beleben die Landschaft der Oriol oder Pirol (Icterus- Arten), die Drosseln, von denen sechs Hauptarten und mindestens doppelt so viel Abarten unterschieden werden, der Spottvogel (Mimus polyglottus), der indessen nur in den Süd- staaten häufig ist; dann der Blauvogel und Katzenvogel (Mimus carolinensis). Als der vorzüglichste Sänger des N. gilt der Reis vogel oder Bobalink (Doli- chonyx oryzivorus). Zur Belebung durch ihre Farben und Beweglichkeit tragen in hervorragendem Masse die kleinen Papageien des S. (der einzigen n. am. Art angehörend), der Pracht fink, Redbirdoder Cardinal (Cardinalis virginianus),
1) Ueber die Varietäten dieses für die Nordamerikaner begreiflicherweise sehr interessanten Thieres ist viel gestritten worden. Vgl. I. A. Allen „What is the Washingthon Eagle" in Am. Naturalist 1871. 524.
32 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickeliing.
die Prärielerclie, Horned Lark (Ercmophila alpestris) und die Feldlerchc (Sturnella magna), die ungemein zahlreichen Staare, auch Black Birds ge- nannt, unter denen der Kuh vogel (Molothrus pecoris) einer der bekanntesten, das Kolibri (Trochilus colubris) *), die sog. deutsche Fahne, ein schwarzer Vogel mit roth und gelber Flügelbinde, endlich die zahlreichen Schwalben, welche besonders auch auf die Prärien hinaus den Ansiedelungen folgen und ganz wie bei uns zu den Freunden des Menschen gezählt werden. Zu den lautesten gehört ein Ziegenmelker (Anthrostomus vociferus), von den Amerikanern Whippoor will genannt, der in den Sommernächten un- aufhörlich das Geschrei ausstösst, von welchem er seinen Namen hat. Von den grösseren jagdbaren Vögeln ist der Truthahn heute nur noch in v/den Südstaaten häufig. Im N. ist er schon seit etwa 30 Jahren aus- gerottet. Er ist dunkler von Farbe und grösser als der gezähmte'*). Die Tetraoninae, Grouse (Auerhahn, Birkhahn, Haselhuhn etc.), erreichen ihre grösste Entwickelung in Nord-Amerika. Coues zählt neun Hauptarten auf. Hieher gehören verschiedene Haselhühner, Buschhühner, auch fälschlich Partridges genannt, etwas grösser als unser Rebhuhn, Wald- bewohner. Das Präriehuhn, Prairie Hen (Cupidonia Cupido) ist un-
1) Von den deutschen Farmern mit den unpoetischen Namen Schnurrvogel belegt.
2) Die Herkunft des Truthahns (Turkey) ist nicht ganz klar, wiewohl über den amerikanischen Ursprung des Vogels kein Zweifel sein kann. Die Schwierig- keit liegt in der Abweichung der Eigenschaften des domesticirten Truthahnes von denen des wildlebenden Meleagris gallopavo, der im ö. Nord-Amerika vorkommt. Es ist vorzüglich die Färbung, welche erheblich verschieden ist. Der Haus-Truthahn hat die Spitzen der Federn, die an der Schwanzwurzel und am hinteren Theil des Rückens liegen, rahm- oder gelblichweiss , während die- selben beim wilden Truthahn des ö. Nord-Amerika kastanienbraun sind. Auch andere Unterschiede, welche weniger hervortreten, scheinen die beiden von einander zu trennen. Seitdem indessen zuerst Gould^ und später auch die beste Autorität in diesen Dingen, Spencer F. Baird^), einen im SW. Nord- Amerika, und zwar besonders in Texas, Neu-Mexico und Arizona, und ausser- dem in Mexico vorkommenden wilden Truthahn, M. mexicana, beschrieben hat, welcher in allen Eigenschaften, ausgenommen nur die geringere Entwickelung der Fettlappen am Kopfe, mit dem gezähmten Thiere übereinstimmt, scheint die Annahme berechtigt, dass • der letztere von dem westamerikanischen und mexika- nischen Truthahn abstamme. Damit stimmen übrigens auch die geschichtlichen Zeugnisse, welche keinen Zweifel übrig lassen, dass aus Mexico der Truthahn von den Spaniern nach Europa, West-Indien und ihren Niederlassungen auf dem nordamerikanischen Festland gebracht worden sei. Der mexikanische Truthahn
v/hat auch weissliches Fleisch, wie der gezähmte, während das des wilden nord amerikanischen von dunklerer Färbung ist.
.. 1) Proc. Zool. Soc. London 1856. 61. 2) Pacific R. K. Kep. IX. 618,
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 33
gefähr von derselben Grösse und häufig in der Prärieregion. Das eigentliche Rebhuhn der Amerikamer, von ihnen Quail genannt (Ortyx virginianus), ist kleiner als das europäische Rebhuhn, grösser als unsere Wachtel, von vorzüglichem Fleisch. Der ausgiebigste Jagdvogel unter den Landbewohnern ist jedoch die Wandertaube (Ectopistes migratoria), welche in jedem Frühjahr in grossen oft wolkenartigen Schwärmen erscheint; sie ist wenig kleiner als unsere zahmen Tauben und sehr wohlschmeckend. An ihren Brutstätten in den Wäldern sitzen sie zu Hunderttausenden bei ; einander, so dass manche Farm.er, wie man sagt, mit den herausgefallenen Eiern und Jungen ihre Schweine mästen. — An Sumpf- und Wasservögeln ist in einem so wohlbewässerten Lande, wie es der 0. und N. der V. St. ist, natürlicli kein Mangel. Am häufigsten sind Enten, von denen die sog. Canvas Back (Fuligula vallisneria) die geschätzteste, die im Gefieder schönste die Waldente (Aix sponsa) ist. An Schnepfen und Becassinen (Snipes, Woodcocks, Plovers: Gallinago-, Tringa-, Totanus- Arten u. a.) ist kein Mangel. Unter den Tauchern ist der Leon oder Wassertrut- hahn (Colymbus torquatus) der grösste und ein beliebter Jagdvogel der Seeregion.
Reptilien. Von Krokodilen hat nur der S. der V. St. zwei Arten, einen ächten Crocodilus und einen Alligator. Von Schildkröten kommen Riesenschildkröten an den Küsten der Südstaaten und ausserdem zahlreiche Emyden und Trionychiden (Weichschildkröten) in Süsswassern durch das ganze Gebiet vor. Mehrere davon sind essbar. Von Schlangen sind vier Arten Klapperschlangen (Crotalidae) und die Mokassinschlange als sehr giftige hervorzuheben. Die letztere ist eine Wasserbewohuerin, während jene anderen auf sonnigen Lichtungen, vorzüglich aber auf den höheren trockenen Punkten der Prärien und in den Steppen gefunden werden.
Amphibien. Der 0. allein übertrifft weitaus Europa an Formen- reichthum dieser Classe. Für den Natureindruck ist es von Bedeutung, dass die Stimmen der ungemein zahlreichen Frösche ganz anders tönen als bei uns. Die kleineren Arten lassen einen Gesang ertönen, der „einem Schellengeklingel oder dem hundertstimmigen Piepconcert kleiner Vögel'* gleicht. Die grösste Art ist der Ochsenfrosch oder Bullfrog, der einen dumpfen Ochsenlaut von sich gibt. Gegessen wird nur von den Negern eine im Aeussern aalähnliche Sirenart des S.
Fische. Der Reichthum an nutzbaren Fischen ist im 0. und S. ein sehr grosser, während er in der Felsengebirgs- und pacifischen Region gering ist. Alles in allem genommen enthalten die Flüsse und Seen der Ost- hälfte Nord-Amerikas wohl nicht weniger Nutzfische als diejenigen von Nord- oder Mittel-Europa und grossentheils gehören sie denselben Familien an. (Vgl. Bd. I. 409.) Am reichsten, viel reicher als in Europa, sind die Welse vertreten. Wenn auch ihre verschiedenen Gattungen Amiurus,
R a t z e 1 , Amerika IL 3
34 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
Hopladeles u. a. nicht so beliebt als Speisefische sind wie unser Donau- wels, so fällt dagegen ihre grosse Zahl und die Grösse der Individuen für die Ernährung der niederen Classen stark ins Gewicht. Der weitver- breitete sog. Cot Fish ist in dieser Beziehung besonders wichtig. Von Barschen ist der kleine Yellow Perch, der bis Va m lang werdende Pike PercJi, dann PocJc Fish, White Bass und Black Bass hervor- zuheben. Die Bass-Arten (ßoccus und Labrax) gehören zu den feinsten Fischen Nord- Amerikas. Unter den Hechten ist zunächst unser Esox lucius als .Great Pickerei, der in den Grossen Seen vorkommt, dann Mascalonge und Common Pickerei zu nennen. Von den Lachsen be- herbergen die Gebirgsseen des NO. einige Seeforellen, die entschieden an unsere Saiblinge und Röthein erinnern; aber grosse Wichtigkeit erlangen sie erst in den pacifischen Flüssen, wo sie massenhaft und in riesigen Exemplaren vorkommen. Bekanntlich versorgt Oregon sogar Europa mit präservirtem Lachs. Die Weiss fische haben in einigen Corregonus- Arten der Grossen Seen massenhaft vorkommende und sehr wohlschmeckende Vertreter. Shad ist ein berühmter Fisch dieser Familie, mit dem in neuerer Zeit auch in Europa Acclimatisationsversuche gemacht worden sind. Eigenthümlich amerikanisch sind die Sonnenfische (Centrarchidae), von denen Goggle Eye oder Bock Bass und Grass Bass häufig und nützlich sind. — Die Muschelthiere, an denen die Flüsse und Seen Nord- Amerikas so reich sind (vgl. Bd. I. 410), dienen den Indianern in grosser Ausdehnung zur Nahrung, stellenweise auch den Negern. Aber für die Weissen sind sie von keinem Werthe. Dafür beuten diese den ungeheueren Austernreichthum vorzüglich der atlantischen Küste aus, ^die in dieser Beziehung von keiner europäischen erreicht wird, und die Austern sind in zahllosen Formen zubereitet durch die ganze Union hin ein sehr wichtiges Volksnahrungsmittel. Auf die S e e f i s c h e r e i wird noch zurückzukommen sein. Ausser auf den nahegelegenen Neufundlandbänken ist der Fischreichthum besonders gross über kleinen Bänken aus Kalk- stein, die in geringer Entfernung von der Küste auf der ganzen Strecke zwischen N. Carolina und Florida auftreten. Sie werden von den Ein- wohnern Fishing-banks genannt.
Insekten. Es seien nur die verbreitetsten unter den schädlichen genannt. Von Käfern wird ein Curculio den Blüthen und Früchten der eingeführten Pflaumenarten so schädlich, dass manchenorts die Zucht der- selben aufgegeben werden musste. Ein etwas dunkler gefärbter Gattungs- genosse des Maikäfers wird von Jahr zu Jahr in den besiedelten Strichen zahlreicher und durch seine dem Engerling völlig gleiche Larve den Wiesen, Kartoffel- und Rübenäckern gefährlicher. Der in diese selbe Sippschaft gehörige Coloradokäfer (Doryphora decemlineata) ist seit einigen Jahren auch bei uns zur Genüge bekannt geworden. Den Kürbis-, Zucker- und Melonenpflanzen wird ein kleiner schwarz- und gelbgestreifter Rüsselkäfer
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 35
verderblich, indem er die Blätter abfrisst. Die bohrenden Larven der Holzkäfer richten besonders unter den Nadelhölzern grossen Schaden an, sind aber bei der verhältnissmässig geringen Aufmerksamkeit, die man bisher der Waldcultur schenkte, nur wenig bekannt. Von den Schmetter- lingen wird die Erdraupe eines kleinen grauen Nachtschmetterlings, die als Cut-worm bekannt ist, den zarten Schösslingen des jungen Mais und fast aller Gartenpflanzen in hohem Grade verderblich. Gewisse Spinnerraupen sind den Obstbäumen schädlich. Die schädlichste Raupe ist aber die von der Motte Aletia argillacea, der Cotton-worm, welcher fast alljährlich Millionen Werthe in den Baumwollpflanzungen zerstört*). Von den Or- thopteren sind die Heuschrecken der Schrecken der Prärie- und Steppen- gegenden, über die sie in manchen Jahren in eben so gewaltigen Mengen herab- fallen, wie man es aus dem SO. Europas, aus Westasien und Nordafrika kennt. Sie kommen auch manchmal, wenn auch in geringerer Zahl, bis in die Mittel- und Nordoststaaten. Der gefährlichste von den Zweiflüglern ist die sog. Hessen fliege, Cecidomyia destructor, von der die Sage geht, dass sie von den verkauften Hessen während des Unabhängigkeitskrieges herübergebracht worden sei. Dieselbe ist der ärgste Feind des Weizens, in dessen jungen Halmen ihre Maden leben. Von Milben ist eine Borken- laus, Aspidotus conchiformis , den Obstbäumen gefährlich. Die dem Menschen wenn auch nicht gefährlichen, so doch unangenehmen Moskitos, ., unseren Stechmücken vergleichbar, dann die noch viel beschwerlicheren Schwarzmücken (Black Flies) sind in allen feuchten und frisch gelichteten Gegenden Nord- Amerikas häufiger und lästiger als bei uns. Es scheinen für sie, wie für andere Insekten, schädliche und unschädliche, die grösseren Niederschlagsmengen wenigstens der östlich vom Mississippi gelegenen Gegenden und dann die höheren Sommertemperaturen günstig zu sein. Auch unsere Hausplagen: Stubenfliegen, Wanzen, Flöhe u. s. f. sind ver- breitet. Im Allgemeinen gilt die Regel, dass mit dem Fortschreiten der Cultur die Menge des Ungeziefers zunimmt. Glücklicherweise gilt dieselbe ^ Regel auch für eine grosse Zahl von insektenfressenden Vögeln.
V. Die V. St. sind ein sehr mineralreiches Land; aber wenn man erwägt, wie reich sie mit Mineralschätzen bedacht sind, so darf man nicht ausser Acht lassen, dass dieser Reichthum über ein sehr weites Gebiet, aber unter eine bis jetzt noch geringe Anzahl von Menschen vertheilt ist. In einigen Jahrhunderten, wenn die 45 Mill. y Menschen der V. St. sich auf 200 Mill. vermehrt haben werden, wird die Fülle dieser Schätze nicht mehr so grossartig erscheinen wie heute. Dann werden diejenigen Gegenden, welche an Kohle, Eisen, Kupfer,
1) Die Baumwollpflanzer berechneten 1877 den durch den Cotton-worm verursachten Verlust auf 15 Mill. D. Rep. Dep. Agr. f. 1877 S. 156.
3*
36 I. Die natürliclien Bedingungen der Culturentwickelung.
Silber, Gold u. s. f. weniger besitzen, nichtsdestoweniger ebenfalls ihren Bevölkerungsantheil haben, und es wird demselben die mangel- hafte Ausstattung seiner Wohnstätte mit diesen nothwendigen oder angenehmen Dingen empfindlich genug sein. Die Verschwendung aller dieser leicht gewonnenen Gaben, die heute sowohl in der Ge- winnung als in der Benützung derselben noch immer gross ist, wird dann nicht mehr möglich sein. Man kann nicht leugnen, dass die Ausstattung der V. St. mit Mineralschätzen zum Theil deshalb so grossartig erscheint, weil die Zahl derjenigen, die Nutzen davon ziehen, im Vergleich zur Grösse des Landes und seines natürliclien Reichthums noch so gering ist^).
Aber auch abgesehen von dieser einschränkenden Erwägung ist das Gebiet der V. St. in "Wirklichkeit ein mineralreiches Land. Die zwei Hauptgebirgszüge desselben, die Alleghanies und die Cordilleren, gehören zu den erzreichsten Gebirgen der Erde und ausserhalb derselben sind noch beträchtliche Schätze, vor- züglich an Kohle, Eisen, Kupfer und Salz, im flacheren In- neren des Continentes angehäuft. Die Steinkohlenformation allein bedeckt in ihrer produktiven Ausbildung 125 000 e. Q. M. und die Masse der Steinkohlen, welche in den V. St. heute gewon- nen werden, steht nur noch hinter derjenigen Englands zurück und hat diejenige Deutschlands bereits übertroffen. Dieselbe Stel- lung nimmt dieses Land hinsichtlich der Roheisenerzeugung ein, für welche es nicht bloss durch grosse Mannigfaltigkeit und ausser- ordentlichen Reichthum, sondern auch durch sehr günstige Lage und Vertheilung seiner Eisenerzlager in hohem Grade begünstigt erscheint. Der grösste Theil seiner Eisenerzlager umgibt in engerem oder weiterem Kreis die grossen Kohlenfelder und die Mehrzahl ist auch für die Verschiffung durch die Nähe des Mississippi, Ohio, Hudson und der Grossen Seen günstig gelegen. Endlich darf man in unserer
*) Diese Erwägung muss man übrigens gegenüber der gesammten Produktion der V. St. auf allen Gebieten im Auge behalten. Sie können so viel Reich- thümer erzeugen und abgeben, weil sie die besten Theile des weiten Landes vorweg in Beschlag nehmen und weil im Verhältniss zur Ausdehnung und dem natürlichen Reichthum desselben ihre Zahl noch so gering ist Das Verhältniss wird sich von Jahr zu Jahr ändern in dem Masse, als die Bevölkerung dichter wird und sich gleichmässiger über das Land vertheilt.
1. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 37
Zeit des immer ausgedehnteren Stalilverbrauclies auch nicht des Vorzuges vergessen, den die V. St. darin besitzen, dass einige ihrer grössten Eisenerzvorkommen ausgezeichnet sind durch die- jenigen Eigenschaften, welche die Stahlbereitung aus denselben er- leichtern. Unzweifelhaft ist das Uebergewicht der Ver. St. in der Erzeugung der vier wichtigen Metalle Kupfer, Quecksilber, Silber und Gold. Aus einer einzigen Fundstätte des ersteren wird nahezu V3 alles Kupfers erzeugt, das in der Welt verbraucht wird. Das Quecksilber wird in Californien, das Silber in Nevada und das Gold in Californien, Colorado und den anderen Staaten westlich der Felsengebirge in grösseren Mengen gewonnen als irgendwo sonst in der Welt. Die amerikanische Quecksilber- und Silbererzeugung überwiegt, wie die des Kupfers, die gesammte übrige Erzeugung der Alten Welt. Und dabei sind das erst Anfänge, denn Kupfer wird erst seit 1845, Quecksilber seit 1851, Silber seit 1859 v^ in nennenswerthem Massstabe in den V. St. gewonnen. . Auch an der Blei- und Zinkproduktion der Erde betheiligen sich die V. St. in erheblichem Masse. Für das Petroleum haben sie bekanntlich, man kann fast sagen, ein Monopol, indem alle europäischen und asiatischen Vorkommen, die bis jetzt zur Ausbeutung gelangt sind, vor der Massenhaftigkeit und Vorzüglichkeit des amerikanischen weit zurücktreten. Füge ich hinzu, dass Steinsalz, Phosporit, Gyps, Kaolin, Cementkalk, Asphalt sämmtlich in hervorragend reichen Ablagerungen im Gebiete der V. St. gewonnen werden, dass auch Bausteine in grosser Mannigfaltigkeit und Güte vorzüglich in dem granit-, gneiss- und marmorreichen Gebiete östlich des Mississippi vorkommen, so scheint es, als ob bezüglich der Versehung mit Mineralschätzen jedes andere Land der Erde dieses so ungewöhn- lich reich ausgestattete beneiden müsse.
Indessen sind gewisse Bedingungen, unter denen dieser Keich- thum sich bis jetzt entfaltet hat, nicht zu übersehen, ebensowenig wie gewisse Grenzen, welche ihm gezogen sind. Es ist Thatsache, dass die ergiebigen Steinkohlenlager fast sämmtlich auf das Land östlich des Mississippi beschränkt sind, während westlich davon, mit einziger Ausnahme vielleicht des noch wenig untersuchten texanischen Kohlenfeldes, nur Braunkohlen in zerstreuten und allem Anschein
38 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
nach nirgends sehr mächtigen Lagern vorkommen. Und doch gewinnt gerade in diesen baumlosen Gegenden fossiles Brennmaterial eine erhöhte Bedeutung. Ebenso wären Eisenerzlager von der Grösse der im Osten der V. St. vorhandenen im Westen noch nachzuweisen. Gold, Silber und Quecksilber werden östlich der Felsengebirge wahrscheinlich nie in erheblichen Mengen gewonnen werden. Sie gehören, nach allen Anzeichen, vorzüglich den grossen Gebirgszügen des Westens, den Cordilleren, an. Aber wie überall, hat auch hier der Goldreichthum sehr bald nachgelassen, als man erst einmal die oberflächlichen goldführenden Kiesel und Sande der Flüsse aus- gewaschen hatte. Sie schwankt seit Jahren nur wenig und dürfte ganz wie die australische bald eine erhebliche Verminderung er- fahren. Jedenfalls ist die Zeit der reichsten und leichten Ernten für immer vorüber, denn es gibt gewiss keinen noch so kleinen Bach in dem ganzen Gebirgsland des Westens, so weit und öd es ist, welcher nicht schon des öfteren sein Geröll durch die Wiege des Goldwäschers hat laufen sehen. Ebenso sind auch die Goldquarz- entdeckungen immer spärlich geblieben und haben bis jetzt nirgends Aussicht auf grosse, unerwartete Steigerung ihres Keichthums ge- geben. Der Ertrag der Silberbergwerke ist in den letzten 15 Jahren, besonders in Nevada und Colorado, wo die grössten sich finden, ausserordentlich gestiegen ; aber man muss beachten, dass ihre Aus- beutung mit wahrhaft fieberhafter Eile vorgeht, welche die Er- schöpfung mancher beschränkterer Vorkommnisse schon in dieser verhältnissmässig kurzen Frist herbeigeführt hat. In der einträg- lichsten Silbermine Nord-Amerikas (Mexico nicht ausgeschlossen), dem sog. Comstock Lode Nevadas, hat man, da der Gang in ziem- lich jungem, vulkanischem Gesteine aufsetzt, schon jetzt mit Wärme- graden zu thun, welche die Arbeit erschweren. Uebrigens hat man beim Gold- wie beim Silberbergbau von Anfang an sehr leicht- ^ sinnig gearbeitet. Tausende von Chinesen waschen heute mit Ge- winn dasselbe Geröll, das die alten Californier vor 25 und 30 Jahren schon einmal durchwuschen, und so wird man vielleicht in nicht allzuferner Zukunft jenen Silbergehalt von 30 X noch zu gewinnen suchen, den man in Nevada in den Schlacken stecken lässt. Von übleren Folgen für die Zukunft des Bergbaues dürfte jedoch die falsche
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 39
Art des Abbaues oder der bewusste Raubbau in vielen Bergwerken sein. Bedeutende Abnahmen hat man auch, der Art des Vor- kommens entsprechend, im Ertrag der Petroleumbrunnen wahr- genommen und zwar sowohl nach Menge als nach Güte. Selbst in den Anthracitbergwerken hat man es schon nothwendig gefunden, die alte blind ausbeutende Abbauweise mit einer vorsichtigeren zu vertauschen, die auch den künftigen Generationen noch einige Möglichkeiten übrig lässt.
VI. Es ist begreiflicherweise weniger zu sagen von den Natur- bedingungen der Industrie als von denen des Acker- und Berg- baues, doch ist immerhin nicht zu übersehen die Förderung, welche jene durch die grossartige Erzeugung so nothwendiger Rohstoffe wie Kohlen, Eisen, Baumwolle und Wolle erfährt. Die V. St. sind für Baumwolle und Kohlen ganz unabhängig von Auslande, nach welchem sie von der ersteren noch jährlich für 150 — 180 Mill. Doli, ausführen. Der Eiseneinfuhr von ca. 8 Mill. stand 1878 eine Ausfuhr von 10 Mill. Doli, gegenüber und nur bei Wolle genügte noch nicht die einheimische Erzeugung des Rohstoffes dem Bedürfniss der Industrie. Die grossen Wasserkräfte, die im wohl- bewässerten 0. und S. der Union und theilweise auch in den Ge- birgen des W. zu finden sind, dürfen als Förderer der Industrie nicht übersehen werden. Aber ihre bedeutendsten Stützen sind allerdings der Fleiss, die Energie und die geistige Regsamkeit der Bevölkerung, welche ihrerseits wahrscheinlich mehr als man denkt von den klimatischen Einflüssen bestimmt werden. Vom N. bis zum S. gehört das Klima mit seinen kühlen, zum Theil sehr kalten Wintern ohnehin zu jenen, welche in hohem Grade förderlich sind für die Stählung des Körpers und die Neigung zur Arbeit.
VII. Fragt man nach dem Masse von Begünstigung, welche der Anlage grosser Verkehrswege in den Naturverhältnissen der V. St. zu Theil wird, so liegt die Antwort grossentheils schon in dem vorhergehend Gesagten. W^o die Natur so grosse durchgehende Wege gewiesen hat wie in diesem Gebiete, ist schon dadurch die Entwickelung des Verkehrs in hohem Grade erleichtert. Man ver- gleiche Europa, von dessen Kern und Rumpf grosse und wichtige Gebiete wie die Pyrenäen-, Apenninen- und Balkanhalbinsel durch
40 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelimg.
Gebirge abgeschlossen sind, während Meeresarme die britischen Inseln und Skandinavien vom Festlande scheiden. Im Gebiete der Ver. St. ist kein ähnlicher Fall zu verzeichnen mit Ausnahme der Absonderung aller nach dem Stillen Meere zu gelegenen Staaten und Territorien von dem östlich des Felsengebirges gelegenen Gross des Landes durch dieses ebengenannte Gebirg. Betrachten wir aber diesen grossen von den Felsengebirgen, dem Golf von Mexico und dem - Atlantischen Meere begrenzten Abschnitt der V. St. hinsichtlich seiner Verkehrsbedingungen, so ist ein gleich grosses Gebiet (ca. 80 000 Q.M.) mit gleich günstigenVorbediiigungen wenigstens in Europa nicht zu finden. Auch Asien und Afrika bieten nichts, was diesem verglichen werden könnte, und nur Süd-Amerika zeigt sich zwischen Anden und Atlantischem Ocean ähnlich günstig für den Verkehr geartet. Die Eodengestaltung ist bei all den bedeu- tenden Unterschieden, die sie aufweist, so vermittelt und abgeflacht, dass die Dampfer des Mississippi, einerseits auf dem Missouri bis über die Mündung des Yellowstone hinaus, man kann also sagen bis zum Fusse des Felsengebirges, andererseits im Ohio bis nach Pittsburg, also bis in das Herz der Alleghanies, zu gelangen vermögen. Ebenso ist die Verbindung des Mississippi mit den Grossen Seen, zunächst mit dem am weitesten nach S. reichenden Michigan-See über einen fast flachen Landrücken weg, mit gar keinen Schwierig- keiten verbunden. Ein Canal verbindet in dieser Richtung schon
\/längst das System des Mississippi mit dem des S. Lorenz, so dass man sagen kann, dass dieser ganze Abschnitt eigentlich wie eine Insel auf allen Seiten vom Wasser umgeben ist — vom Meere im 0. und S., vom Mississippi im W., von dem „Süsswasser-Binnenmeer" der Grossen Seen und dem S. Lorenz im N. Nachdem kleinere Seeschiffe via S. Lorenz und Grosse Seen bis nach Chicago ge- kommen und Dampfer von 2000 T. zu den gewöhnlichen Erschei- nungen auf dem Mississippi gehören, fehlt nur wenig, dass diese Verkehrsinsel von Seeschiffen umfahren wird. Wenn es das Be- dürfniss jemals erheischen sollte, wird es mit verhältnissmässig
/ geringen Schwierigkeiten einfach durch Erweiterung des lUinois- Canals zu bewerkstelligen sein. Flüsse, die im Grossen schiffbar, münden aus diesem Gebiete erst südlich von Neuengland. Der
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Hudson ist der erste, von dem ab dann nach S. zu alle bedeuten- deren Abflüsse der Alleghanies, sowohl die ins Atlantische Meer als in den Golf mündenden, bis zum Mississippi als schiff"bar zu bezeichnen sind. Dabei ist wieder als ein bemerkenswerth günstiger Umstand hervorzuheben, dass gerade der für die grosse Schiffahrt günstigste von allen, der Hudson R., von der tiefsten Einsenkung herabfliesst, welche im ganzen Alleghany - System zu finden. In dieser Einsenkung verbindet der Erie-Canal sammt mehreren grossen Bahnlinien die Seeregion und das Gebiet des oberen Mississippi mit den grossen Handelsplätzen der atlantischen Küste. Die Haupt- ader ist aber der Mississippi. Die Schiffbarkeit der Hauptarme dieses Stromes reicht bis in die AUeghanies, bis an den Fuss des Felsengebirges und bis nahe an die Nordgrenze der Union. Mit dem Ohio und Missouri zusammen bildet er zwei grosse Grund- linien des Verkehres, eine nord-südliche und eine west-östliche, die sich bei S. Louis schneiden. Mit allen seinen Nebenflüssen zusam- men hat man ihm eine SchiflT^arkeit von 25 000 km zugeschrieben. Wenn irgend ein Strom, so verdient es dieser, die Lebensader des Landes zu heissen, das er bewässert. Zwar ist ihm für jetzt durch das überwiegende Bedürfniss nach möglichst raschem Verkehr und Umsatz noch nicht die grossartige Funktion zugefallen, für die er zweifellos bestimmt ist, und hat es sogar der Waarenzug, der aus W. nach der atlantischen Küste geht, vorgezogen, in einer Reihe von direkten west-östlichen Eisenbahnen die AUeghanies zu über- schreiten, statt den Stromweg nach dem Golf von Mexico aufzu- suchen. Indessen hat die Natur in diesem Stromsystem zu günstige Bedingungen geschaffen, als dass der Verkehr nicht zu ihrer Aus- nützung zurückkehren sollte, sobald das Bedürfniss billigerer Be- förderung sich stärker zur Geltung bringen wird. Die grösseren texanischen Flüsse, die man noch in dieses Gebiet rechnen kann, sind so wenig schiffbar, dass sie wenig ins Gewicht fallen. Nur der Trinity R. (Galveston) bietet etwas günstigere Verhältnisse und im Rio Grande sind Dampfer bis zur Pecos-Mündung gegangen ; aber die Mündungen von allen diesen Gewässern neigen zu einer Verschlammung, die sie von der See her schwer zugänglich macht. — Ganz anders liegen die Verhältnisse im W., wo die Bodengestaltung
42 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
und die Bewässerung Schwierigkeiten schaffen, welche dem Ver- kehr immer sehr bedeutende Hindernisse entgegenstellen werden. Schon der Zugang von 0. her durch die Steppe bildet eine Schwierig- keit, welcher in der Zeit der Auswandererkarawanen nach Californien und Oregon zahlreiche Opfer fielen. Doch bilden die Thäler des Missouri, des Platte R. und des Arkansas ebensoviel natürliche Bahnen, an die in der That zuerst die Auswandererstrassen und später die" Eisenbahnen sich anschlössen. Sie führen alle bis hart an das Gebirge hin oder sogar in dasselbe hinein. Durch das Ge- birge hindurch ist als von Natur bequemster Weg derjenige vorge- zeichnet, welcher über den Lewis and Clarke's-Pass von dem Missouri- ins Columbia-Thal führt. Weiter im S. folgt der Weg, den die Pacific-Bahn eingeschlagen hat, einer Oasenkette, deren Hauptpunkte durch denEvans-Pass, den grossen Salzsee, denHumboldt-Fluss und den Summit-Pass bezeichnet werden. Endlich führen noch weiter im S. aus dem Thal des oberen Rio Grande von Santa Fe und El Paso ab zwei von Natur gangbare Strassen in sw. Richtung nach dem unteren Colorado. Innerhalb der grossen Erhebungsmasse des W. kann als ein die natürlichen Verkehrsschwierigkeiten milderndes Moment die starke Vertretung der Hochebenen bezeichnet werden und das vor- züglich in dem Gebiete zwischen Columbia und Colorado. In der südlichen Hälfte des Colorado-Gebietes schafft dagegen die über- wiegende Canonform der Thäler ein tief- und steilzerschnittenes Gebiet, das die denkbar ungünstigsten Bedingungen für allen weiter- gehenden Verkehr umschliesst, und zwischen diesem Theile und dem Stillen Meer ist die Mohave-Wüste ein durch ihre Wasserarmuth schwer begehbares Gebiet, durch das aber dennoch ein erheblicher Verkehr zwischen Californien und dem Colorado- Gebiet sich bewegt u^id welches neuerlich sogar eine Eisenbahn erhalten hat. Dafür ist der Colorado trotz seiner Wasserarmuth durch die schmale und steile Thalbildung, die ihm eigen, für die Schiffahrt in grosser Länge geeignet. Ein besonderes Verkehrsgebiet bildet unter den pacifischen Gebieten Californien mit seinem zwischen Sierra und Küsten- gebirge eingeschalteten langen und breiten Thalbecken des Joaquin und Sacramento. Diese Flüsse sind in erheblichem Masse schiffbar und ihre Thalniederungen bieten eine fast hindernisslose Naturstrasse
1. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 43
vom Südende des Cascadengebirges bis zum Fusse des Tejon-Passes. Dagegen erschwert der rauhe Gebirgscharakter Nord-Californiens den Verkehr mit Oregon, d-em selbst heute noch keine Eisenbahn zur Verfügung steht. Der Columbia ist wegen seiner Stromschnellen nicht höher als 180 km von der Mündung schiffbar.
VIII. Die geographische Vertheilung der Wirthschaft
ist in erster Linie von den Naturbedingungen, in zweiter von der Dichtigkeit der Bevölkerung und den verschiedenen Gaben, Gewohn- heiten etc. derselben abhängig. In einem so weiten, dünn bevölkerten und von Natur ebenso reich als verschiedenartig ausgestatteten Gebiete wie dem der V. St. überwiegen für lange noch die ersteren. Zwar hat bei dem ganz natürlichen Streben, mit fortschreitender Cultur die Einseitigkeit in diesen Bethätigungen abzustreifen, schon heute ein Theil des W. und S. angefangen, von dem reinen Acker- bau zur Industrie überzugehen (Ohio, Indiana, Alabama u. a.), ebenso wie einige vor Kurzem noch vorwiegend viehzüchtende Gegen- den zum Ackerbau vorgeschritten sind (Texas, Californien). Californien hat seit 30 Jahren sogar drei Wandlungen durchgemacht, welche durch die Stufen: Bergbau, Viehzucht, Ackerbau und Industrie be- zeichnet werden. Sieht man aber ab von diesen erst im Beginne befindlichen Verschiebungen, die übrigens ihre Grenzen haben, und fasst diejenigen wirthschaftlichen Erscheinungen ins Auge, welche gegenwärtig noch in einem Gebiete so stark vertreten sind, dass sie diesem einen bestimmten Charakter aufprägen, so lassen sich Abgrenzungen ohne grossen Zwang in den folgenden Richtungen durchführen.
I. Industrieregion: Die Neuengland -Staaten, New York, New Jersey, Pennsylvanien , Maryland, Delaware, das östliche Ohio. Dicht- bevölkerte, hochc ultivirte Industrieregion, welche alle älteren Colonien an der atlantischen Küste, Virginien allein ausgenommen, und die grössten Handelsstädte der V. St. umschliesst und den grössten Theil des Handels mit Europa in Händen hat. Boden im Allgemeinen nicht sehr fruchtbar. Neben der altangesessenen, dichten und intelligenten Bevölkerung sind die günstige Handelslage und der Reich thum an Kohle und Eisen als wesent- liche Momente der wirthschaftlichen Bedeutung dieses Gebietes hervor- zuheben. Es umschliesst den dritten Theil der Bevölkerung der V. St.
44 I Die natürlichen Bedingungen der Culturent Wickelung.
und 7 Grossstädte ^) mit zusammen 2V5 Mill. Einw. Die beiden grössten Städte der Union gehören hierher.
II. Südliche Ackerbauregion. Umschliesst ausser Maryland, Delaware und Missouri alle früheren Sklavenstaaten, darunter einige der ältesten (Virginien, Florida) und jüngsten (Texas) Staaten. Die Bevölkerung ist dünn, stark mit farbigen Elementen durchsetzt, von sehr verschiedener Culturhöhe je nach dem Alter der Ansiedelungen, vorwiegend ackerbauend. Boden fruchtbar, aber in den älteren Theilen durch Raubbau ausgesogen. Hauptgetreide: Mais. In vielen Gegenden dichtbewaldet und in Folge dessen in neuerer Zeit viel Holz ausführend. Zahlreiche mittlere Städte, nur 1 Grossstadt (New Orleans). Dieses Gebiet kann vorzüglich nach der Art seiner Haupterzeugnisse wieder in zwei Theile zerlegt werden:
«)Die nördlichen Südstaaten: Virginien, W. Virginien, N. Carolina, Tennessee, Kentucky, Arkansas. Das Klima ist für den grossen Anbau der Baumwolle u. a. subtropischer Gewächse nicht überall geeignet, an deren Stelle vorzüglich Tabak und Hanf und in neuerer Zeit auch Getreide treten. Nicht bloss durch Klima, sondern auch durch Zusammen- setzung, Dichtigkeit und Vertheilung der Bevölkerung bilden diese Gegenden den Uebergang zum N. Sie umschliessen 15"/o der Bevölkerung.
b) Die eigentlichen Südstaaten oder Baumwollenstaaten. Die südatlantischen und Golfstaaten von S. Carolina bis Texas. Haupt- erzeugnisse : Baumwolle, Reis, Rohrzucker, Südfrüchte, Holz. Bevölkerung, in einigen Staaten zur Hälfte farbig, beträgt 14Vo der Gesammtbevölkerung.
III. Westliche Acker bau region: Ohio, Indiana, Illinois, Missouri, Iowa, die östlichen Hälften von Kansas und Nebraska, Michigan, Wisconsin, Minnesota, also den sog. Alten W. oder W. kurzweg und den NW. um- fassend. Diese Region ist das eigentliche Getreideland der V. St. lieber alle hervorragend sind Ohio, Indiana, Illinois und Iowa, welche die grösste Mais- und Weizenerzeugung und den grössten Viehstand haben. Sie er- zeugten 1877 allein 45Vo der gesammten Mais- und 33Vo der gesammten Weizenernte und besassen 20Vo des gesammten Rindviehstandes. Durch die Blüthe der Landwirthschaft und das starke Anwachsen der Bevölkerung sind auch die Industrie und der Handel in dieser Region zu bedeutender Entwickelung gelangt; sie werden ausserdem durch die ungemein günstigen Verkehrsverhältnisse (die Grossen Seen, der Mississippi, Missouri und Ohio) und durch Mineralschätze (Steinkohlen, Eisen, Blei) gefördert. Zeugen dafür sind 4 Grossstädte mit zusammen 930000 Einw. und ihre Be- völkerung, die V3 der gesammten umfasst.
IV. Steppenregion. Umschliesst die westlichen Theile von Kansas und Nebraska, den grössten Theil des Indianer-Terr., den N. und NW. von Texas, die nicht gebirgigen Theile des ganzen W. bis zum Felsen-
1) Ich verstehe hierunter diesem Namen Städte mit mehr als 100000 Einw.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 45
gebirge vorzüglich in Neu-Mexico, Colorado, Wyoming und Dakota. Dem Ackerbau nur in sehr beschränkter Ausdehnung zugänglich, nämlich in den Flussthälern und jenen Theilen, die künstlich bewässert werden können. Auch für die Viehzucht wegen des spärlichen Graswuchses und des sehr extremen und wechselvollen Klimas nur wenig nutzbar. Bis jetzt ohne nennenswerthe Mineralschätze. Scheint für alle Zeiten zur Unfruchtbarkeit ^ und Menschenleere verdammt zu sein. Bevölkerung höchstens 60000.
V. Die Gold- und Silberregion. Umschliesst die ganze Gebirgs- masse vom Felsengebirge bis zur Sierra Nevada, diese und das ealifornische Küstengebirge noch mit in sich fassend. Reich an Silber und Gold vor- züglich in Californien, Nevada, Utah und Colorado. Besitzt ausserdem andere Mineralschätze, auch Kohlen, welche noch manche neue Entwickelung verheissen. Nur die Berge sind bewaldet, die flachen Theile sind Steppen gleich denen der vorigen Region. Dem Ackerbau und der Viehzucht nur oasenweise wegen der Dürre und Wechselhaftigkeit des Klimas und der meist schon beträchtlichen Höhenlage zugänglich. Bevölkerung gegen 180000 (ca. 0,4 Vo).
VI. Der pacifische Abhang. Umschliesst die Theile von Californien, Oregon und Washington Terr., welche westlich von der Sierra und dem Cascadengebirge gelegen sind. Im N. durch sehr feuchtes, im S. durch mittelmeerisches Klima für Ackerbau, Viehzucht und Waldwuchs theilweise in ausgezeichneter Weise geeignet. Erheblicher Theil der Bevölkerung aus fleissigen Chinesen bestehend. Grosse Schafzucht, Weizen- und Wein- erzeugung. Südfrüchte. Diese Region hat 20% aller Schafe in den V. St., erzeugt mehr Wein als alle anderen Theile der Union zusammen und nimmt mit OVo an der gesammten Weizenerzeugung Theil. Starker Export von Edelmetallen, Bauholz und Weizen. Vorzügliche Handelslage. Industrie durch die Bedürfnisse des Bergbaues und die Entlegenheit der östlichen Industriecentren gefördert. Einzige Grossstadt ist S. Francisco, die dritte Handelsstadt der Union. Bevölkerung ca. l,5Vo.
IX. Unmittelbare Wirkungen der Natur auf den Geist des Volkes. Bei einem Volke, das der Natur im Ganzen noch so nahe steht, das von so mächtigen Scenen umgeben und in viel ent- schiedenerer Weise von seiner Natur Umgebung abhängig ist als jedes in derCultur ältere und dichter wohnendeVolk, müssen grosse unmittel- bare Einwirkungen der Natur vorausgesetzt werden. Sie werden auch in vielen Aeusserungen des Volksgeistes erkannt, sind aber schwer mit Bestimmtheit von anderen Erscheinungen zu sondern und in ihrer Eigenartigkeit festzustellen. So viel ist jedoch sicher, dass der Geist der Nordamerikaner von keiner Eigenschaft seines Wohngebietes
46 I. Bie natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
in so hohem Grade beeinflusst wird wie von der Weite desselben. So wie R. W. Emerson von den Gesetzgebern sagt, „die die Gesetze machen für das Land zwischen den zwei Oceanen und zwischen den Schneefeldern und dem Wendekreis", dass „etwas von der Grösse dieser Natur in ihrem Gesetzbuch erscheinen müsse", so meinen auch andere mit ihm, dass es „Amerika besonders leicht fällt, die weitesten Anschauungen zu erzeugen". Das Schrankenlose ^in dem Charakter des Nordamerikaners, das sich ausspricht in den grossartigen Plänen, die er fasst und oft auch durchführt, in der Ungewohnheit vor dem Niedagewesenen zurückzuschrecken nur weil es neu ist, in der Gewohnheit nichts für unmöglich zu halten, an was überhaupt Menschenkraft sich wagen kann, in der Zuversicht
v'^auf eine unerreichte Grösse, die seiner Nation beschieden sein wird : dieser Zug, der sehr wesentlich die Culturfortschritte des jungen Volkes befördert, ruht zu einem nicht geringen Theile auf dem v< Gefühl der räumlichen Weite. Es verliert vielleicht von seiner geradezu bezaubernden Macht in dem Masse, als dieses Gebiet mit zunehmender Erforschung und Besiedelung in ein helleres Licht tritt und als jene Mängel, die Theilen grosser Erdräume nothwendig ankleben: Unwirthlichkeit, Dürre, Unfruchtbarkeit, sich an die Stelle der reizenden Bilder drängen, die man sich von der Zukunft eines Landes, gross wie Europa und fruchtbar wie das Mississippi- Thal, gemacht hat. Doch bleibt noch immer genug, um jenem
v^kühnen, alles Beste für sich erwartenden Optimismus Nahrung zu geben, der so viel dazu beiträgt, der nordamerikanischen Gesellschaft einen Zug von jugendlicher Frische zu geben. Durch alle Ent- täuschungen politischer und wirthschaftlicher Art lebt unverwüst- lich der Glaube fort an die grosse Zukunft der Union. Dies ist ein Boden, auf dem die Kraft wächst. Schweres zu überwinden und Grosses zu leisten. Ob freilich nicht dem Geiste eines Volkes, das auf so weitem Gebiete in zusammenhängendem Staate sich entwickelt, bei aller Grossartigkeit eine gewisse Einförmigkeit sich
^ aufprägen wird? Man hat die Frage bereits bestimmt in dem Sinne bejahen wollen, dass aus den V. St. ein zweites China von starrer Einerleiheit werden müsse. Es ist noch lange bis dahin. Man hat in dieser Beziehung, wie es scheint, eine vorübergehende Er-
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scheinung für den Keim einer bleibenden Entwickelung genommen. Wenn eine gewisse Einförmigkeit in der heutigen Bevölkerung der V. St. wahrzunehmen ist, so beruht dies darauf, dass sie noch nicht Zeit gehabt hat, in ihren verschiedenen Wohngebieten sich heimisch zu machen und die Sondermerkmale anzunehmen, welche denselben entsprechen. Wir haben die Naturgebiete der V. St. hervorgehoben (s. S. 12 u. 43) und dabei nicht gefunden, dass sie eine soviel grössere Einförmigkeit zeigen als die entsprechenden Abschnitte der meisten anderen Theile der Erde. Freilich muss man nicht mit europäischem Massstabe an diese gross angelegte Gliederung herantreten. Nord-Amerika hat keine Räume wie Grossbritannien, Spanien oder Italien. Insofern ist es nicht von Natur zum Schau- platz zalilreicher historischer Sonderentwickelungen vorherbestimmt. Dass aber andere wirthschaftliche und sociale und damit auch geschichtliche Entwickelungen in der Bevölkerung der Seeregion als in der des Golfgebietes, andere in der der Mississippi-Niederungen als in der des Hochlandes im W. sich vollziehen werden, ist sicher. Und dann kommt hierbei die Bevölkerung doch auch in Frage, die sich nicht ohne Weiteres von ihren Umgebungen modeln lässt. Wenn die Indianer Nord-Amerikas einförmig waren und die Chinesen es noch heute sind, so ist es zum Theil die weniger in sich selber individualisirte Rasse, welche das bewirkt. Aber so gut man nicht glaubt, dass Nord- Amerika der Schauplatz einer mitten in ihrem Entwickelungsgang plötzlich stille stehenden Halbcultur zu werden bestimmt sei, so wenig ist anzunehmen, dass das Volk des Missis- sippi-Thaies je den heerdenhaften Charakter desjenigen am Hoangho und Yangtsze annehmen werde. Eine andere Sache ist die neue Er- scheinung, dass ein gleichsprachiges und im Ganzen gleiche Sitten und Anschauungen hegendes Volk sich über ein so weites zusammen- hängendes Wohngebiet verbreitet. Aber damit hat die Natur des Landes zunächst nichts zu thun. Uebrigens schwebt jede Specu- lation auf die zu erwartende Ein- und Gleichförmigkeit der Nord- amerikaner in der Luft, solange wir neben den Angelsachsen über 5 Mill. Angehörige dreier nichtkaukasischer Rassen und mehr als die doppelte Zahl von Abkömmlingen nichtenglischer Einwanderer in sehr verschiedener geographischer Verbreitung das Gebiet der
^
48 I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung.
V. St. bewohnen sehen. Die unvermeidliche Zumischung ihres Blutes zu dem der „neuen Rasse" der Anglo- Amerikaner wird diese gewiss hinreichend vor den angeblich so mächtigen gleich- machenden Einflüssen ihres Wohngebietes schützen.
Dem Gebiete der V. St. fehlen fast ganz jene furchtbar gewaltigen, unberechenbaren Naturerscheinungen, denen man einen grossen Ein- fluss auf die Entwickelung der religiösen Gefühle und des Aber- glaubens zuschreibt, wie die Vulkanausbrüche, die heftigen Erdbeben, die verheerenden Stürme und oft wiederkehrende grosse Ueberschwem- mungen. Wenn also Buckle sagt : „In den aussereuropäischen Culturländern war die ganze Natur verschworen, um die Phantasie zu erhöhen und den Verstand zu schwächen", so gilt dies nicht auch von Nord- Amerika, das im Gegentheil zu jenen gehört, „wo die Naturerscheinungen darauf hinzielen, die Phantasie zu be- schränken, den Verstand hingegen kühn zu machen und so den Menschen mit Vertrauen auf seine eigenen Hilfsmittel zu er- füllen"^). Entschieden thätige Vulkane besitzen die V. St. nur in dem fernen Alaska, das doch nur als Colonie gelten kann. Eine Region starker Erdbeben ist nur Californien mit den angrenzenden Theilen von Arizona und Nevada. Die gefürchteten Tornados der Süd- und Weststaaten erreichen entfernt nicht die Heftigkeit der tropi- schen Wirbelstürme, wenn sie auch viel verheerender auftreten als in Europa. Die U e b e r s c h w e m m u n g e n fehlen natürlich nicht, sind aber selten von verheerender Macht. Im 0. mangeln die hohen schneereichen Gebirge und die starken Gefälle, die die Flüsse der Alpen, Pyrenäen, des Himalaya so gefährlich machen; im W. ist der Wasserreichthum nicht gross genug. Selbst die Hunderte von Quadratmeilen bedeckenden Ueberschwemmungen des unteren Mis- sissippi kosten im schlimmsten Falle nur wenigen Menschen das Leben, denn sie kommen weder mit bestürzender Geschwindigkeit, noch vereinigen sie sich mit plötzlich hereinbrechenden Sturmfluten. Die grosse Erscheinung der in Strömen sich hinaufwälzenden Bore kennt keiner der Ströme dieses Gebietes. Vor Hunger snoth kann bei dem noch für lange hinaus verfügbaren Ueberfluss an frucht-
1) Geschichte der Civilisation in England 1868 I 111.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 49
baren Lande und dem Reichthum der Verkehrsmittel keine Rede sein. Die Feuer sbrünste, welche die amerikanischen Städte mehr ^ als die europäischen heimsuchen, sind ein Elementarereigniss, welchem man nicht machtlos gegenübersteht; die Trockenheit und die langandauernden Wärmeperioden des Klimas mögen diese Gefahr verschärfen, aber ihre Minderung liegt grossentheils in der Hand des Menschen, der besser bauen und sorgfältiger mit dem Feuer umgehen könnte. Die Wald- und Präriebrände sind grosse Er- scheinungen für das Auge, aber nur in seltenen Fällen werden sie dem Menschen gefährlich. Das grösste und unabweisbarste der Uebel, v/ mit denen die Natur eines Theiles des Landes behaftet ist, das gelbe Fieber, ist wahrscheinlich ebensowenig durchaus unvermeidlich, son- dern könnte wenigstens gemildert werden durch grössere Reinlichkeit in den Städten des S., vielleicht auch'durch sorgfLiltigere Abschliessung gegen Westindien. Aber selbst mit dieser in kurzen Zwischenräumen wiederkehrenden Seuche gehört das Gebiet der V. St. im Ganzen zu den glücklichen Regionen, deren Natur einen massvollen Charakter zeigt und den mittleren Grad von Thätigkeit entfaltet, der ebenso fern von der Starrheit des Eises als den Excessen der Tropen bleibt. Die Natur Europas hat dieses selbe glückliche Mass, welches man mit grossem Recht als die Vorbedingung einer stetigen und dauer- haften Culturentwickelung betrachtet. In Nord-Amerika ist nur ein grosser Theil des steppenhaften W. mit seinem extremen Klima von demselben ausgeschlossen. Auch kann man behaupten, dass, was die geringe Entwickelung derjenigen Geistesrichtungen betrifft, welche von diesen Erscheinungen begünstigt werden, wie Aber- glaube, scheue, gedrückte, unternehmungslose Gemüthsstimmung, Schwanken zwischen Extremen, der Geist des Nordamerikaners auf derselben Höhe steht wie der des Europäers. — Darum fehlen aber nicht die grossen Naturscenen, welche einen tiefen Eindruck auf die Phantasie vorzüglich in der Richtung auf das Begeisternde und Erhebende machen. Nur sind sie friedlicherer Natur. Ihr Einfluss ist besonders in der Poesie und der Kunst zu erkennen ^), wo nicht
1) Angeblich auch in der Kleidung. Ch. Lyell, der schon in seinen Travels in North America (1844. I 3) den Farbenreichthura nordamerikanischer Sonnen- untergänge hervorhebt, ist über die „Helligkeit der Atmosphäre" in New York
ß a t z e 1 , Amerika U. t
50 I. Die natürlichen Bedingungen der Cultnrentwickeliing.
nur die Naturschilderung und Landschaftsmalerei als mit Vorliebe gepflegte Zweige erscheinen, sondern er macht sich noch mehr in der Liebe geltend, mit der jene Klassen, die sich geistigen Luxus er- lauben können, der Natur entgegenkommen. Es geschieht das mit Bewusstsein. Man reist viel und in den landscliaftlich begünstigten
v^Gegenden der Alleghanies, der Meeresküste und der Sierra wim- melt es von Naturfreunden, die in wochenlangen Urwaldwande- rungen die- Natur kräftigst auf sich wirken lassen. In den Städten wird grosser Werth auf möglichst ausgedehnte Parks gelegt. Einen so geradezu fanatischen Naturenthusiasten wie H. D. Thoreau
^ kennt die deutsche Literatur nicht, während Bryant, Emerson und Hawthorne sich unseren besten Naturschilderern an die Seite stellen^). Gewiss ist der Mangel einer alten Geschichte und ihrer
erstaunt und meint, dass dieselbe zur Verwendung von hellen, leuchtenden Farben in Kleidung und Möbeln anregen müsse (Second Visit 1855).
1) Die Besprechung dieser Verhältnisse hat, trotzdem sie oflFen liegen, selbst bei wissenschaftlichen Schriftstellern wahre Blüthen von Oberflächlichkeit hervorspriessen lassen. „Und in der That, mir scheint, sagt z. B. B. v. Cotta, dass dieser Mangel an landschaftlicher Komantik bereits seinen Einfluss auf den Charakter der erst seit wenigen Jahrhunderten Eingewanderten ausgeübt hat, die, fast von aller Romantik absehend, sich auf einer durchaus praktischen Bahn bewegen. Keine genussreiche Schwärmerei zieht sie ab von den ernst- genommenen Geschäften des Lebens, zu denen dort auch die Jagd gehört. Wer reist in Nord-Amerika zum reinen Vergnügen ? Der Ursprung des bezeichnenden Wahlspruches „go a head" liegt tief in der Natur des Landes begründet"- (Deutschlands Boden 1854. IL 50). Soviel Worte, soviel Schiefheiten! Dagegen haben einige deutsche und französische Schriftsteller, welche über nordameri- kanische Literatur schrieben, dem starken Vorwalten des Naturgefühles ver-
..1 ständnissvoll Rechnung getragen, am meisten Spielhagen in seinen „Vermischten Schriften" (1868), A. Strodtmann in der Einleitung zur „Amerikanischen Antho- logie" (1870) und Philaretes Chasles in seinen „Etudes sur la litterature et les moeurs des Anglo-Americains (1851 S. 291). Der Kenner der nordamerikanischen Literatur wird eher den Eindruck eines zu tiefen, fast krankhaften Natur-
,/gefühles, eines zu weit überschattenden Ilereinragens der äusseren Natur em- pfangen als des Gegentheils, und zw^ar nicht nur aus den bedeutenden, sondern mehr noch aus den 10000 unbedeutenden Dichtern, die die im Uebrigen so mate- riellen Zwecken gewidmeten Spalten nordamerikanischer Zeitungen in einer bei uns unbekannten Ausdehnung unsicher machen. Uebrigens scheint es Tocqueville \/ zu sein, der die Fabel von dem Mangel an Natursinn bei den Nordamerikanern zuerst in Curs gebracht. „La Democratie en Amerique" enthält Bd. II Cap. 17 u. 18 in dieser Richtung Aufstellungen, welche bei diesem feinen Kopf und dieser Sachkennerschaft Staunen erwecken.
I. Die natürlichen Bedingungen der Culturentwickelung. 51
Denkmäler ein Grund in der Verehrung, die man der Natur ent- gegenbringt. Man sucht einen Ersatz. Und freilich sind die alten Ulmen und Ahorne Neu-Englands, die Riesensykamoren des Ohio- Thaies und die Mammuthcedern der Sierra älter als die älteste Spur europäischer Geschichte in Nord - Amerika. Von dieser selbst heute noch vielfach jungfräulichen Natur hebt sich alles Menschliche viel kleiner ab. Es braucht dazu nicht der über- wältigenden Naturbilder des Niagara oder Mississippi, der neu- engländischen Felsenküste oder der dunkeln Alleghany-Urwälder, überhaupt nicht dessen, was man im landläufigen Sinn schöne oder grosse Natur nennt. Daran ist Europa allerdings reicher als Nord- Amerika; wenigstens sind seine Schönheiten mannigfaltiger und räumlich concentrirter. (Vgl. Bd. I S. 429 — 32.) Es genügt jedoch vollkommen, dass noch sehr viel ungezähmte und unverdorbene Natur vorhanden sei, an die ein Geist sich anschliessen kann, der von menschlichem Treiben allein sich nicht ausfüllen lassen will. Und daran fehlt es gewiss nicht. Wenn wir annehmen, dass eine anziehende Naturumgebung zu den für die harmonische Ausbildung des Geistes eines Volkes nothwendigen Elementen gehöre — und diese Annahme wird gegenüber einem so rastlos thätigen, zeitweiliger Ausspannung sehr benöthigenden Volke wie den Amerikanern doppelt berechtigt sein — so können wir sagen, dass auch für die Erfüllung dieses Bedürfnisses in dem Gebiete der V. St. gesorgt ist.
4*
II. Geschichtlicher Ueberblick.
I. Aus der Entdeckung der nordamerikanischen Festlandküste zwischen C. Breton und Florida durch Johann und Sebastian Cabot leitete England, das diese Entdecker ausgesandt hatte, den Rechtstitel auf diejenigen Theile Amerikas ab, welche an dieser Küste gelegen sind. Die wirkliche Besitzergreifung durch Coloniengründung fand aber erst lange nach der Entdeckung statt. 1497, also ein Jahr vor der Entdeckung des süd- amerikanischen Festlandes durch Columbus, hatten die beiden Cabot die nordamerikanische Küste angesegelt, aber nicht eher als 1584 begannen die ernsthaften Versuche Englands, Theile derselben durch Colonisation auszubeuten oder sich fest anzueignen. Walter Raleigh erhielt in diesem Jahre eine Concession von Seiten der Königin Elisabeth und machte drei verschiedene Versuche der Coloniengründung im heutigen Virginien, das diesen Namen zu Ehren der jungfräulichen Königin erhielt; aber diese Versuche gelangen so wenig, dass es im Anfange des nächsten Jahr- hunderts eine Zeit gab, in der in ganz Amerika keine einzige englische Niederlassung mehr bestand. Jacob I., der, wie alle friedlichen Thätig- keiten seines Volkes , so auch die Coloniengründung begünstigte , theilte 1606 den ganzen atlantischen Rand Nord- Amerikas zwischen den damals schon besiedelten spanischen, bezw. französischen Besitzungen von Florida und Canada in eine nördliche und eine südliche Colonie , von denen nur die letztere den bisher für diesen ganzen Strich üblichen Namen Virginia behielt, während die erstere Nordcolonie, Colonie von Plymouth und später Neu -England genannt ward. Die Concession für Ausbeutung und Besiedelung Virginias erhielt eine londoner Gesellschaft, an deren Spitze u. a. der bekannte Geograph Richard Hakluyt stand, dessen Kenntnisse und Rathschläge damals von grossem Gewichte waren und der unter der Regierung Jacob's I. mehr als irgend ein einzelner Mann für die Besiede- lung Amerikas und für Verbreitung von Kenntnissen über dasselbe that. Diese Concession schuf übrigens weiter nichts als eine Gesellschaft für Handel, Pflanzung und Fischerei, die das Land, das sie in Besitz nahm, vom König zu Lehen hatte, der ein Direktor und ein Rath der Aktionäre in London und ein Präsident nebst Rath am Ort ,der Ansiedelung vorstand und welche vollkommen freie Hand hatte in allem, was nicht den Ge-
IL Geschichtlicher Ueberblick. 53
setzen des Mutterlandes widersprach ; sie hatte das Recht alle Unter- thanen des Königs, die auswandern wollten, als Ansiedler aufzunehmen, und dieselben sollten derselben Freiheiten sich erfreuen wie die Eng- länder des Mutterlandes; schwere Vergehen durften nicht an Ort und Stelle, sondern mussten in England abgeurtheilt werden; aber die politi- schen Rechte waren den Ansiedlern vorenthalten, sie hatten keinen Ein- fluss auf die Zusammensetzung weder des Colonial- noch des Oberen- Rathes. 1607 wurde die erste Expedition ausgesandt, die durch ihre wenig vortheilhafte Zusammensetzung (auf 4 Glücksucher und Abenteurer kam 1 Arbeiter), durch die Angriffe der Indianer und einen Versuch Güter- gemeinschaft einzuführen, an rascher Entwickelung gehindert ward. Eine energische Persönlichkeit, jener um seiner romantischen Fahrten und Abenteuer willen vielgenannte Capt. Smith, hielt die Colonie, die bald in Trümmer gehen wollte, noch zusammen. Spätere Expeditionen ver- mehrten nur langsam die Widerstands- und Arbeitskraft der Colonisten, und es war endlich nichts anderes als die Einführung des Tabaksbaues, welche der Colonie die erforderliche wirthschaftliche Grundlage verschaffte. Tabak blieb lange Zeit das einzige nennenswerthe Produkt von Virginien, welches demselben einen rasch zunehmenden Reichthum, aber zugleich auch den Keim späteren Verfalls, die Negersklaverei, verdankte. 1620 lief zum ersten Mal ein mit Negersklaven beladenes Schiff von Guinea kommend in den James R. ein. Auch zahlreiche weisse Einwanderer kamen nach Virginien, welche nicht die Mittel hatten, ihre Ueberfahrt zu zahlen, und daher bis zur Tilgung der für dieselbe eingegangenen Schuld in einer zeitlichen , der Sklaverei im Uebrigen sehr ähnlichen Gebundenheit {in- dented servants nannte man sie) für einen Herrn arbeiten mussten, und es geschah auf diese Weise, dass eine starke Arbeiterbevölkerung sich in der Colonie ansammelte, aus welcher verhältnissmässig wenig grössere Landbesitzer sich hervorhoben. Unter diesen letzteren waren jüngere Angehörige englischer Adelshäuser nicht selten und der reiche Pflanzer, der auf seiner weiten Domäne sass, wo er nur Diener oder Sklaven um sich sah, während Tagreisen ihn von seinesgleichen trennten, fast selbst- verständlich Vertreter in der Legislatur, Friedensrichter, Führer der Miliz seines Bezirkes, wurde das Ebenbild des altenglischen Squire. Man begreift, dass unter solchen günstigen Bedingungen der Entwickelung hervorragender Einzelner aus der Old Dominion, wie Virginia sich mit aristokratischer Betonung nannte, der grösste Theil der fähigen Staats- niänner und Generale hervorgehen konnte, deren die V. St. in den ersten Jahren ihres Bestandes sich erfreuten; man begreift auch, dass ein eigener aristokratischer Typus von Amerikanern in diesem, auch von der Natur so hochbegünstigten Theile der Union sich ausbilden konnte. Bei seiner Bedeutung für die Entwickelung des Volksgeistes in den V. St. werden wir ihm noch öfter zu begegnen haben.
54 II. Geschichtlicher Ueberblick.
Neben diesem einen Ansatz nordamerikanischer Staats- und Gesell- schaftsbildung entwickelte sich an derselben Küste 5 Breitengrade weiter nördlich ein zweiter aus ganz anderen Elementen und unter sehr weit ver- schiedenen Bedingungen. Durch die Verleihung des Königs Jacob vom Jahre 1606 waren die neuentdeckten Lander der Ostküste Nord- Amerikas an zwei Gesellschaften zur Besiedelung und Ausbeutung übergeben worden; diejenige, derVirginien zugefallen war, die Süd-Gesellschaft, hatte ihren Sitz in London und zählte vorwiegend Edelleute zu ihren Mitgliedern, während die Nord-Gesellschaft aus Kauf leuten von Plymouth und Bristol bestand. Das Gebiet, das nördlich von Virginien zu besiedeln war, fiel bereits unter die Herrschaft eines rauheren Klimas als jene begünstigteren Striche am James R. und der Chesapeake Bay, und die Schwierigkeiten, mit denen Virginien zu kämpfen gehabt hatte, waren hier, wo an Stelle der jugend- frischen Unternehmungslust abenteuernder Cavaliere die Bedächtigkeit kleinerer Kaufleute stand, welche ihre sauer erworbenen Kapitalien nicht auf diese einzige Karte zu setzen gedachten, doppelt vorhanden. An den Tabak, der dort zuletzt allein im Stande gewesen war, der jungen Colonie eine sichere Unterlage zu geben, oder an andere Culturen, die rasche Gewinne verhiessen, war hier vorerst nicht zu denken. Seit 1607, dem Jahr der ersten Ansiedelung in diesem Gebiete, welche bei Sadahoc im heutigen Staate Maine gegründet, aber wegen der Strenge des Klimas bald wieder aufgegeben ward, wurden mehrere Versuche gemacht, sich an der Küste festzusetzen, die 1614 von dem oben genannten Capt. Smith zwischen dem Penobscot R. und Cape Cod aufgenommen und von Karl L, damals noch Prinz, mit dem Namen Neu-England belegt worden war. Nicht früher als 1620, zu einer Zeit, in der Virginien seine Zu- kunft schon fest in Händen hielt, gelang es einer Gesellschaft von Puri- tanern, die ihres Glaubens halber England verlassen und in Holland sich niedergelassen hatten, an der Küste des heutigen Massachusetts, wohin sie selbst nur ein Zufall getragen hatte, eine Niederlassung zu gründen. Ihr Ziel war die Mündungsbucht des unteren Hudson gewesen, die 1609 von Hudson entdeckt worden war, ein Gebiet, das zur Con- cession der Süd-Gesellschaft gehörte. Sie Hessen sich an der Stelle des heutigen New Plymouth Mass. nieder, nachdem sie noch an Bord des Schiffes sich in einem geschriebenen Contrakt verbunden hatten, einen politischen und bürgerlichen Körper zu bilden, um die Ordnung unter sich aufrecht zu erhalten und ihr gestecktes Ziel zu erreichen, sich die- jenigen Gesetze, Verordnungen und Beamte zu geben, welche nützlich und dem Wohle der Colonie angemessen erachtet würden und zu diesem Zwecke Gehorsam zu leisten. Dieser Contrakt ist später in erweiterter und im Einzelnen abgeänderter Form von manchen anderen Colonien, die von Neu-England sich abzweigten, eingegangen worden und er gilt als einer der hervorragenden Marksteine in den Anfängen Nord- Amerikas.
n. Geschichtliclier Ueberblick. 55
Er legt Zeugniss ab von einem Geist der Ordnung, der sonst selten über den Coloniengründungen zu walten pflegt. Und die Ansiedler von New Plyraouth hatten noch ganz anderes im Sinn, als in diesem Contrakte niedergelegt ist. Ihr Hauptziel war die Errichtung eines Gemeinwesens, in dem sie nicht bloss ihrem Glauben frei und unbehelligt nachleben konnten, sondern das auch in den weltlichen Dingen den ernsten und strengen Geist ausprägen sollte , von dem sie erfüllt waren. Das ganze Leben, Familie, Gemeinde, Staat, auf die Grundlage ernstester Religiosität zu stellen, war die Aufgabe, die sie sich setzten. Ohne der Unberechenbar- keit des Verlaufes geschichtlicher Ereignisse im geringsten vorgreifen zu wollen, kann man wohl behaupten, dass in dem wenig fruchtbaren Lande, in dem unfreundlichen Klima und beim Mangel alles dessen, was, wie Gold- oder Silberfundc, Menschen auch in drückenden Verhältnissen sich eine neue Heimat bereiten lässt, die Colonien in Neu -England nur schwer und langsam gediehen sein würden, wenn nicht dieser ideale Faktor der Religion über die Schwierigkeiten und Stösse des äusseren Lebens hinweggeholfen hätte. Die erste Gesellschaft von Puritanern kam am 22. December 1620 an der Küste von Massachusetts an. Zum Unglück hatten sie dieselbe Idee wie die Virginier, ihre wirthschaftliche Thätigkeit auf Gütergemeinschaft zu gründen, und es fehlte auch hier wenig, dass dieser verfehlte Anfang den ganzen Ansiedelungsversuch scheitern Hess. Sie waren sicherer auf dem politischen Gebiet, wo sie ebenfalls neuernd, aber aus innerer und äusserster Nothwendigkeit neuernd, auftraten. Die 40 Familienväter der Erstangekommenen, Leute, die fast durchweg dem Mittelstande angehörten, aus denselben Gründen die Heimat verlassen hatten, von demselben Glaubenseifer beseelt waren und das gleiche Schicksal, ob gut oder übel, erwarten mussten, versprachen sich alle die gleichen Rechte und eine reine Demokratie ging aus ihrer Mitte hervor. Ein Governor, durch allgemeines Stimmrecht gewählt, ein Rath von Fünfen, eine gesetzgebende Versammlung, welche alle männlichen und mündigen Glieder der Colonie umschloss — dies war die erste Re- gierung, die die Männer von New Plymouth sich gaben. Erst als die Bürger sich über einen zu weiten Raum ausgebreitet hatten, um unge- stört öfters sich vereinigen zu können, im Jahr 1639, wurde die Ver- tretung durch Abgeordnete eingeführt. 1629 erhielt sie eine Befestigung ihrer bis dahin ohne jedes Recht auf fremdem Boden geführten Existenz durch ein Patent des indessen an Stelle der Nord-Gesellschaft getretenen Grand Council of Plymouth, welches den Genuss aller Privilegien der Gesellschaft auf die Colonie übertrug. Diese Verleihung, welche eine Colonisationsgesellschaft einer anderen machte, Hess diese letztere that- sächlich unabhängig werden. Von Regierungswegen kümmerte sich Nie- mand um die Handvoll Leute in dem fernen Winkel eines als unwirthlich
56 11. Geschichtlicher Ueberblick.
verschrieenen Landes. 1690 wurde New Plymouth durch die Charte von Wilhelm und Marie in die Provinz Massachusetts einverleibt.
Massachusetts ist die zweite der Colonien, welche Neu-England besiedelten. Die Schenkung des Landes, das sie einnahm, stammt aus der Zeit, in der die ersten Puritaner nach New Plymouth auswanderten. Sie ruhte zunächst auf einer Verleihung des Landes zwischen 40 und 48" n. Br., welche Jacob 1. einer Gesellschaft machte, die sich als Grand Council of Plymouth gebildet hatte; da indessen dieselbe keine An- strengungen machte, um diese Zuweisung durch Coloniengründung aus- zunützen, gab Karl I. 1629 einer Anzahl von Puritanern das Recht sich von der Gesellschaft einen grossen Theil des Landes abtreten zu lassen, das derselben verliehen worden war. Sie erhielten das Gebiet des späteren Massachusetts, Connecticut, Ehode Island, New Hampshire und Maine. Dieser Rechtsbrief Karl's L setzte die Gründung einer Gesellschaft in Eng- land voraus, welcher die Anlegung von Colonien in dem bezeichneten Gebiete übertragen wurde. Indem diese Gesellschaft vollständig nur als eine Handelsgesellschaft betrachtet wurde, überliess man sie sich selbst. Es war zwar festgesetzt, in welcher Form die Colonie durch Governor, Stellvertreter und die von den Freemen gewählten Beisitzer verwaltet werden sollte, aber die Regierung hatte sich in keiner Weise Rechte hinsichtlich der weiteren Einrichtungen oder Veränderungen vorbehalten, welche die Gesellschaft etwa treffen würde. Die Beamten der Colonie sollten in bestimmten in England abzuhaltenden Versammlungen von den Mitgliedern der Gesellschaft gewählt werden. Diese Fernhaltung der Regierung des Mutterlandes von allen inneren Angelegenheiten der Colonie, welche man durchaus nur als eine Art von Handels- oder Ackerbau- gesellschaft betrachtete, ist von den wichtigsten Folgen für die Entwickelung des Colonialwesens in Nord-Amerika geworden. Nur durch sie war es den Colonien möglich, sich wie Freistaaten ganz nach ihrem eigenen Willen und Bedürfniss zu gestalten. In diesem Punkte des Freibriefes der Colonie von Massachusetts haben die amerikanischen Geschichtschreiber mit Recht den Keim der künftigen Republik der V. St. schon erkannt. Auf Grund dieser Verleihung gingen 1629 fünf Schiffe mit 300 Auswanderern nach Amerika ab und landeten in der Massachusetts-Bai in der Nähe eines Punktes, den schon das Jahr vorher eine kleinere Colonie zur Nieder- lassung gewählt und Salem genannt hatte. Es waren ausnahmslos Puritaner, die auch diese Niederlassung gründeten; durch ein privates Ueberein- kommen mit der Colonialgesellschaft in England übertrugen sie 1629 alle Rechte derselben und vor allem die ganze Verwaltung nach Amerika in das Herz der Colonie. Diese wurde auf solche Art schon in den ersten Jahren nach ihrer Begründung ein selbständiges, sich durchaus selbst verwaltendes, im Grunde also republikanisches Staatswesen. Die Delegirten, welche seit 1634 als Vertreter der Colonen zusammentraten, da die
II. Geschichtlicher Ueberblick, 57
wachsende Ausdehnung der Ansiedelungen die unmittelbare Vertretung unmöglich machte, zogen nur die Consequenz dieses ersten Schrittes, als sie erklärten, dass sie zusammen mit dem Governor und seinen Beiräthen die oberste gesetzgebende Gewalt der Colonie ausmachten, dass ihre Körperschaft nur durch eigenen Mehrheitsbeschluss aufgelöst werden könne, dass die Vertheilung der öffentlichen Ländereien ihr allein zustelle u. s. f. Rhode Island, Connecticut und New Hampshire, welche dem grössten Theil ihres Bestandes nach als Tochtercolonien von Massachusetts anzusehen sind, folgten diesem Beispiel. „Von diesem Augenblick an sind die Colonicn nicht als Körperschaften zu betrachten, die mit fest umschriebener Macht- befugniss von Seiten der Gesellschaft ausgestattet sind , der sie ihre Gründung verdanken, sondern als unabhängige Staaten, welche aus eigenem Entschluss sich Verfassungen nach dem Muster der englischen gegeben haben" *). In diesen Formen lebte ein entschieden demokratischer Geist, der an den ausgeprägt demokratischen Principicn der Staatskirche dieser Puritaner sich gebildet hatte. Er tritt mit überraschender Entschiedenheit in zahlreichen Ereignissen der Geschichte besonders der ersten Jahre der neuengländischen Colonien hervor, und dass „die politische Frei- heit hier von demselben Datum wie die Einwanderung selbst", ist eine der sichersten Folgerungen, die man aus der älteren Geschichte der neuengländischen Colonien ziehen kann.
Unter den Tochtercolonien von Massachusetts ist Rhode Island die älteste. Sie verdankt ihre Entstehung religiösen Zwistigkeiten, wie sie unvermeidlich waren in von religiösen Ideen so fast ausschliesslich er- füllten Gemeinwesen. Indem dieselben durch religiöse Verfolgungen zu fanatischer Ilochhaltung ihres Glaubens gedrängt worden waren, konnten sie unmöglich ihrerseits Meinungsverschiedenheiten in denselben religiösen Fragen dulden, für deren Hochhaltung sie selbst so viel gelitten hatten. 1636 gründete ein Prediger, der für die Freiheit des Gewissens und für die völlige Ablösung der Kirche vom Staat kämpfte, Roger Williams, mit einem Theil seiner Gemeinde im Gebiet der Narragansetts die Stadt Providence. 1637 verliess eine andere Gruppe von Sektirern, deren Meinungen in derselben Richtung sich bewegten, Boston und siedelte sich auf der Insel Rhode Island an. 1644 verschmolzen sich die beiden Ansiedelungen zu einem Gemeinwesen und empfingen die Anerkennung ihrer Selbständigkeit von Seiten des Parlamentes. Diesem kleinen Rhode Island gebülirt zusammen mit Maryland der Ruhm, die Fahne der Religions- freiheit zuerst in Nord-Amerika entfaltet zu haben. Noch lange war es der Zufluchtsort der Fremdgläubigen, welche von den Puritanern aus- gestossen wurden. „Diese Colonie, schrieb ein heftiger Puritaner 1695, ist ein Haufe von Antinomisten, Familisten, Wiedertäufern, Ärminianern,
1) Laboulaye, Hist. des Etats-Unis 1870 S. 156.
58 n. Geschichtlicher üeberblick.
Antisabbatisten, Socinianern, Quäkern, Convulsionären , mit einem Wort von allem, nur nicht von wahren Christen. Wenn ein Mensch seinen Glauben verlöre, er wäre sicher denselben in irgend einem Dorfe von Rhode Island wiederzufinden"*). Auch Connecticut verdankt seine Gründung einer Auswanderung aus Massachusetts, aber die Annahme, dass dies eine Auswanderung aus religiösen Gründen gewesen sei, wird nicht von allen getheilt. Thatsache ist, dass ein Priester Namens Hooker sich 1636 mit einem Theile seiner Gemeinde im Thale des Connecticut nieder- liess, wo allerdings schon früher einige zerstreute Ansiedler aus den holländischen Niederlassungen am Hudson sich eingefunden hatten. In derselben Landschaft Hess sich 1638 eine Puritanergemeinde nieder, welche sich eine seltsame, treu den alttestamentlichen Mustern nachgeahmte Ver- fassung gab. 1663 erhielten diese Niederlassungen unter dem gemein- samen Namen Connecticut einen Rechtsbrief, der denselben dieselbe volle Freiheit verlieh, deren Massachusetts und Rhode Island sich erfreuten. In den zwei nördlichen Neuengland-Staaten New Hampshire und Maine sammelte sich die Bevölkerung zum Theil aus Europäern, die direkt herübergesandt wurden, um die Ländereien zu bevölkern, welche einzelne hohe Persönlichkeiten sich in dieser Gegend hatten schenken lassen, zum Theil, und zwar zum grösseren, aus Ansiedlern von Massa- chusetts. Die letzteren sind es, welche sowohl durch ihre Zahl als ihr moralisches Gewicht den beiden Colonien den Stempel von neuengländischen Colonien aufdrückten. 1642 vereinigte sich New Hampshire mit Massachusetts, wurde aber durch Karl II. wieder davon getrennt und zu einer englischen Provinz, der ersten in Neu-England, erklärt. Auch von Maine nahm Massachusetts, auf seinen Rechtsbrief gestützt, 1652 einen grossen Theil in Anspruch und kaufte dem Besitzer dieses Staates 1665 das Besitzrecht um eine Kleinigkeit ab. Maine hat über den Unabhängigkeitskrieg hinaus zu Massachusetts gehört und ist ein eigener Staat nicht eher als 1820 geworden.
Zwischen Neu-England und Virginien, in dem breiten und fruchtbaren Striche, der zwischen Gebirg und Meer von den Flüssen Hudson, Delaware und Potomac bewässert wird, entstanden kurze Zeit vor und nach jenen ebenfalls Niederlassungen europäischer Auswanderer, welche die Keime zu den späteren Colonien bezw. Staaten von New York, Maryland, New Jersey und Delaware legten. Die älteste von diesen ist New York. Hudson hatte 1609 den Fluss entdeckt, der nach seinem Namen genannt wurde, und hatte das Land an der Mündung desselben in Besitz genommen. 1614 wurde auf der kleinen Münduugsinsel Manhattan, welche heute zur Hälfte von dem Iläusermeer New Yorks bedeckt wird, eine holländische Faktorei, Neu-Amsterdam, gegründet. 1621 wurde in den Niederlanden
1) Warden, Description of the U. S. I. 519.
II. Geschichtlicher Ueberblick. 59
die Westindische Handelsgesellschaft errichtet, welcher unter anderem auch die Colonisation des Striches zwischen Cap Cod und der Delaware- Mündung tibertragen wurde, desselben Striches, der von 1628 an den Namen Nieuw Nederland führte. Die Verwaltung dieser Niederlassung wurde anfangs ohne Vertretung der Colonisten durch einen Director und einen Rath besorgt, welche die richterliche sowohl als die gesetzgebende Gewalt in sich vereinigten. Die für jede beginnende Niederlassung so wichtige Art der Grund- und Bodenvertheilung war in dieser eine dem Wachsthum der bürgerlichen Freiheit wenig günstige. Einige grosse Be- sitzer eigneten kleine Fürstenthümer, deren Grund sie zertheiltcn und an Pächter abgaben. Diese Besitzverhältnisse sind bis auf den heutigen Tag in verschiedenen Theilen des Staates New York noch zu erkennen. Die bürgerliche Freiheit, welche ein Rechtsbrief von 1629 verlieh, kam unter diesen Verhältnissen nur Wenigen zu Gute. 1652 erhielt Nieuw Amsterdam den Freibrief einer niederländischen Stadt, d. h. seine Bürger genossen gewisse Privilegien, besonders wirthschaftlicher Natur, während die Selbstregierung kaum der Form nach bestand. Die Religionsfreiheit war indessen die einzige, die in dieser Colonie mit Bewusstsein geübt ward. Ihr ist es neben der glücklichen Lage zuzuschreiben, wenn der früher sehr vorwiegend niederländische Charakter dieser Colonie immer mehr durch fremde Einwanderung zurückgedrängt ward. Für religiös Verfolgte irgend welcher Art war das duldsame Nieuw Nederland die allgemeine Zufluchtsstätte. Auch viele Puritaner siedelten, durch die Frucht- barkeit des Küstenstriches angezogen, sich hier an, so dass die Gesetze schon bald in niederländischer und englischer Sprache verfasst werden mussten. Die merkwürdig bunt gemischte Bevölkerung, vielseitiger, lebhafter, veränderlicher als ihre puritanischen Nachbarn, gab dieser Niederlassung einen besonderen Charakter, den sie auch späterhin nie verleugnete und der ihr wahrscheinlich nützlich wurde in der Weltbewerbung, in welche sie späterhin mit anderen Küstenplätzen um die Welthandelsstellung ein- treten musste. 1664 wurde Nieuw Amsterdam von einer englischen Flotte genommen und ward als New York den englischen Colonien angegliedert. 1632 gab Karl I. dem Lord Baltimore einen Rechtsbrief für einen Strich an der Chesapeake Bay und an der Susquehanna-Mündung. Das heutige Maryland und Delaware und ein Theil von Pennsylvanien waren in demselben begriffen. Der Name Maryland wurde dieser Colonie bei- gelegt. Bei nur nominellem Tribut an die Krone England wäre der Lord unbeschränkter Herr in seinem Lande gewesen, wenn nicht, wahrscheinlich auf seinen eigenen Antrag, den Colonisten, die seine Provinz besiedeln sollten, ein Antheil an der Gesetzgebung schon im Rechtsbrief vorbehalten und gleichfalls in demselben schon Erhebung von Steuern ohne ihre Ein- willigung verboten worden wäre. Mit dieser Schenkung begann Lord Baltimore das Werk der Coloniengründung in einem umsichtigen und
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vorausschauenden Geiste. Den aus England vertriebenen Katholiken sollte dieselbe in erster Linie eine neue Heimat gewähren, aber sie wurde im Geiste religiöser Freiheit verwaltet. Die Gesetzgebung von Maryland sprach in einem Act concerning Religion 1649 zuerst in der Neuen Welt den Grundsatz der Religionsfreiheit mit bewusster Deutlichkeit aus. In anderer Richtung zeichnete Lord Baltimore die Grundzüge einer neuen Auffassung von Rechtsverhältnissen in seinem Verhalten gegenüber den Lidianern, welchen von Anfang mit Schonung und Redlichkeit begegnet wurde. Es wurde dies ebenso edle als nützliche Princip zuerst 1633 bei der Gründung von Ste. Marie angewandt. William Penn folgte auf dieser Bahn bei der Gründung seiner pennsylvanischcn Colonien. Es ist be- merkenswerth, dass Maryland gleichzeitig die einzige unter den englischen Colonien in Nord-Amerika war, deren innere Verwaltung sich in monarchi- schen Formen bewegte. Dieselben wurden aus dem Eigenthumsrechte der Lords an dem Grund und Boden derselben hergeleitet. Es prägt sich das System der Coloniengründung durch Schenkung deutlich in derselben aus. Das Gebiet der heutigen Staaten New Jersey nebst Theilen von Delaware und Pennsylvania war von Karl IL sammt demjenigen von Nieuw Nederland an denselben Herzog von York gegeben, von welchem später New York seinen Namen erhielt. Der letztere trat diese Schenkung an die Lords Berkeley und Carteret ab und diesem zu Ehren, der früher Governor der Insel Jersey gewesen, wurde der auf dem rechten Hudson- Ufer gelegene Theil des Gebietes New Jersey genannt. Dasselbe war schon früher von Engländern, Niederländern und Schweden bevölkert und nahm, nachdem es als Colonie abgegrenzt worden, durch starke Ein- wanderung aus New York rasch an Bevölkerung zu. Am Ufer des Delaware war eine schwedische Colonie schon gegründet worden. Sie war vom Kanzler Oxenstierna herübergesandt, welcher auf diese Weise einen der grossen Pläne Gustav Adolfs zu verwirklichen suchte. Aber sich selbst überlassen, wurde sie 1655 von den Niederländern in Besitz genommen und fiel zusammen mit ihren Niederlassungen am Hudson 9 Jahre später den Engländern zu. New Jersey blieb auch jetzt eine Provinz für sich, wurde aber 1676 in zwei Gebiete getheilt, ein östliches, das heutige New Jersey, und ein westliches, wesentlich das heutige Pennsylvanien um- fassend. Die beiden erfuhren sehr verschiedene Schicksale. Jenes wurde von Jacob IL 1683 mit New York und Neu-England zu einer königlichen Provinz vereinigt und, nachdem die Revolution von 1688 ihm seine Selb- ständigkeit wiedergegeben, 1702 von seinen Eigenthümern an die Krone abgetreten. Von da an bis zur Revolution blieb dann New Jersey eine königliche Provinz unter der Verwaltung eines Governors und eines könig- lichen Rathes. Dieser Stellung ist es jedenfalls zum Theil zuzuschreiben, wenn New Jersey in dem Unabhängigkeitskrieg mit am thätigsten und entschlossensten auftrat. Seine Bevölkerung bestand zum grössten Theile
n. Geschichtlicher üeberblick. 61
aus Puritanern und Quäkern. Der westliche" Theil des alten New Jersey war von Lord Berkeley an die Quäker für 1000 Pf. St. verkauft worden. Auch diese Religionsgesellschaft suchte in Amerika einen ge- schützten Boden für die freie Uebung ihres Glaubens und sie fand ihn in dem grossen und fruchtbaren vom Delaware und Susquehanna bewässerten Gebiete, das zwischen der neuen Provinz New Jersey und Maryland gelegen war. 1681 wurde die Uebertragungsurkunde ausgestellt, welche William Penn, als dem Vertreter einer Gesellschaft von Quäkern, Pennsylvanien, wie diese Colonie nach dem Vater Penn's, einem verdienten Admiral, ge- nannt wurde, übertrug. Seine Leistung an den König bestand wie üblich in einem nominellen Tribut, in diesem Falle in jährlich zwei Biberfellen. Die Urkunde bestimmte gleich der von Maryland neben den Rechten des Eigenthüniers auch die der Gesetzgebung, welche durch Wahl aus den Colonisten hervorgehen sollte. Abweichend von früheren Rechtsbriefen war aber in diesem der Satz, welcher dem englischen Parlamente das Recht zur Besteuerung der Colonie zuerkannte. Bei den späteren Streitig- keiten zwischen dem Mutterlande und den Colonien ist derselbe oft wieder hervorgesucht worden. Aber er fehlte in allen früheren Rechtsbriefen und die älteren Colonien erkannten in Folge davon dieses Recht niemals an. 1G82 kam Penn in Pennsylvania an, um selbst Hand an sein Iwly cxperiment zu legen. Eine der denkwürdigsten Thaten, mit denen er begann, war sein Vertrag mit den Delawares unter der berühmten Ulme von Shakamaxon, jener Vertrag, von dem Voltaire gesagt hat, dass er „der einzige Vertrag zwischen diesen Völkern und den Christen, der nicht beschworen, aber auch nicht gebrochen wurde". Er entschädigte die Indianer für das Land, das sie ihm abtraten, und that, was wichtiger war, alles, um seinen Colonisten die menschliche Behandlung ihrer rothen Mitbürger ans Herz zu legen. Er selbst bethätigte in hundert Fällen sein Wort, sie vollkommen als seinesgleichen zu betrachten und zu behandeln. Penn- sylvanien hat in langdauerndem Frieden die Früchte dieser milden und gerechten Politik geerntet, während andere Colonien fast beständig von Indianerkriegen heimgesucht waren. Dass in der Verfassung, welche Penn sogleich nach seiner Ankunft durch die versammelten Vertreter der Colonisten votiren Hess, die religiöse Freiheit in erster Linie steht als „ein natürliches Recht, welches allen Menschen gehört", ist zwar bei Quäkern nicht erstaunlich, zeugt aber doch von den Fortschritten, zu denen der Geist dieser Menschen sich ermuntert fühlte, unter den zu Neuerungen auffordernden Einflüssen der freien, weit offenen Bahn, die sie in ihrem neuen Lande vor sich sahen. Von dieser Auffassung bis zur Erklärung der Menschenrechte in der Unabhängigkeitserklärung der V. St. ist es nicht mehr weit. Auch in der politischen Einrichtung ging Pennsylvanien unter Penn's Leitung über das bisher Uebliche weit hinaus. Man schaffte das Recht der Primogenitur und den Schwur ab, gab das Wahlrecht und
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die Wählbarkeit zu Staatsämtern allen Steuerzahlern ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntniss. Pennsylvanien war von Anfang an die am demokratischsten regierte von allen Colonien. Es hatte ausser der Volks- vertretung UrVersammlungen, in denen das gesammte Volk seine Ansicht zur Geltung bringen konnte. Kein Wunder, dass nach diesem Asyl der Gerechtigkeit und Freiheit, welchem gleichzeitig grosse natürliche Vorzüge in Lage, Boden u. s. f. verliehen waren, die Einwanderung in ungewöhn- licher Stärke sich ergoss. Das protestantische Deutschland in erster Linie, daneben England, Schottland und Irland sandten ihre Auswanderer- schaaren, welche Pennsylvanien bald zu der volkreichsten unter den nörd- lichen Colonien machten. Man sagt, dass Philadelphia 3 Jahre nach seiner Gründung schon das 60 Jahre ältere New York überholt habe, und jedenfalls war es schon in dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts die volkreichste Stadt im eigentlichen Nord-Amerika. Die Entwickelung Penn- sylvaniens, auf breiter politischer Grundlage, frei von religiösen Streitig- keiten und Indianerkriegen, war bis zum Unabhängigkeitskriege eine der ruhigsten und glücklichsten, die man in den Colonien findet. Den deutschen Colonisten fällt ein grosser Theil des Verdienstes dafür zu.
Im Gebiet der heutigen Südstaaten war Virginien die erste dauernde Niederlassung von englischer Seite. Die Spanier und Franzosen hatten zwar an den noch weiter südlich davon gelegenen Küsten von Carolina und Florida Colonien gegründet, aber die französischen waren nicht ge- diehen und die spanischen blieben auf Florida beschränkt. Erst 1663 wurde von englischer Seite durch Schenkung des südlich vom 36. Breitegrad belegenen Landes an einige mächtige Freunde Karl's IL der Anfang zur Ausdehnung der Colonisation auch nach dieser Seite gemacht. Der Rechts- brief war ähnlich dem von Maryland beschaffen; es fehlte darin weder die Vorschrift, dass die Colonisten oder ihre Vertreter zur Erlassung von Gesetzen herbeizuziehen seien, noch die Verleihung des Rechts, gegen Dissidenten Duldung zu üben und über die Irrlehren der Nonconformisten wegzusehen. Die Lord-Froprietors, 8 an der Zahl, nahmen auch hier die Stellung von Halbsouveränen ein, sie schuldeten der Krone Gehorsam, waren aber mit dem Recht der Kriegführung, der Einsetzung von Beamten, Auflegung von Steuern u. s. f. bekleidet. Die Keime dieser neuen Colonien zauderten nicht, sich zu bilden. Einige aus politischen Gründen aus Virginien Vertriebene hatten schon früher am Albemarle-Sund eine Nieder- lassung gegründet. Sie wurde der Krystallisationspunkt für Nord- Carolina. Wenig später waren Pflanzer von Barbadoes sammt ihren Sklaven am Cap Fear gelandet und hatten begonnen, Pflanzungen anzu- legen. Ihre Gründung wuchs sich später zu Süd-Carolina aus. Diese Niederlassungen hatten sich bereits gefestigt, als die Besitzer, deren Schenkung 1665 ohne Rücksicht auf spanische und französische Besitz- rechte auf alles Land zwischen 36 und 38 " n. Br. und zwischen dem
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atlantischen und pacifischen Meere ausgedehnt worden war, an Besiedelung und Organisation derselben gingen. Sie hatten gründliche Absichten. Von ihnen aufgefordert, entwarf Locke, der Philosoph, eine Verfassung, die auf aristokratischen und zugleich liberalen Grundsätzen ruhend, die glück- liche Entwickelung der Colonie zu sichern berufen war. Dieselbe hat leider nie Gelegenheit gehabt, die Frage zu entscheiden, ob es einem Philosophen gegeben sein kann, auf rein theoretischem Wege die Formen zu finden , in denen eine ihm unbekannte und unter unbekannten Be- dingungen lebende Gesellschaft ihre Befriedigung zu finden vermag. Die Ansiedler, welche den Boden im Schweiss ihres Angesichts urbar gemacht und nach ihrer Meinung damit ein gewisses Recht auf denselben er- worben hatten, wollten nichts wissen von einer künstlichen Regierung und von verwickelten Besitz- und Steuerverhältnissen , von einer Aristo- kratie, in der für sie keine Stelle war, und einem Landgrafen, der ihnen unmöglich schien unter den Zuständen, in denen sie lebten. Nach 23 Jahre hindurch dauernden Kämpfen Hessen sich die Eigenthümer herbei, die Verfassung förmlich zu beseitigen, die niemals in ungestörte Wirk- samkeit getreten war. Auch später Hessen religiöse Zwistigkeiten diese Colonie und ihre Lord-Proprictors nicht zu voHer Eintracht gelangen. Die ersteren wurden in dem Bestreben ihre Herren los zu werden mit der Zeit von der Krone unterstützt, die es in ihrem Interesse fand , die Co- lonien unmittelbar durch königliche Governors zu regieren. 1728 über- gaben die Eigenthümer ihre Rechte an die Krone, theils durch Verkauf, theils durch Abtretung; Carolina wurde damit königHche Provinz und erfuhr 1732 die Theilung in Nord- und Süd-Carolina, welche seitdem bestanden hat.
Die jüngste der Colonien, Georgia, bietet das einzige Beispiel einer Gründung unmittelbar durch die Regierung. Sie ist auch die einzige, welche von vornherein zu Wohlthätigkeitszwecken gegründet ward. James Edward Oglethorpe, ein Philantrop, fasste den Gedanken eine Colonie zu gründen für Arme, Schuldgefangene und um ihrer Religion willen Verfolgte. Er fand schon 1732 so weit Gehör, dass das Land zwischen dem Savannah- und dem Alabama-Fluss als eigene Provinz unter dem Namen Georgia abgegrenzt wurde. Die Regierung der hier zu gründenden Colonie wurde für 21 Jahre einer Gesellschaft von wohlthätigen Menschen übertragen, die durch eine besondere Klausel im Vertrag jede Landzuweisung oder sonstigen Vortheil ablehnten. Dieser Gesellschaft stand das Recht zu, 19 von den 34 Räthen zu ernennen, welche die ausführende Gewalt bilden sollten, während 15 schon in dem Rechtsbrief aufgeführt waren. Die Einwanderer sollten je 50 Acres Land für nominellen Zins erhalten, grosse Land- schenkungen sollten vermieden werden. Die Sklaverei war verboten und ebenso der Branntwein. Es sollte sogar, um die Branntweineinfuhr hintan- zuhalten, kein Handel mit den Antillen getrieben werden. Unter so
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günstigen Bedingungen floss die Einwanderung der Mustercolonie rasch zu. Ausser Engländern waren es besonders Salzburger und mährische
^ Brüder (unter Zinzendorf), welche hier Zuflucht suchten. Aber die Schranken, welche die menschenfreundliche Vorsicht der Gründer aufgerichtet, wurden durchbrochen, sobald die Bevölkerung sich mit den neuen Bedingungen ihrer Existenz vertraut gemacht hatte. Die überall in der Nachbarschaft eingeführte Sklaverei konnte nicht verboten bleiben, sobald das Bedürfniss nach eingreifenderer Ausbeutung des Bodens sich geltend machte. Der Handel mit Westindien musste gestattet werden, da keine von den Colonien günstiger für denselben gelegen war. Zur Aufrechterhaltung des Brannt- weinverbotes reichten die der Regierung zur Verfügung stehenden Kräfte nicht aus. Die aus einer alten Gesellschaft herübergenommene Bestim- mung, dass nur im Mannesstamm vererbt werden sollte, konnte in diesen erst werdenden Verhältnissen ebenfalls keinen Anklang finden. Das Re- sultat aller dieser Einschränkungen war das Zurückbleiben der Colonie Georgia hinter allen anderen, trotz der Opfer, die das Mutterland für sie gebracht hatte.
II. Ueberblickt man zusammenfassend die Geschichte der Gründung und ersten Entwickelung der 13 britischen Colonien, welche im Voran- gehenden aufgezählt sind, so fällt zunächst die Qualität der Ein- wander er ins Auge. Fast überall sind es mit religiösen oder politischen Bedrückungen zusammenhängende Gründe, welche die nach diesen Ge- staden auswandernden Europäer dazu führten, ihre Heimat zu verlassen. Unter ihnen waren gewiss auch zahlreiche Arme, die bloss kamen, um der Noth zu entgehen, welche in der weniger nahrhaften Heimat sie ereilt haben würde, und Glück- und Abenteuersucher, welche die Lust am Wechsel oder der Durst nach rasch zu gewinnendem Reichthum her- beiführte. Aber im Gegensatz zu fast allen anderen Colonien, von denen
yman Kunde hat, überwogen die letzteren Elemente hier nicht, sondern traten entschieden zurück hinter jenen, welche von edleren Motiven ge- trieben sich hier zusammenfanden. Es war weder so vorwiegend Schaum, noch so sehr Hefe, was zwischen 1620 und 82 die europäischen Gestade verliess, um in der damals noch bis zum Schrecken unbekannten Neuen We-lt eine neue Heimat zu suchen. Gerade die gesunden, arbeitsgewohnten mittleren Stände waren sehr stark in diesen Schaaren vertreten und mit ihnen materieller und geistiger Besitz, Arbeitsgewohnheit und prak- . tische Kenntnisse. Die für eine erst werdende Gesellschaft nothwendigste Schicht, die mittlere, war hier von vornherein vorhanden, während andere Colonien Jahrhunderte sich um die Schaffung derselben bemühten und aus Mangel derselben ebensolang unfertig und social ungesund geblieben. Die Zeit der Coloniengründungen, welche, wenn das ausnahms- weise verspätete Georgia ausser Betracht gelassen wird, zwischen 1620 und 82 fällt, ist aus zwei Gründen von Wichtigkeit. Es war für England,
II. Geschichtlicher Ueberblick. 65
die Heimat der weitaus grössten Mehrzahl der Einwanderer, die politisch lebhafteste Zeit, welche es je erlebt hatte. Die Einwanderer brachten die politische Erregtheit ihres Vaterlandes in die neue Heimat mit und gleichzeitig aber auch eine Aufmerksamkeit auf politische Dinge und eine Fähigkeit, dieselben zu behandeln, welche hervorragend sind. Man ist nicht erstaunt, wenn man unter diesen Umständen das politische Leben der jungen Ansiedelungen sich mit einer sicheren Zweckbewusstheit ent- wickeln sieht, welche am wenigsten diesem Gährungsstadium einer jungen Gesellschaft eigen zu sein pflegt. Auf der anderen Seite half dieser selbe bewegte Zeitcharakter jedenfalls dazu mit, die ersten Jahrzehnte der Entwickelung dieser Colonien für das Mutterland in ein Dunkel zu hüllen, welches in einer ruhigeren Zeit nicht in demselben Masse vorhanden gewesen wäre. Freilich ist dabei nicht zu übersehen, dass die Zahl der Auswanderer von Anfang an nicht sehr bedeutend, dass weder die Natur noch die Bevölkerung Nord-Amerikas geeignet waren, die Aufmerksamkeit von Leuten zu fesseln, die den Massstab von Peru, Mexico oder den Molukken an den Colonialbesitz legten, und endlich dass die Entfernung zwischen Mutterland und Colonien damals mindestens das 5 — 6 fache von der heutigen war. Das alles wirkte darauf hin, die Wichtigkeit des nordamerikanischen Colonialbesitzes in den Augen auch selbst leitender Männer des Mutterlandes zu verringern. Man kann sagen, dass der grosse Werth desselben erst nach dem Verlust der Colonien in Folge des Unabhängigkeitskrieges klar erkannt wurde. Bis dahin wurde Nord- Amerika fast überall unterschätzt. Mit jenen beiden grossen und folgenreichen Thatsachen hängt innig zusammen die Selbständigkeit und Eigen- thümlichkeit der Colonien. Dieselbe wäre nicht möglich gewesen, wenn man von vornherein ein grösseres Gewicht auf die Colonien gelegt hätte. Aber indem man sie sich selbst überliess, gestaltete sich jede einzelne frei nach den Ideen ihrer Führer und nach den politischen Fähigkeiten und Wünschen der Männer, die sie ausmachten. Ohne ein grosses Mass von politischer Einsicht und Uebung wäre diese selbständige Entwickelung nicht zu Stande gekommen. Aber so ist es eine der bemerkens- werthesten Thatsachen in der Geschichte der britischen Colonien in Nord- Amerika, dass sie von ihrer Gründung an fast ganz frei geblieben sind von den inneren Zwistigkeiten, die sonst regelmässig wie Entwickelungskrankheiten des Jugendalters aufzutreten pflegen. Erst auf einer viel höheren Stufe ihrer politischen und wirthschaftlichen Entwickelung sollten auch sie unter das Gesetz fallen, welches eine kampflose Entwickelung den Völkern nicht gestattet. Ebenso ist es bezeichnend für das grosse Mass von politischer Thatkraft, die in ihnen aufgehäuft war, dass sie alle sich in der Richtung entwickelten, welche vor allem ein erhebliches Mass von politischen Pflichten den Einzelnen auferlegte und in welcher man auch nur mit
ßatzel, Amerika Tl. r^
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einem grossen Aufwand von politischen Fähigkeiten weiter gehen konnte. Sie führten den Grundsatz der Selbstverwaltung, welchen sie aus dem Mutterlande mitbrachten, in breiterer Weise durch, als dort hergebracht war. Der Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetze, wenn auch durch gewisse religiöse Unduldsamkeiten in einzelnen Colonien verdunkelt, musste unter politisch denkenden Menschen zu entschiedenster Geltung kommen, sobald dieselben unter den Verhältnissen lebten, die in den Colonien herrschten. Es ist ferner bemerkenswerth , mit welcher Entschiedenheit die für aristokratisch gehaltenen Bevorrechtungen der Eigenthümer be- stritten und aristokratische Regierungssysteme zurückgewiesen wurden. Die Demokratie war der naturgemässe Typus für Staat und Gesellschaft in diesen Colonien, wo so ziemlich alle Bürger von gleicher Grundlage ausgingen, d. h. mit wenig Kapital, aber mit genug Fleiss und Sparsamkeit begannen, und ebenso auch Alle die gleiche Aussicht auf Begründung eines massigen "Wohlstandes hatten. Grundbesitz konnte nicht als ein Anlass betrachtet werden, einem Manne grösseres Gewicht beizulegen, denn Baronien und Grafschaften standen im Urwald Jedem frei, der sich die Mühe nehmen wollte, sie abzustecken und durch Urbarmachung sein Recht auf sie zu sichern. Ansammlung von Geld war nur in geringem Masse möglich, denn die Erzeugnisse der Colonien fanden in Europa zu- nächst nur einen beschränkten Markt, da sie hier ja ebenfalls erzeugt werden konnten, und der später so gewinnbringende westindische Handel entfaltete sich im 17. Jahrhundert nur langsam. Kurzum, die Entwickelung der Colonien in Nord- Amerika, welche später zu dem Bunde der V. St. sich zusammenschliessen sollten, war im ersten Jahrhundert ihres Be- y Standes bürgerliche und wirthschaftliche Gleichheit auf Grund gleicher Einfachheit des Lebens und gleicher Nothwendigkeit der Arbeit. Die einzige Durchbrechung dieser Regel war die Sklaverei, welche ur- sprünglich allen Colonien gemein, aber nur in denen des Südens bis herauf nach Maryland und Delaware von grösserer wirthschaftlicher Be- deutung geworden war. Der Anbau des Tabaks, des Indigos und des Reises wurde hier in steigendem Masse den Negersklaven aufgebürdet, welche zuerst 1620 aus West-Indien nach Virginien eingeführt worden und deren Zahl sich 30 Jahre später in Virginien bereits auf Vso der weissen Bevölkerung gesteigert hatte. Aber es war der grossen Entwickelung der wirthschaftlichen Interessen vorbehalten, welche nach der Beendigung des Unabhängigkeitskrieges eintrat, und der fast gleichzeitigen Klärung der Ansichten über die moralische Verwerflichkeit der Sklaverei, aus einem Unterschied der Wirthschaftsweise einen immer tiefer gehenden Unter- schied fast aller Interessen und Anschauungen zu entwickeln.
III. Die stille Entwickelung dieser Ansiedelungen, auf deren vor- wiegend dem wirthschaftlichen Gebiete angehörige Hauptpunkte in den betreifenden Abschnitten des Folgenden zurückzukommen sein wird, war
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bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts nur von Indianerkriegen unterbrochen worden. Einzehie Besitzwechsel zwischen den Mächten, die sich an der atlantischen Küste Nord- Amerikas festgesetzt, hatten sich in fast geräusch- loser Weise vollzogen und von allen war endlich nur Frankreich mit einem Besitze übrig geblieben, der den der Engländer an Ausdehnung übertraf, wenn er auch an glücklicher Lage und politisch und wirth- schaftlich selbständiger Entwickelung weit hinter ihm zurückstand. Seit die Franzosen sich 1G08 in Canada und 1699 am unteren Missis- sippi dauernd festgesetzt, waren ihre Ansiedelungen langsam, aber nach wohl ausgedachtem Plane im N. und W. der englischen weiter gewachsen und hatten im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts einen Inlandgürtel um dieselben geschlossen, der zwar noch dünn war, aber die Gefahr der Abschliessung der letzteren von dem Inneren des Continents unverkennbar in sich barg. Zwar hatte Frankreich schon im Frieden von Utrecht (1713) die heutigen Gebiete von Neu-Braunschweig , Neu-Schottland und einige Inseln im Mündungsgolf des S. Lorenz an England abtreten müssen, aber seine Macht in diesem Erdtheile blieb gefährlich, und das um so mehr, je schwankender und unberechenbarer die Neigungen der noch immer mächtigen Indianerstämme waren, bei denen die Franzosen mit ihrer Glattheit und Feinheit mehr Aussicht auf wirksame Bundesgenossenschaften zu haben schienen als die Engländer. Es war natürlich, dass die beiden Mächte hier ebensowenig wie in Indien ruhig sich neben einander aus- breiten konnten. Es liegt in der Natur der Ansiedelungen in solchen weiten Gebieten, dass sie zu wachsen streben, und dieses Wachsthum musste eines Tages zum Zusammenstoss führen. Da dritte Mächte, die den Stüss mildern konnten, hier nicht vorhanden waren, musste er nur um so bälder und heftiger eintreten.
Man hat mit Recht gesagt, dass nicht zwei Staaten oder zwei Co- lonien allein, sondern zwei Völker und zwei Principien, deren Träger jene sind, mit einer gewissen Nothwendigkeit hier in den Urwäldern aufein- anderplatzten. England, die Tochter der Reformation und Revolution, „die dem freien Gewissen die freie That zugesellte und die Selbstbestim- mung des Einzelnen nicht bloss auf geistigem, sondern auch auf politi- schem Gebiete in Handlungen und Schöpfungen ausprägte, und das neue Frankreich, das Kind des Katholicismus und Feudalismus, welches die in dem Mutterlande so vortrefflich bewährten Netze weltlicher und geistiger Polizei auch über die neue Welt spannen zu können wähnte. Der blendende Glanz der äusseren Stellung war auf Seiten der Franzosen. Ihre kühnen Generale, weitsichtigen Politiker und unermüdlichen Priester, welche den Staat Ludwig XIV. nach Amerika zu verpflanzen bemüht waren, hatten allerdings ein ausgedehntes Reich gegründet, welches den Lorenz -Strom mit den Grossen Seen und dem Mississippi verbinden und
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diesen entlang bis zum mexikanischen Golf fortlaufend, die englischen Niederlassungen auf den schmalen atlantischen Küstensaum beschränken sollte. Aber so gut für die Spitzen dieses weiten Reiches gesorgt war, so zählte es doch nur wenige Hunderte von Händlern, Geistlichen und Soldaten, so fehlte es ihm an einem arbeitsamen und thätigen Volke. Die englischen Ansiedler dagegen, welche kaum beachtet und ganz un- scheinbar von der Küste aus allmählich ins Innere vordrangen, waren ein nüchtern fleissiges , kräftiges, sich selbst vertrauendes Geschlecht, und befestigten mit jedem Axtschlag, den sie führten, mit jeder Furche, die sie zogen, ihren mühsam errungenen Besitz. Sie standen nicht unter der Leitung von vornehmen Herren, sie verlachten den äusseren Pomp und Schimmer und verliessen sich auf ihre tapferen Herzen, ihre kräftigen Fäuste und Arme. So erwiesen sich denn diese selbstdenkenden und sich selbst bestimmenden englischen Männer schliesslich stärker als die von Priestern und Officieren geleitete denk- und arbeitsfaule französische Heerde, und so siegten in der neuen Welt Protestantismus, Demokratie und Pflugschaar über Katholicismus, Feudalismus und Schwert" ').
Den nächsten Anlass zum Entscheidungskampfe boten Grenzstreitig- keiten. Die täglich weiter nach Westen vorrückenden englischen Colonisten waren bereits bis in die Nähe des Ohio gelangt, dessen Gebiet die Fran- zosen ebensowohl als die Engländer sich zusprachen. Als England 1749 der sog. Ohio-Compagnie 600000 Acres Land im Ohio-Thale verlieh, ver- wehrten ihr die Franzosen die Besitzergreifung. Es entstanden Feind- seligkeiten, in welche zunächst die Colonien hineingezogen wurden. G. Washington verrichtete in diesen Kämpfen seine ersten Ruhmes- thaten. 1755 wurde von den Engländern Fort Duquesne (Pittsburg) genommen. 1759 schlug Wolfe die Franzosen unter Montcalme bei Quebek, und diese Stadt fiel im darauffolgenden Jahre in die Hände der Engländer. Der Friede von Paris, welcher 1763 geschlossen wurde, wies England die französischen Besitzungen östlich des Mississippi mit winzigen Ausnahmen zu und schloss damit die Franzosen thatsächlich von Nord- Amerika aus. Ohne Zweifel war diese Thatsache eine der ent- scheidendsten in der nordamerikanischen Geschichte. Es war den Fran- zosen von jetzt an nicht mehr ermöglicht, festen Fuss in diesem Erdtheil zu fassen, und damit war der dortige englische Besitzstand zum ersten Mal vollständig sichergestellt, denn von Spanien, das nur an den äussersten Enden, in Florida, Texas, Neu-Mexico und Californien und seit 1762 in Louisiana, dünnbevölkerte Besitzungen innehatte, war schon damals wenig zu fürchten. Für die innere Entwickelung der bisherigen Colonien hatte dies vorzüglich zweierlei Folgen. Einmal ward von den Colonien ein Druck genommen, der bisher ihr Aufstreben gehemmt hatte; mit der
1) F. Kapp, Aus und über Amerika I. 5.
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Furcht vor gelegentlichen Uebergriffen der Indianer und Franzosen schwand auch ein grosser Tlieil der Unsicherheit, welcher auf den Unternehmungen der jungen Colonien fast immer lastet und welche einer agressiven Macht wie Frankreich gegenüber in diesem Falle doppelt begründet gewesen war. Ausserdem aber zeigte dieser Krieg den Colonien zum ersten Mal die Kraft, deren sie durch Zusammenfassung fähig waren. Ihre Milizen nahmen an mehreren hervorragenden Aktionen desselben rühmlichen An- theil, einige ihrer Führer zeigten militärische Talente und die Colonisten sahen in der Hülfe, die sie der Regierung gewährten, die erste glückliche Bethätigung auf einem grösseren Gebiete als denjenigen, auf welche sie sich bisher beschränkt hatten. Während ihre äussere Sicherheit wuchs, nahm auch ihr Gefühl der Sicherheit, Selbständig- keit und Zusammengehörigkeit im Inneren zu. Diese ein- greifende Veränderung erklärt zum Theil die Entschiedenheit, mit der sie in dem darauffolgenden Jahrzehnt von Neuem in den schon früher auf- genommenen Kampf gegen die Regierung des Mutterlandes eintraten und mit der endlich sogar zum Bruch mit demselben geschritten ward.
IV. Grossbritannien hatte seinen Colonien immer viel mehr politische als wirth schaftliche Freiheit zugestanden. Es überliess sie in Verfassungs- und Verwaltungsfragen sich selbst, während in Fragen des Handels und Verkehres eifrig auf den Vortheil gesehen ward, den das Mutterland vollstes Recht zu haben glaubte aus seinen Colonien ziehen zu dürfen. Aber diese beiden Arten von Freiheit bedingen sich gegenseitig. Man kann nicht gleichzeitig politisch frei und wirthschaftlich abhängig sein und für junge Colonien ist jene Freiheit grossentheils leichter zu entbehren als diese. Den Anlass Eur Zer- reissung des Bandes zwischen beiden gaben denn in der That aus- schliesslich Zwistigkeiten über wirthschaftliche Fragen. Es ist hervor- zuheben, dass hier zum ersten Mal die in der Geschichte der V. St. mit gesetzlicher Strenge wiederkehrende Erscheinung des Uebergewichtes der wirthschaftlichen Fragen über alle anderen hervortritt. Man kann dieses Uebergewicht voraussehen in einem Staate oder einer Staaten- vereinigung, wie dieser, deren Bevölkerung sich fast ausschliesslich zusammensetzt aus Menschen, die auf dem Wege sind durch Erwerb von Gütern, die sie sich zu erarbeiten haben, erst die Grundlage für den Wohlstand zu legen. In älteren Gesellschaften ist derselbe in einer grösseren Anzahl von Familien als befestigter Besitz lange vor- handen und entbindet zahlreiche Bürger von der drängenden Pflicht für ihres Leibes Nahrung und Nothdurft zu arbeiten. Durch diese Colonien ging aber ein Zug wirthschaftlichen Neuschaffens und Aufstrebens, der ihr ganzes übriges Leben färbte, und nur die Religion theilte sich mit der Arbeit des Erwerbes in die Interessen der Colonen. Nirgends mussten Hemmnisse der Erzeugung von Gütern und des Verkehres mit denselben
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schwerer empfunden werden als unter diesen Umständen und jeder Fort- schritt in der wirthschaftlichen Entwickelung musste dieselben drückender erscheinen lassen. Schon das. 17. Jahrhundert hatte zahlreiche Versuche gesehen, nicht bloss den Acker- und Bergbau, sondern auch die Gewerbe und den Handel der Colonien künstlich so zu lenken und zu gestalten, wie das Mutterland sie am besten brauchen konnte. In einer Zeit grosser Unsicherheit und Unselbständigkeit mochten dieselben nicht allzu un- erträglich erscheinen, aber unglücklicherweise wurden die Versuche zur Besteuerung der Colonien häufiger und die Methoden, die man bei den- selben befolgte, eingreifender und rücksichtsloser in dem Masse, als die Colonien durch die kräftige Entfaltung ihrer Hülfsquellen ergiebigere Steuerobjekte zu werden begannen und als ihre eigene Industrie zu Un- gunsten der mutterländischen sich breiter entfalten zu wollen schien. "Wenn schon im 17. Jahrhundert häufig die Meinung geäussert worden war, dass bei fortschreitender Entwickelung der nordamerikanischen Co- lonien der wirthschaftliche Nutzen derselben für das Mutterland immer geringer werden möchte, so wurde im 18. Jahrhundert die Annahme, dass man ihre industrielle Entwickelung zurückdämmen müsse, um sie nicht zu Concurrenten der heimischen Industrie werden zu lassen, zu einem politischen Dogma. Eine der ersten amtlichen Bekräftigungen desselben war der Beschluss, den das Parlament im Jahre 1719 fasste, dass durch den Fortschritt der Industrien in den Colonien die Abhängigkeit derselben zu Schaden komme. Die prak- tischen Folgerungen dieser Erklärung waren zahlreich. Als 1732 die Hutmacher Londons sich beklagten, dass die Amerikaner Hüte nach Spanien "und West-Indien ausführten, verbot das Parlament diese Ausfuhr, und zugleich ging es so weit, den intercolonialen Handel mit diesem Artikel zu untersagen und sogar die Fabrikation desselben zu beschränken. Schon damals ging man in kleinen Hinderungen, die man der wirthschaftlichen Regsamkeit der Amerikaner in den Weg stellte, viel weiter als nothwendig war. Man unterschätzte offenbar die Colonien. Wenn man z. B. den Hutmachern verbot, mehr als 2 Lehrlinge zu halten, Neger in dieses Ge- schäft einzuführen, ihr Fabrikat auf Wagen oder Pferden zu verladen, so war die schädliche Wirkung durch die Erbitterung , die man erregte, sicherlich grösser als der Nutzen, den die heimische Wirthschaft aus den- selben zog. Auch auf anderen Gebieten der Industrie suchte man dasselbe System zur Anwendung zu bringen und womöglich noch rücksichtsloser. 1750 wurde z. B. jede Verarbeitung des Eisens, die mit Pressen oder Walzen geschah, sowie die Stahlbereitung untersagt. Andere Fälle der Art werden wir bei der Betrachtung der Entwickelung der amerikanischen Industrie kennen lernen. So viel sei hier hervorgehoben, dass alle diese Einschränkungen, wie man wohl denken kann, in dem weiten, schwer zu übersehenden Lande und bei dieser Bevölkerung voll Freiheits- und
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Unabhängigkeitssinn nur sehr vereinzelt die Wirkungen erzielen konnten, welche sie sich vorsetzten. Man umging sie nicht bloss, sondern man trat ihnen selbst offen mit Organisationen entgegen, die Schutz und Förderung der colonialen Industrie auf ihre Fahnen schrieben. Nach- dem der Krieg mit den Franzosen ausgefochten und Canada gewonnen war, erneuerten sich jene Bestrebungen und dieser Widerstand in viel grösserer Schärfe des Gegensatzes. Auf beiden Seiten hatte sich noch das Gewicht der Gründe vermehrt. England hielt sich für berechtigt, nicht bloss die Colonien auf dem Wege des Waarenaustausohes auszu- beuten, sondern es glaubte nach so grossen Opfern, die es in den vorher- gehenden Franzosen- und Indianerkriegen für sie gebracht, auch zur offenen Besteuerung derselben schreiten zu dürfen. Die Colonien anderer- seits fühlten sich seit der Niederwerfung der Franzosen sicherer auf ihrem jungen Boden als je vorher. Von den französischen Nachbarn und der Drohung grosser Indianerkriege befreit, fühlten sie sich fast als die Herren des weiten Gebietes zwischen Atlantischem Meer und Mississippi. Aber gleichzeitig hatten auch diese langwierigen Kriege sie über die Ge- fahr ihrer Zersplitterung belehrt und die Anregungen zur Bildung eines Bundes, welche schon im 17. Jahrhundert von verschiedenen Seiten gegeben worden waren, fielen jetzt auf einen fruchtbaren Boden. Die neuengländischen Colonien hatten bis 1684 einen Bund mit jährlich zusammentretendem Delegirten-Congress gebildet, bei Kriegsgefahr hatten auch andere von den Colonien gemeinsame Beschlüsse gefasst, W. Penn hatte 1697 einen jährlichen Congress der Colonien behufs Regelung der Handelsverhältnisse vorgeschlagen. Die Idee der Vereinigung lag in der Luft. Es war in der That schon 1754 ein Congress der Colonien in Albany N. Y. zusammengetreten, dem der Entwurf einer Verbindung von B. Franklin vorgelegt worden. Dieser Entwurf wurde aber durch den noch in demselben Jahre ausgebrochenen Franzosen- und Indianerkrieg in den Hintergrund gedrängt. Als aber schon 1760 die Eingriffe in den Handel und Verkehr den Colonien wieder lästig wurden, liess die Wieder- belebung der Conföderationsideen nicht auf sich warten. Die Erhebung eines bisher wegen seiner Schädlichkeit bei Seite gesetzten Zuckerzolles, welcher dem bereits zu dieser Zeit sehr beträchtlichen westindischen Handel der Colonien einen schweren Stoss gab, ferner die Ausgabe von Wräs of Ässistance, welche alle Beamten der Colonie den Zollbehörden zur Verfügung stellte und die letzteren zur Untersuchung jedes ihnen verdächtigen Hauses ermächtigte, regte die Gemüther der neuengländischen Bevölkerung auf. Der Advokat James Otis wurde vor der Gerichtsbank und im Saale der Gesetzgebung der Sprecher für die Unzufriedenen. Er war eine revolutionäre Natur und seine Reden und Flugschriften haben eine tiefe Einwirkung auf die dem Geiste des Widerstandes zugänglichen Gemüther geübt. Die Timber Act (1765) und die Stamp Act (1765) ver-
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letzten noch emi^findlicher das Kecht nur mit ihrer Zustimmung besteuert zu werden, welches die Colonien für sich in Anspruch nahmen. Nicht Neu-England allein, sondern auch Virginien, die einfiussreichste unter den Colonien zu dieser Zeit, widersetzten sich. 1765 trat auf Anregung von Massachusetts in New York ein Congress der Colonien zusammen, der der Meinung der Colonien über diese Eingriffe entschiedenen Aus- druck gab. Im darauffolgenden Jahre wurde die Timhcr Act zurück- gezogen, aber dafür schon 1767 kleine Steuern auf Thce und einige andere Gegenstände gelegt. Auch diese Steuern wurden in Amerika mit Entschiedenheit verweigert. Drohungen und Schroffheiten gegen unbeug- same Legislaturen gössen Oel ins Feuer. In Neu-England machte 1768 die Ankunft britischer Soldaten, die zur Unterstützung der königlichen Beamten berufen waren, böses Blut und 1770 wurden von denselben bei einem Volksauflauf mehrere Bürger getödtet. Die Processe, welche folgten, erzeugten eine grosse Aufregung in der Bevölkerung, man erhitzte sich von beiden Seiten immer mehr und die Zurücknahme aller bisher vom Mutterlande aufgelegten Steuern mit Ausnahme der des Thees (1770) genügte nur zu oberflächlicher Beschwichtigung. Die Colonien traten von ihrer Verabredung der Non-Importaüon britischer Waaren zurück, aber in der Bevölkerung im Grossen blieb die Verstimmung am Grunde ruhen. Weitblickende Männer wie Sam. Adams sahen die Unvermeidlichkeit des Bruches schon jetzt voraus. Der Conflikt concentrirte sich jetzt auf Neu-Eng- land, wo die Gesetzgebung über ihr Recht der Besteuerung von Beamten der Krone mit dem Governor im Streit lag und die Bürger sogar ihr Versammlungsrecht bedroht sahen. Am 16. December 1773 warf eine Bande Verkleideter im Hafen von Boston den Thee ins Meer, welcher gegen den Willen der Gesetzgebung besteuert eingeführt werden sollte. Die Antwort von britischer Seite war die Boston IlarJjour Bill, welche diesen Hafen für allen Verkehr schloss, der sehr unkluge Versuch, den bisher aus Volkswahlen hervorgegangenen Rath von Massachusetts vom Könige ernennen zu lassen und einige kleinere, aufreizende Massregeln. In den Colonien aber empfand man die Schläge gegen Boston und Massachusetts als gegen die eigenen Freiheiten gerichtet und die schon 1773 von der Gesetzgebung von Virginien ergangene Aufforderung zu einem Congress der 13 Colonien fand zuerst in Massachusetts und darauf in den übrigen Colonien bereitwillige Folge. 1774 am 5. September traten die Ab- gesandten von 12 Colonien (Georgia hatte sich noch nicht angeschlossen) in Philadelphia zu einem Congress zusammen, wie sie selbst ihre Ver- einigungnannten. G.Washington, Henry, P. Randolph, die beiden Adams, J. Jay u. a. Männer, deren Namen sehr bald einen weithin- schallenden Klang erwerben sollten, waren unter ihnen. Zum Präsidenten wurde P. Randolph von Virginien gewählt. Man einigte sich darüber, dass dieser Congress sich nicht als die Vertretung des amerikanischen
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Volkes, sondern als die der einzelnen Colonien betrachte, von denen jede ihre besondere Stimme erhielt. In dem gemässigten Sinne, welcher diese Auffassung seiner eigenen Stellung bestimmte, fasste er auch seine Be- schlüsse. Er erliess eine Dedaration of EigJits, in welcher er für die Bürger der Colonien dieselben Rechte in Anspruch nahm, welche die des Mutterlandes besassen und welche durch die Auswanderung Jenen nicht verloren gegangen seien. Sie könnten und wollten nicht im Par- lamente des Mutterlandes vertreten sein, aber für alle inneren Fragen müsse ihnen die Beschlussfassung in ihren gewählten Vertretungen frei bleiben, welclie nur durch das Vetorecht der Krone eingeschränkt seien. Sie wollten dem Parlamente nicht das Recht bestreiten, den Handel so zu regeln, dass beide, das Mutterland und seine Colonien, ihre Interessen an demselben gewahrt sehen, wiesen aber jeden Gedanken an Abgaben, innere oder äussere, zurück, welche ohne ihre Einwilligung auf Bürger der Colonien zum Zweck der Besteuerung gelegt wurden. Sie leugneten das Recht der Krone, in Friedenszeiten eine Armee in einer der Colonien ohne Einwilligung von deren Gesetzgebung zu haben. Der Congress erliess noch Ansprachen an den König, die Colonien, das amerikanische Volk und das Grossbritaniens , die Bewohner der Provinz Quebek, in denen er seine Willensmeinung klar und versöhnlich kundgab, und vertagte sich dann am 20. Oktober 1774, indem er die Bevölkerung der Colonien einlud, für das Zusammentreten eines neuen im Mai des folgenden Jahres Für- sorge zu treffen.
Die Ereignisse gingen indessen in Massachusetts einen Gang, der den EntSchliessungen des Congresses weit vergriff. Statt einer Versamm- lung, die der Governor berufen, aber nicht zusammenzubringen vermocht hatte, trat in Concor d ein Provincial- Congress zusammen, der die Geschäfte in die Hand nahm, als ob er gesetzlich dazu berufen sei, und einen WoMfahrtsausschuss niedersetzte, den er mit der Ausführung seiner Beschlüsse beauftragte. Er traf zugleich Vorkehrungen zum Widerstände, warb Milizen, bestimmte Anführer für dieselben und sammelte Proviant für 12000 Mann. Als von England die Waffen- und Munitionausfuhr nach den Colonien untersagt worden war, bemächtigte sich das Volk von Rhode Island